Eric Einarson – Der versprochene Mann – Tür 14

„Ich weiß es ist viel verlangt, aber könntest du jemand darauf ansetzten, die Unterlagen herauszusuchen?“

„Sind die nicht digital?“, rutschte es mir heraus.

„Unsere Daten werden erst seit fünf Jahren erfasst, davor… Aktenberge“, erklärte Hekla.

„… und das mit der Waffenschieberei passierte vor elf Jahren“, warf Stefan ein.

Chief Karlson nickte Stefan zu.

Wie lange Stefan hier schon arbeitete, wusste ich nicht, aber alt genug war, um diesen Fall mitbekommen zu haben.

„Da brauche ich nicht suchen, die Akten liegen bei mir unter Verschluss!“

„Bei dir?“, fragte Anna.

*-*-*

„Kein Wunder…“, hörte ich Lilja sagen.

„Was?“, fragte ich und schaute auf.

„… dass sich Chief Karlson so gut an diesen Fall erinnern kann. Einer der Toten war ein Kollege und Freund.“

Sie hatte wie ein Teil des Aktenberges vor sich. Aber ich hatte in meinem Stapel noch einen anderen Namen entdecken können, einen der schwer Verletzten. Chief Superidentent Phillip Björnson, Annas Bruder.

Vielleicht war auch deswegen Anna der Fall in den Sinn gekommen, weil auch ihr Bruder involviert war. Ob es eine Genugtuung für sie war, dass Bjarkis Vater verhaftet wurder, der damals mit Brigsons Schwager gemeinsame Sache gemacht hatte.

Brigson selbst würde jetzt ganz schön in Handlungsnot kommen, nachdem bekannt wurde, dass sein Neffe sich der Daten im Einwohnermeldeamt bedient hat. Mein Blick wanderte zu Anna, die selbst in Akten vertieft schien. Sie wirkte müde auf mich.

„Chief Karlson hat Brigson abgezogen und durch zwei Kollegen ersetzten lassen“, kam es von Alexander und riss mich aus meinen Gedanken.

„Gut so!“, sagte Anna.

„Marut ist nicht im Mutterhaus“, rief Katrin.

Anna hatte ihren Glaskasten verlassen.

„Anna, sie haben Bjarki verloren!“, sagte Stefan.

„Mist! Fahndung nach beiden heraus geben!“, meinte Anna ärgerlich und lief in ihr Büro zurück.

Plötzlich erschien Chief Karlson in der Tür zum Flur und brachte einem jungen Kollegen mit. Beide liefen direkt zu Anna. Ich erhob mich und folgte den beiden.

„… deine Vermutung war Recht, es sind die gleichen Patronen“, hörte ich Chief Karlson sagen, der gerade zwei Blätter vor Anna ablegte.

„Da Bjarki noch viel zu jung ist, kann nur sein Vater Ivy geschossen zu haben!“, kam es von Anna.

Wer war Ivy?

„Auf alle Fälle kennen sich Bjarki und Brigson“, sprach Karlson weiter und zeigte auf seinen jungen Kollegen.

„Brigson und ich besuchen das gleiche Fitnessstudio und ich meine ihn öfter mit diesem Bjarki zusammen gesehen zu haben.“

„… und was sagt Brigson dazu?“

„Schweigt!“, sagte Karlson ärgerlich.

Er nickte dem jungen Kollegen zu und dieser verschwand.

„Wie der Vater so der Sohn…“, meinte ich.

Anna schaute mich an.

„Hat schon jemand Bjarkis Vater Angaben überprüft?“, fragte Karlson.

„Hekla“, rief Anna.

„Ja… einen Moment!“, rief Hekla zurück.

„Chief?“, rief jemand plötzlich von der Tür.

Ein anderer Kollege von unten erschien an der Tür.

„… wir haben die Frau gefasst!“, sprach er weiter und trat zu uns in den Glaskasten.

„Wo?“, fragte Karlson nur.

„Sie wurde im Krankenhaus gefasst, als sie versuchte, das Zimmer ihres Sohnes  zu betreten!“

„Wie konnte sie so weit vordringen?“

„Sie war wie eine Schwester gekleidet!“

*-*-*

Ich wusste nicht, wie oft ich mir die Aussage der Mutter angeschaut hatte. Es waren noch so viele offene Fragen.

„… über was denkst du nach?“

Das war Anna, die unbemerkt neben meinen Schreibtisch getreten war. Ich schüttelte den Kopf.

„Wer hätte gedacht, dass eine moslemische Familie hinter ihrem schwulen Sohn steht“, sagte ich mehr im Gedanken, ohne sie anzusehen.

