„Du meinst Placido…?

Tomaso nickte.

„Ich weiß nicht Recht, ich habe ihn so noch nicht oft erlebt. Aber wenn er sich ungerecht behandelt fühlt…, reagiert dann nicht jeder so?“

Dieses Mal schüttelte der Junge seinen Kopf.

„Du nicht?“

Sein Blick wanderte zum Boden.

„Nein… dazu habe ich viel zu sehr Angst…“

Ich kniete mich vor Tomaso auf den Boden und nahm seine Hände.

„Tomaso, von jetzt an, brauchst du keine Angst mehr haben, okay?“

„Aber…, aber wenn Placido mir eine scheuert…“

Entsetzt sah ich Tomaso an. Hatte er denn wirklich so viel Angst vor Placido.

„Placido würde dich nie hauen. Er mag zwar ab und wann durch seine Größe bedrohlich wirken, aber er würde nie, hörst du, nie Hand an dich legen. So ist Placido nicht, das wäre nicht er!“

„Aber Papa hat mich immer gehauen…“, hörte ich Tomaso leise sagen.

Die ersten Tränen bahnten sich über sein Gesicht. Was hat der Junge nur alles mit sich herum geschleppt. So langsam verstand ich sein Benehmen, als wir uns kennen lernten. Wiedermal wurde mir bewusst, nie über jemanden zu urteilen, bevor ich mehr über ihn wusste.

Ich zog Tomaso zu mir heran und nahm ihn in den Arm. Unbemerkt war Placido an uns heran getreten.

„Probleme?“, hörte ich ihn fragen.

„Ja und nein, aber lass uns hinein gehen, bevor es noch lauter wird. Ich kann schon die Sirenen hören!“

*-*-*

Auf der Straße unten war endlich wieder Ruhe eingekehrt. Als die Carabinieri eintrafen, sammelte sich schnell eine große Menschentraube gebildet und diese Menschenmasse, bekam endlich jeder mit, wie der Stadtabgeordnete Moretti wirklich war.

Seine Kraftausdrücke, waren teilweise bis hier oben zu hören. Die Entscheidung in die Wohnung zu gehen, war richtig gewesen. Während ich einfach nur Tagliatelle mit Tomatensauce kochte, saß Placido auf dem Boden vor Tomaso, der es sich auf der Couch bequem gemacht hatte.

Im Kamin knisterte das Feuer. Mein Schatz hatte Tomaso angeboten, ihn alles fragen zu dürfen, wäre es auch noch so privat. Aber bis jetzt herrschte Ruhe, nur das kleine Küchenradio spielte leise vor sich hin.

Während ich in meiner Tomatensauce rührte, schielte ich zu den beiden hinüber. Es tat sich immer noch nichts.

„Darf ich dich etwas fragen?“

Tomaso nickte.

„Hast du Angst vor mir?“

Tomaso schaute stur ins Feuer.

„…etwas.“

Placido schaute kurz zu mir herüber. Tomaso jetzt eine Adoption vorzuschlagen, wäre genauso wie der Versuch, einen Apfel mit einem Bagger zu schälen.

„Kannst du mir vielleicht einen Grund nennen…, vielleicht kann ich ja das ändern.“

„…du …du erinnerst mich…, an meinen Vater.“

Tomaso gab wenigstens Antwort, Vielleicht war er auch gewillt, etwas an der Situation zu ändern. Er hätte auch einfach still sein können.

„Wie alt warst du, als du deinen Papa das letzte Mal gesehen hast?“

„Sieben…“

Also war er schon zehn Jahre bei Monsignore Viccario im Heim. Eine lange Zeit, in der viel passieren konnte.

„Lange her… und wie war dein Vater so, an was kannst du dich erinnern?“

„Er… er war groß…, viele Muskeln…, ganz kurze Haare…“

Während Tomaso das erzählte, schaute er in die Luft.

„… eine tätowierte Schulter…“

„Weißt du, was für ein Tattoo es war?“

Ich hatte das Gas kleiner gedreht, denn die Sauce war fertig und die Nudeln brauchten auch nicht mehr lange.

„Moment!“, sagte Placido und stand auf.

Er verschwand kurz, um etwas später mit einem Zeichenblock wieder auf zu tauchen. Dann ließ er sich wieder auf den Boden nieder. Was ich nicht gesehen hatte, Placido hatte zwei Blöcke mitgebracht, von denen er einen Tomaso gab.

„Kannst du mir vielleicht zeichnen, woran du dich erinnerst.“

Tomaso schaute Placido lange an, bevor er plötzlich anfing, mit seinem Bleistift etwas zu zeichnen. Leider konnte ich von meinem Platz aus nicht erkennen, was da Tomaso zeichnete.

