Welcome to Australia – Teil 02

Tom

Berry blieb abrupt stehen, während ich nun direkt vor Timothys widerlichen Visage stand. Aus dem Augenwinkel heraus sah ich, wie Molly und Lesley aufstanden, aber ich hob meine Hand und sie hielten in der Bewegung inne.

Ich hatte mir geschworen, mich nie wieder derart beschimpfen zu lassen, klein bei zu geben oder mich zu verkriechen und wandte mich an Timothy.

„Eigentlich gehört dein verwöhntes Snobärschchen in die nächste Mülltonne, aber ich mach mir an so etwas nicht die Finger dreckig.“

Ich ging mit meinem Gesicht noch näher an seines, so dass Timothy noch etwas zurückwich.

„Ja, ich bin schwul, aber das geht dich einen Dreck an. Und keine Angst, auch wenn du der letzte Kerl auf Erden wärst, dich würde ich nicht mal im Traum berühren wollen.“

Langsam richtete ich mich auf und ging zu meinem Platz neben Molly. Hinter mir hörte ich einen Stuhl rutschen und wenige Augenblicke später spürte ich am Rücken Hände, die mich mit voller Wucht nach vorne warfen.

„Du glaubst doch nicht, dass wir so einen Abschaum wie dich in der Klasse dulden!“, hörte ich Timothys laute Stimme, während ich auf einen Tisch knallte.

Ich atmete tief durch und versuchte den Schmerz in meinen Händen zu ignorieren. Langsam drehte ich mich um und ließ meinen Rucksack sinken.

„Wieso?“, keuchte ich leicht, „dich ertragen sie doch auch!“

Ein leises Kichern ging durch die Klasse.

„Dir Schwein werde ich es zeigen“, schrie Timothy und stürzte auf mich los.

Geistesgegenwärtig machte ich einen Schritt zur Seite. Timothy knallte voll gegen den Tisch, überschlug sich und blieb wimmernd er auf der anderen Seite am Boden liegen.

„Du Schwein hast mir den Arm gebrochen“, jammerte er.

In dem Augenblick betrat Mister Sanchez das Klassenzimmer.

„Könnte mir vielleicht einer der Herrschaften sagen, was hier los ist und warum Mister Stefferson schon wieder auf dem Boden liegt?“

„Das Schwein hat mir den Arm gebrochen“, jammerte Timothy.

„Wer?“, fragte Sanchez nach.

„Der Neue!“

„Tom?“, fragte er und schaute mich an.

Berry

Ungläubig und mit offenem Mund schaute ich mir die Szene an. Ich war so geschockt, dass ich mich einen Moment lang gar nicht mehr rühren konnte. Alles spielte sich wie im Zeitlupe ab.

Erst als Mister Sanchez hereinkam und fragte wer das war, kam ich langsam wieder zu mir und sah Timothy, der mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden lag und seinen Arm hielt.

„Mister Miller, laufen Sie ins Sekretariat und rufen Sie einen Krankenwagen … schnell!“

Dabei drückte er mich förmlich wieder nach draußen auf den Flur.

Also lief ich über das Treppenhaus in das Verwaltungsgebäude zum Sekretariat. Als ich dort ankam, öffnete ich hastig die Tür und Miss Moneypenny, wie sie von uns liebevoll genannt wurde, sah mich erschrocken an.

„Wir brauchen einen Krankenwagen…“

Ich holte tief Luft

„Timothy hat sich im Unterricht den Arm gebrochen.“

Während Miss Moneypenny zum Hörer griff und den Arzt verständigte, hörte ich den Prinzipal aus dem Nachbarzimmer rufen:

„Was ist das denn für ein Lärm hier?“

Schon stand er in der Tür und schaute mich verärgert an.

„Tom und Timothy Stefferson hatten einen Disput, Timothy ist gestolpert und hat sich dabei den Arm gebrochen.“

„Moneypenny, ist der Krankenwagen unterwegs?“

„Ja, Sir!“

„Komm Berry…“

Mit eiligen Schritten hastete er in Richtung unseres Klassenzimmers, ich hatte Mühe ihm so schnell zu folgen.

„Was war hier los?“, fragte der Direx ernst.

„Joshua, du bringst Timothy in das Krankenzimmer.“

Joshua ging missmutig nach vorne zu Timothy und wollte ihm aufhelfen.

„Fass mich nicht an, ich kann alleine laufen“, fauchte dieser.

Als sie das Zimmer verließen, drehte sich Timothy noch mal um und schaute zu Tom

„Und dir Schwuchtel werde ich es noch zeigen.“

„Tom?“, fragte der Direx.

Tom

„Ich habe doch gar nichts getan!“, meinte ich weinerlich.

„Tom beruhige dich, das haben mittlerweile alle in der Klasse bestätigt“, meinte Berry.

„Stimmt Tom, jeder in der Klasse hat gesagt, dass du nicht an seinem Sturz beteiligt warst“, bekräftigte der Direx Berrys Aussage.

Ich schaute zu den beiden.

„Wird es denn jetzt immer so sein, egal ob ich klein beigebe oder mich wehre?“

„So darfst du nicht denken, Tom“, meinte Berry und legte den Arm um mich.

Direx Steinhardt setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch.

„Also ich denke, in deiner Klasse hast du sicherlich keine Schwierigkeiten, denn alle standen hinter dir, Tom. Und was Timothy betrifft, da wird es zwar noch Ärger geben, aber keinen, mit dem wir nicht fertig werden würden.“

Er hatte das wir so betont. Ich wusste nicht, ob es richtig war, was ich da gemacht hatte, aber andererseits hatte ich echt keine Lust mehr, mich immer zu trollen. Es war schon schwierig genug, einen Schlussstrich unter die Sache mit meinem Vater zu ziehen.

