Glückliche unglückliche Umstände – Teil 1

Bei dieser Kurzgeschichte handelt es sich um eine reale Fiktion. Viele der wesentlichen Handlungspunkte sind mir wirklich passiert. Allerdings sind es zwei (reale) Handlungsstränge, die miteinander zu einem einzigen verwoben und in einen etwas anderen Background gepackt wurden, natürlich auch unter Veränderung der Namen und auch dezente andere Verfremdungen sind hinzugekommen.

Dieser Beitrag ist mein erster Versuch, etwas zu Papier zu bringen. Bitte seid nicht zu streng mit mir. Zum Schriftsteller werde ich es sicher nie bringen. Natürlich freue ich mich sehr über jedes Feedback. Sowohl konstruktive Kritik als auch aufbauende Worte sind herzlich willkommen und erbeten.

Das Ende der vorliegenden Kurzgeschichte ist bewusst offen gehalten; es könnte sich sowohl um eine abgeschlossene Erzählung wie auch um eine Fortsetzungsstory handeln, beides ist möglich, ersteres wahrscheinlich.

1. Teil: Der Fremde

Piep piep piep piep piep…

Unangenehm und unerbittlich drang dieses nervige Geräusch in meine Ohren. Mit einem Seufzen streckte ich meinen linken Arm aus und tastete nach dem Wecker. Nach mir endlos erscheinender Zeit ergriff ich das schwarze Ungetüm und es gelang mir, den Störenfried zum Verstummen zu bringen. Es musste also acht Uhr sein. Im Zeitlupentempo öffnete ich meine leicht tränenden Augen und seufzte erneut.

Den gestrigen Abend hatte ich mit meiner besten Freundin Jessica verbracht. Wir hatten uns im Fox, einer gemütlichen Kneipe in unserem Ortsteil, getroffen und waren völlig versackt. Mit Jessica musste man einfach Spaß haben, ich liebte sie heiß und innig, natürlich rein platonisch; physische Anziehungskraft hatten dann doch nur hübsche Jungs auf mich. Jessica wusste das, sie war die typische beste Freundin eines schwulen Mannes. Ich hatte lediglich zwei Radler getrunken, zumindest sonst keinen Alkohol mehr, darum wunderten mich meine Kopfschmerzen, ein ganzer Bienenschwarm war da oben unterwegs. Aber es half nichts, ich musste aus den Federn, auch wenn mein geschundener Körper sich mit vier Stunden Schlaf begnügen musste. Schließlich war heute der 24. Dezember, Heiligabend, und ich hatte noch einiges zu erledigen.

Erschöpft saß ich auf der Bettkante, den Kopf auf meine Arme gestützt. Meine Gedanken schweiften noch einmal zu Jessica. Mit ihr hatte ich die Schulbank gedrückt bis zum Abitur. Das war die Zeit, wo ich ihr mein Schwulsein gebeichtet habe. Gebeichtet? Ja, denn ich hatte damals ein wahnsinnig schlechtes Gefühl, schwul und somit anders zu sein. Jeder Betroffene kennt das, auch in meiner Umgebung waren Schwulenwitze und dumme Sprüche über ‚Tucken’ an der Tagesordnung. Natürlich hatte mich das geprägt, zumal ich ein eher schüchterner und introvertierter Mensch bin. An einem gemütlichen Abend zu zweit habe ich es ihr dann gesagt. Erst hatten wir zusammen ein paar Videos angeschaut und sie wollte bei mir übernachten, denn wir hatten feine Sachen getrunken, Sekt mit Pfirsichlikör halbe halbe, und so haben wir es uns schließlich in meinem Doppelbett – ich brauche nachts immer viel Platz – gemütlich gemacht und plauderten über Gott und die Welt. Irgendwann rutschte es mir einfach raus, plump und plötzlich, ehe ich es mir wieder anders überlegen konnte. Jessica krabbelte zu mir rüber und nahm mich ganz fest in den Arm. Wir haben den Rest der Nacht gekuschelt und seitdem ist unsere Freundschaft noch besser geworden.

