Das 13. Türchen – eine Adventsgeschichte

Carsten

 

Mit viel Überredungskunst ließen mich meine Eltern wieder in die Schule. Sie meinten, ich solle nach dem Desaster von gestern Abend noch einen Tag zu Hause bleiben, aber die Sehnsucht nach Fabian war so groß, dass ich das verneint hatte.

Erzählt hatte ich nichts über das Gespräch, welches zwischen Fabi und mir stattgefunden hatte und man nahm es auch hin, dass ich nichts sagen wollte. Aber es war der erste Morgen seit langem, dass ich nicht mies gelaunt am Frühstückstisch gesessen hatte.

Zudem war es Freitag und das Wochenende stand vor der Tür. Wobei ich nicht wirklich wusste, was ich eigentlich machen sollte. Die Clique hatte sicherlich keine Lust, etwas mit mir zu unternehmen, denn mittlerweile standen sie geschlossen hinter Fabian.

Auch wenn ich nicht der einzige gewesen war, der Fabian niedergemacht hatte, ich war jetzt der Böse.

„Guten Morgen, du bist schon unten?”, begrüßte mich meine Mutter erstaunt, als sie die Küche betrat.

„Siehst du doch”, lächelte ich sie an.

Sie lächelte zurück und schmierte sich stehend ein Brötchen.

Der Haussegen schien sich wieder gerade zu biegen. Ich wusste zwar nicht, wie es weiter gehen sollte, aber zumindest der Streit mit meinen Eltern in den letzten Wochen schien beendet zu sein.

„Morgen Bruderherz, na fit?”, sagte Simone, die wie jeden Morgen hektisch in die Küche stürmte.

„Ja klar!”

„Das hört sich gut an. Man sieht sich heute Abend, dann kannst du mir ja mehr erzählen, aber leider muss ich los, bin eh schon spät dran.”

Und schon flitzte sie wieder aus der Küche.

„Wenn das Mädel doch nur etwas früher aufstehen würde, dann hätte sie morgens etwas mehr Zeit”, meinte Mutter kauend.

„Du weißt doch, dass sie nie aus den Federn kommt, Liebling.”

Das war Vater. Mit seiner Krawatte kämpfend kam er in die Küche.

„Guten Morgen…”, sagte ich.

„Morgen Carsten, ist alles klar, oder möchtest du nicht doch lieber daheim bleiben?”

„Nein, ich möchte zur Schule.”

„Wie du meinst, soll ich dich mitnehmen?”

„Das wäre toll… Busfahren ist im Augenblick nicht so prickelnd.”

*-*-*

 

Fabian

„Irgendetwas stimmt hier nicht”, meinte Gabriella zu Thomas.

Der Bus zog an und wir ließen uns in die Sitze fallen.

„Ich weiß nicht was du meinst?”, erwiderte ich grinsend.

Thomas kicherte, obwohl er sicher nicht wusste, was Gabriella meinte.

„Komm, gestern noch eine Trauerweide und heute strahlst du wie ein Weihnachtsbaum.”

„Das bildest du dir nur ein.”

„Stimmt, ich kann auch keine Lichterkette sehen”, warf Thomas ein und wir fingen an zu lachen.

Gabriella zog daraufhin eine Schnute und streckte uns die Zunge raus.

„Wo ist eigentlich Marcel?”, fragte Thomas plötzlich.

„Der kann auch mit dem anderen Bus fahren, der hat die Möglichkeit auf zwei Linie zu zugreifen, je nach dem er mit der Zeit dran ist”, erklärte ich.

„Ach so. Er wollte mir etwas mitbringen, dachte er kann es mir schon im Bus geben.”

„Was denn?”, fragte Gabriella neugierig.

„Och nur eine selbst gebrannte Cd mit Liedern.”

Wenig später trafen wir in der Schule ein. Natürlich hatte der Schnee zur Folge, dass man fast nicht ohne von einem Schneeball getroffen zu werden in die Schule rein kam. Meckernd klopfte Gabriella den Schnee ab, anscheinend war sie ein beliebtes Ziel.

Grinsend liefen wir zum Klassenzimmer, wo schon einige versammelt waren und aus dem Augenwinkel sah ich Thomas’ Bruder Thorsten aus dem anderen Zimmer kommen.

„Oh Gott, bloß nicht”, hörte ich Thomas leise neben mir sagen.

Aber nach seinem Gesichtausdruck zu urteilen, traf gleich das nicht Gewollte ein. Ich drehte meinen Kopf leicht und sah wie Thorsten auf uns zu kam.