Noch mal wollte ich so etwas nicht durchmachen müssen.

„Und wie geht es jetzt weiter?“, fragte ich zaghaft.

„Du kommst morgen ganz normal in die Schule und nimmst am Unterricht teil!“, meinte Steinhardt.

„Als wäre nichts gewesen?“

„Was war denn? Herr Stefferson hat sich durch eine Unachtsamkeit seinerseits den Arm gebrochen. Du trägst keine Schuld daran.“

Mir war das trotzdem nicht geheuer und auch mein Gehirn nahm das nicht so auf, wie der Direx es gerade geschildert hatte.

„Ich denke, ihr zwei geht jetzt erst mal in die Cafeteria und nehmt am Mittagessen teil, danach sieht schon alles ganz anders aus.“

Wir verabschiedeten uns vom Direx und wieder auf dem Flur, umarmte ich Berry.

„Danke, dass du da bist.“

„He, Tom. Es ist alles in Ordnung, okay?“

Ich nickte.

„Komm ich zeig dir jetzt die Cafeteria und all die schönen Gerichte, die es dir leicht machen, abzunehmen.“

„Hä?“

„Du wirst schon sehen, was ich meine.“

So durchquerte ich mit Berry den halben Trakt. Es war fast keine Menschenseele auf den Fluren unterwegs. Kunststück, es war ja noch Unterricht.

„Beeilen wir uns. Gleich ist der Unterricht fertig und dann herrscht hier das Chaos“ meinte Berry und schob mich durch eine weitere Schwingtür.

Wir betraten einen riesigen Saal, an dessen Rand ich eine Theke ausmachen konnte.

„Und hier passen alle rein?“, fragte ich ungläubig.

„Ja… alle. Spätestens an der Lautstärke, die gleich hier herrscht, wirst du das merken.“

Berry nahm sich ein Tablett sowie Besteck, was ich ihm gleich tat. Dann folgte ich ihm zu der Theke. Die Auswahl war zwar groß, aber manche Dinge sahen so aus, als hätte sie schon wer gegessen.

„Ist das immer so?“, fragte ich leise.

„Na ja, nicht immer. Ab und zu gibt es sogar Leckereien.“

„Und heute?“

„Mal sehen, was könnten wir denn nehmen? Notfalls nehmen wir nur Salat, der schmeckt immer gut. Und die Desserts sind auch nie zu verachten.“

„Ich glaube dir das einfach mal.“

„Bleibt dir auch nichts anderes übrig, aber ich denke, wir können es mit den Nudeln und der Fleischsoße probieren. Die sehen halbwegs in Ordnung aus.“

Wenig später stand ich mit meinem gefüllten Tablett vor der riesigen Menge an Tischen.

„Gibt es hier auch so etwas wie eine Sitzordnung… also, ich meine so nach Klassen.“

„Eigentlich nicht. Wer zuerst kommt malt zuerst, heißt es so schön. Aber bisher haben wir immer einen Platz gefunden.“

In dem Moment erklang der Schulgong und der Lärm, von dem mein Freund gesprochen hatte, rückte wie ein Gewittergrollen immer näher. Berry zog mich an einen Tisch, als die Schwingtür, begleitet von Geschrei, aufgestoßen wurde.

Berry

 

Ich setzte mich auf den Platz gegenüber von Tom und fing an zu essen.

„Warum hat das heute Morgen beim Direx eigentlich so lange gedauert?“

„Er war noch mit mir draußen auf dem Schulhof und hat einiges erzählt. Unter anderem, dass Bob und er sich von früher kennen. Bob hat ihm, wie er sagt, meine Geschichte erzählt. Auch dass ich schwul bin, muss er dabei erwähnt haben und der Direx hat versprochen, auf mich zu achten.“

Langsam füllte sich der Saal und der Geräuschpegel nahm stetig zu.

„Das sieht Bob gar nicht ähnlich. Also ich meine, dass er dich gleich outet. Er wird einen wichtigen Grund dafür gehabt haben, denke ich.“

Während wir weiterredeten, aßen wir unsere Nudeln und ich konnte feststellen, dass es gar nicht so schlecht schmeckte, wie es vorhin ausgesehen hatte.

„Vielleicht war es heute ja auch von Vorteil, dass die beiden sich gut kennen und der Direx schon Bescheid wusste.“

Während ich meinen Teller beiseite schob und mir den Nachtisch griff, sah ich, dass auf einmal Jason und Eddy hinter Tom standen. Die beiden kannte ich nur vom sehen. Sie waren einen Jahrgang über uns und wo sie erschienen, war meist Ärger angesagt.

Ich ahnte nichts Gutes.

Eddy zog den Stuhl, auf dem Tom saß, schlagartig nach hinten, was zur Folge hatte, dass Tom ohne Halt auf dem Boden landete. Seine Gabel flog im hohen Bogen über den Tisch und fiel ebenfalls klirrend auf die Erde.

Fassungslos sprang ich auf, um Tom zu helfen, aber in dem Augenblick trat Jason Tom mit voller Wucht in die Seite,  was dieser mit einem Aufstöhnen quittierte.

„Du Schwule Sau! Warte, bis wir dich alleine erwischen, dann machen wir dich fertig.“

So schnell wie sie gekommen waren, so schnell waren sie auch schon wieder verschwunden. Bis auf ein paar jüngere, die nur kurz aufsahen und dann weiter aßen, schien auch niemand etwas mitbekommen zu haben.

Stöhnend lag mein Freund vor mir auf der Erde, ich kniete mich zu ihm hin.

„Tom?“

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