Nach dem ich eine Tagliatelle probiert hatte, schüttete ich das Wasser ab.

Schnell waren die Nudeln noch in der Pfanne gewürzt, geschwenkt und auch der Tisch gedeckt, aber ich überlegte, ob ich die beiden gerade unterbrechen sollte. Ich entschloss mich, dass Essen warm zu stellen.

Zu wichtig schien mir das, was die beiden gerade machten. Ich dämmte das Licht in der Küche, nahm mein Glas Wein und lief zur Couch, wo Tomaso saß. Aber ich ließ mich nicht neben ihm nieder, sondern setzte mich auf einen der Sessel.

Während Tomaso wohl nun aus der Erinnerung zeichnete, malte Placido das gesehene direkt ab. Als der Junge fertig war, hielt er es richtig herum zu Placido. Ein Kompass in der Mitte und eine zerbrochene Weltkugel zu beiden Seiten. Nun drehte auch Placido seinen Block herum.

„Wow! Kennst du meinen Vater? Das sieht genauso aus, wie bei ihm.“

Placidos Zeichnung war viel stimmiger und Detailreicher gezeichnet.

„Nein, ich kenne ihn nicht, aber es ist ein Motiv, das gerne genommen wird!“

„Was bedeutet es?“, fragte ich und hatte plötzlich, die Aufmerksamkeit beider.

„Der Kompass steht oft für zielstrebiges Handeln. Man weiß genau was man will, hat klare Ziele vor Augen, kennt seine Zukunft. Die Weltkarte hat eigentlich den Hintergrund, viel zu reisen.“

Placido reichte Tomaso seine Zeichnung.

„Fuhr dein Vater zur See? Dieses Motiv wird oft von Seeleuten verwendet und anstatt der Weltkarte gibt es den Kompass oft noch mit Anker oder Seil dahinter.“

„Ich weiß es nicht, aber er war nie oft da, lange weg.“

„Könnte stimmen, vielleicht war ist dein Vater Seemann!“

„Kann ich die Zeichnung behalten?“

„Klar, habe ich ja für dich gezeichnet.“

„Danke“, strahlte Tomaso.

Da kam mir eine Idee.

„Tomaso, das Bild hat genau die richtige Größe, das können wir dann in dein Album einfügen!“, schlug ich vor.

„Album?“, fragte Placido.

Stimmt, davon konnte er nichts wissen.

„Tomaso besitzt, besser gesagt besaß ein Album mit Familienbilder, es wurde bei dem Brand leider durch das Löschwasser völlig ruiniert.“

Tomaso nickte zu dem Wasser ich sagte.

„Wir versuchen gerade, die Fotografien, von den aufgequollenen Seiten zu befreien, um später ein neues Album anzufertigen.“

„Das hört sich cool an, ist das denn schwierig?“

„Du musst wahnsinnig aufpassen, dass du die Fotos nicht auch zerreißt“, erklärte nun Tomaso, „der Kleber hat ich zwar fast aufgelöst, aber an manchen Stellen hält er leider noch!“

Der Kleine schaute richtig stolz.

„Kann ich das später einmal sehen? Jetzt denke ich essen wir aber, bevor Davides Essen kalt wird!“

Ich lächelte Placido an.

*-*-*

„Was denkst du?“, fragte mich Placido, der sich gerade neben mir im Bett breit gemacht hatte.

„Ich denke über den Tag nach… Tomaso und du… wie es weiter geht…“

„Und zu welcher Erkenntnis ist mein Schatz gekommen?“

Placido drehte sich völlig zu mir und stützte seinen Kopf auf der Hand ab.

„Zu keiner?“

„Wieso?“

„Placido, du bist erst heute Morgen zurück gekommen, hast ein langen Flug hinter dir. Nach einem Tag kannst du gar nichts sagen. Du müsstest eigentlich total fertig sein!“

„Bin ich auch, aber nicht wegen dem langen Flug, da habe ich gut geschlafen, eher wegen der ungewohnten sportlichen Bewegung heute Mittag. Ich sollte mir wirklich etwas suchen, um fit zu sein.“

„Ja, das würde sicher auch deinem Bäuchlein gut tun!“, grinste ich.

„He, ich habe keinen Bauch!“

Bevor ich etwas darauf sagen konnte, hörten wir einen Schrei. Der kam von Tomaso. Wir schauten uns kurz an und sprangen dann förmlich aus dem Bett. An der Tür zu Tomasos Zimmer trafen wir auf Jakob. Zu dritt stürmten wir ins Zimmer.

„Tomaso, was ist? Bist du okay?“

Der Junge saß aufrecht in seinem Bett, atmete schwer und war total verschwitzt. Jakob setzte sich zu ihm an Bett, während Placido und ich hinter ihm stehen blieben. Erste Tränen rannen über Tomasos Wangen.

