Eric Einarson – Der versprochene Mann – Tür 12

Es dauerte etwas und ein Herr, gefolgt von seiner wütenden Kollegin, betrat das Büro.

„Arnar Brigson, guten Morgen“, sagte der Herr und streckte mir die Hand entgegen.

„Chief Inspektor Eric Einarson…“, sagte ich wesentlich leiser als eben, schüttelte seine Hand und zog erneut meinen Ausweis hervor.

Als ich seine Hand los ließ, schaute ich kurz zu Kim.

„…mein Kollege Kriminalinspektor Kim Jonson!“

Auch Kim bekam die Hand geschüttelt.

„Es gibt Probleme?“, fragte Mr. Brigson scheinheilig.

„Ja, ihre Kollegin ist nicht bereit, nach freundlicher Anfrage meines Kollegen und richterlicher Verfügung, relevante Daten zu einem laufenden Fall heraus zu geben!“

Mr. Brigson schaute kurz zu seiner Kollegin, die verlegen zu Boden schaute.

„Sie müssen entschuldigen, wir unterstehen hier einem strengen Datenschutz. Wir hier, im Einwohnermeldeamt, müssen täglich erwägen, ob Daten einfach so heraus gegeben werden können, oder nicht, auch wenn ein richterlicher Gerichtsbeschluss vorliegt.“

Nahm er jetzt seine Kollegin in Schutz? Aber so hochgestochen konnte ich auch reden, auch wenn ich dabei eventuell wieder meine Befugnisse überschritt.

„Es handelt sich bei diesem Fall um mehrfachen Mordversuch und ich denke nicht, dass sie den Tod dreier junger Leute mit verantworten möchten!“

Der Mann wurde etwas bleich im Gesicht und Kim machte sich an meinem Rücken bemerkbar. Ich wusste nicht was Kim hatte, weil alles in einem normalen Ton über meine Lippen kam.

„Aber so ernst wird die Sachlage doch nicht liegen…?“, fragte nun ein eingeschüchterter Mr. Brigson.

„Leider doch Mr. Brigson. Ein Opfer ist seinen Verletzungen schon erlegen, drei andere stehen unter Polizeischutz…“

*-*-*

„Du fährst zu schnell“, mahnte mich Kim.

„Entschuldige!“.

Ich bremste den Wagen etwas ab. Ich war immer noch sauer, was sich leider in meinem Fahrstil spiegelte. Kim fing an zu grinsen.

„Was?“

„Es macht richtig Spaß, mit dir Ermittlungen durchzuführen!“

Ich legte meine Stirn in Falten.

„Ich weiß zwar nicht, ob es richtig war, diesen Mr. Brigson, so einzuschüchtern, aber so schnell bin ich noch nie an Informationen im Rathaus gekommen.“

„Du hattest diesen Ärger schon öfter?“, fragte ich verwundert.

„Ja, es ist nicht das erste Mal, dass es Unstimmigkeiten zwischen der Polizei und dem Rathaus gibt.“

Ich befuhr den Parkplatz der Station und fand auch gleich einen Parkplatz.

„Gibt es einen bestimmten Grund dafür?“

„Ich würde es Autoritätsprobleme nennen, wenn du mich fragst. Die Damen und Herren im Rathaus fühlen sich oft übergangen, wo sie doch so viele Rechte haben“, grinste mich Kim an.

Der Sarkasmus von Kim gefiel mir immer besser.

„… und du denkst, ich bin etwas über meine Strenge geschlagen?“

„Etwas?“

Kim lächelte und befreite sich von Sicherheitsgurt.

„Du bist der Ranghöchste nach Anna, als ist es deine Sache, Informationen über den Fall heraus zugeben. Ich kann das mit meinem Rang leider nicht.“

Ich wollte etwas darauf erwidern, aber mein Kollege sprach einfach weiter.

