Adventskalender – Spieglein, Spieglein an der Wand – Teil 18

Ich sah zum Fenster hinaus und es war alles mit Schnee überzogen. Dementsprechend langsam befuhr David die Straße.

Glenda hatte mir das „Du“ angeboten, nachdem sie recht belustigt festgestellt hatte, dass David und ich wohl jetzt ein frisch gebackenes Paar waren. Paul zog natürlich nach. So musste ich meinen Chef nun nicht mehr mit „Sie“ anreden.

Nachdem David alles erklärt hatte, hatten ich beide sofort bereit erklärt, uns mit Rat und Tat zur Seite stehen. Auch wollten sie den Familienanwalt einschalten, um meine Möglichkeiten gegenüber Thomas auszuloten.

Als wir an meinem Haus ankamen, war dieses hell erleuchtet. David befuhr das Grundstück und blieb dicht hinter meinem Mini stehen, der Dank Carport noch schneefrei war. Angus schien auch jetzt noch aktiv gewesen zu sein, denn der Weg zur Eingangstür, war freigeschaufelt worden.

David stieg aus und ging zum Kofferraum, dort zog er einen Koffer und eine Kleidertasche heraus. Wir waren vorher noch bei ihm zu Hause vorbei gefahren und er hatte in Windeseile ein paar Sachen zusammengepackt.

Er war der Meinung, dass er mich auf keinen Fall jetzt alleine lassen wollte. Ich war ebenso ausgestiegen und lief langsam den kleinen Weg zur Haustür, die gerade geöffnet wurde. In ihr erschien Angus.

„Boah, ich habe mir so Sorgen gemacht. Im Fernseh haben sie angekündigt, dass der Schnee noch heftiger wird und man, wenn es geht zu Hause bleiben sollte.“

„Wir sind gut durchgekommen, aber ich musste eben langsam machen“, erklärte David hinter mir, dessen Mund dabei mehrere Nebelschwanden verließen.

Ich klopfte meine Schuhe auf der Treppe ab und trat ein.

„Ziehst du bei uns ein?“, fragte Angus, als er die Sachen in Davids Hand sah.

„So in etwa…“, grinste er Angus an.

„Cool, da hab ich ja zwei Personen, bei denen ich mich nachts ankuscheln kann!“

„Angus!“, sagte ich leicht angesäuert.

„Sorry“, kam es von Angus, er zog den Kopf ein und verschwand schnell Richtung Wohnbereich.

David schob die Haustür zu.

„He, er meint es doch nur gut mit dir…“

Ich sagte nichts, sondern lehnte meinen Kopf gegen Davids Beust.

„Wenn du mich meine Sachen kurz hoch bringen lässt, dann bin ich ganz für dich da…“

„Hört das irgendwann auf?“, fragte ich leise.

„Das Wort „irgendwann“, hörte ich nur in meinem Kopf und ich wusste genau, wo das her kam.

Ich ließ David frei und er lief die Treppe hinauf. Während ich mich des Schals entledigte und den Reisverschluss meiner Jacke herunter zog, drehte ich mich zum Spiegel.“

„Wann…?“, sagte ich nur und schaute gespannt in den Spiegel, aber nichts tat sich.

Vorsichtig legte ich meine Hand auf die Glasfläche. Sie war warm und wieder erschienen die wellenartigen Bewegungen um meine Hand herum. Aber mein Spiegelbild war nach wie vor vorhanden.

„Ich schaff das nicht…, Granny fehlt mir…, ich weiß einfach nicht weiter.“

Granny ist nach wie vor für dich da und du bist auch sonst nicht alleine…“

„Mit wem redest du?“, hörte ich Davids Stimme hinter mir.

Erschrocken fuhr ich herum und musste feststellen, dass ich nicht bemerkt hatte, dass David wieder die Treppe herunter gekommen war. Ich hob meine Hand und rieb mir über die Stirn. Angus erschien wieder in der Tür und schaute unsicher zwischen mir und David hin und her.

Ich atmete tief durch und fasste einen Beschluss.

Meine Hand wanderte Richtung David, ich hielt sie ihm hin.

„Komm, ich möchte dir etwas erzählen!“

Fassungslos schaute er mich an.

„Willst…, willst du es ihm wirklich erzählen?“, kam es von Angus.

„Ja, ich will keine Geheimnisse vor David haben und… und… ich würde ihm gerne Granny vorstellen.“

„Darf ich mit?“

„Granny…“, David hatte wohl wieder seine Sprache gefunden, „… wo wollt ihr hin?“

„Komm, ich möchte dir da etwas erklären.“

David kam langsam die Treppe herunter und er hatte wie ich immer noch seinen Anzug an.

