Boston, here I come – Teil 3 Boston

Ich war froh, dass die Maschine, eine Embraer 190, nur zu etwas mehr als der Hälfte belegt war. So konnte ich mich auf Kosten von US Airways breitmachen. Die Stunde in der Luft nutzte ich, um mich mit der Sondertour, die ich zu leiten hatte, Vertrauter zu machen. Das Angebot, das Greg den Zeitungsleuten offeriert hatte, gab es so in unserem Prospekt nicht. Die normale Rundreise durch den Indian Summer dauert acht bzw. neun Tage und beginnt und endet in Boston, der Aufenthalt der Redakteure dauerte aber drei Tage länger und endete in New York.

Der Blick auf die Teilnehmerliste brachte nicht viel, denn bis auf das Ehepaar Laufenberg kannte ich niemanden persönlich; Rundreisende sind in der Regel Wiederholungstäter. Aber das Bevorstehende war ja eine Schnuppertour, die 42 Teilnehmer kamen aus ganz Deutschland. Auch altersmäßig bildete das Jubelpaar den Ausreißer nach oben, ansonsten war der Rest von Anfang 40 bis Mitte 60, somit im normalen Spektrum. Aber Halt! Ein Teilnehmer war 14 und ein anderer 20. Den Nachnamen nach zu urteilen waren Jost, der Ältere, und Sven, der Jüngere, Kinder eines Paares aus Norderstedt. Familie Jacobsen machte also Familienurlaub. Dass die Buchung so angenommen worden war, wunderte mich etwas, die Rundreise sollte ja eine Werbeveranstaltung sein und deren Erfolg hängt ja von der Anzahl der Multiplikatoren ab, die an ihr teilnehmen. Aber mir sollte es egal sein, ich war ja nicht für die Planung zuständig.

Ich blickte aus dem Fenster. Wir waren zwar immer noch über den Wolken aber, wie mein Magen mir sagte, schon wieder auf dem Sinkflug. Flugtechnisch gesehen waren die knapp 300 Kilometer Luftlinie eher ein Hüpfer als ein Flug, aber gegenüber einer Zugfahrt sparte man sich mindestens drei Stunden und 20 US Dollar. Eine Autofahrt wäre zwar billiger, aber aufgrund des Tempolimits genauso zeitintensiv wie die Eisenbahn.

 

Zehn Minuten, nachdem ich das Flugzeug verlassen hatte, hatte ich auch schon meinen Koffer wieder in der Hand. Manchmal geht das Ausladen des Gepäcks schneller als man denkt. Ich suchte den Ausgang und, nachdem ich die automatische Glastür passiert hatte, kam ein kleiner Irrwicht auf mich zu gestürmt. „Onkel Gordon! Onkel Gordon!“

 

Ich blickte auf die Lärmquelle, es war mein Neffe Philipp, der jüngste Spross der Familie Lensing. Er sprang mir regelrecht in die Arme. „Hallo Kleiner!“

 

„Bin nicht klein!“ Er schmollte, gab mir aber dennoch einen Kuss auf die Wange.

 

Ich blickte mich um, suchte meinen Bruder oder meine Schwägerin, allein konnte mein Patenkind ja schlecht hergekommen sein. Allerdings konnte ich zu meiner Verwunderung kein bekanntes Gesicht entdecken. Jedoch kam eine junge Frau, ungefähr so alt wie ich, mit langen braunen Haaren auf mich zu und lachte mich an. „You must be Gordon.“

 

Ich nickte und streckte ich dir meine linke Hand entgegen, auf meinem rechten Arm saß der kleine Philipp. „That’s me.“

 

„Hi, I‘m Melissa.“ Sie lächelte mich verlegen an.

 

Wenn ihr erlaubt, werde ich, der Einfachheit halber, das Gespräch in Deutsch wiedergeben. Wie sie mir beim Gang zum Auto erklärte, wäre Luke bei Greg, der am Vormittag operiert worden war, im Krankenhaus und Virginia daheim bei David und Claire, den zwei anderen Kindern der Beiden. Nach drei vergeblichen Versuchen, Philipp in den Kindersitz auf der Rückbank zu verfrachten – erst als sie ihm einen Comic reichte, hielt er still und ließ sich anschnallen – fädelte sie sich in den Verkehr Richtung Innenstadt ein. „Und du spielst also Familien-Taxi?“

 

Sie nickte. „Ja, das ist ja das Einzige, was ich tun kann. Ich bin ja nicht ganz unschuldig an der ganzen Situation. Was lachst du?“

 

„Ich hätte nie gedacht, dass ich mein Bruder sich für eine Frau prügelt …“ Ich grinste. „… er geht normalerweise Schwierigkeiten aus dem Weg.“

 

„Er hat sich nicht geschlagen …“ Sie wirkte verlegen. „Todd hat ihn mehr oder minder überrascht, Greg ging einfach zu Boden.“

 

Ich war erstaunt, hatte man mir doch etwas anders erzählt. „Todd?“

 

Auf der Fahrt zum Sheraton, in dem am nächsten Tag auch die Gäste untergebracht werden würden, klärte sie die Geschichte, die zur Verletzung meines Bruders geführt hatte, auf. Die beiden waren erst beim Italiener und wollten dann den Abend in einen irischen Pub ausklingen lassen. Den Iren hätte sie vorgeschlagen, denn die Bar würde sich in der Nähe ihrer Wohnung befinden und sie hatte ihrem Freund versprochen, weit vor Mitternacht zuhause zu sein.

Besagter Freund, Todd mit Namen, hätte es zwar nicht gern gesehen, das sie mit einem Fremden Essen gehen würde, aber, da er selbst mit Freunden zum Bowling verabredet war, ließ er sie, trotz seiner Eifersucht, mit meinem Bruder von dannen ziehen. Melissa und Greg schienen sich jedoch sehr gut zu verstehen, denn aus dem einen geplanten Drink wurden drei oder vier Getränke, man unterhielt angeregt. Weit nach Mitternacht wäre dann Todd erbost in die Bar gestürmt und hätte sie, Melissa, als Schlampe tituliert, die weiteren Schimpfwörter, mit der er sie belegte, gebe ich mal nicht wieder. Greg, der in diesem Moment mit einer neuen Runde von der Bar auftauchte, fragte, was los sei. Ehe sie die Lage aufklären konnte, hätte Todd ihn am Kragen gepackt und mit einem einzigen Schlag zu Boden gestreckt.

 

Ein Grinsen lag auf meinen Lippen. „Knock-out in der ersten Runde.“

 

„Na ja, der Ringrichter hatte noch nicht zur Runde geläutet.“ Sinn für Ironie hatte sie, was sie in meinen Augen noch sympathischer machte.

 

Als wir am Hotel ankamen, bot sie an, zu warten, wenn ich gleich noch ins Krankenhaus wollte. Ich mag zwar Hospitäler nicht besonders, allein der Geruch, der einem dort entgegenschlägt, macht mich krank. Aber wenigstens einen Anstandsbesuch bei Brüderchen wollte ich machen, ab morgen würde es allein zeitlich nicht mehr funktionieren. Dankbar nahm ich ihren Vorschlag an und checkte, mit klein Philipp auf dem Arm, ein.

Die Dame an der Rezeption schaute etwas irritiert, es war ja nur ein Einzelzimmer für mich reserviert, aber sie grinste, als ich ihr meinen Neffen, der unbedingt mir gehen wollte, vorstellte. Mit einem Lolli in der Hand begleitete mich der Knirps auf mein Zimmer in der vierzehnten Etage. An Auspacken und Einräumen war im Moment nicht zu denken, die Zeit drängte. So steckte ich die Genesungskarten, die Mama und Oma mit zugesteckt hatten, und Paps Brief an Luke aus meinem Aktenkoffer in die Innentasche meines Mantels.

Keine fünf Minuten später saßen wir auch schon wieder bei der Braunhaarigen im Wagen. Sie fädelte sich in den Verkehr ein und fuhr wieder in Richtung Flughafen. Greg lag im Tufts Medical Center, einer Universitätsklinik, er war also in den besten Händen.

 

Ich blickte sie an. „Und? Wie geht es jetzt weiter?“

 

Sie schaute mich irritiert an. „Wie? Ich bringe dich jetzt erst zum Krankenhaus und danach Philipp wieder zurück zu seiner Mutter, … ist ja gleich in der Nähe.“

 

Ich schüttelte mit dem Kopf. „Das meinte ich nicht, … wie soll es weitergehen … mit dir und …“

 

„… mit deinem Bruder? Ich weiß es nicht, wirklich nicht! Ich mag ihn, …“ Man sah, dass sie nach den passenden Worten suchte. „… sehr sogar, aber … außer das Todd für mich gestorben ist, … erwarte bitte keine endgültige Entscheidung von mir. Ich kann es einfach nicht … noch nicht!“

 

Ich blickte sie liebevoll an. „Melissa, ich erwarte überhaupt nichts. Ich will nur nicht, dass du eine übereilte Entscheidung triffst.“

 

Ihre Augenbrauen gingen nach oben. „Wie meinst du das?“

 

„Wie soll ich mich ausdrücken?“ Ich blickte sie fast verzweifelt an. „Wenn du Ja zu diesem Idioten, der da mein Bruder ist, sagst, dann soll es von dir aus kommen, aus deinem Herzen, … und nicht, weil dein Ex ihn niedergeschlagen hat, das … wäre die falsche Grundlage für eine Beziehung.“

 

Sie schwieg, hatte ich was Falsches gesagt? „Gordon, du bist ja in natura noch scharfsinniger, als dein Bruder dich beschrieben hat.“

 

Ich war erstaunt; mein Bruder hatte mich lobend erwähnt? „Wie?“

 

Sie lachte. „Greg meinte, du wärst der bessere Beobachter von euch und deine Schlussfolgerungen, auch wenn man sie manchmal nur schwer nachvollziehen könnte, würden meistens ins Schwarze treffen.“

 

Ich war gerührt. „Das hat er wirklich gesagt?“

 

„Hat er!“ Als wir vor einer Ampel standen, blickte sie mich direkt an. „Eigentlich schade, dass du …“

 

„Dass ich was?“ Ihr Profil hatte etwas aristokratisch es. „Nicht auf weibliche Reize reagiere?“

 

Sie atmete tief durch. „Ja! Ich hätte da nämlich noch eine jüngere Schwester im Angebot …“

 

„Falsche Baustelle!“ Ich grinste sie an. „Deinen Bruder würde ich nehmen …“

 

Sie schüttelte lachend den Kopf. „Da kann ich leider nicht mit dienen. Mein Vater hat nur Mädchen in die Welt gesetzt. Ich kann ihn ja mal fragen, ob er noch einmal … aber das würde dann maximal ein Halbbruder werden, Mama kann keine Kinder mehr kriegen.“

 

Ich konnte nur hoffen, dass sie sich für Greg entscheiden würde. Ich mochte sie, soviel stand fest: Allein ihr Gespür für Ironie war phänomenal. „Lass mal besser! Wenn der erst noch gezeugt werden muss … was soll ich dann in den nächsten 18 Jahren machen? Auf Handbetrieb umstellen?“

 

Sie bekam einen Lachanfall. „Du hast doch zwei gesunde Hände, oder etwa nicht?“

 

„Habe ich! Aber Mel, tue mir bitte einen Gefallen, …“ Ich schaute zu ihr hinüber. „… halte bitte an der nächsten Lotto-Annahmestelle.“

 

Das Erstaunen war in ihre Augen geschrieben. „Wieso?“

 

„Die Wahrscheinlichkeit, dass ich den Jackpot gewinne, ist erheblich größer als die, dass dein …“ Ich musste mich selbst zwingen, ernst zu bleiben. „… noch ungeborener Halbbruder verzaubert sein wird und er dann noch auf Ältere … wenn er dann dürfte, wäre ich weit über 40!“

 

„Ich kann ja Harry Potter bitten, einen entsprechenden Zaubertrank zu brauen.“ Sie rang auch mit ihrer Fassung. „Dann dürfte das kein Problem werden, oder?“

 

„Henry kann das nicht, das kann nur Hermine!“ Ach du Heiliger! Philipp saß ja in seinem Kindersitz.

 

„Phil, mein Süßer, wenn der beste Schüler von Hogwarts etwas erreichen will, dann schafft er das auch, oder meinst du nicht?“ Sie konnte unheimlich gut mit Kindern, denn mein Patenkind brabbelte so etwas wie ja, wandte sich dann aber wieder seinem Comic, den er in der Hand hatte, zu. Sie blickte mich an. „Und? Was machst du nach dem Krankenbesuch?“

 

„Ich weiß noch nicht.“ Pläne hatte ich eigentlich nicht, aber ich hatte meinen Bruder, diesmal war Luke gemeint, Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Ich würde mich wohl nach ihm richten. „Aber ich bräuchte gleich noch mal ein Taxi.“

 

Sie zwinkerte mir zu. „Habe schon verstanden! Ich bring den Kleinen dann jetzt nach Hause und werde bei meiner Cousine auf deinen Anruf warten, wann ich dich abholen soll. Einverstanden?“

 

Ich konnte nur nicken. „Genauso machen wir es.“ Ich reichte ihr die Hand. „Erst einmal: Danke … und … dann bis später.“ Ich stieg aus dem Wagen aus und knuddelte Philipp zum Abschied noch einmal.

 

Der Kleine ließ nur unwillig seinen Comic sinken, drückte mir aber schlussendlich doch noch einen Schmatzer auf die Backe. „Bis später, Onkel Gordon.“

 

Zu Gregs Krankenzimmer musste ich mich erst durchfragen, ich hatte vergessen, Melissa danach zu fragen. Vor seiner Tür saß Luke, der schweigend auf mich zukam und mich umarmte. „Kleiner Bruder! Schön, dass du hier bist.“

 

Ich klopfte ihm auf die Schulter. „Ich könnte mir bessere Umstände vorstellen, großer Bruder. Aber … was machst du eigentlich hier draußen?“

 

„Der Arzt ist gerade bei ihm.“ Er wirkte verstört.

 

Ich blickte ihn an. „Aha, dann warten wird“

 

Drei Minuten später kamen ein grauhaariger Arzt und ein Krankenpfleger in meinem Alter aus dem Zimmer. Der Kittelträger wandte sich sofort meinem Bruder zu, zog ihn ein Stück des Ganges mit sich. Ich blickte auf den Mann in dem weißen Anzug. Sein Namensschild wies ihn als John Bleach aus. Ich musste schmunzeln, ein Schwarzer der Bleiche hieß. Seine dunklen Augen musterten mich ebenso intensiv. „Hi! Are you a relative?“

 

Ich nickte. „I’m his younger brother.“

 

Mein Gegenüber grinste, eine Reihe schneeweißer Zähne blitzte auf, und öffnete mir die Tür. „If you want …“

 

Als wir auf gleicher Höhe standen, sah ich einen Pin an seinem Revers: eine Regenbogenflagge. Ich grinste ihn an und verharrte für einen Augenblick, suchte den Augenkontakt. „Thanks.“

 

Das Bild, das sich mir bot, war alles andere als schön. Mein Bruder lag, an Schläuchen angeschlossen, regungslos im Bett. Ich ging auf ihn zu und musste schlucken. Seine untere Gesichtshälfte war grün und blau, an einigen Stellen überklebt. Mir zitterten die Knie bei seinem Anblick. Es wäre üblich, so kurz nach einer Operation; John war mir gefolgt. „So you don’t have to worry …“

Der Krankenpfleger erklärte mir die Funktionen der einzelnen Gerätschaften: Über einen Schlauch in der Nase würde er ernährt werden, man verzichtete somit auf eine Magensonde. Die meisten der anderen Kabel würden nur der Überwachung der Vitalfunktionen dienen und unter den Pflastern würden sich die Narben der OP verbergen. Man hätte die Bruchstelle mit Hilfe von Schrauben oder Ähnlichem fixiert. Es würde zwar ein paar Wochen dauern, bis er wieder feste Nahrung zu sich nehmen könnte, aber auch das würde vorübergehen. Die Träne, die mir über die Wange lief, strich er einfach weg. „Speak to him … act as normal …”

 

„Thanks!” Er lächelte mich an und verließ den Raum.

 

Ich ging auf meinen Bruder zu, griff seine Hand, umschloss sie. „Alter! Was hast du da denn schon wieder gemacht?“ Ein leises Röcheln war zu vernehmen. „Kannst du mir bitte schön einmal verraten, was ich dir getan habe? Erst bumst du mit deiner Beinahe-Cousine … ich muss deinen Job in der Firma übernehmen … und jetzt?“ Ich blickte ihn an. „Jetzt lässt du dir den Kiefer brechen! Ohne Gegenwehr! Und wage es ja nicht, mir jetzt zu widersprechen, …“ Dass er es nicht konnte, wusste ich ja, ich wollte einfach die Situation ausnutzen. „Ach, übrigens … deine Melissa gefällt mir! Versteh mich bitte nicht falsch, Geschmack, hast du ja, … aber dein Timing war schon immer katastrophal!“

 

Ich spürte eine Hand auf meiner Schulter. „Gordon? Was machst du da?“

 

Ich schaute auf, erblickte das Gesicht meines Bruders. „Luke, was soll ich schon machen? Ich meckere meinem Bruder aus, der das mehr als verdient hat!“

 

„Meinst du, dass das hilft?“ Er blickte mich verwundert an.

 

Ich zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht, aber auf jeden Fall, werde ich mich danach besser fühlen! Der Krankenpfleger meinte, wir sollten normal mit ihm umgehen, … und das mache ich gerade! Ich bin nämlich sauer auf ihn!“

 

„Wieso das denn?“ Hatte ich seine Neugier geweckt?

 

„Kannst du das nicht vorstellen?“ Ich blickte ihn fragend an.

 

Er schüttelte mit dem Kopf. „Ehrlich gesagt, kleiner Bruder, nein! Paps erzählte mir nur, dass Greg jetzt den nächsten Schritt seiner Ausbildung machen sollte. Deshalb wäre er nach Boston …“

 

Ich musste schlucken. „Luke, da hat unser alter Herr dir nur die halbe Geschichte erzählt … unser lieber Bruder hier …“ Ich deutete mit der freien Hand auf den im Bett liegenden Menschen. „… wurde durch das Küchenkabinett hierher verbannt.“

 

„Äh? Was haben Oma und Mama mit der Sache zu tun?“ Wusste er wirklich nichts?

 

Ich erzählte ihm die ganze Geschichte, angefangen mit Gregs erotischem Abenteuer mit Patsy, die wohl bald zur Familie gehören würde, und die entsprechende Reaktion unserer Damenriege, sprich die Verbannung. Ich ließ nichts aus, auch nicht die Reise nach Milwaukee, um Onkel Ethan mittels Kapitalerhöhung aus der Firma zu drängen. „Tja, und jetzt muss ich ihn wieder den Arsch retten!“

 

Er schwieg erst. „Sorry Gordon, aber das wusste ich nicht. Du hast allen Grund, sauer auf diesen Filou zu sein. Ich werde wohl mal ein ernstes Wort mit Dad reden müssen.“

 

Mir fiel der Brief ein, den ich für ihn in der Tasche hatte. „Hier! Er hat dir geschrieben.“ Die zwei Genesungskarten stellte ich auf die Konsole, die neben seinem Bett stand. „Mit den besten Grüßen von Mama und Oma. Aber die werden die in den nächsten Tagen noch persönlich heimsuchen …“

 

„Wie? Mama kommt?“ Luke schaute mich fragend an.

 

Ich nickte. „Ja, mit Oma. Wenn ich das Ganze richtig verstanden habe, wollen sie Mittwoch hier auftauchen und den armen Kranken besuchen. Ich bin ja nur wegen der Sondertour hier, die ich für ihn morgen übernehmen muss.“

 

„Na dann schimpf mal weiter.“ Er wandte sich dem Brief zu. „Er hat es verdient.“

 

Meine erste Wut war verraucht, meckern wollte ich nicht mehr. Ich setzte mich wieder zu Greg ans Bett und wusste nicht, was ich sagen sollte. Da hatte ich jetzt die Gelegenheit, ihm die Meinung zu geigen, aber was machte ich? Ich saß nur stumm da. Ein Disput macht einfach keinen Spaß, denn der zweite Teilnehmer an der Diskussion in einer Art Dämmerschlaf liegt und keinerlei Reaktion zeigt. Ich schüttelte den Kopf. „Greg! Du und deine Frauengeschichten. Du solltest wirklich vorsichtiger sein!“

 

„Das sollte er wirklich!“ Luke lachte hinter mir auf. „Ich weiß jetzt, warum unser Casanova wirklich hier ist: Er sollte sich, bevor er seine Damen flachlegt, auch über deren Hintergrund informieren!“

 

„Wieso das denn?“ Seine Logik konnte ich nicht ganz nachvollziehen. „Hast du, als du deine Virginia kennen gelernt hast, erst die ganze Familiengeschichte durchgehechelt?“

 

Er schaute mich erstaunt an. „Äh, … eher weniger!“

 

„Siehst du! Und wenn du mit einer Frau anbändelst, die noch liiert ist, …“ Ich griente ihn an. „… dann könnte es eventuell sein, dass der Konkurrent nicht ganz kampflos das Feld räumt, auch wenn du Gregory William Lensing heißt.“

 

Luke konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. „Stimmt wohl! Und dass dieser Todd plötzlich die Fäuste sprechen lässt, das konnte ja niemand wissen.“

 

„Wieso die Fäuste? Er hat nur einen Schlag gelandet …“ Ich zog die Augenbrauen hoch. „… hat jedenfalls Melissa gesagt und die war ja am Ort des Geschehens.“

 

„Dann bin ich mal gespannt, wie Greg uns die ganze Sache verkaufen wird, wenn …“ Er zeigte auf den Kranken, „… wenn er wieder sprechen kann.“

 

„Nimm am besten die Videokamera mit, wenn es soweit ist.“ Ich zwinkerte dem jüngeren der Zwillinge zu. „Gregs erste Worte.“

 

Luke verschluckte sich fast. „Gordon! Wir sollten uns etwas zügeln! Wir lachen hier und Greg kriegt nichts mit. Aber … auch wenn er wach wäre, er hätte Probleme, die Zähne auseinander zu kriegen.“

 

„Luke!“ Ich konnte nur noch mit dem Kopf schütteln. „Aber apropos Zähne: Ich könnte jetzt was dazwischen vertragen, denn außer dem frühen Mittagessen bei Mum hatte ich heute noch nicht viel. Bist du mit dem Wagen hier?“

 

„Hast du mal wieder nicht ans Einkaufen gedacht?“ Hatte meine Nachlässigkeit auf diesem Gebiet sich schon bis Boston rumgesprochen? „Nein, wir müssen uns gleich ein Taxi nehmen.“

 

„Ich ruf dann gleich mal Melissa an.“ Ich erhob mich. „Sie spielt meinen Chauffeur, hat sie jedenfalls angeboten.“

 

„Dann mach das.“ Er schaute mir nach, als ich das Zimmer verließ.

 

 

Am Schwesternzimmer, in dem nur der Krankenpfleger John saß, stoppte ich kurz und erkundigte mich, wo ich denn hier telefonieren könnte, ich wolle meine Fahrgelegenheit ordern. Mein Mobilteil hatte ich brav, wie ich nun einmal bin, im Flugzeug ausgeschaltet und dann in meinem Aktenkoffer verstaut. Der stand jetzt im Hotelzimmer.

Der Pfleger lachte mich an und drehte seinen Apparat zu mir. Wenn es nur ein Ortsgespräch wäre, bräuchte ich nur die Null vorwählen. Ich dankte ihm und wählte Lukes Nummer. Da Virginia abnahm, war unsere Fahrgelegenheit schnell bestellt.

 

„Called your wife?“ Neugierig war der Schwarze ja überhaupt nicht.

 

Ich schüttelte mich. „The last time a female shared my bed was in the age of 11, my granny spoon-fed me with ice cream after my tonsillectomy.” Nach der Entfernung der Mandeln tut Eis ja gut und Oma fütterte mich regelrecht damit „I do not belong to the straight part of the family.”

 

John lachte, er hätte sich schon so etwas in der Richtung gedacht, ich hätte ihn zu intensiv gemustert, um als Hetero durchzugehen. Man hatte mich augenscheinlich erkannt. Ich reichte ihm meine Karte und bat ihn, mich auf meinem Mobilknochen anzurufen, wenn sich an Gregs Zustand ändern würde. Er nickte und ich machte mich wieder auf ins Krankenzimmer zu meinen Brüdern.

 

„Das hat aber lange gedauert!“ Luke war auch schon mal freundlicher.

 

„Sorry, ich habe noch kurz mit dem Krankenpfleger gesprochen.“ Unschuldig blickte ich zu Boden.

 

Er zog die Augenbrauen hoch. „Ich hab doch Augen im Kopf, kleiner Bruder: Wohl eher geflirtet!“

 

„Was du schon wieder hast?“ Konnte ich schnippisch sein? Ja!

 

Luke zog sich die Jacke über. „Dann lass uns mal aufbrechen.“

 

„Alles klar!“ Ich nahm Gregs Bein, das unter der Bettdecke hervorlugte, und deckte es wieder zu. „Brüderchen, … dann halt mal die Ohren steif und werde mir schnell wieder gesund. Einen Job von dir kann ich ja übernehmen, aber nicht zwei.“ Ich griff mir meinen Mantel, der über einem der Stühle hin. „Und grüß mir Mama und Oma, wenn sie dich besuchen.“ Ein Röcheln war zu vernehmen. Sollte er etwa alles mit angehört haben? „Ich werde deine Melissa von dir grüßen, die spielt für uns nämlich Taxi. Ach ja, sie hat sich von ihrem Todd getrennt, du hast von dieser Seite also freie Bahn. Aber du solltest an deiner Deckung arbeiten, nur für den Fall, dass er noch einmal …“ Ich klopfte ihm noch einmal aufs Bein und verließ nach Luke das Krankenzimmer.

 

 

Die Zeit, bis Melissa eintraf, reichte gerade einmal für ein Lungenbrötchen. Ich habe zwar nichts gegen Kinder, am liebsten habe ich sie gut durchgebraten, aber ohne Nikotinnachschub würde ich die nächsten Stunden nicht überleben können. Als wir gegen kurz vor sechs das rote Backsteinhaus an der Gloucester Ecke Marlborogh Street betraten, liefen die beiden Jüngsten, sprich Claire und Philipp, zwar schon im Schlafanzug im Haus herum, aber reges Treiben herrschte trotzdem. Die Begrüßung von Virginia verlief kurz, aber herzlich, sie war dabei, für die Kleinen das Abendessen zuzubereiten.

 

Luke, in der Küchentür stehend, fragte, ob ich was trinken wollte. Ich nickte zwar, ging aber auf ihn zu und zupfte ihn am Ärmel, bedeutete ihm, mir zu folgen. Als wir im Flur standen, blickte er mich fragend an. „Was ist los?“

 

„Nicht viel. Hat Greg seinen Laptop hier oder ist der in der Firma?“ Ich blickte ihn an.

 

Er zuckte mit den Schultern. „Kann ich dir nicht sagen. Wenn er hier ist, müsste er im Gästezimmer sein. Warum willst du das wissen?“

 

„Ich brauche seine Notizen zu dieser Sondertour.“ Ich atmete tief ein.

 

Er blickte mich verwundert an. „Äh, die Ausarbeitungen hat er doch von dir, er hat sie nur etwas umgestellt, … sind ja insgesamt drei Touren.“

 

„Das meine ich auch nicht. Was ich erzählen soll, weiß ich schon, und nötigenfalls improvisiere ich.“ Ich grinste ihn an. „Aber da unser Casanova die Reise eigenständig geplant hat, hoffe ich, auf seinem Rechner Notizen zu den Teilnehmern zu finden. Wie soll ich auf die Redakteure eingehen, wenn ich nicht weiß, mit wem ich es da zu tun habe. Ich habe da zum Beispiel ein Ehepaar aus Norderstedt auf der Teilnehmerliste, aber für welche Zeitung arbeitet der Typ? Den Norderstedter Landboten, das Hamburger Abendblatt oder den Spiegel? Oder ist seine Frau von der schreibenden Zunft und er Klempner? Die Angaben habe ich leider nicht auf der aktuellen Teilnehmerliste.“

 

Mein großer Bruder zuckte mit den Schultern. „Der Einwand ist berechtigt. Lass uns mal nachsehen.“ Er stieg die Treppe hoch. Im ersten Stock verharrte er jedoch zögernd vor der Tür seines eigenen Gästezimmers. „Ich … ich weiß nicht, ob wir das machen sollen? Ist immerhin sein Zimmer.“

 

Ich stöhnte auf. „Das mag zwar sein, aber erstens, lieber Bruder, ist es dein Haus. Wenn hinter dieser Tür also Drogen sein sollten, würdest du verhaftet werden, denn dein Gästezimmer ist keine eigenständige Wohnung, die von der Verfassung geschützt wird. Zweitens ist es eine Tour der Firma, für die wir alle arbeiten; drittens …“ Ich blickte ihn scharf an. „… liegt Greg im Krankenhaus. Wir können ihn also nicht in einer … kompromittierenden Lage antreffen. Und viertens: Falls Spuren von sexuellen Interaktivitäteten zu finden sein sollten, ist es besser, wir finden das Kondom als Mum oder Oma. Die beiden wirst du sicherlich nicht an der Tür aufhalten können.“

 

„Dann …“ Er blickte mich erschrocken an. „… lass uns mal.“ Er öffnete die Tür und ging voran. „Weißt du, an wen du mich gerade erinnert hast?“

 

Ich schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung!“ Was wollte er von mir?