„Nur solltest du vielleicht daran arbeiten, mit welchem Ton du mit den Leuten sprichst.“

Ich schaute übers Lenkrad hinweg nach draußen-

„Es tut mir Leid, dass ich laut geworden bin, aber seit der Sache in meiner alten Dienststelle, werde ich laut, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle.“

„Du musst dich bei mir nicht entschuldigen, ich verstehe das voll und ganz, aber unser Auftreten ist auch ein Aushängeschild für die ganze Polizei. Es gab in der Vergangenheit leider zu viele… negative Presse über uns, da ist uns dein Handeln nicht hilfreich!“

„Dann sollte ich immer Stefan bei mir haben…“

„Wieso Stefan?“

„Wie Anna so nett sagte…, der Mann für den guten Ton.

*-*-*

Mein Blick wanderte durchs Büro. Kim saß bei Hekla, die den mit gebrachten Datenstick schon am Computer hängen hatte. Während die anderen emsig hinter ihrem Monitoren vertief waren. Nur Ari fehlte.

Verwundert schaute ich zu Anna, die mich zu sich ins Büro winkte.

„Du bist mal wieder laut geworden?“, kam sie gleich auf den Punkt.

Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass Kim mit ihr geredet hatte.

„Nein Kim hat mir das nicht erzählt!“, riss mich meine Chefin aus dem Gedanken, „das kam von anderer Stelle.

Das war keine Stunde her, aber interessant, wie schnell es seine Runde machte.

„Woher weißt…“

Anna hob ihre Hand und ich verstummte.

„Ich gebe bestimmt nicht meine Quellen preis, schon gar nicht im Rathaus!“.

„Entschuldige, wenn mir wieder der Kragen geplatzt ist, aber die Art, wie die da mit ihren Mitmenschen verfahren, ist unter aller Sau.“

„Na, na…“ meinte meine Chefin, ich zuckte mit den Schultern, „du brauchst dich bei mir nicht entschuldigen…, nur vielleicht etwas an deinem Temperament arbeiten!“

Ich seufzte.

„Das hat Kim auch gesagt.“

„Dann hör auf deinen Kollegen…! Außerdem bist du nicht der einzige, dessen Kragen platzt, wenn man es mit Brigson und Helfer zu tun hat.“

Also war dieser Typ hier ausreichend bekannt. Ich musste automatisch grinsen. Bei der Polizei bekannt, hieß nie etwas Gutes.

„Wenigstens seid ihr an die Daten gekommen. Konntest du sie schon einsehen?“

„Grob, aber ich denke, wenn es etwas zu finden gibt, werden Hekla und die andere etwas finden.“

„Darf ich dich noch etwas Privates fragen?“, kam es nun deutlich leiser.

„Du darfst mich alles fragen“, lächelte ich sie an.

„Du hast ein Brief aus England bekommen…, etwas Wichtiges?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein, Gordon hat mir nur einen Brief von meiner Mutter zu kommen lassen.“

„Ich hoffe nichts Negatives?“

„Kann ich dir nicht mal sagen, ich habe den Brief nicht geöffnet.“

Anna zog ihre Augenbrauen nach oben und schaute mich fragend an.

„… andere Dinge sind gerade wichtiger!“

„Du solltest aber die Arbeit nicht über die Familie stellen.“

„Keine Sorge, tu ich nicht, außerdem scheint Kim unsere Hilfe nötiger zu haben.“

„Das habe ich leider auch schon bemerkt.“

„Ich wollte damit nur sagen, wenn du jemand zum Reden brauchst, meine Tür steht immer offen.“

„Danke, werde ich sicher irgendwann in Anspruch nehmen!“

*-*-*

Irgendwie war ich enttäuscht, dass die Daten nicht mehr hergaben. Wir wussten genauso viel wie vorher und das brachte uns nicht weiter. Also hieß es, nach anderen Optionen zu suchen, weiter zu  überwachen.

Ari war irgendwann auch wieder aufgetaucht. Das alles schien ihn doch mehr mitzunehmen, als ich vermutet hatte. Ich öffnete sein Chatfenster. ~ du kannst jederzeit zu mir kommen, wenn etwas ist! ~ schrieb ich hinein und drückte senden.

Es kam ein ~danke~ zurück, mehr nicht. Ich schaute zu ihm hinüber, aber er hatte sich hinter seinem Monitor vergraben. Aufdrängen wollte ich mich nicht, also wandte ich mich wieder meinem Arbeitsplatz zu.

