16. Türchen – Samtpfote und Engelshaar

Ich sah Tilly, wie er gerade nackt da stand. Ich konnte nicht anders und blieb ruckartig stehen. Der Anblick war total schön. Plötzlich fuhr sein Kopf herum und er schaute mich an.

„Genug gesehen?“, grinste Tilly frech und schloss die Tür.

Oh scheiße…, sämtliche Blut strömte in mein Kopf und drohte überzulaufen. Ich verstaute meine restlichen Sachen im Spinnt, während Gerrit auch gerade seine Kabine verließ. Jetzt traf mich fast der Schlag.

So dürr, wie er in seinen Klamotten schien, war er gar nicht. Er hatte sogar einen kleinen Sixpack. Oh man, ich wusste gar nicht wo ich hinschauen sollte, denn als Tilly nun von der anderen Seite seine Kabine verließ, blieb mir nur noch der Blick nach vorne.

„So können wir?“, fragte Tilly, schnappte sein Handtuch und schloss seinen Spinnt.

Ich nickte, ohne ihn anzusehen. Ich griff mir ebenfalls mein Badetuch und verschloss die Tür. Dann folgte ich den beiden durch ein kleines Gewirr von Gängen, bis wir endlich in der Dusche standen.

Bisher war es recht ruhig gewesen, doch nun konnte man schon etwas vom Kindergeschrei zu hören kriegen. Die letzte Tür wurde geöffnet und der Lärm sprang uns entgegen. In mehreren Becken verteilt war ein buntes Treiben.

„Also ich geh gleich in die Rutsche“, sagte Tilly, hängte sein Handtuch auf und verschwand.

„Öhm… und du?“, fragte ich Gerrit.

„Mit meiner Sehschwäche ist das nichts, wenn du aber mit Tilly willst…“

„Nein, ich schließe mich dir gerne an.“

„Gut, dann gehen wir in das Becken dahinten, da ist es tief und ist nicht so mit Kleinkindern überladen.“

Ich folgte ihm einfach.

*-*-*

Jetzt wusste ich auch, woher Gerrit seine Muskeln hatte. Er hatte lockerlässig zehn Bahnen durchgezogen ohne irgendwelche Müdigkeit zu zeigen. Nun waren wir am Beckenrand und beobachteten die Leute um uns herum.

„Wenig Jungvolk hier, als ich meine unser Alter ist nicht so vertreten“, sagte ich.

„Die meisten gehen erst abends hier her. Da spielt coole Musik und sind weniger Familien mit Kindern da.“

Ich sah Tilly, wie er zu mindestens Hundertsten Male an der Treppe zur Rutsche anstand.

„Darf ich dich etwas fragen?“, kam es von Gerrit, der sich nun näher zu mir herbewegte.

„Klar!“

„Hattest du schon mal einen Freund?“

„Ich schüttelte den Kopf.“

„Also bist du noch auf der Suche?“

Wieder schüttelte ich den Kopf und Gerrit schaute mich fragend an.

„Klar schaue ich netten Jungs hinterher, aber suchen tu ich nicht.“

„Warum nicht?“

Ich atmete tief durch.

„… weil…, weil ich damit noch nicht so recht klar komme.“

Ich vermied es Gerrit anzuschauen, weil mir das Thema doch etwas unangenehm war.

„Möchtest du darüber reden?“

„Über was?“

„Weiß nicht… ich glaube dir ist es unangenehm darüber zu reden oder?“

„Öhm… hier ja.“

Gerrit stemmte sich am Beckenrand aus dem Wasser.

„Komm mit!“

Ich verließ ebenfalls das Wasser und folgte ihm. Er lief zu einer der Glastüren, öffnete sie und ging nach draußen. Spätestens als ich durch die Tür ging, spürte ich, wie eisig es doch draußen war.

Wo wollte er hin? Ich lief ihm weiter nach und an der nächsten Wegbiegung sah ich ein Ziel. Da waren mehrere kleine Becken, in denen es sprudelte. Die meisten waren besetzt, doch Gerrit schien ein leeres gefunden zu haben.

„Cool, Whirlpool“, meinte ich verfroren.

Gerrit ließ sich ins Wasser gleiten, ich tat es ihm gleich. War das herrlich dieses warme Wasser auf der Haut zu spüren.

„Gute Idee?“, fragte er.

„Ja, wenn auch der Gang durchs kalte gewöhnungsbedürftig ist.“

Gerrits Brille war in kurzer Zeit mit Tropfen übersät und ich fragte mich, ob er da noch etwas sehen konnte.

„So hier sind wir mehr unter uns und Tilly weiß dass ich oft hier draußen bin, falls er uns sucht.“

„Ihr seid oft hier?“

„Ja, wenn sich die Gelegenheit ergibt…, wie findest du Tilly?“

Ich starrte ihn erstaunt an

„Wie meinst du das?“

„So wie ich es sage… gefällt er dir?“

Ich verdrehte die Augen. Tilly war eine Augenweite und dazu noch sehr nett.

„Wem gefällt Tilly nicht…?“

Ja, ich weiß man soll eine Frage nicht mit einer Frage beantworten, aber ich wusste jetzt nicht genau, wie ich mich äußern sollte.

„Wäre er nichts für dich?“

Bitte? Was soll das jetzt… Kuppeldienst Schwimmbad.

