Killian – Teil 1

Auf einer Ranch in Argentinien saß ich auf einem Baumstamm und beobachtete unsere Gauchos beim Einreiten der Pferde. Ich sollte mich vielleicht erst einmal vorstellen; mein Name ist Killian und ich bin sechzehn Jahre alt. Passend zu meinen schwarzen, schulterlangen Haaren, die gelockt sind, habe ich pechschwarze Augen.

Ich bin 1,75m groß oder klein, je nach dem wie man’s sieht. Ich bin kein Muskelprotz und auch kein Weichei. Trotzdem verabscheue ich Gewalt. Genau wie die Gauchos trug ich Bombachas, weite Hosen, die an den Knöcheln zugeknöpft sind, so dass sie in die Lederstiefel passen.

Dazu hatte ich um die Taille eine Schärpe, die Fajta, gebunden, die ich mit der Rasta, einem steifen, mit Silbermünzen geschmückten Ledergürtel verdeckte. Obenrum trug ich ein kariertes Hemd und ein Halstuch. Mein Hut hing am Rücken. So wie ich gekleidet war, könnte man mich mit jemandem von den Gauchos verwechseln, denn genau wie sie, war auch ich farbig.

Ein weißer Mann mit verwuschelten braunen Haaren kam auf mich zu gerannt. Es war mein Vater. Ihr wundert euch vielleicht wie ich zu einem weißen Vater komme, obwohl ich doch selber farbig bin. Das ist ganz einfach.

Meine Mutter ist auch farbig, ich bin aber nicht ganz so dunkel wie sie, sondern etwas heller. Genau wie meine zwei Brüder Nico und Joshua. Kommen wir zurück zur Geschichte.

„Killian, ich habe dich schon überall gesucht.”

„Jetzt hast du mich ja gefunden. Was gibt es denn, Papá? Ist irgendwas passiert oder warum suchst du mich?”

„Kommst du mal mit ins Haus”, forderte mich mein Vater auf, „deine Mutter und ich haben etwas mit dir zu besprechen.”

„Gut ich komme. Über was wollt ihr den mit mir reden?”

„Warte bis wir drinnen sind, dann erfährst du alles.”

Wir gingen schweigend zum Haus und ich fragte mich was überhaupt los sei.

Dort angekommen, begaben wir uns ins Wohnzimmer zu meiner Mamá.

„Was wollt ihr mir denn jetzt sagen? Macht es doch nicht so spannend.”

„Jetzt setz dich doch erst einmal, dann reden wir.”

Ich setzte mich neben meine Mamá auf die Couch.

Sie nahm meine Hand in ihre und schaute mich lächelnd mit sanften schwarzen Augen an, dann fing sie an zu reden: „Killian, hör jetzt erst einmal zu, bevor du irgendwas dazu sagst.”

„Bien, aber worum geht es denn?”

„Also es geht um Folgendes”, begann mein Vater, „wir, also deine Mutter und ich, haben uns entschieden dich auf ein Internat zu schicken. Wir sind der Meinung es würde dir gut tun und du könntest mal etwas anderes als Santalia und Buenos Aires sehen. Was hältst du davon?”

„Was ich davon halte? Ihr habt sie doch nicht mehr alle. Ich werde da niemals hingehen. Ihr wollt mich doch nur loswerden. Bedeute ich euch den gar nichts mehr?”, schrie ich sie an.

Damit rannte ich aus dem Raum. An der Wohnzimmertüre blieb ich noch einmal kurz stehen und blickte mich um. Wie versteinert saßen meine Eltern da, unfähig ein Wort zu sagen und unfähig zu verstehen, warum ich so heftig reagierte.

Ich ließ sie sitzen, lief in Richtung der Pferdeweiden, schnappte mir das erstbeste Pferd und ritt davon.

Ziellos ritt ich einfach drauf los bis ich an einen kleinen See kam. Hierher kam ich immer wenn es mir nicht gut ging oder ich nachdenken musste. Ich stieg vom Pferd und ging zum Ufer.

Langsam kletterte ich auf den Ast eines Baumes der über den See ragte und setzte mich dort hin, ließ die Beine ins Wasser baumeln. Wieso tun sie mir das an? Wieso schicken sie mich weg? Wollen sie mich nicht mehr hier haben? Lieben sie mich nicht mehr?

Ich weiß nicht wie lange ich dort saß, doch als die Sonne langsam unterging, beschloss ich zurück zureiten.

Auf einem Hügel machte ich halt und schaute mich um. Von dort aus konnte man unsere ganze Ranch, Santalia genannt, überblicken. Santalia stand auf einer fruchtbaren Ebene der argentinischen Pampa.

