Schicksal – Teil 4

Und weiter geht’s mit dem 4. und letzten Teil des “Schicksals” um Tommy und Florian. Dabei hatte ich doch anfangs nur eine einzelne Story schreiben wollen! Ein großes Dankeschön an alle, die um eine Fortsetzung gebeten haben – ohne euch hätte es nie drei Fortsetzungen gegeben…

Teil 4

Ein schrilles Piepsen drang an Tommys Ohr und er fuhr erschrocken hoch. Was war das denn für ein unangenehmer Ton? Hastig tastete er nach dem lärmenden Ungetüm und drückte ungefähr 1.000 Knöpfe und Schalter, bis das nervige Teil endlich Ruhe gab. Dann knipste er die Nachttischlampe an. Neben sich sah er einen verschlafenen Jungen, der sich gerade Millimeterweise an ihn heran kuschelte und dabei versuchte, die Bettdecke über den Kopf zu ziehen, um so dem Licht zu entgehen.

“Guten Morgen! Nix Decke… aufwachen!”, versuchte Tommy, ihn zu wecken.

“Hmmmmm…”, grummelte es unter der Decke hervor.

Langsam zog Tommy die Decke nach unten weg und beugte sich über Flo. Als das Ende der Decke gerade über die Nasenspitze rutschte, riss Flo plötzlich die Augen auf und zog eine fürchterliche Grimasse – Tommy zuckte zusammen.

“Mensch, bist du ein hässliches Kind!”, meinte Tommy, setzte einen gespielt angewiderten Gesichtsausdruck auf und ließ sich, wie ohnmächtig geworden, nach hinten aufs Bett fallen.

Flo richtete sich auf und kletterte, durch sein Gipsbein noch etwas unbeholfen, auf Tommy. Dort angekommen, tastete er zur Sicherheit kurz, ob Tommys edelsten Teile nicht etwa im Weg waren und setzte sich dann auf Tommy. Aus Spaß tat er noch kurz so, als würde er “reiten”, beugte sich langsam zu Tommy herunter, umarmte ihn und gab ihm einen Kuss.

“Guten Morgen mein Süßer! Hast du gut geschlafen, obwohl es so eng war?”

“Ja sicher. Neben dir schlaf’ ich doch überall gut!”

“Uii… und so was schon am frühen Morgen! Der Tag ist gerettet!”, freute sich Flo, stieg von Tommy ab und setzte sich zum Anziehen auf die Bettkante.

Tommys Augen wanderten an Florian auf und ab.

“Mann iss das ein süßer Kerl…”, flüsterte Tommy leise zu sich selbst – aber Flo hatte es sehr wohl verstanden.

“Du aber auch!”, meinte Flo, stupste Tommy mit dem Zeigefinger auf die Nase und ging ins Bad.

“Guten Morgen ihr zwei!”, meinte Heidi, als sie beide in die Küche getrottet kamen.

Tommy hatte sich inzwischen auch angezogen, um mit Flo wenigstens noch eine Tasse Kaffee zu trinken, bevor der zur Schule musste. Rainer saß im dunkelblauen Anzug da und las seine Zeitung. Als Flo und Tommy sich mit ihren Tassen an den Tisch setzten, sah er auf.

“Guten Morgen. Und? Habt ihr gut geschlafen zu zweit in dem schmalen Bett?”, wollte er wissen und sah die beiden abwechselnd fragend an.

“Ja, also ich habe gut geschlafen.”, versicherte Tommy und sah zu Flo hinüber, der das durch ein kurzes Nicken ebenfalls bestätigte.

“Warum habe ich nur nichts anderes erwartet?”, fragte Rainer lachend und faltete die Zeitung zusammen.

Es war 07:15 Uhr. Rainer stand auf, zog sich sein Jackett mit den Kapitäns-Schulterklappen an und deponierte noch eine Tupperdose in seinem Pilotenkoffer.

“Dann bis heute Abend.”, meinte er in die Runde, gab Heidi noch einen Kuss und verschwand zur Tür hinaus.

“Das muss ja auch toll sein… Pilot”, schwärmte Tommy.

“Ja, die schönen Sonnenuntergänge am Horizont, überall herum kommen und in jeder Stadt nen anderen Kerl…”, scherzte Flo und grinste Tommy frech an.

“Ja klar, aber das hab ich ja so auch schon – bis auf die Sonnenuntergänge natürlich!”, meinte Tommy trocken und setzte ein fieses Grinsen auf.

Flo sah ihn jetzt etwas ärgerlich an aber Tommy neckte weiter.

“Wenn der eine langweilig wird, dann fahre ich einfach zum Zweitmann und…”

“Jetzt hört doch mal auf, euch so aufzuziehen! Tommy! Florian! Was sollen diese Eifersüchteleien!? Findet ihr das lustig?”, fiel Heidi dazwischen, auch wenn es ja im Grunde tatsächlich nur Spaß war.

“Tschuldigung. Flo, du weißt, dass ich dich ganz dolle lieb hab, oder?”, fragte Tommy zur Sicherheit doch lieber nach.

“Klar, weiß ich doch!”, meinte Flo dazu, sah auf die Uhr und stand auf, um sich den Anorak anzuziehen.

Heidi schaute zufrieden und ging zum Fenster. Typisch für Ende November! Es goss mal wieder, wie aus Eimern. Das hatte auch Tommy gerade gesehen, als er aus dem Küchenfenster gesehen hatte.

“Du Flo? Soll ich dich in die Schule fahren bei dem Wetter?”, bot er Flo an.

“Würdest du das echt machen? Klar – gerne, wenn es dir nix aus macht!”, kam die Antwort von Flo.

Heidi lächelte nur, denn Sie wusste ja, dass Flo das Bus- und U-Bahnfahren nicht sonderlich mochte. Besonders, wenn so viel Gedränge war zu den Hauptverkehrszeiten. Tommy zog sich also auch seine Jacke an und verabschiedete sich noch von Heidi, weil er im Anschluss gleich zu sich nach Hause fahren wollte. Sie kamen gut durch den Berufsverkehr und waren pünktlich gegen 8 Uhr vor Florians Schule. Flo wollte Tommy hier natürlich keinen Kuss geben sondern legte nur seine linke Hand auf Tommys Rechte, die er auf dem Schalthebel abgestützt hatte und drückte sie kurz.

