Sommermärchen – Teil 5

13. Marcel – Ostseewellen

Mit den steigenden Temperaturen wuchs bei Daniel auch die Vorfreude auf das bevorstehende Trainingslager an der Ostsee. Wann auch immer wir etwas gemeinsam unternahmen, musste ich ihm Fragen rund ums Thema Sonne, Sand, Strand und Meer beantworten.
Eine Feriensiedlung bei Sellin auf Rügen – da hatte sich die Caritas einen echten Leckerbissen einfallen lassen, und ich bemühte mich redlich, nicht allzu sehr von diesem wunderschönen Landstrich zu schwärmen .Einfach um die Neugier und Ungeduld bei Danny nicht ins Unermessliche wachsen zu lassen.
Einig waren wir uns darüber, dass unsere gemeinsame Nacht nach der Siegesfeier der Wiener Caritas-Fußballer einmalig bleiben sollte – so wunderschön sie auch war. Noch enger zusammengeschweißt und das Band der Freundschaft fester geknüpft hatte sie auf alle Fälle.
Dafür, dass meine Freizeit relativ knapp bemessen war, sorgte auch die Tatsache, dass ich immer öfter im Caritas-Büro vorbeischaute, Brigitte ein bisschen im Büro zur Hand ging, Botengänge übernahm oder einfach in den Abendstunden die Telefonsprechstunde übernahm.
Das blieb bei Brigitte nicht unbemerkt: „Marcel, wenn du dich schon so für uns aufopferst – hast du bei deiner Bank noch ein paar Tage Urlaub, die du opfern kannst?“

Sollte ich jetzt Urlaub nehmen, um bei der Caritas ehrenamtlich tätig zu sein? Ich wusste nicht, ob ich das wirklich wollte. Schließlich sollte der Urlaub dafür eine Stippvisite in der alten Heimat und bei der Familie genutzt werden. Ich entschied mich, neutral zu antworten: „Hm.“

„Pass auf, es gibt ein Problem mit der bevorstehenden Reise unserer Fußballer nach Sellin. Unsere beiden Betreuer, die für so etwas immer zuständig sind, sind grade zu dieser Zeit unabkömmlich. Wir brauchen aber unbedingt noch einen Betreuer für die Jungs. Hast du Zeit?“

Bekam ich hier grade einen zweiwöchigen Aufenthalt an der Ostsee angeboten? Gut, zwar mit ein paar Teenagern drumrum, aber das würde sich verkraften lassen. Auch wenn die Jungs mit Sicherheit eine 25stündige Beschäftigung pro Tag beanspruchten. Dafür würde ich gern kurzfristig fast die Hälfte meines Jahresurlaubsanspruches hergeben: „Brigitte, da muss ich nicht lange überlegen. Ich weiß, dass damit sehr viel Verantwortung verbunden sein wird. Aber ich glaube auch, dass ich damit gut umgehen kann.“

„Ja, das glaube ich auch, Sonst hätte ich dich nicht gefragt. Unsere internen Richtlinien sehen vor, dass ab Gruppen von 15 Personen mindestens vier Betreuer mitreisen müssen. Das wären in diesem Fall der Trainer, sein Co, du und ich.“

„Du kommst auch mit? Dann kann ja überhaupt nichts mehr schief gehen!“

„Dein Wort in Gottes Ohr.“

Meinen Arbeitgeber davon zu überzeugen, dass ich recht kurzfristig zwei Wochen Urlaub brauchen würde, gestaltete sich ohne Probleme. Für Frau van Barsick war wichtig, dass unser Servicebüro niemals mit weniger als vier Leuten besetzt war. Und da ich im entsprechenden Zeitraum der erste war, der urlauben wollte, bekam ich die Freigabe problemlos.

Als ich Natascha darüber in Kenntnis setzte, dass sie die Wohnung vorübergehend wieder alleine zur Verfügung haben würde, bat sie mich zu einem kurzen Gespräch.

„Marcel, du weißt, das mein Bruder in Moskau ist zu einem Praktikum und Ende September zurückkommen soll.“

Das wusste ich, ja – jetzt wieder. Irgendwie hatte ich das erfolgreich verdängt und mich dementsprechend noch kein Gramm um eine Nachfolgewohnung gekümmert. Und nach dem Trainingslager bliebe dafür nicht mehr viel Zeit… ein Schauer lief mir eiskalt den Rücken hinunter. Vorsichtshalber nickte ich nur und sah Natascha an – da kam doch was?

„Die Firma, in der er dort beschäftigt ist, hat ihm eine Dauerstellung angeboten. Lukrativ und besten Aufstiegschancen. Das heißt, er wird im Herbst nicht nach Wien zurückkommen, genauer gesagt vermutlich überhaupt nicht.“

Oh… löste sich hier grade mein Wohnungsproblem auf sehr unkonventionelle Art?

Natascha fuhr fort: „Im Gegenteil, er hat mich gefragt, ob ich nicht auch nach Moskau kommen würde. Nun, beruflich ist das eine einzigartige Möglichkeit, und das unsere Familie russische Wurzeln hat, dürfte dir nicht entgangen sein. Auf alle Fälle werde ich im September nach Russland gehen und werde diese Wohnung hier aufgeben. Ehe ich kündige, wollte ich dir aber anbieten, sie zu übernehmen. Leider kann ich dir nur zwei Tage Zeit geben, dich zu entscheiden.“

An diesem Abend glühte der Taschenrechner. Finanziell war das Drahtseilakt. Sicher, ich verdiente nicht schlecht. Aber Mietpreise in Wien sind vorsichtig ausgedrückt schweineteuer. Letztendlich kam ich zu dem Ergebnis, das ein monatlicher Betrag von rund 200 EURO, alle fixen Ausgaben und Kosten waren bereits abgerechnet, durchaus reichen sollte, um zu überleben.
Und ein paar stille Reserven waren ja auch noch vorhanden.
Ich war mir auf alle Fälle mit mir selbst einig, dass ich die Chance, diese Wohnung auf Mietbasis zu bekommen, nicht ungenutzt verstreichen lassen wollte. Und wenn es schief gehen sollte, loswerden würde ich sie immer. Spielend und schnell.
Schon am nächsten Tag informierte ich Natascha über meine Entscheidung, und als sie mir dann sogar noch anbot, mir die Ausstattung der Wohnung für einen symbolischen Preis zu überlassen, war mein wohnraumtechnisches Glück perfekt – vorerst jedenfalls.

Ich hatte also eine Sorge weniger, als ich fröhlichen Herzens das Gepäck für einen zweiwöchigen Ostseeaufenthalt packte. Mein Handy klingelte, das Display identifizierte Brigitte als den Teilnehmer, der mich zu sprechen wünschte.