„Sein Onkel hat dafür mit dem Leben bezahlen müssen…“

„Dann ist nicht Mohammed, sondern Marut, die Enttäuschung der Familie! Was wird jetzt werden?“

„Ich weiß es nicht. Solange Bjarki noch frei herum läuft, ist die Sache noch nicht vom Tisch.“

„Stefan sagte, alle Fährverbindungen und Flüge werden überwacht, also kommen die beiden nicht von der Insel runter und die Fahndung läuft auf vollen Touren! Weit werden sie nicht kommen!“

„Denk an Mohammeds Familie! Ohne Mohammeds Mutter hätten wir das Versteck nie gefunden.“

Da hatte sie leider Recht! Sie war mit Sondergenehmigung im Krankenhaus bei ihrem Sohn. Der Vater und seine zwei verbliebenen Brüder blieben unter Sicherungsverwahrung, auch zum eigenen Schutz, nichts Weiteres anstellen zu können.

„Willst du nicht mal Pause machen?“

Diese Frage hatte Kim gestellt, Anna war in ihr Büro zurück gelaufen.

„Du sitzt jetzt schon vier Stunden über den Akten und machst Notizen für Hekla.“

Schulterzuckend schaute ich Kim an. Plötzlich gingen meine Mundwinkel nach oben. Ich hatte die letzten vier Stunden nicht einmal über Kim und mich nach gedacht. Da stand mein angehender Freund vor mir und lächelte komisch.

„Was?“, Fragte Kim.

„Nichts!“, grinste ich weiter.

Kim griff nach meiner Tasse und war dabei das Büro zu verlassen.

„Warte, ich komme mit!“

*-*-*

„Mir reicht es für heute“, sagte ich und ließ mich müde auf die Couch fallen.

„Stimmt, zum Kochen habe ich auch keine Lust mehr“, sagte Kim und ließ sich neben mir nieder.

Der Türgong machte sich bemerkbar.

„Nanu, wer hat sich denn da verirrt?“, sagte ich und stand mühselig auf.

„Wieso verirrt?“

„Ich kenne hier niemanden, der mich besuchen könnte…“, grinste ich ihn an und lief in den Flur hinaus.

An der Türsprechanlage gab es die nächste Überraschung. Alexander stand vor der Haustür.

„Ähm, es ist Alexander…“

Ich drückte den Türöffner.

„Alexander…?“, hörte ich Kim hinter mir, der lautlos ebenso den Flur betreten hatte.

Ich hörte die Schritte von unten, wie sie die Treppe herauf liefen und wenig später erschein Alexander auf unserer Etage.

„Äh… hättet ihr kurz Zeit für mich?“

Leicht verwirrt schaute ich zu Kim, der nur grinste, aber nichts dazu sagte.

„Komm herein… hast du Hunger, wir überlegen uns gerade, ob wir uns etwas bestellen sollen“, meinte ich und machte eine einladende Bewegung in die Wohnung.

„Ähm… ja…“

„Leg ab und such dir einen Platz im Wohnzimmer, ich komme gleich.“

Alexander folgte etwas unsicher Kim ins Wohnzimmer, während ich in die Küche lief und schaute, ob ich etwas zu trinken anbieten konnte. Als ich ins Wohnzimmer zurück kam, unterhielten sich die beiden bereits.

Aber ein anderes Problem tat sich auf. Alexander saß bei Kim auf der Couch, so war mein Platz dahin und eine andere Sitzmöglichkeit gab es nicht. Auf den Boden wollte ich nicht sitzen.

So lief ich in die Küche zurück und holte mir einen Stuhl, um mich dann endlich dazu setzten zu können.

„Eric möchte sich hier erst ein paar Möbelhäuser anschauen“, hörte ich Kim sagen.

„Ich kenne einen guten Schreiner, falls ihr auf echte Holzmöbel steht“, meinte Alexander.

„Das ist doch sicher recht teuer?“, fragte ich, um mich in die Unterhaltung einzuschleichen.

„Es geht, ich finde die Preise angemessen.“

Wenn man das nötige Kleingeld hat? Aber Alexander war sicherlich nicht gekommen, um mit uns über Möbel zureden. Ich füllte mein Glas und nahm einen Schluck.

„So, um was geht es?“, fragte ich direkt.

Wurde Alexander etwa rot? Ein kurzer Blick zu Kim, dessen Mund ein leichtes Grinsen zeigte, schien dies wohl auch aufgefallen zu sein..

„Ähm…, also…“, begann Alexander zu stottern, „… es ist wegen…Ari.“

„Was ist mit Ari?“, fragte Kim und setzte sich nun richtig hin.