 

„An Oma, die Mutter von Dad. So, wie du gerade mit den Augen angefunkelt hast, ich kam mir vor …“ Wieso wirkte er plötzlich verlegen? „Es war bei ihrem 60. Geburtstag, wir machten Ferien in Deutschland. Greg war noch ein Baby und Mum schwanger mit dir. Chris und ich … wir waren zwölf … Opa Erwin hatte uns beigebracht, wie man Trecker fährt, es machte unheimlich viel Spaß. Wir haben uns dann auf der Obstwiese gegenüber vom Gutshof ein Rennen geliefert.“

 

Meine Großeltern hatten sich Anfang der 90er-Jahre aufs Altenteil zurückgezogen und den großen Bauernhof im Münsterland Onkel Helmut, Papas jüngerem Bruder, übergeben, der ihn heute als Bio-Hof weiterführt. „Und?“

 

„Na, Oma kam, wie von der Tarantel gestochen, aus der Küche gerannt. Sie putzte erst Mama runter, wie sie so ruhig dabeistehen könnte, es könnte doch was passieren. Dann kriegten wir unser Fett weg. Aber am schlimmsten traf es Paps und Opa, die wurden abgekanzelt wie Schuljungen, die man beim Abschreiben erwischt hatte.“ Er wirkte immer noch verschreckt. „Ich kann mich nur noch an das Funkeln ihrer Augen erinnern, sie brauchte hinterher einen nur noch scharf anblicken, … so wie du gerade, … und man war plötzlich wieder lammfromm.“

 

„Dann sei jetzt mal brav und hilf mir beim Suchen!“ Ich grinste ihn an.

 

Lange mussten wir jedoch nicht nach der Technik fahnden, im Koffer neben dem Schreibtisch wurden wir fündig. Luke stellte das Teil auf den Tisch, klappte den Laptop auf und schaltete ihn an. Als der Anmeldebildschirm zu sehen war, kratzte er sich am Kinn. „Mist, wir brauchen ein Passwort.“

 

„Kein Problem.“ Ich setzte mich an den Rechner und tippte 24Crescent3b ein, und, welch Wunder der Technik, der Startvorgang setzte sich fort.

 

Der dunkelblonde Niederlassungsleiter schaute mich fragend an. „Woher kennst du sein Passwort?“

 

„Ich habe geraten. … na ja, nicht so ganz. Er hat mir, bevor er zu dir nach Boston geflogen ist, den Zugang zu seinem Firmenaccount gegeben. Und da die meisten Menschen ein und dasselbe Passwort für alle möglichen Sachen verwenden, …“ Ich lachte ihn an. „… war es eigentlich einfach.“

 

Er nickte. „Aber wenn du auf seine Daten bei der Firma zugreifen kannst, müsstest du doch … auch die Unterlagen für die Tour haben.“

 

Ich schüttelte den Kopf. „Leider nein! Ich hab mir nur sein Adressbuch kopiert und die Unterlagen für die laufenden Projekte gesichert. Diese Journalisten-Rundreise blieb ja sein Baby.“ Nachdem ich alles hatte, was ich brauchte, schrieb ich ihm eine Mail und er hatte sein Firmen-Passwort geändert, am Freitag wurde mir jedenfalls der Zugang zu seinem Konto verweigert.

Ich suchte nach den entsprechenden Dokumenten und entdeckte sie auch ziemlich schnell, seine Ordnerstruktur auf dem Rechner war die gleiche wie die in der Firma. Den gesamten Ordner Boston übertrug ich auf den Memorystick, den ich am Schlüsselbund hatte. Es wundert mich immer wieder, wie viel Daten auf so ein kleines Teil gehen. Auf meinem ersten Rechner musste man noch mühsam mit Disketten hantieren, wenn man Daten transferieren wollte.

Ich fuhr den Laptop runter und klappte den Deckel wieder zu. „So, ich habe, was ich brauche.“

 

Luke lächelte. „Dann lass uns mal wieder zu den Damen.“

 

In der Küche fand gerade eine Raubtierfütterung statt, drei kleine Lensings bedienten sich an Milch, Vollkorn-Sandwiches und gestifteten Karotten. Virginia fragte mich zwar, ob ich etwas mitessen wollte, aber ich lehnte dankend ab, das Essen war mir einfach zu gesund. Stattdessen zog ich mich mit Luke ins Wohnzimmer zurück. Bei einem Glas Scotch besprachen wir die Einzelheiten, die noch für die Tour notwendig waren.

„Wenn morgen früh noch was sein sollte, faxe ich dir die Sachen ins Hotel. Aber ich glaube, es reicht, wenn ich dir Jenny um halb drei mit dem Bus vorbei schicke.“ Er schenkte noch einmal nach.

 

„Geplante Landung ist um 15:05 Uhr, und ehe die Leute raus sind, … laut Liste haben wir ja nur eine Ankunft. Äh, … Jenny? Habe ich eine Busfahrerin?“ Nichts gegen Frauen am Steuer, aber was wäre, wenn ein Reifen zu wechseln wäre?

 

„Yepp, du kriegst meinen besten Kutscher. Aber keine Sorgen, Brüderchen, Jenny ist Landesmeisterin im Powerlifting, sie stemmt über 500 Pfund.“ War er Gedankenleser?

 

„Dein Wort in Gottes Gehörgang.“ Das konnte ja entweder nur eine ausgeflippte Emanze oder eine durchtrainierte Kampflesbe sein, ich würde mich überraschen lassen müssen.

 

„Und was machst du heute Abend noch?“ Luke blickte mich neugierig an.

 

„Gleich noch etwas essen, Auspacken, mir Gregs Dateien ansehen, eventuell noch ein schnelles Bier und dann ab ins Bett.“ Ich gähnte. „Die Nacht war mindestens drei Stunden zu kurz für mich.“

 

„Was du gestern auf der Piste?“ Ein süffisantes Lächeln umspielte seine Lippen.

 

Ich schüttelte mit dem Kopf. „Künstlerischer Abend in der Frick Collection, die Bilder waren toll, aber das Essen? Reden wir nicht darüber. War hinterher noch beim Italiener.“

 

Er grinste unverhohlen. „Wohl nicht alleine!“

 

Was sollte diese Fragestunde? „Nein, zwei oder drei Kellner waren auch noch dar, den Koch habe ich aber nicht gesehen. Im Bett lag ich aber hinterher alleine, wenn du das wissen möchtest.“

 

„Schon gut! Geht mich auch nichts an.“ Er erhob sich und bedeutete mir, ihm zu folgen.

 

In der Küche musste ich feststellen, dass Melissa sich ausgiebig an Rohkost und Vollwertprodukten gelabt hatte, ich würde also alleine essen müssen. Meine Einladung zum Essen schlug sie aus. Aber sie war so nett, sich erneut als Chauffeuse anzubieten, was ich auch dankend annahm. Die Verabschiedung von der Rasselbande dauerte seine Zeit, Virginia hatte Schwierigkeiten, den kleinen Philipp im Haus zu halten. Erst als ich versprach, mit ihm zu Thanksgiving Riesenrad zu fahren, gab er Ruhe. Welchen Narren hatte der kleine Mann nur an mir gefressen? Winkend nahm die ganze Familie von uns Abschied.

Ich wollte mich wenigstens mit einem Drink bei ihr bedanken, aber selbst den lehnte die Lehrerin ab. Was sollte ich machen? Man kann Leute nicht zu ihrem Glück zwingen. Auf der anderen Seite konnte ich sie auch verstehen. Wie sie mir auf der Rückfahrt anvertraut hatte, war sie seit fast 36 Stunden auf den Beinen. Geschlafen hätte sie nur kurz in der Notaufnahme, dass sie jetzt lieber alle Viere von sich strecken würde, konnte ich mehr als nachvollziehen, fehlten mir doch selbst drei Stunden Schlaf.

 

Um kurz vor acht betrat ich allein das Hotel und ging auf mein Zimmer. Das Auspacken erfolgte relativ schnell, die meisten Sachen blieben sowieso im Koffer. Ein Trick auf Rundreisen ist es nämlich, nur die benötigten Kleidungsstücke zum Aushängen in den Schrank zu befördern, der Rest verbleibt, feinsäuberlich gefaltet, in dem Gepäckstück.

Während ich meinen Laptop hochfuhr, Gregorys Daten mussten ja noch überspielt werden, studierte ich die Karte des Zimmerservice. Außer den üblichen Speisen war nichts Besonderes zu finden. Aber zum Ausgehen war es noch nicht zu spät, wie ich nach einem Blick auf die Uhr feststellen konnte. Die Dateien könnte ich mir auch noch später ansehen. Ich beschloss daher, außerhalb des Hotels nach etwas Essbarem zu suchen und mich selbst noch auf ein Bier an diesem Sonntagabend einzuladen.

Nach einem kurzen Lagebericht in die Heimat, Mama hätte wahrscheinlich gerne länger mit mir telefoniert, machte ich mich auf. Ich hatte gerade den Mantel übergestreift, als mein Mobilknochen mich aus meinen Gedanken riss. Wer sollte mich um diese Uhrzeit hier in Boston anrufen?

 

 

Die Nummer auf dem Display sagte mir überhaupt nichts. Aber der Vorwahl nach zu urteilen, befand sich der Anrufer ebenfalls in Boston. „Lensing!“

 

Es war der Krankenpfleger, der sich am anderen Ende der Leitung befand. Ich erschrak zuerst, sollte er sich doch nur dann melden, wenn irgendwelche Änderungen eingetreten wären. Mit seinen ersten Worten jedoch erlöste er mich von dieser Befürchtung. Greg wäre jetzt endgültig über den Berg, er hätte schon zweimal versucht, mit der Nachtschwester zu flirten, allerdings ohne Erfolg, denn seine Kommunikationsfähigkeit war immer noch eingeschränkt. Wenn er jetzt schon so wieder drauf ist, dann bräuchte ich mir auch keine großen Sorgen mehr um ihn zu machen. Um das Ganze besser verstehen zu können, werde ich mal wieder Dolmetscher spielen.

 

John Bleach lachte. „Aber auch wenn er sprechen könnte, bei Debby würde er auf Granit beißen.“

 

„Du kennst meinen Bruder nicht! Der hat bis letzte Woche alles besprungen, was nicht bei drei auf den Bäumen war.“ Zu welchen Schwierigkeiten dies geführt hatte, musste ich ihm ja nicht sagen.

 

„Das mag sein, aber ich glaube nicht, dass er eine Lesbe von sich überzeugen kann.“ Er schnalzte mit der Zunge. „So toll kann er wirklich nicht sein!“

 

„Das ist vielleicht ein Grund, für ihn aber kein Hindernis.“ Ich atmete tief durch. „Greg ist ja nicht umsonst hier in Boston und treibt nicht mehr in New York sein Unwesen.“

 

„Du machst mich echt neugierig.“ Er legte die Hand auf die Muschel, aber verstehen konnte man ihn trotzdem. „Deb, bist mich gleich los, ich telefonier noch zu Ende, wenn ich darf. … Danke.“

 

„Du hast Feierabend?“ Die Frage war rein rhetorisch.

 

„Habe ich, Gott sei Dank.“ Er stockte kurz. „Und du? Immer noch in Familie?“

 

„Ne, bin schon seit einer halben Stunde im Hotel.“ Sollte ich meinen Mantel wieder ausziehen?

 

„Nicht in der Malborough? Die Adresse steht auf seiner Einlieferung.“

 

„Nein, da wohnt Luke, mein anderer Bruder, mit Frau, drei Kindern und seinen Schwiegereltern. Greg lebt da übergangsweise im Gästezimmer.“ Sollte ich mich mit ihm verabreden? „Aber ganz andere Frage: Wo kann man hier noch eine Kleinigkeit essen? So gut kenne ich mich in Boston nicht aus.“

 

Er lachte. „Kommt drauf an, wo in Beantown du steckst!“

 

„Im Sheraton an der Dalton.“ Sollte ich ihm die Zimmernummer nennen?

 

„Also ganz in der Nähe. Wie wäre es, wenn wir uns in der Mitte treffen? Stuart Ecke Dartmouth, an der Bushaltestelle?“ Er überlegte kurz. „In einer Viertelstunde?“

 

Sollte ich? Ich dachte nicht lange nach. „Dann bis gleich!“

 

 

Ich rauchte bis zum Treffpunkt mindestens zwei Zigaretten. Nein, ich war nicht aufgeregt, ich hatte einzig und allein nur Lungenschmacht. Ich bin zwar kein Kettenraucher, aber erst der Flug, dann das Krankenhaus, gefolgt vom Besuch bei Luke und Virginia? Im Hotelzimmer durfte man ja auch nicht mehr rauchen. Ich hatte einfach zu wenig Nikotin in den letzten Stunden inhaliert.

 

Als ich besagte Bushaltestelle sah, stand er schon da. Wir gingen aufeinander zu und umarmten uns kurz. Der Krankenpfleger, von oben bis unten in Jeansstoff gehüllt, erkundigte sich kurz nach meinen Wünschen, aber selbige waren ja nicht groß: Ich wollte nur etwas Vernünftiges hinter die Kiemen kriegen. John übernahm die Führung. Die Lokalität, die er uns aussuchte, war phänomenal. Nicht zu laut um nicht zu leise, man konnte sich hervorragend unterhalten. Das Essen war erstaunlich preiswert: zwar keine Sterneküche, aber mehr als genießbar.

Wir lernten uns kennen. Ich berichtete ihm von mir und dem Grund, aktuell hier in Boston zu sein, und er erzählte mir von seinem Werdegang: Nach der Highschool hätte er in einer Videothek gejobbt und wäre dann in der Navy zum Sanitäter ausgebildet worden. Seit seinem Abschied vor zwei Jahren würde er in der HNO-Abteilung der Medizinerschmiede arbeiten. Soviel stand für mich jetzt schon fest, ich mochte ihn, nicht nur vom körperlichen Standpunkt her gesprochen.

Nach dem Essen fragte er, ob ich noch Lust auf einen Drink hätte; ich hatte! Der Schwarze nahm mich, wörtlich gesprochen, an die Hand und wir verlagerten uns in einen der unzähligen Clubs in South End. Man kann diesen Stadtteil ohne Weiteres als das Greenwich Village von Boston bezeichnen. Zwar wies es nicht die Dichte an Läden wie in meiner Heimat New York auf, aber es war mehr als angehaucht.

 

Nach dem ersten Bier in dem Laden, der seiner Einrichtung nach eher ein Treffpunkt von Latinos zu sein schien, nahm der Druck auf meine Blase zu. Drei Hopfenkaltschalen beim Essen und jetzt ein Viertes? Ich habe zwar keine Sextanerblase, aber auch mein Fassungsvermögen ist nicht unendlich. Bei meinem Begleiter erkundigte ich mich nach den Örtlichkeiten. Lachend wies er mir den Weg, meinte aber, er würde mich begleiten. Er hätte ja das Gleiche zu sich genommen.

Ok, ihr habt mich erwischt, ich gebe es unumwunden zu: Ich habe gelinst, als wir da nebeneinander in der Blaugekachelten Bedürfnisbefriedigungsanstalt standen. Sein Teil schätzte ich, im schlaffen Zustand, auf mehr als fünf Inch. Ich fragte mich, wie groß es erst unter vollen Segeln sein würde, und leckte mir dabei über die Lippen. Er schien rasiert zu sein, denn Haare konnte ich nicht entdecken.

 

Zurück am Tisch grinste er mich an. „Na? Hat es dir gefallen, was du da gesehen hast?“

 

Ich nickte, „Hat es!“ Man soll ja ehrlich zu seinem Gegenüber sein.

 

John lachte mich an. „Das glaube ich dir gerne. Aber auch deiner ist nicht von schlechten Eltern!“

 

Jeder freut sich über Komplimente. „Danke dir.“

 

Er wurde plötzlich ernst. „Schade ist eigentlich nur, dass ich ihn nicht spüren werde!“

 

Ich war baff erstaunt. „Wie meinst du das denn jetzt?“

 

„So wie ich es gemeint habe!“ Er blickte mich an. „Gordon, sei mir bitte nicht böse, aber … es würde nichts bringen, wenn wir miteinander ins Bett springen würden.“

 

Ich verstand nur noch Bahnhof! „Wieso? Du bist geil, ich bin geil! Also … warum sollten wir nicht?“

 

Der Krankenpfleger atmete tief durch. „Weil du deinen Lebensmittelpunkt in New York hast und ich arbeite nun einmal hier in Boston!“ Er schüttelte den Kopf. „Die Distanz ist einfach zu groß!“

 

Was wollte er mir damit sagen? Wieso sollte uns die Entfernung daran hindern, Spaß miteinander zu haben? „Äh, …“

 

Mein Gegenüber erkannte wohl meine verfahrene Gedankenlage, er legte seinen Arm um meine Schulter. „Gordon! Wenn wir es jetzt miteinander treiben würden, … du wärst nichts anderes als ein weiterer Strich auf der Liste meiner Eroberungen und ich auf deiner. Deshalb sollten wir es lassen!“

 

„Warum?“ Ich blickte ihn an, denn richtig verstanden hatte ich ihn immer noch nicht.

 

„Wir sind beide auf der Suche nach dem Mister Right. Du magst meiner sein und ich vielleicht deiner, aber …“ Er atmete hörbar durch. „Ich möchte, ohne vorher einen Generalstabsplan aufzustellen, zu meinem Freund zum Kaffee kommen können. Ich will ihn jederzeit überraschen, bei ihm schlafen und dabei nicht immer auf meinen Dienstplan achten müssen. … Das kann ich bei dir leider nicht.“

 

Ich blickte in traurige Augen. „Also auch kein Freund von Fernbeziehungen?“

 

„Eine Trennung auf Zeit ist in Ordnung, aber permanent? Nein danke! Aber das ist es nicht, … es ist vielmehr …“ Er suchte nach Worten. „Wenn wir jetzt das Wort Begehren miteinander buchstabieren würden, dann hätten wir vielleicht großen Spaß, aber … das wäre nicht mehr als Lustbefriedigung! Das ist mir einfach zu wenig, bei einem Mann wie dir.“

 

Ich war geschmeichelt und verwirrt zugleich. „Deshalb willst du nicht?“

 

„Wollen würde ich schon, nur ich …“ Er rang nach Luft. „Nenn mich altmodisch, aber Sex und Liebe gehören für mich untrennbar zusammen. Und eine Liebe? … Eine Liebe zu dir steht leider unter dem falschen Stern.“

 

Der Krankenpfleger war Romantiker, zwar ein realistischer Romantiker, aber anscheinend auch ein abgeklärter und sachlicher Mensch. Er sprach von Liebe: welch großes Wort! Dass die geografische Distanz zwischen New York und Boston einem zarten Pflänzchen der Gattung „beginnender Liebe“ nicht gerade zuträglich ist, sieht auch der berühmte Blinde mit dem noch berühmteren Krückstock. Ich ging in mich, irgendwie konnte ich nachvollziehen, was er gesagt hatte.

Liebe war es auf meiner Seite nicht, vielleicht ein großes Mögen, aber mehr? Nein! Ehe man mich falsch versteht, ich bin kein Anhänger von White-Power, aber eine tiefer gehende Beziehung zu dem Schwarzen konnte ich mir nicht vorstellen. Es lag, wie gesagt, nicht an seiner Hautfarbe, aber wieso sollte ich Zeit und Energie in eine Sache investieren, die von Anfang an durch den anderen Part zum Scheitern verurteilt war? So viel Realist bin ich auch!

„Auch wenn es mir schwerfällt, aber du hast recht: Es bringt nichts.“ Ich blickte in traurige Augen.

 

„Siehst du!“ War da eine gewisse Erleichterung zu sehen?

 

„Und jetzt?“ Sanft blickte ich ihn an, vielleicht würde er es sich ja noch einmal überlegen.

 

„Jetzt?“ Er lachte mich an, versuchte es jedenfalls. „Jetzt werde ich austrinken, dann nach Hause gehen und dort wohl traurig einschlafen, dass es wieder einmal nicht geklappt hat.“

 

Ich atmete tief durch, sagte aber nichts. Der Abschied kurze Zeit später verlief schmerzlich, jedenfalls auf meiner Seite. Ich starrte ihm erst hinterher und dann auf die Flasche, die ich in der Hand hielt. Am liebsten hätte ich sie an die Wand geworfen. Aber was hätte das gebracht? Ich war gefrustet!

 

Plötzlich tippte mir jemand auf die Schulter, riss mich so aus meinen Gedanken. Ich drehte mich um und erstarrte. Vor mir stand … John! Aber der hatte doch gerade den Laden verlassen. Ich rieb mir die Augen. Außerdem, wie und wo hatte er sich umgezogen? Erst eine Jeans- und jetzt eine Lederjacke? War sein T-Shirt gerade nicht noch Gelb? Auch die Haare waren plötzlich kürzer, wenn ich das richtig sehen konnte. Ich war mehr als durch den Wind.

 

Mein Gegenüber grinste mich an. „Na, hat mein lieber Cousin mal wieder seine tolle Nummer mit der Unvereinbarkeit von Sex und Liebe abgezogen?“

 

Cousins? Mir fiel es wie Schuppen von den Augen: daher die Ähnlichkeit! Ich nickte. „Hallo erst mal! Ich bin der Gordon.“

 

Weiße Zähne strahlten mich an. „Matthew!“ Er reichte mir die Hand, die er, länger als für eine normale Begrüßung notwendig, festhielt. „Noch ein Bier?“ Ich nickte. „Gut!“ Er winkte den Barkeeper heran und gab die Bestellung auf. Matt drehte sich wieder zu mir um und grinste mich erneut an. „Eins muss man John lassen: Geschmack hat er ja, … auch wenn du ein Weißbrot bist!“

 

Ein Schmunzeln konnte ich mir nicht verkneifen. „Danke für die Blumen, du Schwarzbrot!“

 

„Kein Thema!“ Wir stießen an und tranken einen Schluck.

 

Zugegeben, neugierig war ich. „Und wie kommst darauf, dass John … wieder …“

 

„Seine Nummer abgezogen hat?“ Er blies in die Öffnung der Flasche. „Macht er immer, wenn er neue Leute kennenlernt. Seit Bart nicht mehr da ist, ist John … wie soll ich sagen … beziehungsunfähig?“

 

Von einem Ex war gerade nicht die Rede gewesen. „Bart?“

 

„Ja, auch so ein WASP wie du. Seine große Liebe. Die beiden kannten sich seit der Schule, wollten gemeinsam zur Navy.“ Matthew lachte hämisch. „Die Schnapsidee schlechthin, wenn du mich fragst! Die Grundausbildung machten sie noch gemeinsam, die Ausbildung zum Sani auch, aber danach …“

 

Ich konnte es mir schon denken. „… machte Onkel Sam ihnen einen Strich durch die Rechnung?“

 

„So in etwa! In der ersten Zeit ging es ja noch, John war in Groton stationiert, Bart in Newport, keine 90 Kilometer voneinander entfernt.“ Er zuckte mit den Schultern. „Aber dann kam es! Dieser weiße, angelsächsische Protestant (WASP) hat heimlich verlängert, die Ratte. Eines Tages stand John vor verschlossenen Türen, Bart war versetzt worden: an das Navy-Krankenhaus in Neapel … in ITALIEN! Da kommt man nur hin, wenn …“

 

„… man mindestens sechs Jahre macht.“ Mit den tollen Rekrutierungsbroschüren wurden wir zu Ende der Highschool damals auch zugeschüttet. „Ganz großer Mist!“

 

„Du sagst es, Bruder!“ Ich war aufgestiegen! „Seit dem Zeitpunkt ist John auf der Suche nach seinem neuen Mister Perfect. Nur die Messlatte hat er selbst ziemlich hoch gelegt, der Idiot.“

 

Einiges, was der Krankenpfleger gesagt hatte, wurde jetzt deutlicher. „Nach so einer Enttäuschung …“

 

„… kann man trauern, aber keine Ewigkeiten, ich bitte dich!“ Matt blinzelte mich hart an. „John ist 25 und keine alternde Jungfer, obwohl … ich wag es zu bezweifeln, dass er überhaupt Sex hatte … in den letzten Jahren.“

 

Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf. „Das geht seit drei Jahren so? Ich meine, dass er …“

 

„… wie ein Asket lebt?“ Die Fragezeichen in seinen Augen konnte ich sehen. „Ja! Jedenfalls ist mir nicht bekannt, dass er außer Handbetrieb …“

 

„Oups!“

 

Matt lachte mich an. „Du sagst es. Und? Wo liegt dein Fehler?“

 

Meine Augenbrauen zogen sich zusammen. „Wie meinst du das?“

 

„Na, ich hab euch Händchen haltend aus dem Armenhaus kommen sehen.“ So hieß also der günstige Fresstempel. „Ich dachte, ich werde nicht mehr, … so intim hab ich John schon Jahre nicht mehr gesehen. Da bin ich euch hinterher, ich wollte ja wissen, wer da …“

 

„… möglicherweise sein Herz berührt hat?“ Ich blinzelte ihn an.

 

„Ja! Aber dann … war es so wie immer!“ Er suchte den direkten Augenkontakt. „Er ist wieder alleine von dannen gezogen und du standest da wie der begossene Pudel.“

 

„Es ist die Entfernung, die ihn hinderte, mit mir … er hier in Boston und ich in New York.“ Ich seufzte.

 

„Also wieder einmal der übliche John!“ Die weiße Zahnreihe blitze wieder auf. „Ich dachte schon, auf dem Klo ist was passiert, was ihn abgeschreckt hat.“

 

Ich stutzte, war er auch präsent gewesen? Gesehen hatte ich niemanden. „Was soll gewesen sein?“

 

„Na, vielleicht bist du ja doch kein Mann oder …“ Er zog mich eindeutig auf. „… oder du hast ihm offenbart, dass du auf extreme Spiele stehst wie Peitschen, CBT, schwarze Messen, Windeln, …“

 

„Hör auf! Ein Monsterding habe ich zwar nicht, aber 8 mal 2 reichen doch, oder?“ Die Angaben waren in Inch. „Ich bin beidseitig bespielbar, küsse und lecke gerne, mache fast jeden Unsinn mit, gerne auch mal zu mehreren, mal ‘nen Klaps auf den Arsch ist ok, aber Gewalt muss nicht sein, bin da doch eher der softe Typ.“ Ich grinste ihn an. „Auf Dirty stehe ich überhaupt nicht, obwohl …“

 

„Obwohl was?“ Er wurde hellhörig.

 

Ich druckste etwas herum, ich hatte schon viel zu viel über mich und meine Vorlieben verraten. „Seit letzter Woche weiß ich, dass ich eine gelbe Ader habe: Sehe Männern gerne dabei zu, wie sie …“

 

„Mann, ist doch nicht schlimm. Macht mich auch an!“ Er legte mir seine Hand auf die Schulter. „Ich dachte schon, du küsst Frauen! Das wäre wirklich abartig und unappetitlich.“

 

„Da bin ich ja froh, dass ich nicht eklig bin.“ Ich lachte ihn an. „Und du? Worauf fährst du so ab?“

 

„Auf das Gleiche wie du, nur …“ Er blickte sich vorsichtig um und senkte seine Stimme. „Ich würde gerne mal ein Sandwich …“

 

„Du in der Mitte oder als Scheibe?“ Ich sollte nicht so laut sprechen, einige Leute drehten sich um.

 

„Leise, muss ja nicht jeder mitkriegen, dass ich auch gerne mal hinhalte.“ Wieso schämt man sich für seine passive Seite? „Könntest du dir vorstellen, mal an so was teilzunehmen? Ich meine …?“

 

„Gerne, fehlt nur noch der dritte respektive der vierte Mann.“ Ich grinste ihn schelmisch an.