“Hab dich lieb! Ich meld mich heut Nachmittag, ja?”, meinte Flo und öffnete die Beifahrertür.

“Ja, ich freu mich schon drauf!”

Flo hinkte mit seinem Gips an den Krücken die Treppe hoch und verschwand im Schulgebäude. Tommy fuhr nach Hause und packte erst mal seine Sachen vom Wochenende aus. Nun hieß es Waschmaschine füttern und anwerfen, Post durchsehen und dann auch noch einkaufen gehen. Später setzte er sich an seinen PC und rief die vielen Emails ab. Jede Menge Werbung – für eine Jahrespackung Viagra oder 500 US-Dollar als Geschenk beim Besuch des Online-Casinos… lauter Schmarren eben! Doch halt! Ein paar Emails schienen keine Werbung zu sein.

Huhu!

Wir haben uns neulich im Chat getroffen und ich fand unsere Unterhaltung echt nett.

Ich war auf deiner Homepage und würde mich freuen, wenn du dich mal bei mir melden würdest, wo wir doch beide in München wohnen! Wenn du mal Lust auf nen Glühwein oder Kaffee hast, schreib mir einfach…

Liebe Grüße,

Martin (NitraMuc)

“Aha! Und über was haben wir geredet, weil mir das jetzt so gar nix sagt?”, dachte sich Tommy und klickte derweil auf die nächste Email, die nicht nach Werbung aussah.

Hallo mein Fönig… wir haben Frieg mit Kranfreich!

Wann fommst du mal wieder zu deiner Fönigin? Ich fann

doch nicht ohne Dich sein, mein großer Frieger! 🙂

Ach ja, und bring den Klofati vom Klohmarft mit…

Meld’ Dich mal wieder mein fleiner Hase! *Füsschen*

Deine Fönigin

(Anm. d. Autors: Der Text ist ein “Insider”)

“Da kann ja nur die Anne sein!”, sagte Tommy vor sich hin und schüttelte lächelnd den Kopf. Anne war eine gute Freundin, die er nun auch schon lange nicht mehr gesehen hatte. Eine Email war da noch und er klickte sie an und begann zu lesen.

Hallo Tommy,

ich weiß, dass es wahrscheinlich zu spät ist, aber ich wollte Dir sagen, dass ich Dich immer noch lieb habe… ja ich glaube sogar immer noch liebe! Und es tut mir ehrlich Leid, wie ich mich damals verhalten habe! Es ist zwar schon fünf Jahre her, aber es tut irgendwie gut, Dir das jetzt endlich doch noch zu schreiben. Mir geht’s nämlich nicht so besonders gut, aber das willst Du sicherlich nicht hören! Du fragst dich wahrscheinlich, woher ich Deine Email-Adresse habe, oder? Wirst lachen, ich habe sie in Deinem 1998er Kalender entdeckt, den Du mir geschenkt hattest. Zum Glück, denn nachdem ich sie damals aus meinem PC gelöscht hatte, hätte ich sonst nicht gewusst, wie ich Dich erreichen kann. Würde mich freuen, wenn Dich meine Zeilen erreichen (vielleicht hast Du aber auch eine neue Adresse und ich bekomme gleich eine Fehler-Mail vom Server)…

Bitte antworte mir kurz, auch wenn Du mir das von damals nicht verzeihen kannst oder willst – ich werde Dich dann auch in Ruhe lassen, wenn Du das willst – Danke!

Ingo

Tommy saß fassungslos da und bekam feuchte Augen. Nach gut fünf Jahren hatte sich sein Ex gemeldet und endlich gesagt, dass es ihm Leid tut!? Darauf hatte Tommy ja nur schlappe fünf Jahre warten müssen… Er war ziemlich überwältigt und klickte sofort auf “Antworten”.

Hallo Ingo!

Du glaubst mir bestimmt nicht, wenn ich Dir jetzt schreibe, dass ich auf diese ‘Entschuldigung’ über fünf Jahre gewartet, ja regelrecht gehofft habe, oder? Es freut mich wirklich sehr, dass Du Dich meldest, weil Du ja damals keine Email-Adresse mehr hattest und ich auch nicht gewusst hätte, wie oder wo ich Dich sonst erreichen kann. Aber habe ich damals nicht gesagt, dass Dir der Kalender Glück bringen soll? *gg*

Ja und Dir geht’s nicht gut oder wie? Wo wohnst Du denn jetzt überhaupt? Noch bei Schwäbisch Hall oder haste Dich woanders nieder gelassen und wieder einen netten Freund gefunden? OK, geht mich vielleicht nix an, aber als Bulle bin ich halt von Natur aus neugierig 🙂

Also ich wohne jetzt in München und habe seit 2 Wochen wieder einen Freund – übrigens den ersten Festen nach Dir! Aber das wird Dich nun nicht so sehr interessieren, oder? Also dann laß’ was hören und ich freue mich, dass wir uns wieder schreiben können – auch wenn ich Dir das von damals ehrlich gesagt noch nicht so ganz verziehen habe…

Bis denn und viele liebe Grüße,

Tommy

Na das war ja ein Ding. Tommy hatte nicht geglaubt, jemals wieder etwas von seiner ersten großen Liebe zu hören. Auch, wenn Ingo ihm damals ziemlich weh getan hatte, war wohl etwas dran, dass man die erste Liebe seines Lebens immer irgendwie lieben wird. Ingo hatte ihn ja auch nur verlassen, weil Tommy damals zur Polizei wollte und das war sowieso kein richtiger Grund gewesen – zumindest hatte Tommy es nie verstanden.

Mittlerweile war es schon nach 14 Uhr und Flo hatte sich noch nicht gemeldet. “Aber wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, dann muss eben der Reinhold Messner hin…”, dachte sich Tommy und griff zu seinem Handy.

