Das 5. Türchen – eine Adventsgeschichte

Entsetzt sah ich Georg Fastrick an.

„Was soll ich getan haben? Tut mir Leid Georg, aber dieses Ekelpaket würde ich nicht mal anfassen, wenn er der letzte Mann auf Erden wäre.”

„Das habe ich mir fast schon gedacht. Aber es steht nun mal Wort gegen Wort und ich weiß nicht, wie man ihm das nachweisen soll.”

Ich spürte, wie Übelkeit in mir hochstieg. Irgendwie kam es mir vor, als würde hier ein falscher Film laufen.

„Ist dir nicht gut?”, fragte Georg.

Ich schüttelte den Kopf.

„Wäre es dir recht, wenn ich deinen Vater anrufe? Er meinte, wenn irgendwas wäre, soll ich ihn verständigen.”

Dieses Mal nickte ich. Georg stand auf und lief zum Sideboard, wo ein Telefon für die Lehrer stand.

„Fastrick, hallo Martin. Ja… könntest du Fabian abholen? Es geht ihm nicht gut, ist ganz weiß im Gesicht… oh, du hast schon den Anwalt eingeschaltet? Gute Idee… gut bis gleich.”

Nachdem er das Gespräch beendet hatte, kam Fastrick zurück zu mir. Ich hatte inzwischen mein Gesicht zwischen die Hände genommen und starrte auf den Boden. Mir war mittlerweile richtig schlecht und ich spürte, wie ich die Tränen langsam nicht mehr zurück halten konnte.

„Möchtest du dich etwas hinlegen, bis dein Vater kommt?”, fragte mein Lehrer und Freund der Familie besorgt.

Noch immer schweigend schüttelte ich nur den Kopf.

„Gut, ich werde dich kurz alleine lassen und deiner Englischlehrerin Bescheid geben, dass du heute nicht mehr zum Unterricht erscheinst.”

„Kannst du…”

Ich musste schlucken, weil mir so schlecht war.

„Ja?”, fragte er.

„Kannst du bitte… Gabriella das Ganze erzählen?”

„Hm, eigentlich sollte ich das nicht tun, aber ich denke, das ist eine gute Idee. Okay, ich bin gleich wieder da.”

Fastrick verließ das Lehrerzimmer und ließ mich alleine zurück. Ich kämpfte derweil gegen die Übelkeit an und versuchte, irgendwie ruhig zu bleiben. Es wollte mir einfach nicht in den Kopf, wie Carsten überhaupt auf die Idee hatte kommen können, mich mit so etwas zu beschuldigen.

Was hatte ich Carsten getan, dass er so handelte? Ich spürte, wie ich langsam den Kampf gegen meine Übelkeit zu verlieren drohte. Wacklig und benommen stand ich auf und schleppte mich zur Tür des Lehrerzimmers.

Nur mit viel Mühe erreichte ich gerade noch rechtzeitig die Toilette, wo ich mir wenige Sekunden später noch einmal das Frühstück durch den Kopf gehen ließ. Ich kotzte mir regelrecht die Seele aus dem Magen.

„Fabian, bist du hier drinnen?”, hörte ich weit entfernt eine Stimme.

Es blieb bei dem kläglichen Versuch antworten zu wollen. Mehr als ein Krächzen brachte ich nicht zustande und sogar das war schon zuviel für mich. Meine Kräfte verließen mich vollends und alles um mich herum wurde schwarz.

*-*-*

„Hallo Großer, da bist du ja endlich wieder.”

Das war die Stimme meines Vaters. Ich versuchte die Augen zu öffnen, was mir unendlich schwer fiel.

„Wie geht es dir?”, hörte ich die besorgte Stimme meiner Mutter.

„Es geht”, krächzte ich, „was ist denn passiert?”

Langsam begann sich das verschwommene Bild vor mir zu ändern und ich konnte meine Eltern erkennen. Auch dass ich in keiner vertrauten Umgebung lag, konnte ich erkennen. Dem Geruch nach war ich scheinbar im Krankenhaus.

„Du machst vielleicht Sachen, hast uns einen schönen Schrecken eingejagt. Du bist auf dem Schulklo zusammengebrochen”, erklärte mir Dad.