„Bruderherzchen, warum hast du nur so einen süßen Schnuggel vor mir versteckt”, tuckte er uns entgegen.

„Ich habe gar nichts”, erwiderte Thomas mürrisch, während sich Gabriella ein Grinsen verkneifen musste.

„Hallo du, ich bin der Thorsten”, begrüßte er mich und streckte mir die Hand entgegen.

Innerlich schüttelte es mich, denn ich konnte Tucken nicht ausstehen.

„Fabian”, meinte ich knapp und schüttelte ihm die Hand.

Sie fühlte sich sehr weich an, aber vor allem der Händedruck war sehr schwach.

„Ein Fabi… wie süß”, kam es zwei Tonlagen höher aus seinem Munde.

Gabriella prustete los und sogar Thomas fing nun doch an zu grinsen.

„Fabian bitte”, meinte ich und ließ seine Hand wieder los. Da hängte er sich einfach bei mir unter und zog mich weiter in den Flur.

„Sag mal Schätzchen, hast du heute Abend schon etwas vor?”

Ich befreite mich aus seiner Annäherung und stellte mich vor ihn.

„Zum ersten lieber Thorsten, bin ich nicht dein Schätzchen und zum zweiten habe ich schon ein Date.”

Mit diesen Worten ließ ich ihn stehen und lief ins Klassenzimmer.

„Du hast heut Abend ein Date? Mit wem? Das würde auch das Strahlen erklären.”

Gabriella natürlich, neugierig wie immer.

„Das… das habe ich nur so gesagt… um ihn von mir abzulenken.”

„Aha… und das soll ich glauben?”

„Ob du es glaubst oder nicht…”

Ich stockte kurz, als Carsten das Zimmer betrat.

„… das ist mir egal”, beendete ich den Satz.

Gabriella war sicher nicht entgangen, dass ich Carsten angeschaut hatte und vor allem, wie ich ihn angesehen hatte.

„Ach Herr Niemand-mag-mag-mich-mehr kommt herein”, gab sie als Kommentar ab.

Ich reagierte nicht darauf und setzte mich.

*-*-*

Auf dem Heimweg fand ich einen Zettel in meiner Jacke, den ich, von den anderen unbemerkt, sofort las. Wieder eine Botschaft von Carsten. Er wollte mich am späten Nachmittag besuchen kommen und hinterließ mir seine Handynummer.

Warum eigentlich nicht? Nach dem Gespräch gestern Abend war mein Groll gegen ihn sehr gesunken und ich erwischte mich sogar dabei, wie ich immer öfter an ihn dachte. Der Gedanke, mit ihm zusammen zu sein, reizte mich immer mehr.

Verträumt schickte ich eine kurze SMS an die Nummer und schickte sie ab. Wenige Minuten später kam ein „Danke” zurück.

Zu Hause angekommen wanderte erst mal mein Rucksack in die Ecke und ich aufs Bett. Nachdem ich mich kurz gestreckt hatte, dauerte es nur noch wenige Sekunden, bis ich eingeschlafen war.

*-*-*

Ich fuhr hoch und riss erschrocken meine Augen auf. Hatte es gerade geklingelt? Mein Blick fiel auf die Uhr und ich musste ungläubig feststellen, dass ich mindestens drei Stunden geschlafen haben musste. Da hörte ich erneut die Türklingel und konnte mir nun sicher sein, dass ich es das erste Mal nicht geträumt hatte. Noch etwas benommen stolperte ich mehr oder weniger die Treppe hinunter und öffnete die Tür. Carsten. Nebenbei bemerkte ich, dass es wieder angefangen hatte zu schneien.

„Öhm… habe ich dich geweckt?”, war das erste, was über seine Lippen kam.

„Ja, aber nicht schlimm. Ich weiß nicht. Bin einfach weggeratzt. Aber komm doch rein, wir müssen ja nicht unbedingt an der Tür stehen.”

Carsten lächelte dankbar und betrat die Wohnung, ganz wie früher zog er auch gleich seine Schuhe aus. Die Jacke nahm ich ihm ab und platzierte sie bei den anderen Jacken an der Gardarobe.

„Lust auf einen Tee?”

Auf Carstens Nicken hin lief ich von ihm gefolgt in die Küche. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, füllte ich den Wasserkocher und schaltete ihn ein.

„Ist das dein Adventskalender?”, fragte Carsten plötzlich.

„Ja, hat mir Mum gebastelt. Jeden Tag ist ein weiser Spruch über die Liebe drin.”