Hallo Flo! Bist Du schon daheim? Was machst Du denn heute so? Musst Du lernen und HA machen? Melde Dich einfach, wenn Du Zeit und Lust hast, mich zu sehen! Bussi

Es dauerte nicht lange, da kam die Antwort:

Hallo Tommy! Ich bin noch bei einem Freund und mache dort HA. Hole etwas von dem Schrott nach, den ich versäumt habe. Ich melde mich später wieder – Bussi back

Tommy wunderte sich über den Eifer, den Flo an den Tag legte, wollte ihn dabei aber keinesfalls bremsen und wütete selbst in seinem Haushalt weiter. Am Abend würden sie sich ja sicher sehen und so wartete Tommy ab. Als um 18 Uhr noch keine Nachricht da war, wollte Tommy dann schon wissen, was Sache ist und schrieb Flo nochmals eine SMS.

Hallo Maus! Wie sieht’s aus? Sehen wir uns heute noch oder hast du was anderes vor? Schreib zurück oder ruf mich an, wenn Du daheim bist – Danke und ich liebe Dich!

Tommy wunderte sich, dass ewig keine Antwort kam. Er wollte schon bei Flo daheim anrufen, um Heidi zu fragen, wo er denn so lange steckt. Da bekam er eine SMS…

Hi Mausi! Wir gehen dann jetzt noch zum Mäcci rüber und ich fahre erst später heim. Heute wird’s also nix mehr denke ich. Iss des arg schlimm? Ich lieb dich auch!

Jetzt war Tommy doch etwas vor den Kopf gestoßen, weil Flo doch wusste, dass er nur noch morgen und übermorgen frei hatte und dem entsprechend ohne Probleme zu ihm fahren und sogar über Nacht hätte bleiben können. Verheimlichte Flo ihm etwas und wer war dieser Schulfreund? War der zufällig auch schwul? Tommys Bauch fing an, sich unangenehm bemerkbar zu machen – so rein gefühlsmäßig eben. Aber auf der anderen Seite mussten sie sich ja auch nicht jeden Tag sehen! Es heißt doch immer so schön, dass man sich dann umso mehr aufeinander freut, wenn man sich nicht täglich sieht! Und etwas mehr Vertrauen konnte er in Flo ruhig auch haben!

Tommy richtet sich also auf einen gemütlichen Chat-Abend ein, setzte sich an seinen PC und rief nochmals seine Emails ab. Dieses mal waren nur zwei Emails vorhanden: eine mit Werbung und eine andere – die Antwort von Ingo. Gespannt öffnete Tommy die Email.

Hi Tommy!

Mann freu ich mich, dass Du geantwortet hast! Tut mir natürlich Leid, dass Du 5 Jahre warten musstest! (Wow Schatz! Du hast wirklich ganze 5 Jahre auf mich gewartet? *fg*) Ich hätte mich gerne früher entschuldigt, wenn ich Deine Addy gehabt hätte! Und absoluter Wahnsinn, dass Du in München wohnst! Ich nämlich mittlerweile auch – na ja fast zumindest… 🙂

Ich wohne seit gut zwei Jahren in Dachau und das ist ja bei Dir um die Ecke 🙂

Hast Du Lust, Dich mit mir zu treffen? Es gäbe bestimmt viel zu erzählen! Vielleicht biste mir aber einfach noch zu beleidigt wegen damals oder Dein Freund hat was dagegen – würde ich verstehen! Melde Dich halt einfach wieder. Ich habe jeden Abend so ab 20:30 Zeit und Sonntags und Montags ganz frei. Ich arbeite übrigens in München im Einzelhandel und habe irgendwie noch keinen rechten Freundeskreis gefunden, seit ich hier wohne. Seit über zwei Jahren bin ich solo und daher geht’s mir auch nicht ganz so toll. Mich freuts aber echt, dass Du wieder nen Freund hast!

Viele liebe Grüße,

Dein Ingo

Tommy überlegte kurz – es war Montag und Ingo hatte frei. Dann entschloss er sich, Ingo zu fragen, ob er heute noch Lust auf ein Treffen hätte. Oder wäre das falsch? Flo hatte ja sowieso keine Zeit für ihn heute Abend. Sollte er es Flo erzählen und wenn ja, wie würde der wohl reagieren, wenn er sich mit seinem Ex getroffen hatte? Ach, er würde das schon verstehen. Tommy schrieb:

Hallo Ingo!

Wenn Du heute Abend noch nix vor hast, würde ich mich freuen, wenn wir uns treffen könnten. Ich wohne in der Nähe des Uni-Krankenhauses (also dem “Rechts der Isar”). Mach einen Vorschlag, wo wir uns treffen sollen. Bei mir, bei Dir oder irgendwo in der Stadt (M oder DAH – egal!). Ruf mich bitte an – meine Handynummer ist 0173/9202xxx

Gruß,

Tom

Er klickte nachdenklich auf “Senden”, weil er sich nicht sicher war, ob er das wirklich machen sollte, aber es war ja nichts dabei, seinen Ex-Freund zu treffen und mit ihm zu erzählen, oder? Schließlich hatten sie sich einmal geliebt und jeder wollte eben wissen, wie es dem anderen in den letzten fünf Jahren so ergangen war. Das ist doch wohl normal!? Es dauerte auch nicht lange, da klingelte Tommys Handy.

“Ja? Wagner?”, meldete sich Tommy. Die angezeigte Rufnummer kannte er nicht und war sich daher nicht sicher, ob es Ingo ist.

“Ja, hallo! Ich bin’s – Ingo!”, meldete sich Ingo etwas unsicher.

“Hallo! Schön, dass du dich meldest. Hast Du heute Zeit?”

“Ja, hab ich. Wo wohnst du denn? Beim Rechts der Isar hast du geschrieben…”

“Ja genau! Fast gegenüber vom Haupteingang. Willst du her kommen?”

