Alles was bleibt – letzter Teil

Normalität was ist das?

Fred

Es ist Montag. Das Wochenende war ein Chaos gewesen. Der Sonntag war dagegen ruhig geblieben, außer das zweimal Lisa und Lars anriefen um Luka zu sprechen. Der lehnte es aber ab.
Ich erklärte ihnen letztendlich,

dass Luka Zeit brauchte, um über ihr dämliches Verhalten hinwegzukommen. Ob sie es verstanden hatten, konnte ich am Telefon nicht heraushören. Jedenfalls riefen sie nicht noch mal an.

„Jungs aufstehen. Frühstück steht auf dem Tisch.“

Ich gähne und strecke mich in meinem Bett so gut wie es geht, da neben mir Luka liegt und seinen Kopf unter seinem Kopfkissen vergraben hat.

„Och menno…“, nuschelt er.

Ich muss grinsen und fange an ihn durch zu kitzeln. Lachend springt er irgendwann aus dem Bett und rennt raus auf den Flur und dann höre ich die Badtür zuschlagen. Ich bleibe nachdenklich sitzen.
Wann habe ich ihn das letzte Mal lachend gesehen. Es ist so lange her. Was ihm angetan wurde, kann keiner heilen. Selbst ich nicht. Mein Herz krampft sich bei diesen Gedanken zusammen.
Ich stand auf streckte mich und trottete ihm in das Bad nach. Als ich eintrat hörte ich die Dusche rauschen. Ich grinste und ging auf das Waschbecken zu und nahm mir meine Zahnbürste.
Luka stellte die Dusche aus und trat aus dieser. Im Spiegel sah ich ihn an. Lukas war sportlich durchtrainiert und wenn er nicht auf Jungs stehen würde, dann hätte er locker jedes Mädchen haben können.
Da Luka nicht geoutet war, schmachteten ihm die Mädels nur so nach. Selbst Jungs auf unserer Schule sahen ihm nach und ich denke, da war öfter auch ein sehnsüchtiger Blick dabei.
Mein Herz verkrampfte sich wieder bei dem Gedanken, dass ein anderer ihm näher kommen könnte. Was war nur los? Ich hatte schon bei Benn so ein böses Magengrummeln. Luka grinste mich an und ich putzte meine Zähne zu ende um dann auch kurz unter die Dusche zu springen.
Nachdem wir angezogen sind und gefrühstückt haben, machen wir uns auf den Weg zur Schule. Unterwegs treffen wir auf Mark und Lasse. Beide gehen in unsere Klasse. Als sie uns sehen grüssen sie uns und schauen Luka vorsichtig an.

„Alles klar bei dir? Wir haben das von deiner Mutter gehört! Herzliches Beileid.“

Lasse sah Luka an und dieser nickte nur.

„Danke. Es geht wieder! Kommen auch bessere Zeiten ..“

Luka sah kurz zu Boden, bevor er wieder aufsah und lächelte.

„So nun los, sonst kommen wir zu spät!“ sage ich und ziehe Luka an der Hand weiter.

Lasse und Mark folgten.

„Luka, wo wohnst du jetzt eigentlich?“

Mark sah Luka von der Seite an.

„Ich bin bei Fred untergekommen und mach mein ABI hier zu Ende.“

„Cool Fred, deine Eltern sind echt Klasse…“

Ich nicke bestätigend in Marks Richtung.

„Ich lass bestimmt meinen besten Freund nicht hängen und er ist es auch wert!“

Luka lächelte mich von der Seite an.

„Etwas Besseres kann man gar nicht bekommen als Freund!“

Luka legt seine Hand auf meine Schulter und wir grinsten uns an.

„Mein Gott, ihr seid schon zwei Verrückte!“

Lasse lachte kurz auf und dann waren wir auch schon an der Schule angekommen. Wir vier gingen zusammen rein. Auf dem Weg zum Klassenraum trafen wir auf unseren Direx Herr Basner der Schule. Als er uns sah, kam er auch schon auf uns zu.

„Luka was machst du denn hier?“

„Ich möchte am Unterricht wieder teilnehmen!“, kam es von Luka.