Von dort dehnte sich der weite Horizont Meilen über Meilen. Das Land hier war flach wie ein Teller, man konnte in jede Himmelsrichtung weitreichend sehen. Doch soviel gab es nicht wirklich zu sehen, die nächsten Nachbarn waren sehr weit entfernt.

Am Eingang der Ranch hing eine große Tafel, auf der in großen Lettern S A N T A L I A zu lesen war. Die Zufahrt war lang gezogen und staubig. Sie wurde von hohen Ahornbäumen gesäumt. Insgesamt gab es auf Santalia fünf Haupthäuser.

Eines davon gehörte den Eltern meines Vaters, die anderen ihren vier Kindern, also meinem Vater Aleandro und seinen Brüdern Miguel, Micha und Carlo.

Die Häuser waren noch im alten Stil, da mein Urururgroßvater sie gebaut hatte, sie hatten ein flaches Dach und waren weiß gestrichen. An den beiden vorderen Ecken erhoben sich zwei Türme.

In unserem Haus war in dem einen Turm das Schlafzimmer meiner Eltern und in dem anderen das Zimmer meines ältesten Bruders Nico, da es die schönsten Zimmer im Haus waren. Sie waren um einen Hof gruppiert, in dessen Mitte ein schöner, alter Brunnen stand.

Die Häuser waren nur durch große Bäume voneinander getrennt, die im gleichen Abstand gepflanzt wurden, um dadurch einen parkähnlichen Eindruck zu schaffen. Vor jedem Haus befand sich eine große Terrasse, auf denen wir bei wärmeren Tagen meist alle zusammen aßen.

Um die Ranch herum waren viele Weiden mit Pferden, da mein Onkel Miguel sie züchtete, um sie in der ganzen Welt zu verkaufen.

Der Hügel auf dem ich im Moment stand, wurde künstlich aufgeschüttet. Er war abgeschirmt mit Bäumen und Büschen. Hier oben gab es einen Swimmingpool und einen Tennisplatz, die wir uns alle teilten.

Die Gauchos, die ich schon mal erwähnt habe, kümmern sich um die Pferde. Sie wohnten in Häusern auf der Ranch, die man Ranchos nannte. Ihre Frauen und Töchter arbeiteten als Dienstmädchen, Köchinnen und dergleichen für uns.

Doch dies war keine Pflicht, jeder konnte sich hier aussuchen was er machen wollte und sie mussten nicht für uns arbeiten, doch die meisten taten es freiwillig, weil sie nicht gerne weg wollten von hier.

‚Denn hier ist es einfach herrlich. Wie wird mir das alles fehlen.’ Meine Mutter war früher ein Dienstmädchen bis sie meinen Vater kennen lernte und sie sich ineinander verliebten.

‚Dies alles soll ich verlassen? Nur um in ein blödes Internat zu gehen? Was haben sich meine Eltern nur dabei gedacht? Beschließen das einfach ohne mich zu fragen.’ Mit diesen Gedanken ritt ich nach Hause und begab mich direkt in die Küche, denn ich hatte seit dem Frühstück nichts mehr gegessen und jetzt machte sich der Hunger bemerkbar.

Als ich in der Küche ankam, hatte unsere Köchin Sofie mir schon etwas zu essen gemacht.

„Ich hab mir gedacht, du hast bestimmt Hunger. Deshalb hab ich dir etwas warm gemacht. Lass es dir schmecken.”

„Danke Sofie. Was würde ich nur ohne dich machen?”

„Du würdest verhungern”, sagte sie lachend.

Ich hatte Sofie sehr gern, man konnte mit ihr über einfach alles reden und sie hatte immer einen Rat auf Lager.

„Ich hab gehört deine Eltern wollen dich auf ein Internat schicken…”

„Ich werde da aber nicht hingehen”, unterbrach ich sie.

„Wieso denn nicht?”

„Was soll ich denn da? In einem Internat sind doch nur eingebildete Idioten, die meinen sie wären die Besten der Besten. Ich will da nicht hin.”

„Also das stimmt ja wohl nicht. Es sind doch nicht nur ‚eingebildete Idioten’ dort, sondern auch ganz normale Jugendliche wie du. Vielleicht findest du dort sogar ein paar Freunde, dann wärst du nicht so allein.”

„Vielleicht. Was mich aber am meisten aufregt, ist die Tatsache, dass meine Eltern das alles ohne mich zu fragen entschieden haben. Sie hätten mich wenigstens fragen können.”

„Hätten sie dich gefragt, wärst du dann dorthin gegangen?”

„Nein, natürlich nicht.”

„Siehst du. Deshalb haben sie dich nicht gefragt. Schlaf doch erst einmal eine Nacht drüber. Vielleicht findest du die Idee morgen schon viel besser.”

„Ich weiß nicht. Aber ich schlaf mal eine Nacht drüber.”