Ich meldete mich, und sie legte sofort los: „Der Peter, du weißt, der Co-Trainer unserer Fußballer, hat gestern Abend einen Fahrradunfall gehabt. Er hat nur, nur in Anführungsstrichen, das Schlüsselbein gebrochen. Aber die Ostsee ist für ihn natürlich perdu. Und ich kriege keine weiteren Betreuer abgestellt. Wir können so nicht fahren. Hast du eine Idee?“

Ich erkundigte mich: „Es müssen vier Betreuer sein, ja?“

„Nach unseren internen Richtlinien auf alle Fälle. Wenn auch nur die kleinste Kleinigkeit passiert, komm ich in Teufels Küche. Wir haben jetzt nur sehr wenig Zeit, um Ersatz für den Peter aufzutreiben. Sonst muss ich morgen Nachmittag die ganze Geschichte absagen, so leid mir das tun würde.“

Uff… das hatte gesessen. Wir hatten jetzt keine 24 Stunden, um einen neuen Betreuer ausfindig zu machen – oder das Trainingslager abzusagen. Spontan fiel mir Natascha ein, aber die hatte natürlich mit ihrer Umsiedlung nach Moskau genügend zu tun.
Einer ziemlich abstrusen Idee folgend, behielt ich das Handy gleich in der Hand und wählte die Nummer meines besten Freundes. Erst befürchtete ich, er wäre im Krankenhaus auf Station und würde deswegen nicht erreichbar sein, aber nach nur einem Klingeln hatte ich ihn an der Muschel: „Hallo Tobi.
Ich habe hier ein ziemlich akutes Problem in Wien. Wie musst du nächste Woche arbeiten, hast du noch Resturlaub übrig und könntest davon eine Woche opfern?“

„Hast du so große Sehnsucht nach mir?“

Ja, so konnte man das in diesem Fall auch interpretieren. Ich wollte ihn dringend sehen! Sehr dringend.
Ich erzählte ihm, welcher akute Notfall den raschen Einsatz eines Krankenpfleger-Zivis erforderlich machte, und er lachte am anderen Ende der Leitung: „Dann hat die ganze Geschichte ja wenigstens etwas Gutes“ und begann mir von seinen jüngsten Erlebnissen auf Station mit nachfolgender Suspendierung zu berichten.

„Du hast also in dieser Woche frei und ab nächste Urlaub? Hervorragend. Komm mit nach Rügen, da kommst du sowieso auf Gedanke, Die Jungs werden dir wenig Zeit lassen.“

„Marci, ich muss mich um einen neuen Job kümmern! Ich steh in einem Monat mit nichts da!“

„Hab ich Chancen, dich zu überreden?“

„Hast du. Ich war schon lange nicht mehr an der Ostsee.“

„Pass auf, ich kläre das mit Brigitte ab – und du hältst dich bereit?“

„Ja, ich bin dabei.“

„Danke, Tobi. Ich könnt dich küssen!“

„Da hast du in den nächsten zwei Wochen noch genug Zeit zu. Klär lieber ab, ob ihr mich unterwegs irgendwo einsammeln könnt.“

„Mach ich, okay, bis später!“

Brigitte kannte Tobias nur vom Telefon, als es im Winter darum ging, eine schnucklige Überraschungs-Silvester-Party zu organisieren. Trotzdem wat sie von meiner Idee begeistert: „Okay, Marcel: Ich habe uneingeschränktes Vertrauen zu dir. Wenn du Tobias zutraust, dass er das mit uns durch- und übersteht, dann nehmen wir ihn mit. Daniel war damals begeistert von ihm, und ich hoffe, dass der Rest der Gruppe diese Auffassung zumindest annähernd teilt.“

In Folge weiterer mehr oder weniger ausgedehnter Telefonate verabredeten wir uns am Rastplatz Köckern in Sachsen-Anhalt. Fabian und Markus hatten sich sofort bereit erklärt, Tobias dort hinzubringen. Und Brigitte war davon zu überzeugen, den Teil der Busreise bis zu Tobis Aufnahme nur zu dritt im Betreuerstab zu absolvieren.
Also standen wir am Mittwoch in aller Herrgottsfrüh, genauer genommen noch mitten in der Nacht, vor der Wiener Caritas. Was den Vorteil hatte, dass sich die 16 Jungfußballer, alle im Alter zwischen 16 und 18, in erstaunlich pflegeleichtem Zustand präsentierten.
Die Reise verlief ausgesprochen problemlos, und im Bus schwebte die allgemein spürbare Vorfreude. Und auch nachdem die Jugendlichen richtig wach waren, blieb es ruhig im Bus. Musik wurde gehört, Karten gespielt, Zeitungen gelesen.
Es ging auch fast ganz ohne Videospiele, denn die konnte sich von den Jungs kaum jemand leisten. Ein einziger konnte ein solches Gerät sein eigen nennen – aber das durften alle benutzen, die daran Interesse hatten. In dieser Mannschaft stand Kameradschaft auf der Tagesordnung.
Kurz vor Köckern stieg mein Puls, und auch Danny hatte mir signalisiert, dass er sich wahnsinnig auf das Wiedersehen mit Tobi freute.
Als wir auf den Rastplatz rollten, sah ich sie schon stehen: Tobi, Fabian und den Jungen, der Markus sein musste. Ich selbst war ihm noch nie persönlich begegnet, hatte von dem jungen Glück zwischen ihm und Fabian nur per Telefon oder Mail erfahren. Die beiden passten auf den ersten Blick hervorragend zusammen, Fabian hatte einen exzellenten Geschmack bewiesen.
Wir hatten vereinbart, ein Outing durch überschwängliche Begrüßungen zu vermeiden. Nicht, dass wir damit ein Problem hatten, aber warum unnötige Probleme schaffen? Mit Brigitte hatten wir uns geeinigt, dass auf dem Rastplatz ein halbes Stündchen Buspause eingelegt werden sollte. Eine halbe Stunde, um bei einer Tasse Kaffee das Wiedersehen und Kennenlernen zu feiern.
Markus war ein ausgesprochen angenehmer Zeitgenosse, der im Geschäft der Eltern tätig war, anders als ich aber Ambitionen hatte, dieses später auch mal zu übernehmen. Fabian hatte ebenfalls einen sicheren Job im diakonischen Krankenhaus, der ihm darüber hinaus am Herzen lag und Freude bereitete. Beide wohnten zusammen und gingen einer glücklichen Zukunft entgegen… wie ich auch, wenn da nur noch jemand an meiner Seite wäre, mit dem ich diese Zukunft teilen könnte.
Danny, der direkt hinter mir saß, stupste mich in den Rücken, als wir wieder im Bus saßen und ich nachdenklich Markus und Fabian hinterher schaute, die sich in ihr Auto setzten und den Rückweg in die Altmark antraten: „Nicht ganz so auffällig. Dir läuft dein Glück auch schon noch über den Weg, und mir auch. Hoffe ich jedenfalls“, raunte er mir zu.