„Ok Luka du kommst kurz mit mir! Wir müssen uns unterhalten! Die anderen Herren können schon mal zum Unterricht gehen. „

Damit ging Herr Basner los und Luka marschierte hinterher. Wir anderen machten uns auf den Weg zu unserem Klassenraum. Kaum waren wir dort angekommen, mussten auch schon Lasse und Mark, die neuesten Nachrichten verbreiten.
Damit wussten alle in kürzester Zeit Bescheid, das Luka wieder da war. Herr Beimer unser Deutschlehrer betrat das Klassenzimmer und begann routiniert wie immer seinen Unterricht. Florian der neben mir sitzt, stieß mich an.

„He und wie geht’s Luka?“ flüsterte er.

„Es geht so. Ist ziemlich verrückt alles und er muss vieles verarbeiten.“

„Dass deine Eltern ihn bei euch aufgenommen haben, finde ich echt super.“

Ich grinste ihn an.

„Die sind auch cool drauf.“

Florian grinste mich frech an.

„Sag mal, was ist da eig…“

Bevor Florian den Satz beenden kann, steht Herr Beimer an unserem Tisch.

„Na sind die Herren endlich fertig?“

„Ja sind wir…“

„Na dann können sie ja mir die Frage beantworten!“

Überlegen grinste uns Herr Beimer an.

„Ähmm da ist uns wohl was entgangen.“

„Das glaube ich auch. Die Frage war wie hieß, der Autor der Doktor Schiwago geschrieben hat?“

„Doktor Schiwago? Ach der Schriftsteller hieß Pasternak.“

„Na da haben sie ja wenigstens einmal aufgepasst.“

Damit drehte sich unser Deutschlehrer um und ging wieder nach vorne, wobei er aus dem Buch rezitierte. Die Stunde zog und zog sich hin. Kein Luka war zu sehen und ich machte mir schon Sorgen, was passiert sein könnte.
Plötzlich ging die Tür auf und Luka erschien im Klassenraum. Erleichtert atmete ich aus, als ich sah das Luka in meine Richtung blickte und grinste. Es signalisierte mir, dass es ihm gut ging und ich grinste erleichtert zurück.

„Luka setz dich bitte…“

Luka ging darauf zu unserem Tisch und in diesem Augenblick passierte etwas mit mir. Es war wie ein Auftauchen aus der dunkelsten Tiefe und ich wusste in diesem Augenblick, wenn ich einmal schwul werden sollte, dass Luka der Mann wäre den ich als einziges nur haben wollte.
Mein Herz schlug hart gegen meine Brust und ein warmes Gefühl der Geborgenheit machte sich breit, nachdem Luka sich neben mir setzte. Ich sah ihn von der Seite an und konnte meinen Blick nicht abwenden. Was war nur los mit mir?

„Fred, alles klar bei dir?“, raunte mir Luka fragend zu.

„Ähm ja…“

Mehr stotternd und bereits total überfordert mit diesem Gefühlschaos, antwortete ich ihn. Was war nur los mit mir? Ich verstand es nicht, was bei mir diese Gefühle plötzlich auslöste. Luka war alles für mich, der beste Freund, der beste Bruder, den ich nicht hatte und sowieso das Beste in meinem Leben was ich bekommen habe. Also was war hier jetzt mit mir los.
Die Stunden rannten nur so dahin und Luka sah mich hin und wieder fragend an. Und ich, ich war mir sicher die Welt ging unter. Was passierte hier mit mir?

Manchmal sind es kleine Anzeichen, die anzeigen dass sich etwas verändert. Manchmal sind es kleine Momente die etwas auslösen, das sich jemand klar wird Gefühle für etwas zu entwickeln, die es vorher nicht gab.
Manchmal ist es aber auch so, dass verschüttete und verdrängte Gefühle ans Licht kommen, die man sorgsam vor anderen versteckt hielt. Es sind Momente wie die, die einem die Chance geben, das Leben neu zu überdenken und es in die richtigen Bahnen zu lenken.
Seine Angst zu überwinden und das zu zulassen was einem wirklich wichtig ist. Und auch die Angst zu überwinden, das man das verliert was man nie verlieren will.