„Ihr wisst, dass sich Ari in mich verknallt hat…?“

Wir nickten beide.

„Aber du bist es nicht in betreffend?“, fragte Kim.

„Sooo… will ich das nicht sagen…, ich mag den kleinen…sehr, aber…“

„Aber?“, fragte ich.

„Ich weiß einfach nicht, ob es recht ist…Ari wirkt noch wie ein Kind…, würden wir überhaupt zusammenpassen?“

Da hatte Alexander schon irgendwie recht. Er war groß, sehr muskulös, so eher der Rausschmeisertyp. Ari dagegen wirkte eher zierlich. Ob er Muskeln hatte, konnte ich bei seinen weiten Klamotten nicht sagen.

Zumindest machte er sich Gedanken darüber, ob er Ari näher kennen lernen wollte.

„Du solltest Ari vielleicht erst besser kennen lernen“, kam es von Kim.

Darauf sagte Alexander nichts.

„Ich kann das jetzt nur aus meiner Sicht sagen, weil ich mich ehrlich gesagt, bei diesem Thema nicht so gut auskenne…“, sprach Kim weiter.

„… aber wie du vielleicht mitbekommen hast, ziehen Eric und ich nicht nur wegen Wohnproblemen mit meinem Vater zusammen, ich mag Eric auch sehr.“

Ich sah Kim verwundert an, weil er so offen darüber sprach.

„Ihr kennt euch aber doch noch nicht so lange“, sagte Alexander, „ist das zusammenziehen dann nicht etwas vorschnell?“

„Der Vorschlag  von mir kam nur auf, weil Kim zu Hause ausziehen sollte…“

Ich wurde rot.

„Stimmt…, das war ganz ohne Hintergedanken“, lachte Kim.

„Ihr meint also, dass ich es mit Ari probieren soll?“

„Ich habe nur…“, sprach Kim einfach weiter, „… gemeint, dass du vielleicht erst Ari besser kennen lernen solltest, in seine Welt eintauchen. Von dir weiß ich nur, Du treibst viel Sport, aber sonst weiß ich gar nicht, was du in deiner Freizeit machst und so wird es Ari nicht anders gehen.“

„Kennen lernen…“, sinnierte Alexander vor sich her.

Er hatte Recht, ich wusste auch noch nicht so viel von Kim, von Alexander ganz zu schweigen, aber dafür war ich einfach noch nicht so lange da, um irgendwen besser kennen zu können.

„So gesehen, geht es mir bei Eric nicht anders. Wir haben zwar schon sehr viel mit einander geredet, aber so richtig kennen tu ich Eric nicht.“

„Aber woher wisst ihr, dass ihr zusammenpasst?“, fragte Alexander.

„Wissen wir nicht“, beantwortete ich die Frage, „ich weiß nur, dass ich Kim interessant finde und ich ihn besser kennen lernen will. Aber ich gebe auch zu, dass der Wunsch einen Partner zu haben, noch nie so groß war, wie im Augenblick.“

Kim lächelte mich an.

„Könntest du dir Ari überhaupt als Freund vorstellen, so richtig mit allem drum und dran…“

Kim war einfach zu neugierig, aber sein Lächeln war einfach entwaffnend.

„Schon irgendwie…, mir geht es da nicht anders, als Eric…, ich habe das viele Alleinsein einfach satt.“

„Was ist mit deiner Familie?“, fragte nun ich.

Er atmete tief durch. Eigentlich hatte ich versprochen, über dieses Thema mit ihm nicht mehr zu reden.

„Seit der Sache mit meinem Vater, ist das Verhältnis zu meiner Mutter stark abgekühlt. Meine Schwester sehe ich ab und wann, aber ich kann nicht sagen, das Verhältnis wäre sehr herzlich.“

So hatte jeder seine Probleme mit seiner Familie.

„Ich weiß, wir hatten keinen guten Start Alexander, aber meine Haustür steht jederzeit offen, wenn dich etwas bedrückt.“

„Es ist zwar nicht meine Haustür, aber das gleiche gilt auch für mich“, sagte Kim grinsend.

Auch Alexander lächelte ein wenig, ein seltener Anblick. Er kratzte sich verlegen am Hinterkopf.

„So gesehen…, ist mir die ganze Sache im Nachhinein irgend peinlich.“

„Wieso peinlich…?“, wollte  Kim wissen, „weil du plötzlich nicht mehr der Mittelpunkt warst und ein anderer Platzhirsch sich breit macht?“

„Kim!“, rutschte es mir heraus.

Kims Direktheit war mir plötzlich peinlich.