Ich ging nach oben in mein Zimmer und setzte mich an meinen PC um mich etwas abzulenken. Nach einer Zeit klopfte es an der Türe.

„Herein.”

Nico kam in mein Zimmer und setzte sich auf mein Bett.

„Hey Killi, wie geht’s dir?”

„Hey Nico, wie soll es mir schon gehen. Sie wollen mich auf ein Internat schicken.”

„Ich weiß, aber was ist daran so schlimm?”

„Was daran so schlimm ist? Ich will da nicht hin. Ich will hier bleiben. Was soll ich den dort bei den ganzen Idioten?”

„Also ich wäre froh, wenn ich die Chance gehabt hätte auf ein Internat zu gehen.”

„Wieso denn das?”

„Ganz einfach, man könnte dort neue Leute kennen lernen und außerdem kommt man mal hier raus. Was hast du den schon Großartiges gesehen. Santalia und Buenos Aires. Doch mehr nicht. Je nach dem wo das Internat ist, siehst du was ganz Neues. Also ich an deiner Stelle würde es mal versuchen und wenn du es dort nicht aushältst, kannst du ja wieder hier her kommen.”

„Mhh, na ja darüber muss ich mal nachdenken. Lässt du mich bitte allein?”

„Ja klar, schlaf gut.”

„Ja du auch.”

Als ich auf die Uhr schaute, merkte ich, dass es schon nach Mitternacht war und beschloss so ins Bett zu gehen. Also machte ich den Computer aus und mich bettfertig. Doch ich konnte lange nicht einschlafen. Viel zu sehr beschäftigte mich der Gedanke in ein Internat zu müssen. Schließlich schlief ich erschöpft ein.

„Aufstehen”, brüllte mein kleiner, fünfjähriger Bruder Joshua in mein Ohr.

Ich wäre vor Schreck fast aus dem Bett gefallen. Was Joshua nur zum Lachen brachte. ‚Na warte Kleiner das kriegst du wieder’ Ich stürzte mich auf ihn und kitzelte ihn durch.

„Lass…haha…das, lass…haha…mich in…haha…Ruhe…haha…Hör auf…”

Da ich fand, er hatte genug gelitten, ließ ich ihn los.

„Das hast du nun davon, dass du mich weckst.”

„Du Killi, Nico hat gesagt du gehst weg, stimmt das?”, fragte Joshua ganz leise.

„Vielleicht. Warum fragst du, Kleiner.”

„Ich will nicht, dass du gehst. Wer spielt dann mit mir?”

„Nico ist doch auch noch da.”

„Aber ich hab dich viel lieber.”

„Komm darüber reden wir gleich, ich hab Hunger.”

„Ich auch.”

„Wer zuerst unten ist…”, damit rannten wir nach unten, wobei ich ihn extra gewinnen ließ.

Nach dem Frühstück meinte ich zu meinen Eltern:

„Kann ich mal mit euch reden?”

„Ja klar, gehen wir ins Wohnzimmer.”

Im Wohnzimmer setzte ich mich erst einmal und schwieg noch ein bisschen.

„Also Killian wegen gestern…”, fing mein Papá an doch ich unterbrach ihn, „deshalb wollte ich mit euch reden. Warum wollt ihr mich auf ein Internat schicken?”

„Wir dachten einfach es sei das Beste für dich. Wir haben uns gedacht, du könntest dort Freunde finden und dann wärst du nicht mehr so allein. Außerdem haben wir gedacht, dass es dir nicht schaden könnte, wenn du mal was anderes siehst.”

„Na gut, dann erzählt mal was darüber.”

„Tja, was sollen wir dir erzählen? Am Besten schaust du dir das Info-Material, das wir bekommen haben, an. Da drin steht das Wichtigste. Wirst du da hingehen?”

„Das weiß ich noch nicht, Mamà. Gebt mir bitte noch etwas Zeit um darüber nachdenken zu können.”, bat ich meine Eltern. Ich wollte mir erst mal die Broschüren anschauen und dann weiter sehen.

„Bien, wir lassen dir die Zeit, doch auch nicht zu lange. Sagen wir in einer Woche teilst du uns deine Entscheidung mit”, meinte mein Vater ruhig.

„Warum nur eine Woche?”
„Weil der Flug in zwei Wochen geht.”

„WAS? Schon? Da habt ihr euch ja echt viel Zeit gelassen, mir Bescheid zu sagen”, fuhr ich sie an und stand auf. In meinem Zimmer legte ich mich auf das Bett und schloss die Augen.

‚Wie konnten sie nur? Und mir dann auch nur noch zwei Wochen hier geben…’

Seufzend schlug ich die Augen auf und blickte auf die Broschüren, die ich vor meinem Bett fallen gelassen hatte. Schaden konnte es ja nicht, also hob ich sie auf.

