Gone, but not forgotten – Teil 9

9. Blick nach vorn

Drew

Unsicher klopfte ich an die Tür. Nancy öffnete mir.

„Hey, Drew, komm herein.“ Ihre Stimme klang versöhnlich und herzlich.

„Du hattest recht“, presste ich zerknirscht hervor. „Das hier ist euer Haus und ich bin bloss euer Gast, und ich hätte mich nicht so aufführen dürfen. Es tut mir Leid.“

„Ich kann auch nicht stolz auf mich sein, Drew, aber Gott verzeiht.“

„Meinst du, er verzeiht mir auch?“ Zwar konnte ich mit dem Glauben nicht sonderlich viel anfangen, und doch sehnte ich mich danach.

„Es wird sicher alles gut“, versuchte sie mich aufzumuntern. Eine kräftige Umarmung besiegelte einen gemeinsamen Neuanfang.

„Magst du einen Kaffee?“

„Nein, Nancy, ich kann nicht bleiben. Ist Paul da?“

„Der arbeitet gerade im Garten. Du kannst ja zu ihm gehen.“

Etwas nervös lief ich ums Haus und ging auf ihn zu, er stand dort, mir den Rücken zugewandt.

„Hey“, machte ich einen zaghaften Anfang.

Er drehte sich zu mir um. Ich konnte nichts in seinem Gesicht lesen.

„Hey“, kam ebenso die Antwort.

„Wie geht’s der Hand?“, fragte er schließlich.

„Alles längst wieder bestens… Paul …, ich wollte sagen, dass es mir Leid tut.“

„Mir auch, wirklich“, fügte er an. „Ich wollte dich nie…“

„Na ja, oft habe ich es auch selbst provoziert“, unterbrach ich ihn und wollte ihm so ein wenig entgegen kommen.

„Stimmt, darin warst du immer ganz gut.“ Sein Lächeln, was er mir schenkte, kam von Herzen, das spürte ich.

„Hier, Paul“, reichte ich ihm meine Dienstplakette. „Ich kündige.“

„Das musst du aber nicht.“

„Paul, ich war noch nie glücklich in dem Job.“

„Was wirst du jetzt tun?“

„Ich hab da so ein paar Ideen, und etwas Geld gespart habe ich ja auch.“

„Wenn ich dir helfen kann…“, bot Paul sich an.

„Danke, wirklich, aber dieses Mal möchte ich es alleine schaffen.“

„Übrigens, ich bin sehr stolz auf dich, Drew.“

„Danke für alles, und dass du dich immer um mich gekümmert hast.“ Plötzlich bekam ich feuchte Augen.

Herzlich umarmten wir uns und standen so eine Weile beieinander.

„Drew, ich bin für dich da, wenn du mich brauchst.“

„Und ich werde versuchen, ein guter Onkel zu sein.“

Paul lächelte.

„Ok, ich muss los.“

„Kommst du Sonntag wieder zum essen, Drew?“

„Ja, gern.“

***

Zuerst bemerkte ich, dass ein Volvo Kombi bei mir vor dem Haus stand. Wehmütig musste ich sofort an Marc denken, der auch einen fuhr. Dann traute ich meinen Augen nicht. Er war es wirklich, Marc, er saß vor der Haustür auf dem Boden und ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als sich unsere Blicke trafen.

„Marc…“, flüsterte ich nur.

Elegant sprang er auf die Füße und schritt auf mich zu. Einen Moment lang schauten wir uns schweigend in die Augen. Mir versagte die Stimme und ich fand einfach keine passenden Worte.

„Drew“, begann Marc leidenschaftlich und eindringlich, „ich weiß, dass es ein Fehler war. Was mein Schwulsein anbelangt, bin… war… ich ein feiger Hund. Ich habe es immer versteckt, mich nicht getraut, zu mir und meinen Gefühlen zu stehen, zumindest nie in ausreichender Weise, weil ich nicht anecken wollte. Vor sieben Jahren habe ich geheiratet. Nun, ich habe Catherine schon geliebt… irgendwie…, aber viel mehr habe ich mich wohl durch das Geld der Familie Reeves blenden lassen und durch den Hochbezahlten Job, den ich in der Firma meiner Frau bekam.“

Sein Gesicht verfärbte sich rot und er senkte den Blick.

