In der Wohnung war es ruhig. Ich stellte meine Tasche ab und entledigte mich meiner Jacke.

„Tomaso?“, rief ich.

Seine Tür ging auf und selbiger schaute heraus.

„Hallo Davide.“

Auch die Tür zum Atelier ging auf und Placido trat in mein Blickfeld. Er lächelte.

„Ähm, da stand ein Geschenk für Tomaso unten auf der Treppe“, meinte ich nur und hob das Päckchen hoch.

„Das stand aber vorhin noch nicht da!“, sagte Tomaso und kam zu mir.

„Stimmt, als wir uns von Monsignore Viccario verabschiedet haben, stand nichts auf der Treppe. Er war der letzte, der den Hof verließ, danach hat Tomaso das Tor geschlossen!“

Verwundert schaute ich die beiden an.

„Aber wie kommt dann das Päckchen auf die Treppe, wenn das Tor zu war und alle draußen!“

Während Tomaso mit den Schultern zuckte, trat Placido zu mir und nahm mir vorsichtig das Päckchen ab.

„Was ist denn?“, fragte ich verwirrt.

„Wir wissen nicht…, von wem es ist!“

„Ja und?“

„Ich denke, wir sollten den Commissario anrufen!“

„Wieso?“, sagten Tomaso und ich gleichzeitig und mussten dann grinsen.

„Wenn jemand…, also ich meine…, da könnte…“

Ich nahm ihm das Paket wieder ab und hielt es Tomaso hin.

„Halt! Wenn da etwas Gefährliches drin ist?“

Daran hatte ich gar nicht gedacht, fand es aber auch etwas an den Haaren herbei gezogen.

„ES tickt nichts!“, meinte ich und Tomaso nahm das Päckchen entgegen, dann wandte ich mich zu Placido.

„Beruhig dich wieder, die betreffenden Personen, sind entweder hinter Gitter, oder nicht mehr… ähm auf dieser Welt! Niemand will Tomaso etwas tun, warum auch. Niemand weiß dass Tomaso ausgesagt hat!“

Nun schaute auch der Junge sein Päckchen komisch an und hielt es etwas von sich weg.

„Ach was weiß ich?“, sagte Placido und er atmete lange aus, als hätte er gerade die Luft angehalten.

„Noch jemand Lust auf eine Kaffee? Dazu vielleicht etwas vom Tiramisu?“, meinte ich und lief Richtung Schlafzimmer, weil ich mir etwas Bequemeres anziehen wollte.

„Ähm…, da ist nichts mehr da“, hörte ich Placido sagen.

Noch vor der Tür zum Schlafzimmer fuhr ich mit einem lauten „WAS?“ herum. Beide standen plötzlich total verlegen vor mir.

„Das haben Tomaso und ich heute Mittag gegessen…“, erklärte Placido und schob Tomaso Richtung Wohnzimmer.

Empört schaute ich den beiden nach.

*-*-*

Angespannt saßen wir drei am Tisch. Vergessen war der Kaffee und das Tiramisu. Alle Blicke ruhten auf dem Päckchen, dass immer noch ungeöffnet, in der Mitte des Tisches stand.

„Das muss von einem Erwachsene sein!“, sagte Placido plötzlich, „schau dir die Schrift an, die hat eindeutig jemand Älteres geschrieben.“

Da hatte Placido ausnahmsweise mal Recht, die Handschrift, war viel zu schwungvoll und gradlinig, als das sie von einem Kind oder Jugendlichen hätte stammen können.

„Mach es auf!“, kam es regelrecht wie ein Befehl von Placido.

Unsicher schaute mich Tomaso an, aber ich nickte nur. Er hob seine Hand und wollte am Geschenkband ziehen, als ich ein „Hallo zusammen“ unterbrach.

Tomaso und ich fuhren zusammen, aber nicht weil Jakob, der gerade gekommen war uns grüßte, sondern weil Placido vor Schreck laut aufschrie. Für einen kurzen Augenblick herrschte kurz absolute Stille, dann fingen Tomaso und ich fast gleichzeitig an, laut zu lachen.

Placido kratzte sich verlegen am Hinterkopf.

„Was ist denn mit euch los?“, fragte Jakob und kam an den Tisch.

„Das da!“, sagte ich und zeigte auf das Päckchen.

„Ein Geschenk? Für wen ist das?“

„Für Tomaso!“

„Aha und warum macht ihr es dann nicht auf?“

Tomaso konnte nicht anders und fing an zu kichern. Ich konnte mir ein Grinsen ebenso nicht verbeisen.

„Das Päckchen lag unten auf der Treppe, obwohl das Tor zu war!“, kam es leicht ärgerlich von Placido.

„Dann wird es jemand aus der Zeichenklasse dagelassen haben“, grinste Jakob.

