Gone, but not forgotten – Teil 6

6. Schmerzhafte Offenbarungen

Marc

Um elf Uhr hatte ich einen Termin bei Frau Dr. Williams. Drew fuhr mich netterweise hin.

„Könnte die Amnesie meine Persönlichkeit verändern im Vergleich zu früher?“ Schon länger dachte ich darüber nach, kam jedoch zu keinem Ergebnis.

„Zu jemand anderem machen? Fühlen Sie sich denn irgendwie anders?“, stellte Dr. Williams eine Gegenfrage.

„Ich schätze schon, doch ich weiß ja nicht, wie ich damals war, vor dem Unfall.“

„Beschreiben Sie mir, was genau anders ist“, forderte sie mich freundlich auf.

„Ich fühle mich freier, unbeschwerter, irgendwie glücklicher.“

„Das freut mich zu hören. Wie ist Drew eigentlich zu ihnen?“ Ihr Blick war herzlich, aber doch durchbohrte er mich, als könne ich ihr nichts vormachen.

„Oh, Drew ist toll. Ich meine, er hat mein Leben gerettet“, versuchte ich einen Kompromiss.

„Setzt er Sie in irgendeiner Weise unter Druck?“ Worauf wollte die Ärztin hinaus?

„Nein, nein, auf kein Fall!“ Hastig ergriff ich Partei für Drew. „wir sind nur … nur … gute Freunde geworden.“ Ich merkte selbst, es klang irgendwie unglaubwürdig, wie ich es vorbrachte.

„Marc, wissen Sie, es ist völlig normal, dass sie starke Gefühle für ihren Lebensretter entwickeln. Aber, das beinhaltet nicht unbedingt eine Verpflichtung. Sie müssen sich zu nichts gedrängt fühlen.“

„Selbstverständlich“, erwiderte ich knapp.

„Sie wissen, dass Drew homosexuell ist?“ Was für eine Frage! Frau Dr. Williams ahnte bestimmt, was ablief zwischen uns, das spürte sie, da war ich ganz sicher.

„Lebt er OFFEN schwul?“

Angriff ist die beste Verteidigung, dachte ich.

„Doch, ich denke schon.“

Diese Bemerkung löste deutliches Unbehagen in mir aus, warum auch immer.

„Und weiter?“, fragte ich nervös.

„Und was? Sagen Sie es mir. Ich dachte, es würde Sie vielleicht überraschen.“

Ich war wie vor den Kopf geschlagen, sie wusste genau, was hier ablief. „Mache ich einen Fehler?“, fragte ich also nur.

Einen Moment lang, dachte Dr. Williams nach.

„Marc, es gibt so viel, was sie von sich selbst nicht wissen. Sie müssen in ihr altes Leben zurückkehren. Bereiten Sie sich eigentlich darauf vor?“

Ihre Worte klangen herzlich, sie meinte es gut mit mir, das war offensichtlich. Dennoch war das ein Schlag ins Gesicht und brachte alles ins Wanken.

 

Drew

Die Sonne schien warm vom Himmel herab und bedeckte die Berglandschaft mit ihrem goldenen Schleier. Mir kam die Idee, ein kleines Picknick mit Marc zu unternehmen. So packte ich einige Lebensmittel, mehrere Flaschen Orangensaft und Mineralwasser, Geschirr und eine große Decke ein und holte meinen Freund um zwölf Uhr vom Krankenhaus ab.

Es war nur überdeutlich, dass Marc nachdachte, ich ließ ihn gewähren. Inzwischen saßen wir auf einer dieser herrlichen Bergwiesen, Wir hatten es uns nebeneinander gemütlich gemacht und machten uns über die mitgebrachten Vorräte her.

„Alles in Ordnung?“ Ich konnte Marcs Schweigen nicht mehr ertragen.

„Dr. Williams hat Fragen gestellt“, war die knappe Antwort. Er schaute mir nicht einmal in die Augen.

„Was hast du ihr denn erzählt?“, versuchte ich mehr zu erfahren.