‚Sieht eigentlich gar nicht so schlecht aus, das Internat.’ Auf der Titelseite prangte ein Bild des Gebäudes zusammen mit der Umgebung… ein Wald und auch ein See. Es sah sehr idyllisch aus.

Jetzt doch ein bisschen neugierig las ich mir alles durch, doch soviel wurde mir da auch nicht erklärt. Das Wichtigste was ich fand war, dass es ein reines Jungeninternat war. Das hörte sich dann doch schon mal sehr positiv an. Auch wenn es mich nicht wirklich überzeugte nur deswegen dahin zu gehen.

Suchend blätterte ich mich durch das Material. Es interessierte mich nun doch wo denn dieses Internat überhaupt sei. Das hatten mir meine Eltern nicht gesagt. Auf der vorletzten Seite fand ich schließlich die Information.

‚Keswick…England…hmm…’ Ich konnte mit dem Namen des Ortes nicht viel anfangen. Kurzerhand setzte ich mich an meinen PC und versuche etwas über den Ort herauszufinden.

Was ich dort entdeckte, sah nicht mal so schlecht aus. Das Internat hatte ich direkt gefunden. Es lag sehr idyllisch, in der Nähe eines Sees und eines Waldes. Doch dies konnte ich ja auch schon auf der Broschüre sehen. Sehr hilfreich war da das Internet nicht. Ich entdeckte sonst nur noch ein Pferdegestüt in der Nähe. Ob man dann dort reiten konnte? Doch sonst schien da nicht viel los zu sein. Die nächsten Orte lagen etwas entfernt…

‚Was soll ich da nur? Ist doch genauso abgeschieden wie hier…’

Enttäuscht machte ich den PC aus und beschloss zu Manuel zu gehen. Er war mein bester Freund und ich musste unbedingt mit jemand anderem darüber reden. Gesagt, getan. Ich zog mir etwas Bequemes an und ging in den Stall um zu Manuel zu reiten. Kaum betrat ich den Stall begrüßte mich Donners Schnauben. Donner war mein eigenes Pferd und er war sehr temperamentvoll. Ließ sich nur von mir reiten. Zu gern erinnerte ich mich an Nicos ersten und einzigen Versuch auf ihm zu reiten. Er flog im hohen Bogen hinunter direkt in ein Schlammloch. Geschah ihm schon ganz recht. Ich hatte ihn ja vorher gewarnt. Aber er wollte ja nicht auf mich hören.

Ich trat in Donners Box und strich ihm sanft über die Nüstern. „Na mein Großer. Bereit für einen Ausritt?”

Erwartungsvoll trippelte er auf der Stelle. Wollte endlich hier raus. Zügig sattelte ich ihn und führte ihn hinaus. Kaum saß ich auf, lenkte ich ihn in Richtung Manuels Zuhause und ließ Donner freien Lauf. Schnell kam er in den Galopp und raste nur so über die Pampa. Ich genoss es sehr mir den Wind um die Ohren sausen zu lassen. Ein gelöstes Lächeln zierte mein Gesicht.

Viel zu schnell kamen wir bei Manuel an. Ich hätte noch stundenlang so weiter ‚fliegen’ können. Zielsicher ging Donner von allein in Richtung der Ställe, war er doch schon sehr oft hier. Rasch versorgte ich ihn und ging dann ins Haus. Da die Häuser immer sehr weit voneinander entfernt lagen, war es meist so, dass die Türen immer offen standen. So auch hier.

„MANUEL”, schrie ich einmal laut durch das Haus. So ersparte ich mir das lange Suchen, denn schon erscholl ein „JAA?” mir entgegen. Es konnte nur aus seinem Zimmer kommen. In Manus Zimmer fand ich ihn faul auf dem Bett liegend vor.

„Du bist auch echt nur am faulenzen, oder?”

„Killian, schön dich zu sehen. Hast du was anderes erwartet? Wir haben Ferien.”

„Rutsch mal etwas”, wies ich ihn an und setzte mich zu ihm auf das Bett. „Ich brauch deinen Rat”, war alles was ich sagen musste, damit sich Manu aufsetzte und mich ernst anguckte.

„Was ist denn los?”

„Sie wollen mich in ein Internat stecken…”

„WAS?”, unterbrach mich Manu direkt. „Wieso denn das? Warum…wie…wo…”, stotterte er vor sich hin.

„Ja, ich weiß auch nicht wie sie auf die Idee kommen. Ich soll mehr von der Welt sehen, dabei ist das Internat genauso abgeschieden wie hier.”

„Was von der Welt sehen? Wo ist das Internat denn dann?”, fragte er verzweifelt, schien er doch schon zu ahnen, dass ihm die Antwort nicht gefallen würde.

