Lebenspartner auf Umwegen – Teil 6

6. Enrico – Unterwegs

Ja, das war das richtige, erst einmal losfahren und nachdenken, umkehren konnte ich immer noch. Hier in der Wohnung fiel mir sowieso die Decke auf den Kopf. In aller Eile packte ich ein paar Sachen in eine kompakte Reisetasche, für den Fall der Fälle. Wenige Minuten später saß ich im Auto und programmierte das Navigationssystem auf Hannover, Goethestrasse 14. Wie gut, dass wir die Adressen ausgetauscht hatten.

„Micha, ich komme“, flüsterte ich vor mich hin und startete den Motor des Sportwagens.

„Wie romantisch das klingt, das kennt man ja gar nicht von dir“, klang es in mir, während ich den BMW aus der Stadt steuerte.

„Und überhaupt, machst du plötzlich auf traute Zweisamkeit? Ist ja mal was ganz Neues. Und dieser Micha, mache dich nicht lächerlich, du kennst den nicht mal. Was kannst du schon über ihn sagen, außer, dass du ein paar Stunden mit ihm gechattet hast und ein Foto kennst?“

Wie Recht meine innere Stimme hatte! All das konnte ich nicht leugnen. Und doch… – ja was denn? Hatte im Leben immer alles einen Sinn, musste alles logisch sein? In diesem Moment empfand ich diese Gedankenmuster als Zwang, und Zwängen war ich noch nie bereit mich unterzuordnen.

Die Erfahrung mit Micha war ganz neu für mich in meinem Leben. Er löste etwas in mir aus bzw. er deckte etwas in mir auf, was bisher unberührt geblieben war. Ja, das traf es haargenau.

Noch nie zuvor hatte ich das Bedürfnis nach einem Mann fürs Leben gehabt. In meiner Jugend empfand ich diesen Gedanken geradezu als spießig und einengend. Meinen Spass wollte ich haben, mich amüsieren, Erfahrungen sammeln. Sex ist doch etwas sehr schönes. Solange ich das genießen konnte, warum denn nicht? Immerhin hatte mich Mutter Natur reich gesegnet. Wäre es nicht ein Verschleudern von Ressourcen gewesen, mich wie eine Nonne in Klausur zu begeben?

Ich war noch nicht volljährig, da hatte ich schon Sex mit vielleicht vierzig bis fünfzig verschiedenen Männern gehabt. Heute dürften es einige hundert sein. Na und? Ich kannte so viele hier in München, die genauso waren wie ich, das war nicht wirklich etwas Außergewöhnliches. Nein, stolz war ich auf diese Zahl nicht, ich sammelte Männer nicht wie Trophäen, ging damit nicht hausieren, das wahrlich nicht. In den Großstädten wie Hamburg, Berlin, Köln, Frankfurt, München, da tobte das Leben. Klar drängte es mich, Erfahrungen zu sammeln, den schwulen Sex zu genießen. Das ist etwas Wunderschönes. Beziehung? So etwas kam mir nie in den Sinn.

Aber ich muss zugeben, diese Fassade bröckelte.

Anfangs genoss ich ausgelassen die Abenteuerlust, das Entdecken des Neuen bzw. Unbekannten. Ich sah gut aus, zog viele Blicke auf mich, es war ein leichtes, so ziemlich jeden abzuschleppen, den ich haben wollte. Ich trank vom Becher des Lebens, bis ich nicht mehr konnte. Doch wie war das mit den schlechten Erfahrungen? Die konnte ich nicht leugnen.

Allmählich kamen die Jahre der Gewöhnung. Sicher, körperliche Liebe ist eigentlich immer schön, aber der Kick meiner frühen Phase wich allmählich. Es war völlig normal, sich Typen ins Bett zu holen, mal war es schön, mal weniger. Das Gefallen an ästhetischen Männerkörpern ist mir nie abhanden gekommen, aber die Spannung, so eine freudige Erwartung, Aufregung, Kribbeln, all das war kein Thema mehr für mich. Kein Thema MEHR? Fast hatte ich das Gefühl, das hätte es in meinem Leben noch nie so richtig gegeben.

