Eric Einarson – Der versprochene Mann – Tür 13

„Sie sagten, Mohammed wollte uns sprechen?“, unterbrach Kim einfach dieses Getue selbst und entzog ihm seine Hand.

„Ähm…“, begann Magnus etwas überrascht, „er ist zwar immer noch schwach, aber er kann reden.“

Er schaute erst auf seine Hand, dann auf uns.

„Brauchen wir nicht den Dolmetscher?“, fragte Kim und zog schon sein Handy hervor.

„Nein, er versteht alles…, kann ich sie zu ihm bringen?“

Ich nickte als Zustimmung. Der Gute hatte wohl eine Nachschicht hinter sich, anders war sein Verhalten gerade nicht zu erklären. Kim schien dies auch aufgefallen zu sein, denn seine Augenbraun waren hoch gezogen.

Magnus schaute noch einmal zwischen uns hin und her, bevor er sich in Bewegung setzte. Kim wollte etwas sagen, aber ich winkte ab. Erst als der junge Arzt, etwas Abstand gewonnen hatte, ließ ich Kim gewähren.

„Was willst du den Jungen eigentlich fragen?“

„Wer auf ihn geschossen hat, denn das wissen wir immer noch nicht genau. Seine Schwester war da etwas komisch mit ihren Antworten!“

Dass eine weitere Frage auf Kims Seele brannte, erkannte ich an seinem Gesichtsausdruck.

„Was?“, fragte ich nur.

„… und was ist mit dem da los?“, kam es von Kim und zeigte auf den jungen Arzt vor uns, der gerade eine der vielen Türen ansteuerte.

Ich konnte nicht anders und begann zu grinsen.

„Wenn ich es nicht besser wüsste…“, begann ich zu flüstern, „… würde ich behaupten, dieser Magnus hat Interesse an dir!“

„Bitte was?“, kam es leicht schockiert von Kim.

Laut genug, um kurz Magnus Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen. Ich lächelte ihm zu und er schaute wieder nach vorne.

„Bist du verrückt“, begann nun Kim seinerseits zu flüstern, „warum sollte der an mir Interesse haben?“

„Ich habe sie doch auch“, grinste ich.

Kim verzog sein Gesicht zu einer Grimasse. Einen Lift und zahlreiche Korridore später, wir waren mittlerweile in der Kinderabteilung angekommen, entdeckte ich zwei Herren in Uniform auf Stühlen sitzend.

Als sie uns bemerkten, standen beide auf und kamen auf uns zu. Ich zog meinen Ausweis heraus und hob ihn in die Höhe. Beide stoppten.

„Irgendwelche Vorkommnisse?“, fragte ich.

Ich hatte einen Polizisten und Kadetten vor mir.

„Nein, nichts, Chief  Inspektor!“, antwortete der Ältere in strammer Haltung.

„Stehen sie bequem, oder besser noch, besorgen sie sich ruhig einen Kaffee, wir sind eine Weile da.“

„Danke Chief Inspektor!“

Wieder stand er in der unbequemen strengen Haltung da. Ich schaute auf sein Namensschild und konnte Brigson entziffern.

„Sind sie vielleicht mit Mr. Brigson aus dem Einwohnermeldeamt verwandt?“

Der junge Mann lächelte verlegen.

„Das ist der Bruder meines Vaters.“

„Okay…“, meinte ich nur und ließ die beiden ziehen.

So musste der Vater den gleichen Namen wie der Großvater haben, sonst würde der junge Polizist, nicht ebenso Brigson heißen.

Doc Magnus hatte inzwischen die Tür aufgezogen und Kim folgte ihm in den Raum. Wieder husche ein Lächeln über meine Lippen. Sollte dieser Magnus vor uns wirklich schwul sein und Interesse an Kim bekunden?

Ich folgte den beiden ins Zimmer und zog die Tür hinter mir zu. Von verschiedenen Gerätschaften umringt konnte ich Mohammed im Bett entdecken, der uns mit großen Augen anstarrte.

Unsere Leiche, die ich bisher noch nicht richtig zu Gesicht bekommen hatte, sah sehr lebendig aus.

„Kriminalinspektor Kim Jonson und Chief  Inspektor Eric Einarson“, sagte Kim und hob seinen Ausweis hervor, so das Mohammed in sehen konnte.

„Können wir ihnen ein paar Fragen stellen?“, sprach Kim weiter und Mohammed nickte.

„Hallo Mohammed“, begann ich, schaute aber dann durchdringend zu Magnus.

Der schien zu verstehen, was ich wollte und setzte sich in Bewegung.