„Cool! Und welcher Spruch war es heute?”

„Wenn Illusionen sterben, erscheint aus der Asche die Liebe.”

Carsten schaute etwas verlegen und ich musste doch tatsächlich grinsen. Bevor er aber noch verlegener werden konnte, begann das Wasser im Kocher zu brodeln, das Gerät schaltete sich automatisch ab. Ich goss es in die Teekanne und stellte sie zu den Tassen auf das Tablett.

„So fertig, wir können hoch in mein Zimmer.”

„Kann ich auch etwas helfen?”

„Nein, ich habe alles auf dem Tablett. Gehst du vor? Du kennst ja noch den Weg, oder?”

„Ja”, antwortete Carsten leise.

Auf dem Weg in mein Zimmer wurde ich wieder nachdenklich. Vor mir lief ein ganz anderer Carsten, als der, den ich von der Schule her kannte. Das krasse Gegenteil sogar, sozusagen. Als wir mein Zimmer betraten blieb er erst einmal erstaunt stehen.

„Du hast ein neues Zimmer? Sieht gut aus.”

„Ja, war eine Überraschung meiner Mutter. Ich wusste das vorher nicht.”

„Sie hat Geschmack, muss ich zugeben”, meinte er anerkennend, während ich das Tablett auf dem kleinen Tisch abstellte.

In dem Moment fiepte mein Handy, das ich erst mal aus meinem Rucksack holen musste, da ich diesen ungeöffnet einfach stehen lassen hatte, um mich ins Bett zu legen. Gabriella. Ihre SMS war eindeutig *Was will der hier?* stand da nur. Ich tippte *reden* ein und sendete. Zu mehr hatte ich jetzt keine Lust.

Carsten hatte es sich inzwischen auf dem Sofa bequem gemacht und ich setzte mich zu ihm.

„Hat dein Besuch einen bestimmten Grund?”, fragte ich scheinheilig, um das Gespräch wieder aufzunehmen.

„Öhm…, ich wollte dich… wiedersehen…”

Ich konnte nicht anders und grinste, da er mich doch erst vor wenigen Stunden noch in der Schule gesehen hatte.

„Also ich meine, nicht so wie in der Schule. Da kann ich nicht so mit dir reden, wie ich es möchte.”

„Warum eigentlich nicht?”

„Du bist gut. Zum ersten hast du immer deine Wachhunde um dich herum und ich denke, da die anderen ebenso nicht gut auf mich zu sprechen sind, bleibe ich dir lieber fern.”

„Müsstest du nicht, aber das ist deine Entscheidung.”

Wieder Schweigen. So schenkte ich den Tee ein. Das erneute Klingeln an der Tür, war irgendwie wie eine Rettung in der Stille.

„Moment, ich gehe mal nachschauen.”

„Erwartest du noch jemanden?”

„Eigentlich nicht”, meinte ich und ließ ihn alleine im Zimmer.

Unten angekommen war meine Überraschung groß, Gabriella an der Tür vorzufinden.

„Hier ist die Infanterie… wo ist der Kerl?”, meinte sie ohne Hallo zu sagen.

„Auch hallo. Er sitzt in meinem Zimmer und wir reden. Also falscher Alarm!”

„Bist du sicher, dass du mich nicht brauchst?”, fragte Gabriella.

„Schätzchen, ich komme gut alleine klar.”

Sie zog eine Schnute.

„Du rufst aber sofort an, wenn etwas ist!”

„Ja Mama”, meinte ich und grinste.

„Och du…, du…”

„Liebster aller Schnuggel?”

Wir fingen beide an zu kichern. Sie verabschiedete sich und ich lief wieder nach oben.

„War nur Gabriella, sie hat dich gesehen.”

„Mist, war wohl keine gute Idee, hier her zu kommen, oder?”

*-*-*

Zwei Stunden später und viele Gesprächsthemen ärmer kam Mum nach Hause. Sorgsam wie immer wurden wir von ihr mit süßen Teilchen überhäuft.

„Und die backt deine Mutter alle selbst?”, fragte Carsten.

Ich nickte nur, während ich Carsten weiter eingehend und nachdenklich beobachtete. Er war so ganz anders als das letzte halbe Jahr. Als wäre eine Mauer um ihn herum zerfallen.

„Was ist?”, fragte er.

„Was soll sein?”

„Du starrst mich unaufhörlich an, habe ich einen Pickel im Gesicht oder so etwas?”

Ich musste kichern.