„In England”, seufzte ich. Mir passte es nicht, dass es so weit weg war.

„WAS!!! Das ist doch nicht deren Ernst, oder? Die können dich doch nicht einfach da hinschicken…”

„Doch. Sie meinen zwar sie würden mich nur hinschicken, wenn ich zustimme, aber gleichzeitig haben sie gesagt, dass der Flug in zwei Wochen geht”, murmelte ich monoton runter.

„In zwei Wochen schon? Aber das ist ja gar nicht mehr so lang…”, richtig erschüttert sah Manuel mich an.

Mit einem kläglichen Lächeln versuchte ich ihn zu beruhigen, das wirkte aber genauso wenig wie bei mir selbst. Es war nur noch so kurz Zeit. Sanft zog Manuel mich in seine Arme.

„Was denkst du denn, Killi? Wirst du hingehen?”, fragend sah er mich an.

„Ich weiß es nicht. ich möchte hier nicht weg. Was soll ich denn nur machen, Manu?”

Verzweifelt ließ ich mich gegen seine Schulter fallen und starrte vor mich hin.

„Hmmhmm…”

Lange Zeit saßen wir beide einfach nur da und dachten nach. Wirklich weg wollte ich nicht. Hier hatte ich meine Familie, meine Freunde und meine Pferde. Wie sollte ich denn allein in einem anderen Land parat kommen? Meine Eltern stellen sich das ja wirklich leicht vor.

„…mal versucht”, hörte ich da plötzlich Manu flüstern.

Verwirrt weil ich nicht alles mitbekommen hatte, schaute ich ihn an.

„Ich meinte, ob du es nicht mal versuchen willst. Wenn ich so drüber nachdenke, stell ich mir das gar nicht mal so schlimm vor. Du könntest dort dein Englisch verbessern, neue Leute kennen lernen. Aber andererseits will ich hier auch nicht auf dich verzichten müssen…”

Total mit der Situation überfordert, schaute ich ihn nur an.

„Weißt du was, Killian? Ich entscheid jetzt einfach für dich”, grinste er mich frech an.
„Ach ja? Und wie entscheidest du da?”

„Na du gehst hin. Ist es eigentlich ein gemischtes Internat oder nicht?”

„Nur für Jungs”, sagte ich leise. Ich ahnte schon was jetzt kommen würde. Und ich sollte recht behalten.
„Na noch besser. Dann findest du vielleicht endlich mal einen netten Jungen. Aber den musst du dann unbedingt mit hierher bringen. Ich muss ja schauen, ob er auch gut für dich”, grinste er.

Lachend schüttelte ich den Kopf. Um das zu verstehen muss man wissen, dass ich schwul bin. Ich habe mich vor einem Jahr bei meiner Familie geoutet und dann nach und nach bei all meinen Freunden. Bis auf zwei, drei Freunde kommen alle damit klar. Auch meine Familie.

Manu hatte es sich seit dem zur Aufgabe gemacht, mir seiner Meinung nach passende Typen vorzuschlagen, wenn wir aus waren. Doch mal ganz ehrlich, Manu hatte in dieser Hinsicht einen ganz gewaltig falschen Geschmack. Doch er ignorierte es, egal wie oft ich ihm dies sagte, was mich jedes Mal doch nur lächeln ließ. War ich doch sehr froh, dass er das so gut aufnahm, dass ich schwul war.

***

Als ich am späten Abend wieder nach Hause ritt, war ich der Idee nach England zu gehen, gar nicht mehr so abgeneigt, wenn selbst Manu fand, das ich es mal versuchen sollte.

In meinem Zimmer angekommen, ließ ich mich müde auf mein Bett fallen. Die Mühe mich umzuziehen, machte ich mir nicht. Ich zog mir einfach nur T-Shirt und Hose aus und rutschte unter die Decke. Bald darauf war ich auch schon eingeschlafen.

***

Am nächsten Morgen ging ich immer noch etwas müde zum Frühstück. Meine Familie saß schon da und hatte natürlich nicht auf mich gewartet, sondern einfach schon angefangen zu essen.
„Guten Morgen alle zusammen.”

„Guten Morgen, Killian”, kam es vierstimmig zurück.

„Kann ich gleich mal mit euch reden?”, fragte ich meine Eltern und auf ein Nicken von ihnen fing ich an zu essen.

Nach einem ausgedehnten Frühstück meinerseits, gingen wir ins Wohnzimmer und meine Eltern sahen mich erwartungsvoll an. Ich sah ihnen an, dass sie hofften, dass ich mit ihnen über das Internat reden wollte.

Bevor mich mein ganzer Mut verließ und ich es mir doch wieder anders überlegte, sagte ich schnell zu ihnen:

„IchwerdenachEnglandgehen.” Erleichtert, dass es raus war, sah ich sie an.