„Worüber redet ihr beiden?“

Ich hielt ihm immer noch meine Hand entgegen. Zaghaft griff er danach und ich zog ihn Richtung Wohnbereich. Unsicher schaute er zwischen mir und Angus hin und her, als ich ihn auf die Couch drückte und ich mich neben ihn setzte. Seine Hand hatte ich die ganze Zeit nicht losgelassen.

„David…“, ich stockte kurz, weil ich nicht wusste, wie ich mich ausdrücken sollte.

„Was würdest du sagen, wenn wir drei irgendwo hingehen könnten, wo wir nicht belästigt werden, unsere Ruhe haben“, übernahm Angus meinen Part.

David schaute zu Angus, dann wieder zu mir.

„Es gibt da etwas, was ich dir nicht über meine Familie erzählt habe…“

„Noch etwas…?“, stammelte mein Gegenüber.

Ich nickte ihm zu.

„Meine Granny stammt nicht von hier.“

„Wie…, wie meinst du das?“

„Granny stammt aus einem anderen Land.“

„… aus einem anderen Land“, blabberte er mir nach.

„Einem Land, das hier… in dieser Welt nicht existiert!“

Wieder schaute David ungläubig zu Angus, bevor er den Kopf zu mir drehte.

„Ich verstehe nicht… du redest, als würde deine Großmutter noch leben.“

Ich wiegte meinen Kopf etwas hin und her.

„…tut sie…, aber nicht hier…“

„Wie…, wie ist das möglich, du hast erzählt, sie ist vor fünf Jahren gestorben…, ich bin irgendwie verwirrt…“

Ich nahm auch seine andere Hand.

„David, was würdest du sagen, wenn wir wie in den Märchen die Möglichkeit hätten in ein anderes Land zu reisen, in ein Land, in dem immer die Sonne scheint und es keine Probleme gibt.“

„Das wäre schön, aber das ist doch unmöglich!“

„Und wenn ich dir sage, es wäre möglich?“

David entzog mir seine Hände. Verlegen kratzte er sich am Hinterkopf.

„ich glaube das jetzt nicht, willst du mich… willst du mich verarschen?“

„Tut er nicht, er sagt die Wahrheit, ich habe es selbst gesehen“, kam es von Angus.

Wieder griff ich nach seinen Händen.

„Vertraust du mir?“, fragte ich.

„… ähm ja.“

„Vertraust du mir soweit, mir blind zu folgen.“

„Ich weiß jetzt nicht…“

„Vertraust du mir?“, unterbrach ich ihn.

„Ja, aber…“

Ich atmete tief durch.

„Dann komm, ich zeige es dir“, sagte ich und stand auf.

Schwerfällig stand David ebenso aus, während Angus schon zur Tür hüpfte.

„Wo…, wo wollen wir hin?“, fragte David nun leicht ängstlich.

„Du hast gesagt, du vertraust mir David. Dann lass mich dir etwas zeigen, dass du zuvor noch nie gesehen hast“, erklärte ich ihm und zog ihn zum Flur hinaus, wo Angus bereits vor dem Spiegel stand.

„Darf ich?“, fragte er.

„Ich weiß nicht, ob der Spiegel auf dich hört…“

Verlegen schaute Angus auf den Boden.

„Tut er…, ich war vorhin Granny besuchen.“

Jetzt erst sah ich die Blume, die am Ohr in seinem Haar steckte.

„Du warst schon dort?“

„Ja!“, strahlte uns Angus an.

„Spiegel…“, stammelte David neben mir.

Ich drehte mich wieder zu ihm.

„Du hast mich vorhin gefragt, mit wem ich rede…“

David nickte zaghaft und ich zeigte auf den Spiegel. Langsam zog ich David dort hin.

„Ich weiß, dass ist jetzt alles unfassbar für dich und du hast auch sicher Angst, aber so ging mir es beim ersten Mal auch“, erklärte ich David, der immer noch gebannt auf die Spiegelfläche schaute.

„Jano-Tano!“, sagte Angus und wohl noch eins drauf zu setzten, tippte er auf die Spiegelfläche.

Wie als hätte jemand einen Stein ins Wasser geworfen, trug es die Ringe nach außen Richtung Rahmen.

„Aber…“, kam es leise aus Davids Mund, aber da war Angus schon im Spiegel verschwunden.

Ängstlich wich David zurück, aber ich hielt seine Hand eisern fest.