Es dauerte noch, bis wir unser Ziel erreicht hatten, und wenige Stunden und zwei Staus später rollten wir im Abendsonnenschein auf das Gelände des Selliner Ferienparks. Die Meute wollte jetzt nur noch eins: Duschen und dann ab ans Meer!

Ich grinste Raik, den Trainer, an und sagte laut Richtung Gruppe: „Sag mal… wenn das hier ein Trainingslager sein soll, müsste es doch jetzt aber ab auf den Platz gehen, oder?“
Die Reaktion war eindeutig und ließ sich wohl am besten mit vorsichtigem Nörgeln charakterisieren.

„Hm…“ Raik reagierte hervorragend und nahm meinen Steilpass geschickt an: „Okay, Jungs. Solange hier alles ruhig und gesittet abläuft, können wir über eine lockere Veranstaltung plaudern. So bald das ganze auch nur ein bisschen aus dem Ruder läuft, werdet ihr mehr und häufiger trainieren als jedes Profiteam, verstanden?“

Die Reaktion war eindeutig – die Jungs hatten es begriffen. Jetzt war Brigitte dran: „Okay, darüber, dass ihr den beiden hier“, sie zeigte auf Tobias und mich, „genauso zu gehorchen habt wie mir und Raik haben wir vorhin im Bus schon gesprochen. Ansonsten würden wir euch ganz gern an der langen Leine lassen. Wenn ihr was trinken wollt: Bier und Wein ja, in Maßen. Harte Sachen sind tabu! 23 Uhr sind alle im Gelände, dass ab 22 Uhr Zimmerlautstärke zu herrschen hat, ist klar. Fragen?“

Offenbar nicht, die Herrschaften hatten verstanden.

„Okay dann kommen wir zur Zimmeraufteilung. Tobias und Marcel werden auf eigenen Wunsch bei euch im Haus übernachten. Es gibt vier Dreibettzimmer, jeweils zwei im Erd- und Obergeschoss. Und wir haben zwei Zweibettzimmer. Eins davon, und zwar das unten, geht an die beiden Großen. Gegenstimmen?“

Raik hatte die Frage bewusst so formuliert, dass es keine geben konnte. „Gut, dann wartet darauf, dass Brigitte mit dem Schlüssel zurückkommt, das dort ist unser Haus. Teilt euch auf, wie ihr wollt. Und dann treffen wir uns in einer halben Stunde hier – in sportlicher Kleidung. Ihr wollt zum Strand, okay. Und da kann man ganz toll noch eine Runde Beachvolleyball spielen.“

Wenn man Glück, Erstaunen und Begeisterung nur in Kinderaugen vermutet, unterliegt man einem Irrtum. Niemals werde ich das Gesicht der Jungs vergessen, nachdem sie die Dünen überwunden hatten und an dem traumhaften weißen Strand von Sellin standen und auf die Ostsee schauten, die sich in der Abenddämmerung sanft an die Küste spülte.
An Volleyball war hier momentan nicht zu denken, die Jungs genossen einfach nur. Danny kam auf mich zu: „Marci, ich weiß, Raik möchte unbedingt noch Volleyball spielen. Aber wir werden hier doch gleich eine Wahnsinnssonnenuntergang erleben, oder?“

Ich warf einen abschätzenden Blick auf die See und in den Himmel. „Ja, das dürfte so sein.“

„Wir möchten das sehen. Bitte, wir legen morgen früh freiwillig eine Sonderschicht Strandlauf ein, wenns sein muss mit Volleyball hintendran. Kannst du mit Raik reden?!“

Diese verständliche Bitte konnte ich wohl nicht abschlagen. Ich schlenderte zum Trainer, der bereits im unweit vom Dünenaufgang befindlichen Beachvolleyballfeld Position bezogen hatte.

„Raik, wenn du dir Jungs anschaust – was fällt dir auf?“

„Nun, ich würde sagen: Das spiegelt sich schon ein bisschen Glück wieder.“

„Die Truppe möchte gern den Sonnenuntergang sehen und dafür morgen früh eine Trainingseinheit durchziehen – genehmigst du das?“

„Aber das können sie doch morgen auch noch sehen, oder?“

„So, wie die Sonne heute im Meer ertrinkt, gibt es das höchst selten zu sehen, weil vorher meist Wolkenschleier das Naturschauspiel beeinträchtigen. Gib ihnen frei heute Abend!“

„Okay – aber dafür morgen mindestens 30 Minuten Lauf vor dem Frühstück und eine Stunde Volleyball danach.“

„Ich denke, damit haben sie keine Probleme.“

Tobias hatte mittlerweile eine Palette Bier an den Strand gewuchtet und sie den Jungs hingestellt: „Hier, Leute. Genießt das, was ihr da zu sehen bekommt. Das ist selbst für hier hochgradig selten, Und bitte, keine Büchsen am Strand lassen, okay?“

Ich spracht mit Raik kurz noch das morgige Trainingsprogramm durch, dann zogen wir uns zurück und genossen ebenfalls, wie die untergehende Sonne die Ostsee erst in Brand steckte, dann versank und allmählich einsetzende Dunkelheit zurückließ.

Fabian flüsterte mir zu: „Wie gern hätte ich jetzt meinen Traumprinzen hier im Arm und würde mit ihm in einen unglaublich zärtlichen Kuss versinken, so wie die Sonne grade im Meer.“

Ich schluckte und hatte ziemliche Schwierigkeiten damit, mich zu beherrschen – streichelte ihm nur unsichtbar über den Rücken und hauchte: „Ja.“

Pünktlich um 23 Uhr, wie verlangt, waren alle Mitglieder unserer Delegation im Haus und setzten uns noch auf die Terrasse, um die laue Sommernacht zu genießen. Kaum vorstellbar, dass eine 16 Mann starke Rasselbande in der Lage ist, nachts auf Zimmerlautstärke herunterzufahren und nicht so zu agieren, wie das die Allgemeinheit von Jugendgruppen in dieser Stärke erwartet.
Nein, die Nachbarn fielen nicht aus ihren Betten. Nein, die Polizei musste weder mit Hundestaffel oder Schlagstöcken, sondern überhaupt nicht ausrücken. Und nein, es wurde keine Musik in einer Lautstärke gehört, die noch im Selliner Ortszentrum zu hören gewesen wäre.
Die Jungs saßen einfach nur auf der Terrasse, quatschten über Fußball und Mädels (die meisten jedenfalls) oder spielten im Kerzenlicht und Mondenschein Karten. Kurz vor Mitternacht gesellten sich sogar noch Brigitte und Raik zu uns, die im unmittelbar benachbarten Bungalow zu Hause waren.
Kurz vor eins löste sich die Runde auf, Tobi gab den Jungs noch eine Gute-Nacht-Gruß mit ins Bett: „Jungs, ich bin stolz auf euch, wir euch heute hier benommen habt. Ich hab euch erst heute kennen gelernt, aber wenn ihr weiter so macht, verspreche ich euch, dass wir gemeinsam zwei ganz tolle Wochen hier verbringen werden.“

Wenig später war Ruhe im Haus, und Tobi und ich lagen im Bett.