Zwölf Jahre war das jetzt schon her. Wie wahnsinnig schnell doch die Zeit verging. Selbst mein Diplom habe ich seit fünf Jahren in der Tasche, ich hatte in Tübingen Chemie und BWL studiert und arbeitete seitdem in München. Mit meiner Stelle hatte ich seinerzeit großes Glück, ich fühle mich sehr wohl an meinem Arbeitsplatz. Im Studium habe ich mich mit meinem Outing in den ersten Semestern zunächst zurückgehalten, mir fehlte schlicht der Mut. Zunächst wollte ich meine Eltern aufklären, sie verdienten doch, die Wahrheit zu erfahren. Im vierten Semester dann ergab sich eine gute Gelegenheit. Meine Eltern nahmen es verhältnismäßig gelassen auf, dass ihr jüngster Sohn schwul ist und sie von ihm keine Enkelkinder zu erwarten haben. Etwas später erzählte ich auch meinen Geschwistern von meiner Homosexualität. Meine Schwester freute sich regelrecht für mich, als wäre Schwulsein etwas hervorragend Tolles. Die Reaktion meines älteren Bruders wunderte mich nicht wirklich, ihm war es einfach gleichgültig, wir verstehen uns bis heute nicht besonders gut und es war schon immer so. Für ihn war ich immer der kleine dumme Bruder, der von nichts richtig eine Ahnung hat und sowieso nicht ernst zu nehmen ist. Meine besten Freunde erfuhren nach und nach von mir, meine Arbeitskollegen wissen nun auch Bescheid. In Tübingen hatte ich die ein oder andere feste Beziehung zu einem Mann, aber der Traumprinz war noch nicht dabei, von kurzen Affären zum reinen Spaß hielt ich mich bewusst fern und daran wird sich für mich auch weiterhin nichts ändern.

Erschrocken blickte ich in den Spiegel und musterte den, der mich da aus tiefen Augenhöhlen, mit schwarzen Ringen unter den Augen und bleicher Haut anstarrte. Meine dunkelbraunen Haare konnte man nur als dunklen Schatten erahnen, denn ich rasiere mir regelmäßig den Schädel, was zum Glück seit ein paar Jahren nicht mehr unbedingt mit einer gewissen politischen Gesinnung identifiziert wird. Ich mag es einfach, außerdem sagt man mir nach, dass ich eine sehr schöne Kopfform habe. Meine dunklen braunen Augen und ein markantes, kantiges Gesicht mit gerader wohlgeformter Nase treten dadurch noch mehr hervor. Mein sinnlicher voller Mund lächelt gern und ein paar Grübchen zeichnen sich dabei ab. In dieser Hinsicht darf ich mit mir zufrieden sein, mein Gesicht ist wirklich recht hübsch. Dafür bin ich mit meiner Figur wiederum gar nicht zufrieden. Zwar ist mein Körper durchaus wohlgeformt, aber er ist seit jeher viel zu dünn.

Nach einer erfrischenden und ausdauernden Dusche konnte ich mich im Spiegel wiedererkennen und lächelte versonnen vor mich hin. Ich freute mich auf Weihnachten, es ist ein schönes Fest, welches ich mir durch nichts und niemanden zerstören lasse. Zwar lief es bei meinen Eltern, wo sich meine Familie immer traf, nicht immer nach meinen Wünschen ab, aber davon ließ ich mich nicht weiter beirren und machte einfach das beste daraus. Weihnachten ist das Fest von Liebe, Frieden, Romantik, kuscheliger Atmosphäre und Gemütlichkeit. Draußen tobt der Wind, schneidende Kälte, glitzernde Schneeflocken irren durch die Luft, im Haus ist es mollig warm, Kerzen brennen, passende ruhige Musik, ein guter Weihnachtstee oder heiße Schokolade, Zimtsterne und Marzipan… diese und andere Gedankenfetzen ließen es mir warm werden. Leider sah die Realität oft anders aus und es liegt schließlich in jedermanns Verantwortung, dafür verdammt noch mal was zu tun, auch mal zurückzustecken, damit es trotz aller Ungleichheit der Menschen harmonisch und schön wird. Ihr merkt schon, ich bin ein Idealist und ein Optimist dazu. Aber beneidet mich nicht, ich musste hart daran arbeiten, mich nicht hängen zu lassen und weiß sehr gut, was es heißt, durch düstere Täler marschieren zu müssen. Aber genug davon.

