Das 4. Türchen – eine Adentsgeschichte

„Ich wüsste nicht, was wir beide zu bereden hätten”, hörte ich mich abweisend sagen und meinte an meine Freunde gewandt: „Kommt, die Schoko wartet.”

Dann ließ ich ihn einfach stehen und machte mich auf den Weg zur Theke. Thomas und Gabriella liefen mir einfach hinterher.

„Was war das jetzt?”, fragte Gabriella erstaunt.

„Was soll das schon sein. Ich habe keinen Bock auf solche Gespräche”, erwiderte ich.

„Hätte ich auch nicht”, stimmte mir Thomas zu.

„Wie du meinst”, sagte Gabriella nur und bestellte drei Tassen gefüllt mit heißer Schokolade.

*-*-*

Thomas war schon eine Nummer. Er hatte es sogar fertig gebracht, mich zum Lachen zu bringen. Seine Anekdoten über seinen Bruder waren einfach zu köstlich. Nun saß ich aber wie jeden Spätmittag zu Hause über meinen Hausaufgaben.

Meine Mum hatte ich noch nicht gesehen, denn die war mit einer Freundin in die Stadt gefahren. Weihnachtseinkäufe natürlich. Nun ging das wieder los, ich hatte noch nicht mal ne Ahnung, was ich überhaupt verschenken sollte.

Gut, ein Geschenk konnte ich mir dieses Jahr sparen, denn Marcel würde ich bestimmt nichts kaufen. Aber für meine Eltern und auch für Gabriella musste ich mir unbedingt etwas Schönes ausdenken. Wäre ich doch schon mit Mathe fertig, diese vektorielle Darstellung einer Geraden in Punkt-Richtungsform war einfach zum Haare raufen!

Eine gefühlte Ewigkeit oder vielmehr zwei Stunden später und sicher mit einigen Haaren weniger lag ich im Wohnzimmer vor dem Fernseher, als ich hörte, dass die Haustür geöffnet wurde.

„Florian, wir sind zu Hause”, rief meine Mutter.

„Brauchst nicht so schreien, bin im Wohnzimmer”, erwiderte ich.

Wenige Sekunden später erschien meine Mum in der Wohnzimmertür, beladen mit jeder Menge Tüten.

„Hast du etwas Größeres vor?”, fragte ich grinsend und setzte mich auf.

„Eigentlich nicht, aber das hat mit einer Entscheidung zu tun, die dein Vater für uns getroffen hat.”

„Und die wäre?”

„Da du in den letzten zwei Jahren nicht so gut darauf zu sprechen warst, über Weihnachten nicht zu Hause zu sein, sondern in irgendeinem Hotel, was uns übrigens selbst nicht mehr gefiel, hat er beschlossen, dass wir dieses Jahr zu Hause bleiben”, antwortete meine Mutter an einem Stück, ohne auch nur einmal Luft zu holen und sah mich dann erwartungsvoll an.

„Hat er einfach?”

„Ja, hat er. Nicht begeistert?”

„Ja schon…”, fing ich nachdenklich an.

„Aber…?”

„Was hat das mit den ganzen Tüten zu tun?”, grinste ich wieder.

„Ganz einfach. Vielleicht könnte es daran liegen, dass ich es schön haben möchte in meiner Wohnung.”

„Du hast Deko gekauft?”

„Ja und ein kompletten Satz Kugeln für einen Weihnachtsbaum.”

„Welche Farbe denn?”

„Natürlich rot!”

„Hach, wie traditionell du doch bist”, meinte ich und fing an zu kichern.

„Lach nicht! Nimm mir lieber mal die schweren Tüten ab.”

Oh, darauf hätte ich auch selbst kommen können, dachte ich leicht verlegen und sprang sofort auf, um ihr die größten Tüten abzunehmen und sie auf den Esstisch zu stellen.

„Du findest rot wirklich zu traditionell?”, hakte Mum nach.

„Nein Mum, ist schon in Ordnung. Viele verbinden die rote Farbe mit Weihnachten, warum nicht auch wir.”