Er schaute mir in die Augen und „Allein dieser Abend war es Wert, dass du mich mitgenommen hast.“
Ich wuschelte ihm kurz über den Kopf – und wenig später waren wir im Reich der Träume gefangen. Punkt 7:30 Uhr am nächsten Morgen hieß es aufstehen. Zu unserem großen Erstaunen war aber ein großer Teil der Jungs bereits wach – für 8:00 Uhr war der Strandlauf angesetzt, der ja eigentlich noch vor dem Frühstück erfolgen sollte.
Wir profitierten sogar davon, dass der Großteil durch das WG-Leben auf Selbstversorgung eingestellt war. Einer der Jungs schmetterte uns ein fröhliches „Guten Morgen“ entgegen und wies auf eine gute gefüllte Kaffeekanne: „Bedient euch. Wollt ihr eigentlich mitlaufen?“

Wir schauten uns kurz an und wussten, dass wir sowieso keine andere Wahl hatten, um den Respekt der Truppe nicht zu verlieren. Also joggten wir eine gute Stunde am Strand, natürlich nicht durchgehend, immer mit ein paar Erholungspausen. Als wir zurückkamen, hatte Brigitte ein tolles Frühstück aus dem Hut gezaubert.

Der restliche Tag verging mit Volleyball, Ortsbesichtigung, Strandaufenthalt und Grillabend im Haus. Der Abend klang ähnlich idyllisch aus wie am Vorabend.
Da der nächste Morgen zur freien Verfügung stand, wurde das gemeinsame Frühstück spät angesetzt, und als wir uns gegen zehn um Brötchen, Kaffe und Co. kümmerten, waren noch immer nicht alle Jungs aus ihren Zimmern aufgetaucht.
Der letzte, der ins Esszimmer kam, war Clemens: „Jungs, haltet euch fest: Wir haben einen Schwulen in der Mannschaft.“
Ich fühlte Daniels unsichere und ängstliche Blicke. Er musste sich jetzt in seiner Haut natürlich besonders unwohl fühlen.

14. Tobias – Sommernacht

Mir wäre fast die Kaffeetasse aus der Hand gefallen – was war denn das grade für eine Ansage?

Ich suchte sofort den Blickkontakt mit Marcel, und der bedeutete mir, zuerst mal nichts zu sagen.

Einen fast unerträglich langen Moment war es ruhig am Frühstückstisch, dann stellte einer der Jungs die Frage, die jetzt wohl jedem auf der Seele brannte: „Wie kommst du drauf?“

Clemens hob mit spitzen Finger ein ziemlich eindeutiges Heft in die Höhe: „Das hier hab ich grade eben im Wohnzimmer gefunden … offenbar hat sich da gestern Abend noch jemand vergnügt.“

„Na und? Solange er sich nicht mit dir vergnügt hat?“, versuchte ein anderer Jungkicker, der Geschichte die Schärfe zu nehmen.

„Ach – ist wohl dein Heft?“

„Um Gottes Willen!“

„Wollen wir uns einmischen?“, flüsterte mir Marcel zu.

„Nein, lass sie mal noch machen.“

Es entbrannte eine hitzige Diskussion, in deren Verlauf sich natürlich niemand zu Erkennen gab, dem dieses Heft gehörte. Eine kleine Gruppe von drei Jungkickern fand den Gedanken unerträglich, mit „so einem“ unter einem Dach zu wohnen: „Wenn ich nur dran denke, dass mich hier einer als gedankliche Wichsvorlage benutzt, wird mir übel“, giftete Clemens.

Ich hielt es für angemessen, jetzt einzuschreiten: „So Jungs, Schluss jetzt. Ich bin mir hundertprozentig sicher, wenn es in eurer Mannschaft wirklich einen Spieler gibt, der auf Männer steht, dass der niemanden gegen seinen Willen anfassen würde. Ihr seid eine Mannschaft, und das sollte bedingungsloses Vertrauen unter euch voraussetzen. Dazu zählt auch, dass sich jemand auf Rückendeckung verlassen kann, der vielleicht ein bisschen außerhalb der sogenannten Normalität lebt.“

Clemens war noch immer skeptisch: „Und was ist meiner Sicherheit?“

„Ich glaube nicht, dass derjenige über dich herfällt. Grade nachdem du dich jetzt als schwulenfeindlich geoutet hast. Genau dadurch wird derjenige möglicherweise auch gezwungen, sich auch weiter zu verstecken.“

Marcel kam mir zur Hilfe: „Was ändert sich dadurch jetzt? Könnt ihr dadurch jetzt weniger Spaß hier haben?“

„Mit so einem will ich überhaupt keinen Spaß haben!“ Clemens schien unbelehrbar, aber es gab nur ein, zwei andere, die über diesen Spruch wirklich noch lachen konnten.

Marcel blieb äußerlich ruhig, für mich aber war spürbar, dass er innerlich kochte: „Vielleicht macht ihr euch mal ein paar Gedanken, wie solche Sprüche jemanden verletzten können. Und vielleicht sollten wir uns in zwei, drei Tagen noch mal über dieses Thema unterhalten. Oder gibt’s noch jemanden, der dazu etwas sagen möchte?“

„Ja, ich!“ Die Wortmeldung kam von Mannschaftskapitän Christoph: „Ich finde es nicht gut, wie Clemens hier diskriminiert. Ich fühle mich auch ein bisschen mulmig bei dem Gedanken, dass es hier offenbar einen Mann gibt, der Männer liebt. Was vermutlich daran liegt, dass ich bislang mit diesem Thema nicht konfrontiert worden bin. Aber solange nichts passiert, ist er ein vollwertiges Mitglied unseres Teams! Ich jedenfalls habe mich unter der Dusche noch nie beobachtet oder sogar angemacht gefühlt. Jeder hat das Recht, so zu leben wie er mag. Wer auch immer es ist, meine Unterstützung hat er, wenn er sich outen möchte.“

Es gab verhaltenes zustimmendes Klopfen auf dem Tisch, nur Clemens schüttelte missmutig seinen Kopf.