„Nichts.“

„Du kannst ruhig mit ihr über alles sprechen.“ Frau Dr. Williams war seit vielen Jahren meine Ärztin und eine Vertraute. Ich hatte keine Geheimnisse vor ihr, und Marc müsste es sicher auch nicht. Sie behandelte ihn schließlich.

„Sieht man es uns denn so sehr an?“ Daher lief also der Hase! Marc fürchtete sich davor, zu seinen homosexuellen Gefühlen zu stehen.

„Machst du dir darüber Sorgen? … Dass man es uns ansehen könnte?“

„Na ja, man soll nicht auf mich mit dem Finger zeigen, weil ich mit dir zusammen bin.“

Dieser Satz war wie ein Faustschlag und er tat schrecklich weh. War es Marc also peinlich mit mir zusammen zu sein, schämte er sich für mich?

„Drew, das klang jetzt blöd, ich weiß. Ich hab das nicht böse gemeint. Schau, mein Leben ist ein großes Geheimnis, ich hab das so satt. Es muss doch möglich sein, mehr zu erfahren. Ich weiß einfach nicht, wer oder was ich bin. Das verunsichert mich immens.“

„Marc, ich kann dir von deinem Unfall nicht mehr erzählen. Es tut mir leid.“

„Unfall? Wieso kommst du denn jetzt gerade auf den zu sprechen? Es gibt also doch einige Sachen, die du mir verheimlichst, die hilfreich für mich sein könnten?“ Fast klang seine Stimme ein wenig wütend.

„Bedeute ich dir überhaupt etwas, Marc?“

„Ja, ich glaube schon.“

Das war nicht das, was ich hören wollte. Dieses ganze Gespräch eskalierte zur reinsten Katastrophe und ich hätte auf der Stelle in Tränen ausbrechen können.

„Du GLAUBST also, ich bedeute dir etwas“, wiederholte ich und bemühte mich krampfhaft darum, mir nichts anmerken zu lassen.

„Doch, du bedeutest mir etwas.“ Marc schaute in den Himmel und schwieg.

***

Paul und Nancy hatten uns zum Essen eingeladen. Natürlich waren wir ihrer Einladung nachgekommen.

„So segne der Herr unser Essen und unsere Gemeinschaft. Amen.“ Nancy hatte ein Tischgebet vorgebetet.

„Bist du religiös, Marc?“, wandte sie sich ihm zu.

„Spätestens jetzt bin ich es“, bemerkte er mit einem unsicheren Lächeln.

„Wir besuchen eine tolle Gemeinde“, meinte Nancy; Paul nickte unterstützend.

„Bring ihn doch mal mit, Drew.“

„Nancy, du weißt doch, dass ich nicht zur Kirche gehe. Da sind einfach zu viele Kleingeister unterwegs.“

„Drew, ich bitte dich.“ Nancy war sichtlich beleidigt, nahm es dann aber doch mit Humor: „Wenn es keine Kleingeister gäbe, bräuchten wir keine Kirchen. Wie herum man das jetzt auch immer verstehen möchte…“

„Na kommt, genug davon. Greift zu und lasst es euch schmecken“, mischte sich Paul ein.

„Sieht wirklich köstlich aus“, schmeichelte Marc und setzte ein freundliches Lächeln auf. „Nancy könnte doch kochen im Gasthof.“ Marc spielte auf das Haus am See an.

Paul schaute ziemlich verblüfft aus.

„Ich überlege, es wieder zu eröffnen“, wandte ich mich ihm erklärend zu.

„Seit wann?“

„Schon immer, Paul.“

„Was soll das denn bitteschön? Hast du Marc etwa von dem Unfall erzählt?“

„Na und? Warum auch nicht?“

Nancy beugte sich derweil zu Marc herüber und flüsterte ihm so laut zu, dass ich es noch hören konnte: „So läuft das fast immer zwischen ihnen.“

Mit laut erhobener Stimme fuhr sie fort: „Marc, wie ist das eigentlich genau, unter Amnesie zu leiden? Ich kann mir das gar nicht vorstellen.“ Offensichtlich wollte sie das Thema wechseln.