Die letzten Jahre würde ich in einen dritten Lebensabschnitt zusammenfassen. Es bröckelte, um nicht zu sagen, es bröckelte gewaltig. Ich konnte nicht umhin zuzugeben, dass sich eine gewisse Leere in mir breit machte. Es fehlte immer mehr etwas, bloss konnte ich dem keinen Namen geben. Ein Schlüssel schien mir dabei Micha zu sein, so verrückt es klingt, und dieses Schlüssels würde ich mich bedienen, ich würde es zumindest versuchen, wenn er es wollte.

Wie viele Idioten gab es unter meinen Liebhabern und die wenigsten schienen zu echten Gefühlen in der Lage zu sein. Liebe, Zärtlichkeit, wenn ich ehrlich war, hatte ich noch nie erfahren dürfen, was das ist. Sehr schwer fiel es mir, all die Gedanken zu ordnen. Einerseits war ich der wohlgeratene Sohn reicher Eltern, ansehnlich vom Aussehen her, durchaus intelligent und erfolgreich. Andererseits hatte ich auf gewisser Ebene nie über meinen Tellerrand hinaus geschaut. Die schwule Szene war meine zweite Heimat, ich brauchte diese Menschen um mich herum, brauchte den schwulen Sex, kannte es einfach nicht anders. Verliebt hatte ich mich nie, es hatte nie gefunkt, und weil ich dieses Phänomen auch bei anderen wahrnahm und durch eigene Erfahrung nie etwas anderes kennengelernt hatte, klammerte ich den Bereich völlig aus, mehr aus Unwissenheit als aus Berechnung. Vermutlich kann man all das nur verstehen, wenn man auch nur annähernd selbst so empfunden hat.

Und nun kam jemand daher, und rüttelte an diesem Weltbild, brachte vieles ins Wanken. Warum eigentlich? Ich konnte es mir nicht erklären, musste dem selbst mühsam nachtasten, wie mit verbunden Augen. Jedenfalls war ich mir relativ sicher, dass sich Micha gar nicht bewusst war, was er bei mir auslöste, er beabsichtigte es nicht, weil er mich noch gar nicht kannte. Seine liebevolle weiche Art, sein Sinn für Romantik, seine Art über Gefühle zu sprechen, sich verwundbar zu zeigen, all das war neu für mich, hatte ich noch nie bei jemandem bemerkt. Vielleicht hätte Micha so etwas bei mir vor einigen Jahren auch noch nicht bewirkt, ich denke fast, einige Aspekte trafen da aufeinander, sowohl eine innere Bereitschaft meinerseits, denn die Zeit war reif für Veränderung, das lag in der Luft, als eben auch sein Charakter. Da entdeckte ich Dinge, die ganz neu für mich waren und ich hatte großen Hunger, die unbekannte Speise zu kosten. Natürlich, ich reflektierte hier über Dinge, von denen ich nichts verstand. Es war ein Versuch, mehr nicht. Aber deswegen wollte ich es doch ernst nehmen, dieser Sache nachzugehen.

Souverän meisterte der BMW auch mit über 200 Stundenkilometern jede Straßenlage. Natürlich fuhr ich riskant, das war mir bewusst, aber das dadurch in meinem Körper freigesetzte Adrenalin tat mir gut und hielt mich wach. Eigentlich war es Wahnsinn, was ich hier trieb. Der Tag hatte mich geschlaucht ohne Ende, aber vernünftig in diesem Sinne war ich noch nie gewesen.

2:45 Uhr zeigte der Bordcomputer an. Mittlerweile schmerzte der Anschnallgurt an meinem Körper ziemlich heftig. Tanken würde ich auch gleich müssen. So beschloss ich, bei nächster Gelegenheit meinem fahrbaren Untersatz Nahrung zu verschaffen – und mir eine kleine Verschnaufpause.

Im Raum Fulda entdeckte ich die nächste Tankstelle und fuhr rechts raus. Mann, was war das denn? Da stand ein ganz niedlicher Junge, vielleicht Mitte zwanzig, tausendprozentig schwul, das roch man schon gegen den Wind, und hielt ein etwas lädiertes Schild hoch mit „Hamburg“ darauf. War der komplett übergeschnappt? Wie kann man mitten in der Nacht bei eisiger Kälte an der Tanke herumstehen und darauf hoffen, mitgenommen zu werden? Ich konnte nur noch mit dem Kopf schütteln, aber beschloss ihn mal anzusprechen.