„Noch mal langsam Killian”, fing mein Vater an. „was hast du gesagt? Ich habe nicht ein Wort verstanden.”

‚Mierda! (Mist!) jetzt muss ich es noch mal sagen.’

„Ich werde nach England gehen”, sagte ich diesmal verständlicher.

„Wirklich? das ist ja wunderbar”, strahlte mich meine Mutter an und nahm mich in den Arm.

So war das auch beschlossene Sache.

***

Die zwei Wochen bis zur Abreise vergingen ungewohnt schnell. Ich hatte gar nicht genug Zeit um noch viel mit meinen Freunden zu unternehmen. Und doch verbrachten wir fast die ganze Zeit miteinander. Machten mehrere Ausritte oder gingen schwimmen. An manchen Abenden saßen wir auch einfach nur beisammen.

Am Tag vor der Abreise gab ich noch eine kleine Feier. Alle meine Freunde und meine ganze Familie kamen. Das Fest wurde ein rauschendes Erlebnis und ich hatte sehr viel Spaß auch wenn es allgegenwärtig war, dass der Abschied nun bald anstand.

***

Am Abend brachten mich meine Eltern zum Flughafen. Meine Mamá nahm mich in den Arm.

„Ruf an, wenn du da bist und pass auf dich auf.”

„Ja Mamá, mach ich.”

Auch mein Vater nahm mich noch schnell in den Arm. Dann musste ich los, da mein Flug aufgerufen wurde.

„Tschüss.”

Ich saß ihm Flugzeug und es startete. Ich musste die ganze Zeit an gestern denken, als ich mich schon mal von dem Rest der Familie verabschiedet hatte. Besonders an Joshua musste ich denken. Der hatte gestern andauernd geheult und wollte mich heute gar nicht fort lassen…

Wenn ich an den bevorstehenden Start dachte, wurde mir ganz flau im Magen. Ich war noch nie geflogen und hatte doch schon etwas Bammel davor.

„Na aufgeregt?”, fragte eine ruhige Stimme neben mir.

Mein Blick nach rechts wendend, schaute ich einen Mann, ich schätzte ihn so auf Mitte 30 ein, an, der mich beruhigend anlächelte. Offenbar wusste er genau was in mir vorging.

„Bist du schon mal geflogen?”, fragte er mich weiterhin.

„Nein, das ist mein erster Flug”, antwortete ich ihm.

„So schlimm ist das gar nicht. Nur der Start und die Landung fühlen sich etwas komisch an, aber sonst musst du dir keine Gedanken machen. Man ist auch immer sehr schnell in der Luft.”

„Wenn Sie es sagen”, meinte ich nur leise und konzentrierte mich wieder auf die Sicherheitshinweise der Stewardess. So ganz geheuer war mir das Ganze nicht. Immer wieder betete ich leise flüsternd vor mich her.

Als das Flugzeug anfing, sich zu bewegen, krallte ich mich in das erst Beste was ich finden konnte. Also das Starten mochte ich schon mal gar nicht.

„Junge, hey Junge, könntest du bitte meinen Arm wieder freigeben”, hörte ich es auf einmal neben mir, mit schmerzverzerrter Stimme.

Erschrocken blickte ich dort hin und sah, dass ich meine Hand in den Arm meines Nachbarn gekrallt hatte. ‚Oh man, das kann auch nur mir passieren.’ Schnell zog ich meinen Arm zurück.

„Perdón. Das wollte ich nicht.”, entschuldigend sah ich ihn an.

„Schon gut. Darf ich deinen Namen erfahren, immerhin werden wir noch sehr lange hier sitzen.”

„Ich bin Killian Solana.”
„Freut mich dich kennen zu lernen, Killian. Ich darf dich doch duzten, oder? Ich bin Akish Yamamoto.”

„Ja, das dürfen Sie. Yamamoto…sind Sie Japaner?” Neugierig musterte ich Akish. Ja, er sah schon etwas japanisch aus. Mit seinen schwarzen kurzen Haaren und diesen leichten japanischen Touch.

„Ja, da hast du recht. Deinem Outfit entnehme ich mal, dass du gebürtiger Argentinier bist?”

Lachend sah ich an mir herunter. Ich hatte die gleiche Kleidung an, die ich auch in Argentinien immer so gerne getragen habe: Bombachas, Faja, Rasta, Hemd und Halstuch, und Stiefel. Ich fühl mich darin einfach am wohlsten.

„Sí.” War alles was ich dazu sagte.

„Was haben Sie denn in Argentinien gemacht?”, fragte ich nach einiger Zeit neugierig.

„Ich habe meine Schwester besucht, sie lebt schon länger dort. Das hab ich dann gleich mit meinem Urlaub gekoppelt.”