Marcel unterbrach die Diskussion: „So Jungs, ich denke dieses Thema sollte jeder erstmal mit sich ausmachen. Vielleicht könnt ihr auch im kleineren Kreis noch mal drüber sprechen. Klar ist aber, dass ich hier nichts mehr hören möchte, was in die Richtung schwulenfeindlich geht. Jeder soll so leben, wie er mag. Solange kein anderer dadurch beeinträchtigt wird. So, und jetzt wird Beach-Volleyball gespielt! Es bilden sich vier Mannschaften, und zu jedem Team kommt ein Betreuer dazu. Sonnencreme nicht vergessen, es wird heiß heute!“

Spielt es irgendeine Rolle, welche Platzierung mein Team beim Turnier belegte? Nein. Als eher sportdesinteressierter Mensch war ich meiner Mannschaft natürlich keine große Stütze. Sieger des Turniers wurden Marcel, Danny, Justin, Clemens und Christoph. Wobei ich über diese Konstellation mehrfach versteckt schmunzeln musste.

Als die Meute später quietschvergnügt in der Ostsee tobte, lagen Marcel und ich nebeneinander im Sand und ließen uns die Sonne auf den Rücken scheinen. „Wenn Clemens wüsste, dass er eben mit mindestens einem Schwulen zusammen gebaggert hat.“

Marcel lachte und antwortete: „Der Witz bei der ganzen Geschichte ist, dass ich vorhin kurz mit Danny geredet habe. Er schwört Stein und Bein, dass dieses Heft nicht von ihm ist. Ergo ist noch einer von uns in der Truppe. Vorausgesetzt, das Heft stammt nicht von dir. Davon aber gehe ich nicht aus.“

„Wieso sollte es von Danny sein? Moment, heißt das, Danny ist schwul? Und nein, von mir ist dieses Heftchen mit Sicherheit nicht.“

Marcel schluckte: „Stimmt natürlich, woher solltest du es wissen. Ja, Daniel hat sich ausgerechnet nach einem Fußballspiel bei mir geoutet und mir gesagt, so wie ich müsste mein Traumprinz auch mal sein.“

„Heißt das, er ist verliebt in dich?“

„Er liebt mich, ja. Aber ich glaube und hoffe, mehr als bester Freund oder großer Bruder. Und bitte, sag ihm nichts davon, dass wir drüber geredet haben, okay? Er soll selbst entscheiden, wem er es sagt.“

Ich nickte, und in dem Moment klingelte mein Handy. Am Display konnte ich bereits erkennen, dass der Gesprächspartner, der mich zu sprechen wünschte, vom Diakonischen Krankenhaus kam. Mit einem merkwürdigen Gefühl meldete ich mich und hatte den Pflegedienstleiter am anderen Ende. „Tobias, ich kann ihnen mitteilen, dass sie vollständig rehabilitiert sind. Sowohl Schwester Viola als auch Frau Pflitzner haben bestätigt, dass in dem Moment, als sie den toten Patienten entdeckten, niemand vom Fachpersonal zu erreichen war. Dies betreffend läuft eine Untersuchung gegen die Stationsschwester. Leider aber weigert sich Dr. Wernicke, das Übernahmeangebot aufrecht zu erhalten. Es tut mir leid.“

„Okay, trotzdem vielen Dank, dass sie Bescheid gesagt haben.“

Ich klärte Marcel über die Entwicklungen auf, der sofort messerscharf analysierte: „Um es kurz zu machen, es hat sich für dich nichts geändert. Du bist nach wie vor auf Jobsuche.“

„Ja, aber lass uns da jetzt nicht drüberreden. Von hier aus kann ich sowieso nichts ändern, und es wird nicht besser, wenn ich mir den Kopf zermartere. Ich will die Zeit jetzt hier genießen.“

„Ja, du hast Recht.“ Er streichelte mir kurz über den Rücken und schaute nachdenklich auf das Wasser.

Der Hitze war es zu verdanken, dass an diesem Tag sämtliche weitere sportliche Aktivitäten fußballerischer Natur eingestellt wurden und Raik sich darauf beschränkte, die Fitness seiner Sportler am Strand beziehungsweise im Wasser zu testen.

Am Abend saß die gesamte Meute dann wieder auf der Terrasse, es wurde gegrillt, Musik gehört und gespielt – und eigentlich war das morgendliche Gespräch in keinerlei Weise mehr spürbar.

Kurz nach Mitternacht bereits waren die Fußballer übermüdet auf ihren Zimmern, und auch Marcel hatte sich bereits zurückgezogen, – die gute Seeluft hatte ganze Arbeit geleistet. Ich hatte mir noch ein Bier geholt und mich dafür entschieden, noch ein bisschen die laue sternenklare Nacht zu genießen und verschiedenen Gedanken nachzuhängen.

„Du bist ja noch wach“, wurde ich aus der Dunkelheit heraus von einer weiblichen Stimme unterbrochen. Demnach konnte es nur Brigitte sein, und so war es natürlich auch.

„Ja, ich genieße die Dunkelheit und die Ruhe ein bisschen.“

„Tobias, dann kann ich mich gleich bei dir bedanken, dass du so kurzfristig eingesprungen bist. Ich möchte nicht wissen, wie die Jungs auf eine Absage der Fahrt reagiert hätten“

„Ich bin gern mitgekommen. Zum einen wegen der See, zum anderen wegen Marcel und dann natürlich auch wegen der Aufgabe. Weißt du, ich hatte in den letzten Monaten immer mit meist pflegebedürftigen Patienten beim Wehrersatzdienst zu tun. Da ist eine Jugendgruppe ein sehr angenehmer Gegensatz, zumal die Jungs so unglaublich lieb sind, wie man es von einer Truppe in diesem Alter nie erwartet.“

„Ja, das stimmt“, sinnierte Brigitte. „Ich habe da auch schon ganz andere Gruppen gehabt. Wenn ich da so vergleiche, sind wir mit Engeln unterwegs.“

„Ja, das passt zum Wetter. Es heißt doch, wenn Engel reisen, lacht der Himmel, oder?“

„Stimmt“, lachte sie und fuhr fort: „War es eigentlich schwer, so kurzfristig Urlaub von deinem Dienstgeber zu bekommen?“

Ich erzählte ihr in Kürze, was sich ereignet hatte.