Schnell schlüpfte ich in meine Retro, zog wohl oder übel meine lange Sportunterhose an, da ich es nicht ausstehen kann, frieren zu müssen, meine dicken Socken, enge dunkelblaue Jeans mit Schlag und meine schweren schwarzen Wanderschuhe, schon war ich unten herum komplett. Eigentlich finde ich Jungs in Jeans mit nacktem Oberkörper total erotisch, aber ich bin nun einmal dazu verdammt, mit meiner Statur eben nicht den Speichelfluss anderer Männer anzuregen, zumindest nicht meinen eigenen. Wie war das noch mit dem positiven Denken? Also einfach in das enge schwarze T-Shirt schlüpfen und den dicken silbergrauen Wollpullover mit Rollkragen und Zipper drüberziehen, fertig. „Immer diese Überbetonung der Äußerlichkeiten“, grummelte ich in mich hinein, „Muskeln sind nicht alles im Leben…“

Nach einem ausgiebigen Frühstück, bestehend aus zwei dicken Scheiben Weißbrot, Butter, selbstgemachter Erdbeermarmelade, Schokocreme und einer großen Tasse Milchkaffee, überlegte ich mir den weiteren Tagesablauf. Es standen einige Besorgungen an, für meine Familie brauchte ich noch das eine oder andere Geschenk und für mich selbst ein paar Lebensmittel. Nach einem Blick auf die Uhr, es war schon halb zehn durch, beschloss ich, aufzubrechen.

Als ich gerade meine knallrote Daunenjacke anzog und mir Handy und Geldbörse einsteckte, klingelte das Telefon.

„Hallo Nathanael…“, erklang die Stimme meiner Mutter aus dem Hörer.

„Hallo Mama!“

Nun, meine Mutter mit 32 Jahren auf dem Buckel noch ‚Mama’ zu nennen, mag den einen oder anderen befremden, aber wir verstanden uns schon immer gut und ich hatte mir diese Gewohnheit schlicht und einfach bewahrt.

„Sag mal, wann kommst du denn heute zu uns? Magst du zum Kaffeetrinken kommen oder schon zum Mittagessen?“

„Mama, warum rufst du schon so früh an? Ich war gestern noch mit Jessi unterwegs, hast Glück, dass ich überhaupt schon auf bin“, kam es etwas vorwurfsvoll über meine Lippen. Meine Mutter würde es nie lernen, ich bleibe wohl bis in Ewigkeit ihr ‚Junge’. Sie begreift nicht, dass es Leute gibt, die nicht Tag für Tag abends um zehn im Bett verschwunden sind.

„Nathanael, es ist gleich viertel vor zehn, da kann man wohl aufgestanden sein“, beharrte sie weiterhin auf ihrem Standpunkt.

Schweigen. Natürlich war es das beste, ich sagte nichts weiter, zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt, ein Themenwechsel war fällig.

„Ich muss noch in die Stadt, Mama, einiges erledigen. Keine Ahnung, wann ich wieder zurück bin. Sobald ich wieder hier bin melde ich mich bei euch und sage, wann ich komme.“

„Ja, ist gut, dann bis später“, seufzte meine Mutter, es schien ihr nicht wirklich zu passen, aber das konnte ich nicht ändern. Schon hatte sie aufgelegt.

