Das 21. Türchen – eine Adventsgeschichte

Carsten

Trotz des eigentlich besinnlichen vierten Advents war dieser Mittag schon wieder komplett verplant. Sprich: Marcel, Thomas und Gabriella wollten einkehren. Fabian hatte sich besonders viel Mühe gegeben und alles schön weihnachtlich dekoriert.

Das Zimmer roch nach frischen Nadeln, überall standen Kerzen. Auf dem Tisch wieder Tee und jede Menge Gebäck.

„Wenn wir schon nicht auf die Weihnachtsfeier am Freitag gehen konnten, dann machen wir eben hier eine kleine, oder?”, fragte Fabian.

„Gute Idee”, erwiderte ich und schaute auf, als der Türgong unten ertönte.

„Ich gehe!”, meinte ich und hielt ihn zurück.

„Okay…”, meinte Fabi und zog einen süßen Schmollmund.

Ich nahm ihn in den Arm und küsste ihn sanft.

„Nicht schmollen Engel, ist besser so, glaub es mir.”

Seine Augen funkelten im Kerzenlicht und ein kleines Lächeln machte sich auf seinen Lippen breit.

„Fabian”, rief es von unten hoch.

Fabian

„Nanu, was ist jetzt los?”

Wir liefen nun doch gemeinsam hinunter und sahen, dass Gabriella in der Haustür stand.

„Hallo Gabriella”, rief ich ihr entgegen.

„Hallo Fabian, kannst du uns mal bitte helfen?”

Fragend schauend lief ich zu Mum an die Tür, die neben Gabriella stand.

„Was ist denn?”

„Thomas ist!”

„Was… bitte?”

„Thomas steht da draußen in der Kälte und traut sich nicht so richtig rein”, begann Gabrielle zu erklären.

„Und das, obwohl ich gesagt habe, dass er jederzeit willkommen ist”, ergänzte Mum.

„Ich verstehe nicht ganz…”

„Thomas traut sich nicht herein, wegen der Sache mit seinem Bruder…”, beendete Gabriella nun ihre Ausführungen.

Oh Mann. Ich trat an den beiden vorbei ins Freie und sah Thomas auf dem Bürgersteig stehen.

„Hätte der Herr die Güte, seinen kalten Hintern hier herein zu bewegen, oder soll ich ihn dir da draußen versohlen?”, rief ich.

Die Damen neben mir kicherten, während ich sie mit einem bösen Blick strafte.

„Du bist nicht sauer auf mich?”

„Heißt du Thorsten?”

„Nein!”

„Warum fragst du dann so saublöd?”

Thomas lief langsam zur Eingangstür.

„Und jetzt hör mir mal zu. Du bist nicht Thorsten, er ist dein Bruder, für den du nichts kannst, okay?!”

„Ja…”

So gingen wir nun endlich alle rein, denn mir war schweinekalt. Etwas später, oben im Zimmer, war es mollig warm und ich machte mich neben Carsten breit.

„Wie geht es dir?”, fragte Gabriella.

„Hm, solange mein Schatz hier ist, sehr gut”, grinste ich.

Carsten bekam sofort eine rote Birne und ich grinste heftig weiter.

„Aber…”

„Aber?”, fragte Carsten.

„… mich ärgert, dass ich am Freitag nicht auf der Weihnachtsfeier sein konnte.”

„Da hast du nichts verpasst”, meinte Marcel, der gerade durch die Tür reinstolperte.

„Hallo Marcel”, kam es von Gabriella.

„Hi Marcel, warum habe ich nichts verpasst?”, fragte ich verwundert.

„Weil keiner von uns dort war”, erklärte Gabriella.

„Wieso das denn?”

Gabriella schaute mich durchdringend an.

„Meinst du, es hätte jemandem von uns Spaß gemacht, auf eine Feier zu gehen, wenn du im Krankenhaus bist?”

„Das ist nicht euer Ernst?”

„Doch und zudem haben wir alle eine andere Einladung bekommen.”

„Eine andere Einladung?”, fragte Carsten neben mir, während Marcel sich ein Plätzchen suchte.

„Fastrick hat uns zu sich nach Hause eingeladen, am 23. zu unserer eigenen Weihnachtsfeier.”

„Dirk hat was?”, fragte ich verwirrt.

„Dirk?”, fragte Thomas.

„Fastrick ist Dirk und Fabian ist mit Fastrick schon lange per Du, weil er und Fabians Eltern schon sehr lange befreundet sind”, erklärte Gabriella.

„Oh, das wusste ich nicht.”

„Das weiß fast keiner und soll auch so bleiben. In der Schule sage ich genauso Sie wie jeder andere auch.”

„Kommst du dann auch?”, fragte Marcel.

„Klar, das will ich mir nicht entgehen lassen.”

Mum lugte durch die Zimmertür.

„Thomas deine Eltern haben eben angerufen, sie holen dich nachher ab, du sollst auf keinen Fall zu Fuss nach Hause laufen.”

„Ähm… danke. Haben sie auch gesagt warum?”