„Tilly? Er ist eine Hete, was soll die Frage?“

„Woher weißt du das?“

„Er hat es mir gesagt.“

„Und du glaubst ihm?“

„Hallo? Was soll das jetzt? Natürlich glaube ich ihm, warum sollte er mich anlügen?“

Gerrit kicherte und ich wusste nicht, wie ich das auslegen sollte. Und dann machte er etwas, was mich dann völlig aus dem Konzept brachte, er beugte sich zu mir vor und küsste mich auf den Mund.

Wäre ich nicht gesessen, wäre ich jetzt abgesoffen. Nun kicherte Gerrit noch mehr.

„Hi ihr zwei. Noch Platz für einen Rutschsüchtigen?“

Tilly kam angesprungen.

„Immer rein mit dir, ist noch Platz genug“, antwortete Gerrit.

„Und? Über wen habt ihr abgelästert?“

„Über dich, wen sonst“, grinste Gerrit.

„Aha. Und was gibt es über mich so in der Lästerrubrik? Und warum ist Jens plötzlich so still und starrt ins Leere.“

„Vielleicht war das, was er über dich erfahren hat?“

Jetzt schaute mich Tilly, durchdringend an. Ich war wieder einigermaßen okay, schielte kurz zu Gerrit und sah dann wieder Tilly an.

„Er hat mir deine Liebesgeschichten mit verschieden Jungs im Internat gebeichtet… anfangs war er ja ein Stummfisch, aber nach fünf Mal tunken, hat er mir alles Detail genau verraten“, sagte ich und setzte mein bestes Pokerface auf.

Tilly schnappte nach Luft und Gerrit fing laut an zu lachen.

„Du hast was?“, fragte er Gerrit und tunkte ihn unter.

Jetzt konnte ich nicht mehr und fing ebenfalls laut zu lachen an, während der arme Gerrit nach Luft japste und hustete.

„Ja sieh mal an, wer da ist?“

Ich fuhr herum und da standen frierend Fine und Nadine mit Christian und im Schlepptau Kai, der nicht gerade fröhlich aussah.

„Öhm, wo kommt ihr jetzt her?“, fragte Gerrit genauso verwundert wie ich.

„Och, wir haben uns es anders überlegt und Jonas war so nett uns herzubringen“, erklärte Fine.

„Boah, macht ihr vielleicht mal Platz? Ich friere!“, beschwerte sich Nadine.

Wir rutschten eng zusammen und es wurde jetzt auch richtig eng. Ich wusste auch nicht wem ich gerade auf die Füße trat oder wer mir. Nach einem langen hin und her, saßen wir dann doch alle im Wasser.

„Und, bei welchen Gesprächsthema haben wir euch gerade unterbrochen?“

Tilly wurde rot und Gerrit und ich kicherten.

„Och wir hatten es“, begann ich, was mir heftige böse Blicke von Tilly bescherte, „über Tillys hoffnungslose Rutscherei. Man sollte nicht glauben er wäre schon über sechzehn Jahre alt… aua.“

Der Fußtritt war sicher von Tilly und Gerrit verschluckte sich vor lauter Lachen am Wasser.

„Leute, ich will ja nichts sagen, aber drinnen hätten wir mehr Platz, ich will nicht wie eine Ölsardine enden“, kam es von Nadine.

So wurde beschlossen, dass wir alle hineingehen. Ärgerlich nur, das ich jetzt dieses schöne warme Blubberwasser verlassen musste. Mit Gänsehaut überzogen, tapste ich den anderen hinter her.

Kai lief neben mir, ohne ein Wort zu sagen. Irgendwie traute ich mich auch gerade nicht, ihn anzusehen. Die Tür öffnete sich und der warme Schwall von Schwimmbadluft schlug mir entgegen.

„Welches Becken?“, fragte Tilly.

„Da wo wir am meisten Platz haben“, kam es im Chor.

„Ist ja schon gut! Ich geh noch mal rutschen kurz.“

„Ich geh mit“, meinte Christian und rannte Tilly hinter her.

„Nur Flausen im Kopf“, meinte Fine und ließ sich langsam ins Wasser kleiden.

Gerrit dicht neben mir, stupste mich an.

„Sorry wegen vorhin… es war einfach zu köstlich dich so verwirrt zu sehen… kommt nie wieder vor“, flüsterte er lächelnd und folgte den anderen ins Wasser.

Nun standen nur noch ich und Kai am Beckenrand.

„Könnte ich mit dir kurz reden?“, fragte Kai leise.

Ich schaute zu ihm auf und nickte.

„Sind gleich wieder da“, rief ich den anderen zu.

„Wohin?“, fragte ich Kai leise.

Er zuckte mit den Schultern. Nach draußen wollte ich nicht noch einmal und weil mir nach warmen Wasser war, schlug ich die Dusche vor. Er nickte. So liefen wir gemeinsam zur Männerdusche und betraten sie.

Es war leer. So drehte ich eine Dusche an und stellte mich darunter. Kai tat es mir gleich.

„Ich weiß nicht wo ich anfangen soll…“, kam es leise von ihm.

„Vielleicht am besten von vorne… aber Kai, du musst mir nichts erzählen, wenn du nicht willst und ich sollte mich eigentlich bei dir entschuldigen, wenn ich dich irgendwie verletzt habe.“

„Nein… musst du nicht.“

Erst jetzt sah ich Kai richtig an. Groß gewachsen, ein paar Muskeln an der richtigen Stelle und ein kleines Bäuchlein.

„Du warst ja nur ehrlich und ich habe mich benommen wie ein Arsch…“

„Das habe ich gemerkt… und andere auch.“

„Ich weiß…“

„Und warum das alles? Weil du schwul bist?“

Kai sah mich mit traurigen Augen an.

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