Das 22. Türchen – eine Adventsgeschichte

„Mum, das ist alles Ketchup”, meinte ich.

„Geh du rein!”

Ihre Stimme klang schrill. So böse hatte sie mich noch nie angefahren.

„Was ist denn los?”, hörte ich Dad im Flur.

Wie geheißen ging ich ins Haus zurück.

„Morgen Dad.”

„Morgen Fabi. Hat deine Mutter gerade geschrien?”

„Ja, jemand hat ein Messer auf unsere Treppe gelegt und alles schön mit Ketchup eingesaut.”

„Geschmacklos… ich rufe die Polizei.”

„Du solltest dir vielleicht noch etwas anziehen. In dem Anzug willst du doch nicht die Polizei empfangen”, spöttelte ich.

„Neidisch?”

Ich hatte Dad so schon lange nicht mehr gesehen. Außer dem Gips und einer blauen Shorts trug er nichts. Da war kein Gramm Fett zu viel und kein Muskel zu wenig. Die Bärenfellwucherung auf Brust und Bauch störte mich, aber sonst… oh Gott, jetzt fixierte ich schon Dad.

Ich streckte ihm die Zunge raus.

*-*-*

Die Polizei war schnell vor Ort und ich schnell im Auto von Dirk. Carsten schielte laufend auf die Wunde an meiner Wange.

„Was ist?”, fragte ich.

„Tut das nicht weh?”

„Sie brennt und juckt.”

Dirk schien die Unterhaltung wenig zu interessieren, er konzentrierte sich auf den Verkehr, schaute aber recht mürrisch drein.

„Ist alles okay bei dir?”, fragte ich leise.

Er antwortete nicht.

„Entschuldige, wenn ich dir zu nahe getreten bin”, meinte ich dann ebenso leise.

„Bist du nicht. Ich hatte zu Hause nur eine heftige Diskussion wegen dir. Aber auch das braucht dich nicht zu belasten.”

„Streit mit der Ehefrau ist nicht ohne…”, rutschte Carsten heraus, worauf aber Dirk nicht reagierte.

Wenig später fuhren wir in den Hof der Schule, wo die Lehrer ihre Autos abstellen konnten.

„Ihr geht mit mir bitte durch den hinteren Eingang”, sprach Dirk und verließ den Wagen.

Artig folgten wir ihm und waren froh wieder im Warmen zu sein. Dort trennten sich unsere Wege, er zum Lehrerzimmer, wir in unser Klassenzimmer, wo wir die nächste Überraschung erlebten.

Lautes Gejohle umsäumte meinen Empfang, in Sekundenschnelle sammelte sich eine Traube um mich herum. Ich wurde mit Fragen überschüttet, kam gar nicht nach, sie alle zu beantworten.

Das fand jedoch schnell ein Ende, als Fastrick den Raum betrat.

„So Leute, ihr könnt es euch aussuchen…, entweder wir arbeiten noch zwei Stunden und sitzen den Rest in der Cafeteria oder wir machen Unterricht bis Schulschluss.”

Im Raum war sofort Ruhe, die nur noch durch das Herausräumen von Heften und Büchern unterbrochen wurde.

*-*-*

So ging auch der letzte Schultag dieses Jahres vorüber. Diesmal stand Carstens Mutter vor der Schule, um uns abzuholen. Diese Rolle gefiel mir ganz und gar nicht, weil ich nämlich schon anfing, mich ängstlich umzugucken.

Hinter jedem Busch vermutete ich jemanden, der uns auflauern könnte. Carsten schien dies zu bemerken, nahm meine Hand und zog mich zum Auto.

„Hallo ihr zwei, jetzt habt ihr endlich Ferien”, begrüßte uns Carstens Mutter.

„Um ehrlich zu sein, hatte ich ja schon ungewollt einige Tage zusätzlich frei in den letzten Wochen, aber ich hoffe, die Ferien werden jetzt anders”, antwortete ich und stieg ein.

Carsten setzte sich zu mir nach hinten und seine Mutter düste los. Trotz der Schneefülle kam bei mir irgendwie keine weihnachtliche Stimmung auf. So begnügte ich mich mit dem tollen Anblick.

Mit Carsten verabredete ich mich für den späten Nachmittag. Zu Hause wurde ich dann schon an der Tür erwartet. Der Polizeiwagen vor dem Haus war mir auch gleich aufgefallen. Mum und Carstens Mutter wechselten noch ein paar Worte, bevor sie mit mir ins Haus lief.

Aus dem Wohnzimmer schallte Gelächter. Fragend schaute ich Mum an.

„Einer der Beamten ist ein früherer Klassenkamerad deines Vaters.”

„Muss ich jetzt da rein?”

„Wird dir nichts anderes übrig bleiben.”

Ich seufzte.

„Wenn du dann Zeit hast, kommst du bitte noch kurz in die Küche.”

„Okay…”

Ich entledigte mich meiner Wintersachen und Schuhe und legte meinen Rucksack auf die Treppe. Ein letztes mal atmete ich ganz tief durch und betrat dann entschlossen das Wohnzimmer. Drinnen saßen zwei Beamten bei Dad. Besser gesagt eine Frau und ein Mann.