„Dein Onkel hätte angerufen…, dein Bruder ist abgehauen.”

Alle schauten erschrocken zu mir.

„Was?”, fragte ich.

Keiner sagte etwas. Dann war das gestern Abend wohl wirklich Thorsten mit den Eiern. Ich lehnte mich etwas näher zu Carsten, der seinen Arm um mich legte. Mum verschwand wieder. Im Raum war kein Laut zu hören.

Jeder schien sich Gedanken darüber zu machen was passiert war und was noch passieren konnte. Aber keiner verlor ein Wort darüber. Das weitere Schweigen machte mich betreten und so beschloss ich, dem ein Ende zu setzen.

„Gibt es denn schon ein Programm oder so etwas Ähnliches?”

„Hä?”, kam es von Gabriella.

„Ob jemand was für die Weihnachtsfeier geplant hat?”

„Ach so, das ist schon alles geregelt.”

„Da bin ich mal gespannt.”

„Willst du auch kommen?”, fragte mich Marcel verwundert.

„Warum nicht?”, erwiderte ich

„Also… ich meine… ist das nicht zu gefährlich?”

*-*-*

Wenn Carsten nicht so überaus eifrig seinen Tee über mein Bein verteilt hätte, wäre daraus eine hitzige Diskussion entstanden. So aber wurde es ein ruhiger Nachmittag mit lustigen Gesprächen. Nun lag ich alleine im Bett und versuchte einzuschlafen.

Eigentlich blöde, wegen einem einzigen Tag noch einmal die Schule zu öffnen. Aber so sind sie nun mal. Ob ich wieder so einen Mist träumte?

*-*-*

„Fabian aufwachen, es ist Zeit aufzustehen.”

„Noch… bisschen… schlafen…”

„Dann wirst du den Bus verpassen.”

Die Stimme meiner Mum. Augenblicklich war ich hellwach.

„Hast du vergessen, deinen Wecker zu stellen?”

„Wieso?”

„Guck mal auf die Uhr.”

Die zwei Zeiger veranlassten mich dazu, in Rekordgeschwindigkeit ins Bad zu stürmen und das Gelächter meiner Mum zu ertragen. Jetzt musste ich mich aber sputen. Zwanzig Minuten bis der Bus kam. Da blieb keine Zeit zum Schminken.

Jetzt fing ich selber an zu lachen, weil ich Witze mit mir selbst machte. Mit diesen dunkelbraunen Augen im Gesicht brauchte man keine Schminke. Ich lächelte, wusch mein Gesicht ab und flitze, während ich es trocknete, wieder ins Zimmer.

Schnell war das heutige Outfit zusammengestellt und angezogen. Pustekuchen. In der Eile und den hastigen Bewegungen vergaß ich die Prellungen und jaulte kurz auf.

„Alles in Ordnung mit dir Schatz?”, hörte ich Mum’s Stimme.

„Jahaaa”, rief ich zurück und krallte mir den Rucksack.

Nun etwas langsamer geworden lief ich die Treppe hinunter und schnappte mir auf dem Weg gleich meine Winterschuhe. Für einen Kaffee würde es sicher noch reichen. So stiefelte ich in die Küche und sah, dass der Kaffee schon eingeschenkt war.

Sofort griff ich nach der Tasse und setzte an.

„Junger Mann, das war mein Kaffee.”

„Danke Mum, er schmeckt auch super, wobei… ein Stück Zucker mehr könnt er vertragen.”

Sie verdrehte die Augen und schenkte sich ohne eine Antwort darauf zu geben noch einen Kaffee ein.

„Warum hetzt du denn so?”

„Mum, ich muss auf den Bus.”

„Gar nichts musst du.”

„Schau mal auf die Uhr!”

Sie hob die Hand und tätschelte an meine Stirn.

„Erde an Fabian, schon vergessen, du wirst heute in die Schule gebracht.”

„Oh…”

„Ja… oh! Und da die Kammerers nicht können, holt dich Dirk ab.”

„Dirk? Und was ist dann mit Carsten?”

„Den wird er wahrscheinlich schon abgeholt haben und auf dem Weg hierher sein.”

„Das ist ja richtiger Luxus.”

„Gewöhn dich nicht dran!”

„Ist ja heute der letzte Schultag…”

Mein Blick fiel auf meinen Kalender, welchen nun nicht mehr so viele geschlossene Türchen zierten. Also das nächste Türchen öffnen, den Zettel heraus ziehen und was gab es heute für einen tollen Spruch?

Für mich heißt Liebe

dich zu lieben!

Ob den Carsten hinein geschmuggelt hatte? Der Türgong meldete sich und ich wollte aufstehen.

„Bleib sitzen, ich mach auf!”

So blieb ich schön brav sitzen, bis ich den Schrei meiner Mutter hörte. Sofort sprang ich auch und rannte zur Tür, wo ich meine Mutter vorfand. Entsetzt starrte sie auf den Boden, auf welchem ein Messer lag. Alles war blutbefleckt.

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