Ich ärgerte mich etwas über diesen Stillstand in den Ermittlungen, versuchte fieberhaft eine andere Möglichkeit zu finden. Ich schnappte mir meine Kaffeetasse und verließ das Büro. Die Flüchtigen zu suchen, war wir die berühmte Suche nach der Nadel im Strohhaufen.

Die Kaffeemaschine nahm ihren Betrieb auf, als ich den Knopf betätigt hatte.

„Vielleicht solltest du dir irgendein Hobby suchen…“

Ich zuckte zusammen und drehte mich zur Tür, dort stand Stefan.

„Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Was meinst du mit Hobby?“

„Du brauchst einen Ausgleich zu dieser Arbeit hier… ich habe meine Familie, die Kinder, Alexander seinen Kraftsport, oder Hekla ihren Kochkurs. Ich denke so etwas hilft sehr, von den Geschehnissen, die wir hier erleben, wieder herunter zu kommen, die Dinge vielleicht etwas klarer zu sehen.“

„Also hast du es auch schon gehört…“

„So etwas macht schnell seine Runde, gerade wenn es um das Rathaus geht.“

Ich seufzte und nahm meine inzwischen gefüllte Tasse.

„… ach übrigens, hier auf der Station bewundert man dich dafür!“, grinste mich Stefan an und ließ mich alleine.

*-*-*

„Du sitzt jetzt schon zwei Stunden über diesen Daten!“

„…irgendetwas haben wir übersehen…“

Es war schon später Mittag, die anderen hatten das Büro bereits verlassen.

„Lass uns nach Hause gehen, ich brauche dringend eine Dusche.“

Kim seufzte und schaute hinter seinem Monitor auf.

„Schlaf eine Nacht darüber, vielleicht findest du es dann“, meinte ich und stand auf.

„Vielleicht hast du Recht, der Text fängt eh an zu schwimmen und mein Kopf macht sich bemerkbar.“

„Dann mach Schluss! Wir kochen uns etwas, oder bestellen etwas Leckeres.“

„Dazu müsstest du erst einmal deinen Essensvorrat auffüllen.“

Verlegen kratzte ich mich am Hinterkopf.

„Dann lass uns einkaufen gehen, ich habe schon lange nicht mehr gekocht“, meinte Kim und erhob sich ebenfalls.

Gefühlte Stunden später, saß ich mit vollem Magen auf der Couch.

„Das war lecker“, sagte ich lächelnd.

„Dies habe ich bemerkt, alle Schüsseln sind leer.“

Frech grinste mich Kim an und schaute auf meinen Bauch.

„Da ist kein Gramm zu viel!“, entgegnete ich und zog zum Beweis mein Shirt nach oben.

Kims Augen wurden groß. Langsam näherte sich seine Hand, bevor sie zärtlich über meinen fast nicht mehr vorhandenen Sixpack streichelte.

„Treibst du heimlich Sport?“

„Nein, wieso?“, fragte ich und ließ das Shirt los.

Seine warme Hand blieb aber dort.

„Dein Body…, du weißt schon, das sieht verdammt geil aus.“

Meine Mundwinkel zuckten nach oben.

„Ich bin zwar kein Muskelpaket, wie Alexander, aber verstecken muss ich mich nicht…und bevor du irgendwelche verrückten Spekulationen anstellst, in England bin ich viel gelaufen, das hielt mir den Kopf frei.“

Kims lächeln verschwand.

„Du musst sehr gelitten haben, oder?“

Ein Bildermeer huschte an meinen inneren Augen vorüber.

„Es geht. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, es hat mich kalt gelassen. Natürlich hat es mich viel beschäftigt, aber ich war deswegen nicht depressiv.“

„Trotzdem hat es Wunden hinterlassen, innen wie außen.“

Zärtlich strich Kim mir über meinen Arm, an dessen Rückseite sich meine Narbe befand.

„Mag sein, mehr beschäftigte mich aber die Frage, ob ich irgendwann mal ein normales Leben wie andere führen könnte.“

„Als Hete?“, fragte Kim verwirrt.