„Nein, ich beobachte dich nur und versuche den wahren Carsten zu ergründen.”

„Da gibt es nicht viel zu ergründen, du weißt wie ich bin… oder war.”

„Eben nicht. Du bist plötzlich ganz anders. Keine doofen Sprüche mehr, nicht einmal auf deine überbändige Kraft hast du hingewiesen. So habe ich dich noch nicht erlebt.”

„Ich weiß auch nicht… das Machogehabe war vielleicht mal lustig… aber in den letzten Wochen habe ich gemerkt, was mir dadurch verloren geht.”

„Und was ging dir verloren?”

„Du! …du warst mal mein bester Freund. Ich weiß nicht, was schief gelaufen ist.”

„Unterschiedliche Freunde, andere Interessen.”

„Wusstest du damals eigentlich schon, dass du schwul bist?”

Oh, oh, gleich so eine Hammerfrage. Aber ich wollte ja offen und ehrlich sein.

„Ja…”

„Öhm, was ja?”

„Ich wusste schon zu der Zeit, als wir noch dicke Freunde waren, dass ich schwul bin.”

„Und warum hast du es mir nie gesagt?”

„Um das zu erleben, was letzte Woche passiert ist?”

Gut, die Frage war jetzt unfair, aber verdient.

„Das habe ich wohl verdient… wirst du mir das je verzeihen?”

„Tu ich das nicht schon? Würde ich sonst hier mit dir sitzen?”

Es klopfte.

„Ja?”

Mum streckte den Kopf herein.

„Carsten, ich habe gerade mit deiner Mutter telefoniert. Ihr wäre es recht, wenn du heute Nacht hier schläfst.”

„Wieso das denn?”, fragte er verwirrt.

„Habt ihr zwei schon mal aus dem Fenster geschaut?”

Carsten und ich erhoben uns sofort und liefen neugierig zum Fenster.

„Wow, das ist ja ein regelrechter Schneesturm”, kam es von Carsten.

„Ja, deswegen sollst du hier bleiben… es fahren auch gar keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr. Morgen ist ohnehin Samstag und ihr müsst nicht in die Schule, da passt das ja ganz gut.”

*-*-*

Mitten in der Nacht wachte ich auf. Dass Carsten bei mir im großen Bett schlafen würde, war für mich schon klar. Dass diese Schlafabmachung aber nun seinen Kopf auf meinem Bauch liegen und den Arm eng um mich geschlungen hatte, damit hatte ich nicht gerechnet.

Ich musste mir aber schon eingestehen, dass ich mich gerade wahnsinnig wohl in Carstens Nähe fühlte. Vergessen war, was letzte Woche passiert war. Sanft strich ich ihm durchs Haar, was er mit einem Brummen quittierte. Schon bald darauf war ich wieder eingeschlafen.

Als ich das nächste Mal wieder erwachte, hörte ich ein sanftes Bummern an meinem Ohr und spürte, wie eine Hand sanft über meine Schulter streichelte.

Diesmal war ich es, der halb auf Carsten lag. Ich atmete tief durch.

„Na… wach?”, hörte ich Carstens leise Stimme.

Ich drehte den Kopf nach oben und sah in Carstens Augen, die mich förmlich anstrahlten.

„Morgen”, brummte ich.

„Morgen mein Engel.”

Huch, hatte ich etwas verpasst? Er nannte mich Engel.

„Darf ich dich nicht so nennen?”, fragte er sofort, als hätte er meine Gedanken gelesen.

„Doch…”, meinte ich und streckte mich.

Ich wusste nicht, ob das jetzt alles viel zu schnell ging, aber es war mir auch gerade schnurzegal. Es fühlte sich einfach gut an und auch meine innere Stimme schien keinerlei Einwände zu haben. Ob es was werden würde und wie, das stand in den Sternen.

„Deine Mutter hat uns wohl das Frühstück reingestellt. Auf einem der Teller liegt übrigens ein Zettel.”

„Hast du ihn gelesen?”

„Nein, wie kommst du da drauf?”

„Okay, dann muss ich das wohl selbst tun.”

Mühsam schälte ich mich aus der Decke und merkte schnell, wie schön warm es im Bett gewesen war. Ich griff schnell nach dem Zettel und ließ mich wieder zu Carsten kullern.

„Was steht drauf?”, fragte er.

„Das ist ein Zettel aus meinem Adventkalender und da steht:

Lass dir nie Grenzen setzen,

nicht in der Liebe

nicht Maß

nicht Art

nicht Dauer!”

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