„Komm…, es passiert dir nichts!“

Langsam, Schritt für Schritt, ging David Richtung Spiegel und sah mich immer wieder dabei ungläubig an. Als wir dann endlich davor standen, führte ich seine Hand zum Spiegel, damit er es selbst fühlen konnte.

Erschrocken zog er seine Hand zurück.

„Das… das ist warm.“

Ohne auf eine weitere Reaktion seitens Davids zu warten, schob ich ihn durch den Spiegel.

*-*-*

Schreiend stand David neben mir, bis er die Augen öffnete. Keuchend schauten seine Augen wie verrückt in alle Richtungen.“

„Ich… ich glaub ich mach …mir gleich in die Hose.“

„Das wirst du schön bleiben lassen, was wird Granny denken, wenn du vor ihr mit einem Fleck auf der Hose erscheinst.“

Angus, der uns die ganze Zeit gegenüber gestanden hatte, fing laut an zu lachen.

„Deine Granny… lebt wirklich…?“

Sein Kopf fing sich endlich an zu bewegen und vorsichtig schaute er sich um.

„Wo sind wir hier?“

„Im Reich von Jano-Tano“, sagte Angus, oder soll ich Feenland sagen?“

Mir schien, als würden Davids Augen gleich heraus fallen, soweit riss er die Augen auf.

„Jetzt verwirrt mir David nicht noch mehr, als er schon ist!“

„Okay!“, sagte Angus, „ich geh schon mal vor und kündige euren Besuch an.“

„Mach das…“, meinte ich nun leiser und sah wie Angus davon wuselte.

„Ich glaube ich träume“, zog David wieder meine Aufmerksamkeit auf sich.

Ich zwickte ihn in dem Arm.

„Aua, sag mal spinnst du“, fuhr mich David an, „dass tat weh!“

„Ich weiß, sorry, ich wollte dir nur zeigen, dass du eben nicht träumst.“

„Aha…“

Ich beugte mich vor und begann Davids Hosenbeine etwas hoch zu krempeln.

„Was machst du?“

„Zieh Schuhe und zocken aus…!“

Er sah mich nur an, machte aber dann was ich sagte. Als er mit dem ersten nackten Fuß das Gras berührte, zeichnete sich ein leichtes Lächeln auf seinen Lippen ab.

„Das ist herrlich warm… und feucht.“

Ich lächelte ihn an. Dann entledigte ich mich wie er auch von Schuhen und Socken, stopfte diese in die Schuhe und nahm sie in die Hand. David tat es mir gleich.

„Ich glaub es nicht“, sagte David und drehte sich einmal um seine eigene Achse, „ist das schön hier.

Kräftig inhalierte er die Luft durch die Nase.

„… und wie das duftet!“

„Also glaubst du mir jetzt?“

„Ja, klar“, strahlte er mich an, zog mich mit seiner freien Hand zu sich heran und küsste mich.

„Danke…!“, hauchte er mich verliebt an, „dass du mir ebenso vertraust!“

*-*-*

Ehrfürchtig blieb er mit mir vor Grannys Haus stehen.

„Das… wirkt irgendwie, wie dein Haus…“

„Es wirkt nicht nur so, sie gleichen sich in vielem.“

Auch dieses Mal war Granny nicht auf der Veranda.

„Komm“, sagte ich zu David, als Angus in der Tür erschien und Granny am Arm hatte.

„Darf ich dir meine Großmutter vorstellen? Denna Lennox!“

Davids Mund stand etwas offen, aber es kam kein Laut heraus.

„Ist das David, von dem du mir erzählt hast?“

„Ja Granny“, antwortete Angus strahlend.

„Dein Bruder hat wirklich Geschmack, muss ich sagen und in den Anzügen sehen die beiden richtig fesch aus, auch wenn sie Barfuß etwas lustig wirken.“

Angus begann zu kichern, während ich David näher zum Haus zog.

„Hallo Granny“, begrüßte ich sie.

„Hallo mein Junge… hallo David.“

„… ähm hallo Mrs. Lennox.

„Sag doch einfach Granny zu mir, wie die anderen auch, David.“

„Danke…Granny.“

„Können wir uns setzten, meine Beine wollen nicht mehr so wie früher…“

„Ist alles in Ordnung?“, fragte ich besorgt.

„Ja mein Junge…., ich bin halt alt!“

Angus führte sie zum Schaukelstuhl, wo sie sich langsam nieder ließ. David stellte wie ich seine Schuhe neben die Eingangstür und folgte mir barfuß zur Bank. Ich dagegen zog mein Jacket aus und lockerte endlich die Krawatte.