Als ich getankt hatte und vom Bezahlen zurückkam, merkte ich schon, dass der Typ mir einen bettelnden Blick zuwarf. Klar, der hatte sicher nicht viel zu lachen in seiner Situation. Entschlossen ging ich auf ihn zu. Er musste so um die 25 Jahre alt sein, hoch gewachsen, vielleicht 1,88m, also etwas kleiner als ich, recht schlank, blonde strubbelige Haare, die unter seiner Mütze hervor lugten, mehr so ein Bubigesicht, aber recht sympathisch und ansehnlich.

„Hallo, ich bin Enrico, was machst DU denn hier? Entschuldige, aber bei ungefähr -12 Grad und dann noch mitten in der Nacht versuchst du zu trampen???“

„Ähm, hi, ich bin Sascha, ich komme aus Wien, ich studiere dort Mathematik und Physik und ich wollte einen Freund in Hamburg besuchen. Bin schon ein paar Mal hingetrampt, aber dieses Mal sitzt der Wurm drin. Erst sah es ganz gut aus, ein LKW hat mich mitgenommen, aber, äh, als ich… na ja, er hat mich hier rausgeschmissen. Könntest du mich ein Stück mitnehmen? Gehört diese geile Karre da dir? Wahnsinn…“ überschlugen sich seine Worte.

„Rausgeschmissen?“, sofort wurde ich ein wenig skeptisch, „Warum das denn?“

Scharf blickte ich ihm in die Augen. Sascha senkte den Blick.

„Sascha, sag einfach, was los war, wenn du mir hier jetzt irgendwas auftischst, dann bin ich schneller weg als du mit der Wimper zucken kannst.“

Wenn er jetzt irgendwelchen Kram erzählte, konnte er mich mal gern haben. Klar hatte ich Mitleid, ich konnte nur hoffen, dass er ein ehrlicher netter Mensch war.

„Also offen gesagt, der Fahrer hat mich hier stehen lassen, weil ich schwul bin. Ähm, das klingt jetzt echt bescheuert, aber es ist so. Wir haben uns eigentlich ganz gut unterhalten und als mir eine Sache rausrutschte, kapierte er, dass ich schwul bin. Ich glaub, er hatte keinen Bock da drauf. Ob er einfach was gegen mich hatte oder vielleicht sogar Angst, dass ich ihn, na ja, belästige, oder was weiß ich, da hat er mich bei der nächsten Gelegenheit an die frische Luft gesetzt. Keine Ahnung, was ich jetzt machen soll, ich steh hier schon ne Weile, aber ist ja nix los um die Zeit.“

Sein Blick hatte etwas Flehentliches. Oh Mann, so etwas gab es noch? Weil er schwul war, stehen lassen? Das hätte der LKW-Fahrer bei dem Exemplar hier zudem von Anfang an sehen können.

„Also steig ein, es ist kalt“, erwiderte ich nur knapp.

Schweigend fuhren wir los. Sollte ich ihm ruhig sagen, dass ich auch schwul bin und dass das was völlig Normales ist? Ehrlich gesagt zögerte ich, weil ich durchaus eine Ablenkung brauchen konnte, ob der dafür zu haben war?

Leider provoziere ich ja allzu gern. In möglichst lockerem Ton meinte ich dann zu ihm:

„Ich hab schon immer mal Lust drauf gehabt, mir bei Tempo 200 einen blasen zu lassen“, und grinste ihn kurz von der Seite lasziv an.

Er schien völlig überrascht und musste lachen.

„Ernsthaft? Ist nicht wahr! Du bist schwul? Hammer! Siehst echt scharf aus, klar blas’ ich dir einen, wenn du willst, irgendwie muss ich mich ja erkenntlich zeigen.“

Herzlich lachten wir beide.

„Hast du das wirklich so gemeint, Enrico? Oder willst mich auf den Arm nehmen?“, bestand mein Tramper auf einer Bestätigung meines verrückten Plans.

„Nee, wenn du Lust hast, mach mal, aber musst du nicht, nur wenn du wirklich magst.“

Wie ein Brett lag der BMW auf der Strasse, und bei Tempo 180 beugte sich Sascha über mich und nestelte an meiner Hose.