„Wir waren die letzten im Hof und da lag es noch nicht!“, sagte Placido ernst.

„Vielleicht habt ihr es übersehen.“

„Nein!“

Ich stubste Placido in die Seite, er hatte sich etwas im Ton vergriffen.

„Placido denkt, jemand könnte etwas gegen Tomaso und hier etwas Gefährliches rein getan haben“, erklärte ich und legte meine Hand auf Placidos Arm.

„Dann war der Verpacker aber nicht sehr schlau, wenn er das vorhatte.“

„Wieso?“, fragte Placido.

„Das Geschenkpapier und Band gibt’s in dem Schreibwarenladen an der Ecke, das habe ich gestern dort gesehen War zusammen im Sonderangebot!“

War es von Nino? Nein, der kam ebenso nicht in den Hof, wie andere auch. Aber der Laden lag direkt auf dem Weg zur Bäckerei. Ich schüttelte den Kopf, als wollte ich diesen Gedanken los werden.

„Darf ich?“, fragte Jakob und nahm das Paket, ohne auf eine Antwort zu warten, an sich und trug es hinüber zur Küchentheke. Er griff sich die Schere und durchschnitt das Geschenkband.

Dann pullte er langsam die Klebestreifen ab, als wollte das Geschenkpapier noch einmal verwenden.

Es dauerte etwas, denn das Päckchen war gut verklebt. Dann Schluss endlich entfernte er das Geschenkpapier und ein gewöhnlicher Karton kam zum Vorschein, ohne Aufschrift, oder Aufdruck.

Wir waren mittlerweile aufgestanden und zu Jakob gegangen. Jakob hob es noch einmal hoch.

„Etwas Schweres ist auf alle Fälle nicht drin, dazu ist es viel zu leicht!“

Darauf hätten wir auch selber kommen können.

„Willst du weiter machen?“, fragte Jakob Tomaso.

Der aber schüttelte den Kopf und stellte sich etwas hinter Placido. Gerade so, dass er noch etwas sehen konnte. Jakob schnitt den Klebestreifen auf dem Karton, der die Deckelteile zusammen hielt.

Dann öffnete er das Päckchen.

„Fische…“, dachte ich zu hören.

„Fische?“, fragte Placido verwirrt.

Tomaso trat hinter seinem Schutz hervor.

„Nicht nur“, meinte Jakob, langte in den Karton und zog etwas heraus.

Zum Vorschein kam ein Mobile, mit Fischen, Anker und Schiffchen. Alles war auf Holz und schön geschnitzt. Nun traten wir drei alle an die Theke und schauten in den Karton. Dort konnte ich noch einen Umschlag und ein Bild entdecken.

Vorsichtig griff Tomaso hinein, während Jakob das große Mobile vorsichtig auf den Tisch ablegte. Mein Blick wanderte wieder zu Tomaso zurück, der nun große Augen machte. Sofort wusste ich warum. Auf der Fotografie waren zwei Leute abgebildet.

Da ich ähnliche Fotos vor kurzen erst gesehen hatte, verstand ich auch, warum der Junge glasige Augen bekam. Es war ein Bild seiner Eltern, an irgendeinem Strand oder Hafen aufgenommen. Placido sah mich fragend an. Placido hatte keines der Bilder, des zerstörten Albums gesehen.

„Seine Eltern…“, sagte ich leise.

Entsetzt schaute nun Placido auf den Jungen. Der öffnete mit zitternden Händen den Umschlag und zog ein Blatt heraus. Langsam entfaltete er es und begann zu lesen. Dann ließ er das Blatt fallen und fing an zu weinen.

Ich zog ihn zu mir und nahm ihn in den Arm. Tomaso fing laut an zu schluchzen. Jakob hatte sich gebückt und das Blatt aufgehoben. Er schaute kurz drauf, reichte es dann aber Placido. Der schien es auch zu lesen und atmete dann tief durch.

„Hallo Tomaso,

wir hoffen, du bist nicht mehr böse auf uns, weil wir dich verlassen haben. Aber glaube bitte, es ist so besser für dich! Sei artig und höre auf das, was Signore Romano und De Luca zu dir sagen. Wir wünsche dir alles Glück der Welt!

Mama und Papa“

Boah, das trieb selbst mir Tränen in die Augen. Wie konnten Eltern so etwas schreiben. Wussten sie nicht, was sie dem Jungen erneut antaten. Placido steckte das Blatt zurück in den Umschlag.

Erschreckend war auch, dass seine Eltern wohl sehr gut informiert waren, denn sie kannten unsere Namen. Mir fielen die nächtlichen Besuche in Hof ein, ob das Tomasos Vater war? Tomaso beruhigte sich langsam, ließ mich aber nicht los.