„Wenn etwas ist, einfach die Schwestern fragen“, meinte dieser noch, bevor er das Zimmer verließ.

Als er Tür geschlossen hatte, wandte ich mich wieder Mohammed zu.

„… ähm…, kannst du uns sagen, wer auf die geschossen hat?“

In Mohammeds Augen sammelten sich Tränen und er murmelte irgendetwas.

„Bitte?“, fragte ich und beugte mich etwas vor.

„… Bjarki…“, konnte ich verstehen.

Warum fragte er jetzt nach seinem Freund?

„Bjarki? Dem geht es gut…, auch deiner Schwester. Wenn die Lage besser ist, können dich beide besuchen kommen.“

Mohammed machte einen gequälten Gesichtsausdruck und noch mehr Tränen flossen. Kim nahm seine Hand und drückte sie.

„… he, es wird alles wieder gut.“

Er schaute mich an.

„Es war vielleicht keine so gute Idee schon herzukommen“, meinte Kim leise.

Ich schaute kurz zu Mohammed.

„Du hast vielleicht Recht. Wir warten bis die zwei Kollegen mit ihrem Kaffee zurück sind und fahren dann zurück ins Büro.“

*-*-*

„… und habt ihr etwas aus dem Jungen heraus bekommen?“, wollte Anna wissen.

„Nein leider noch nicht… bei der Frage, wer denn auf ihn geschossen hatte, fragte er nur nach Bjarki“, antwortete ich und entledigte mich meiner Jacke.

Ari schaute auf.

„Das hilft uns leider auch nicht weiter“, meinte Anna und ich nickte.

Aus dem Augenwinkel heraus sah ich wie Kim plötzlich in seiner Bewegung stoppte.

„Hat er wirklich nach Bjarki gefragt?“, kam es von Kim.

„He?“, entfleuchte es mir und wandte mich vollends meinem Kollegen zu.

„Als du ihn fragtest, wer auf ihn geschossen hat, brach er in Tränen aus und er sagte Bjarki!“

„Wieso soll Bjarki auf Mohammed geschossen haben, dass macht keinen Sinn!“

Diese glanzvollen Worte hatte Ari von sich gelassen.

„Würde aber die Sachlage ändern und Bjarki und das Mädchen hätten mit ihren Aussagen gelogen!“, stellte Anna fest.

„Ich glaube, wir sollten Bjarki noch einmal verhören!“, meinte Stefan.

„Wer holt ihn?“

„Ari komm!“, sagte Alexander und erhob sich.

„Ähm… ich ja…“, stotterte Ari und stand ebenso auf.

Ich beobachtete beide, wie sie das Büro verließen.

„Bist du dir da sicher? Das würde den ganzen Fall ändern und… warum sind dann Mohammeds Eltern flüchtig?“, fragte ich Kim.

Mein Freund ließ sich auf dem Bürostuhl nieder.

„Ich bin mir eben nicht sicher, ob die Eltern auf den Jungen geschossen haben. Mohammeds Augen waren ängstlich… Augen Lügen nicht.“

Anna und die anderen nickten.

„Dann bin ich mal gespannt, was Bjarki dazu sagen wird“, meinte ich.

„Was ist mit dem Mädchen?“, fragte Katrin, „sie hätte ja dann auch gelogen!“

„Sollen wir sie ebenso holen?“, fragte ich.

Anna überlegte kurz.

„Machen wir das von Bjarkis Aussage abhängig?“

*-*-*

Ich kam von der Toilette zurück, als Hekla mich zu sich winkte.

„Ein Arzt… Moment ein Dr. Magnus…“

„Dr. Magnus Hilgerson?“, fiel ich ihr ins Wort.

„Ja, genau der hat eben hier angerufen, dass Mohammed ständig Bjarkis Name sagen würde, dass er nicht kommen soll…“

„Nicht kommen?“

„Ja, nicht kommen!“

Ich schaute erst zu Kim, dann zu Anna. Sollte doch etwas an Kims Verdacht dran sein. In diesem Augenblick betrat Ari das Zimmer.

„Wo ist Alexander?“, fragte Stefan.

„Mit Bjarki schon ins Vernehmungszimmer gegangen“, antwortete Ari, entledigte sich seiner Jacke und nahm sein Laptop.

Anna kam aus ihrem Büro.

„Wo willst du hin?“, fragte sie Ari.

„Zurück zu Alexander, er meinte, ich solle bei der Vernehmung anwesend sein und Notizen machen.“

„So meint er das“, grinste Anna, „… los geh, er wartet.“

Schon war Ari wieder verschwunden.