Puh, war das draußen kalt heute, regelrecht unerbittlich blies ein eiskalter Wind und rötete die Wangen derer, die es sich noch antaten, sich vor dem Fest ins Getümmel zu stürzen. Zum Glück hatte ich meine Fleece-Mütze aufgesetzt, das war ein guter Kauf gewesen, stellte ich zufrieden fest. Der Himmel war Wolkenverhangen und prüfend ging mein Blick nach oben. Ob es noch schneien würde?

Die Sparkasse war nicht weit, ein paar hundert Meter um zwei Ecken, schon war ich da. Es handelte sich um eine kleine Zweigstelle. Als ich das Gebäude betrat, schluckte ich. Zwei Bankautomaten waren in Betrieb, der übrige Bereich war noch nicht fertig renoviert. Eigentlich sollten zum 1. Dezember alle Arbeiten abgeschlossen sein, aber es war zu immer neuen Verzögerungen gekommen. Zu allem Überfluss klebte vor einem der beiden eigentlich intakten Automaten noch ein Schild mit großen schwarzen Lettern: ‘Defekt’. Könnt ihr euch vorstellen, wie lang die Schlange vor dem einen Automaten war? Was blieb mir anderes übrig, als zu warten. „Nathanael“, sagte ich zu mir selbst in Gedanken, „du bleibst jetzt hier und entspannst dich, es gibt keinen Grund sich aufzuregen oder zu hetzen, nimm es als Training, ganz gelassen zu sein.“ Fast gelang mir das auch.

Dann wurde ich auf einen Mann vor mir aufmerksam, als dieser sich kurz umdrehte. Mein Blick fiel in ein sehr hübsches Gesicht, große braune Augen, markante Gesichtszüge, strubbelige schwarze etwas längere Haare, ein unglaublich hübsches Gesicht, aber es strahlte nichts als Traurigkeit aus. Es stach mir regelrecht ins Herz und ich malte mir bereits aus, was diesen Mann bewegen mochte. Wie alt er wohl war? Vielleicht Mitte bis Ende zwanzig. Also gar nicht so sehr viel jünger als ich. Etwas kleiner als ich war mein schöner, trauriger Unbekannter, aber deutlich kräftiger. Ob er eine gute Figur hat? Ein wenig ärgerte ich mich über mich selbst, dass ich mal wieder über derlei Oberflächlichkeiten stolperte. Dummerweise schaute er sich nicht mehr zu mir um, was ich äußerst bedauerte. Sein übriges Erscheinungsbild war schlicht und ärmlich. Sein olivgrüner Parka zeigte deutliche Abnutzungserscheinungen und sah nicht gerade nach teurer Kleidung aus, um es freundlich zu sagen. Auch seine blaue Jeans war abgetragen, die Schuhe ungepflegt und ziemlich hinüber. Komischerweise machte mir das gar nichts aus, im Gegenteil, nachdem ich in sein schönes Gesicht geblickt hatte, konnte mich das alles nicht einen Funken negativ stimmen, höchstens ein wenig Mitleid regte sich in meiner Mitte, da ich das Gefühl hatte, dass es diesem Menschen nicht gerade glücklich zumute war im Leben.

Er hatte mich gar nicht richtig angesehen, er schaute mit einem leeren Blick durch mich hindurch…; ich zuckte bei diesem Gedanken zusammen. Am liebsten hätte ich diesen Kerl in den Arm genommen und ganz fest an mich gedrückt, um ihm ein wenig Trost und menschliche Wärme zu spenden. Kennt ihr solche Situationen? Der Mann war mir spontan sympathisch und ich spürte eine gewisse Seelenverwandtschaft, zumindest bildete ich mir das ein. „Nathanael, du bist zu lange solo, kein Wunder, dass dir derart blödsinnige Gedanken kommen“, versuchte ich meine Gefühle zu verscheuchen. Aber wie Fliegen im Sommer, so aufdringlich kamen sie wieder zurück, unerbittlich und hartnäckig umkreisten sie mein Gemüt.