„Ich… ich hab…vom Feuer geträumt… es war so echt… alle waren da“, antwortete Tomaso schwer atmend.

Ein Albtraum und dies wird nicht der Letzte sein, befürchtete ich.

„Sie schrien… brennen sollst du…“, sprach der Junge weiter, klappte in sich zusammen und bekam einen Heulanfall.“

„Shit!“, gab Jakob von sich und nahm Tomaso in den Arm.

„Und was machen wir jetzt?“, fragte Placido leicht panisch.

Seine Stimmung war auch völlig gekippt.

„Ganz einfach! Jakob geht mit Tomaso erst einmal Duschen, der Ragazzo ist total durchgeschwitzt. Und ich werde sein Bett neu beziehen…, so wie es aussieht, ist das auch durch!“, sagte ich bestimmend.

Jakob nickte mir zu.

„Und ich“, fragte Placido.

„Du gehst in die Küche und machst für uns alle ein Glas heiße Milch!“

*-*-*

Ich kam in den Wohnbereich zurück, wo ich Placido und Jakob an der Theke sitzend vorfand.

„Er ist eingeschlafen“, meinte ich nur und setzte mich zu den beiden.

„Jakob meint, wir sollten eventuell, einen Psychiater zu Rate ziehen“, meinte Placido und schob mir mein Glas Milch hin.

„Ist das nicht etwas voreilig?“, wollte ich wissen.

„Und wenn es schlimmer wird?“, fragte Jakob.

„Ich weiß es leider nicht, ich kenne mich in solchen Sachen überhaupt nicht aus.“

Beide nickten mir zu. Placido seufzte und rieb sich über sein Gesicht.

„Wir haben einiges Durchgemacht, als wir wieder zusammen kamen, aber damit kann ich umgehen, auch wenn es oft haarsträubend war. Aber wie hält dieses Kind das aus. Er hat so viel durchgemacht, wie steckt der Junge das alles weg?“

Placido schüttelte den Kopf.

„Ich denke gar nicht…“, antwortete Jakob, „er frisst alles in sich hinein und irgendwann klappt er zusammen.“

„Mal den Teufel nicht an die Wand“, meinte ich.

„Jakob hat Recht und wir müssen etwas dagegen unter nehmen, bevor es zu spät ist und irgendetwas passiert.“

„Dann sollten wir Tomaso morgen nicht in die Schule schicken!“, sagte ich.

„Das habe ich dir noch nicht erzählt. Seit Klassenlehrer meinte, wir sollen nach eigenem Ermessen entscheiden, wann wir Tomaso wieder in die Schule schicken. Er wäre in den Fächern so gut, dass es ihm nicht schadet, wenn er einige Tage fehlen würde.“

Erstaunt schaute ich Placido an.

„Das ändert aber nichts an dem, wie es Tomaso geht. Wie gesagt, weiß ich einfach zu wenig, ob es gut ist, den wenigen Kontakt, denn er zu gleichaltrigen hat, für längere Zeit zu unterbrechen“, gab ich von mir.

„Deshalb der Psychiater“, sagte Jakob.

*-*-*

Den Rest der Nacht war Ruhe, Tomaso schien durchzuschlafen. In die Schule wollten wir ihn dennoch nicht lassen. Aber ich stand mit einer ganz anderen Laune auf, als die Tage zuvor. Der Grund war Placido.

Konnte ich doch endlich wieder in seinen Armen einschlafen oder erwachen. Es war eben ein wunderschönes Gefühl, neben dem Menschen zu schlafen, den man so liebte. Während Jakob mit mir das Frühstück richtete, saß Placido bereits in seinem Atelier.

Was er dort machte, wusste ich nicht genau. Er wollte etwas entwerfen, aber keiner seiner ausführlichen Erklärung kam. So musste ich mich gedulden, bis er es preis gab. Tomaso war laut Jakob auch schon wach, aber hatte sich noch nicht blicken lassen.

„Holst du Tomaso?“, meinte ich zu Jakob, als wir fertig waren.

„Ich kann auch Placido sagen, dass er zum Frühstück kommen soll!“

Mein Grinsen wurde fies.

„Schon unterwegs…“, sagte Jakob und verschwand.

Ich lief ihm hinterher, aber öffnete die Tür hinter dem Gästezimmer.

„Hallo Schatz, hast du Zeit mit uns zu frühstücken?“, fragte ich ihn, lief zu ihm hin und umarmte Placido von hinten.

Er hatte ein großes Blatt vor sich, auf dem drei Vierecke zu sehen waren. Diese hatte er angefangen zu bemalen.