„Übel. Aber was die Stationsschwester da gemacht hat, ist ja schon fahrlässig. Dass du da aber nun drunter leiden musst, find ich wenig glücklich.“ Brigitte schwieg einen Moment und fragte dann: „Und willst du dort in der Region bleiben oder könntest du dir auch vorstellen, wo anders hin zu gehen? Und willst du unbedingt im Pflegebereich bleiben? Was hast du mal gelernt?“

„Ich bin für alles offen, und gelernt hab ich Hotelkaufmann. Und das mach ich genauso gern wie die Pflegegeschichte. Um es kurz zu machen: Ich nehme, was kommt.“

Sie nickte und lächelte mir zu: „Ich bin sicher, dass du etwas passendes finden wirst. Bei deinen vielseitigen Fähigkeiten.“

„Hoffentlich erkennen die auch andere.“

„Wie gesagt: Ich bin mir sicher. Sicher bin ich mir aber auch darüber, dass ich Probleme mit dem Aufstehen haben werde, wenn ich nicht bald ins Bett gehe. Mach du auch nicht mehr so lange!“

„Ich trink nur noch aus. Nacht, Brigitte.“

Wenig später stand ich auch auf und versuchte, möglichst geräuscharm ins Haus und von dort ins Bett zu kommen, was daran scheiterte, dass ich mit irgendjemandem zusammenstieß.

„Verdammt, warum schleichst du hier mitten in der Nacht rum?“

„Tobi? Mein Gott, bin ich froh, dass du es bist. Wer weiß, was irgendwer anders denkt, wenn ich hier nachts durchs Haus geistere.“

„Danny, wo bitte wolltest du denn hin geistern? Und wer auch immer dich beim geistern erwischt, muss sich die gleiche Frage beantworten lassen.“

„Ich kann nicht schlafen und wollte noch ein bisschen frische Luft genießen.“

„Na warte, ich komm mit. Eigentlich wollte ich schlafen gehen, aber bei so lieber Gesellschaft bleib ich natürlich gern noch wach. Oder wolltest du lieber allein sein?“

„Ich grüble und grüble wegen der Geschichte mit dem Heft von heute morgen. Von euch kommt das doch nicht, oder?“

Ich verneinte.

„Was meinst du, Tobi? Wer könnte hier neben mir noch schwul sein in dieser Mannschaft?“

Ich lächelte ihn an: „Nun, Danny, bis heute hab ich es noch nicht mal von dir gewusst.“

Er schaute mich mit großen Augen an: „Wow… dass er es nicht mal dir erzählt hat.“

Wir redeten noch eine ganze Zeit über seine schlimmste Zeit am Bahnhof, sein jetziges Leben und seine Zukunft. Fußball, sein Job in der Gärtnerei und die tiefe Freundschaft mit Marcel – Daniel hatte den Absturz verhindert und den Weg in ein geregeltes Leben gefunden, in dem er seine frühere „Familie“ nicht mehr vermisste.

Irgendwann in dieser Nacht hatte ihn die Müdigkeit übermannt und er hatte sich auf das Zimmer zurückgezogen, während ich hellwach war. Kurz nach halb zwei!

Ich beschloss, die wenigen Meter zum Strand zu gehen, um noch ein paar Blicke auf die nächtliche Ostsee im Mondenschein zu erhaschen.

Der Stand war menschenleer, fast jedenfalls. In einem Strandkorb konnte ich deutlich die Konturen eines Menschen erkennen, der mir dazu auch noch bekannt vorkam, trotz der nur spärlichen Beleuchtung durch den Erdtrabanten.

Ich schlenderte langsam auf ihn zu und begann diplomatisch: „Clemens, was machst du um diese Zeit hier? Ich meine gehört zu haben, dass es hieß, um elf abends sind alle auf dem Gelände.“

„Ich konnte nicht schlafen. Außerdem bist du auch hier!“

Ein überzeugendes Argument, dem ich aber den Wind aus den Segeln nehmen konnte: „Na, vielleicht hab ich dich ja gesucht?“

„Na, egal, darauf kommts jetzt auch nicht mehr drauf an. Wollt ihr mich jetzt zurückschicken?“

Erklär mir doch erstmal, was los ist. Über alles andere können wir dann immer noch reden.“

„Der Christoph hat mich heute Abend wegen der Nummer beim Frühstück böse zur Schnecke gemacht, und seitdem denke ich nach, über das Schwulsein und so. Weißt du, von klein auf habe ich von meinem Vater zu hören bekommen, wie pervers und abnormal die sind. Tja, und als mein kleiner Bruder dann mit seinem besten Freund erwischt wurde, hat mein Vater ihn halb totgeschlagen. Mein Bruder hat seinen gesamten Lebensmut verloren, mein Alter sitzt im Gefängnis – ich habe wegen eines Schwulen, auf den mein Bruder reingefallen ist, meine ganze Familie verloren!“

Ich ahnte bereits, dass ich eine verkehrte Frage stellte: „Was ist mit deiner Mutter?“

Er schüttelte nur den Kopf: „Sie starb, als ich sechs war. Mein Vater hat sich nie wirklich davon erholt.“

„Hast du noch Kontakt zu deinem Bruder? Und wie alt ist der?“

„Er wird 16 und ist jetzt in ständiger psychologischer Betreuung, sein Zustand bessert sich nur sehr langsam.“

„Okay, pass auf Clemens: Als aller erstes glaube ich nicht, dass der Junge, der damals bei deinem Bruder war, irgendetwas gemacht hat, was gegen den Willen deines Bruders war, oder? Zumal es sein bester Freund war.“

Er zuckte die Schultern

„Was wurde aus dem Freund?“

„Mein Vater hat ihn krankenhausreif geprügelt. Er lag auch mit Gehirnerschütterung im Krankenhaus, viel mehr kann ich nicht sagen.“

„Kennst du seine Adresse, weißt du, wo er wohnt?“

„Ich hab seine Telefonnummer und weiß, auf welche Schule er mal ging.“

„Vielleicht solltest du mal versuchen, mit deinem Bruder darüber zu reden. Wenn das damals zwischen den Beiden einvernehmlich geschehen ist, dann könnte ein Besuch von seinem Freund deinem Bruder dabei helfen, schneller gesund zu werden.“

Wir saßen einen Moment lang schweigend, hörten nur vor uns das leichte Brausen der Brandung.

„Tobias? Danke. Ich glaube, ich habe ganz schön Mist gebaut. Aber ich hab gedacht, die Schwulen sind hinter jedem x-beliebigen Arsch her.“

„Würdest du mit jeder Frau in die Kiste hüpfen?“

„Um Gottes Willen!“

„Siehst du, nicht anders ist das bei den Schwulen. Oder hast du irgendwie den Eindruck, dass ich dich anbaggern oder gar mehr von dir wollte?“

„Du? Du bist… schwul? Aber davon merkt man ja gar nichts.“

„Meinst du, ich schmücke mich mit rosa Wattebällchen und mache heititei, nur damit ich den Klischees entspreche?“

Er lachte vorsichtig. „Oh Mann. Wissen das welche von der Truppe?“

„Zumindest Marcel und Brigitte. Hausieren gehe ich natürlich nicht damit.“

„Danke, dass du mir vertraut hast. Ich glaube, ich kann jetzt viel besser schlafen. Ich werde mich morgen bei der Mannschaft entschuldigen.“

Langsam gingen wir die paar Meter zum Gelände zurück. Clemens nahm den Weg durch die Vordertür, weil er von dort sein Bett am besten erreichen konnte, während ich über die Terrasse zurück ins Haus wollte und auch dorthin verschwunden wäre, wenn auf der Terrasse nicht jemand gesessen hätte.