Ganz in Gedanken hätte ich fast verpasst, dass ich an der Reihe war, mein Geld abzuheben. Schnell schob ich meine Karte in den Schlitz und tippte meine Geheimnummer ein. Als ich mein Geld verstaute, mich umdrehte und das Gebäude verließ, fiel mir mein schöner Vordermann auf. Er stand draußen in der bitteren Kälte – Passanten liefen hektisch vorbei – und weinte, da bestand kein Zweifel. Es schien ihm zwar einigermaßen unangenehm zu sein, doch liefen ihm die Tränen nur so sein Gesicht hinab. Ich wusste sofort, dass ich nicht einfach weitergehen würde; das konnte ich nicht, durfte ich nicht. Etwas unsicher stockte ich in meiner Bewegung und setzte erst einmal wieder meine Mütze auf, um Zeit zu gewinnen, dann ging ich, meinen ganzen Mut zusammennehmend, auf ihn zu und sprach ihn an.

„Hallo, kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte ich möglichst diskret und behutsam. Das ‚Du’ wählte ich bewusst, um einen persönlicheren Kontakt zu forcieren.

Der junge Mann schaute mich abgestumpft an, Verzweiflung konnte ich spüren, ihm schien es in diesem Moment nicht einmal sonderlich peinlich zu sein, hier vor den Leuten zu stehen und zu heulen, vielleicht, weil er so sehr in seinem Kummer gefangen war?

„Was willst du überhaupt von mir?“, fragte er nur tonlos. Vergeblich versuchte ich, aus seiner Reaktion zu erforschen, was er empfand.

„Dir helfen?“, fragte ich etwas blöde, weil mir nichts besseres zu entgegnen einfiel. Natürlich klang das abgedroschen und unpassend, aber doch spiegelte es meine innerste Sehnsucht wider, die schon in der Sparkasse in mir aufgekeimt war. Es ‚Liebe auf den ersten Blick’ zu nennen, wäre (noch?) weit übertrieben gewesen, aber spontan hatte ich mich schon ein wenig in den guten Jungen ‚verguckt’.

„Ach lass mich in Ruhe und hau ab!“, zischte es mir entgegen. Aber sogleich war mir klar, dass diese Reaktion durchaus eine Art des Selbstschutzes und Ausdruck der Verzweiflung sein konnte; oder ich war wirklich an der falschen Adresse. Was hatte ich zu verlieren?

„Oh, dir scheint es aber wirklich dreckig zu gehen, ist es das? Vielleicht freust du dich ja einfach über einen Menschen, der es gut mit dir meint? Man muss nicht Albert Einstein sein, um zu kapieren, dass es dir so richtig beschissen geht. Und in Tränen wirst du sicher auch nicht ständig ausbrechen, wenn du unterwegs bist. Kann ich was für dich tun?“ Eigentlich verwendete ich keine Kraftausdrücke, aber das Wort ‚beschissen’ traf den Nagel auf den Kopf.

Anstatt mir zu antworten, weinte der arme Kerl noch herzzerreißender und schlug sich inzwischen die Hände vor das Gesicht. Ich war erschüttert; so einen Ausbruch des Leidens hatte ich zuvor nur selten in der Öffentlichkeit erlebt. Traurig auch, dass die Situation sonst niemanden zu berühren schien, im Gegenteil, die vorbeieilenden Menschen wandten ihre Köpfe absichtlich in eine andere Richtung, manche starrten auch einfach dümmlich herüber; wie mich das wütend machte!