„Danke.”

„Öhm, wieso danke?”

„Ich dachte, ich hätte das Falsche gekauft.”

Verwirrt schaute ich Mum an.

„Ist es so wichtig, was ich denke?”

„Klar ist es wichtig, was du denkst. Dir soll es hier schließlich auch gefallen.”

„Mir gefällt es hier sehr gut und nach der Überraschung mit dem neuen Zimmer sowieso. Könnte es sein, dass ihr wegen dem neuerlichen Vorfall jetzt besonders Rücksicht auf mich nehmt?”

„Erwischt, schuldig in allen Punkten.”

Wieder musste ich kichern, über die Art wie Mum das rüberbrachte.

„Oh ich muss mich sputen. Ich will das Essen fertig machen, bevor dein Vater heimkommt.”

„Soll ich dir helfen?”

Meine Mum setzte einen geschockten Blick auf und betrachtete mich sekundenlang, als wäre ich der Weihnachtsmann höchstpersönlich.

„Es geschehen doch noch Zeichen und Wunder.”

*-*-*

Ich weiß nicht, wie lange wir gemeinsam am Tisch gesessen hatten. Das Essen war gut wie immer, besonders die Kartoffel, die ich selbst hatte schälen dürfen. Mum erzählte uns ausführlich, welche Deko sie gerne an welcher Stelle aufhängen würde und überhaupt, was sie noch alles in der Wohnung renovieren wollte.

Sie hatte schon recht. Bis auf ein paar Schönheitsmaßnahmen hatte sich, seit ich denken kann, in der Wohnung nicht viel verändert. Und seit ich wusste, was man aus einem Zimmer alles machen konnte, war ich sogar begeistert von der Idee mitzuhelfen.

Jetzt aber lag ich doch etwas müde im Bett, mein Kopf brummte dabei vor sich hin. Ich hätte wohl doch kein zweites Glas Rotwein trinken sollen. Mum hatte mich ja gewarnt.

Mühsam richtete ich mich auf, denn wenn ich jetzt nicht aufstand, würde ich sicher meinen Bus verpassen. Mein Blick fiel auf meinen Schreibtisch. Dort lag ein Blatt mit den aufgeklebten Sprüchen der letzten drei Tage.

Ich beschloss, diesmal erst das Bad aufzusuchen und meiner Mutter den Anblick meiner selbst nur in Shorts bekleidet, zu ersparen. Wobei ich eigentlich nicht mal übel aussah. Das viele Volleyball spielen hatte sich schon bezahlt gemacht.

Wenig später und fertig angezogen betrat ich die Küche, wo Mum bereits lesenderweise am Tisch saß.

„Guten Morgen”, hörte ich es hinter der Zeitung.

„Morgen. Und was gibt es Neues in der Welt der Reichen und Schönen?”

„Sicher nichts, was dich interessieren würde.”

„Woher weißt du das?”

„Als würde dich das interessieren.”

„Na hör mal. Wenn Keanu Reeves in die Stadt kommen würde oder gar Brad Pitt, dann würde ich das schon ganz gerne wissen wollen!”

„Die sind doch viel zu alt für dich und zudem beide gebunden, glaube ich.”

„Man darf ja wohl noch träumen, oder?”

„Klar, aber es ist sicher richtiger, den Mr. Right zu finden, oder?”, konterte  Mum mit einer Gegenfrage.

„Weißt du Mum, ich werde mich einfach finden lassen”, meinte ich und stellte mich sehr modellhaft in Pose, doch statt Bewunderung zu zeigen, fing meine Mum schallend laut an zu lachen.

Nun suchte ich mühsam nach der Vier auf dem Adventskalender. Wie schon in den letzten Tagen hingen meine Augen mehr an den süßen Jungs als auf den Zahlen. Ah – gefunden! Ich zog das Türchen auf und der Zettel kam mir regelrecht entgegen geflogen.