 

„Wieso vier Leute?“ Er blickte mich ungläubig an. „Man braucht dafür doch nur drei Mann!“

 

Ich strich ihm über die Wange. „Für den Akt ja, aber wer macht die Beweisfotos?“

 

„Du bist mir einer!“ Er schüttelte entgeistert seinen Kopf. „Du würdest dich echt beim Sex knipsen lassen? So mit Gesicht und so?“

 

„Warum nicht? Was ist denn schon dabei?“ Gut, ich bin europäischer erzogen worden als die meisten meiner Mitbürger und Amerikaner sind eher prüde und verklemmt, wenn man das so sagen kann. Welche Nation geht schon mit T-Shirts in die Dampfsauna? „Jetzt überleg mal, wir gehen gleich in mein Hotelzimmer und haben Spaß miteinander. Welche Bilder könnten wir dabei schon großartig machen, ohne uns zu verrenken?“

 

„Du willst einen Porno machen?“ Er starrte mich an. „Du bist echt krass drauf, Alter!“

 

„Nein, bin ich nicht.“ Ich schüttelte den Kopf. „Überleg doch selbst mal! Ich kann meine Digi halten, wenn du mir einen bläst oder du knipst mich, wenn ich an dir nuckel. Was sieht man? Dich und einen weißen Schwanz oder mich und einen schwarzen Prügel. Aber wem gehört der Freudenspender? Das sieht man nicht, es sei denn, wir machen es vor einem großen Spiegel! Da gibt es aber immer Probleme mit dem Blitz.“

 

Er nickte, wenn auch ganz langsam. „Warte mal! Beim Ficken … würde man entweder nur einen weißen Schwanz auf und in einem schwarzen Arsch sehen und umgekehrt? Wem was gehört, sieht man nicht?“

 

Ich nickte. „Gaynau! Und selbst, wenn ich auf dem Rücken liege und ein Bild machen würde, wie du mich durchpflügst … sieht man höchstens, wie Matt einen Weißen fickt.“

 

„Oder umgekehrt.“ Er griente. „Und bei einem Sandwich ist der Blickwinkel ja noch eingeschränkter!“

 

„Du sagst es! Der, der ganz unten liegt, kann nur eine Seitenansicht machen. Wo aber sind dann die Schwänze?“ Irgendwie machte mich das Thema an. „Selbst wenn die Oberste ein Bild machen und dabei die Pforte des Belags ablichten könnte, sieht man zwar den Akt aber nicht die daran Beteiligten. Deshalb ist, wenn man Beweise von dem Erlebnis haben will, ein Knipser nötig.“

 

„Mann, jetzt hab ich ein Rohr!“ Er blickte mich lachend an. „Ich muss mich dringend erleichtern.“

 

„Hier?“ Ich blickte ihn erstaunt an.

 

„Ne, ich hab ja gerade ne Einladung gekriegt.“ Er grinste über beide Backen. „Von dir in dein Hotel!“

 

Stimmt, so etwas hatte ich erwähnt. „Du willst dich also mit dem abgelegten Typen von John …“

 

„Will ich! Was kann ich dafür, dass der Kerl zu dumm ist, um Spaß zu haben? Auf Handbetrieb kann ich mit sechzig umstellen, aber jetzt? Außerdem …“ Er drückte mir einen Kuss auf die Lippen. „… habe ich riesigen Appetit auf Weißbrot!“

 

 

Auf dem Weg besorgten wir uns noch ein Sixpack. Wer meint, im Hotel hätte es Schwierigkeiten gegeben, ihn auf mein Zimmer zu schmuggeln, der irrt gewaltig. In Kongresshotels wie dem Sheraton muss man nur, aufgrund des ständigen Personalwechsels, selbstsicher genug auftreten. Matthew ging mit den Bieren direkt zu den Fahrstühlen, ich jedoch steuerte die Rezeption an und bestellte den Weckruf. Im Fahrstuhl spürte ich zum ersten Mal seine Zunge in meinem Mund.

 

In meinem Zimmer angekommen, blieb er erst einmal erstaunt stehen. „Nette Bude hast du hier! Fast so groß wie mein gesamtes Appartement. Was muss man eigentlich machen, um so etwas zahlen zu können? Pornofilme drehen?“

 

Ich lachte ihn an. „Nein! Man muss nur als Reiseleiter in Vaters Firma arbeiten.“

 

„Ist noch eine Stelle frei?“ Die Jacke flog auf den Boden, sein Shirt folgte. „Ich bewerbe mich sofort.“

 

„Du müsstest Deutsch lernen.“ Paps Muttersprache war ja Einstellungsvoraussetzung.

 

Er lachte und seine Jeans landete auf dem grünen Oberteil. „Das kann man sofort machen!“

 

Matthew ging auf mich zu und wir umarmten uns. Unsere Hände gingen auf Wanderschaft und er zog mich jetzt aus. Das Meiste von ihm lag ja schon auf dem Teppichboden, meine Sachen folgten nun. Binnen Minutenfrist standen wir uns nackt gegenüber. Matt ging langsam vor mir auf die Knie, und, während er über meinen Schaft leckte und an meinem Beutel spielte, streifte er mir mit seiner freien Hand die Socken von den Füßen. Ich blickte nach unten, auch er war barfuss. Socken beim Sex sind einfach abturnend, wie ich finde.

Er drehte mich um und vergrub seine Nase sacht in meiner Ritze, ich spürte seinen warmen Atem an meinem Portal. Ein wohliger Schauer nach dem anderen durchflutete mich. Als seine Zunge sanft um mein Loch kreiste, versuchte ich, mich ihm entgegen zu recken, ich wollte seinen Waschlappen tiefer in mir haben.

Aber den Gefallen tat er mir nicht, stattdessen drehte er mich wieder zurück in die Ausgangslage und schaute er mich von unten an. „Wo hast du eigentlich die Cam?“

 

Ich hielt seinen Kopf in meinen Händen. „Im Koffer! Du willst also wirklich Bilder?“

 

Er lachte mich an. „Die Idee hätte was, aber lass mal besser. Ich kann ja schlecht die Daten in meiner Hosentasche transportieren.“

 

„Ich kann sie die ja als Mail schicken.“ Das Hotel verfügte ja über Internet.

 

„Geht schlecht, mein privates Postfach hat nur 10 MB Speicher und die Bilder an meine Uniadresse schicken?“ Er schüttelte den Kopf. „Sorry, das ist mir zu gefährlich.“

 

„Der Laptop hat ‘nen Brenner und Rohlinge habe ich auch da!“ Ein Service von Lensing für zahlende Gäste war, falls deren Speicherkarte einmal voll sein sollte, den Inhalt auf DVD zu brennen, damit sie weiter ihrem Hobby frönen konnten.

 

„Dann …“ Matt setzte ein verschmitztes Lächeln auf. „… dann sieht die Sache anders aus!“

 

Ich ging an den Schreibtisch. Neben dem Laptop lag mein Aktenkoffer und in Selbigem befand sich die Digitalknipse, „Bitte recht freundlich!“ Ich drückte ab und der erste Schnappschuss wanderte in den Speicher.

 

„Bin doch noch nicht geschminkt!“ Matthew, mittlerweile hatte er sich erhoben, griff sich zwei Flaschen aus dem Biertragebehältnis und reichte mir eine. „Hier!“

 

„Danke dir!“ Ich ging auf ihn zu, wir stießen an.

 

„Auf eine schöne Nacht, du Weißbrot!“ Er lachte und blickte aus Fenster. „Herrliche Aussicht!“

 

„Finde ich auch!“ Es machte wieder Klick.

 

„Haha, ich meinte die Skyline …“ Aus dem vierzehnten Stock konnte man, der freien Sicht sei Dank, bis auf die andere Seite des Charles River sehen. Das Steinbrenner Stadion war hell erleuchtet.

 

„Habe ich was anderes gesagt?“ Ich änderte das Licht im Raum. Die Lampe über dem Bett und die Schreibtischleuchte tauchten den Raum in ein indirektes Licht, die Deckenbeleuchtung schaltete ich aus. Ich ging noch einmal zu meinem Aktenkoffer und gesellte mich dann zu ihm an die Fensterbank. Meine Hände legte ich auf seine Schultern und ließ sie auf Wanderschaft gehen. Als ich seine Brustwarzen zwischen meinen Fingern zwirbelte, fing er an, zu stöhnen.

 

„Nicht aufhören, Baby!“ Matt stand direkt vor mir. Seine Kiste, die er jetzt leicht nach hinten schob, drückte an mein Gemächt. „Du machst das gar nicht schlecht!“

 

„Dachte ich mir!“ Meine Zunge umspeichelte sein linkes Ohr.

 

„Eingebildet bist du wohl überhaupt nicht?“ Ein Lachen lag in seiner Stimme.

 

„Bin ich nicht!“ Ich fuhr mit der Zunge seine Halswirbel entlang. „Ich weiß, dass ich gut bin.“

 

„Was noch zu beweisen wäre …“ Er griff meine rechte Hand und führte sie in seine Körpermitte. Als ich sein hartes Fleisch berührte, durchzuckte es mich. Er tropfte, die Kuppe war mehr als feucht.

 

„Ist da jemand geil?“ Sein Beutel war stramm, ein leichter Druck ließ ihn wieder schnurren.

 

Er drehte sich zu mir um und wir blickten uns in die Augen. „Davon kannst du ausgehen, Whitey.“

 

„Dann wollen wir dich noch geiler machen!“ Ich drückte ihm ein Kuss auf die Lippen, ehe ich mich langsam mit dem Mund nach unten vorarbeitete. Seine Knospen waren in dem Dämmerlicht, in dem das Zimmer jetzt getaucht war, kaum zu erkennen. Die Brust war fast unbehaart, wenn man das so sagen kann, drei Haare in zehn Reihen ist kein Brustpelz in meinen Augen.

 

Seine Kuppe schlug an mein Kinn, als ich mich mit seinem Bauchnabel beschäftigte. Auch hier war er glatt, rasiert. Haare konnten sich also nicht in meinen Zähnen verfangen. Zwischen seinen Beinen kniend leckte ich erst einmal seinen Beutel, der etwas an Elastizität gewonnen hatte. Als ich seine Murmeln komplett einsaugte, damit hatte er wohl nicht gerechnet, zuckte Matt zusammen, umfasste zärtlich meinen Hinterkopf und wollte mich wohl zu seinem Szepter dirigieren.

Ich sträubte mich leicht, leckte lieber über die tröpfelnde Öffnung. Der Student schien wirklich rattig zu sein, so sehr triefte er. Der Mast, der nur zu Zweidrittel richtig dunkel war, der Rest war mehr oder minder wie bei mir, nur das Rosa seiner Kuppe war etwas dunkler als das Meinige, bettelte förmlich darum, in meine Mundhöhle vorstoßen zu dürfen. Ich umkreiste lasziv küssend sein Zentrum der Lust, versuchte mit meiner Zungenspitze, ihn von vorne aufzubohren. Der Vorstoß war zwar nicht richtig tief, aber, seinem Stöhnen nach zu urteilen, doch von Erfolg gekrönt.

Ich ging ins Hohlkreuz, betrachtete den dunklen Sahnespender genauer. Er war gut geschnitten, 17 oder 18 Zentimeter lang, den Durchmesser schätzte ich auf etwas größer als einen halben Dollar, also knapp anderthalb Inch. In den einschlägigen Filmen sind meine dunkelhäutigen Mitbürger ja alle mit Monsterdödeln ausgestattet, ein Bild, was nicht der Realität entspricht. Gut, empirische Studien auf diesem Gebiet habe ich zwar nicht betrieben, aber große Unterschiede in der Länge konnte ich bei den Malen, in denen ich andersfarbige Mitspieler hatte, nicht entdecken.

Ich umschloss ihn und schaltete die höchste Saugstufe ein, Matt fing an, zu wimmern und zu zittern.

 

„Ja, du Weißbrot! Saug mich aus!“ Er begann, mir entgegen zu ficken.

 

Es war kein Kehlenfick, den er mir verpasste, aber meine Mandeln, oder das, was von ihnen übrig geblieben war, berührte er des Öfteren. Die Blitze, die ab und an das Zimmer erhellten, nahm ich kaum war. Ich wollte ihn an den Rand des Wahnsinns treiben, aber kommen sollte er noch nicht. Ich tastete auf dem Boden und fand das, was ich suchte.

Ich rutschte ein Stück zurück, leckte noch einmal über die dunkle Kuppe und drehte ihn Richtung Fenster. „Nicht bewegen … und halt ja die Finger bei dir!“

 

„Was hast du vor?“ Er stützte sich von der Fensterbank ab und reckte mir seinen Sterz entgegen.

 

Konnte er das nicht ahnen? Mit der gleichen Anteilnahme, mit der ich mich noch vor Minutenfrist seiner Vorderseite gewidmet hatte, liebkoste ich jetzt sein Hinterteil. Die Apfelbäckchen waren prall und fest, aber der Rasierer hatte hier anscheinend gestreikt, je tiefer man ins Tal der Könige vorstieß, desto waldiger wurde es. Auch wurde mit zunehmendem Dickicht die Luft immer stickiger. Von daher ließ ich meinen Waschlappen vorerst auch in seiner Garage. Meine Zunge sollte erst später wieder zum Einsatz kommen.

Wie gut, dass man die Tube Gleitgel mit einer Hand öffnen konnte, man brauchte den Verschluss nur aufzuklappen. Ich verrieb die Creme und ließ dabei meinen Fingern freien Lauf. Als ich seine heilige Pforte passiert hatte, stöhnte er auf. Zu meinem Zeigefinger gesellte sich drehend der Mittelfinger, der Student ächzte nur noch vor Geilheit und ich konnte gerade noch verhindern, dass er selbst Hand an sich legte: Ich schlug ihm auf die Finger.

„Ich habe doch gesagt, die Hände weg!“ Er sollte erst dann Spaß haben, wenn ich auch soweit war.

 

„Mann, das ist geil!“ Sein Atem ging stoßweise. „Mach weiter!“

 

Mühsam erhob ich mich langsam vom Boden, der Körperkontakt sollte ja nicht abreißen: Meine Rechte spielte immer noch in seinem Rektum, meine Linke mit Klein-Gordon und meine Zunge, wenn auch erst einmal etwas holprig, mit seiner Wirbelsäule. Je höher ich kam, desto zittriger wurde er. Er wimmerte nur noch.

Ich war an seinem Nacken angelangt, sein Ohr unmittelbar vor meinen Augen. Ich blies hinein. „Soll ich aufhören?“

 

„Ich warne dich! Fick mich endlich …“ Er brummte aus tiefster Kehle. „… du Weißbrot!“

 

Sein Wunsch war mir Befehl. Ich stellte mich hinter ihn und es erfolgte ein Platzwechsel: Hand raus, Klein-Gordon rein. Durch die gute Vorarbeit meiner Finger konnte ich gleich richtig einparken: Meine Bälle klatschten sofort an seine Backen. Ich krallte mich an seinen Schultern fest und genoss erst einmal den Augenblick.

„Schnell oder langsam?“ Ich lutschte an seinem Ohr. „Wie willst du es haben?“

 

„Egal! Ich will dich spüren.“ Er versuchte, sich noch stärker auf meine Lanze zu drücken. „Hier!“

 

Was hatte er da? Ich brauchte einen Augenblick, ehe ich realisierte, dass er mir den Fotoknecht in die Hand drücken wollte. Diese Ratte! Also entschied ich mich für die langsame Vorgehensweise. „Ok!“

Bilder machte ich allerdings nur zu Anfang der Rangierfahrten, die ich in seinem Bahnhof absolvierte. Das Tempo steigerte ich allmählich und, als ich für Bahnhofsdurchfahrten schon zu schnell unterwegs war, und fasste ich um in herum, ich wollte mir seinen Schaltknüppel greifen. Im gleichen Tempo, wie ich in ihm jetzt ein- und ausfuhr, stocherte ich an seinem Dampfhammer.

Irgendwann wurde die Fahrt dann doch zu rasant, ich warf die Kamera einfach aufs Bett und konzentrierte mich auf das Wesentliche: die Tunneldurchfahrt. Langsam, aber sicher, hatten Lok und Tender nur noch ein Ziel vor Augen, endlich das Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Wir schnauften beide, er mehr als ich, und unter lautstarkem Getöse kam es zur Zugkatastrophe. Die Lok spuckte Feuer in Form von milchiger Flüssigkeit unkontrolliert in die Hand des Zugführers, der Tender ergoss seine Bremsflüssigkeit in das Tunnelende, in dem er immer noch steckte.

 

„Mann! So einen Ritt …“ Matt rang nach Luft. „… hatte ich Ewigkeiten nicht mehr!“

 

„Ich auch nicht, du …“ Ich leckte über seinen verschwitzten Hals. „… du schmeckst geil!“

 

Er stolperte einen Schritt nach vorne, der Tender wurde aus dem Tunnel gerissen. Matthew drehte sich um, griff meine Schultern und zog mich an sich. Wir küssten und leidenschaftlich. Als sich unser beider Puls wieder etwas beruhigt hatte, blickte er mir in die Augen. „Kommst du?“

 

„Wohin?“ Die Frage war ehr als dumm, ich weiß.

 

„Ins Bad …“ Er griente mich an. „… du wolltest doch noch was anderes sehen, oder?“

 

Lachend folgte ich ihm. „Aber immer doch!“

 

„Vergiss aber das Bier nicht.“ Ich konnte mir denken, was diese Ratte noch wollte.

 

Als ich mit zwei Flaschen Gerstensaft das Badezimmer betrat, stand er schon in der Badewanne und schaute mich irritiert an. „Wehe, du machst jetzt Bilder!“

 

„Wieso nicht?“ Ich hatte ja auch gerade die Tunnelfahrt abgelichtet?

 

„Na, das ist doch  …“ Warum stotterte er? „… zu intim.“

 

Ich reichte ihm ein Bier. Als er es öffnete, machte es Klick. „Danke.“

 

„Ferkel!“

 

„Wieso? Ist doch nur ein nackter Mann, den ich …“ Ich grinste ihn an und stieg zu ihm in die Wanne. „… da abgelichtet habe.“ Wir prosteten uns zu. Das Bier war zwar nicht mehr richtig kalt, tat aber, nach der Anstrengung, doch ganz gut. „Also, wo ist dein Problem? Hier … kannst mich ja auch …“ Ich reichte ihm das Teil auf Japan.

 

Er lichtete mich auch ab, gab mir die Kamera aber kurze Zeit später zurück. Irgendetwas hatte er auf dem Herzen, das konnte man spüren, er wirkte verschüchtert. „Hier! Würdest du mal …“

 

Matt drehte sich um, bückte sich, seine Hände tasteten an seinen Backen. Ich grinste. Das Loch war zwar nicht mehr sperrangelweit offen, man sah aber noch deutlich, dass es vor kurzem gebraucht worden war.

Ich kniete mich hin und gab ihm dann ein Klaps auf den Allerwertesten. „Erledigt, mein Süßer!“

 

„Danke.“ Er drehte sich wieder zu mir um und griff nach dem digitalen Teil. Das Bild, das sich mir bot, war geil. Zwar war sein bestes Stück nicht mehr voll einsatzfähig, aber zeigte noch deutlich Spuren der vorangegangenen Eruption. Ich streckte die Zunge nach dem Prügel aus, wollte ihn lecken. Der Blitz blendete mich etwas.

Matt wuselte mir in den Haaren. „Du wolltest doch …“ Er zierte sich. „Wohin soll ich?“

 

Manchmal fällt der Cent Dimeweise. Ein Grinsen umspielte meine Lippen. „Brust und vielleicht …“

 

„Alles klar.“ Wieso strengte er sich so an? Sein Gesichtsausdruck deutete auf schwere Arbeit?

 

Erst kam ein Rinnsal, dann aber wurde der Schwall stärker. Ich griff mir sein Teil und spielte wie Grisu mit seinem Feuerwehrschlauch. Sein Nass traf auf Brust, Hals, Kinn … Sollte ich? Tausende Gedanken schossen durch meinen Gehirnkasten. Schließlich öffnete ich meinen Mund und ging mit dem Gesicht auf ihn zu. Allerdings versiegte die Quelle, bevor ich mit meiner Zunge seine Kuppe erreichen konnte.

Er schmeckte salzig, leicht nach Bier. Ich blickte zu ihm auf. „Danke.“

 

„Gern, wenn du …“ Er wirkte wieder verschüchtert, als er mich zu sich hoch zog und mich küsste.

 

Nach einem Zungenwettkampf biss ich ihm leicht in die Nase. „Wenn du auch willst, dann … runter!“

 

Er gehorchte aufs Wort, reichte mir aber die Knipse. Aber anstatt wie ich sich das folgende Spektakel erst einmal aus der Entfernung anzusehen, ging er sofort auf Augenhöhe, ich sollte ihm also direkt ins Gesicht schießen. Ich tat mein Bestes, aber wenn man einen anderen direkt berieseln soll, ist das gar nicht einfach, wie sich das vielleicht anhört.

Matt leckte sich, nachdem ich fertig war, lasziv über die Lippen. „Für ein Weißbier nicht schlecht!“

 

Seinen folgenden Vorschlag zum gemeinsamen Duschen nahm ich gerne an, ich wollte nicht so ins Bett gehen. Irgendwie fühlte ich mich … nicht ganz sauber. Beim Einseifen waren seine Hände überall und nirgends, es war einfach nur geil, ihn und seinen Körper erneut zu spüren. Meine Hände waren auch nicht untätig, sie vergruben sich in seinen Halbkugeln und meine Finger spielten an seinem Eingang. Er lachte mich an. „Sorry, aber mein Drugstore ist geschlossen.“

 

 

Nach dem gemeinsamen Abtrocknen, wobei er die meiste Aufmerksamkeit Klein-Gordon widmete, setzte er sich beim Überspielen der Bilder wie selbstverständlich auf meinen Schoß. Die Arbeit war relativ simpel, denn außer ein paar Klicks und dem Einlegen der DVD musste ich nicht viel machen. Wir tranken die letzten Flaschen des Sixpacks.

Ich reichte ihm, nach Abschluss des Brennvorgangs, die silberbläulich glänzende Scheibe. „Hier bitte.“

 

„Die Bilder sind echt geil geworden, besonders die, wo du mich am Fenster vögelst.“ Er drückte mir einen Kuss auf die Backe. „Aber du hattest Recht! Ein eigener Knipser wäre besser gewesen!“

 

Ich lachte ihn an. „Habe ich doch gesagt!“

 

„Ist ja schon gut! Wir hätten vielleicht John fragen sollen, ob er nicht …“ Er küsste mich erneut. „… auf diese Weise hätte teilnehmen wollen. Er hätte vielleicht etwas Spaß und wir wären nicht abgelenkt worden, durch den ständigen Kamerawechsel.“

 

„Du bist mir vielleicht einer!“ Ich schüttelte den Kopf.

 

„Yepp, du Weißbrot.“ Sein Grinsen ging über beide Backen. „Ich bin einer, der jetzt geht …“

 

Ich wäre gerne neben ihm eingeschlafen. „Du kannst auch bleiben …“

 

„Sorry, Gordon, aber ich muss morgen … äh … heute … um sieben die Bibliothek aufschließen, habe Frühschicht.“ Er erhob sich und begann, sich anzuziehen. „Seit letztem Monat bin ich an der Uni angestellt, als wissenschaftlicher Mitarbeiter.“

 

Es hatte augenscheinlich keinen Sinn, ihn zum Bleiben überreden zu wollen. Plötzlich wollte ich nicht mehr nackt sein. Also stand ich auch auf und zog mir wenigstens den Hotel-Bademantel über. Sein Abschiedskuss war kurz, aber ziemlich intensiv. Seine Zunge berührte fast meine Backenzähne. Gedankenverloren blickte ich ihm aber noch nach, wie er mich zusammen mit dem Sechserträger verließ.

Ich schaute mir noch einmal die Bilderserie auf dem Rechner an, wenigstens hatte ich durch das nette Intermezzo mit Matt eine Wichsvorlage für die nächsten Tage. Da ich eine Fahrerin hatte, würde nichts laufen, und mit den Gästen? Erstens macht man so etwas nicht und zweitens waren die mir auf den Touren durch Neuengland mindestens um 20 Jahre zu alt.

 

 

Das Telefon klingelte, wie gestern an der Rezeption bestellt, pünktlich um neun Uhr, ich bedankte mich artig für den Weckruf. Gedankenverloren streifte ich mir einen Trainingsanzug über und machte mich auf den Weg in den Speisesaal, ich wollte das Frühstücksbuffet plündern.

 

Nach der dritten Tasse Kaffee stocherte ich irgendwie lustlos in den Rühreiern, die seit über zwanzig Minuten vor mir standen. Was konnten die Eier für die Einsamkeit, die mich plötzlich heimsuchte? Ich erschrak, als der Kellner mich von der Seite her ansprach und fragte, ob alles mit meinem Essen in Ordnung wäre. Ich blickte in die Augen des dunkelhäutigen Mannes, er kam mir vor, als würde er auch zu Johns oder Matts Familie gehören. Ich winkte jedoch ab, es sei alles in Ordnung. Er räumte aber dennoch ab.

Was war denn in der letzten Nacht geschehen? Was war so anders, dass ich mich selbst kaum wieder erkannte? Ich ging den Abend noch mal durch, Punkt für Punkt, aber ich konnte nichts entdecken, was meine seelische Unausgeglichenheit hätte erklären können. Ich hatte John kennen gelernt und später mit Matt Sex gehabt. Es war also nichts Ungewöhnliches passiert. Aber etwas war doch anders als üblich.

Der Kellner brachte eine neue Portion Rührei. Als ich ihn genauer betrachtete, fiel es mir wie Schuppen aus den Augen. Hatte ich bei John eine gewisse Vertrautheit gespürt, jedenfalls bis zu dem Moment, indem die Sprache auf zwischenmenschliche Aktivitäten, auch Sex genannt, kam, war es bei Matt zuerst Geilheit pur. Erst als es mit ihm intimer wurde, als wir die Bilder überspielten, blockte er ab. Wenn das eine jetzt zu dem andren gekommen wäre? Dann wäre es nahezu perfekt gewesen. Aber einzeln? Das war es also! Ich brauchte also Sex und Privatheit! Beides gleichzeitig.

 

Ich würde mich, sobald wieder in den heimischen vier Wänden, auf die Suche nach etwas Festem machen; einen lieben Partner, mit dem man beides teilen kann: Vertrautheit und Sex. Als ich mich erhob, bedankte ich mich herzlich bei dem Kellner für die Erkenntnis, die ich ihm verdankte. Er wusste zwar nicht recht, wie ihm geschah, aber er steckte sich den Fünfer dennoch in die Jacke.

 

Die ausgiebige Dusche tat gut, ich machte mich fertig, erledigte die letzen Arbeiten und Telefonate und wartete auf den Anruf der Rezeption, der Bus respektive meine Fahrerin auf mich warten würde.

 

 

Die einzige Annahme über meine Fahrerin, die sich als wahr erwies, war die Tatsache, dass es sich um eine Frau handelte. Jenny Dobbs war weder eine durchgeknallte Emanze noch eine Männerhassende Kampflesbe, sondern eine etwas füllige Mittvierzigerin mit rotem Pagenkopf und Sommersprossen. Wie konnte eine Frau, die in ihrem blaugrauen Hosenanzug so aussah, als käme sie gerade von einer Besprechung in einem Anwaltsbüro, schwere Busreifen alleine heben? Die Antwort erfuhr ich auf der Fahrt zum Flughafen: Nach der Geburt ihres zweiten Kindes vor 16 Jahren hätte sie sich ziemlich schlapp gefühlt. Außerdem wäre sie mit ihrem Körper unzufrieden gewesen; nach weit über einem halben Jahr hätte man noch die Spuren der Schwangerschaft gesehen. Auf Anraten ihres Arztes hätte sie mit Bodybuilding begonnen und wäre so zum Powerlifting gekommen. Diesen Sport betrieb sie ziemlich erfolgreich, dreimal in Folge war sie Landesmeisterin von Massachusetts in ihrer Alters- und Gewichtsklasse. Erst als ihr Mann vor vier Jahren bei einem Unfall verstarb und sie wieder Vollzeit hätte arbeiten müssen, hätte sie aufgehört.

„Ich dachte, ich wäre versorgt!“ Sie atmete tief durch. „Aber Ted, dieser Arsch, war spielsüchtig, mit seiner Lebensversicherung konnte ich noch nicht einmal die Schulden bezahlen. Er hat sogar das Collagegeld unserer Töchter verzockt. Können sie sich das vorstellen, Herr Lensing?“

 

Ich schüttelte den Kopf. „Ich wette nur, wenn ich 100%ig weiß, dass ich gewinne, also nie! … Aber, Missis Dobbs … Gordon reicht! Wenn man mich mit Nachnamen anredet, denke ich, mein Vater oder einer meiner älteren Brüder würde neben mir stehen.“

 

Sie grinste. „Dann Gordon, … auf gute Zusammenarbeit. Ich bin die Jenny.“

 

„Alles klar, wir werden das Kind schon schaukeln.“ Da wir gerade an einer Kreuzung halten mussten, konnten wir uns erneut die Hand schütteln. „Aber apropos Kind … keine Angst, dass deine Teenager Party machen, wenn du auf Tour gehst?“

 

„Nein, Ginger, meine Älteste ist seit letztem Monat verlobt und Charly, die Kleine, ist im Moment auf dem religiösen Trip: kein Sex vor der Ehe! Außerdem …“ Sie schüttelte lachend ihren Kopf. „… wohnt meine Mutter bei uns. Von daher: keine Probleme.“

 

„Mit Oma im Haus ist keine Party möglich!“ Ich sprach aus eigener Erfahrung.