Nach ein paar Minuten schien sich mein Gesprächspartner etwas zu beruhigen, er wühlte in seinen Taschen, zog eine Packung Taschentücher hervor, die auch schon mal bessere Zeiten erlebt hatte, nahm sich ein Taschentuch und schnäuzte sich ausgiebig. Seine Augen waren gerötet und sein ganzes Gesicht tränenverschmiert, schließlich sprach er doch mit mir:

„Ach, ich habe nur Pech, es nimmt gar kein Ende, meinen Job bin ich seit Jahren los, wer will mich schon noch, bin ja quasi schon ausrangiert, mein Vater ist vor einigen Jahren an Krebs gestorben, mein Bruder hatte kurze Zeit später einen tödlichen Motorradunfall, meine Mutter hat sich daraufhin das Leben genommen, sie hat meinen Vater sehr geliebt und mein Bruder war ihr ein und alles, ich bin total abgerutscht, Depressionen, hab meine Freunde verloren, niemand wollte mehr was mit mir zu tun haben, nun lebe ich von Hartz 4, bin doch der letzte Dreck, neulich habe ich 200 Euro verloren, ich wollte mir davon ein paar Sachen zum Anziehen kaufen und meine Lebensmittel auffüllen, so eine Scheiße, jetzt hat eine Versicherung Geld abgebucht und ich bin blank, ich hab nicht mal was abheben können, um über die Feiertage zu kommen, ich habe nichts mehr, ich habe mich total zurückgezogen, weiß niemanden, den ich anpumpen könnte, was für ein tolles Weihnachten, was für ein tolles Leben…“, sprudelte es nur so aus ihm heraus. Überdeutlich artikulierte er all seinen Frust, all seine Verzweiflung, all seine Not, und währenddessen flossen erneut Tränen über sein Gesicht. Dann verstummte er und schniefte erneut in sein Taschentuch.

Das, was ich da eben gehört hatte, erschütterte mich zutiefst, meine eigenen Sorgen verflüchtigten sich in diesem Moment zu einem unbedeutenden Nichts und ich nahm mir fest vor, ein dankbarerer Mensch zu werden. Was musste dieser junge Mann für ein Elend durchleiden, und ich beschwerte mich zuweilen über Kleinigkeiten. Aber was war nun zu tun?

„Ich heiße Nathanael“, versuchte ich erst einmal eine Brücke von mir zu ihm zu schlagen.

„Heiße Daniel.“ Und er verstummte auch schon wieder und schaute mich aus großen traurigen Augen verzagt an.

„Wo willst du nun hin?“, fragte ich, selbst etwas unsicher.

„Weiß nicht, kann mich ja irgendwo besaufen, aber nicht mal dafür reicht es. Ich gehe nach Hause.“

„Komm, ich gehe ein Stück mit, okay?“, schlug ich vor, einfach, um Zeit zu gewinnen.

„Von mir aus…“, kam es von ihm. Etwas enttäuschend, so eine Reaktion, aber ich vermutete, dass er einfach nur total fertig war und daher so reagierte. Woher ich diesen Optimismus nahm, weiß ich bis heute nicht.

Ein paar hundert Meter schlenderte ich neben ihm her, als Daniel auf eine überfrorene Stelle getreten sein musste, jedenfalls rutschte er aus, knickte mit seinem Fuss um und wäre gestürzt, wenn ich ihn nicht zu fassen bekommen und aufgerichtet hätte. Es ging zu schnell, als dass ich diese Nähe zu ihm hätte genießen können.

„Hey, Daniel, nicht so stürmisch, willst ja nicht Weihnachten im Krankenhaus feiern, oder?“, zwinkerte ich ihn an.

„Autsch“, jammerte er und humpelte ein wenig. „Verdammter Mist!“, setzte er hinterher.

„Was ist los?“

„Ich bin ordentlich umgeknickt, das tut ganz schön weh, kann im Moment kaum auftreten. Was ist nur los? Warum schon wieder ich?“

„Willst du damit zum Arzt, was denkst du? Wie schlimm ist es? Soll ich dir etwas helfen? Komm, ich begleite dich bis nach Hause, das heißt, wo wohnst du überhaupt?“

„In einem dieser Asi-Blocks in der Margaretenstraße. Wäre echt nett, wenn du mir ein klein wenig hilfst, ist ja zum Glück nicht weit, zum Arzt geh ich auf keinen Fall!“

Das klang doch schon etwas netter, immerhin wollte er meine Hilfe annehmen.