„Er muss auch einmal damit anfangen“, meinte Stefan.

„Ich gebe dir ja Recht, ich weiß nur nicht, ob es gerade gut ist, dass Alexander ihn unter seine Fittiche nimmt.“

Stefan überlegte kurz.

„Da magst du Recht haben, aber zu wem hat Ari das größte Vertrauen?“, fragte er Anna.

Anna nickte, aber ich verstand ihre Bedenken. Jemand der Schwierigkeiten mit der Obrigkeit hat, was kann er einem Frischling schon bei bringen. Aber da hieß es Alexander zu Vertrauen und nicht vorschnell ein Urteil zu bilden.

Anna verließ ebenso das Büro und ich folgte ihr.

*-*-*

„Sie sagt das gleiche aus, wie beim ersten Mal, die Aussage ist fast identisch“, meinte Anna, als sie den Vernehmungsraum verließ.

„Wie bei Bjarki…, fast derselbe Wortlaut…“, kommentierte ich das Verhör zwischen Alexander und dem Jungen.

„Ihr meint… abgemacht?“, fragte Kim.

„… nicht hier im Flur!“, sagte Anna nur und zeigte auf das Büro.

Ich schaute mich um, aber da war niemand außer uns, trotzdem folgten wir ihr schweigend ins Büro.

„Was ist, wenn wir uns wirklich von den ganzen Tatsachen haben falsch leiten lassen?“, fragte Anna.

Diese Frage, die nun im Raum stand, ließ nun auch die restlichen Kollegen von der Arbeit aufschauen. Alexander und Ari kamen zurück.

„Ich habe beide zurück bringen lassen“, meinte Alexander beim Hinsetzen.

„Zusammen?“, fragte Kim.

„Ja, warum fragst du?“

Während Ari und ich mich setzen, Anna sich gegen meinen Schreibtisch lehnte, stand nun Kim auf.

„Ich weiß, meine Vermutung ist sehr weit hergeholt, aber irgendetwas stört mich an der ganzen Sache. Hekla könntest du bitte für mich die Mediawand leeren und alle Beteiligten mit Bild aufzeigen?“

„Auch den toten Onkel?“

„Auch den toten Onkel!“

„Was hast du vor?“, fragte ich.

„Lass es mich bitte erklären“, sagte Kim und ich nickte ihm zu.

Nach und nach erschienen die Fotografien auf dem Bildschirm.

„Bisher sind wir davon ausgegangen, nach dem Ari die Idee aufgeworfen hat und den Aussagen von Bjarki und dem Mädchen bestätigt wurden, dass Bjarki und Mohammed ein Verhältnis hatten…“

Alle nickten.

„… und die Familie nicht damit einverstanden war. Was wäre, wenn die Aussagen nicht der Wahrheit entsprechen?“

„Was lässt dich daran zweifeln?“, fragte Anna.

„Kleinigkeiten!“

„Kleinigkeiten?“, kam es von Alexander.

„Ja, geringfügige Dinge, die mir aufgefallen sind! Da wäre zum Beispiel die Reaktion von Mohammed, als wir von Bjarki sprachen. Für mich wirkte er nicht traurig, sondern ängstlich… Dann die Aussagen der anderen zwei…, sie hören sich so gleich…, so konstruiert an.“

„Du meinst also Bjarki und das Mädchen haben gelogen?“, fragte Ari.

Plötzlich redeten alle durcheinander, bis Anna ein Machtwort sprach.

„Stopp!“, rief sie und alles verstummte, „lasst Kim bitte aussprechen!“

Kim nickte Anna dankend zu.

„Wie gesagt, die Idee ist weit hergeholt… Was ist, wenn die Hauptperson nicht Mohammed, sondern seine Schwester ist?“

„Wie Hauptperson?“, fragte Ari.

Auch ich verstand nicht, in welche Richtung Kim dachte.

„Wenn Bjarki überhaupt nicht an Mohammed interessiert ist, sondern an der kleinen Schwester…“

Wieder fingen alle an durcheinander zu reden, bis Anna ihre Hand hob und alles verstummte.

„Wie erklärst du dann, dass auf Mohammed geschossen wurde?“, fragte sie Kim.

„Moment, dazu komme ich gleich… war nur Mohammed an diesem Projekt beteiligt, was hat der Sozialarbeiter Kristofer Johannson ausgesagt?“

Hekla Finger jagten über die Tastatur.

„Mohammed und seine Schwester Marut…“, sagte Hekla, als sie aufschaute.