Ich weiß, keiner wird Verständnis für so etwas haben, es war der pure Wahnsinn. Deutlich spürte ich, mein Leben steht am Scheideweg. Es hatte sich längst zugespitzt, in irgendeine Richtung würde etwas passieren. Noch war alles offen.

Ich wartete auf den Kick, aber der blieb aus. Ach, der Orgasmus war nicht schlecht, Sascha verstand sein Handwerk mit dem Mund recht gut, der dumme Junge schluckte sogar, weswegen ich ihm eigentlich hätte die Leviten lesen müssen. Doch ich spürte wie schon oft in der letzten Zeit eher eine Leere. Erneut war ich – warum auch immer – enttäuscht. Dieses Gefühl hatte eine hässliche Brutalität an sich, ich konnte es nicht orten, und doch schlug es erbarmungslos zu, aus dem Nichts, und das immer erfolgreicher.

Auf CD lief gerade „Slipping away“ von Moby. Wirklich, ich war einerseits nicht unglücklich, aber doch passte dieser Liedtext wie Faust aufs Auge.

„The threshold is breaking tonight

Open to everything happy and sad
Seeing the good when it’s all going bad
Seeing the sun when I can’t really see
Hoping the sun will at least look at me

Focus on everything better today
All that I need and I never could say
Hold on people they’re slipping away
Hold on to this while it’s slipping away

All that we needed tonight
Are people who love us and like
I know how it feels to mean it”

Etwas daran trieb mir die Tränen in die Augen. Und das heisst etwas, denn das war mir seid sicher 20 Jahren nicht mehr passiert. Ohne Scheu wischte ich mir die Tränen weg, Sascha war mir völlig egal.

„Alles okay, Enrico? Oh je, was geht denn hier jetzt ab? War es nicht gut?“ Sascha klang äußerst verwirrt.

„Kein Problem, Sascha, du bist Spitze, hat nichts mit dir zu tun. Hab ein paar Probleme, aber ich mag nicht drüber reden.“

Meine Stimme klang hoffentlich nicht zu schroff. Der Junge tat mir leid. Mir schien, er war ein netter Kerl. Doch ich konnte nicht anders. Es war alles zu viel für mich. Der starke Enrico, Herr jeder Lage, war doch klein zu kriegen. War es ein Wunder?

Den Rest der Fahrt verbrachte ich damit, mich mit Sascha über alles Mögliche zu unterhalten, sein Studium, seine Familie und Freunde, er wurde richtig redselig. Mir half das, mich etwas abzulenken und die Müdigkeit im Griff zu halten.

Kurz drosselte ich die Geschwindigkeit ziemlich herunter und programmierte das Navi auf den Bahnhof Hannover. Sascha bekam das, glaube ich, gar nicht richtig mit. Erst als wir – nach einigen Verzögerungen durch Baustellen – in Hannover vor dem Bahnhof anhielten, schaute er etwas überrascht in die Gegend, man konnte wirklich prima mit ihm plaudern. Wir tauschten noch Handynummern aus, damit wir in Kontakt blieben und ich befahl ihm streng, 50 Euro von mir anzunehmen, damit er mit einem Zug nach Hamburg fahren konnte. Wer weiß, wie er sonst weggekommen wäre. Es ging schon auf sechs Uhr zu und ich vermutete, dass er keine Schwierigkeiten haben würde, bald einen Zug zu erwischen. Zum Abschluss küsste ich ihn noch auf beide Wangen. Die Sympathie beruhte wohl auf Beidseitigkeit. Aber ich war mir sicher, sexuell würde nie wieder was laufen zwischen uns. Ich winkte ihm nach, bis er im Gebäude verschwand und mir einen letzten Blick zuwarf.

Einige Minuten später parkte ich dank Navigationssystem den BMW direkt vor der Hausnummer 14 in der Goethestrasse. Ein gutes Omen, dass ich hier sofort einen Parkplatz bekam? Ziemlich am Ende meiner Kräfte schnappte ich meine Reisetasche und quälte mich aus dem Coupé, betätigte die Fernbedienung für die Zentralverriegelung – und stand vor dem Haus, in dem Micha wohnte.

Einen Augenblick lang hielt ich inne, dann betätigte ich energisch die Türklingel.

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