Liebe ist ein Auszug

aus allen Leidenschaften

auf einmal

Aus allen Leidenschaften auf einmal. Hm… wollte Mum mich unbedingt verkuppeln und machte hier einen Liebe-Schnell-Schnupperkurs mit mir? Ich konnte sie nicht fragen, denn sie war auf wundersamer Weise wieder verschwunden.

Also schob ich den Zettel in meine Hosentasche und widmete mich dem Frühstück.

*-*-*

„Bist du aus dem Bett gefallen?”, fragte Gabriella, als ich an die Bushaltestelle gestampft kam.

„Nein, nur mal rechtzeitig aufgestanden.”

Sie griff mir an die Stirn. „Fieber hast du keins… hm.”

Ich grinste und sie sah mich merkwürdig an.

„Sagst du mir den wahren Grund deiner Pünktlichkeit?”

„Ich bin nur pünktlich daheim raus, mehr nicht. Soll ich in zehn Minuten wieder erscheinen?”

„Nein, bleib ruhig hier, dann habe ich wenigstens Unterhaltung.”

„Wie gnädig.”

„Bist du schlecht drauf, oder was?”

„Nein bin ich nicht…”

Gabriella legte ihre Stirn in Falten.

„Aus euch Männern soll jemand schlau werden.

Fast eine halbe Stunde später liefen wir in der Schule ein. Wie nicht anders zu erwarten, machten zehn Minuten früher doch einiges aus. Es liefen noch nicht so viele Schüler herum wie sonst, wenn ich zu meiner normalen Zeit einlief.

Gabriella entdeckte Thomas am Fahrradständer und winkte ihm zu. Er schulterte daraufhin seinen Rucksack und lief uns entgegen. Thorsten konnte ich ebenso ausmachen, aber der schien kein Interesse für die Aktivitäten seines Bruders zu haben.

„Morgen Thomas, auch schon so früh hier?”, rief ihm Gabriella zu.

„Wieso früh…?”

Ich seufzte und verdrehte die Augen.

„Seinereiner kommt immer erst mit dem nächsten Bus, das wäre mir aber zu knapp. Ein gepflegter Plausch am Morgen muss schon sein”, meinte Gabriella und zeigte auf mich.

Gabriella schien es sichtlich zu genießen, ein neues Opfer ihres Redeschwalles gefunden zu haben.

„Unser Bus fährt zu einer anderen Zeit, deshalb bin ich auch früher da”, erwiderte Thomas.

Der Gong zur ersten Stunden, meine Rettung, unterbrach dieses Gespräch und wir liefen in das Haus.

Drinnen sah ich Carsten an der Ecke stehen, alleine und ohne seine üblichen Anhängsel. Ohne ihn aber weiter zu beachten, liefen wir in Richtung Klassenzimmer.

„Fabian, könntest du bitte kurz kommen?”, hörte ich Fastricks Stimme hinter mir.

Ich drehte mich um, um zu sehen, woher seine Stimme kam und sah ihn am Lehrerzimmer stehen. Nach einem verwirrten Blick zu Gabriella und Thomas zuckte ich mit den Schultern und machte kehrt.

„Wegen der Stunde brauchst du dir keine Gedanken zu machen, das habe ich schon geregelt”, meinte Fastrick, als ich ihn erreicht hatte.

Noch immer war mir nicht klar, was er eigentlich von mir wollte. So folgte ich ihm schweigend nickend ins Lehrerzimmer, das um diese Zeit schon leer war, da die anderen Lehrer schon beim Unterrichten zu sein schienen.

„Setz dich bitte.”

Ich nickte und ließ mein Rucksack zu Boden gleiten. Fastrick setzte sich neben mich.

„Du weißt sicher, warum du hier bist?”

Doch ich schaute ihn nur verwirrt an und erwiderte: „Nein, weiß ich nicht.”

„So was in der Art habe ich schon befürchtet.”

„Was denn?”

„Heute Morgen hatten wir Besuch von Carstens Eltern. Sie haben sich massiv über dich beschwert, besonders, weil du Carsten belästigt haben sollst.”

„Bitte? Ich soll was getan haben?”

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