Ich stöhnte gedanklich und fragte mich im Stillen, was mich denn nun noch erwarten würde. Mittlerweile ging es auf um drei zu.

Es war Justin, der eine Flasche Bier in der Hand hatte und in Gedanken versunken war.
„Ich will dich ja nicht erschrecken, aber vielleicht erklärst du mir doch, was du kurz vor Sonnenaufgang auf der Terrasse machst?“

Er hatte sich erschrocken, offensichtlich. „Verdammt, Tobias. Was machst du denn noch hier? Ich bin wach geworden, weil einer so erbärmlich geschnarcht hat, na, und dann konnte ich nicht wieder einschlafen.“

Immerhin hatte er schon ein wenig geschlafen… für mich hingegen war es das dritte Mal in dieser Nacht, dass mir irgendwer über den Weg lief, der nicht schlafen konnte. Und deswegen konnte ich wiederum nicht schlafen!

Egal… ich sah ihm an, dass er geweint hatte. „Was ist los?“

Er schüttelte nur den Kopf.

„Du sitzt doch hier nicht mitten in der Nacht, kannst nicht schlafen und weinst, weil nichts ist!“

„Ach, es ist wegen Clemens. Das hat alles so weh getan heute Morgen.“

Das Puzzle fügte sich langsam ineinander. Zwar mitten in der Nacht, aber es fügte sich.

„Dann rate ich mal: Das Heft kam von dir?“

Er nickte und sah mich ängstlich an. Wie sag ich’s meinem Kinde?

Ich legte ihm den Arm um die Schulter: „Du brauchst keine Angst zu haben. Rein theoretisch hätte das Blättchen nämlich auch von mir sein können.“

Er schaute mich an und reagierte so, wie ich es gut eine Stunde zuvor schon einmal erlebt hatte: „Du? Du bist… schwul? Aber davon merkt man ja gar nichts.“

Ja, das hatte ich schon mal irgendwann gehört in dieser Nacht: „Was willst du denn da merken? Bei dir merkt man doch auch nichts!“

„Das stimmt. Außer, dass ich zu blöd bin, meine Sachen mitzunehmen. Ich war gestern Nacht im Wohnzimmer und hab mich,… na ja, ein bisschen erleichtert halt. Und nach dem Finale Grande hab ich wohl den Heißmacher vergessen“.

„Geh, bitte, du brauchst doch kein Heft, um dich heißzumachen. Ich wette 10:1, dass du in irgendwen aus der Mannschaft hoffnungslos verliebt bist.“ Ich pokerte ein bisschen, um ihn aus der Reserve zu locken. Justin ließ das mit sich zu so später beziehungsweise früher Stunde problemlos machen.

„Das stimmt schon, ich hatte das Heft eigentlich auch nur zum Lesen mit. Meine Gedanken waren reellerer Natur. Kein Kunststück mit so einem süßen Jungen in meinem Zimmer.“

„Bist du in einem Dreibettzimmer?“

Er nickte: „Mit Christoph und Daniel.“

„Wer ist es?“

„Daniel“, hauchte Justin.

Hätte ich jetzt eine Kaffeetasse in der Hand gehabt, wäre sie mir wieder fast aus der Hand gefallen – so wie fast 18 Stunden vorher am Frühstückstisch.

Ich sah ihn lange an und war mehrfach davor, einfach loszulachen. Ich konnte mich allerdings beherrschen und sagte ihm: „Justin, ich weiß, dass du keine Angst davor haben musst, dass Danny das genauso sieht wie Clemens, der übrigens aus verständlichen Gründen überreagiert hat. Ich hab mit ihm vorhin gesprochen. Bitte, rede mit Daniel, Versteck deine Gefühle nicht, du brauchst vor ihm wirklich keine Angst zu haben, okay?“

„Du meinst, ich soll mit ihm reden? Gleich heute?“

„Ja. Wenn du ihn jetzt nicht weckst, ist das ein sehr guter Plan.“

Wir redeten noch ein paar Minuten, dann verabschiedete sich Justin, um den zweiten Teil seiner Nachtruhe wahrzunehmen. Ich blickte nach Osten und schaute in die einsetzende Morgendämmerung. Und wenn ich daran dachte, dass ich um neun wieder aufstehen musste, war durchaus der Begriff Morgengrauen gerechtfertigt.

Immerhin überstand ich die letzten Meter ins Zimmer, ohne dass mir noch irgendjemand in die Arme lief. Ich schlüpfte ins Bett und warf noch einen langen Blick auf Marcel, der neben mir im Bett lag und der unglaublich süß aussah. Ich hauchte ihm einen Kuss auf die Wangen und war nur Sekunden später im Reich der Träume.