 

Wir unterhielten uns noch eine Weile, lernten uns auf dem Parkplatz des Logan-Airports besser kennen. Um Viertel nach drei betrat ich, mit Firmenschild bewaffnet, die Ankunftshalle des Terminals E und blickte auf die große Anzeigetafel. Der Flug Lufthansa 422 aus Frankfurt, für 3:05am avisiert, war zehn Minuten vor der Zeit gelandet. Ich baute den Wegweiser auf und verließ noch einmal das Gebäude, der Lungenschmacht war einfach zu groß. Unsere Gäste mussten nach dem Kofferempfang ja auch noch durch die Einwanderung und den Zoll, vor 15:30 war daher nicht mit ihnen zu rechnen.

Fünf Minuten musste ich dann doch noch länger auf die ersten meiner Schäfchen warten, ein Paar aus Stuttgart. Nach einer kurzen Pause ging es dann mehr oder minder im Minutentakt. Ich blickte auf meine Liste und zählte 26 Häkchen, ich hatte also schon mehr als die Hälfte meiner Gäste.

 

Im Hintergrund kreischte eine Frauenstimme. „Fritzemännchen! Da steht das Schild von Lensing. Wir müssen in die andere Richtung! Komm endlich! … Schau mal! … Da steht …“

 

„Lenchen … nicht so schnell!“ Laufenberg Senior stöhnte. „Der Wagen will nicht so wie ich … Warte doch! Magda, nu … wo bist du denn?“

 

Oma Magda hatte mich erreicht und umarmte mich aufs Heftigste. „Welche Freude!“

 

Sie drückte mir fast die Luft ab. „Frau Laufenberg! Ich freue mich auch, sie zu sehen!“

 

In der Zwischenzeit hatte uns ihr Gatte mit dem Kofferwagen erreicht. Er streckte mir die Hand entgegen. „Herr Gordon! Dass wir uns so schnell wiedersehen, damit hätte ich nicht gerechnet!“

 

Ich blickte ihn an. „Ich auch nicht, Herr Laufenberg, ich auch nicht!“

 

„Was machen sie denn hier? Sagten sie nicht, sie arbeiten nur ab New York?“ Sie schien verwirrt.

 

„Normalerweise mache ich das auch, aber …“ Ich atmete durch. „… die Umstände sind halt so. Die Geschichte erzähle ich ihnen später gerne bei einem Glas …“

 

„… und einer schönen Zigarre!“ Plötzlich flüsterte er. „Ich habe geschmuggelt… echte Kubanische … von meinem Sohn, zum Hochzeitstag!“ Opa Friedrich lachte verschmitzt.

 

„Fritzemann! Nicht so laut!“ Frauen können einem jeden Spaß verderben. „Gordon, ich soll sie recht herzlich von Daniel grüßen. Er hat mir auch ein Päckchen für sie mitgegeben, das sollte ich ihnen schicken. Aber jetzt?“ Sie schaute mich schelmisch an. „… jetzt kann ich es ihnen persönlich geben. Aber es ist im Koffer, also werden sie warten müssen.“

 

Was wohl in dem Päckchen war? „Das können wir gleich im Hotel machen. Immerhin kriege ich es ja eher, als wenn sie es mit der Post …“

 

„Darf ich kurz den Plausch mal stören …“ Ein etwas beleibterer Mann mit Vollbart und Halbglatze stand vor mir. „Guntram Jacobsen aus Norderstedt.“

 

Familie Jacobsen war also auch da, wieder vier Personen mehr auf meiner Liste, die ich abhaken konnte. Ich blickte ihn an, er war nicht alleine, ein verpickelter Blondschopf begleitete ihn. Das war dann wohl der kleinere der beiden Söhne, wie hieß er doch gleich? Jost? Sven? Egal. Ich streckte ihm meine Hand entgegen. „Willkommen in Boston, Herr Jacobsen. Was kann ich für sie tun?“

 

„Für mich nichts! Aber … der Koffer meines ältesten Sohnes fehlt.“ Das Schicksal aller Flugreisenden hatte wieder einmal zugeschlagen: Gepäckverlust! Warum musste mir das passieren?

 

„Nicht gut! Wir brauchen jetzt das Ticket ihres Sohnes und den Gepäckabschnitt, dann machen wir sofort Meldung.“ Ich atmete tief durch. „Einmal eine Suchanzeige bei der Lufthansa und dann hier am Flughafen beim Lost-and-Found-Office.“

 

„Jost ist mit Sylvia, meiner Frau, noch in der Ankunftshalle. Sie suchen die anderen Gepäckbänder ab. Vielleicht ist er ja nur auf ein falsches Band gekommen.“ Überzeugt von seinen eigenen Worten schien der Mann mit dem Holzfällerhemd jedoch nicht zu sein. „Vielleicht können sie irgendetwas machen?“

 

„Wie gesagt, wir brauchen den Gepäckabschnitt ihres Sohnes.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Ohne den können wir leider nichts machen!“

 

„Papa? Muss Jost jetzt wieder nach Hause?“ Dann war das wohl Sven, der Jüngere.

 

Ich blickte auf den Teenager, der mir bis zum Kinn reichte. „Nein! Du wirst auf deinen Bruder nicht verzichten müssen. Er aber wohl ein paar Tage auf sein Gepäck!“

 

„Menno!“ Der Blondschopf stampfte mit dem Fuß auf. „Ich hab mich schon so auf ein Einzelzimmer gefreut! Jost ist doof! Ich will nicht mit ihm auf ein Zimmer.“

 

Oma und Opa Laufenberg grinsten und auch ich konnte mich eines Schmunzelns nicht erwehren. Der Mann in der Cordhose schien jedoch ob der Äußerung seines Sprösslings etwas konsterniert. „Sven, das kann man so nicht sagen! Dein Bruder … er hat in letzter Zeit … Probleme, aber …“

 

Ein erneuter Stampfer erfolgte. „Seit meinem Geburtstag im August ist er so doof, … nur, weil ich ihn nicht bei meiner Party haben wollte? … Er ist doch viel zu alt! Außerdem mag Susu ihn nicht!“

 

Das konnte ja heiter werden, zwei sich ewig streitende Brüder in einem Haufen von potenziellen Auftraggebern. „Wer ist denn Susu?“

 

„Meine Freundin!“ Der Kleine war stolz wie Oskar. „Sie geht in meine Klasse!“

 

Ich zog die Augenbrauen hoch. „Vielleicht … war er nur eifersüchtig … auf dich und deine Susu?“

 

„Meinst du?“ Fragende Augen blickten mich an. „Das könnte sein! Er hatte ja nie eine Freundin!“

 

„Also haben wir den Grund gefunden, warum er so komisch ist.“ Ich legte dem Kleinen meine Hand auf die Schulter. „Aber das ist kein Grund, deinen Bruder zu verwünschen! Was soll ich denn sagen? Ich bin mit drei älteren Brüdern aufgewachsen! Was meinst du, wie oft ich die in den Atlantik treiben wollte, weil sie mir auf den Keks gingen? Und was mach ich jetzt? Einer meiner Brüder hat Bockmist gebaut und jetzt ich spring für ihn ein.“

 

„Du … du hast drei Brüder?“ Der Steppke war drollig.

 

Ich nickte. „Ja! Luke, Chris und Greg, … aber ich bin immer noch der kleine Bruder, auch mit 22!“

 

„Du Armer!“ Er streckte mir die Hand entgegen. „Gib mir die Hand, Genosse!“

 

Ich ergriff sie. „So, und jetzt kümmere ich mich um das Problem deines großen Bruders, seinen fehlenden Koffer. Kleine Brüder müssen immer die Probleme der Großen ausbaden.“ Ich wandte mich wieder dem Vater zu. „Herr Jacobsen, wie gesagt, wir brauchen den Gepäckabschnitt und ihren Sohn. Aber zurück in den Ankunftsbereich können wir nicht.“

 

„Wie wäre es mit ausrufen?“ Der Redakteur schien ratlos.

 

„Wenn sie noch im Gepäckbereich sind, bringt das nichts.“ Ich stöhnte. „Ich müsste mich an die Verwaltung wenden, nur die kann Durchsagen dort machen, aber … ich kann im Moment nicht weg.“

 

Opa Friedrich räusperte sich. „Herr Gordon, ich habe immer die Anwesenheitslisten meiner Klassen abgehakt, kann also für sie übernehmen. Verraten sie mir nur, was ich den Leuten sagen soll, die mich ansprechen.“

 

„Fritzemann!“ Oma Laufenberg wirkte böse. „Du willst doch nur, dass ich mich mit unserem Gepäck abmühe! Das kannst du vergessen! Du schiebst diese dämliche Karre jetzt zum Bus, ich nehme die Liste und Herr Gordon kümmert sich um den Koffer. Außerdem … kannst du draußen rauchen!“

 

„Madga! Du bist ein Schatz! Ich weiß, warum ich dich liebe!“ Ein Strahlen war auf dem Gesicht des ehemaligen Deutschlehrers zu sehen. „Dann machen wir das so!“

 

Sollte ich was sagen? Innerlich schüttelte ich den Kopf. „Frau Laufenberg, bitte einfach nur abhaken und nach draußen zum Bus schicken. Ich sag jetzt meiner Kollegin Bescheid, dass es etwas länger dauern könnte. Der Rest … folgt mir bitte!“

 

Jenny gefiel die neue Lage auch nicht. „Da kann man nichts machen! Aber ich weiß jetzt Bescheid.“

 

Wieder im Terminal wandte ich mich sofort an den nächsten Informationsschalter. Nach Vorlage der entsprechenden Legitimation war man bereit, meinem Wunsch zu entsprechen. Das war erledigt! Als ich wieder neben Magda Laufenberg stand, blickte sie mich schelmisch an. Sie nahm meinen Kopf in ihre Hände und drückte mir einen Kuss auf die Wange auf. „Der ist von Daniel!“ Sie drehte mich und ihre Lippen trafen mich erneut. „Und der ist von mir!“

 

Die Frau überraschte mich immer wieder. „Äh, wie …“

 

„Weshalb ich sie von Daniel küssen sollte, weiß ich nicht!“ Sie grinste wie ein Schulmädchen. „Aber ich kann es mir denken. Und ich danke ihnen, sie haben mir Berchtesgaden erspart! So, und jetzt will ich zu meinem Fritzemann. Ach, bis auf Mutter und Sohn sind alle da.“ Sie ließ mich stehen.

 

Ich musste zwar noch ein paar Minuten warten, aber dann kamen die beiden Nachzügler. Zuerst sah ich nur Frau Jacobsen, hochgewachsene Figur, modische Kurzhaarfrisur, elegante Erscheinung. Hinter der Dame im grüngelben Kleid trottete ein junger Mann in Jeanshose und Lederjacke. Er schien geknickt zu sein. Die Frau begrüßte mich, aber groß antworten konnte ich nicht. Der Junge! Ein Blitz durchfuhr mich! Diese Augen! Einfach unbeschreiblich. „Äh … Gordon Lensing … Frau Jacobsen?“

 

„Die bin ich, aber Sylvia reicht. Unser Problem kennen sie ja anscheinend?“ Sie reichte mir die Hand.

 

„Ja!“ Gordon, komm wieder runter! „Ich bräuchte … jetzt den Gepäckabschnitt und das Ticket ihres Sohnes.“ Gordon, wo ist deine Zunge? Sabber ja nicht! „Dann können wir …“

 

„Jost!“ Sie blickte auf ihren Sohn, der mit offenem Mund hinter ihr stand. „Du hast gehört, … Jost!“

 

„Äh, ja Mama!“ Er blickte erst auf sie und dann auf mich. „Hier!“

 

Sie gab mir das Dokument weiter. „Und jetzt?“

 

‚Jetzt fall ich über ihren Sohn her und fliege mit ihm zum Mond!‘ Ich schüttelte mich. „Äh, … da ihr … Sohn über 18 … muss er …“ Warum stotterte ich? „… die Anzeige erstatten. Pass hat er?“

 

„Ja.“ Warum grinste sie?

 

„Gut! Sie können schon mal zum Bus, und den Rest … den Rest erledige ich jetzt.“ Ruhig Gordon!

 

„Alles klar.“ Sie wandte sich an ihren Sohn. „Schatz, du gehst jetzt mit Herrn Lensing mit.“

 

„Ja, Mama!“ Warum starrte er zu Boden?

 

Irgendwie gelang es mir dann doch, mich zum Handeln zu bewegen. „Einfach folgen.“

 

Die Anzeige des Gepäckverlustes bei Lost-and-Found war relativ einfach. Der Mitarbeiter machte sich Kopien von Ticket und Gepäckschein und ich übergab ihm eine Liste mit den Stationen der Rundreise. Das war es schon. Wir kamen aber überein, im Laufe des Abends noch einmal vorbeizukommen.

Bei der Lufthansa war die ganze Sache nicht so einfach. Die Dame am Schalter wollte neben den Reisedokumenten auch noch nähere Informationen zum Koffer und dessen Inhalt haben. Nachdem das erledigt war, verabredeten wir uns auch für den späteren Abend. Bis dahin würden sie sicherlich weitere Informationen für uns haben.

Der Junge mit den blonden Haaren, die von einigen dunklen Strähnen durchzogen waren, wirkte bei beiden Aktionen wortkarg und abwesend. Aber er gefiel mir, besonders seine leichte Stupsnase und, wenn ich richtig beobachtet hatte, hatte er auch Sommersprossen auf seinen Wangen. Der Typ war einfach nur süß und schnuckelig. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt, als er die ganze Zeit neben mir stand und sich die Worte aus dem Mund ziehen ließ. Am auffälligsten aber waren seine Augen, in die ich am liebsten ich ihn eingetaucht wäre. Die Farbe hatte ich noch nie gesehen: Smaragdgrün.

 

 

Endlich hatte ich wieder alle Tassen im Schrank, will sagen, alle Gäste saßen im Bus. Jenny fädelte sich in den nachmittäglichen Verkehr in Richtung William F McClellan Highway ein. Kurz bevor wir den Tunnel erreichten, irgendwie mussten wir ja auf die andere Seite der Bucht kommen, griff ich mir das Mikrofon und blies in Selbiges. Sofort hatte ich die Aufmerksamkeit, die wollte.

 

„Wenn auch mit leichter Verspätung, meine Damen und Herren, darf ich sie im Namen von Lensing Travel alle noch einmal recht herzlich willkommen heißen auf ihrer Rundreise durch den Indian Summer Neu-Englands bis nach New York.“ Vereinzelter Applaus war zu hören. „Damit sie wissen, mit wem sie es in den nächsten Tagen zu tun haben, darf ich uns kurz vorstellen: Am Steuer sitzt Jenny Dobbs, seit über zwanzig Jahren auf den Straßen unfallfrei unterwegs. Sie wird uns sicher von A wie Airport, über B wie Boston bis zum Z, sprich Ziel New York bringen.“ Ich atmete kurz durch. „Und mein Name ist Gordon Lensing, ich bin ihr Host, also Reiseleiter, Stadtführer, Dolmetscher, Ansprechpartner in allen Lebenslagen, Ersthelfer, Mädchen für alles in einer Person.“ Diesmal klatschten alle Gäste.

Wir fuhren in den Callahan Tunnel ein. „Wie sie sehen, dass Erste, was sie sehen, sind Tunnelwände, die sich von denen in Deutschland kaum unterscheiden.“ Einige lachten. „Sie werden in den nächsten Tagen einige Parallelen entdecken, aber auch feststellen, dass sich die Alte von der Neuen Welt unterscheidet, mal mehr, mal weniger deutlich. Aber ich will nicht vorgreifen. Lassen sie einfach die Eindrücke, die sie sammeln werden, auf sich wirken.“

Jenny wechselte die Fahrspur, das Ende des Tunnels nahte. „Bei ihren Reiseunterlagen befand sich auch der erste Zimmer-Voucher. Wenn wir gleich am Hotel ankommen, geben sie den bitte an der Rezeption ab. Nach dem Einchecken haben sie Zeit, die Zimmer zu beziehen und sich etwas frisch zu machen. Wir treffen uns dann um fünf Uhr im Raum Exeter im dritten Stock zum Begrüßungscocktail. Dort werde ich ihnen dann die weiteren Einzelheiten der Reise mitteilen.“ Ich holte noch einmal tief Luft. „Dort erhalten sie auch die Gutscheine für Frühstück und die beiden Abendessen, denn, anders als in Europa, ist in Stadthotels die Verpflegung meist nicht inklusive.“

Das Tageslicht hatte uns wieder. „So, und jetzt lassen sie die ersten Eindrücke auf sich wirken.“ Einige Teilnehmer applaudierten, andere murmelten Zustimmung.

 

Jenny blickte mich an. „Gefiel mir gut, kurz und schmerzlos. Ich dachte schon, bei so einer Sondertour käme jetzt eine ganze Litanei an Informationen.“

 

„Ich will die Gäste doch jetzt noch nicht erschlagen.“ Ich lachte sie an. „Sie sollen das Gefühl haben, eine normale Rundreise zu machen und an keiner extra entworfenen Sondertour teilzunehmen. Die verschiedenen Möglichkeiten kommen später. Außerdem, … die Leute sollen sich erst einmal vom Flug erholen, aufnahmebereit sind sie jetzt eh nicht.“

 

„Auch wieder wahr. Aber sag mal …“ Sie setzte den Blinker, das Sheraton war in Sicht. „… brauchst du mich heute Abend noch? Einige Reiseleiter wollen ja, dass die Fahrer als schmückendes Beiwerk bei der offiziellen Begrüßung anwesend sind, auch wenn sie nichts zu sagen haben.“

 

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, ich brauch dich erst wieder morgen früh zur Stadtrundfahrt. Du wirst eh in den nächsten Abenden mehr zu tun kriegen als üblich. Ich glaub, sie werden dich mit Fragen löchern.“

 

Sie verdrehte die Augen. „Alles klar, du bist der Boss.“

 

„Nein, nur der Tourguide … und sein Sohn.“ Ich lachte. „Aber du kannst mir einen Gefallen tun!“

 

„Welchen?“

 

„Könntest du mir zu Viertel nach sechs den Bereitschaftsfahrer schicken? Ich muss mit dem kleinen Jacobsen noch mal zum Flughafen und sehen, ob der Koffer mittlerweile gefunden wurde.“ Ich setzte meinen Dackelblick auf. „Wenn ich die Taxikosten abrechne, killt mich … der Boss!“

 

„Das will ich ja nicht!“ Sie lachte. „Alles klar, wird erledigt.“

 

 

Das Einchecken verlief ohne große Probleme, die Formalitäten bei den Laufenbergs erledigte ich und auch dem Paar aus Leipzig musste ich behilflich sein, beide sprachen nur Russisch als Fremdsprache. Ich blickte auf die Uhr, ich hatte noch fast eine halbe Stunde für mich, ehe ich wieder in die Bütt musste. Ich entschied mich für einen kurzen Spaziergang um den Block, um das eine oder andere Rauchopfer darzubringen. Auch musste ich wieder klar im Kopfe werden.

Ich hatte gerade das Hotel verlassen und mir eine Zigarette angesteckt, als mich jemand von hinten antippte. Erschrocken zuckte ich zusammen und drehte mich um. Ich blickte in grüne Augen, Jost stand vor mir. Hatte ich schon geschrieben, dass ich in diese Augen versinken könnte? „Äh? Alles klar?“

 

„Wie man es nimmt!“ Er lächelte mich verlegen an. „Aber, Herr Lensing, ich hätte da …“

 

„Bitte nenne mich Gordon. Wir sind gleich alt und …“ Wo ist meine Zigarette?

 

„Ich mag das Sie auch nicht. Ich bin Jost.“ Er schaute verlegen zu Boden.

 

„Also Jost!“ Warum wollte ich ihn küssen? „Was kann ich für dich tun?“

 

„Ich … ich hab ein kleines Problem …“ Er starrte auf seine Füße. „Sie sind … äh … du bist ja der Ansprechpartner in allen Lebenslagen. Aber … ich will dich in deiner Pause nicht stören. Du hast sicherlich noch genug zu tun, mit der ganzen Truppe.“ Er wandte sich leicht ab.

 

„Du störst nicht!“ Wirklich nicht! „Also, … was kann ich für dich tun?“

 

Er zog mich verlegen vom Eingang weg. „Ich würde jetzt gerne eine rauchen. Meine Eltern sind die absoluten Nichtraucher, aber nach der ganzen Aufregung …“

 

Wir gingen ein paar Schritte und ich kramte meine Packung hervor. „Hier!“ Ich tippte an die Packung, er nahm sich einen Glimmstängel. „Feuer?“

 

Er nickte. „Ja bitte!“

 

Seine schlanken Finger legten sich komplett um meine rechte Hand, die das Feuerzeug hielt. Mich durchzuckten Blitze! „Bitte! Was kann ich sonst noch für dich tun?“

 

„Tut das gut!“ Er inhalierte tief. „Die Bitte, die ich an dich habe, mag zwar etwas merkwürdig klingen, aber …“ Er wirkte wieder verlegen. „… ich bräuchte was von dir?“

 

Meinen Körper? Mein Herz? Meinen Verstand? Du kannst alles haben! „Was?“

 

„Mein Koffer ist doch weg …“ Er atmete tief ein. „… und ich will mich duschen.“

 

„Du brauchst Duschzeug?“ Das war das Erste, an das ich denken konnte.

 

Er schüttelte den Kopf. „Nein, … das kann ich mir von meinem kleinen Bruder leihen und im Hotel sind genügend kleine Fläschchen. Ich bräuchte eher …“

 

Meinen Körper? Mein Herz? Meinen Verstand? Du kannst alles haben! „Was?“

 

„Eine frische Unterhose!“ Er sog die Luft wieder tief ein. „Ich mag es nicht, wenn ich nach dem Duschen wieder in die gleiche Unterwäsche steigen muss. Die von meinem Bruder sind zu klein, die von meinem Vater zu groß … und … und wir … wir haben fast die gleiche Figur.“

 

Ich musste grinsen. „Kein Thema! Wir rauchen auf und gehen dann in mein Zimmer. Selbstverständlich helfe ich dir mit dem Teil aus. … Ich mag das nämlich auch nicht! Gebrauchte Unterwäsche ist einfach nur abartig!“ Ich schüttelte mich.

 

„Danke!“ Er umklammerte meine Hand, die Blitze folgten erneut.

 

Ich muss zugeben, meine Knie zitterten, als wir mein Zimmer betraten. Warum kam ich mir vor wie ein kleiner Junge vor seinem ersten Rendezvous? „Was möchtest du haben? Boxer oder Retro?“

 

„Einer Boxer reicht!“ Er blickte zu Boden. „Mit der kann ich dann auch zu Bett gehen und bis Morgen müsste meine ja, wenn ich sie gleich noch wasche, wieder trocken sein.“

 

„Quatsch!“ Ich blickte ihn ernsthaft an. „Es gibt hier einen Wäscheservice, also selbst Hand anzulegen … brauchst du nicht! Wir müssen nach dem Begrüßungscocktail sowieso noch einmal zum Flughafen, vielleicht wissen wir dann schon mehr.“ Ich ging an meinen Koffer und griff in den Unterhosenstapel. „Hier, eine Retro für gleich, eine für morgen und eine Boxer für die Nacht. Hier sind noch zwei weiße Shirts, die müssten eigentlich passen.“

 

„Danke! Wie kann ich das wieder gut machen?“ Warum stammelte er?

 

„Jost, kein Thema!“ Ich blickte ihn an. „Diese Art von Problem ist einfach zu lösen.“

 

„Wenn es auch mit den anderen so einfach wäre, …“ Er nickte mir noch zu und verließ mein Gemach.

 

Ich blickte ihm nach. Irgendetwas stimmte mit dem Kerl nicht, da war ich mir sicher. Aber was? Das war die Frage aller Fragen. Hatte ich Hoffnungen? War er vielleicht der, den ich suchte? Ich wusste es nicht! Maß ich den Äußerungen seiner Angehörigen zu viel Bedeutung zu? Ich wusste es nicht! Ich atmete tief durch. Ein Blick auf die Uhr riet mir aber, noch einmal das Hotel zwecks Rauchopfer zu verlassen, bald würde wieder die Pflicht rufen. Mit meinem Aktenkoffer bewaffnet verließ ich das Hotel, verbrannte draußen auf dem Vorplatz noch etwas Tabak, um dann, um kurz vor fünf, den Fahrstuhl zum 3. Stock zu betreten. Die Pflicht hatte mich wieder!

 

Die über 40 Personen, die sich im Exeter-Raum versammelt hatten, erwiesen sich als recht gelehrige Truppe, große Zwischenfragen gab es nicht. Die Vorstellung der Reise verlief ohne große Probleme, auch die Verteilung der Essensgutscheine für das Hotel machte keine Schwierigkeiten. Als alle Formalitäten erledigt waren, winkte ich die Kellner heran, sie sollten die Drinks verteilen.

„Wenn jetzt jeder von ihnen etwas zu trinken in der Hand hat, dann lassen Sie uns bitte auf einen guten Reiseverlauf anstoßen; mögen uns die Götter der Straße gewogen sein.“ Ich erhob mein Glas und prostete den Anwesenden zu. „Aber … bevor wir jetzt das Glas leeren, möchte ich denjenigen, die nicht so häufig über den Atlantik fliegen, noch einen kleinen Tipp geben. Ich weiß, es gibt das Problem des Jet-Lacks, die innere Uhr entspricht nicht mehr der Äußeren!“

Einige der Anwesenden nickten, auch war zustimmendes Gemurmel zu hören. „Um nicht zu lange an dieser Zeitverschiebung zu leiden, kann ich ihnen nur einen kleinen Rat geben. Auch wenn es ihnen jetzt wirklich schwerfallen sollte, … ich weiß, die meisten von ihnen sind jetzt über 24 Stunden auf den Beinen und haben im Flugzeug nur wenig geschlafen …“ Ich blickte in die Runde. „Bitte tuen sie mir den Gefallen und halten sie sich nach dem Essen noch mindestens zwei bis drei Stunden wach.“

Einige ungläubige Augen blickten mich an. „Wenn sie sofort nach dem Abendessen ins Bett gehen, sind sie spätestens um vier Uhr in der Nacht wieder putzmunter. Wenn sie aber noch einen kleinen Spaziergang am Flussufer unternehmen, in eine Bar einkehren und dort einen Drink zu sich nehmen, oder noch den Poolbereich aufsuchen, …“ Ich lachte meine Gäste an. „… dann kann ich ihnen versprechen, sie stehen morgen erst um sieben auf, frühstücken und sind wieder in ihrem normalen Rhythmus. In diesem Sinne …“ Ich erhob erneut mein Glas. „… auf eine gute Reise!“

 

Ein kleiner Small Talk folgte, das Paar aus Leipzig bedankte sich noch einmal für die geleistete Hilfe, Oma Laufenberg überreichte mir das Päckchen von Daniel. Eigentlich ein gelungener Abend, dann aber kam die gesamte Familie Jacobsen auf mich zu. „Herr Lensing! Was ist nun mit dem Koffer?“

 

Ich wurde in die Realität zurückgeholt. „Ich habe schon einen Wagen bestellt, ich werde gleich mit ihrem Sohn zum Flughafen fahren. Mal schauen, was die Verantwortlichen dann zu uns sagen.“

 

Mutter Jacobsen blickte mich verwirrt an. „Was ist denn, wenn er unauffindbar ist?“

 

„Wir wollen ja nicht vom Schlimmsten ausgehen. In der Regel ist ein Koffer nach drei bis vier Tagen wieder beim Empfänger.“ Ich blickte sie an, sie hatte zwar auch grüne Augen, aber die Farbe war nicht so intensiv wie bei ihrem Sohn. „Das Problem, dass wir haben, wir sind auf einer Rundreise. Es nützt uns gar nichts, wenn die Lufthansa, so sie denn den Koffer gefunden hat, ihn ans Sheraton hier nach Boston schickt und wir sind mittlerweile in Portland. Notwendige Ersatzkleidung wird zu 50% erstattet, Körperbedarf zu 100%.“

 

„Wir müssen also einkaufen gehen?“ Welche Frau geht nicht gerne Shoppen? „Auf unsere Kosten?“

 

Ich nickte. „Das sind nun einmal die Richtlinien. Sie müssen sich das Notwendige besorgen und die Quittungen hinterher einreichen. Dann kriegen sie das Geld wieder, aber jede Fluglinie hat andere Richtlinien, abhängig von der Klasse, in der sie geflogen sind. Normalerweise kann man sagen, ein Koffer in der Economy ist mit 1.200 Euro versichert.“

 

„Und ich wollte morgen in die Museen!“ Mutter Jacobsen schluchzte.