„Nun, es ist als ob einem etwas auf der Zunge liegt, aber es fällt einem nicht ein, obwohl man schwören könnte, man weiß es. So ungefähr ist das.“

„Du kannst dich nicht mal an deine Familie erinnern?“, wollte Nancy wissen.

„Manchmal fallen mir Kleinigkeiten ein, bestimmte Bilder oder Gerüche, aber nichts Konkretes. Offenbar verdränge ich den Unfall, weil es sehr traumatisch war.“

„Du hattest großes Glück, überlebt zu haben, Marc, jedes Jahr passieren hier in den Bergen tödliche Unfälle. Stimmt doch, Paul?“ Nancy wandte sich ihrem Mann zu.

„Nancy, bitte, wir sind beim Essen. Aber es stimmt.“

„Paul sagt keinen Ton, geht aus dem Haus, sieht sich den Toten an und legt los. Also ich könnte das nicht.“ Nancy schüttelte bekräftigend ihren Kopf, dass ihre Haare nach links und rechts flogen.

„Nancy, das ist echt morbide“, bemerkte ich.

„Ist es nicht, es gehört zum Leben dazu. Es kann der Berg sein – oder ein Bus, der einen überfährt. Wie auch immer.“

„Seit wann gibt es hier im Dorf Busse?“ Ich musste lachen.

„Ständig provoziert er mich“, grinste Nancy in Richtung Marc.

„Du weißt, dass ich dich lieb habe“, und schenkte ihr ein Lächeln.

„Wie läuft es denn bei euch?“ Nancy wechselte einfach das Thema und schaute Marc und mich an.

„Ich bin sehr glücklich“, verkündete Marc und schaute mir tief in die Augen.

„Ich auch“, fügte ich hinzu und erwiderte sehr erfreut Marcs Blick.

Keinesfalls entging mir, wie sich Paul und Nancy besorgt anschauten.

„Du bist bestimmt gespannt, morgen zurückzukehren?“ Nancy sprach Marc an.

„Nur das Leben hier ist mir wirklich vertraut“, seufzte Marc.

Paul hatte den Volvo von Marc gefunden. Im Auto befanden sich unter anderem die Papiere, so dass man Marcs Herkunft eindeutig klären konnte. Natürlich musste es früher oder später so kommen. Dennoch stürzte mich Pauls Fund in eine tiefe Krise.

***

Marc und ich saßen am Abend noch eine Weile zusammen. Eine gedrückte Stimmung herrschte im Raum und keiner sagte ein Wort.

„Woran denkst du?“, durchbrach ich schließlich das Schweigen.

„An nichts“. Marcs Stimme klang tonlos.

„Das glaube ich dir nicht, Marc.“

„Es ist alles so kompliziert“, seufzte er.

„Versuchs mir zu erklären, bitte.“ Zärtlich kraulte ich ihn am Nacken, wollte ihm meine Nähe schenken, ihm zeigen, dass ich für ihn da bin.

„Es kommt mir vor, als ob ich mir was vormache. Ich tue so, als ob ich nicht in mein altes Leben zurück muss.“ Marcs Stimme zitterte leicht.

„Ich habe mich in dich verliebt.“

Marc jedoch schwieg.

„Ich dachte, du liebst mich auch.“ Es brach mir fast das Herz. Wie würde es weitergehen mit uns? Das konnte doch nicht das Ende sein!

„Drew, ich weiß nicht mal, wer ich richtig bin.“

„Hast du vielleicht schon daran gedacht, dass GENAU das besser so ist?“ Sicherlich kamen die Worte schärfer über meine Lippen, als ich es beabsichtigt hatte.

„Was verschweigst du mir? Sag es mir endlich“, bettelte Marc.

„Ich darf es nicht sagen.“

„Hab ich kein Recht es zu erfahren?“ Er blickte mich unverwandt an und sich sah, wie sich seine Augen mit Tränen füllten.