David tat mir auch dies gleich, bevor er sich neben mich auf die Bank nieder ließ. Angus dagegen saß neben Granny im Schneidersitz auf einem kleinen Tischchen. Die beiden beobachten meinen Nebenmann genau, der sich nervös umschaute.

„Ganz ruhig…“, sagte ich leise und legte meine Hand auf sein Bein.

„Du bist gut, eben noch im schlimmsten Schneesturm und jetzt schönster Sommer, mit einer leichten Brise.“

Welche ich gerade spürte, wie sie sanft über mein Gesicht strich. Angus grinste mich an.

„Du scheinst glücklich zu sein!“, meinte Granny plötzlich zu mir.

„Es kommt darauf an, wie du glücklich definierst. Ja, wenn es darum geht, dass es plötzlich einen Menschen gibt, dem ich wichtig bin und ich dieselben für ihn empfinde.“

Angus zeigte auf sich und kicherte.

„Quatschkopf, du weißt wen ich meine!“

„… und was betrübt dann dein Glück?“, fragte Granny.

„Dein Enkel Thomas…, ich weiß nicht, ob er etwas gegen mich plant.“

„Das wird sich von selbst lösen…“

Fragend schaute ich sie an.

„Finn, ich kann und darf dir nicht mehr sagen, vielleicht habe ich auch schon zu viel gesagt. Die Sache endet in etwas, was du nie für möglich halten wirst.“

„Ich soll also gegen Thomas nichts unternehmen?“

„Das habe ich nicht gesagt, aber lassen wir dieses traurige Thema, erzähl mir mehr über deinen Freund.“

Granny direkt wie immer.

„Was soll ich da groß erzählen… Am besten er macht das selbst!“

Alle Blicke wanderten zu David, der daraufhin etwas zusammen zuckte.

„Ähm…, was soll ich da erzählen…“, begann er, „…ich heiße David Mac Bain, bin sechsundzwanzig Jahre alt. Meine Eltern verstarben früh, so wuchs ich bei der Familie Morris auf, enge Freunde meiner Eltern, die mir unter anderem ein Studium zu Finanzwesen ermöglichten. Nun bin ich eine Kollege von Finn, ab Freitag, sozusagen sein Stellvertreter, wenn er offiziell die Leitung der Abteilung übernimmt!“

„Dieser Mister Morris leitet die Bank? Warum haben sie nicht die Stelle bekommen?“

David schaute mich leicht geschockt an.

„Woher…?“

„David, ich bin zwar nicht allwissend, aber ab und wann flüstert mir eine Stimme etwas zu“, antwortete Granny.

„Es liegt mir nicht, die Führung zu übernehmen, ich unterstütze lieber und stehe mit Rat und Tat demjenigen beiseite und nur weil Mr. Morris mein Ziehvater ist, möchte ich nicht bevorzugt werden.“

Das spricht für dich David…“, lächelte ihn Granny an.

„Zudem ist Finn einfach die bessere Wahl!“

*-*-*

„Ich fass es einfach nicht…“

David, der neben mir lag, hatte beide Hände auf dem Gesicht liegen.

„Du wiederholst dich“, grinste ich ihn an.

Er ließ seine Hände nach unten gleiten und sah mich an.

„Danke, dass du mir so sehr vertraust!“

Ich beugte mich leicht vor und küsste seine Nase.

„Darf ich dich etwas fragen?“

„David, du darfst mich alles fragen!“

„Warum hattest du noch nie einen Freund?“

Ich ließ mich in mein Kissen fallen und starrte zur Decke.

„Was weiß ich…, Zeitmangel, kein Interesse, nicht der Richtige…, such dir etwas aus!“

Mein Kopf drehte sich zu ihm.

„Vielleicht habe ich meine Messlatte, oder Vorstellungen einfach zu hoch geschraubt. Es war nie jemand dabei, der mich wirklich interessierte.“

„Und dann bleibst du an mir hängen? Du sagtest Messlatte… Vorstellungen, war ich nicht eine einzige Enttäuschung für dich?“

„Das kann ich dir nicht so genau sagen, aber ich fand immer du siehst verdammt gut aus.“

David drehte sich völlig zu mir und stütze seinen Kopf auf der Hand ab.

„Dann darf ich nur bei dir schlafen, weil du mich gutaussehend findest?“

Seine gespielte Empörung war leicht zu durchschauen. Ich lachte.

„Klar, oder denkst du, dein wirkliches Ich, deine hingebungsvolle Art, deine liebevolle Weise, mir Dinge auf eine andere Sichtweise nahe zu bringen, würden mich dazu bringen, dir zu verfallen?“

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