 

Das war meine Chance! Der morgige Nachmittag war ja sowieso frei, also warum sollte ich nicht mit Jost einkaufen gehen? „Sylvia, ich werde das machen, sie können ihr Programm durchziehen. Ob ich nun im Hotel sitze oder mit Jost einkaufen gehen werde, … ich bin ja der Retter in der Not.“

 

„Günni, hast du das gehört?“ Sie blickte ihren Mann an. „Gib ihm sofort deine Kreditkarte!“

 

Guntram Jacobsen, genannt Günni, hatte wohl in der Familie nicht viel zu sagen, er griff sofort sein Portemonnaie und reichte mir seine Karte, eine Amex Platin. „Bitte!“

 

Ich stutzte. „Kurze Frage … haben Sie die Reise ihres Sohnes mit der gleichen Karte bezahlt?“

 

Er nickte. „Ja, habe ich. Wieso fragen sie?“

 

„Weil es dann erheblich einfacher ist.“ Ich blickte ihn lächelnd an. „Wenn ich recht informiert bin, haben sie ab sechs Stunden Kofferverspätung Anspruch auf 400 Euro Schadensersatz. Nach weiteren 24 Stunden verdoppelt sich der Betrag. Sie müssen nur die Hotline informieren … Man kann ja zweigleisig fahren!“ Ich kniff ihm ein Auge zu.

 

„Wenn das so ist, dann machen wir das so.“ Er schaute mich verschmitzt an. „Die Karte …“

 

Ich schüttelte den Kopf. „Brauchen wir heute nicht mehr. Heute wird eh nicht mehr viel passieren.“

 

„Dann telefonier ich gleich mal.“ Er steckte das Plastikteil wieder ein. „Und was machen wir jetzt?“

 

„Sie gehen jetzt zum Abendessen und ich fahre mit ihrem Sohn zum Flughafen.“ Ich blickte ihn an. „Jost und ich essen dann später, denn das Restaurant hat ja bis elf geöffnet.“

 

„Dann sage ich mal, wir sehen uns später. Jost, wenn du wieder da bist, melde dich bitte. Mama und ich sind in der Bar. Haben wir uns verstanden?“ Was war das denn? Junior war längst erwachsen.

 

Mein Traummann wirkte kleinlaut. „Ja, Papa!“

 

„Jost, hol du jetzt deine Jacke und wir sehen uns in zehn Minuten in der Lobby.“ Ich zwinkerte ihm zu. „Ich mach dann noch mal kurz die Runde und folge dann stante pede.“

 

„Mach ich, Gordon.“ Warum zuckte er zusammen, als seine Mutter ihn anschaute?

 

Ich ging noch mal durch die gelichteten Reihen, machte hier und da kleine Avancen, und stürmte dann die Treppe runter in Richtung Rezeption. Er wartete schon am Eingang. Ich klopfte ihm auf die Schulter. „Kommst du?“

 

Er erschrak. „Ach, du bist es!“ Sah ich so schlimm aus?

 

„Yepp.“ Ich blickte in seine grünen Augen. „Ich glaube, der Wagen ist schon da. Können wir?“

 

 

Der Besuch bei Lost-And-Found am Flughafen brachte keine neuen Erkenntnisse, der Koffer war nie in Boston angekommen, der Flughafen war also schuldlos. Sie würden aber sofort die Weiterleitung veranlassen und auch die Daten der Rundreise beachten.

Die Dame bei der Lufthansa war anfangs auch so freundlich. Ihre Recherchen hätten ergeben, dass der Koffer vor einer Stunde gefunden worden sei. Er wäre in Frankfurt versehentlich in der falschen Maschine gelandet und würde sich jetzt in Asmara befinden.

 

Ich blickte die Frau fragend an. „Entschuldigung … aber wo ist das?“

 

Sie lachte. „Da musste ich auch erst mal nachschauen. Asmara liegt in Eritrea und das ist in Afrika.“

 

Wieder etwas gelernt! „Und nun? Wie kommt der Koffer jetzt hierher?“

 

„Sie haben Glück, morgen Abend geht eine Maschine über Jeddah nach Frankfurt und von da aus geht es dann nach Boston.“ Sie schien erleichtert zu sein. „Sie können den Koffer dann am Mittwoch gegen vier hier abholen.“

 

Ich schüttelte den Kopf. „Das funktioniert nicht!“

 

„Wieso?“ Die Frage war noch in höflichem Ton formuliert.

 

Ich blickte die Dame im blauen Kostüm scharf an und holte erst einmal tief Luft. „Gemäß Montrealer Abkommen sind sie verpflichtet, den Koffer an den Empfänger zu liefern. Außerdem ist Herr Jacobsen Teilnehmer an einer Rundreise durch den Indian Summer und am Mittwoch schon nicht mehr in Boston, sondern in Portland.“

 

Sie überlegte kurz. „Dann schicken wir ihn mit UPS oder DHL eben dahin.“

 

Ich schüttelte den Kopf, gute Dame hatte anscheinend keine Ahnung, was eine Rundreise ist, jede Nacht ein anderes Hotel in einer anderen Stadt. „Das funktioniert auch nicht! Wenn der Koffer erst nach 8 Uhr geliefert wird, werden wir schon wieder im Bus sitzen.“

 

„Wohin sollen wir ihn denn dann schicken?“ Sie wurde leicht unwirsch.

 

„Am besten an das Hotel in Rutland, Vermont. Aber sie haben ja sämtliche Daten, die habe ich ihnen heute Nachmittag ja schon gegeben.“ Ich öffnete den Aktenkoffer, suchte eine Kopie der Hotelliste und wedelte mit dem Papier. „Ich kann sie ihnen gerne aber noch einmal gegeben, zur Sicherheit!“

 

„Lassen sie mal, ich habe sie ja in den Unterlagen.“ Geht doch! „Aber, wenn die Frage gestattet ist, wer sind sie eigentlich? Warum sprechen sie für Herrn Jacobsen?“

 

Die Frage war berechtigt. „Ich bin der Reiseleiter der Tour, an der Herr Jacobsen teilnimmt. Mein Name ist Gordon Lensing, meinem Vater gehört Lensing Travel und ich bin eigentlich sein Assistent.“

 

„Sie sind als der Reiseleiter!“ Wieso schaute sie so komisch?

 

Ich blickte Jost an, der wieder einmal stumm neben mir stand. „Und jetzt hätte Herr Jacobsen gerne einen Vorschuss, um sie neu einzukleiden.“

 

Sie schaute mich an, als ob ich sie gebeten hätte, für uns ihre Bluse zu öffnen. „Was wollen sie?“

 

Ich setzte mein strahlenstes Vertreterlächeln auf. „Geld … natürlich gegen Quittung … versteht sich. Mit welcher Stelle müssen wir eigentlich abrechnen? … Mit ihnen oder am Abflughafen? Hamburg und Frankfurt sind ja auch möglich oder gibt es eine Stelle im Konzern, die dafür zuständig ist?“

 

Sie bekam den Mund fast nicht mehr zu. „Dafür ist die Zentrale zuständig. Was wollen sie denn so dringend kaufen?“

 

„Nur das Nötigste!“ Jost hatte seine Stimme doch noch nicht verloren.

 

Ich nickte. „Socken, Unterwäsche, ein paar Shirts, ein oder zwei Hemden, eine Jeans zum Wechseln, ein Pullover, Rasierer, After Shave, Zahnpasta, Zahnbürste, Kamm … und eine Tasche, irgendwie muss er das Zeug ja transportieren.“

 

„Einen Notwaschbeutel können sie auch von mir kriegen.“ Warum stotterte sie jetzt? Es war noch nicht ihr Geld, was wir wollten. „Bei dem Rest … das geht nicht!“

 

„Frau …“ Ich schaute auf das Namensschild. „Frau Homberg, glauben sie mir, das geht! Erstens sind sie dazu verpflichtet, Herrn Jacobsen zu helfen, sowohl rechtlich als auch moralisch. Zweitens ist die Rundreise, an der Herr Jacobsen teilnimmt, eine Sondertour für Zeitungsredakteure aus der ganzen Bundesrepublik. Vom Hamburg Abendblatt bis zum München Merkur, vom Kölner Stadt-Anzeiger bis zur Berliner Morgenpost sind alle großen Zeitungen vertreten. … Ach ja, der Reiseredakteur der FAZ nimmt mit Gattin auch teil. Die Damen und Herren mussten wegen des vermissten Koffers schon fast eine Stunde warten.“ Ich blickte in versteinerte Augen. „Wollen sie eine Teilnehmerliste haben?“

 

Sie schnaubte. „Wollen sie mich etwa erpressen?“

 

Ich zog meine Augenbrauen hoch. „Frau Homburg, welch unschönes Wort! Ich wollte ihnen lediglich ein paar Informationen zukommen lassen, die sie oder ihr Supervisor vielleicht noch nicht hatten. Den möchte ich auch sprechen, falls wir uns nicht einigen sollten. Oder soll ich gleich die Verwaltung in Frankfurt anrufen?“

 

„Was wollen sie?“ War die Gute kurz angebunden!

 

„Einmal einen Vorschuss von mindestens 300 Dollar gegen Quittung und dann ein Schreiben von ihnen, dass eventuelles Übergepäck von Herrn Jacobsen ohne Berechnung von JFK via Frankfurt nach Hamburg transportiert wird.“ Ich grinste sie an. „Dann bräuchte ich noch drei Kopien von der Verlustanzeige mit ihrem Stempel und ihrer Unterschrift. Das ist alles!“

 

„Moment, ich muss mal telefonieren!“ Sie wirkte immer noch leicht geschockt. „Soviel Bargeld darf ich ohne Genehmigung nicht rausgeben.“

 

„Machen sie das! Wir wollten eh jetzt noch eine Zigarette rauchen.“ Ich erhob mich und Jost tat das Gleiche. „Wir sehen uns dann in fünf Minuten, Frau Homburg.“

 

 

Als wir dem Tabakkonsum außerhalb des Gebäudes frönten, blickte mich Jost verwundert an. „Mann, ich dachte, ich sterbe gleich. Die Gute hat doch auch nur nach ihren Richtlinien gehandelt, da kann man doch nichts machen. Gut, sie wollte mich mit fast nichts abspeisen, aber wenn nichts anderes geht? Du hast sie zwar rumgekriegt, wenn auch mit etwas nicht ganz legalen Mitteln, aber egal.“

 

Ich schüttelte den Kopf. „Jost, du bist typisch Deutsch. Regeln, Regeln, Regeln! Aber wer macht die?“

 

„Wie meinst du das?“ Er wirkte verunsichert.

 

„Nun, es gibt das Montrealer Übereinkommen über den Flugverkehr, danach stehen dem Reisenden gewisse Rechte zu. Aber das Abkommen ist zwischen Staaten geschlossen worden und nicht durch die Fluggesellschaften, für die es gilt.“ Ich nahm einen Zug. „Aber die Airlines sind gewinnorientierte Unternehmen, wollen Geld einnehmen und so wenig wie möglich ausgeben. Wenn es nur eine Regel gibt, wieso wird dann ein Fall von Gepäckverlust bei Air France anders gehandhabt als bei British Airways?“

 

Er blickte mich fragend an. „Weil die Gesellschaften die Regeln auslegen?“

 

„Genau! Und du darfst nicht vergessen: Orwell gilt auch im Flugverkehr!“ Ich lachte.

 

„Alle sind gleich aber einige sind gleicher?“ Seine Augen!

 

„Yepp, du fliegst von Frankfurt nach New York. Wieso kriegst du, wenn du Economy fliegst, weniger Meilen gutgeschrieben als in der Business oder der First? Es ist doch die gleiche Strecke, das gleiche Flugzeug, nur der Service ist ein anderer?“ Ich schaute ihn an. „Warum wird ein Vielflieger bevorzugt behandelt, kann in die Lounge und der, der nur einmal im Jahr fliegt, musst seinen Kaffee bezahlen?“

 

Er grinste. „Weil der mehr Geld bringt!“ Diese Augen!

 

„Du hast es!“ Ich lachte ihn an. „Du machst Urlaub und dein Koffer ist weg. Natürlich würdest du dir dein Gepäck am liebsten selbst abholen, du willst es ja haben, du brauchst es! … Aber du zahlst dann auch die Kosten: weniger Freizeit, die Fahrt zum Flughafen … Die Airlines sparen und du bist der Dumme.“ Wieso wollte ich ihn küssen?

 

„Aber wieso bin ich typisch deutsch?“ Neugier lag in seinem Blick.

 

„Weil du dich erst den Regeln unterwerfen wolltest: der kleine Reisende und die große Gesellschaft! David gegen Goliath.“ Ich machte die Zigarette aus. „Ich habe die gute Frau lediglich auf ihre Pflichten hingewiesen und die möglichen Folgen, die ein typisches Firmenverhalten in deinem speziellem Fall haben könnte. Ich nenne das einfach Waffengleichheit.“

 

„Danke dir!“ Sein Augenaufschlag war unbeschreiblich. „Dann … auf in den Kampf!“

 

 

Als wir wieder am Schalter waren, ging alles recht zügig. Jost kriegte gegen Unterschrift 500 Dollar, einen Freibrief für Übergepäck, zwei weitere Schriftstücke und die drei Kopien der Schadensmeldung. Dass die Verabschiedung frostig verlief, lasse ich einmal unerwähnt.

Auf der Rückfahrt zum Hotel strahlte er mich die ganze Zeit an. Am liebsten hätte ich ihn vernascht, aber ich musste mich ja beherrschen. Als wir vor dem Sheraton anhielten, bedankte ich mich beim Fahrer für dessen Geduld. Er grinste mich an nur an, es wäre ja für die Firma gewesen.

 

Jost blickte mich an, als der Wagen abfuhr. „Gehen wir sofort zum Essen oder sollen wir erst die Jacken wegbringen?“

 

„Die werden wir gleich noch brauchen. Im Restaurant herrscht nämlich Rauchverbot.“ Ich lachte ihn an. „Und nach dem Essen …“

 

„… soll man rauchen oder eine Frau gebrauchen!“ Die letzten Worte sprach er leicht angewidert aus.

 

„Und kann man beides nicht ergattern, lass die Handmaschine rattern!“ Ich lachte. „Lass uns sofort zum Essen, den Aktenkoffer kann ich auch an der Rezeption deponieren. Kommst du?“

 

„Aber immer doch!“

 

Das Restaurant war gut besucht, ebenso die angrenzende Bar. Die meisten meiner Schäfchen hatten anscheinend meinen Rat befolgt, denn ich erkannte viele Gesichter wieder. „Willst du zu deinen Eltern, die sitzen da hinten.“ Ich deutete in Richtung Wand.

 

„Ne, lass mal. Die sitzen ja schon zu fünft am Tisch.“ Oma und Opa Laufenberg saßen bei den drei anderen Jacobsens. „Lass uns lieber alleine …“

 

„Your wish is my order!“ Ich lachte und winkte den Ober heran. „A quiet table for two, please!“

 

 

Beim Essen war er anfangs ebenso gesprächig wie am Schalter der Lufthansa, man musste ihm fast jedes Wort aus seiner süßen Nase ziehen. Aber mit abnehmendem Inhalt seines Bierglases wurde er etwas redseliger. Allerdings gab er auch da nicht viel Persönliches von sich preis. Ich erfuhr lediglich die Eckdaten: Geburt, Kindergarten, Schule, Abitur und Bundeswehr. Ab Mitte Oktober wollte er in Hamburg ein Studium der Journalistik und Kommunikationswissenschaften beginnen und so in die Fußstapfen seiner Eltern treten. Vater Jacobsen war beim Hamburger Abendblatt beschäftigt, Mutter Silvia schrieb als freie Journalistin für den Spiegel und den Stern.

 

„Dann bist du jetzt auf einer Art Forschungsreise?“ Ich blickte ihn fragend an.

 

Er schüttelte seinen Kopf. „Nein! Wie kommst du darauf?“

 

„Normalerweise sucht man sich kurz vor Studienbeginn eine neue Bleibe, eine Unterkunft. Aber da du in Hamburg studieren wirst, bleibst du wahrscheinlich erst einmal bei deinen Eltern wohnen.“ Ich schaute ihn an, er nickte. „Also weiter … da die Wohnungssuche ausfällt, hat man Zeit, man kann also in den Urlaub fahren, noch Spaß haben, Kraft sammeln … Ich hab zwei Wochen vor Studienanfang Ferien in Miami gemacht und richtig die Sau rausgelassen. Aber …“ Ich atmete durch. „… bitte versteh mich nicht falsch … welcher 20 Jahre alte Mann fährt freiwillig mit Mama und Papa und dem kleinen Bruder in den Urlaub? Als du sagtest, du willst Journalist werden, dachte ich …“

 

„Gut kombiniert, aber leider hast du die falschen Schlussfolgerungen gezogen.“ Ein leichtes Grinsen umspielte seine Lippen. „Ich will journalistisch eher in Richtung Politik und Wirtschaft. Rundreisen sind nicht so mein Ding, im Urlaub bin ich eher für Strand oder Wildnis und Abenteuer.“

 

„Aha, und warum begleitest du dann deine Familie?“ Ich versuchte, das Gespräch in Gang zu halten.

 

Jost blickte mich starr an. „Das hat eine andere Bewandtnis!“

 

Auch wenn mich diese Gründe brennend interessierten, schwieg ich lieber. Wenn er sie mir verraten wollte, würde er das irgendwann von sich aus machen. Jetzt danach zu fragen, hätte keinen Sinn. Ich schob den Teller beiseite, er war schon längst fertig. „Aha!“

 

Er schaute mich erstaunt an. „Überhaupt nicht neugierig?“

 

Diesmal schüttelte ich den Kopf. „Nein, ich bin kein Enthüllungsjournalist, will auch keiner werden. Ich bin nur einfacher Reiseleiter und seit letzter Woche Assistent der Geschäftsführung.“

 

„Und ein netter Mann!“ Er nahm den letzten Schluck Cola. Sein Augenaufschlag war göttlich.

 

„Danke für die Blumen!“ Ich grinste ihn an. „Das nächste Bier geht auf mich.“

 

„Gerne, aber hier im Hotel?“ Er wirkte verunsichert.

 

Ich zog die Augenbrauen hoch. „Entweder hier oder … es gibt ein paar nette Läden in der Gegend.“ Sollte ich forsch an die Sache herangehen? Mein näheres Interesse an ihm bekunden? „Deine Wahl!“

 

„Äh, dann lass uns mal aufbrechen.“ Er winkt den Kellner heran. „Nicht, dass meine Eltern …“

 

In diesem Moment tauchte Sylvia in Begleitung ihres Mannes an unseren Tisch auf. „Hier seid ihr!“ Mütter haben wirklich manchmal ein beschissenes Timing! „Na? Wie ist es gelaufen?“

 

Jost blickte erschrocken auf. „Gut. Erst wollte mich die Frau von der Lufthansa mit ein paar Brotkrumen abspeisen, aber Gordon hier!“ Er zeigte auf mich. „Gordon hat dafür gesorgt, dass ein ganzes Brot daraus wurde.“

 

„Dann erzähl doch mal, mein Sohn!“ Auch Günni hätte ich verwünschen können.

 

Jost berichtete von dem Geschehenen und dem Ergebnis, sprich dem 500 Dollar Vorschuss und der Erlaubnis für das Freigepäck. Während ich ihm so zuhörte, musste ich einsehen, dass aus ihm nie ein Reisejournalist werden konnte. Er konzertierte sich auf die wesentlichsten Fakten, malte nichts aus, blieb eher sachlich und kühl.

„Tja, und damit habe ich mindestens 1.300 Dollar zum Einkaufen.“ Er grinste seine Eltern an.

 

Vater Guntram lachte. „Ein Grund zum Feiern! Wollt ihr noch was trinken?“

 

Jost schüttelte den Kopf. „Ich heute nicht mehr. Ich bin einfach nur fertig und will nur noch ins Bett.“ Er erhob sich grinsend. „Aber du kannst gerne meine Getränkerechnung vom Essen übernehmen.“ Er gab seiner Mutter einen Kuss auf die Wange, wünschte allseits eine gute Nacht und zog von dannen.

 

Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Gerade eben noch wollten wir gemeinsam noch das Nachtleben erkunden und jetzt dieser plötzliche Rückzieher? Wie passte das zusammen? Wie gerne wäre ich ihm jetzt gefolgt, aber Mama und Papa Jacobsen saßen mir noch immer gegenüber. Ich blickte sie an.

Sylvia fuhr sich durchs Haar. „Gordon, was haben sie mit meinem Sohn gemacht?“

 

Ich blickte sie verwundert an. „Wir haben uns nur unterhalten, nicht mehr und nicht weniger.“ Ich war mir keiner Schuld bewusst, denn außer ein paar Berührungen zufälliger Art war nichts passiert.

 

Sie atmete tief durch. „So gesprächig war er seit Wochen nicht mehr!“

 

Was war mit dem Kerl los? Nein, ich meine jetzt nicht unbedingt in sexueller Hinsicht, er wurde, als Person, für mich immer interessanter. Ich grinste leicht. „Na ja, zu Anfang musste ich ihm auch jedes Wort aus der Nase ziehen, aber … mit der Zeit ging es dann. Wieso fragen sie?“

 

„Äh, Günni, übernimmst du mal die Getränke von diesem Tisch.“ Sie blickte ihren Mann liebevoll an. „Gordon will bestimmt nach dem Essen eine Zigarette … ich werde ihn um den Block begleiten.“

 

„Selbstverständlich, mein Schatz.“ Er winkte erneut den Kellner, der mit dem Kopf nickte. „Dann viel Spaß draußen in der Kälte. Deine Jacke hast du? Ich warte dann an der Bar auf euch.“

 

 

„Sie müssen mich für seltsam halten, Gordon, dass ich ihnen diese Frage gestellt habe!“ Sie blickte mich scharf an, als wir das Hotel verließen. „Ich bin vielleicht nur eine überbesorgte Mutter …“

 

Ich bot ihr zwar auch eine Zigarette an, aber sie lehnte dankend ab. „Ehrlich gesagt, Sylvia, ich wusste erst nicht, was ich von der Frage halten soll? Was soll ich schon gemacht haben? Meinen Job! Und … ich bin dabei, Jost kennen zu lernen. Mehr nicht!“

 

„Jost war nicht immer so! Er war immer so ein … aufgeweckter, intelligenter Junge. Wussten sie, dass er schon immer Journalist werden wollte? Gut, er war nie der Mensch, der sich in den Vordergrund stellte, aber … er war nie um ein Wort verlegen.“ Sie atmete tief durch. „Seit August war er wieder so verschlossen, einsilbig wie damals, als Peter … Ich erkannte ihn gerade gar nicht wieder!“

 

Warum erzählte sie mir das alles? Ich war doch nur ein Fremder. Gut, ich hatte ein gewisses Interesse an ihrem Knaben, aber das hatte ich ja noch nicht deutlich werden lassen. Ich vermutete, sie wollte einfach nur reden, ich spielte mit. „Was ist denn nun genau an Svens Geburtstag passiert?“

 

„Woher wissen sie …?“ Die Fragezeichen in ihren Augen waren unübersehbar, selbst in dem Licht der Straßenlaternen sah man sie deutlich.

 

Ich erzählte ihr kurz die Episode vom Flughafen. „Tja, und da ich nicht der Ansicht bin, dass ein Mann, der gerade von der Bundeswehr entlassen wurde, eifersüchtig auf die Freundin seines 14jährigen Bruders ist, …“ Ich schüttelte den Kopf. „… muss zu dem Zeitpunkt etwas vorgefallen sein.“

 

Sie wirkte verwundert. „Sind sie Psychologe?“

 

„Nein, nur einfacher Reiseleiter! Aber ein guter Zuhörer und Beobachter, und …“ Ich blickte sie an. „… wenn man in meinem Job gut sein will, braucht man eine gewisse Menschenkenntnis.“

 

„Das glaube ich gerne.“ Sie lachte leicht. „Was meinen sie, was es war? Was hat meinen Sohn so aus der Bahn geworfen?“

 

Warum passiert das mir? „Das weiß ich nicht, … jedenfalls noch nicht. Aber es muss etwas gewesen sein, was ihnen, liebe Sylvia, große Angst macht. Denn sonst hätten sie ihn nicht mitgenommen.“

 

„Wie kommen sie darauf?“ Furcht lag in ihrer Stimme.

 

„Nun, diese Tour ist eigentlich eine Reise für Redakteure, Lensing will ja das Geschäft mit den Leserreisen wieder ankurbeln. Sie sind die einzige Familie, die daran teilnimmt. Bei Sven könnte man annehmen, dass er in seinen Ferien nicht auf dumme Gedanken kommen soll mit seiner … Susu.“ Ich atmete tief durch. „Aber Jost könnte ohne große Probleme den Anstandswauwau für seinen kleinen Bruder im heimischen Norderstedt spielen. Somit stellt sich für mich die Frage: Warum nehmen sie auch den großen Bruder mit?“ Ich schnippte die Zigarette in den Rinnstein.

 

„Sie machen mir Angst!“ Sie wirkte erschüttert. „Ja, ich mache mir wirklich Sorgen um ihn.“

 

„Warum? Wieso sollte er sich etwas antun?“ Ich blickte ihr in die Augen.

 

„Ich … ich … ich glaube, es hängt irgendwie mit dem Unfall am Baggersee zusammen.“ Sie schluchzte.

 

„Baggersee?“ Ich war verwirrt. „Unfall?“

 

„Bei uns in der Nähe gibt es eine ehemalige Kiesgrube, sie wird als Badesee genutzt. Eine Woche vor Svens Geburtstag gab dort einen tödlichen Unfall. Jost war an dem Samstag auch am Badesee und seitdem …“ Sie unterdrückte ihre Tränen. „… seitdem war er … wieder so melancholisch. Schlimmer noch als damals …“

 

„Damals?“ Hatte die Geschichte noch ein Vorspiel?

 

„Ich glaube, ich muss etwas weiter ausholen.“ Sie atmete tief durch. „Ich weiß nicht, warum ich ihnen das erzähle, aber … der heutige Abend? Jost war fast wieder der Alte, wieder der Junge, den ich so lange vermisst habe. Irgendwie …“ Sie blickte mich an. „Als Jost so alt war wie Sven heute, war er auch so ein Tausendsassa: jeden Monat eine neue Freundin, keine Feier ohne ihn … Günni bekam dann die Stelle als leitender Redakteur in Hamburg, wir sind dann von Bremen fortgezogen. Nach dem Umzug … da fing er an, sich abzusondern. Viele Freunde hatte er nicht mehr, dafür verschlang er massenhaft Bücher, wurde zum richtigen Eigenbrödler.“

 

„Wie alt war er da?“ Ich wurde neugierig.

 

„Als wir nach Norderstedt zogen, war er 15, wurde 16. Als er dann aber in die Oberstufe kam, schien er sich wieder gefangen zu haben, er fing bei der Schülerzeitung an. Alles war wieder gut, dachte ich zumindest.“ Sie schniefte in ihr Taschentuch. „Der damalige Chefredakteur, Peter Krolljohann, wurde sein bester Freund. Jost sollte sein Nachfolger werden, Peter war ja eine Stufe über ihm.“

 

„Er wurde es aber nicht.“ Ansonsten hätte ihr Konjunktiv keinen Sinn gemacht.

 

Sie nickte verdutzt. „Stimmt, Peter verunglückte kurz vor den Sommerferien tödlich bei einer Reportage über illegale Autorennen. Bevor er in die 13 kommen würde, wollte er noch über ganz was Besonderes berichten, sein Meisterstück sozusagen. Er und Jost, die beiden wollten in den Ferien mit Interrail durch Europa.“ Sie schien gefasst. „Jost brach zusammen, wurde apathisch, ließ niemanden mehr an sich ran. Er hat dann über ein Jahr kein Wort mehr geschrieben. Erst als er die Abizeitung machen sollte, wurde er wieder …“

 

„Zugänglicher?“ Ich fragte nach.

 

„So kann man es sagen.“ Sie druckste etwas herum. „Jedenfalls hatte er wieder eine Aufgabe. Nach dem Abitur ist er dann zum Bund, zu den Gebirgsjägern nach Bayern. Er wurde zwar selbstständiger, aber auch einsamer. Erst als er wieder zu Hause war und erneut mit Volleyball anfing, ging es wieder besser. Er hat neue Leute kennen gelernt, bis … bis zu dem Unfall.“

 

„Seitdem war wieder Einsamkeit und düstere Stimmung angesagt, bis …“ Ich schaute sie an. „… bis ich auf der Bildfläche auftauchte?“ Einiges von dem, was Jost mir während des Essens erzählt hatte, bekam jetzt eine andere Bedeutung.