Seine Eltern, oder sein Vater musste die ganze Zeit in der Nähe gewesen sein. Sollten wir das melden? Mein Schatz betrachtete noch einmal das Bild, dann hielt er es mir hin und zeigte darauf. Erneut sah ich es mir an, neugierig, was Placido mir zeigen wollte. Tomasos Vater hatte ein Muskelshirt an und deutlich konnte man sein Tattoo sehen.

Es war fast wie auf Placidos Zeichnung. Da es sich wirklich um einen Hafen zu handeln schien, war sein Vater vielleicht doch ein Matrose. Tomaso lockerte sein Griff  und drückte sich etwas von mir weg.

„… ich geh in mein Zimmer…“, flüsterte er.

Dann drehte er sich weg und ließ uns alleine im Zimmer zurück. Placido wollte ihm nach gehen, aber Jakob hielt ihn zurück.

„Lass ihm etwas Zeit!“

*-*-*

Draußen war es schon dunkel und von Tomaso war immer noch nichts zu hören. Placido hatte sich ebenso zurück gezogen. Er musste sich jetzt ablenken, hatte er gemeint. So saß ich erst alleine in der Küche, zog es aber dann vor, mich in mein Büro zurück zu ziehen.

Die Tür ließ ich offen, in der Hoffnung, Tomaso käme vielleicht von alleine. Ich zog die zwei Plastikablagen, mit dem Album zu mir. Erst jetzt betrachtete ich mir die Bilder genauer, die ich bisher ausgelöst hatte.

Es zeigte Tomasos Eltern alleine, oder mit dem Jungen zusammen. Es schienen glückliche Tage gewesen zu sein, alle strahlten. Sich zu fragen, wie die Familie auseinander brechen konnte, war zwecklos.

Es gab so viele Gründe, warum man auf einen falschen Pfad abbog. Ich legte die gelösten Bilder in die Ablage zurück und stellte sie auf die Seite. Ich griff mir das nächste Blatt des Albums, auf welchen an jeder Seite zwei Bilder klebten.

Natürlich überlappten sich diese und ich konnte die Fotografien nicht einfach so ausschneiden. So musste ich zumindest zwei davon auf einer Seite mit meinem Bastelmesser vorsichtig ablösen.

„Kann ich helfen?“

Ich zuckte etwas zusammen, denn ich hatte nicht bemerkt, dass Tomaso ins Zimmer gekommen war.

„Klar doch“, nimm dir den Stuhl dort und setz dich mir gegenüber“, sagte ich.

Tomaso tat wie geheißen, nahm den Stuhl und ließ sich mir gegenüber nieder. Dabei sah ich aus dem Augenwinkel, wie er die Fotografie, die er bekommen hatte, auf den Stapel der schon gelösten Bilder.

Natürlich brannte mir die Frage, nach seinem Befinden, auf der Zunge, aber ich wollte ihn nicht bedrängen. Dass er zu mir kam, war ja schon mal gut. Tomaso zog sich auch ein Blatt aus dem Stoß, des kaputten Buches.

„Das Schlimme ist…, ich kann mich nicht erinnern, wo die Fotos aufgenommen wurden, oder besser gesagt…, dass ich nicht mal weiß, dass sie aufgenommen wurden. Ich kann mich an nichts erinnern.“

Ich wusste nicht, was ich darauf sagen konnte.

„Ist so ein Album nicht dazu da, dass man sich an solche schönen Augenblicke erinnert?“

Mit glasigen Augen schaute Tomaso mich an. Diese Frage schien ihm wohl auf der Seele zu liegen.

„Dir ist das Album so wichtig, weil du deine Eltern nicht vergessen möchtest. Es ist egal, wann, oder wo die Sachen aufgenommen wurden. Es ist nur wichtig, dass du etwas von deinen Eltern hast, dass dich an sie denken lässt!“

Tomaso nickte und eine Träne löste sich.

„Deshalb bemühen wir uns hier auch, alle Bilder so gut es geht heraus zu lösen, damit keins davon verloren geht!“

Wieder nickte der Junge. Ich weiß nicht, wie lange wir da gegessen waren. Nachdem ich Tomaso gezeigt hatte, wie er vorsichtig ein Bild heraus trennen konnte, vergaßen wir beide die Zeit.

Plötzlich stand Placido bei uns. Es wunderte mich, dass er nicht schon früher gekommen war.

„Habt ihr keinen Hunger?“

Wir schauten beide gleichzeitig auf. Passender weise war Tomasos Magen zu hören.

„Ich hätte da eine winzige Kleinigkeit gerichtet…“

Tomaso schaute mich an und nickte. So legten wir die Sachen ab und folgten Placido hinüber in den Wohnraum. Am Tisch blieb ich stehen. Winzige Kleinigkeit – das ich nicht lache. Wann hatte er das gekauft?