„Gerne doch, lass mich aber noch geradediese Fläche ausmalen!“

Ich drückte ihm einen Kuss auf die Wange und entließ ihn aus meinen Armen.

„Was gibt das?“

„Ein Entwurf eines Covers, für Tomasos Fotoalbum.“

„Wow, nicht schlecht, das sieht edel aus.“

„Stimmt und niemand kann sagen, dass er ein Fotoalbum mit Romano-Cover hat.“

„Es muss ihm nur noch gefallen.“

„Zu altmodisch?“

„Würde ich nicht sagen“, meinte ich, als ich mir die Meerbuchtlandschaft genau ansah, „ich kenne einfach nicht Tomasos Geschmack!“

„Okay, dann lass uns mal hinübergehen.“

So folgte Placido mir, zurück in den Wohnbereich, als auch gerade Jakob das Gästezimmer verließ und Tomaso ihm hinterher lief.

„Guten Morgen, Tomaso“, meinte Placido.

„Morgen…“, kam es leise von Tomaso.

Placido blieb kurz stehen und schaute ins Zimmer.

„Sollten wir eigentlich für Tomaso einen Schreibtisch besorgen? Er muss ja auch Hausaufgaben und anderes für die Schule machen.“

War das jetzt nicht ein wenig vorgegriffen, wir wussten nicht einmal, ob Tomaso bei uns bleiben wollte. Dass er jetzt länger blieb lag nur daran, dass die Renovierungsarbeiten am Heim doch länger gingen, es musste einfach zu viel Grundsaniert werden.

Ein Geldproblem entstand nicht, waren doch ohne Aufforderung schon viele Spenden eingegangen. Aber es mussten Firmen gefunden werden, die erst einmal Zeit hatten, diese Aufgaben zu erledigen.

„Warum nicht, der Küchentisch ist nicht so berauschend, um dort zu lernen“, antwortete Jakob, wahrscheinlich aus eigener Erfahrung.

Tomaso selbst, stand im Türrahmen schaute abwechselnd zwischen Zimmer und Placido hin und her.

„Was meinst du, Tomaso?“, fragte mein Schatz.

Dabei legte er eine Hand auf dessen Schulter.

„… ich weiß nicht…“, kam es leise von dem Jungen.

„Lass uns frühstücken gehen! Da können wir weiter über dieses Thema reden!“, sagte ich und schaute Placido durchdringend an.

Er nickte leicht und schob Tomaso Richtung Küche. Jakob und ich folgten den beiden.

*-*-*

Das Resultat des Frühstück war, dass Jakob an die Hochschule fuhr, ich hinüber zu Zeichenschule lief und Placido mit Tomaso unterwegs, um einen Schreibtisch zu besorgen. Natürlich wurde vorher, das Gästezimmer genau ausgemessen.

Und gerade das war, was mir Sorgen machte. Ich kannte Placido, wie schnell er über das Ziel hinaus schoss. So konnte ich nur hoffen, dass er sich zurück hielt und Tomaso etwas Normales kaufte.

Ich wusste, dass Franzesca heute Morgen da war, um ihren Mittagsunterricht vorzubereiten, so konnte ich mich mit ihr verabreden. Als ich ihr Zeichenraum betrat, saß sie an ihrem Pult.

„Guten Morgen, Davide“, begrüßte sie mich.

„Morgen Franzesca, danke, dass du Zeit für mich hast.“

„Keine Ursache, ich freue mich immer, wenn sich jemand für die Bilder der Kinder interessiert.“

„Hast du ein paar aussagekräftige Bilder herausgesucht?“

„Ja, ich habe eine Vorabauswahl getroffen und ich denke, du wirst es schwer haben, die richtigen Bilder auszusuchen. Wie viel Bilder brauchst du, hast du gesagt?“

„Fünf oder sechs, mehr Platz habe ich in dem Artikel nicht.“

Es dauerte wirklich eine Weile, bis ich die Anzahl der Bilder auf sechs Bilder reduziert hatte. Einfach zu viele waren zeigenswert. Mit dem Handy machte ich erste Aufnahmen, später sollten sie von einem richtigen Fotografen abgelichtet werden.

Franzesca wollte sich darum kümmern, die Eltern um Erlaubnis für Veröffentlichung zu fragen. So stand meinem Artikel nichts mehr im Weg. Als ich etwa nach eineinhalb Stunde das Haus wieder betrat, war es still.

Das Cafe noch nicht geöffnet, die Wohnung sicher leer. Umso überraschter war ich, als ich leise Stimmen hörte, als ich die Wohnung betrat. Waren Tomaso und Placido schon zurück?

Mir war Placidos Wagen gar nicht aufgefallen.

Ich legte meine Sachen in meinem Büro ab und folgte dann den Stimmen. Fündig wurde ich im Wohnbereich.

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