“Wenn’s dir oder besser ‘euch’ recht ist, ich kenn mich da eh aus. Ich arbeite nämlich im ‘Netto’ in der Einsteinstraße – kennste den zufällig?

“Hey, da war ich sogar schon einkaufen! Also ich wohne in der Einsteinstraße 23. Mein Freund wohnt übrigens nicht hier und ist auch nicht da heute.”

“OK, ich bin so in einer halben Stunde da, ja?”

“Super, bis denn!”

“Ciao!”

Tommy war etwas aufgeregt und gespannt, wie Ingo sich wohl in den letzten fünf Jahren verändert hatte. Irgendwie hatte er das gleiche ‘Kribbeln im Bauch’, als wenn er gleich ein Date hätte. Aber auch Ingo war gespannt, was aus ‘seinem kleinen Tom’ geworden war. Eine knappe halbe Stunde später klingelte es. Tommy drückte auf den Türöffner und machte die Wohnungstür auf. Da kam er die Treppe hoch – Ingo!

“Hi, komm rein!”, meinte Tommy und nahm Ingo wie selbstverständlich in den Arm.

“Hey mein Kleiner! Na, wie geht’s?”, sagte Ingo und drückte Tommy auch.

“Hast Dich zwar irgendwie verändert, siehst aber immer noch gut aus.”, bemerkte Tommy, als er die Tür geschlossen hatte und Ingo ins Wohnzimmer schob.

“Und du bist sogar noch hübscher geworden!”, schmeichelte Ingo.

“Danke!”, meinte Tommy verlegen, “Was willst du denn trinken?”, versuchte er, das Thema zu wechseln.

“Ach wenn du einen Rotwein da hättest, würde ich nicht nein sagen.”

Ingo wusste noch von früher, dass Tommy lieber Wein als Bier mochte. Dann griff er in seine Jacke, die er noch über dem Arm hatte und zog grinsend eine Flasche Rotwein heraus, “Tadaaa! Falls du keinen da hast.”

“Hach nein, wie aufdringlich ääähm aufmerksam von Ihnen!”, sagte Tommy gekünstelt tuckig und machte dabei ein Art missglückten Hofknicks.

“Mann du bist ja immer noch so süß und lustig! Wieso zum Geier haben wir uns eigentlich getrennt?”, fragte Ingo und warf seine Jacke dabei über einen Stuhl.

“Warum?! Der war gut Ingo! Weil DU damals nicht wolltest, dass ich zu den Bullen gehe und damit meinen eigenen Willen durchsetze? Nur mal so zum Beispiel…”, gab Tommy zur Antwort.

“Ach ja, weißt du… Ich geb’s ja zu: Ich war einfach zu blöd damals, obwohl ich ja der Ältere war!”, meinte Ingo, etwas verärgert über sich selbst.

“Na Hauptsache, du bist jetzt wenigstens klüger!”, flakste Tommy und holte lachend zwei Weingläser und einen Korkenzieher aus der Glasvitrine.

“Du Tommy – ich meine das im Ernst! Tut mir echt Leid wegen damals! Ich war ein Vollidiot!”

“Also da kann ich dir einfach nicht widersprechen… Eigentlich hätte ICH DICH dafür verlassen müssen!”, meinte Tommy und reichte Ingo den Korkenzieher rüber.

“Und womit?”, fragte Ingo, zwinkerte Tommy zu und setzte dabei ein breites Grinsen auf.

“Mit Recht!”, antwortete Tommy und grinste zurück, weil er sich auch noch an ‘Ihre blöden Sprüche’ erinnern konnte.

Nachdem Ingo die Flasche geöffnet hatte, schenkte er beide Gläser halbvoll ein. Tommy bootete derweil den PC und stellte schnell eine Playlist mit MP3-Songs zusammen. Dann setzten sie sich, stießen miteinander an und begannen, sich gegenseitig zu erzählen, was sie so erlebt hatten.

Ingo erzählte, dass er nach ihrer Trennung gleich wieder einen Freund hatte, der ihn dann später nach Strich und Faden ausgenutzt, betrogen, ja sogar einmal regelrecht zusammen geschlagen hatte. Und seitdem ging es ihm nicht mehr so gut – rein psychisch gesehen. Jetzt merkte Ingo überhaupt erst richtig, was er an Tommy gehabt hatte und wie weh Tommy die Trennung wegen dem lächerlichen Grund des Berufswunsches getan haben musste.

Eigentlich fand Tommy es ja gerecht, dass Ingo auch keine so besonders glückliche Zeit gehabt hatte, allerdings tat er ihm auf der anderen Seite auch wieder Leid. Schnell war die erste Flasche Wein ‘geköpft’ und Tommy holte eine aus seinem ‘Lager’. Dann fing er an zu erzählen, dass er nach ihrer Trennung die Ausbildung bei der Polizei gemacht hatte und jetzt gerade am Überlegen war, sich einen etwas ruhigeren und ungefährlicheren Schreibtischjob im Innendienst zu besorgen. Er erzählte Ingo dann auch, wie er Flo kennen gelernt hatte – die ganze Geschichte eben…

Noch eine Flasche später, es war mittlerweile schon nach Mitternacht, wurden sie langsam müde – vom Alkoholpegel mal ganz zu schweigen. Bei beiden hatte sich seit damals eine Menge getan und noch war keiner von ihnen wieder so richtig glücklich – nur Tommy war mit Flo gerade auf dem Weg, wieder etwas Festes aufzubauen. Aber auch, wenn sie sich noch viel zu erzählen hatten, es wurde immer später und sie beide immer schläfriger.

“Wie bistn du eigentlich her gekommen?”, nuschelte Tommy, sichtlich ‘unter Strom’ stehend.

“Mit Auto natürlich – was meinste, wie lang ich mit den Öffentlichen unterwegs gewesen wäre?”, lallte Ingo ziemlich beschwippst zurück.

“Du magst aber jetzt nimma fahrn?! Des kann ich weder als Freund, noch als Bulle erlauben! Wir haben jetzt zu zweit 3 Flaschen gekillt! Da kannste nimma fahren Hoschi!”