 

Sie nickte. „Das kann man so sagen. In den ersten Tagen nach dem Unfall sprach er kein Wort, aß fast nichts, rauchte wie ein Schlot und soff wie ein Loch. Er schluckte Schmerztabletten wie andere Leute Erdnüsse. Wir wussten uns keinen Rat mehr und da hat mein Mann bei Lensing angerufen und gefragt, ob wir nicht … eine Art Familienurlaub daraus machen könnten.“

 

Ich entwickelte mich langsam zum Kettenraucher. „Sylvia, kann es sein, dass Jost …“

 

Sie blickte mich fragend an. „Schwul ist? Der Gedanke ist mir auch mehr als einmal gekommen!“

 

„In meiner Familie nennen wir das verzaubert.“ Ich grinste. „Das würde so einiges erklären; auch Svens Bemerkung, Jost hätte noch nie eine Freundin gehabt.“

 

„Gordon, geoutet hat er sich nicht, aber? … Als Mutter spürt man so etwas.“ Sie versuchte, mir ein Lächeln zu schenken. „Ja, ich glaube, er ist … verzaubert. Aber was würde das erklären?“

 

„So fast alles!“ Frauen können manchmal auf der Leitung stehen. „Hat er vielleicht Angst, es zu sagen? Als homophob würde ich sie und ihren Mann jetzt zwar nicht gerade einschätzen, aber …“

 

„Wir sind alles andere! Mein Lektor ist schwul, mein Friseur, … der Neffe meiner Schwägerin soll es auch sein.“ Sie stieß die Luft aus. „Was meinst du, wie viel verzauberte Menschen in den Medien arbeiten? Hamburg hat ja auch einen schwulen Bürgermeister. Wir sind liberal und haben ihm das auch vorgelebt, ihn zu Offenheit und Ehrlichkeit erzogen. Er braucht wirklich keine Angst zu haben.“

 

„Dann kann er sich glücklich schätzen, aber …“ Ich überlegte, suchte nach Worten. „… aber vielleicht … vielleicht suchte er nur nach der passenden Gelegenheit, es euch zu sagen.“ Ich räusperte mich. „Ich meine, es ihnen zu sagen.“

 

„Wir können gerne beim Du bleiben.“ Sie musterte mich intensiv. „Du scheinst ein ziemlich wacher Beobachter zu sein. Wieso meinst du das? Auf die passende Gelegenheit gewartet?“

 

„Sylvia, wenn man entdeckt, dass man sexuell anders tickt als sein gesamtes Umfeld, dann muss man damit erst einmal selbst klarkommen.“ Ich aschte ab. „Dieser Prozess kann kurz sein, aber auch lang dauern, jeder Mensch ist da anders gestrickt. … Außerdem könnte er zu der Art von Leuten gehören, die ihre Umgebung lieber vor vollendete Tatsachen stellen.“

 

Sie blickte mich an. „Du meinst also nach dem Motto: Vogel, friss oder stirb?“

 

Ich nickte. „Genau! Eines Tages stehet er vor dir und sagt: ‚Hier Mama, das ist mein Freund, wir sind ein Paar, wir lieben uns!‘ Du hast dann nur die Wahl zwischen Himmel und Hölle.“ Der Stummel landete auf dem Pflaster. „Wie arbeitet Jost denn normalerweise? Im stillen Kämmerlein oder …“

 

„Warte mal …“ Sie kramte in ihrer Handtasche. „Bei der Abizeitung damals, da haben wir kurz über die Konzeption gesprochen, dann verzog er sich in sein Zimmer und kam erst mit den fertigen Druckfahnen wieder raus.“ Sie schnäuzte sich. „Du meinst also, er würde sich erst offenbaren, wenn er sicher wäre, den richtigen Mann gefunden zu haben?“

 

„Wäre eine Möglichkeit! Aber … wir können auch komplett falsch liegen …“ Ich hatte heute ja schon einmal die falschen Schlussfolgerungen gezogen. „… und die Sache ist ganz anders! Seine Angebetete könnte unerreichbar für ihn sein, entweder räumlich oder sie steckt noch in einer festen Bindung. Er könnte asexuell sein oder er liebt eine Frau, die deine Mutter sein könnte. … Vieles ist möglich.“

 

„Das kann nicht dein Ernst sein, das glaube ich nicht!“ Sie blickte mich irritiert an. „Ich bin mir fast sicher, dass deine erste Vermutung, die mit der festen Beziehung, stimmt, und ich bin seine Mutter. Aber … würdest du es herausfinden? Für mich und Günni?“

 

Diesmal hatte ich das Fragezeichen auf der Stirn. „Wie soll ich das denn machen?“

 

„Ihr geht doch morgen einkaufen?“ Sie grinste mich an. „Da kannst du ihm ja auf den Zahn fühlen. Ihr habt euch doch heute so gut verstanden, da dachte ich …“

 

Ich fasste mich an den Kopf. „Sorry, aber soll ich ihn zwischen Unterwäsche und Socken fragen: ‚Jost, sag mal, bist du eigentlich schwul?‘ und ihm dann bei den Hosen mitteilen: ‚Du, deine Eltern haben kein Problem damit!‘ … An der Kasse sag ich ihm dann, dass seine Eltern ihren Schwiegersohn kennen lernen wollen. Oder wie stellst du dir das vor?“ Ich starrte sie an. „Und … woher soll ich das Ganze wissen? Soll ich ihm sagen: ‚Du Jost, deine Mutter hat mir gestern Abend, nachdem du gerade vom Tisch aufgestanden bist, deine gesamte Lebensgeschichte erzählt.‘ Das wäre echt ein toller Einstieg für ein so intimes Gespräch.“

 

„Der Plan ist wohl doch nicht so gut!“ Sie wirkte konsterniert.

 

„Das habe ich nicht gesagt, aber …“ Ich atmete tief durch. „… aber so etwas macht man nicht mal eben en passant, dazu braucht man Zeit und muss den richtigen Moment abwarten. Der Wühltisch ist dazu nicht der richtige Ort!“

 

„Stimmt …“ Ein Hoffnungsschimmer machte sich auf ihrem Gesicht breit. „Vielleicht … wir haben ja den Ausflug zu den Niagara Fällen nicht gebucht. Wenn er da mitfahren würde, …“

 

„… das wäre eine gute Gelegenheit, das stimmt. Aber …“ Sie war mir gegenüber offen und ehrlich gewesen, also hatte sie Anspruch, dass ich es auch war. Normalerweise oute ich mich nicht vor Gästen, aber in diesem Fall war es nötig. „… Sylvia, ich muss dir noch was sagen!“ Verlegen schaute ich zu Boden. „… ich bin selbst verzaubert … und … und ich mag Jost.“

 

„Das war mir klar.“ Sie schmunzelte. „Sowohl das eine wie auch das andere!“

 

Ich blickte sie verwirrt an. „Wie?“

 

„Gordon, auch ich habe Augen im Kopf. Dein Stottern am Flughafen, dein Benehmen, und …“ Sie lachte mich an. „… ich habe euch beim Essen die ganze Zeit im Spiegel beobachtet. So, wie ihr euch angeschmachtet habt. Außerdem …“

 

„Was?“ Nun war ich neugierig.

 

„Nicht nur du bist ein guter Beobachter, auch ich kann Menschen einschätzen.“ Sie blinzelte mich an. „Außerdem …“ Wieder dieses Schmunzeln. „Meinst du, ich würde immer so offen mit Fremden über das Liebes- und Gefühlsleben meines Sohnes sprechen?“

 

„Auch wieder wahr.“ Nun musste auch ich grinsen. „Das hätte mir auffallen müssen.“

 

„Wir können ja drinnen an der Bar weiter sprechen, …“ Sie steuerte auf den Hoteleingang zu. „Günni wird sicherlich schon eine Vermisstenanzeige aufgegeben haben. Kommst du?“

 

 

Es wurde noch ein sehr anregender und gemütlicher Abend. Leicht angetrunken wankte ich in mein Bett und fiel in einen traumlosen Schlaf. Den Wecker hätte ich am Morgen verfluchen können, als er um sieben Uhr sein Werk tat, aber es nutzte nichts, die Pflicht rief und ich musste die gemütliche Nachtstatt verlassen.

Die folgende Dusche und die morgendliche Erleichterung (Wen ich mir dabei vorstellte, bleibt mein Geheimnis!) taten ihr übriges, um mich wieder in das Reich der Lebenden zu katapultieren. Der Tag konnte beginnen.

 

 

Die Stadtrundfahrt durch eine der ältesten und wohlhabendsten Städte der USA startete mit einer viertelstündigen Verspätung. Einige Gäste hatten zwar meinen Rat mit dem Besuch einer Bar befolgt, aber aus dem einen Drink wurden dann doch mehr, sie hatten schlicht verschlafen.

Das Programm beschränkte sich sowieso auf die wesentlichsten Punkte von Boston, wir hatten ja nur einen halben Tag Zeit, um das Athen von Amerika per Bus zu entdecken. Das Programm in der vom Old World-Charme geprägten Stadt endete auf der nördlichen Seite des Charles River bei der USS Constitution, dem ältesten noch schwimmen Kriegsschiff der Welt von 1797.

Ich hielt dort meinen Vortrag über die Boston Tea Party, den Auslöser des Unabhängigkeitskriegs gegen die Briten 1773 und die spätere Belagerung von Boston. Als ich geendet hatte, blickte ich in die Runde. „So, meine Damen und Herren, unsere Stadtrundfahrt endet hier. Ich hoffe, wir konnten ihnen einen kleinen Eindruck vermitteln, was die Hauptstadt von Massachusetts alles zu bieten hat. Der Rest des Tages steht ihnen zur freien Verfügung. Ich bedanke mich für ihre Aufmerksamkeit.“

Fast alle meiner Schäfchen spendeten Applaus. „Danke. Sie können jetzt Amerikas Pfad der Freiheit, dem Freedom Trail, folgen. Er führt sie zu sechzehn historischen Stätten in der Stadt, darunter dem Boston Common, dem Massachusetts State House sowie dem Old State House. Sie müssen einfach nur dem roten Faden auf dem Boden folgen.“ Ich deutete auf die rote Spur im Straßenpflaster. „Eine Kurzbeschreibung kann ich ihnen am Bus gleich gerne geben. Wem die vier Kilometer jedoch zu lang sind, um sie zu Fuß zu laufen, dem kann ich anbieten, wir fahren mit dem Bus jetzt zum Hotel zurück und halten noch einmal an der City Hall.“

Gemurmel machte sich breit. „Einen Satz noch: Das Hotel in Portland, in dem wir morgen nächtigen werden, hat leider keinen Pool. Wer also noch schwimmen möchte, der muss das heute Abend noch machen. Der Pool im Sheraton ist bis 22:00 Uhr geöffnet. So, das war es jetzt endgültig von meiner Seite.“

 

Fast alle meine Leute folgten mir zurück zum Bus, wo Jenny schon wartete. Viele Zettel verteilte ich nicht, die meisten nutzten die Mitfahrgelegenheit zum Rathaus und nahmen dort erst das Papier entgegen. Zum Hotel wollte niemand, Jost war das einzig übrig gebliebene Mitglied der Truppe, aber wir wollten ja auch einkaufen. Papas Kreditkarte hatte er, mit der Ermahnung, nicht zu viel Geld auszugeben, beim Ausstieg seiner Eltern an der City Hall erhalten. Wenn ich es richtig beobachtet hatte, steckte ihm Mama auch noch ein paar Scheine zu.

 

Ich schaute Jenny an. „Also für uns brauchst du nicht extra zum Hotel. Du kannst uns Beacon Ecke Dartmouth rauslassen.“

 

„Was wollt ihr denn da?“ Sie schaute uns irritiert an. „Da sind doch keine Geschäfte.“

 

„Stimmt, aber von da aus geht es zur Malborogh. Ich habe heute früh mit Luke telefoniert, Virginia leiht mir ihren Wagen.“ Ich grinste meine Fahrerin an. „Ich dachte, wir fahren ins Outlet Center nach Wrentham, da kriegt Jost alles auf einmal.“

 

„Stimmt, da gibt es fast alles. Dann mal los, meine Herren! Rein mit euch“ Wir fuhren keine zehn Minuten, dann war die Fahrt auch schon wieder zu Ende. Wir verabschiedeten uns von Jenny, sie wollte ihren letzten freien Abend in Ruhe genießen.

 

 

„Auch eine?“ Ich hielt ihm meine Packung Zigaretten hin, er wollte. Als er meine Hände berührte, blitzte es wieder in mir. Der Kerl war entweder elektrostatisch aufgeladen oder hatte was an sich, was mich magisch anzog.

 

„Hier wohnt also deine Familie? Noble Gegend.“ Er betrachtete die großen Häuser.

 

„Nein, nur mein Bruder samt Frau, drei Kindern und Schwiegereltern. Der Hauptwohnsitz der Familie Lensing ist immer noch New York. In Queens leben Mama, Papa, Oma Rita und normalerweise mein Bruder Greg“ Ich lachte ihn an. „Ich selber wohne in Brooklyn mit Blick auf die gleichnamige Brücke.“

 

„Du wohnst alleine?“ Er schaute mich fragend an.

 

„Ja, Paps und ich hatte vor ein paar Jahren so unsere Schwierigkeiten.“ Sollte ich ihm jetzt schon reinen Wein einschenken oder erst später im Wagen? „Lass uns langsam gehen, wir sind gleich da.“ Ich deute auf das Eckhaus vor uns. „Im Haus herrscht Rauchverbot.“

 

„Aha!“ Er war wieder einmal ziemlich einsilbig.

 

Noch ehe wir den Eingang erreicht hatten, kam Virginia uns entgegen. „Hallo, kleiner Schwager.“ Sie umarmte mich und blickte dann auf meinen Begleiter. „Und du musst Jost sein.“

 

„Ja, der bin ich.“ Er wirkte etwas verlegen.

 

„Freut mich.“ Sie reichte ihm die Hand. „Gordon, mein Wagen steht um die Ecke. Hier, die Schlüssel. Entschuldigt bitte, dass ich euch auf der Straße abfertige, ist normalerweise nicht meine Art, …“ Sie wirkte leicht abgehetzt. „… aber ich habe Philipp erst vor zehn Minuten hinlegen können. Der Kleine ist einfach zu aufgeregt, morgen kommen Oma und Uroma.“ Sie lachte. „Und wenn er jetzt noch seinen Lieblingsonkel hört, …“ Sie schüttelte den Kopf. „… dann dreht er ganz am Rad.“

 

„Kein Thema, ich seh‘ ihn ja heute Abend, wenn ich dir den Wagen wieder bringe.“ Ich küsste sie zum Abschied auf die Wange, Jost nickte ihr nur zu.

 

„Dann bis später, und wenn du eh schon unterwegs bist, …“ Sie grinste. „… kannst du gleich auch für mich tanken. Die Karte ist im Handschuhfach … Bussi!“

 

„Wird erledigt, meine Liebe.“ Ich wandte mich von ihr ab. „Bis später dann!“

 

Als wir am Wagen, einem silberfarbenem 2008er Ford Expedition, ankamen, bekam Jost große Augen. „Toller Schlitten. Nicht etwas groß für eine Frau?“

 

„Alter Macho!“ Ich lachte. „Bei drei Kindern plus Hund und Schwiegereltern kann es auch in dem Schlitten zu Platzproblemen kommen. Steig ein.“ Ich programmierte das Navigationssystem und startete den Motor. Man merkte die 300 PS, ein Vielfaches von dem, was mein kleiner Saturn Astra hatte. „So, dann wollen wir mal.“

 

„Fahren sie James.“ Die grünen Augen lachten.

 

„Jawohl, Sir!“ Ernst bleiben konnte ich auch nicht. Als wir links in die Clarendon einbogen, schaute ich ihn genauer an. Er war einfach nur süß.

 

„Wie lange fahren wir denn?“ Neugierig schaute er ich an.

 

„Gerade eben noch Macho und jetzt Kleinkind.“ Ich grinste ihn an. „Knapp eine Stunde um diese Uhrzeit, wir haben etwas über 30 Meilen vor uns.“

 

„Gibt es denn keine Kaufhäuser hier?“ Er blickte mich an. „Ich meine, hier in Boston?“

 

„Klar, aber hier zahlst du Bostoner Preise, im Outlet Store ist es erheblich günstiger und bei dem, was alles auf deiner Einkaufsliste steht, sparst du mindestens 300 Dollar. Außerdem …“ Ich grinste. „… kann ich auch mal wieder etwas einkaufen.“

 

„Als ob es in New York nichts geben würde!“ War das Ironie in seiner Stimme?

 

„Das sage ich ja gar nicht, aber die Sales Tax, also die Mehrwertsteuer, beträgt hier nur 6.25%, im Big Apple liegt sie bei 8,875%. Die Freigrenzen unterscheiden sich auch, hier in Massachusetts liegt sie bei $ 175 und nur der Betrag jenseits wird versteuert, bei mir daheim bei $ 110. Ab 111 wird die ganze Summe voll versteuert.“

 

„Freigrenzen?“ Ich spürte, dass er mich ansah. „Das erklär mir mal.“

 

Während der nächsten zehn Meilen gab ich meinem Beifahrer eine kleine Einführung in das US-amerikanische Steuerrecht, das Hauptaugenmerk lag auf der Mehrwertsteuer. „Ach ja, wenn du hier ein Preisschild siehst, musst du in der Regel die Steuer addieren, hier gilt das Netto-Preissystem.“

 

„Aha! Wieder was gelernt. Das wusste ich auch noch nicht.“ Er lachte. „Wie so vieles!“

 

„Man lernt halt nie aus.“ Ich blickte ihn an. „Auch nicht als angehender Student. Was willst du denn sonst noch wissen? Vielleicht kann ich dir helfen?“

 

Er druckste etwas herum. „Nicht wichtig!“

 

Ich grinste ihn an. „Wenn es nicht wichtig wäre, würdest du nicht fragen wollen. Also los! Ich höre!“

 

„Nun, du hast gesagt, du wohnst nicht mehr bei deinen Eltern wegen der Schwierigkeiten mit deinem Vater.“ Der Satz hatte ihn augenscheinlich Überwindung gekostet. „Welche Probleme waren das? Du musst nicht antworten, wenn du nicht willst.“

 

War das meine Chance? „Ich will es aber, denn ich hasse nichts mehr als Lügen. Wenn du es genau wissen willst, mein Vater hatte ein Problem mit meiner sexuellen Orientierung. Ich hoffe, du bist jetzt nicht geschockt, dass dein Fahrer auf Männer steht.“

 

„Äh, wieso?“ Er rutschte auf dem Sitz leicht nach vorne. „Ich hab keine Probleme. Ich … ich …“

 

„Ja?“ Sollte ich ihm eine Brücke bauen? „Was ist mit dir?“

 

„Ich bin es ja auch!“ Wie zum Beweis legte er seine Hand auf meine Rechte, die auf der Armlehne lag.

 

Wir schwiegen uns Ewigkeiten an, sagten kein Wort. Kurz vor dem Ziel setzte ich den Blinker und fuhr auf einen Rasthof, ich hatte Virginia ja versprochen, ihrem Wagen Nahrung zu geben. Nach einer wortlosen Zigaretten- und Tankpause setzten wir unsere Reise fort und parkten ein paar Minuten später an den Wrentham Village Premium Outlets. Das Einkaufsabenteuer konnte also beginnen.

 

Auf dem Parkplatz brach er das Schweigen. „Du, Gordon, können wir reden?“

 

„Gerne, aber lass uns was Essen gehen. Ich hab Hunger.“ Ich deutete auf den Food Court. „Oder willst du lieber zu RubyTuesday?“

 

„Ruby was?“ Er hatte Fragezeichen in den Augen.

 

„Eine Art McDonalds für den gehobenen Geschmack.“ Ich lachte ihn an. „Also genau das Richtige für zwei Typen wie uns.“ Ich kniff ihn in die Seite und zog ihn hinter mir her wie ein Kleinkind. Bei einem Braumeister- und einem Bison-Schinken-Käse-Burger und je einer Cola ließen wir uns zur Nahrungsaufnahme nieder. „Und? Über was willst du reden?“

 

„Äh, hast du heute keine Probleme mehr?“ Anscheinend hatte ich ihn aus dem Konzept gebracht, er stotterte leicht. „Ich meine, mit deinen Eltern und … du weißt schon.“

 

Ich nahm einige Fritten und tunkte sie in die Barbecuesoße ein. „Mit meinem Schwulsein?“ Ich steckte sie mir in den Mund. „Nein, heute nicht mehr. Es hat zwar etwas gedauert, aber ich bin mit mir selber zufrieden, na ja größtenteils jedenfalls, …“ Ich wischte mir die Lippen ab. „… zum vollkommenen Glück fehlt mir noch leider noch was, aber sonst? Sonst geht es mir gut! Heute nimmt sogar mein Vater das Wort in den Mund und verteidigt mich vor intoleranten Menschen. Hat zwar Jahre gedauert, aber …“ Ich lachte ihn an. „Bei uns heißt es übrigens nicht schwul, sondern Oma verwendet lieber den Begriff ‚verzaubert‘, wenn du verstehst?“

 

Er verstand. „Tolle Metapher!“ Er biss in seinen Burger. „Und wie zeigt sich das?“

 

Ich erzählte ihm von Onkel Ethans Auftritt beim Sonntäglichen Mittagessen in der letzten Woche und der Reaktion meines alten Herren. Jost musste mehr als Lachen. „Wie du siehst, auch Eltern sind lernfähig!“ Sollte ich? „Hast du deine Eltern mal darauf angesprochen?“

 

„Nein!“ Er wirkte erschrocken. „Bisher … bisher hatte ich … noch keine Gelegenheit.“

 

„Woran lag es?“ Ich blickte ihn an. „Europäer sind im Allgemeinen viel aufgeklärter als Amerikaner!“

 

„Äh, ich … ich … weiß nicht.“ Er wurde wieder stumm. „Vielleicht … vielleicht …“

 

Ich griff seine Hand. „Pst. Du musst jetzt nichts sagen. Wenn du es mir sagen willst, dann muss es von dir aus kommen, nicht auf mein Nachbohren. Außerdem …“

 

„Danke!“ Ich könnte in seinen grünen Augen versinken.

 

 

Wir steuerten als Erstes eine Filiale einer Drogeriekette an, die Kommunikation über Rasierzeug und ähnliche Utensilien verlief größtenteils nonverbal. Auch bei den Kollegen von Al Bundy, dem Schuhverkäufer, brauchten wir nicht viele Worte. Er erstand im Nike-Shop ein Paar Laufschuhe und bei Timberland etwas festeres Schuhwerk. T-Shirts, Socken, Taschentücher und Unterwäsche kamen von Tommy Hilfiger und Calvin Klein. Dort tat auch ich meinen ersten Kauf: ein Sonderangebot „2 für 1“. Während Jost mit seinen Sachen beschäftigt war, bekam er nicht mit, dass ich Prostretch-Jockstraps in Rot käuflich erwarb. Wir hatten ja fast die gleiche Figur.

Im GAP Outlet wurde es etwas intimer, es ging an die Wahl der Beinbekleidung. Am Schaufenster prangte die Werbung für eine Jeans-Aktion: Nimm drei und zahl zwei. Jost stand vor dem riesigen Stapel an Hosen in allen möglichen Farben und Formen. „Was ist deine Lieblingsfarbe?“

 

„Gelb, aber bei Jeans?“ Ich blickte ihn an. „Ich könnte eine in Schwarz gebrauchen.“

 

„Gut.“ Er wühlte in dem Haufen und hielt eine Hose vor meine Nase. „Was hältst du davon?“ Er hatte eine Boot-fit-Jeans Vintage Wash in der Hand. Richtig Schwarz war sie wohl vor besagtem Waschgang gewesen und Löcher hatte sie auch schon.

 

„Nicht schlecht, aber …“ Warum stotterte ich? „Ob es die aber in meiner Größe gibt?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Ich habe 35/34, je nachdem, wie sie geschnitten ist.“

 

„Moment!“ Er suchte in dem Stapel und hatte dann plötzlich drei Hosen, zwei in diesem ominösen Schwarz und eine in Blau, in der Hand. „Komm!“ Er zog mich zu den Kabinen.

 

„Wir … wir können doch nicht … in die gleiche Umkleide!“ Herr im Himmel, hilf!

 

„Warum nicht?“ Er lachte. „Ich dachte, du bist nicht prüde?“

 

Ich atmete tief durch und ergab mich meinem Schicksal. „Bin ich auch nicht!“ Gut, ich gebe es zu, ich hatte leichte Schwierigkeiten, in diesen zwei Quadratmeter großen Verschlag, genannt Umkleide, meine Hose zu öffnen, ich war einfach zu fickerig. Aber irgendwie gelang es mir dann doch.

 

Wir drehten uns zueinander und er begutachtete mich. „Toll! Eines Abends gehen wir in Partner-Look zum Essen!“

 

„Wenn du meinst!“ Mehr konnte ich nicht sagen.

 

Er hatte sich schon wieder aus der schwarzen Hose geschält und die blaue Jeans übergezogen, als er plötzlich stöhnte. „Mist! Die ist mir zu klein!“ Er blickte mich an. „Kannst du mir die eine Nummer größer besorgen?“ Er drehte sich wieder um und zog die Hose aus, dabei rutschte die Retro, die sein hübsches Hinterteil umhüllte, etwas nach unten; seine Spalte war zu sehen. Am liebsten wäre ich auf die Knie gegangen und hätte meine Zunge ausgefahren, aber ich musste mich ja benehmen. Sex an öffentlichen Orten kann zwar geil sein, aber im Moment war es mir zu gefährlich.

Ich griff mir die Hose und machte mich so schnell wie möglich auf, ihnen eine neue zu bringen. Gott sei Dank fand ich nach kurzer Suche das passende Exemplar. Wieder in der Kabine lachte er mich an und griff sich das Stück Stoff. Der Blick auf seine, respektive eigentlich ja meine, Unterhose ließ einiges erahnen. Er stieg in das Beinkleid, machte es zu und grinste mich an. „Passt wie angegossen!“

 

Irgendwie verschämt wechselten wir in die Kleidung. „Wieso willst du mir eine Hose schenken?“

 

Er lachte mich an. „Als dein Beratungshonorar! Außerdem …“ Er grinste mich an. „… außerdem kostet es nichts, es ist ja ein Drei-für-Zwei-Angebot.“

 

Ich konnte mich eines Lachens nicht erwehren. „Stimmt auch wieder!“

 

Die Bezahlung erwies sich jedoch als größte Schwierigkeit, der Verkäufer musste zwei Quittungen für einen Kauf ausstellen, eine für die Versicherung und eine für die Lufthansa. Schließlich bekam Jost das, was er haben wollte: zwei Bons. Bei Ralph Lauren kaufte er noch drei oder vier Oberteile, ich hatte den Überblick verloren.

Geschafft lachte er mich an. „Ich glaube, wir haben jetzt alles, was ich brauche.“

 

„Dann mal zurück zum Auto!“ Ich grinste ihn an und wir gingen wieder in Richtung Parkplatz. Als wir am Nautica-Shop vorbeikamen, stoppte ich ihn. „Halt! Es fehlt noch etwas!“

 

Der Blonde mit den dunklen Strähnen blickte mich fragend an. „Was denn?“

 

„Eine Badehose!“ Ich lachte ihn an. „Oder willst du nackt schwimmen gehen?“

 

„Mit dir alleine? … Liebend gern, aber wenn Mama dabei ist?“ Er schüttelte sich. „Lieber nicht!“

 

 

Die Rückfahrt verlief in entspannter Form. Wir erzählten uns von unseren ersten Erfahrungen, den ersten Freunden, dem ersten Sex. Aber, um ehrlich zu sein, es blieb alles mehr oder minder an der Oberfläche, tiefer gehende Fragen ließ der angehende Student nicht zu. Er blockte zwar nicht direkt ab, aber nachfragen wollte ich auch nicht, er müsste sich selber öffnen. Unnötiger Druck würde ihn nur verschrecken.

 

Mit einer Vielzahl von Einkaufstaschen ließ ich ihn am Hotel aussteigen. „Sehen wir uns gleich zum Essen?“ Jost blickte mich an. „Würde gerne noch weiter mit dir reden …“

 

„Gerne!“ Ich schaute auf die Uhr. „Ich bringe jetzt den Wagen zurück, quatsche noch eine Runde mit meinem Bruder und bin dann in einer Stunde wieder hier. Wird dir das nicht zu spät?“

 

Er schüttelte mit dem Kopf. „Auf dich warte ich gerne!“

 

 

Luke öffnete mir die Tür und begrüßte mich überschwänglich. „Na, kleiner Bruder, wie geht es dir? Du warst ja in Begleitung eines … netten Mannes! Wurde mir jedenfalls berichtet.“

 

Ich schüttelte den Kopf. „Ich habe bloß einen Gast begleitet, dessen Gepäck in Afrika gelandet ist!“

 

„Wenn du das sagst!“ Ein hämisches Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit. „Dann wird es auch so sein!“ Ich hätte ihn würgen können!