„Arsch!“, sagte Alexander leicht lächelnd.

Die beiden kannten sich einfach länger, ich wusste wirklich nicht fiel. Auch das mich Kim als einen Platzhirsch bezeichnete, verwirrte mich.

„Ich denke, das gleiche gilt auch für euch beide, dass ihr euch besser kennen lernt“, sprach mein angehender Freund weiter.

Mein Bauch grummelte laut, das war mir jetzt peinlich.

„Ich denke, wir bestellen etwas zu essen, bevor uns Eric noch vom Stuhl gibt.“

*-*-*

„Was findest du intersannt an Ari?“, wollte Kim wissen und schob sich ein Stück Pizza in den Mund.

Wir hatten in die Küche gewechselt und saßen zu dritt an dem viel zu kleinen Küchentisch. Die Verpackung unseres Essens war einfach zu groß, aber anders konnte man Pizza einfach nicht verpacken.

Alexander hatte den Vorschlag gemacht, weil er einen guten Italiener kannte. Die drei Gläser mit dem Rotwein und der Flasche, die wir mitbestellt hatten, verringerten das Platzproblem auch nicht.

„Hm… Aris quirlige Art…, seine Neugier und wie er förmlich alles in sich auszieht, wenn man ihm etwas beibringt!“, erklärte Alexander.

„Außer beim Computer…“, rutschte mir es heraus.

Alle fingen wir an zu lachen.

„Wie denkt ihr eigentlich über unseren Fall?“, fragte Alexander plötzlich.

Wollte er jetzt das Thema wechseln?

„Was meinst du?“, fragte ich kauend.

„Wie eure Gedanken zu dem Fall sind?“

„Ich finde es heftig solche Wege zu gehen, dass man das bekommt, was man will“, sagte Kim.

„Stimmt, ich habe mich in Bjarki wirklich getäuscht“, meinte ich.

„Er hat uns allen etwas vorgespielt und es hätte auch niemand damit gerechnet, dass er so drastisch ist und den Onkel erschießt, nur um an sein Ziel zu kommen“, kam es von Alexander, der in seinem Salat herumstocherte.

Ich stimmte ihm zu und nickte, aber dafür kam mir etwas anderes in den Sinn.

„Wisst ihr eigentlich etwas über Phillip, was da damals genau passiert ist?“

„Soviel ich weiß“, begann Alexander zu erzählen, „muss das bei einem verlassen Betriebsgelände im Süden passiert sein. Als das ganze aufflog, wurde ein Großeinsatz gestartet. Dabei hat sich Philip dann wohl die Kugel im Rücken eingefangen.“

„Im Rücken?“, fragte ich entsetzt.

„Ja“, sagte Kim, „aber das solltest du dir in Ruhe von Phillip selbst anhören, den Alexander und ich waren beide noch nicht an der Dienststelle, als das passiert.“

„Okay“, meinte ich und schaute auf meine Uhr.

Er war kurz vor zwölf.

„Hast du es weit bis nach Hause?“, fragte ich Alexander.

„Eine Stunde, oder?“, kam es von Kim.

Alexander nickte.

„So weit noch… ähm, willst du vielleicht hier schlafen?“

„Willst du jetzt eine WG aufmachen?“, lachte Kim laut.

„Nein“, grinste ich, „ich dachte nur, es ist schon spät und bis Alexander ins Bett kommt und nachher wieder früh raus muss, hat er zu wenig Schlaf!“

„Das sollte nicht dein Problem sein!“, meinte Alexander.

„War ja nur ein Angebot und ich kann dir auch nur unsere Couch anbieten.“

Ich hatte unsere gesagt, ohne groß darüber nach zu denken, auch nicht, ob es Kim überhaupt recht war, dass Alexander hier schlief.

„Recht hat Eric schon, du könntest dir die zwei Stunden hin und her fahren sparen!“, meinte Kim.

„Hm…“, grübelte Alexander.

„Komm, bleibe da“, kicherte Kim, ausgeschlafener bis du viel besser zu ertragen!“

Alexander streckte ihm die Zunge heraus.

Eine halbe Stunde später, kam Alexander aus meinem Bad. Er hatte noch geduscht und trug nun ein Shirt und Shorts von mir. Zwar etwas knapp, aber war lecker an zu sehen. Ich meinerseits, war nun auch in der Küche fertig.

Kim kam von Wohnzimmer zurück, wo er eine Decke mit Kissen für Alexander deponiert hatte.

„Dann mal gute Nacht!“, sagte ich und löschte das Licht in der Küche.

„Gute Nacht“, sagte Alexander und verschwand in Wohnzimmer.

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