Eigentlich hatte ich erwartet, zwei Uniformierte vorzufinden, aber die trugen zivil. Als ich in den Raum kam, erhoben sie sich.

„Mein Sohn… hallo Fabian.”

Ich setzte ein Lächeln auf und hob die Hand.

„Hallo Fabian, ich bin Hauptwachtmeister Phillip Sörens und meine Kollegin hier Polizeimeisterin Gabi Bröll.”

Beiden schüttelte ich höflich die Hand.

„Setzt du dich etwas zu uns?”, fragte Dad.

„Ja, gerne…”

Ob einer der beiden bemerkt hatte, dass ich gerade gelogen hatte?

„Das ist eine heftige Wunde im Gesicht”, meinte Sörens.

Ich nickte.

„Wird hoffentlich keine Narbe”, meinte die Frau.

Daran hatte ich noch gar nicht gedacht und strich automatisch über die Wange.

„Bist du auch der Meinung, dass Thorsten hinter all dem steckt?”, fragte nun Sörens.

„Ich weiß es nicht… komisch ist es schon, weil alles so gut passt…”, antwortete ich.

„Aber?”, fragte Frau Bröll.

„Ich hab mir da Gedanken gemacht…, der Brief…”

„Ja?”

„Wie kann er mir einen Brief auf die Treppe legen, wenn er doch bei seinem Onkel war?”

Dad schaute mich irritiert an.

„Daran habe ich gar nicht gedacht, du hast recht Fabian… stimmt.”

*-*-*

Zu meiner Verwunderung lud Dad die zwei zum Abendessen ein. Carsten war gekommen und natürlich auch gefragt worden. Auch er konnte sich das mit dem Brief nicht erklären. Wer sonst hätte das tun können?

Interessanter wurde es, als man auf uns, also auf Carsten und mich, zu sprechen kam.

„Dann darf man euch ja noch gratulieren”, meinte Frau Bröll.

Carsten war mal wieder am rot werden und ich nickte.

„Das braucht dir nicht peinlich sein Carsten”, begann Sörens, „es ist doch egal, wie man zusammen kommt, Hauptsache, das Ergebnis stimmt.”

„Ach ja?”, fragte seine Kollegin und grinste ihn fies an.

Ich schaute verwirrt zu Dad, der genauso fragend versuchte den beiden zu folgen.

„Gabi ich weiß nicht, ob das hier her passt.”

„Warum nicht? Die Jungs sollen sehen, dass es nicht immer so einfach geht, zusammen zu kommen.”

So erzählte uns Sörens eine fantastische Geschichte über sich und wie er seinen Fabian kennen gelernt hatte. Der Mann war schwul? Wow, das hätte ich nicht gedacht. Dad schien darüber auch sehr verblüfft zu sein.

„Ja und seitdem leben wir zusammen”, beendete Sörens seine Erzählung.

„Wow”, brachte Carsten hervor.

„Aber ich denke, wir sollten jetzt gehen, oder Gabi?”

„Ja, wir werden schließlich auch noch erwartet.”

„Ach Fabian, was mir noch einfällt, wenn dies hier alles mal ein Ende gefunden hat, dann besucht mich doch beide einfach mal.”

„Oh… ja… danke”, stotterte ich.

*-*-*

Carsten und ich lagen noch sehr lange wach. Eng aneinander gekuschelt redeten wir noch eine Weile über diesen Polizisten. Aber irgendwann zollte der Tag seinen Tribut und wir schliefen beide ein.

Umso schöner war der Morgen, als ich wieder in Carstens Armen erwachen durfte. Sanft fuhr ich die Konturen seines Gesichtes nach, folgte seinem Arm, der auf der Decke lag.

„Wenn du so weiter machst, kann ich für nichts garantieren.”

Ich fuhr zusammen. Da war der doch die ganze Zeit schon wach, sagte nichts und jetzt grinste er auch noch?

„Warum?”, fragte ich.

Er öffnete seine Augen und ließ seinen Blick nach unten wandern. Ich folgte ihm und sah eine größere Erhebung in Shortshöhe.

„Darum!”

Ich lächelte ihn verlegen an.

„Du… Carsten…?”

„Ja?”

„Bist du mir sehr böse, wenn in diese Richtung noch nichts läuft. Das würde mir etwas zu schnell gehen.”

„Wie kommst du da drauf, dass ich dir böse sein könnte? Nur wegen meiner morgendlichen Blutstauung heißt das nicht… dass ich … mit dir Sex will, also ich meine… schon, aber… ach ich… man!”

Ich musste kichern. Wie herrlich süß Carsten doch war, wenn etwas peinlich wurde.

*-*-*

Wenig später kam Carsten mit einem Tablett zurück.

„Das hat mir deine Mum in die Hand gedrückt.”

„Das ist ja lieb”, meinte ich und setzte mich auf.

„Bleibst du so?”

„Was meinst du?”

„So… ohne Shirt.”

„Ja”, kicherte ich.

„Gut”, grinste Carsten, „habe mir übrigens erlaubt, dein nächstes Türchen vom Adventskalender zu öffnen.”

„Und? Was war drin? Schon gelesen?”

„Hier, lies selber!”

Carsten reichte mir den Zettel.

Was der Mensch liebt

das wird er in der Liebe

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