“Toll! Fürn Taxi bin ich aber viel zu geiss… geizss… soviel Geld habbich nimma!”

“Na wenn du eh hier ums Eck arbeitest… Ich hab morgen frei und du kannst hier auf der Couch pennen, wenn du willst.”, bot Tommy an.

“Oh, das iss lieb von dir! Danke. Schmeiß mir grad ne Decke her und schon bin ich glücklich!”, meinte Ingo.

“Mal sehen, ob ich so was überhaupt hab…”, zweifelte Tommy und ging ins Schlafzimmer auf “Deckensuche”.

“Hier kann ich ja im Notfall auch pennen, oder?”, meinte Ingo, der Tommy ins Schlafzimmer nachgetorkelt war.

“Von mir aus… Aber Hände auf die Bettdecke und anständig bleiben!”, ermahnte ihn Tommy mit erhobenem Zeigefinger.

“Schade! Also gut! Ach was soll’s… ich krieg jetzt eh keinen hoch!”, kam es lachend von Ingo.

Tommy ging ins Bad und putzte sich wenigstens noch die Zähne, weil er einen ekligen Geschmack vom Saufen und Rauchen im Mund hatte. Dann machte er das Licht und den PC aus und ging ins Schlafzimmer, wo sich Ingo schon ins Bett gelegt hatte. Tommy machte das Licht aus, zog sich dann bis auf die Shorts aus und kroch zu Ingo ins Bett.

Ingo ließ zwar seine Hände auf der Bettdecke, drehte sich aber zu Tommy um und legte seinen Arm auf ihn. Mit seiner Hand spielte er dann in Tommys Haaren und streichelte seinen Nacken. Ab und an seufzte Ingo tief, was natürlich auch auf seinen Alkoholpegel zurück zu führen war.

In der Nacht kuschelten sie sich eng aneinander und Ingo streichelte Tommy am Bauch und kam dann auch “rein zufällig” in tiefere Regionen. Fast zwangsläufig und wie es jeder wohl verstehen wird, begann sich bei Tommy auch etwas zu regen und er griff hinter sich an Ingos Hintern. Ingo hatte gar keine Shorts an und Tommys Hand wanderte nach vorne und begann dort etwas herum zu spielen. Ingo zog Tommy die Shorts nach unten und begann dann, Tommy zärtlich zu streicheln und zu massieren, bis dieser schnell zu atmen anfing und leise aufstöhnte. Auch Ingo kam etwa zur gleichen Zeit und sie wälzten sich lustvoll im Bett herum. Keiner von ihnen sagte ein Wort und nachdem Tommy die Flecken mit einem Handtuch notdürftig abgetupft hatte, legte er sich wieder zu Ingo ins Bett und sie schliefen ein – wiederum eng aneinander gekuschelt.

Es war bereits hell, als Tommy wach wurde. Er spürte Ingo’s Arm, der an seinem Bauch und Brust ruhte und Ingo’s Hand, die sein Kinn stützte. Tommy durchfuhr es wie ein Blitz, als im bewusst wurde, was da in der Nacht geschehen war. Sein Herz fing an, wie wild zu rasen und er sprang mit einem Satz aus dem Bett.

“Wasn los?”, wunderte sich Ingo verschlafen. Doch im gleichen Moment merkte auch er, dass weder jemand die Uhr um fünf Jahre zurück gedreht hatte, noch dass alles nur ein Traum gewesen war. Betroffen sah er Tommy an, wie er verzweifelt da stand – natürlich noch im Adamskostüm – und vor Panik und Aufregung zu zittern anfing.

“Scheiße! Scheiße scheiße scheiße! Aaaaaahhhh… ich könnt mich! Genau ‘so was’ wollte ich meinem Schatz niemals antun! Verflixt und… Fuck mann!”, fluchte Tommy und schlug sich verzweifelt mit seinen Fäusten gegen den Kopf.

“Ich zieh’ mich nur schnell an und verschwinde dann wohl besser, was? Du, es tut mir echt Leid, was da heute Nacht…”, fing Ingo an, sich zu entschuldigen oder zu rechtfertigen. Er wusste selbst noch nicht genau, was das werden sollte.

“Ach lass nur…”, unterbrach ihn Tommy, “…ich weiß schon! Es gehören immer zwei dazu und ich hab ja mit gemacht!” Tommy stockte kurz und fragte dann, “Aber weißte, was mich echt fertig macht?”

“Nein, was denn? Wie du’s jetzt deinem Freund bei bringst, oder?”, versuchte Ingo zu raten.

“Nein! Mich macht’s fertig, dass es mir irgendwie voll gefallen hat mit dir heute Nacht! Was solln ich jetzt bloß machen?”, meinte Tommy, stellte sich vor Ingo und zuckte resignierend die Schultern nach oben.

Ingo umarmte Tommy aus dem Bett heraus und küsste ihn zärtlich auf sein Teil, das ja direkt vor seiner Nase baumelte. Dann sah er an Tommy hoch.

“Schön, dass es dir gefallen hat! Aber ich weiß auch nicht, was du jetzt machen sollst. Willst du es deinem Freund denn überhaupt sagen?”

“Gute Frage… Würdest du das tun?”

“Früher sicher nicht… Ups, sorry! Das war wohl jetzt ziemlich blöde, was? OK, sorry! Also heute denke ich schon, dass ich es ihm sagen würde!”

“Oh Mann, iss mir schlecht!”, sagte Tommy, sichtlich von der Situation überfordert. Er bückte sich und zog seine Sachen an.

“Soll ich jetzt gehen oder da bleiben? Musst es mir nur sagen!”, drängte Ingo auf eine Aussage.

“Du kannst ruhig da bleiben und noch mit mir Frühstücken…”, winkte Tommy gleichgültig ab, “Jetzt isses ja eh passiert und so kindische Spielchen wie ‘Wer von uns iss nu am meisten Schuld?’ lassen wir mal einfach bleiben heute, ja?!”