Plötzlich kam alles wieder hoch. Das Gespräch mit Fastrick und dass mir schlecht geworden war.

„Ich habe nichts getan…”, flüsterte ich zittrig und begann zu weinen.

„Das wissen wir, mein Schatz”, kam es von Mum, die meine Hand nahm und sanft streichelte.

„Falls es dich beruhigt, unser Anwalt hat die Sache in die Hand genommen. Carstens Eltern haben mittlerweile die Beschwerde zurückgezogen und Carsten selbst ist von der Schule suspendiert”, meinte Dad.

„Suspendiert?”, fragte ich verwirrt, „… das wollte ich nicht.”

„Na hör mal Fabian. Er erzählt rum, dass du ihn unsittlich angefasst hast, sogar noch nach deinem Zusammenbruch. Dass du sicher Aids hast und was weiß ich noch alles. Tut mir Leid Fabian, aber das ist eine gerechte Strafe.”

Mein Dad war sauer, soviel konnte ich seinen Worten entnehmen. Aber ich dachte auch daran was sein würde, wenn Carsten und ich wieder in der Schule zusammen treffen würden.

„Du bleibst eine Nacht zur Beobachtung hier in der Klinik, aber nur damit der Arzt sicher sein kann, dass dir wirklich nichts weiter fehlt”, sprach Mum ruhig weiter, „und morgen holen wir dich wieder nach Hause. Soll dich übrigens von Gabriella und der halben Klasse grüßen. Die machen sich echt Sorgen um dich.”

„Danke…”

„So, nun schlaf dich gut aus, morgen sind wir wieder da”, sagte Dad und streichelte mir über den Kopf.

„Gute Nacht, bis morgen”, meinte Mum, gab mir einen Kuss auf die Stirn und schon waren sie verschwunden.

Ich atmete tief durch und starrte auf die Decke. Zum Nachdenken blieb mir jedoch keine Zeit, denn schon wurde die Tür wieder aufgerissen.

„Hallo Fabian, ich bin Schwester Ricke. Kann ich dir etwas Gutes tun oder hast du vielleicht Hunger?”

Eine blonde junge Frau trat an mein Bett, nahm mein Handgelenk in die Hand und prüfte anscheinend den Puls.

„Hunger habe ich keinen…”

„Wie wäre es mit etwas zu trinken?”

Ich nickte.

„Gut, dein Puls ist okay und wie ich sehe, ist deine Stirn auch nicht mehr heiß. Ich komme gleich wieder und bringe dir etwas Tee mit, okay?”

„Okay.”

Ich musste wider eingeschlafen sein, denn als ich meine Augen öffnete, stand eine große Tasse mit Tee auf meinem Tischchen.

*-*-*

Die Nacht im Krankenhaus hatte ich mehr als schlecht geschlafen und war froh, als ich endlich wieder die Schwelle unserer Wohnung betreten konnte. Wie versprochen hatte mich Dad abgeholt und nach Hause gebracht.

„Hast du immer noch keinen Appetit?”, fragte Dad.

Ich schüttelte als Antwort nur meinen Kopf.

Mein erster Blick in der Küche fiel auf meinen Adventskalender, den ich heute noch nicht hatte öffnen können, also lief ich sofort darauf zu und suchte nach der Fünf. Dad trug derweil meine Tasche nach oben.

Nach eifriger Suche wurde ich schließlich fündig. Erst hatte ich gedacht, die Shorts des abgebildeten Jungen wären bedruckt, aber bei näherem Hinsehen konnte ich feststellen, dass darauf die Fünf zu sehen war. So zog ich das Türchen auf und erneut fiel mir ein Zettel entgegen.

Sich selbst zu lieben,

ist der Beginn

einer lebenslangen Freundschaft

Hm. Ich hatte eigentlich keine Probleme mit mir, zumindest dachte ich das auf alle Fälle. Allerdings war ich mir auch nicht ganz sicher, was genau meine Mum mit diesem Spruch gemeint hatte.

„Und, willst du noch hier unten bleiben oder ins Bett gehen?”

Ich fuhr erschrocken zusammen, denn ich hatte meinen Dad bis dahin nicht bemerkt.

„Entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken…!”, meinte er mit einem entschuldigenden Lächeln. „Und hat dir deine Mutter wieder ein schönes Sprüchlein beschert?”

Ich musste etwas lächeln und mein Vater quittierte das ebenso erneut mit einem Lächeln.

„Ich würde noch gerne hier unten bleiben… bei dir. Oder musst du noch auf die Arbeit?”

„Nein, ich habe heute wegen dir frei genommen, das scheint mir wichtiger zu sein.”

„Danke…”

„Nicht dafür, Sohnemann.”

Ich spürte wie mir die Tränen in die Augen schossen und sah verschwommen, wie mein Dad mich in den Arm nahm.

„Ich weiß zwar nicht, was in dir alles vorgeht Fabian, aber ich kann mir vorstellen, es liegt vieles im Argen.”

Wie eine Mauer fiel es plötzlich von mir ab und ich begann zu schluchzen.

„Ja, wein dich aus mein Kleiner, das tut dir gut.”

Fest hatte er mich in seinen Armen und es tat gut, dies zu spüren. Wie lange war es her, dass mein Dad mich so in den Arm genommen hatte.

Wenige Minuten später saßen wir zusammen im Wohnzimmer auf der Couch, der Arm meines Vaters noch immer um mich gelegt.

„Fabian, du kannst mit mir über alles reden, das weißt du. Ich möchte nicht, dass du etwas in dich hineinfrisst und damit nicht klar kommst.”

Ich schluckte und nickte, in dem Moment hörten wir, sie die Wohnungstür aufgeschlossen wurde.

„Ich bin wieder zu Hause, wo seid ihr?”, hörte ich Mum rufen.

„Im Wohnzimmer, Schatz”, antwortete Dad.

Sie schien in der Küche ihre Einkäufe abzuladen, jedenfalls nach den Geräuschen zu urteilen und erschien wenig später im Wohnzimmer.

„Hallo ihr zwei. Na Großer, wie fühlst du dich?”

„Besser”, meinte ich und versuchte zu lächeln.

„Hast du geweint?”, fragte Mum, als sie meine roten Augen sah.

„Ist alles schon geklärt, Schatz”, unterbrach Dad sie gleich, um mir eine Antwort zu ersparen.

Sie nickte, lehnte sich zurück und meinte nachdenklich: „Das Gestrige hat wohl schon seine Runde gemacht.”

„Wieso?”, fragte Dad.

„Ich habe beim Einkaufen Gabriellas Mutter getroffen, die mich gleich auf den Vorfall angesprochen hat.”

Ich seufzte, spürte aber, wie Dad mich näher an sich zog.

„Sie hat sich tierisch über Carstens Eltern aufgeregt und ließ kein gutes Haar an denen.”

„Kennt sie die denn?”

„Sie hat was von gemeinsamen Vereinstätigkeiten erzählt, mehr nicht.”.

„Eigentlich ist mir das egal, solange wir nichts mehr mit ihnen zu tun haben.”

Ich beobachte die beiden, wie sie miteinander sprachen.

„Was ist?”, fragte Mum, als sie meine Blicke bemerkte.

„Ich kann nichts Schlechtes an Carstens Eltern finden. Als Carsten und ich noch besser befreundet waren und ich öfter auf Besuch bei ihm war… seine Mutter war immer sehr freundlich und zuvorkommend zu mir.”

„Das ist aber lange her. In der Zwischenzeit bist du doch gut mit Marcel befreundet?”

„Marcel”, sagte ich langsam den Namen meines Ex-besten Freundes.

„Ja, wo steckt der überhaupt? Der hat sich seit letzter Woche gar nicht mehr bei dir blicken lassen.”

Ich schaute Mum an und unweigerlich traten mir wieder Tränen in die Augen.

„Er will wohl nichts mehr von dir wissen?”, meinte Mum leise.

Ich nickte und spürte wie mir mein Vater sanft über den Kopf strich, da klingelte es an der Wohnungstür.

„Bleibt sitzen, ich schaue nach, wer das ist.”

Wenige Minuten später erschien Mum wieder im Wohnzimmer.

„Carstens Eltern stehen an der Tür, sie wollen zu dir Fabian.”

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