Das Bauernbrot roch, als wäre es frisch aus dem Ofen, auch stieg mir der Geruch der Oliven und Peperoni in die Nase. Die verschiedenen Sorten Salami taten ihren Rest. Tomaso und ich setzten uns fast gleichzeitig hin.

„Wer kommt noch?“ fragte ich scheinheilig.

Tomaso grinste.

„Wieso?“, wollte Placido wissen

„Wer soll das alles essen?“

„He, Tomaso ist noch im Wachstum, der braucht das!“

Tomaso und ich schauten uns lächelnd an.

„Setzt euch… was wollt ihr trinken… Tomaso Tee?“

Ich ließ mich auf meinem Stuhl nieder und schaute Tomaso fragend an.

„Dürfte ich… auch einmal Rotwein probieren?“

„Du hast noch nie Rotwein getrunken?“, fragte Placido verwundert.

Tomaso schüttelte den Kopf.

„Placido, der junge ist siebzehn und ich kenne die Regeln des Kinderheims nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass dort absolutes Alkoholverbot herrscht.“

„Komm, hast du in deiner Jugend nie Alkohol getrunken?“

„Schon, das war aber im Kreise der Familie und beim Essen, also nicht heimlich! Also ich habe nichts dagegen, wenn Tomaso probieren möchte.“

Placido hatte bereits drei Gläser in der Hand, also hatte er schon beschlossen Tomaso trinken zu lasen.

„Greift zu!“, meinte er und schenkte jedem ein.

„Ist Jakob nicht da?“, fragte Tomaso.

„Nein, der ist bei Valentina.“^

Ich griff mir die erst Scheibe Bauernbrot und schaute auf die Teller, was ich mir als erstes nehmen sollte. Die Auswahl war reichlich, fast schon zu viel. Salami Felino, Fabriano, Veronese und, und, und…

Am besten ich nahm mir von jeder etwas. Dass das Ganze hier nicht billig war, konnte ich mir denken. Tomaso schien es nicht besser zu gehen, er hatte immer noch seine Brotschreibe in der Hand und starrte auf die Teller.

Ich griff mir die Salami Felino und schnitt mir ein Stück ab. Tomaso schaute mich kurz an und tat es mir dann gleich.

„Wollt ihr Weihnachten eigentlich hier feiern?“

„Placido, bis Weihnachten sind es noch mindestens drei Monate, wie soll ich das jetzt schon wissen!“

„Man kann nie frühzeitig genug anfangen zu planen!“

„Und was hast du geplant?“, fragte ich und schob mir ein Stück Salami in den Mund.

„Weihnachten in New York, was haltet ihr davon?“

„New York?“, stammelte Tomaso mit vollem Mund nach.

„Ja, die ganze Stadt ist Weihnachtlich geschmückt, schon alleine der große Baum am Rockefeller Center ist sehenswert.“

„Rockefeller Center…“, blabberte der Junge ebenso nach.

„Placido, können wir es nicht kleiner angehen? Tomaso kennt ja nicht mal richtig Italien, da fängst du von Amerika an.“

„New York!“

Placidos Ton hatte wieder diese kindliche Trotznuance angenommen. Warum hatte ich das Gefühl, Placido hatte schon längst alles entschieden und versuchte es uns jetzt nur noch schmackhaft zu machen.

Deswegen dieses feudale Essen, um unsere Gemüter gütig zu stimmen? Tomaso nahm sein Glas Rotwein und nippte daran. Gespannt sah ich ihn an. Sein Gesicht verzog sich ein wenig, dann stellte er es ab.

„Schmeckte er nicht?“, fragte ich neugierig.

„Schon irgendwie…, aber der bittere Nachgeschmack… ich weiß nicht…“

„Es gibt auch süßere Weine…“

Tomaso nickte nur. Er starrte auf sein Essen und kaute dabei. Er hatte sich bisher noch nicht zum Inhalt des Päckchens geäußert.

„Placido und ich waren heute auf der Bank und haben dir ein eigenes Konto eröffnet…“

Es kam keine Reaktion. Ich schaute zu Placido, der fast unmerklich mit den Schultern zuckte.

„… du müsstest nur noch unterschreiben, damit wir deine Bankcard anfordern können“, erklärte Placido.

Tomasos Haare hingen etwas herunter, so konnte ich nicht direkt in sein Gesicht sehen. Was ich aber wahrnahm, dass Tränen auf seinen Teller tropften. Ich legte mein Besteck ab, wischte meine Hände etwas an der Serviette ab und drehte mich zu dem Jungen.

„… hör mal Tomaso, …ich kann nur in etwa erahnen, was in dir vorgeht und ich weiß, dass ist ganz schön viel!“

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