“Aha? Darf ich dir was sagen, ohne dass du’s falsch verstehst oder böse wirst?”, fragte Ingo.

“Ja, nur zu! Was könnte mich wohl heute noch erschüttern?”

“Du bist richtig erwachsen geworden und ich hab dich immer noch wahnsinnig lieb!”, meinte Ingo mit einer etwas zittrigen Stimme und sah Tommy an.

“Oh Mann… süß! OK, also das erschüttert mich dann doch noch etwas, aber ich versteh’ gar nix mehr! Sei mir nicht böse, aber ich kann dazu jetzt absolut null sagen!”

“Iss schon klar! TW, also Themawechsel: Was gibt’s denn zum Frühstück?”

“‘Tommys 3-K-Nutten-Frühstück’… Kaffee, Kippen und evtl. nen Keks dazu!”, versuchte Tommy, wieder etwas fröhlicher zu wirken.

Ingo strampelte sofort die Decke beiseite, als er “Kaffee und Kippen” gehört hatte. Das eine Bein hatte er bereits elegant aus dem Bett geschwungen, als er plötzlich inne hielt und wie vom Donner gerührt da saß. Er hatte gerade bemerkt, dass er noch komplett nackt war! Tommy hätte das wahrscheinlich nicht bemerkt, wenn Ingo nicht regungslos da gesessen und wie ein ‘frisch g’fickts Oachkatzl’ geschaut hätte. Tommy musste einfach zwangsläufig zu Ingo und auf sein Teil starren. Erst nach ein paar Augenblicken merkte er, wie sein Gesicht rot wurde. Verlegen holte er tief Luft und sah Ingo ins Gesicht.

“Ähm sorry! Ich meine… also nicht, dass du…”, stammelte Tommy.

Ingo hatte sich nun auch wieder gefangen, stand auf und presste seinen Zeigefinger auf Tommys Mund.

“Pssst… Sag nix! Iss schon OK.”, flüsterte er sanft, griff nach seiner Short und zog sie an.

“Oh Mann…”, rutschte es Tommy dann trotzdem noch heraus und er griff sich an den Kopf.

Dann gingen sie rüber in die Küche und Tommy machte einen Kaffee. Nachdem jeder zwei Kippen und eine Tasse Kaffee intus hatten, war Tommy schon wieder etwas ruhiger geworden. Jetzt kam sie also – die Stunde der Entscheidung. Sollte er Flo alles erzählen? So, wie die letzte Nacht gelaufen war, musste er fast über seine lächerlichen Bedenken lachen, Flo zu erzählen, dass er sich zum Reden mit Ingo treffen wollte. Was sollte er ihm denn jetzt nur sagen?

“Hach ja und da haben wir plötzlich gepoppt – ich weiß auch nicht, wie es dazu kommen konnte!” – So etwa??? Nein! Gewiss nicht! Oder sollte er ihm nur sagen, dass er Ingo getroffen hatte und nix weiter? Dann könnte er auch gleich alles verschweigen und so tun, als wäre nichts gewesen. Aber das wollte er auch wieder nicht. Schließlich hatte er sich geschworen, seinen zukünftigen Freund in diesen Dingen nie zu belügen oder zu hintergehen.

Wenn er das so durchziehen würde, hätte er also gar keine Wahl und müsste Flo alles sagen – absolut alles! Dann würde aber Flo wahrscheinlich ‘Schluss’ machen. Und womit? – Mit Recht! Nach Scherzen war ihm allerdings nun wirklich nicht zumute! Es tat ihm Leid, was geschehen war und er wollte ehrlich sein, hatte aber Angst, genau durch diese Ehrlichkeit seinen Freund zu verlieren. Warum war das Leben nur manchmal so beschissen?!

Tommy schaltete sein Handy ein und schon kam eine SMS… und noch eine… und noch eine? Was war das denn?

So Maus – ich bin jetzt daheim und gehe bald ins Bett. Ich wünsche Dir eine gute Nacht, schlaf gut und träum was Schönes (z.B. von mir) :o) Ich liebe Dich!

Warum hast Du Dein Handy aus und antwortest mir nicht? Hab ich was falsch gemacht? Ich geh jetzt schlafen und mach mein Handy auch aus. Bis morgen… Bussi

Guten Morgen mein Schatz! Ich mach mir langsam Sorgen – meldest Du Dich bitte mal bei mir? Ich hab Angst, dass was passiert ist. Schreib bitte zurück!!!! ILY

Tommy kämpfte mit den Tränen. Wie recht Flo doch hatte, dass etwas passiert war! Wortlos hielt er Ingo sein Handy hin und deutete an, dass er die Nachrichten lesen sollte. Ingo las sie und seufzte tief.

“Oh Mann. Iss ja süß! Macht sich voll die Sorgen und scheint dich wirklich zu lieben und an dir zu hängen!”

“Ja und gestern hatte er geschrieben, dass er noch bei einem Freund ist zum Hausaufgaben machen und um den versäumten Stoff nach zu holen. Er war ja zwei Wochen im Krankenhaus nach dem Unfall. Und weil er keine Zeit mehr hatte, habe ich mich mit dir verabredet. Ach alles Sch…”, sprudelte es verzweifelt aus Tommy heraus.

“Komm, komm, komm…”, beruhigte ihn Ingo und nahm ihn tröstend in den Arm.

“Du Ingo? Kann man zwei Menschen gleichzeitig und gleich stark lieben?

Ingo löste seine Umarmung und sah Tommy prüfend an, “Du liebst mich auch noch? Bist du dir da sicher? Ich denke, du bist im Moment nicht in der Lage, das zu entscheiden! Ich will dich jetzt nicht bevormunden und es würde mich ehrlich gesagt sogar freuen, wenn du so fühlen würdest, aber denke jetzt erst mal nur an dich und Florian!”

“Vielleicht hast du recht.”, gab Tommy kleinlaut von sich.

“Na sischer dat!”, sagte Ingo, “Und auch, wenn ich dich schon gerne zurück hätte… SO nicht!”, fügte er noch hinzu.