 

„Darf ich wenigstens rein kommen?“ Wir standen ja immer noch im Eingang.

 

„Selbstverfreilich!“ Er gab den Weg frei. „Gina ist im Wohnzimmer, die Kinder sind schon im Bett.“

 

Dort angekommen blickte meine Schwägerin mich an. „Hast du getankt?“

 

„Erst einmal einen wunderschönen guten Abend, meine Liebe. Es freut mich auch, dich zu sehen, du Patenkindgebärerin!“ Ich liebe es, sie aufzuziehen; sie schmollt dann immer so schön. „Aber natürlich habe ich deinem Wunsch entsprochen und den Tank gefüllt.“ Ich kniff ihr ein Auge zu. „Krieg ich auch was zu trinken, bevor ich wieder ins Hotel muss?“

 

Virginia blickte erst auf Luke und dann auf mich. „Ein einfaches Ja hätte auch gereicht! Ich überzeuge mich gleich selbst vom Tankinhalt, wenn ich dich wegbringe.“ Mein Taxi war also gesichert!

 

„Prost, kleiner Bruder.“ Der jüngere Zwilling reichte mir ein Glas Scotch. „Aber mehr als einen gibt es nicht, du musst morgen ja wieder arbeiten.“ Er zwinkerte mir zu. „Ich will keine Klagen hören, dass der Reiseleiter angetrunken im Bus randaliert hat!“

 

„Danke dir!“ Ich nippte am Glas. „Mmmh, guter Tropfen!“ Ich grinste ihn an. „Aber, … dass du einen guten Geschmack hast, hast du schon mit deiner Frau bewiesen!“

 

Warum warf Virginia ein Kissen nach mir? „Alter Schmeichler!“

 

„Kleiner, ich hab mal etwas nachgedacht.“ Er machte eine abwehrende Handbewegung in Richtung seiner Ehefrau. „Gina, du sagst besser nichts! Du bist meine Frau und hast zu schweigen!“ Er warf ihr jedoch einen Luftkuss zu. „Bei der Sache mit Onkel Ethan und … mit der Übernahme von Rhumpsley … Habt ihr eigentlich Eric in euren Gedankenspielen berücksichtigt?“

 

Ich blickte meinen Bruder verwundert an. „Wie meinst du das denn jetzt?“ Meinen Cousin hatte ich jahrelang schon nicht mehr gesehen, ich wusste gar nicht, ob er noch lebt und wo er jetzt wohnt.

 

„Als Tante Nora damals an Krebs starb, war er 17.“ Er blickte mich an. „Da war es klar, dass Ethan für ihn agiert, aber heute? Die Frage ist, hat Nora ein Testament hinterlassen? Wenn ja, wer hat sie beerbt? Ihr Mann oder ihr Sohn oder beide?“

 

„Äh, daran haben wir nicht gedacht.“ Ich war baff erstaunt. „Eric ist ja … verschwunden.“

 

„Ist er nicht! Er lebt jetzt in Springfield, macht irgendwas am Theater. Besuch ihn doch einfach. Hier!“ Er reichte mir einen Zettel. „Du machst eh Station in der Stadt. Schaden kann es nichts!“

 

„Stimmt!“ Ich atmete tief durch. „Versuchen kann man es!“

 

Es folgten einige Minuten an Small-Talk, dann drängte Virginia zum Aufbruch. „Ich will gleich ins Bett. Wenn du ein Taxi haben willst, dann folgst du mir, kleiner Schwager!“

 

„Yes Ma’am!“ Ich salutierte und Luke bog sich vor Lachen. „Das mach ich auch mal im Schlafzimmer!“

 

„Luke! Halt den Mund!“ Ein Kissen flog quer durch den Raum. „Und du, Gordon, kommst jetzt mit!“

 

Ich verabschiedete mich von meinem Bruder und zusammen mit Virginia bestieg ich den Wagen. Da der Fahrersitz noch auf mich eingestellt war, bewältigte ich die Tour zum Hotel. „Angeschnallt?“

 

„Aber immer doch!“ Als ich den Blinker setzte, bohrte sie gleich. „War das dein neuer Freund?“

 

„Wer? Jost?“ Ich blickte auf den Beifahrersitz, sie nickte.  „Leider nicht. Er kommt aus Deutschland.“

 

„Schade, ihr würdet gut zusammenpassen.“ Ich liebe sie einfach!

 

Der Abschied verlief kurz, aber herzlich. Wir würden uns erst zu Thanksgiving wieder sehen und es war fraglich, ob wir da Zeit für tiefe Gespräche finden würden. An dem Familientreffen würden schließlich alle Lensings teilnehmen, also mindestens 14 Leute plus den Rest der Verwandtschaft.

 

 

Nachdem ich meine Einkäufe verstaut hatte, nahm ich den Aufzug und fuhr wieder in die Lobby. Bis zum verabredeten Zeitpunkt hatte ich noch gut fünf Minuten, für eine Zigarette würde es reichen. Ich hatte gerade das Hotel verlassen und suchte mein Feuerzeug, als mir jemand auf die Schulter tippte. Erschrocken fuhr ich zusammen, drehte mich um und sah in smaragdgrüne Augen.

„Dachte ich es mir doch, das ich dich hier draußen finde.“ Jost lachte mich an. Am liebsten hätte ich ihn in seine Stupsnase gebissen, aber wir waren ja nicht alleine auf dem Vorplatz.

 

Ich grinste zurück. „Willst du auch eine?“

 

„Nach dem Essen vielleicht.“ Warum druckste er herum? „Mama würde den Rauch sofort riechen, wenn wir gleich zusammen essen.“

 

„Wie? Sie hatten noch kein Dinner?“ Es war immerhin kurz nach acht Uhr. Die Deutschen sind zwar abends nicht die Ersten am Buffet, aber in der Regel essen sie zeitig. Ich hatte mich schon auf ein kleines, intimes Essen mit Jost gefreut, aber daraus würde ja wohl nichts.

 

Er schüttelte seinen Kopf. Wie würde er mit längeren Haaren aussehen? Noch göttlicher? „Nein, sie wollten gerade mit Sven zum Essen, als ich mit meinen ganzen Tüten ins Zimmer kam. Ich musste für sie erst eine Modenschau abhalten.“ Er schmollte so süß. „Aber die Sachen sind gut angekommen, Mama war begeistert, nur Papa fragte, wie man für Löcher soviel Geld ausgeben kann.“

 

„Das wird sein Vater wohl auch gefragt haben, als er mit Schlaghosen rum lief, oder …“ Ich blinzelte ihn an. „… was auch immer in seiner Jugend modern war.“

 

„Du könntest Recht haben, Paps hat 1975 Abitur gemacht.“ Der angehende Student schaute mich schelmisch an. „Du solltest mal sein Foto auf den Führerschein sehen, vor lauter Bart und Koteletten erkennst du sein Gesicht nicht!“

 

„Was erkennt man nicht?“ Wenn man vom Teufel spricht, ist er meistens nicht weit.

 

Diesmal zuckte Jost zusammen, als er seinen Vater hörte. „Äh, schon gut! Nichts!“

 

„Wenn es nichts war, war es bestimmt gelogen!“ Er wandte sich lächelnd mir zu. „Herr Gordon, wenn sie noch nicht zu Abend gegessen haben, sie können sich gerne uns anschließen. Wir wollten gerade ins Restaurant.“

 

„Gerne!“ Zwar wäre mir ein bestimmter Jacobsen lieber gewesen, aber man kann nicht alles haben. Ich musste Jost also mit den anderen drei Familienmitgliedern teilen, aber besser als nichts!

 

 

Die Kellner hatten einige Tische zusammen geschoben, neben den zwei schon sitzenden Jacobsen zählte ich sechs freie Gedecke. Wer würde sonst noch an der Tafel Platz nehmen? Wahrscheinlich einige Mitreisende, denn wen sollten die Norderstedter hier kennen? Günni war mit der Bedienung zugange, sie möge noch ein weiteres Gedeck auflegen, als sich das Rätsel löste.

Das Paar aus Stuttgart und die beiden zusammenreisenden Damen aus dem Ruhrgebiet gesellten sich zu uns. Mittlerweile hatte man einen Zweiertisch an die Tafel geschoben, für meinen Sitzplatz war also gesorgt. Meine Augen suchten Kontakt zu Jost, ich deutete auf die zusätzlichen Plätze. Lächelnd nickte er, auch nonverbale Kommunikation kann zum Erfolg führen.

Die verbale Variante brachte erst einmal Verwirrung, alle sprachen durcheinander. Als zwei Kellner die Speisekarten verteilten, kehrte für eine Minute Ruhe ein, danach begann das Geschnatter erneut. Schweigen am Tisch herrschte erst wieder, als man die Bestellungen aufnahm. Allerdings hatte Vera Eichborn aus Essen, sie war die Letzte, die der Kellner nach Ihren Wünschen fragte, schon wieder leichte Schwierigkeiten, sich verständlich zu machen, der Geräuschpegel wuchs und wuchs. Ich kam mir vor wie im Kindergarten.

Normalerweise vermeide ich solche Ansammlungen von Gästen, jedenfalls zu Beginn einer Reise. Nicht, dass man mich falsch versteht, die Teilnehmer zahlen ja eigentlich mein Gehalt, aber zu Anfang einer Tour ist es nun einmal so, dass jeder alles wissen will und das sofort! Auch die Zeitungsleute bildeten da keine Ausnahme. Zwar ging es nicht, wie sonst üblich, nur um die eigentlichen Tourdaten, Greg hatte den Teilnehmern eine Selbstdarstellung über Lensing mitgeschickt. Ich beantwortete also brav die Fragen zur Firmengeschichte.

Das einzig Positive an der gesamten Mahlzeit war, dass Jost und ich ab und an Kontakt via Knie hielten. Dass er dabei grinste wie ein Honigkuchenpferd, lasse ich einmal unerwähnt. Eine privatere Konversation war, obschon wohl von uns beiden gewollt, nicht möglich, es ging fast alles nur in die Firma. Aber irgendwann hatte das Verhör ein Ende, man wandte sich wieder anderen Themen zu. Ich atmete tief durch.

 

„Herr Gordon, was kann man heute noch unternehmen?“ Susanne Weihrauch, die zweite Dame aus dem Ruhrgebiet, blickte mich an.

 

Diese Art von Fragen liebe ich! Kannte ich sie und ihre Interessen? „Kommt drauf an, was sie machen wollen. Für Shows und Theater ist es jetzt zu spät, auch sportliche Veranstaltungen fallen aus, es sei denn, sie wollen erst zum Ende des siebten Inning in den Fenway Park.“

 

Ihre Begleitung stutzte. „Inning? Ich kenne Halbzeiten vom Fußball und Drittel vom Eishockey, aber was ist ein Inning?“ Sie grinste verlegen. „Mit Sport habe ich es nicht so.“

 

„Es geht um Baseball, eine der traditionsreichsten Sportarten.“ Ich schob meinen Teller beiseite. „Die einzelnen Durchgänge nennt man Innings und ein Spiel besteht aus neun Durchgängen, wobei meistens nur achteinhalb gespielt werden, wenn die Gastgeber führen. Ein Inning besteht nämlich aus zwei Hälften, einmal Top und einmal Bottom.“ Jost grinste mich an, brachte mich fast aus dem Konzept. „Also wer am Schlagmal steht. Die Gäste beginnen, im zweiten Halbinning ist dann die Heimmannschaft am Schlag. “ Ich blickte in erstaunte Gesichter. „Die Red Sox spielen heute gegen die Kansas City Royals, das Spiel gestern haben sie verloren, was sie auch heute wahrscheinlich machen werden.“

 

„Ne ne, das klingt mir zu kompliziert.“ Frau Eichborn schüttelte sich. „Susanne, lass uns dann einfach nur was trinken gehen.“

 

„Hier ums Hotel gibt es einige Bars und Lokale. Wenn ihnen der Sinn eher nach Clubs und Livemusik ist, dann sollten sie in Richtung South End.“ Ich schaute in die Runde. „Einfach aus dem Hotel raus und links die Straße runter. Wenn sie die Tremont Street erreicht haben, sind sie mitten in dem Viertel.“

 

„Papa, gehen wir Musik gucken?“ Der kleine Jacobsen blickte seinen Vater bettelnd an.

 

Sylvia schüttelte den Kopf. „Svenni, du gehst gleich ins Bett! Eine halbe Stunde Fernsehen ist erlaubt, aber dann machst du Licht aus. Du weißt, was Doktor Haas gesagt hat!“

 

War der Kleine etwa krank? Äußerlich sah man nichts, er schien gesund und munter. Aber halt! Hatte er eigentlich Ferien? In welchem Bundesland ging er zur Schule? Herbstferien sind meist im Oktober und wir hatten erst Ende September. Ich blickte ihn mitleidig an. „Was hältst du von einer Runde im Pool?“ Der Blondschopf strahlte mich an.

 

Vater Jacobsen blickte mich scharf an. „Herr Gordon, zwar nett gemeint, aber … er wurde ja nicht zu Mathe und Latein verdonnert, sondern …“

 

Nun wusste ich nicht weiter. Sylvia erkannte wohl meine Ratlosigkeit. „Wir haben ihn von der Schule freistellen lassen, gegen Auflage, den versäumten Stoff selbst nachzuarbeiten.“

 

Freistellung? Das geht eigentlich nur aus wichtigem Grund, jedenfalls bei uns in den Staaten. Ich würde sie bei passender Gelegenheit mal privat darauf ansprechen, so beließ ich es jetzt bei einem Kopfnicken. „Na dann.“

 

„Sollen wir dann zusammen die Gegend unsicher machen?“ Die Dame aus Stuttgart konnte also auch sprechen, jedenfalls war das ihr erster Wortbeitrag am Abend, der mir auffiel.

 

Die Ruhrpöttlerinnen nickten zustimmend, Günni blickte fragend seine Frau an, die ihrem Jüngsten tröstend über den Kopf streichelte. „Keine schlechte Idee, oder Günni?“ Sie schaute ihren Ältesten an. „Und Jost! Was ist mit dir? Begleitest du deine alten Eltern auf ein Bier?“

 

Der Angesprochene blickte erst mich und dann seine Mutter an. „Die Idee mit dem Pool ist gar nicht schlecht. Vielleicht haben die auch einen Fitnessraum, ich hab Ewigkeiten nichts mehr gemacht.“

 

Vater Guntram wollte etwas sagen, aber seine Frau war schneller. „Du willst doch nur deine neue Badehose einweihen. Aber …“ Sie grinste. „Wie du willst, aber auch für dich gilt: Nicht übertreiben!“

 

„Ja, Mama!“ Er blickte zur Decke, Mütter können manchmal peinlich sein.

 

Der Mann aus Stuttgart hob die Tafel dann auf. „Treffen wir uns dann in zehn Minuten in der Lobby?“

 

 

Während ich mich für den Pool umzog, schien Klein-Gordon sich besonders zu freuen, er mutierte leicht zur Zeltstange. Ich würde wohl erst einmal eine eiskalte Dusche nehmen müssen, ehe ich mich wieder in der Öffentlichkeit zeigen könnte. Als Jost im zehnten Stock zu mir in den Aufzug stieg, wurde die Freude nicht kleiner, im Gegenteil.

Es war nur gut, dass der Bademantel, den ich anhatte, gewisse Stelle meines Körpers geflissentlich verbarg. Jost hingegen trug Jeans und T-Shirt, den Rest seiner Sachen musste er wohl in der Sporttasche, die wir auch gekauft hatten, transportieren. Für meine Utensilien wie Duschzeug, Kamm und Zigaretten rechte mir ein einfacher Baumwollebeutel, die Handtücher hatte ich über die Schulter drapiert. Man muss sicher nicht unnötig belasten.

 

„Hätte ich gewusst, dass man die Bademäntel auch außerhalb des Zimmers benutzen kann, hätte ich mir das Umziehen auch sparen können.“ Er grinste mich frech an. „Gehen wir erst aufs Laufband oder sofort ins Wasser?“

 

„Auf Fitness bin ich jetzt nicht eingerichtet und … wir haben eh nur knapp eine Stunde. Von daher …“ Ich blickte in seine grünen Augen. „… muss der Sport warten.“

 

„Auch nicht schlimm!“ Am liebsten wäre ich über ihn hergefallen.

 

Wir nahmen zwar zwei Schränke nebeneinander, aber während er die Umkleidekabine nutzte, um sich umzuziehen, nutzte ich meinen Bekleidungsvorteil, indem ich meine Sachen nur in den Spind legte. Ich wollte so schnell wie möglich unter die Dusche. Allein der bloße Gedanke, dass er jetzt keine fünf Meter von mir entfernt nackt in der Kabine stand, ließ Klein-Gordon wieder hüpfen.

Als er kurze Zeit später den gekachelten Raum betrat, war ich einigermaßen wieder hergestellt. Aber ein Blick auf ihn und die Zeltarbeiter nahmen ihre Tätigkeit wieder auf. Er sah einfach nur zum Anbeißen aus. Zwar stand mir kein Mister Universum gegenüber, auch kein zweiter Mark Wahlberg, aber das, was ich sah, gefiel mir. Der Oberkörper war wohl definiert, man sah, dass er Sport trieb. Er wirkte nicht so drahtig wie ein Ausdauersportler, aber auch nicht so athletisch wie ein Sprintspezialist. Für mich war er perfekt.

 

„Willst du hier stehen bleiben oder kommst du mit in den Pool?“ Lachend blickte er mich an und öffnete die Tür zum Pool.

 

„Nur nicht hetzen!“ Ich griff mir meinen Bademantel und folgte ihm. „Alter Mann ist kein D-Zug.“

 

Das Schwimmbad im Sheraton soll angeblich der größte Innenpool Bostons sein, ob das stimmt, kann ich nicht sagen, aber man hätte hier sehr gut seine Bahnen ziehen können. Wir aber zogen es vor, wie pubertierende Jünglinge, uns eine Wasserschlacht erster Kajüte zu liefern, denn außer uns war niemand anwesend. Ausgelassen, wie kleine Kinder, tobten und balgten wir im Wasser, versuchten uns gegenseitig unterzutauchen oder unter die Oberfläche zu ziehen. Berührungen blieben dabei natürlich nicht aus. Als er, beim Versuch in diesem Wasser-Ringen die Oberhand zu gewinnen, mich von hinten an sprang, mir seine Hände auf meine Schultern legte, spürte ich etwas Hartes im Kreuz. Ich war mir sicher, sein Knie war es nicht.

Erst als eine etwas ältere, wohlbeleibtere Dame sich über diese unmögliche Jugend echauffierte und drohte, das Hotelpersonal zu verständigen, ließen wir voneinander ab und schwammen an den Beckenrand.

„Friede?“ Ich blickte in sein süßes Gesicht, das ich am liebsten mit Küssen bedeckt hätte.

 

„Höchstens Waffenstillstand!“ Ernst bleiben konnte er dabei aber auch nicht.

 

„Wie wäre es mit einer Friedenspfeife, um …“ Ich lachte ihn an. „… um das Kriegsbeil zu begraben?“

 

Er schaute mich fragend an. „Im Hotel ist doch Rauchverbot!“

 

„Im Hotel ja, aber im Patio stehen Aschenbecher.“ Ich deutete hinter die Glasfassade des Bades.

 

„Ok, wer als Erster da ist, macht dem andren die Zigarette an.“ Damit war er schon aus dem Wasser.

 

„Toll!“ Ich blickte ihm nach. „Ich muss ja erst an meinen Bademantel!“

 

Er hatte sich in die hinterste Ecke gesetzt, zwei Stühle standen neben einer Palme. Jost deutete auf die Erde in dem Pflanzenkübel. „Der hatte vor uns schon jemand die gleiche Idee.“

 

Grinsend steckte ich die erste Zigarette an und reichte sie ihm. „Bitte, deine Siegprämie!“

 

Als ich den zweiten Glimmstängel im Mund hatte, griente er mich frech an. „Ich hoffe, du kannst mir verzeihen. Die Siegbedingungen waren … etwas einseitig diktiert.“

 

„Das werde ich mir noch überlegen müssen!“ Ich würde ihn noch viel mehr vergeben.

 

„Jetzt mal eine ganz andere Frage. Du bist doch auch schon geflogen?“ Diese Augen!

 

Ich nickte. „Bin ich, aber das bleibt ja nicht aus, wenn deine Familie auf zwei Kontinenten lebt.“

 

„Ich dachte, deine Familie lebt in New York?“ Er blickte mich an. „Queens sagtest du doch?“

 

„Stimmt, aber die Eltern meines Vaters und der Rest seiner Sippe leben alle noch in der Nähe von Münster.“ Warum wollte ich ihn küssen? „Luke wohnt ja, wie du weist, mit Frau und Kindern hier in Boston, und Christopher, der älteste von uns vier Brüdern, lebt mit Familie in Miami, und leitet die dortige Filiale von Lensing. Und wir Lensings sind Familienmenschen, von daher …“ Ich lachte ihn an. „… besitze ich reichlich Flugerfahrung.“

 

„Dann bin ich ja in den besten Händen.“ Er wurde plötzlich leise. „Ich war seit fast zwei Tagen nicht mehr und habe so ein komisches Grummeln den Magen. Ist das normal?“

 

„Was das Rumoren in dir betrifft, kann ich dir das auch nicht sagen, bin ja kein Mediziner.“ Ich blickte ihn mitfühlend an. „Aber bei der anderen Sache brauchst du dir keine Sorgen zu machen, das ist die Folge des Jetlags. Am besten mal eine auf nüchternen Magen rauchen, dann geht das wieder.“

 

„Dann ist ja gut. Ich dachte schon, ich müsste zum Arzt.“ Er grinste schon wieder. „Aber könnten wir trotzdem wieder reingehen? Mir wird langsam kalt.“

 

Man sah die Gänsehaut, die er hatte. Er saß ja auch nur in seinen Schwimmshorts da, während ich in Bademantel gehüllt war. „Aber klar doch! Kommst du? … Die haben hier auch eine Sauna, da wird dir ganz schnell wieder warm.“

 

„Dann führe er mich mal.“ Seinen Humor hatte er nicht verloren. Als wir uns der Sauna genähert hatten, sahen wir die Bescherung: Wir standen wir einer offenen Tür, die Sauna war leer und alles, aber nicht mehr warm. Das Hotelpersonal wollte wohl Feierabend kriegen. „Und jetzt?“

 

„Ab in den Whirlpool, der dürfte noch warm sein.“ Ich zog ihn hinter mir her.

 

In dem warmen Wasser taute er schnell wieder auf, aber dafür bekam ich eine Gänsehaut. Die lag allerdings nicht an der Wassertemperatur, sondern eher daran, dass er ziemlich dicht neben mir saß. Was sollte das nur werden. Während es von unten sprudelte und blubberte, tastete eine Hand an meinem Oberschenkel. Ich war es nicht und außer uns saß auch niemand mehr im Wasser.

Ganz langsam kraulte er meine Kniescheibe, ich stöhnte und sachte ließ ich meine Hände ebenfalls unter Wasser gleiten. Endlich hatte meine Rechte ihr ersehntes Ziel erreicht, ich spürte Haut unter meiner Hand. Wie in Zeitlupe drehten wir die Köpfe zueinander, unsere Gesichter näherten sich im Schneckentempo. Ich war am Rand einer Extase, gleich würden sich Lippen unsere Lippen vereinigen.

 

Ich hatte alles um mich herum vergessen, tauchte gerade in das Smaragdgrün seiner Augen ein, als aus den Deckenlautsprechern, aus denen bis dahin nur leise Musikuntermalung erklang, ein Knistern zu hören war. „Dear guests, we have to inform you that the pool will close in ten minutes. We hope you enjoyed your stay. Thank you.“

 

Nicht nur Jost erschrak, auch ich japste nach Luft. „Scheiße!“

 

Es wundert einen schon, wie man so schnell so rot werden kann. Jost hatte die Farbe eines gut gekochten Hummers angenommen. „Du sagst es! Stell dir mal vor, der bullige asiatische Bademeister hätte uns persönlich informiert? Das wäre viel schlimmer!“

 

Wo er Recht hatte, hatte er Recht. „Du sagst es, mein lieber Jost!“

 

„Du, das ganze ist mir jetzt doch auf den Magen geschlagen.“ Er blickte mich an. „Wo sind denn hier die Örtlichkeiten?“

 

„Du musst wieder die Dusche, links geht es zur Umkleide, die rechte Tür führt dich zum Klo.“ Ich blickte in mitfühlend an. „Soll ich mitkommen?“

 

„Nein, komm du erst mal wieder runter!“ Er grinste schon wieder. „Was meinst du, was die alte Frau sagen würde, wenn sie deinen Fahnenmast sieht. Bis gleich!“ Er schnappte sich sein Handtuch und flitzte um die Ecke in Richtung Duschbereich.

 

Ich weiß nicht, wie lange ich noch in den Pool saß, es waren bestimmt zwei oder drei Minuten, also war sein Vorsprung groß genug. Langsam kletterte ich aus dem Blubberbad und schlüpfte in meinen Bademantel, der auf einem Stuhl lag. Meine Handtücher lagen in meinem Spind. Gemächlichen Schrittes ging ich durch den Poolbereich in Richtung Dusche.

Ich blickte mich um, sah niemanden. Ein Blick in die Umkleide brachte auch keinen Erfolg, kein menschliches Wesen anwesend. Jost konnte also nur auf dem Klo sein. Ich ging aber erst an meinen Kleideraufbewahrungsort und suchte nach meinem Duschzeug. Mit dem Plastikteil in der Hand machte ich mich auf den Weg zurück, stellte es auf dem Boden des Duschraumes ab und öffnete vorsichtig die Tür zur Bedürfnisbefriedigungsanstalt.

Wieder Erwarten sah ich auch hier niemanden, keine Seele stand an einem der vier Urinale. Langsam schloss ich dir Tür, irgendwie wollte ich keinen Lärm machen. Ich blickte mich um, zwei der drei Türen zu den Kabinen standen offen, nur die Letzte war geschlossen. Ich schlich mich an und betrat, wie auf Samtpfoten, die mittlere der Kajüten.

Stille herrschte, aber richtig still war es eigentlich auch wieder nicht. Der Mann neben mir stöhnte leicht. Innerlich musste ich lachen, Jost hatte ja von irgendeinem Magengrummeln berichtet. Ich lauschte, aber das Stöhnen war etwas anders als bei klemmendem Stuhlgang. Das Atmen in der Nebenkabine wurde schwerer und hektischer. Sollte er etwa selber Hand an sich gelegt haben?

Soll ich oder soll ich nicht auf das Porzellan steigen und über den Rand linsen? Ein Blick nach oben machte meinen Spannerplan, so man ihn denn so nennen wollte, zunichte. Man bräuchte einen Spiegel, um die Geschehnisse hinter der Trennwand zu beobachten. Da ich keine Frau bin und auch keine Handtasche bei mir hatte, in einer solchen befindet sich ja meist ein solcher, verließ ich mich lieber auf mein Gehör.

„Ja, leck ihn!“ Man hörte, wie er wichste. „Ja, Gordon, nimm ihn.“ Die untrüglichen Geräusche von Hand an Schwanz waren zu vernehmen. „Ja, machs Maul auf, ja … ja … ja!“ Das Stöhnen wurde erst lauter, seine Stimme stieg fast zum Falsett. „Ich … ich … ich … komme … komme …“ Neben immer lauter werdenden Geräuschen wurde drüben wohl noch einmal das Tempo erhöht. „Ja, saug mich aus, nimm dir meine Sahne!“

Klein-Gordon machte sich die ganze Zeit immer bemerkbarer. Sollte ich auch? Ich entschied mich, obwohl noch immer nicht Herr meiner Sinne, dagegen. Während Jost hinter der Trennwand sich langsam beruhigte, schlich ich mich wie ein Dieb in der Nacht in Richtung Dusche, immer bemüht, jedweden Lärm, der mich verraten könnte, zu vermeiden.

Nur mit den größten Anstrengungen erreichte ich den gekachelten Raum, griff mir mein Duschbad und nahm die Dusche, die dem Eingang zum Klo gegenüberlag. Ich riss mir die Shorts von den Beinen, drehte das Wasser auf und seifte mich in Windeseile ein. Ich wollte sehen, wie er, der Mann meiner Begierde, den Ort seiner Befriedigung verließ.

 

Da hat man einen guten Plan und was passiert? Er geht in die Hose! Ich hatte gerade mein Haar schamponiert, der Schaum rann in meine Augen, da trat er heraus. „Du bist schon unter der Dusche?“

 

Wo sollte ich sonst sein? Klein-Gordon würde sich auch freuen! „Wie du siehst!“

 

„Sehe ich … und nicht nur das.“ Er gluckste laut. „Ich hab mein Duschgel vergessen, werde wohl oder übel im Zimmer …“

 

Ich rieb mir die Seife aus den Augen. „Was?“

 

„Duschen müssen.“ Seine Hose hing ihm auf den Hüften, er sah zum Anbeißen aus.