15. Marcel – Rotationsprinzip
Nach einer wunderbar durchschlafenen Nacht wachte ich am Morgen nach dem Sieg meines Beachvolleyball-Teams dadurch auf, dass mich lieblicher Kaffeeduft in der Nase kitzelte. Lieblich war auch das Bild, dass sich neben mir bot: Tobi lag mit freiem Oberkörper und offenbar im Tiefschlaf neben mir. Ich brachte es nicht fertig, ihn zu wecken – konnte mich aber auch irgendwie von seinem Anblick lösen. Ich streichelte ihm vorsichtig durchs Haar, küsste ihn sanft und schlich mich dann so leise wie möglich in die Richtung, in der ich den Ursprung des Kaffeeduftes vermutete.
Tatsächlich saßen fast alle Jungs bereit zu neuen Schandtaten am Tisch – auf den ersten Blick fehlten nur Clemens, Daniel und Justin.
Und wie gestern war Clemens dann der letzte, der in die Frühstücksrunde komplettierte, und wieder hatte er eine Nachricht für uns: „Jungs, ich habe heute Nacht lange nachgedacht und glaube, dass ich gestern einen großen Fehler gemacht habe. Ich hab da nicht drüber nachgedacht, was ich gesagt habe, sondern habe einfach nur ein paar Vorurteile übernommen, die ich ein ganzes Leben lang gehört habe. Ich werd nun nicht hurra schreien, aber wollte klarstellen, dass von mir niemand was zu befürchten hat.“
Zustimmendes Gemurmel bestätigte, dass diese Angelegenheit wohl endgültig vom Tisch war. Entsprechend ruhig und ausgelassen wurden die restlichen Tage unseres Ostsee-Aufenthaltes. Die fröhliche Stimmung wich erst dann, als es hieß, in den Bus einzusteigen.
Es gab nicht wenige Jungs unserer Truppe, die beim Abschied vom Meer die ein oder andere Träne in die Ostsee getropft haben und sich derer nicht schämten.
Die Rückreise verlief ohne Zwischenfälle, und ich hatte kaum Zeit, alle Eindrücke zu verarbeiten. Abends um 23 Uhr war ich in der Wohnung, am nächsten Morgen begann um acht Uhr mein Dienst im Service-Center.
Im Anschluss fuhr ich ins Caritas-Büro und traf auf Brigitte, die sich grade mit Justin in einem Gespräch befand. „Hallo ihr zwei, stör ich euch?“
Brigitte schüttelte den Kopf: „Nein, überhaupt nicht. Mit dir muss ich sowieso noch sprechen. Weißt du auf Anhieb, ob bei Daniel in der WG noch ein Zimmer frei ist?“
„Im Moment glaube ich nicht“
„Justin würde nämlich sehr gern zu Daniel ziehen.“
„Dafür ist es aber erforderlich, dass er ein Praktikum macht oder eine Ausbildungsstelle hat, soviel ich weiß.“
„Ich weiß, darum haben wir uns grade gekümmert. Daniel beginnt ja im September eine Lehre bei dem Gärtnereiunternehmen, und Justin wird dann dort die offene Praktikumsstelle übernehmen und bekommt die Chance, für ein paar Monate als Hilfsarbeiter einzusteigen und dann ebenfalls eine Lehre zu machen.“
Ich wandte mich an Justin: „Das klingt gut. Aber wo wohnst du bisher und was hast du bislang gemacht?“
„Tja, ich habe einfach so in den Tag hinein gelebt“, und nannte mir die Adresse eines Kinderheims, in dem er aktuell wohnte.
„Du wirst doch aber auch bald 18, oder? Dann werfen sie dich doch da auch raus, oder?“
„Ja.“
Ich beschloss, der ganzen Sache ein bisschen genauer auf den Grund zu gehen. „Und warum machst du dir da jetzt Gedanken drüber?“
„Es ist wegen Daniel. Wir haben in den letzten Tagen in Sellin viel geredet. Ich möchte genau so wie er rein in ein geregeltes Leben. Wenn’s geht in seiner Nähe.“
„Okay. Wir werden alles Erdenkliche in Bewegung setzen, damit du möglichst schnell in die WG kannst. So lange hältst du es im Heim aus?“
„Wird schon gehen.“
„Wenn nicht, wendest du dich an Brigitte, versprochen?“
„Okay.“
Nachdem der Junge weg war, erkundigte ich mich bei Brigitte: „Sag mal, ist es nicht möglich, dass er zu Daniel ins Zimmer zieht?“
Sie lachte mich an: „Ja, das kriegen wir sicher durch. Vorausgesetzt, Daniel stimmt dem zu. Soll ich mal mit dem zuständigen Betreuer telefonieren?“
„Ja, mach das. Was wolltest du denn eigentlich von mir?“
„Ich habe heute Morgen mit der Zentrale gesprochen und habe wegen einer neuen Vollzeitstelle für das Büro hier angefragt – und sie auch genehmigt bekommen. Am Allerliebsten würde ich diese Stelle mit dir besetzen. Was denkst du?“
„Tja… ich denke, dass ich erstmal wissen müsste, wie die Konditionen sind. Machen würde ich es natürlich unglaublich gern.“
Sie schob mit einen Zettel über den Schreibtisch – und das drauf stehende Angebot war sogar geringfügig besser als das, was ich aktuell bei der Bank verdiente.
In meinem Kopf begann sich ein Gedanke breit zu machen. „Wie lange habe ich Bedenkzeit?“ „Zwei Tage, dann gibt’s ne Ausschreibung.“

Am nächsten Morgen saß ich bei Frau van Barsick. „Sie wissen ja, dass ich nebenbei ehrenamtlich ein bisschen für die Caritas tätig bin. Das Wiener Büro hat mir jetzt ein einmaliges Angebot gemacht, hauptberuflich im Verwaltungssektor tätig zu werden. Ich würde dieses Angebot sehr gern annehmen. Schweren Herzens insofern, dass ich unglaublich gern in diesem Team arbeite. Ich könnte ihnen aber gleich einen Nachfolger vorschlagen.“
„Nun, ich will gar nicht erst versuchen, sie großartig zu halten. Offenbar haben sie sich ja entschieden. Um wen handelt es sich?“
„Ein guter Freund von mir, der im gleichen Hotel wie ich die gleiche Lehre absolviert hat und bis vor kurzem Zivildiener war.“
„Gut, ich rede mit Dr. Lugauer.“
Nur wenige Minuten später wurde ich ins Vorstandzimmer gerufen. Doktor Lugauer redete nicht lange um den heißen Brei herum: „Ich verliere nur sehr ungern einen so kompetenten Mann wie sie. Ich rechne ihnen aber hoch an, dass sie sich Gedanken machen und hoffe, dass ihr vorgeschlagener Nachfolger genau so viel auf dem Kasten hat wie sie. Folgender Vorschlag: Bestellen sie ihn zum Gespräch, wenn alles passt, kann er gleich dableiben, sie arbeiten ihn zwei Wochen ein bis zum Monatsende und sind dann frei für ihren neuen Job. Passt das?“
„Ja, schon. Aber bitte gestatten sie mir Bedenkzeit bis morgen früh, ich muss meinen Freund wenigstens anrufen.“
Doktor Lugauer zwinkerte mir lächelnd zu: „Ist das nun ihr Freund oder ein Freund?“
„Einer, aber ein sehr guter.“
„Gut, ich erwarte also morgen ihre Nachricht.“
Nachdem ich am Abend zu Hause angekommen war, schnappte ich mir das Handy und setzte mich auf den Balkon, ließ meinen Blick über die Donau schweifen, suchte Tobis Nummer im Verzeichnis und wartete, bis er sich meldete.
Nach ein paar Einleitungsfloskeln brachte ich die Sache auf den Punkt: „Sag mal, Großer, was macht deine Jobsituation?“
„Hab ein paar Bewerbungen losgeschickt, aber was Tolles oder Herausragendes war noch nicht dabei.“
„Kannst du dir vorstellen, den Job zu machen, den ich mache?“
Ich erklärte ihm kurz mein Tätigkeitsprofil, und er fragte mich: „Worauf willst du hinaus?“
„Darauf, dass mir Brigitte einen Job angeboten hat. Und ich bei der Bank gesagt hab, ich wüsste vielleicht einen Nachfolger.“
Einen Moment war es still am anderen Ende der Leitung: „Das ist jetzt aber nicht dein Ernst, oder?“

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