Tommy sah ihn etwas verwundert an. Hatte er gerade richtig gehört? Also hatte er sich das doch nicht nur eingebildet… Ingo wollte wirklich noch etwas von ihm. Das erleichterte Tommy seine Gefühle ja nicht gerade und er wäre am liebsten einfach bewusstlos geworden und erst in zwei Jahren wieder aufgewacht! Ingo stupste ihn mit dem Handy an die Hand.

“Na hopp… schreib ihm. Er macht sich solche Sorgen und verdient ne Antwort. Egal, wie die dann auch aussehen mag…”, erklärte Ingo und zündete sich noch eine an.

Tommy griff auch gleich zur Schachtel, steckte sich auch eine an und tippte drauf los.

Guten Morgen Hase! Ich hoffe, du hast heute Zeit für mich, weil ich ganz dringend mit dir reden muss! Kann ich dich von der Schule abholen? Wenn ja, wann? Bussi

Er gab Ingo den Text zu lesen, bevor er ihn sendete, weil er nichts verkehrt machen wollte.

“Meinst du, das geht so?”, fragte er verunsichert.

“Ja, Kopf hoch! Wenn er so lieb ist, wie ich ihn nach den Mails und deinen Erzählungen einschätze, dann hast du ne echte Chance, dass er dir verzeiht.”, meinte Ingo und Tommy sendete die Nachricht ab. Nach 5 Minuten kam bereits die Antwort.

Hi Schatz! Mann tut das gut, endlich was von dir zu lesen! Klar hab ich Zeit für dich! Was Dringendes? Etwa was Schlimmes? Ich hoffe nicht! Hab um 13:30 aus – Bussi

Tommy fing leise an, zu weinen. Flo tat ihm so Leid – der arme Kleine ahnte scheinbar sogar schon etwas! Vielleicht würde Flo ja total böse werden – das würde es sicher einfacher für Tommy machen. Zumindest dachte sich Tommy das so. Aber dieses liebe “tut das gut, endlich was von dir zu lesen” zerriss Tommy regelrecht das Herz. Ingo war sich nicht sicher, ob das klug war, aber er wollte Tommy trösten und nahm ihn deshalb einfach noch mal in den Arm, bis sich Tommy nach einer ganzen Weile wieder etwas beruhigt hatte.

“Danke.”, brachte er nur heraus und ‘klebte’ schon wieder mit dem Gesicht an Ingo’s mittlerweile tränengetränkten Schulter.

“Geht schon wieder!”, meinte Tommy dann nach weiteren zehn Minuten.

“Gut, denn es ist schon halb 12 und ich muss um 12 im Laden an der Kasse sitzen.”, sagte Ingo.

“Ja klar – danke, dass du da warst, auch wenn wir Scheiße gebaut haben – oder besser ICH! Du bist ja solo… Egal – ich melde mich bei dir, OK?”

“Ja, ist in Ordnung. Lass’ dir Zeit und rede erst mal mit Florian. Wenn du jemanden zum Reden brauchst, dann sag einfach bescheid – du weißt ja: jeden Abend ab halb neun…”, bot Ingo noch an, während er seine Jacke vom Stuhl nahm und zur Tür ging.

Ingo war gegangen und Tommy zog das Bettzeug ab – er konnte deutlich die Flecken sehen und schämte sich dafür, vor Allem, weil es ihm wirklich gefallen hatte. Hoffentlich würde Flo ihm verzeihen können. Und selbst wenn er es konnte, würde er Tommy je wieder vertrauen können? Tommy kämpfte ständig mit den Tränen und war froh, heute nicht in die Arbeit zu müssen. Es war kurz vor 13 Uhr und Tommy machte sich auf den Weg, Flo abzuholen. Flo kam gerade die Treppe herunter gehumpelt, als Tommy auf den kleinen Parkplatz vor der Schule fuhr. Flo kam auf Tommys Auto zu und lächelte ihn so lieb an, dass Tommy fast schon wieder weinen musste. Tommy machte ihm die Beifahrertür von innen auf.

“Hallo Schatz! Was gibt’s denn so Dringendes? Biste arbeitslos? Bankrott? Schwanger?”, brabbelte Flo los und hatte dabei das süßeste Lächeln der Welt auf den Lippen.

“Nee, ist schon was Ernsteres, aber das würd ich gern daheim mit dir besprechen und nicht hier im Auto. Wollen wir zu mir fahren oder willst du lieber zu dir nach Hause?”

“Willst du etwa Schluss machen, Schatz?”, fragte Flo auf einmal mit ernster, unsicherer Stimme.

Ich nicht!”, entgegnete Tommy und fuhr los. “Also wohin?”, fragte er noch einmal.

“Zu dir, ich würd’ gern noch deine Wohnung kennen lernen…”

“Stop! Nicht weiter sprechen bitte!”, fuhr Tommy ihn an, ehe so etwas wie “…bevor Schluß ist” folgen konnte.

Bis sie bei Tommy in der Wohnung waren, sagten beide keinen Ton mehr und Flo hatte ziemlich rote Augen auf einmal. Tommy half Flo noch beim Ausziehen der Jacke, führte ihn kurz durch alle Zimmer und schließlich ins Wohnzimmer, wo noch die drei leeren Weinflaschen neben dem Tisch standen. Flo musterte die Wohnung und auch die drei Flaschen, als er sich zu Tommy umdrehte.

“Ne kleine Party gehabt gestern?”

“Nicht direkt. Aber damit hat’s zu tun, was ich dir sagen will.”

“Kann das sein, dass ich gar nicht wissen will, was du jetzt zu sagen hast?”, meinte Flo kleinlaut.

“Ach Maus… Ich will’s dir aber sagen – Nein: Ich MUSS es dir sagen, verstehst du?”, erklärte Tommy.

Flo setzte sich also auf die Couch. Tommy setzte sich absichtlich nicht direkt neben Flo, aber Flo rutschte einfach zu Tommy herum und lehnte sich an seine Schulter.