„Und dann geht es jetzt wieder nach Hause? Leben Sie in England oder geht es von dort noch weiter?”

„Nein, ich lebe in England. Es geht jetzt direkt zur Arbeit weiter. Bevor du gleich weiter fragst, ich bin Lehrer an dem Mirehouse Internat in der Nähe von Keswick.”

„In Keswick? Wirklich?”

„Ja.”

„Wie ist es dort so? kann man es dort aushalten? Ich soll da nämlich hin. Bin auch gerade auf dem Weg dahin.”, fragte ich ihn total begeistert schon mal jemanden von dort kennen zu lernen.

Herr Yamamoto erzählte mir sehr viel von dem Internat, wie es aufgebaut war und wie es dort so in etwa ablief. Ich war sehr froh, dass ich endlich etwas Nützliches über dieses erfuhr.

Irgendwann musste ich eingeschlafen sein, denn als ich die Augen wieder öffnete war es strahlend heller Tag und dass, obwohl wir ja abends losgeflogen sind. Ein Blick rechts neben mir, zeigte, dass Herr Yamamoto noch schlief. Verschlafen schaute ich mich im Flieger um und erkannte weiter vorne die Stewardess, die ein Frühstück austeilte…oder war es schon das Mittagessen? Prüfend schaute ich auf die Uhr. Wohl eher das Mittagessen immerhin hatten wir schon halb eins. Bevor sie bei uns ankam, beschloss ich Akish zu wecken. Ich war mir sicher, dass er auch Hunger hatte, ich hatte ihn auf jeden Fall.

„Herr Yamamoto, aufwachen. Es gibt Essen. Herr Yamamoto!” Dabei schüttelte ich ihn an seiner Schulter und langsam schien er wach zu werden.

Etwas verpeilt schaute er mich an und musste wohl erst mal seine Gedanken ordnen um zu wissen, was nun los ist.

„Hm?”

„Es gibt Mittagessen. Ich dachte Sie wollten vielleicht auch etwas.”

„Ja, danke.”

Da kam auch schon die Stewardess und fragte uns was wir denn wollten. Na ja sehr appetitlich sah das Essen nicht aus. Man konnte es aber gerade noch so herunterwürgen.

Die Zeit bis zur Landung vertrieben wir uns auch noch und als es wieder runter ging, krallte ich mich fast wie von selbst erneut in Yamamotos Arm, der das mit einem schmerzvollen Aufseufzen begrüßte.

Als wir das Flugzeug verließen, schwankte ich ein wenig. Fast 17 Stunden ununterbrochen zu sitzen, war nicht gerade sehr angenehm. Ich folgte die ganze Zeit Herrn Yamamoto, war ich doch froh, dass ich mich hier nicht alleine zurecht finden musste.

„Wie kommst du eigentlich zum Internat, Killian?”
„Ich weiß nicht. Vielleicht mit einem Taxi?”, fragend sah ich ihn an.

„Das würde ich lieber lassen, es ist eine sehr lange Fahrt und würde dich sehr viel kosten. Ich könnte dich mitnehmen, wenn du möchtest. Mein Auto steht hier.”

„Ja gerne, danke.”

Zusammen gingen wir zu seinem Auto und bepackten es großzügig mit unserem Gepäck.
„Na dann steig mal ein. Unterwegs werden wir auch mal Rast machen und was Ordentliches essen gehen. Einverstanden?”

„Ja”, war alles was ich daraufhin sagte. Kaum saß ich, da ging die Fahrt los.

Wir sind in Blackpool gelandet und die Stadt sah aus wie jede andere auch. Doch als wir sie verließen, begrüßten uns grüne Felder links und rechts. Das erinnerte mich sehr an zu Hause und ich war froh, dass es hier scheinbar nicht ganz so anders war.

„Herr Yamamoto, wie lange werden wir denn fahren?”
„Hm, mit der eingeplanten Rast, denk ich mal sind wir in zweieinhalb Stunden am Internat.”

„WAS? So lange?” ‚Toll, wieder so lange sitzen…’

„Ja, aber ich denke, dir wird die Fahrt gefallen. Die Landschaft hier ist wirklich sehr schön und umso näher wir dem Internat kommen umso schöner wird sie.”

„Na da bin ich aber mal gespannt.”

Und so verging die Fahrt. Am Anfang veränderte sich die Landschaft nicht wirklich. immer wieder waren da Felder und ab und an kamen wir durch eine Stadt.

Ich muss eingeschlafen sein. Als ich ein Rütteln an meiner Schulter spürte, öffnete ich erschlagen meine Augen

„Sind wir schon da?”, murmelte ich leise.

Akish lachte, „Nein, wir machen nur Rast. Ich dachte du hast vielleicht Hunger. Das Essen im Flugzeug war ja nicht gerade… na ja.”