„Ja, ich muss zugeben, ich habe all diese Annehmlichkeiten gerne genommen und habe mich dafür verkauft. Catherine habe ich angelogen. Erst dachte ich, ich könne auch ganz gut ohne einen Mann auskommen, verdrängte allerlei Sehnsüchte, Bedürfnisse und Gefühle, doch unsere Beziehung wurde dadurch maskenhaft, unwahrhaftig und blieb innerlich leer, mehr und mehr. Sieben Jahre lang hat es nun angedauert. Es war ein einziges Lügengebäude, immer mehr drängte es mich nach der Umarmung und dem Körper eines Mannes, immer weniger konnte ich mich verleugnen und verstellen, es gelang mir nicht. Zwar hatte ich es so verdammt satt, aber doch konnte ich mich nicht befreien.

Schließlich habe ich mir heimlich geholt, was ich brauchte. Ich weiß, dass ich ein Schwein war, gefangen in einem goldenen Käfig. Viel zu tief hatte ich mich schon in diese Sache verstrickt und sah keine Chance mehr, dem zu entkommen. Mir fehlte der Mut, zu mir zu stehen, aufrichtig zu sein. Zu lange hatte ich die Spielchen getrieben und es wurde immer schlimmer. Catherine verbitterte langsam aber sicher an der unglücklichen Ehe, denn sie spürte, dass etwas nicht stimmte.

Einen Detektiv hat sie auf mich angesetzt, letztlich kann ich es ihr nicht einmal verübeln, obwohl mich die ganze Sache sehr verletzt hat. Eines Tages kam ich heim, der gepackte Koffer stand im Eingangsbereich unseres Hauses, und es lagen Fotos darauf, eindeutige Fotos. In diesem Moment brach alles über mir zusammen. Das hatte ich nicht gewollt, so nicht! Die Situation eskalierte, und Catherine jagte mich aus dem Haus, sie drehte total durch. Ich fuhr davon, völlig verzweifelt, wollte einfach nur noch einen Schlussstrich setzen, sowohl unter unsere Ehe als auch unter mein ganzes Leben. Den Rest kennst du. Und jetzt, ich konnte es nicht mehr, ich musste raus. Eigentlich bin ich ihr trotz allem, was sie mir jetzt noch angetan hat, dankbar.

Also…“

Doch statt weiter zusprechen, kam Marc auf mich zu, ganz nah waren sich unsere Gesichter, ich konnte in seinen Augen lesen, sie blickten traurig, und doch glänzten sie vor Leben und Sehnsucht. Ich umgriff zärtlich seinen Kopf, begann ihn zu liebkosen und küsste Marc leidenschaftlich.

Nach Ewigkeiten befreite er sich aus dem Kuss und grinste mich an.

„Drew, ich denke, ich bin obdachlos, meine Arbeit habe ich auch verloren, ob du mir Asyl gewährst?“

Herzlich umarmten wir uns.

„Natürlich, Marc, ich habe mich in dich verliebt, wie kannst du nur fragen, nichts würde mich glücklicher machen. Ich habe dich nur deswegen von mir gestoßen, weil es so entsetzlich weh tat…“

„Schhhhhhhh…, ich weiß das, alles wird gut.“ Noch einmal versiegelte er meine Lippen mit einem zärtlichen Kuss.

„Auch ich habe Neuigkeiten, Marc.“

Er zog die Augenbrauen hoch.

„Ich habe meinen Job bei der Bergwacht gekündigt.“

Ein Lächeln umspielte Marcs Mundwinkel.

„Stellst du mich ein, in deinem Gasthof, Drew? Ich hätte wirklich Lust, zusammen mit dir dieses Projekt in Angriff zu nehmen.“

„Kochen kannst du ja schon mal“, zwinkerte ich meinem Liebsten zu. „Komm, wir stehen hier immer noch draußen im Wald herum. Gehen wir rein und besprechen das alles in Ruhe bei einem guten Essen und einem Glas Wein, mmh? Und nachher machen wir es uns vor dem Kamin gemütlich“, wisperte ich lüstern.

„Könnte ich dir widerstehen?“ Marc schenkte mir sein bezauberndes Lächeln, nahm mich bei der Hand und gemeinsam schritten wir ins Haus.

ENDE

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