Und was war mit mir? Ich dachte an Benn und erst jetzt erkannte ich, ich wollte Luka glücklich sehen! Und ich, wie reagierte ich damals? Ich war sauer und traurig zu der Zeit. Ich konnte es nicht ertragen Benn und Luka zu sehen und als zwischen den beiden doch nichts lief, was fühlte ich da?
Erleichterung! Erleichterung darüber das Luka solo blieb. Erleichterung das er bei mir war und nicht bei Benn. Erschrocken sah ich auf und ich sah direkt in Lukas Augen und da, da verstand ich es.
Da konnte ich es endlich fassen, dieses Gefühl das tief in mir drin brodelte. Ich liebe ihn. Nur ihn und ich würde alles dafür tun, ihn nie zu verlieren. Als ob Luka merkte was in mir vorging, schlang er seine Arme um mich und drückte mich an sich.
Und da begriff ich dass ich ihn niemals verlieren will. Niemals ohne ihn sein wollte. Keinen Tag will ich ihn vermissen und dann, dann gab ich mich dem Gefühl hin und umarmte ihn. Mir war es so egal, dass dies gerade hier in der Schule mitten in unserer Klasse geschah.
Luka war hier bei mir und nicht weit weg. Er war immer derjenige von uns der mutig zu sich stand.

„Ich Liebe Dich!“

Drei Worte die endlich an die Oberfläche kamen, um sie ihm sagen zu können. Nur ihm, denn zu einer anderen Person, dass wusste ich würde ich diese drei Worte nie sagen wollen.

*-*-*

Luka

Zu sich selbst zu stehen, ist nicht immer einfach. Sich zu akzeptieren, so wie man ist, ist auch nicht immer einfach.
Was ist schon einfach. Das Leben ist nicht eine gerade Strecke, die man durchläuft. Es gibt viele Hoch und Tiefs, die man durchläuft. Ich habe sie durchlaufen. Ich habe viel verloren und auch viel gewonnen. Ich habe eine Familie gefunden und meinen Partner.
Ja, Fred ist mit mir zusammen. Nachdem er mir diese drei Worte sagte, wusste ich dass ich mein neues Heim gefunden habe. Ich hätte nie gedacht dass Fred so fühlt. Nachdem das in der Klasse passierte sind wir beide sofort nach Hause gegangen, gerannt, ich weiß es nicht mehr.
Dort haben wir dann darüber gesprochen und jetzt sind wir endlich glücklich. Freds Eltern haben darauf sehr ruhig reagiert und nur einen Satz im Raum stehen lassen. Endlich hat Fred es begriffen!
Tja zu meinen Eltern habe ich ein Freundschaftliches Verhältnis. Es wird niemals so sein, wie es zwischen Kindern und Eltern sein sollte, dazu war zuviel Zeit vergangen. Aber es wurde besser.
Lisa und Lars ist ein anderes Kapitel. Wir haben jedenfalls heute ein gutes Verhältnis. Elke, die Schwester meiner Mutter, hatte Wort gehalten. Es gab wirklich eine Lebensversicherung, die mir ermöglichte mein Studium zu finanzieren, ohne meine Eltern finanziell um Unterstützung bitten zu müssen.
Heute über ein Jahr später kann ich sagen, das ich glücklich bin und das Fred all das ist was ich brauche. Familie, Freund und Geliebter. Auch wenn mir das Leben sehr übel mitgespielt hat, hatte ich doch auch glückliche Momente und daher habe ich meinen Frieden mit meiner Mutter gefunden.
Egal warum sie es getan hat, sie hat mir eine glückliche Kindheit geschenkt und mich aufgezogen und zu dem gemacht, der ich heute bin. Elke hat mir auch geholfen, sie besser zu verstehen und ich lernte durch Elke Ihre Familie kennen.
Auch diese gehören heute zu meiner Familie. Aber nun zurück zu Fred und mir. Nachdem wir das Abitur in der Tasche hatten und uns an der Uni eingetragen hatten, suchten wir uns gemeinsam eine Wohnung.
Die Wohnung musste natürlich auch ein Gästezimmer haben, denn Nadine hing an uns wie eine Klette. Fred blühte so richtig auf, nachdem er zu sich selbst gefunden hatte. Zu sich zu stehen, fiel ihm nicht schwer und ich sah jeden Tag beim Aufwachen in zwei leuchtende Augen, die mir immer wieder sagten wie sehr er mich liebt.