„Also kannten sich Bjarki und Marut und dieser Bjarki kennt sich sicher mit den Gepflogenheiten des moslemischen Glaubens aus.“

„Soweit kann ich dir folgen“, meinte Anna.

„Marut würde dort also nie ohne ihren Bruder erscheinen, weil sie von den Eltern alleine gar nicht dorthin gelassen worden wäre.“

„Freunde dich mit dem Bruder an, dann kommst du leichter an die Schwester…“, sagte nun Stefan.

„Das setzt aber voraus, dass Mohammed wirklich schwul ist und Bjarki das wusste“, meinte Alexander.

„… und es ausnutzte“, legte Kathrin nach.

„Dann haben beide gelogen, also Bjarki und diese… Marut?“, wollte Ari wissen.

„Ich vermute, dass Mohammed, Bjarkis Absichten heraus bekommen hat und irgendwie eingreifen wollte, seinem eingetrichterten Instinkt zu folgen und seine kleine Schwester zu schützen…“

„Weit hergeholt, aber da ist etwas dran“, sagte ich nun, nachdem ich mir das alles durch den Kopf gehen lassen hatte.

„Das muss aber Bjarki derjenige sein, der auf Mohammed geschossen hat… und das traue ich ihm irgendwie nicht zu“, wandte Ari ein.

„… oder seine Schwester!“, kam es von Alexander.

„So schüchtern und ängstlich, wie die ist…?

„Ari, das kann auch alles gespielt sein!“, warf Katrin ein.

„Und wie bringt ihr dann die Eltern und die restlichen Onkel ins Spiel…, den toten Onkel nicht zu vergessen?“, fragte Lilja.

Die meisten aller Blicke wanderten wieder zu Kim, als hätte er die Lösung, doch mein Kollege, zuckte nur mit den Schultern.

„Ich denke, wir haben dem verhafteten Bruder bisher die falschen Fragen gestellt“, meinte plötzlich Stefan, „deshalb hat er auch vielleicht geschwiegen.“

Anna hatte bis jetzt zu den Anmerkungen nichts geäußert. Ihr Blick lief ins Leere, doch plötzlich wurden ihre Augen groß. Sie drehte sich zu meinem Telefon und wählte eine Kurznummer.

„Hallo Ben, könntest du kurz herauf kommen?… ja, es ist nicht für jedermanns Ohren bestimmt… gut… danke.“

Sie legte auf und drehte sich wieder zu uns. Erwartungsfroh starrten wir sie alle an, aber nichts kam. Fragend schauten sich die anderen untereinander an, aber es kam keine Erklärung.

Plötzlich erschien Chief Karlson in der Tür.

„Was ist so dringend, dass du es mir nicht am Telefon sagen kannst?“, fragte er und ich wunderte mich plötzlich, über den vertrauten Ton.

„Hast du den jungen Brigson, als Wache ins Krankenhaus abkommandiert?“

„Ähm…, nein! Er hat sich freiwillig gemeldet!“

„Erinnerst du dich an den Vorfall mit Arnar Brigsons Schwager?“

Was hatte unser Fall jetzt mit Brigson zu tun?

„Ungerne! Bis heute haben wir den Mittelsmann und auch die Waffe nie gefunden!“

„Waffe?“, fragte ich erstaunt.

„Ja, Brigsons Schwager war in Waffenschiebereien verwickelt und es gab zwei Tote…“, erklärte mir Chief Karlson.

„… und was hat das jetzt mit unserem Fall zu tun?“, fragte ich nun Anna.

Sie schaute zu Chief Karlson.

„Könntest du nachschauen, um welche Waffe es sich damals gehandelt hat?“

Sein Gesicht verfinsterte ich.

„Da brauche ich nicht nachschauen, laut Zeugenaussagen und Munition war es eine FN Browning HP!“, erklärte Chief Karlson leise.

„FN Browning HP… eine alte Waffe, welche Munition?“, fragte ich neugierig.

„Neun Millimeter!“

„Neun Millimeter?“, fragte Hekla und ihr Gesicht verschwand hinter ihrem Monitor.

„Die gleiche Patrone, die man bei dem toten Onkel gefunden hat!“, sprach Hekla weiter.

Ich schaute zwischen Anna und Chief Karlson hin und her.

„Du denkst…“, begann Chief Karlson.

„Der Gedanke war plötzlich da…, Brigsons Sohn im Krankenhaus, die Tatsache, dass wir uns über den Ablauf des Tathergangs vielleicht geirrt haben…“

„Geirrt…?“, unterbrach sie Chief Karlson.

Anna nickte.

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