Doch statt einer Antwort von mir, bekam er sie von meinem Magen, der sich lautstark zu Wort meldete. Ich wurde rot.

„Kein Grund dich zu schämen. Na los, lass uns essen gehen.”

Das Essen hier in der Gaststätte schmeckte hervorragend.

„Wo sind wir jetzt eigentlich? Haben wir es noch weit?”

Es war wirklich schön nicht allein dort hin reisen zu müssen. Ich hätte mich bestimmt zu Tode gelangweilt.

„Wir sind jetzt in Windermere und haben etwas mehr als die Hälfte hinter uns gelassen. Also ein wenig fahren wir dann schon noch.”

Seufzend ließ ich den Kopf auf den Tisch fallen. Ich mochte nicht mehr. Dies jedes Jahr ein paar Mal durchmachen zu müssen, würde die Hölle werden. Wie kamen meine Eltern nur unbedingt auf dieses Internat.

„Kopf hoch, Killian. Wir haben es bis hierher geschafft, dann schaffen wir auch noch das letzte Stück.”

„Wenn Sie meinen.”

„Ja, tu ich und nun los. Wir fahren weiter.”

Als wir wieder auf der Straße waren, entdeckte ich links von uns immer wieder mal ein Stückchen Wasser.
„Ist das dort ein See?”

„Ja, das ist der Windermere See. Leicht zu merken”, grinste er.

Gespannt sah ich weiter hinaus. Die Landschaft schien sich doch etwas verändert zu haben. Hier und da sah ich immer wieder einen neuen See. Die Gegend hier schien sehr viele davon zu haben. Schon nach kurzer Zeit tauchten vor uns Berge auf, die in der Mitte geteilt waren, jedenfalls befand sich genau dazwischen eine Straße. Berge hatten wir bei uns nicht und so betrachtete ich sie schon sehr interessiert. War ich doch für jedes Neue was ich sah, sehr dankbar. Als wir direkt an einem See vorbeifuhren, musste ich ihn die ganze Zeit anschauen. Ich liebte das Wasser genauso sehr wie die weite Pampa bei uns zu Hause.

Kaum hatten wir die Berge verlassen, begrüßten uns überall grüne Felder.
„Dort hinten”, dabei deutete Yamamoto nach links vorne. „liegt Keswick. Vom Internat aus fährt jede Stunde ein Bus dort hin. Es gibt in jedem Monat nur ein Wochenende an dem ihr dorthin dürft. Wenn ihr öfter dort hin wollt, geht das nur mit einer Sondererlaubnis. Aber die zu bekommen, ist schwer. Da muss man schon einen guten Grund angeben.”

„Nur einmal im Monat in die Stadt? Und wenn man aber vorher schon etwas braucht?” Zu sagen, dass ich geschockt war, war untertrieben. Ich verstand es nicht. Warum durften wir nicht wann wir wollten in die Stadt?

„Im Internat selbst gibt es einen Kiosk, der auch alles Notwendige führt. Das meiste wirst du also dort finden. Für den Rest musst du halt warten”, erklärte Akish.

Grummelnd drückte ich mich etwas tiefer in den Sitz und starrte nach draußen. Das waren ja tolle Neuigkeiten…

„Jetzt gleich kannst du es sehen”, schreckte mich Herr Yamamotos Stimme aus meinen Gedanken auf.

Gespannt sah ich nach vorne und ja, da war es. Es sah aus wie ein altes Herrenhaus. Einfach fantastisch. Wir hielten auf einem Hof und direkt vor uns erstreckte sich das Hauptgebäude, wie mir Akish sagte.

„Und wie gefällt es dir?”, fragte er mich beim Aussteigen.

„Es ist super.” Begeistert sah ich mich um. Direkt hinter uns erstreckte sich ein Wald und dahinter reckten sich Berge dem Himmel entgegen.

„Hier im Hauptgebäude befinden sich alle wichtigen Räume, Büros, Klassenzimmer sowie ein Teil der Lehrerwohnungen. Ihr Schüler seid im Nebengebäude links untergebracht. Rechts befindet sich der ganze sportliche Teil, Sporthalle, verschiedene Plätze.” Damit nahm er sich sein Gepäck und ging voraus.

„Ich würde gerne noch etwas hier bleiben und es noch auf mich wirken lassen.”

„Gut mach das. Wir sehen uns dann bestimmt später.”

Ich blieb also noch eine Weile hier stehen und nahm die ganze Umgebung war. Hinter dem Haus sah ich Wasser in der Sonne aufblitzen. ‚Das musste der See sein, der auf dem Prospekt zu sehen war.’

Ich kramte meine sieben Sachen zusammen und ging auf die Eingangstür zu. Noch einmal tief einatmen und dann…

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