Und eines weiß ich, ich liebe ihn zehn Mal mehr, als er mich…

Fred

Ich habe mich gefunden und auch neu kennen gelernt. Ich hätte nie gedacht, dass ich noch glücklicher sein kann, vor dem besagten Tag an dem ich Luka endlich meine Gefühle gestand.
In der Schule war das nicht weiter von Bedeutung. Das einzige was wir zu hören bekamen, endlich sind die Zwillinge ein Paar.
Meine Eltern, das ist so ein eigenes Ding. Sie haben es schon immer geahnt, gewusst, keine Ahnung! Sie sind darüber glücklich, das wir, ich, endlich verstanden haben das wir uns Lieben.
Luka geht es heute wieder richtig gut. Nachdem wir uns damals ausgesprochen haben, hat er begonnen mit mir zusammen sein Leben auf die Reihe zu bekommen. Heute kann er sagen, dass er eine große Familie hat.
In diese gehören seine Eltern, seine Geschwister, die Familie seiner Mutter und meine Familie. Vieles hat er aufarbeiten müssen, aber mit mir an seiner Seite haben wir auch diese Täler durchschritten. Heute studiert er Medizin und ich Physik.
Ja wir haben unseren Weg gefunden und das auch nur weil ich mir damals in dieser entscheidenden Minute, Sekunde eingestanden habe das ich Luka LIEBE und nie ohne ihn sein kann.
Es war danach für mich alles einfacher, das Leben, die Gefühle und mich zu akzeptieren. Ich würde wenn man mich heute fragt, warum ich so lange diese Gefühle unterdrückt habe, antworten das ich der größte Volldepp der ganzen Geschichte bin.
Luka akzeptiert diese Meinung nicht, er meint dass auch mein Eingeständnis damals viel Mut verlangte.

Mut?

Ich weiß heute, hätte ich diesen Schritt nicht getan, den Rest meines Lebens verflucht hätte. Aber wie gesagt, es gibt Momente im Leben die alles erfordern um das richtige zu tun und ich habe es getan. Ich habe den Schritt gemacht, um Luka nicht zu verlieren und das würde ich immer wieder tun. Jeden Tag aufs Neue.

Epilog

Manchmal sind es kleine Dinge, die etwas Großes zum Rollen bringen.

Manchmal sind es kurze Momente, die über das weitere Leben entscheiden.

Mut gehört zu allen Veränderungen dazu. Hat man diesen Mut nicht, einen Schritt weiter zu gehen, dann kann man alles verpassen. All das macht Leben aus. Man könnte viel darüber philosophieren, warum man in der Vergangenheit dies und das nicht getan hat, oder warum man dem Stolperstein nicht aus dem Weg gegangen ist.
Im Nachhinein sollte man nicht über die falschen Schritte die man getan hat, oder auch nicht getan, hadern. Das Leben ist nun einmal so. Und mal ganz ehrlich aus solchen Schritten oder auch NICHT Schritten ging auch teilweise etwas Schönes hervor.

*-* Ende *-*

An dieser Stelle verlassen wir die beiden. Ich hoffe sie werden die nächsten Täler und auch Berge gut überstehen.
Mir sind die zwei sehr ans Herz gewachsen, vielleicht gibt es ein Wiedersehen mit Ihnen. Ihr könnt gerne Eure Meinung dazu schreiben, ob Ihr noch weiter über Fred und Luka lesen wollt.
Danke an Euch für das Lesen der Geschichte… Joerschi

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5 Kommentare

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  1. Hallo Niffnase,

    klar will man so eine Geschichte immer weiterlesen, aber ich weiß auch aus eigener Erfahrung, irgendwann ist beim Schreiben die Luft draußen und man möchte etwas Neues beginnen, so wie in den Geschichten am Schluss, immer etwas Neues beginnt!

    Liebe Grüße Pit

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  2. Huhu Jörg, wow welch ein tolles Finale. Ein schöneres Happy-end kann man sich nicht vorstellen.
    Die ganze Storie war spannend zu lesen, hat Spaß gemacht, zu hoffen, mitzuleiden.

    VlG Andi

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  3. Die Geschichte macht nachdenklich und es ist schön, wie sie endet.
    Man muss zu sich selbst stehen können.
    Und der Epilog sollte nicht nur für die Leser dieser Geschichte verfügber sein, sondern auch sehr sehr vielen anderen ein Wegbeleiter werden.
    Danke Joerschi

    Micha

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  4. Hallo Joerschi,
    danke für die gute Geschichte, so traurig sie auch war…..sie hat doch eine schönes Ende bekommen….zwei Menschen die sich schon ewig kennen und nur auch lieben!
    Danke
    Ralph

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    • ralph auf 19. September 2021 bei 09:01
    • Antworten

    hallo
    ich habe die Geschichte verschlungen……sehr schön geschrieben.
    Auch wenn sie sehr traurig ist, gab es doch ein Happy-End.
    Ich freue mich für die beiden das sie zueinander gerfunden haben.
    Danke
    LG Ralph

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