„Die Vergangenheit hat keine Bedeutung“, bemühte ich mich ihn abzulenken und gleichzeitig zu beruhigen.

„Es geht um mich!“. Marcs Stimme wurde laut und ein paar Tränen flossen ihm über die Wangen. „Meine Zukunft hängt davon ab.“ Leise schluchzte er vor sich hin. Okay, er hatte es so gewollt.

„Wenn dein Leben so toll war, warum wolltest du es dann beenden?“ Vielleicht klangen meine Worte zu scharf, auch ich war sehr erregt.

„Du hast mich geschlagen, jetzt fällt es mir wieder ein“, murmelte Marc.

„Ich musste es tun.“ Ein Seufzen entfuhr meiner Kehle.

„Warum?“ Marcs Stimme klang leblos.

„Versprich mir, dass sich nichts zwischen uns ändert“, bat ich eindringlich.

„Das kann ich nicht.“ Wieder diese tonlose Stimme.

„Du musst es aber!“ Ich bekam regelrecht Angst. „Oder ich erzähle nichts.“ Natürlich kann man keine Gefühle erzwingen, in diesem Moment sprach ich diese Worte aus purer Verzweiflung.

„Gut ich versprech’s.“

Noch einmal hielt ich inne, sortierte meine Gedanken, und begann schließlich zu erzählen:

„Ich kann mich genau erinnern. Es war spät nachmittags. Ein heftiger Sturm zog auf, aus Nordost. Er kam sehr schnell und es begann zu schütten wie aus Eimern. Paul bat mich, die Schleusentore des Wasserreservoirs zu überprüfen.

Das Wasser floss im wahrsten Sinne des Wortes in Strömen den Berg hinab und ich sah etwas darin, eine Jacke oder so. Ich stieg aus meinem Wagen aus. Da hörte ich jemanden. Du warst es. Du hast geschrieen. Ich fand dich hinter einem Felsen.

‚Los, kommen Sie! Alles in Ordnung, ich hole Sie hier raus.’ So sprach ich dich an.

Du riefst nur: ‚Es tut mir leid, es tut mir so leid.’ Du standst völlig neben dir, und dann noch mal: ‚Sagen Sie ihr, es tut mir leid!’

Um dich zu beruhigen, versprach ich es dir, obwohl ich ja gar nicht wusste, worum es geht.

‚Kommen Sie, wir müssen hier weg.’ Ich versuchte dich, mit mir zu nehmen. Aber du weigertest dich.

‚Sie verstehen nicht, ich muss zurück, es noch mal versuchen.’ Du wolltest dich los reißen von mir, dich herabstürzen, war es doch zuvor nicht richtig geglückt.

‚Sie gehen jetzt überhaupt nirgendwo hin!’“

„Ich hab versucht mich umzubringen.“ Marc unterbrach meinen Bericht und begann hemmungslos zu weinen. All der Schmerz schien ihn in diesem Moment einzuholen. Ich legte meinen Arm um ihn und versuchte ihm dadurch ein wenig Trost und Halt zu geben.

„Das mit der Amnesie jagte mir einen Schreck ein. Erst dachte ich, ich wäre schuld daran“, schilderte ich meine Befürchtungen. „Ich musste dich doch irgendwie aufhalten, darum schlug ich dich mehr oder weniger nieder. Bist du mir böse?“ Bettelnde Blicke war ich meinem Liebsten zu.

„Nein. Du hast nur deine Pflicht getan.“

In dieser Nacht teilten wir uns dasselbe Bett, eng aneinander gekuschelt.

Marc

Drews Nähe gab mir Kraft, er schlief tief und fest. Ich jedoch war hellwach. Zu sehr wühlte mich das auf, was ich am Abend gehört hatte.

Immer wieder traten dieselben Bilder vor mein inneres Auge. „Sagen Sie ihr, es tut mir leid, sagen Sie ihr, es tut mir Leid… Ich kann nicht mitkommen, ich muss zurück, es noch einmal versuchen…“

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