„Kennst du dieses Hausmittel mit den Quarkumschlägen? Vielleicht kannst du dir damit ein bisschen helfen? Hast du Quark im Haus?“

„Ja, hab ich schon von gehört. Quark hab ich aber keinen da“, meinte Daniel achselzuckend.

„Komm, wir gehen, da drüben ist eh der Spar, da kauf ich dir geschwind ein Päckchen und keine Widerrede, das ist wirklich eine gute Sache, wird dir gut tun.“ Ich bemühte mich dabei um einen angenehmen auflockernden Ton.

Er wechselte die Seite und stützte sich dann etwas auf mich auf. So gingen beziehungsweise humpelten wir los. Im Supermarkt kaufte ich ihm gleich zwei große Packungen Quark, ich meinte es eben gut, und bekam es dann sogar hin, mich an der Kasse geschickt durchzudrängeln, indem ich etwas von einem Notfall und einem verunfallten Freund nuschelte.

Ein paar Minuten später kamen wir bei Daniel an. Margaretenstrasse 39, das merkte ich mir. „Wie heißt du mit Nachnamen?“, fragte ich möglichst unauffällig.

„Niehoff“, kam es knapp von Daniel. „Ich wohne im dritten Stock.“

Als wir oben an seiner Etagentür angelangt waren, seufzte Daniel erleichtert auf und kramte seinen Schlüssel hervor.

„Sag mal, Daniel, wie verbringst du denn Weihnachten, was machst du heute noch so?“

„Nichts, ich bin allein. Werde wohl irgendwas im Fernsehen anschauen oder was weiß ich.“ Die Antwort kam äußerst knapp und leicht schneidend; seine Situation musste ihm zusetzen.

„Na dann, eine möglichst schöne Zeit!“, wünschte ich ihm und kam mir vor wie ein Arschloch, weil ich mit dem Messer in seiner Wunde bohrte. Sogleich biss ich mir auf die Lippe und schwieg.

„Oh, vielen Dank, werde ich sicher haben“, triefte es nur so vor Sarkasmus und Verbitterung. Zumindest glaubte ich, das zu spüren.

„Ich feiere mit meiner Familie…“, und schon wieder verfluchte ich meine Worte, ich machte es doch nur noch schlimmer. Derweil lief ich leicht rot an und schämte mich, wie taktlos und unpassend ich daherschwafelte. Aber was sollte ich denn bitte sagen?

„Daniel…“, sprach ich weiter, „es tut mir Leid, das alles tut mir echt Leid, ich weiß leider nicht, was ich kluges sagen soll, ruf mich an, wenn du magst, ich denke, du bist ein netter Kerl. Komm raus aus deinem Schneckenhaus.“, sprach es, zog eine Visitenkarte aus meinem Portemonnaie und drückte sie ihm in die Hand. „Ach, und hier, der Quark, ist ein kleines Weihnachtsgeschenk. Nimm ein Tuch, zwei bis drei Esslöffel Quark drauf verteilen und das Ganze um das Fußgelenk binden; bin auch kein Profi, irgendwie so…“

„Danke, Nathanael, ich hab schon lange nicht mehr so viel mit einem Menschen am Stück gesprochen…“ Und schon war die Tür geschlossen und Daniel hinter ihr verschwunden.

Nachdenklich stieg ich die Treppen hinab und ging ein Stück. Stopp, wohin führte eigentlich mein Weg, wohin lief ich da eigentlich? Ich blieb stehen und dachte einen Moment lang nach, wobei ich sogar die schneidende Kälte vergaß. Plötzlich ging ein Lächeln über mein Gesicht und ich tippte eine Nummer in mein Handy.

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