“OK, ich bin bereit. Aber egal, was du jetzt zu sagen hast: ich liebe dich trotzdem!”, sagte er noch und sah dann stumm aus dem Fenster und harrte der Dinge, die da kommen sollten.

“Ich dich auch – wirklich!”, sagte Tommy noch etwas verwundert und fing dann an, zu erklären, “Also gestern hattest du ja keine Zeit und zufällig hatte mir Ingo eine Email geschrieben…”

“Dein Ex?!”, unterbrach ihn Flo nun doch etwas verwundert.

“Ja, genau. Er hatte meine Email-Adresse durch nen Zufall wieder gefunden und sich entschuldigt für damals. Und weil er jetzt in Dachau wohnt…”

Florian kniff seine Augen etwas zusammen und runzelte die Stirn, sagte aber keinen Ton dazu.

“…haben wir uns dann bei mir verabredet und etwas getrunken, wie du siehst.

“Etwas, ja…”, warf Flo vorwurfsvoll ein und sah dabei gleichgültig aus dem Fenster – zumindest tat er so, als ob es ihm gleichgültig wäre.

“Ja, es war allerdings etwas zu viel Alk und er konnte nicht mehr fahren. Darum hab ich ihm angeboten, dass er bei mir schlafen könnte.”

“Nicht bei… MIT…”, kam es trocken von Flo.

“Was? Ach Quatsch mensch! Also jedenfalls hatte ich keine Decke und so haben wir beide im Bett geschlafen.”

“Kann Mann so naiv sein? Da bin ja ich mit 17 g’scheiter!”, regte Flo sich nun langsam aber sicher auf.

“Hast ja recht, aber ich war ziemlich blau – OK, ist ne schlechte Ausrede, ich weiß! Jedenfalls ist dann in der Nacht… dann ist halt auch was passiert…”, stotterte Tommy und konnte nun nicht mehr weiter erzählen, weil seine Stimme versagte.

Flo sah ihm ins Gesicht. Tränen liefen über seine Wangen und er schüttelte nur den Kopf.

“Kann man SO naiv oder besoffen sein, dass man so was nimma peilt und unter Kontrolle hat, verdammt noch mal?!”, schrie Flo ihm ungläubig entgegen.

Dann nahm er Tommy an den Schultern, hielt ihn eine Armlänge von sich entfernt fest und sah ihm tief in die Augen.

“Liebst du ihn noch?”, fragte er mit zitternder und bebender Stimme.

“Ich… ich weiß nicht genau. Aber ich weiß sicher, dass ich DICH liebe und nicht verlieren will!”, stotterte Tommy heiser.

“Boah… ich möchte gehen. Ich muss raus hier und nachdenken!”, meinte Flo, stand auf und schnappte seine Jacke.

Tommy hielt ihn nicht auf und noch ehe er richtig realisiert hatte, was los war, klappte schon die Tür ins Schloss und Flo war draußen.

“So ein Mist mensch!”, brüllte Tommy und warf sich wütend über sich selbst auf die Couch.

Dort, wo Flo eben noch gesessen und sich angelehnt hatte, roch es nach ihm bzw. seinem Aftershave und Tommy sog den Geruch tief in seine Lungen. Mit Tränen in den Augen zündete er sich eine Zigarette an. Er grübelte, was Flo wohl jetzt über ihn denken würde und ob er wohl noch eine Chance hätte. Wenig später klingelte es an der Haustür. Hoffentlich war das jetzt nicht Ingo, der sich nach dem Stand der Dinge erkundigen wollte! Ihn konnte er jetzt ganz gewiss nicht brauchen! Oder war es etwa Flo, der noch mal zurück kam? Tommy stürzte erwartungsvoll zur Tür und drückte auf den Türöffner für unten. Als er die Wohnungstüre öffnete, stand Flo schon mit roten, verheulten Augen vor ihm, kam langsam auf ihn zu und fiel ihm um den Hals.

“Versprich mir, dass so was nimma vorkommt – bitte! Ich kann nämlich nicht ohne dich, Schatz! Ich mag aber auch net verarscht werden, verstehst du?!”, heulte er sich an Tommys Schulter aus.

“Natürlich Flo – ich versprechs dir! Ich will dich doch auch nicht verlieren und es tut mir wahnsinnig Leid, was da passiert ist!”, meinte Tommy und drückte dabei die Wohnungstür mit dem Fuß zu.

“Weil so ‘ne neumodische, offene Beziehung kommt für mich nicht in die Tüte, hörst du?! Das pack’ ich einfach nicht…”, meinte Flo noch.

“So was will ich doch auch nicht – DU bist alles, was ich brauche!”

“Schön, dann sind wir jetzt quitt, oder?”, meinte Flo und versuchte zu lächeln.

“Was meinst du damit?”, erschrak Tommy.

Hatte Flo etwa auch etwas zu beichten? Vielleicht von gestern bei dem Schulfreund? Nein!!!

“Na das mit Frank im Krankenhaus…”, löste Flo das Rätsel auf.

“Aber da konntest du doch gar nix dafür!”

“Ja, aber da hast mir du trotzdem ne zweite Chance gegeben, finde ich zumindest! Und die gebe ich dir jetzt auch einfach! Ist aber die letzte…”

“Danke Schatz, du bist einfach süß…”, meinte Tommy und gab Flo einen langen Kuss.

Ende Teil 4 (und zugleich Ende der Story)

Lieber Leser,

nach diesen ersten turbulenten 14 Tagen in der Beziehung zwischen Tommy und Florian endet nun die Geschichte vom “Schicksal” – ich hoffe, dass sie Dir gefallen hat! Mir ist schon klar, dass manch einer gerne noch eine Fortsetzung gelesen hätte, aber um diese Möglichkeit von Vornherein aus zu schließen (und damit ich auch mal was anderes schreiben kann *fg*), lasse ich die Story hier und jetzt bewusst enden.

Viele liebe Grüße, insbesondere an…

  • …alle in der Geschichte dargestellten Personen & Charaktere
  • …und ausdrücklich auch an meinen Ex-Freund!

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