 

„Du kannst was von mir kriegen …“ Nicht nur Duschgel.

 

„Lass mal, ich brauch mein PH-Neutrales, wegen meiner Allergie.“ Er kam auf mich zu und drückte mir einen Kuss auf die Wange. „Danke für den schönen Abend!“

 

Was sollte das denn? Erst macht er mich heiß bis zur Schmerzgrenze und dann? Dann serviert er mich ab wie ein Carpaccio? Männer! Man kann nicht mit ihnen, man kann aber auch nicht ohne sich! Ich war spitz wie Nachbars Lumpi, die Hormone liefen Amok. Ich duschte mich ab, taperte in die Umkleide nahm meine Sachen aus den Spind und fuhr gefrustet wieder hoch in mein Zimmer.

Irgendwie war ich geladen, ich weiß auch nicht warum. Ich wuselte im Zimmer umher, wusste mit mir selber nichts Genaueres anzufangen. Hätte ich die Fenster öffnen können, ich hätte es getan, aber einschlagen für eine Zigarette? Besser nicht! Ich zog mich wieder an und machte mich auf in Richtung Bar; Ich brauchte auch etwas zu trinken. Als ich gerade aus dem Aufzug stürmte, kreuzte Ehepaar Laufenberg meinen Weg.

 

„Herr Gordon! Wo wollen sie denn jetzt noch hin?“ Magdalene Laufenberg hatte diesen mütterlichen Ton an sich. „Sie sehen irgendwie, … ich weiß auch nicht, … angegriffen aus!“

 

Ich blickte wie durch eine Nebelwand, nahm sie kaum war. „Ich … ich … ich …“

 

Sie packte mich am Arm. „Junger Mann! Jetzt mal in Ruhe!“ Sie drehte sich um. „Fritzemann, Herr Gordon braucht jetzt unsere Hilfe. Du holst jetzt zwei deiner Zigarren und bist in drei Minuten wieder hier. Hast du mich verstanden? Zeit läuft!“

 

Opa Friedrich wusste wohl auch nicht, was seine Frau von ihm wollte, aber er sträubte sich ihren Wunsch nicht. „Lenchen, ganz wie du möchtest!“

 

Als er den Fahrstuhl betreten hatte, um nach oben zu fahren, nahm sie mich in den Arm. „Alles wird gut!“ Sie tätschelte meine Hand. „Keine Aufregung! Es gibt nichts, was sich nicht bereinigen lassen würde.“ Sie zog mich in Richtung Ausgang. „Wo sind ihre Zigaretten? Sie sehen aus, als wenn sie eine gebrauchen könnten!“

 

Ich weiß auch nicht, aber plötzlich hatte ich einen Glimmstängel zwischen meine Lippen. „Danke!“

 

„Und nun erzielen sie mal, was passiert ist ab!“ Wieso dachte ich, Oma Rita würde vor mir stehen?

 

„Ich … ich … weiß nicht …“ Warum stotterte ich?

 

„Melde mich wieder zur Stelle, Lehnchen!“ Opa Friedrich kam auf uns zu.

 

„Fritz! Wir gehen jetzt in die nächste Bar mit Raucherlaubnis.“ Sie blickte ihren Mann scharf an. „Unser Reiseleiter braucht mal wieder unsere Hilfe!“

 

Plötzlich fand ich mich in einer Art irischen Pub wieder, die Inneneinrichtung passte, die Musik, die gespielt wurde, jedoch nicht, ich meinte, Reggaetöne zu hören. „Wo bin ich?“

 

„In einer Kneipe. Und jetzt trinken sie, sie scheinen es zu brauchen!“ Sie drückte mir einen vollen Cognacschwenker in die Hand, stieß an, und leerte das Gemäß in einem Zug. Ich tat es ihr gleich. Aber? Was wollte diese Frau von mir? „Also! Welcher Mann hat ihnen das Herz gebrochen?“

 

„Äh, ich … ich … ich!“ Konnte ich eigentlich mehr als Stottern?

 

„Fritz! Wenn du gleich rauchen möchtest, zwei Bier für euch und für mich bitte ein Wasser!“ Ein Blick und er gehorchte ihr aufs Wort. Wer in dieser Ehe wohl die Hosen anhatte?

 

„Ich … ich … Ich glaube, ich habe … habe mich … verliebt!“ Wie alt war ich eigentlich?

 

„In den Kleinen aus Hamburg?“ Sie grinste mich an. „Den mit den dunklen Strähnen?“

 

„Ja, in Jost!“ Zu mehr war ich nicht fähig. „Aber woher wissen sie …“

 

„Gordon, Ich bin zwar nicht mehr die Jüngste, aber verkalkt bin ich noch lange nicht! Wenn ich sie von meinem schwulen Enkel küssen soll … und so, wie sie sich heute um den Knaben bemüht haben?“ Sie legte ihre Hand um meine Schulter. „Da brauchte ich nur 1 und 1 zusammenzählen. Aber Liebe kommt in den besten Familien vor.“

 

„Aber … aber … es hat keinen Sinn!“ Wenigstens ein klarer Satz, den ich hervorbrachte.

 

„Wieso?“ Ihre Frage war ebenso simpel wie auch komplex.

 

Ich schluchzte. „Ich bin hier in den Staaten und er ist in Deutschland? Wie soll das gut gehen?“

 

„Fritzemann, hast du das gehört? Herr Gordon hat ähnliche Sorgen wie du damals!“ Sie lachte.

 

Ich blickte sie an. „Äh, wie ist das denn jetzt gemeint?“

 

„Als Fritz und ich 1954 geheiratet haben, hatte er einen vierjährigen Kampf mit meinem Vater hinter sich. Die katholische Tochter eines Landrats und der evangelische Flüchtlingssohn aus Ostpreußen?“ Verliebt blickte sie ihren Mann an, der ihre Hand ergriffen hatte. „Heute ist das ja kein Problem, aber damals? Das waren andere Zeiten.“

 

„Du sagst es, mein Täubchen.“ Sie waren immer noch ineinander verschossen, das merkte man.

 

„Wäre er damals nicht so hartnäckig gewesen, wer weiß, wo ich gelandet wäre? Wahrscheinlich wäre ich Bäuerin geworden. Können sie mich auf dem Feld vorstellen oder im Kuhstall?“ Sie seufzte. „Und sie wollen die Flinte jetzt so schnell ins Korn werfen? Sie sind doch jung! Warum kämpfen sie nicht um ihn? Der Kleine will doch sowieso studieren, das hat mir jedenfalls seine Mutter erzählt, das kann er doch auch hier machen, oder?“

 

„Das wäre eine Möglichkeit.“ Ich wischte mir eine Träne ab. „Aber … will er das auch?“

 

„Versuchen sie es, denn nur, wer etwas unternimmt, der kann Erfolg haben!“ Sie strich über meine Wange. „Wenn er sie auch liebt, und so sieht es für mich aus, wird er sicherlich nicht abgeneigt sein.“

 

 

 

Leicht verkatert stand ich auf, aus dem einen Bier wurden dann noch zwei oder drei Gläser, und stellte meinen Körper auf Autopilot. Erst nach einer ausgiebigen Dusche erwachten die restlichen Lebensgeister, die bis dahin noch friedlich weiterschlummerten.

Beim Frühstück beschränkte ich mich auf Toast und Marmelade, großen Hunger hatte ich nicht. Mir war irgendwie flau im Magen. Ich hätte den Cognac doch besser nicht runterstürzen sollen, aber egal.

 

Jenny stand schon mit offenen Ladeluken vor dem Hotel, als ich mit Gepäck um Viertel vor neun den Vorplatz zwecks Rauchopfer aufsuchte. „Morgen Chef!“ Sie kniff mir ein Auge zu. „War wohl etwas spät gestern.“

 

„Geht so, aber musst du mich so anschreien?“ Ich grinste und hielt mir ein Ohr zu.

 

Sie lachte. „Männer sind Mimosen! Dann werde ich dir die Änderung halt leise mitteilen.“

 

„Welche Änderung?“ Mich hatte keine Nachricht erreicht.

 

„Wir sind in Portland nicht im Rodeway Inn sondern nebenan im Best Western untergebracht.“ Sie grinste. „Echt nicht schlimm, manchmal kann ein Rohrbruch was Positives an sich haben.“

 

„Stimmt!“ Ich grinste, denn im Best Western Merry Manor Inn gab es einen geheizten Außenpool.

 

 

Die erste Station auf der Tagesetappe war Salem, bekannt durch Hexenverfolgung und Verbrennung derselben. Die Stunde im Hexenmuseum war ziemlich kurzweilig, durch entsprechende Bühnenbilder mit lebensgroßen Figuren und passenden Lichteffekten ins Jahr 1692 zurückversetzt, erlebten die Redakteure eine dramatische Geschichtsstunde Aberglaube und Angst der damaligen Zeit.

 

Jost und ich schlenderten gemächlichen Schrittes rauchend zurück zum Bus. „Ob wir damals auch verbrannt worden wären? So als abartige Sünder?“

 

Ich zuckte mit den Schultern. „Was ist an uns abartig? Nichts! Außer …“

 

„Außer was?“ Er blickte mich fragend an.

 

„Außer man wichst laut stöhnend im Schwimmbadklo!“ Ich grinste ihn hämisch an. „Dann kann es passieren, dass man auch heute noch in Schwierigkeiten kommt. Aber ich kann dich beruhigen, die Todesstrafe wird heute dafür nicht mehr verhängt.“

 

Der Mann meiner Träume wurde erst weiß und dann puterrot. „Du … du … hast das … mitgekriegt?“

 

„Yepp, habe ich, sogar bis zum Schluss! Als ich aus dem Whirlpool stieg, hab ich dich gesucht und erst nicht gefunden. Auf dem Klo wurde ich dann fündig.“ Ich legte ihm meine Hand auf die Schulter. „Aber sag mal: Stehst du auf Sex in der Öffentlichkeit? Ich meine, hat ja einen gewissen Reiz …“

 

Er schüttelte verlegen den Kopf. „Nein, aber … aber ich musste … unbedingt … den Druck …“

 

„Wieso? Du hättest doch auch in deinem Zimmer …“ Das Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen.

 

Er druckste. „Haha, sitz du mal die ganze Zeit neben einem unheimlich geilen Typen. Außerdem …“

 

Nun war ich gespannt. „Soll ich mir im Badezimmer einen runterholen, wenn mein Bruder nebenan im Bett liegt und TV glotzt?“ Er schaute mich direkt an. „Ich bin nicht gerade leise, wenn ich …“

 

„Das habe ich gehört!“ Am liebsten hätte ich ihn hier und jetzt abgeleckt. „Ich aber auch nicht!“

 

Nach dem Mittagessen in Gloucester und dem Grenzübertritt New Hampshire/Maine, wir gehen mit den Gruppen in der Regel zu Fuß über die Memorial Bridge und Badger’s Island über den Piscataqua River, erreichten wir gegen vier Kennebunkport.

Ich weiß auch nicht, was an dieser Kleinstadt mit weniger als 4.000 Einwohnern so toll sein soll, aber das Seebad ist einer der teuersten Ferienorte im Nordosten der USA. Sobald ich für die Gestaltung der Rundreisen zuständig sein werde, werde ich den Abstecher zum Walker’s Point aus dem Programm streichen; als guter Demokrat weigere ich mich, den Sommersitz des Republikaners Bush zu besuchen.

Das neue Hotel in Portland, der größten Stadt des Staates Maine, erreichten wir um kurz vor sechs. Knapp eine halbe Stunde später saßen alle meine Schäfchen einträglich beim Abendessen zusammen im Speisesaal. Die meisten wollten wohl noch zum alten Hafen, der mit seinen Hausbrauereien und urigen Gaststätten Jahr für Jahr die Touristen anzieht. Glaubt man der örtlichen Gerüchteküche, hat Portland die höchste Restaurant- und Bardichte der Vereinigten Staaten.

 

Wie zufällig saß ich neben dem Mann meiner Begierde, der mich die ganze Zeit angrinste. „Was hast du heute noch vor? Sollen wir wieder Schwimmen oder lieber in die Stadt?“

 

„Du bringst mich auf eine Idee! Warte mal.“ Ich erhob mich und ging zu Jenny, die mit den Stuttgartern und den Damen aus dem Ruhrgebiet an einem anderen Tisch saß. Ich fragte sie kurz, ob sie einen Trinkgeldbringenden Sondereinsatz übernehmen würde. Grinsend gab sie mir ihr OK und ich klopfte, wieder an meinem Platz, an mein noch leeres Weinglas und verschaffte mir so Gehör.

„Meine Damen und Herren, bevor gleich das Essen aufgetragen wird, darf ich noch eine kurze Ansage machen.“ Ich blickte in die Runde, die meisten Augen waren auf mich gerichtet. „Auch wenn unsere Jenny eigentlich schon Feierabend hat, würde sie gleich für uns noch einmal hinters Steuer klettern. Um halb acht könnten wir ihren Shuttle-Service zur Exchange Street, der Kneipenmeile Portlands, in Anspruch nehmen. Den Rückweg müssten sie allerdings selbst organisieren, denn irgendwann muss sie ja auch ins Bett, sie hat ja morgen wieder 400 Kilometer vor der Brust. Das war es schon, und jetzt wünsche ich allseits eine gesegnete Mahlzeit.“

 

Zustimmendes Gemurmel und vereinzelter Applaus waren zu hören. Warum schmollte Jost? „Toll!“

 

Ich blickte ihn fragend an. „Was ist los?“

 

„Nichts!“ Er wirkte sauer. „Ich wollte mit dir alleine … und du lädst gleich die ganze Truppe …“

 

„Vertrau mir einfach, ja?“ Ich blickte ihn liebevoll an. „Zieh dir gleich noch einen Pullover über, könnte kalt werden, wo wir hingehen.“

 

Während er nur stumm mit dem Kopf nickte, mischte sich Mutter Sylvia in unsere bis dahin eher still geführte Konversation ein. „Sag mal, ist die Strecke morgen nicht zu lang für nur einen Fahrer? Bis zu den Niagarafällen sind es ja fast 1.000 Kilometer?“

 

Ich nickte zustimmend „Stimmt, für einen Fahrer wäre das nicht machbar, denn morgen starten wir mit der Stadtrundfahrt und reisen dann quer durch die Botanik nach Rutland in Vermont.“

 

„Und da kommt dann ein neuer Fahrer?“ Günni hatte uns also zugehört.

 

„Nein, denn der Bus wird ja am Freitag gebraucht, ihr macht ja den Tripp in den Green Mountain Nationalpark mit Klettertour und Essen in den Baumgipfel. Leider ohne mich, denn ich bin ja mit einem Teil der Gruppe an den Fällen.“ Warum starrte Jost mich an? „Wir nehmen von Rutland den Flieger, ist einfacher, … am Freitagabend stoßen wir dann wieder zu euch.“

 

„Ach so, ich dachte, man müsste den ganzen Tag im Bus sitzen. Deshalb haben wir das nicht gebucht. Kann man noch mit?“ Auf was wollte Mutter Jacobsen hinaus? „Die Fälle sollen ja toll sein!“

 

„Sind sie auch! … Aber ihr vier?“ Ich schüttelte den Kopf. „Sorry, aber ich hab nur noch einen freien Platz im Flieger. Die Challenger 850 hat leider nur 15 Sitze.“ Mir fiel es wie Schuppen von den Augen, das war also Sylvias Plan, ich schaute zu Jost. „Hast du keine Lust? Dein Gepäck kann diesmal auch nicht verloren gehen!“

 

„Haha, selten so gelacht.“ Schmollte er schon wieder? „Macht euch ruhig über mich lustig!“

 

„Schatz, das machen wir doch gar nicht. Es ist auch besser, wenn du hier bei uns bleibst, …“ Die blonde Frau strich sich eine Strähne aus der Stirn. „… du kannst dann mit Sven Mathe üben, die Formeln für die Wahrscheinlichkeitsrechnung habe ich nie verstanden!“

 

„Will kein Mathe machen!“ Sven war ja auch noch da. „Mathe ist doof!“

 

„Junger Mann! Du schreibst bald deine Klassenarbeit. Es wird gelernt und du machst brav das, was dein Bruder dir sagt, der hatte ja schließlich Mathe-Leistung und er wird dir das schon eintrichtern!“ Es war kein Zaunpfahl, es war ein ausgewachsener Jägerzaun, mit dem Sylvia da winkte.

 

Jost blickte erst seinen Bruder und dann seine Mutter an. „Mama, ich bin kein Lehrer! Ich fliege mit!“

 

„Dann viel Spaß, mein Großer!“ Mindestens zwei Personen fielen ganze Gebirge von den Herzen.

 

„Den werde ich hoffentlich haben. Aber …“ Er schaute mich an. „… aber was wird mit meinem Koffer?“

 

„Das ist kein Problem! Für den Tripp reicht die Tasche und dein Koffer …“ Ich zwinkerte Mutter Sylvia, meiner Mitverschwörerin, zu. „… dein Gepäck wird eh ins Hotel nach Rutland geschickt. Kriegst es halt einen Tag später. Ist doch nicht schlimm, oder?“

 

„Ne, es gibt Schlimmeres.“ Er lachte leicht. „Hexenverbrennungen und mit Sven Mathe pauken!“

 

„Ich sage doch immer: Mathe ist doof!“ Der kleine Jacobsen grinste uns alle an.

 

 

Als sich der Großteil der Truppe am Bus versammelt hatte, nahm mich Sylvia zur Seite. „So, das hätten wir geschafft. Hast du schon was rausgefunden? Ihr wart doch gestern zusammen im Pool.“

 

Mein schlechtes Gewissen meldete sich, ich druckste leicht herum. „Deine Vermutungen stimmen, was … du weißt schon. Aber bei dem anderen?“ Ich schüttelte den Kopf. „Bei der anderen Sache bin ich auch noch nicht schlauer.“

 

„Dafür hast du ja bei den Niagarafällen Zeit. Ich wollte, ich könnte euch begleiten.“ Sie lächelte mich an. „Aber mal was anderes, was kriegst du eigentlich für die Tour? Es entstehen doch Kosten.“

 

Ich machte eine abwehrende Handbewegung. „Nichts! Der Flieger ist eh bezahlt und, ob da 14 oder 15 mitfliegen, ist Peng Banane. Bei dem Hotel kann ich noch nichts sagen.“

 

„Wollte ich ja nur wissen!“ Sie blickte mich neugierig an. „Aber wieso sollte Jost sich einen Pullover überziehen? Er hat sich einen von mir geliehen.“

 

„Weil ich deinen Sohn gleich entführen will!“ Ich blinzelte ihr zu. „Wir setzen euch in der Stadt ab und fahren dann weiter. Ich hoffe, du hast nichts dagegen?“

 

„Wie könnte ich?“ Ihr Hüsteln klang gekünstelt.

 

„Dann bin ich ja beruhigt!“ Auch ich grinste, jedoch aus anderen Gründen.

 

 

Jenny  hatte in der Exeter Street endlich einen Parkplatz gefunden, ich griff mir das Mikrofon. „So, meine Damen und Herren, wir sind jetzt mitten im Nachtleben von Portland! Sie müssen von hier aus eigentlich nur noch ausschwärmen und sich die passende Lokalität nach ihrem Geschmack suchen und dort ihren Spaß finden. Dabei wünsche ich Ihnen viel Vergnügen und eine gute Heimkehr. Sie wissen ja, ihr Wecker geht um sieben!“

Ich grinste meine Gäste an, einige hatte Fragezeichen in ihren Augen. „Jedenfalls habe ich den allgemeinen Weckruf für diese Uhrzeit bestellt, wir haben ja einiges vor am morgigen Tag! Treffpunkt ist um halb neun am Bus. Ehe ich es vergesse, ich möchte diejenigen von ihnen, die morgen Abend mit zu den Niagarafällen fliegen, bitten, für diese Reise, wenn möglich, nur eine kleine Tasche zu packen, die Kapazität im Flugzeug ist begrenzt. Ihr normales Gepäck können sie im Hotel in Rutland deponieren, denn von Freitag auf Samstag in nächtigen wir alle wieder gemeinsam dort. … In diesem Sinne wünsche ich Ihnen noch einen schönen Abend!“

Während die Fahrgäste noch Applaus spendeten, verließ ich schon den Bus. Nach und nach stiegen meine Schäfchen aus, einige hatten noch Fragen, die ich gerne beantwortete. Nur Jost, der schon hinter seinen Eltern herlaufen wollte, hielt ich zurück. „Du bleibst hier!“

 

„Wieso?“ Er war anscheinend ratlos.

 

„Wirst u gleich schon sehen, wir fahren gleich weiter!“ Ich blickte ihn an. „Vertrau mir einfach!“

 

„Mache ich!“ Sein Blick war eine Mischung aus Verzagtheit und Zuversicht. „Mache ich!“

 

Nachdem niemand mehr im Bus war, schob ich den Mann meiner Begierde wieder hinein. „Jenny, wir können.“ Ich lachte sie an. „Du weißt, wo ich hin möchte?“

 

„Klar! Ich bin doch nicht von gestern!“ Auch sie grinste mich an. „Ach, den Beutel, den ich für dich vorbereiten sollte, liegt hinten im Kühlschrank!“

 

„Danke!“ Ich ging zur Kochnische, die sich im hinteren Teil des Busses befand, und griff mir den Baumwollsack, der dort im Kühlfach lagerte. Als ich wieder nach vorne schlenderte, stoppte Jenny auch schon wider.

 

„Boss, wir sind da. Viel Spaß!“ Sie grinste schelmisch. „Wenn ich dich abholen soll, ruf an. Bis zehn bin ich auf alle Fälle wach.“

 

„Danke dir, aber wir nehmen gleich ein Taxi zurück zum Hotel.“ Ich blickte an den Mann, der hinter der Fahrerin saß. „Du musst morgen fahren, auf meine Ergüsse kann man notfalls auch verzichten.“

 

„Mach dich mal nicht kleiner, als du bist! Wünsche euch einen schönen Abend und nun raus mit euch!“ Wir standen noch auf dem Parkplatz und schauten ihr hinterher.

 

„Wo sind wir eigentlich?“ Da war wohl jemand wissbegierig.

 

„An einem der schönsten Orte der Welt. Komm einfach mit und genieße!“ Ich deutete auf den Weg und wir gingen die Straße entlang in Richtung Ship Cove, in Richtung Atlantik.

 

„Wohin führst du mich?“ Neugier lag in seiner Stimme.

 

„Warte ab.“ Wir hatten den Abzweig in Richtung der Felsen erreicht. Der Fußweg war gepflastert, auch bei dem Dämmerlicht konnten wir nicht vom Weg abweichen. Die ersten Treppen zu den Klippen hatten wir erklommen. Ich hörte sein stoßweises Atmen hinter mir.

„Wenn wir gleich um die Ecke kommen, machen wir erst einmal eine Zigarettenpause.“ Ich blickte hinter mich und schaute in ein angespanntes Gesicht. Als wir die Biegung zum Wasser erreicht hatten, legte ich meinen Arm um seine Schulter. „Siehst du den Leuchtturm da drüben? Den wollte ich dir zeigen!“

 

„Das sieht echt … geil aus! Fast so geil wie du!“ Er schaute mich an.

 

Ich grinste. „Sagte ich doch. Hier!“ Ich zückte meine Zigaretten, er entnahm gleich Zwei. Ich gab Feuer und er steckte mir einen Glimmstängel zwischen die Lippen. „Danke!“

 

Nach einer Minute des Stillstandes griff er meine Hand und zog mich weiter. Als wir an der letzten Biegung des Wanderweges ankamen, die Zigaretten waren schon längst gelöscht, betrachtete er erneut den Leuchtturm von Head Light. „Geil!“

 

Ich legte meinen Arm um seine Schulter und zog ihn an mich. „Habe ich dir zu viel versprochen?“

 

„Nein! Hast du nicht.“ Seine Lippen näherten sich den meinen und endlich berührten wir uns. In mir tobte ein Feuerwerk, nur doppelt so groß wie am 4. Juli! „Hier möchte ich bleiben!“

 

„Dann machen wir das!“ Ich griff in den Beutel und holte einen der mitgebrachten Piccolos hervor, die Becher hatte ich natürlich nicht vergessen. Der Inhalt war schnell eingeschenkt und wir prosteten uns zu. „Auf das unsere Wünsche in Erfüllung gehen mögen!“

 

„Das wünsche ich mir auch.“ Wir prosteten uns zu und unsere Lippen trafen sich erneut. Nur war die in mir herrschende Himmelsillumination größer: zum Unabhängigkeitstag gesellte sich Sylvester.

 

Wir schlenderten Hand in Hand in Richtung des über 20 Meter hohen Leuchtturmes, je näher wir ihm kamen, desto stärker wurde der Druck seiner Hand. Ich war happy! Wir legten unzählige Pausen ein, einmal zum Trinken, einmal zum Rauchen, einmal, um den Moment für die Ewigkeit festzuhalten, meine Digitalknipse hatte ich ja auch eingepackt. Jedwede Unterbrechung wurde von Berührungen unserer Lippen unterbrochen, der von Mal zu Mal intensiver und fordernder wurde, am Ende lief meine Zunge einen richtigen Marathon.

Händchen haltend schlenderten wir zurück zur Shore Road. Die Dunkelheit der Nacht hatte uns mittlerweile gefangen. Aber wir waren zusammen, Jost und Gordon strotzten den Elementen. Die Frage nach einem Taxi verneinte er zunächst, aber nach einer Stunde Fußmarsch, wir hatten knapp die Hälfte des Weges von zehn Kilometern zurückgelegt, durfte ich doch die Hand nach einem dienstbaren Geist, genannt Taxifahrer, ausstrecken.

An der Kreuzung Cottage Road/Broadway hatten wir Glück, ein Wagen hielt und nahm uns auf, keine zehn Minuten später waren wir wieder am Hotel. Ich zahlte den Fahrer und blickte dann auf den Mann meiner Träume. Er stand, leicht zitternd, vor dem Hoteleingang. Ich ging auf ihn zu und nahm ihn in die Arme. Meine Zunge suchte sein Ohr, leckte es ab, „Was möchtest du?“

 

„Der Moment soll nie aufhören!“ Er blickte mich an, „Aber lass uns lieber mal rein, nicht das wir uns eine Erkältung holen! Das bringt weder dir noch mir etwas!“

 

„Your wish is my order, my darling!“ Ich lachte ihn an, er küsste mich auf die Nase,

 

„Nun aber rein ins Warme.!“ Er zog mich in die Lobby. „Am liebsten würde ich mit dir jetzt noch schwimmen gehen, ich sehe von meinem Zimmer den Pool. Der scheint beheizt zu sein!“

 

„Ist er auch! Aber ich glaube nicht, dass er noch geöffnet ist.“ Ich lächelte ihn an. „Entweder machen wir uns noch warme Gedanken oder wir nehmen einen Kaffee an der Bar!“

 

„Wir machen beides!“ Er strahlte mich an. „Komm!“

 

In der kleinen Bar angekommen, mussten wir feststellen, dass wir nicht alleine waren. Neben einigen Gästen, die mir im Moment derart am Allerwertesten vorbeigingen, saßen da noch zwei Personen am Ende der Theke, die aufblickten, als wir den Raum betraten.

Mutter Jacobsen nahm ihren Sohn in die Arme. „Großer! Wo warst du denn?“

 

„An einem der schönsten Orte der Welt. Warte, bis Gordon dir die Bilder zeigt, die wir gemacht haben.“ Er drückte ihr einen Schmatzer auf die Wange. „Bestellst du uns mal zwei Tassen Kaffee. Wir sind durchgefroren, der Wind pfeift ganz schön!“

 

„Günni, zwei Kaff mit Schuss! Unsere Kleinen frieren!“ Ihr Blick tanzte zwischen uns hin und her.

 

Guntram gab die Bestellung auf. Ob jetzt das warme Getränk oder dessen geistiger Inhalt uns mehr wärmte, kann ich nicht sagen. Papa Jacobsen agierte etwas steif, Mutter Jacobsen grinste die ganze Zeit, während Jost ihr, diesmal doch in blumenreichen Bildern, seine Eindrücke vom ältesten Leuchtturm des Staates Maine schilderte.

 

Ich hätte ihn ja gerne mit Kuss verabschiedet, als wir uns trennten, aber meine potenziellen Schwiegereltern waren anwesend. Benehmen war also angesagt! Ihm schien es ebenso zu gehen und so blieb es bei einer Umarmung zum Abschied. Jeder ging auf sein eigenes Zimmer. Wie gern ich nicht alleine gegangen wäre, kann man sich vorstellen.

Der Schlaf, in den ich fiel, war tief. Ich war glücklich und zufrieden mit mir und der Welt. Als ich aufwachte und die Augen aufschlug, ging mir nur ein Gedanke durch den Kopf: „Niagara, here I come!“

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