„Nein, ich bin Gay und das wird auch so bleiben. Aber in einer Partnerschaft zu leben, der Wunsch war schon vorhanden.“

„Gab es niemand, der dich interessiert hat?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Außer ein paar Knutschereien in Bars, oder Umarmungen, gab es nichts Interessantes. Es hat nicht Klick gemacht, der Funke ist nie übergesprungen.“

„Bei mir schon?“, grinste Kim nun wieder.

„Einer?“, lächelte ich zurück.

Kim zog mich zu sich und umarmte mich. Wie gut das tat. Ich war schon gewillt, ihn weiter fest zu halten, als er wieder los ließ.

„Gehen wir ins Bett? Ich bin müde.“

„Gerne, ich stell nur noch die Sachen ins Spülbecken.“

„Sollen wir sie nicht noch schnell waschen? Wenn morgen alles noch da steht, ist das kein schöner Anblick.“

„Recht Lust habe ich zwar keine mehr, aber es stimmt, ich mag es auch nicht, wenn morgens noch Geschirr vom Abend da steht. Zu zweit geht es auch schneller“, grinste ich Kim an.

*-*-*

An den Zustand, mit Kim morgens im Arm auf zu wachen, konnte ich mich wirklich gewöhnen. Wie immer stand ich zuerst auf, um ins Bad zu gehen. Kim stand währenddessen schon in der Küche und bereitete das Frühstück zu.

Als ich das Bad verließ, dufte es herrlich in der Wohnung. Ich folgte dem Geruch in die Küche, wo Kim gerade den kleinen Tisch deckte.

„Das Bad ist dann frei“, lächelte ich und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.

„Danke…, nicht ohne mich anfangen!“, meinte Kim und verschwand.

Das war schwer, bei den leckeren Sachen, die Kim in Windeseile gerichtet hatte. Ich beschloss mich erst richtig anzuziehen, so fiel es mir leichter den Köstlichkeiten zu widerstehen.

Als ich zurück in die Küche kam, saß Kim bereits am Tisch und schenkte sich einen Tee ein.

„Du auch einen?“

Ich nickte und gesellte mich zu ihm.

„Da muss ich wieder mit dem Laufen anfangen…“

„Warum?“

Wenn ich jedes Mal so ein Frühstück zu mir nehme, dann hinterlässt das sicher irgendwann Spuren an mir.“

Kim grinste und stellte die Teekanne ab.

„Schon irgendetwas Neues?“

„Du, ich muss zu meiner Schande zugeben, ich habe heute Morgen mein Handy noch nicht in der Hand.“

„Das ist doch nicht schlimm, wir sind schon genug abhängig von den Dingern.“

„Also magst du keine Handys?“, fragte ich.

„Das habe ich nicht gesagt, aber man ist immer erreichbar, was unser Privatleben einschränkt.“

Als wollte sein Handy das unterstreichen, klingelte Kims Handy, was mich etwas zusammen fahren ließ. Leicht genervt nahm Kim das Gespräch entgegen.

„Hallo? Morgen Anna…, nein wir sitzen beim Frühstück, danach hätten wir uns aufgemacht…“

Mit großen Augen beobachtete ich Kim, weil ich nicht verstand, was Anna ihm erzählte.

„Können wir machen, dann bis später.“

Kim drückte das Gespräch weg und gespannt schaute ich ihn an, was er mir gleich erzählen würde.

„Wir sollen nach unserem Frühstück direkt ins Krankenhaus kommen, denn dieser Magnus aus der Kinderstation hat sich gemeldet, der Junge will uns sprechen.“

„Mohammed ist wach?“

„Das vermute ich.“

„Dann scheint er wohl über dem Berg zu sein, das freut mich.“

„Ja! Lassen wir uns überraschen, was er zu sagen hat.“

*-*-*

Eine halbe Stunde später betraten wir das Krankenhaus und wurden wohl schon erwartet, denn ich konnte Magnus bei den Schwestern sehen.

„Guten Morgen Chief Inspektor Einarson und Kriminalinspektor Jonson!“

Warum so förmlich?

„Guten Morgen Doc“, erwiderte ich nur und bekam meine Hand geschüttelt.

„Guten Morgen Mr. Hilgerson“, kam es von Kim, auch ihm wurde die Hand geschüttelt. Hielt er Kims Hand länger als meine, oder war das nur Einbildung?

 

 

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