Welcome to Australia – Teil 04

Bob öffnete die Augen.

„Was war das denn?“, fragte Bob verwirrt.

„Du bist plötzlich zusammengesackt und die Treppe hinunter gefallen“, antwortete Abby besorgt.

„Soll ich einen Krankenwagen rufen?“, fragte Berry.

„Ach Quatsch, mir geht es gut, lasst mich bitte aufstehen.“

Er richtete sich auf und hielt kurz inne.

„Du hast dir doch etwas getan“, meinte Abby, „ich ruf Doc Ebeny an, und ihr Jungs helft ihm ins Bett.“

Abby hatte ein Machtwort gesprochen und keiner widersprach ihr.

*-*-*

Berry

Wir versuchten Bob aufzuhelfen, was gar nicht so einfach war. Auch, wenn er gerade gesagt hatte, ihm gehe es gut, von selbst stehen schaffte er nicht. Also nahmen wir ihn in die Mitte und führten ihn behutsam die Treppe hoch.

„Puh, warum habt ihr auch keinen Fahrstuhl.“

Als wir Bob endlich im Bett hatten, musste ich erst einmal Luft holen und auch Tom schnaufte heftig.

„Jungs könnt ihr mir mal helfen, ich bekomme dieses blöde Hemd nicht auf.“

Während Tom seinem Onkel half, das Hemd aufzumachen, kam Abby mit Molly im Schlepptau rein gestürzt.

„Dad!“, Molly setzte sich vorsichtig zu Bob ans Bett und nahm seine Hand.

„Schatz, Doc Ebeny ist gleich da, er wollte sofort losfahren.“

„Okay“, sagte Bob leise.

„Jungs, ihr geht am besten runter und wartet auf den Doc.“

„Molly, du holst Dad bitte was zu trinken aus der Küche.“

Also gingen wir zu dritt wieder runter. Molly bog in Richtung Küche ab, während Tom und ich auf der Veranda warteten.

Gebannt schauten wir auf die Einfahrt runter, keiner von uns beiden sagte ein Wort und jedes, wenn auch noch so kleine, Geräusch ließ uns aufhorchen. Wir warteten geschlagene 15 Minuten, bis der Doc endlich mit quietschenden Reifen anhielt.

„Hallo Jungs, wo ist Bob?“

„Oben im Schlafzimmer, Abby und Molly sind bei ihm.“

„Bleibt bitte hier unten.“

Mit schnellen Schritten ging er hinein und wir hörten, wie er die Treppe hoch lief.

Ich nahm Tom in den Arm, der auf den Boden starrte und weinte.

„Lieber Gott, mach dass er wieder gesund wird. Ich will nicht noch jemanden verlieren“, schluchzte er.

Ich drückte ihn fester an mich und fuhr mit meiner Hand durch seine Haare.

„Es wird alles gut werden, Doc Ebeny bekommt das wieder hin.“

„Und wenn nicht?“

Tom zitterte am ganzen Körper.

Tom

Warum mir gerade jetzt das Bild vom Sarg meines Vaters ins Gedächtnis kam, wusste ich nicht. Ich spürte nur, wie meine Knie weich wurden.

„He, Kleiner nicht! Mach mir jetzt nicht schlapp“, meinte Berry, „komm, wir gehen in dein Zimmer.“

Berry führte mich in mein Zimmer, wo wir uns auf mein Bett setzten.

„Weißt du…, als mein Vater damals starb, war ich noch klein… Mitbekommen habe ich trotzdem alles. Plötzlich fehlte etwas. Ich weiß, du hast kein gutes Verhältnis zu deinem Dad gehabt, aber ich weiß auch, dass trotz eurer Streitigkeiten jetzt etwas fehlt.

In dir ist eine Lücke entstanden, die man nicht so leicht auffüllen kann. Doch du hast eine zweite Chance bekommen mit Bob. Ich spüre, was du empfindest und wenn du könntest, würdest du Dad zu ihm sagen.“

„Woher weißt du das?“, fragte ich verwundert.

„Tom ich habe zwei Augen im Kopf und sehe, wie ihr beide zueinander steht.“

„Bob ist der absolute Wunschvater…“

Da ging die Tür auf und Molly streckte den Kopf herein.

„Ach hier seit ihr, habe euch schon überall gesucht.“

Ich stand auf.

„Und… was ist…?“, fragte ich aufgeregt.

„Papa hat sich etwas überarbeitet…“

„Etwas? Da klappt man doch nicht zusammen“, wurde ich lauter.

„Tom, beruhig dich wieder“, meinte Berry und nahm mich in den Arm.

„Doc Ebeny meinte, er muss langsamer machen, das wäre so was wie ein Warnschuss vor den Bug gewesen.“

Ich ließ mich wieder aufs Bett sinken. Molly kniete sich vor mich hin.

„He Tom, das wird wieder, du hättest Mum hören sollen. Sie hat so viele Sachen aufgezählt, was er jetzt zu unterlassen hatte.“

„Und du meinst, es wird wieder?“, fragte ich.

*-*-*

Die Nacht schlief ich äußerst schlecht. Laufend musste Berry mich aus irgendwelchen Träumen wecken. Er nahm mich immer in den Arm und streichelte mich, bis ich wieder eingeschlafen war.

Auch ein Grund, warum ich am nächsten Morgen total gerädert aufwachte. Schweigend stand ich auf und wanderte ins Bad, drehte dort das Wasser auf und stellte mich unter die Dusche. Dass Berry mir gefolgt war, hatte ich nicht gemerkt.

Plötzlich spürte ich Hände auf meinem Körper, die mich nach hinten zogen. Ich schloss die Augen und genoss diese Berührungen.

„Guten Morgen mein Schatz“, sagte Berry und strich mir über den Bauch.

„Morgen Berry“, sagte ich leise.

„War eine schlechte Nacht…“

Ich nickte. Er küsste meine Schulter und streichelte sanft über meine Flanken, dann fing er an zu kichern.

„Ich würde ja gerne weiter machen, aber leider müssen wir in die Schule.“

Ich seufzte.

„Ist nicht schlimm, irgendwie bin ich eh nicht gut gelaunt und meine Gedanken hängen sowieso nur an Bob.“

Berry

Die Schule verlief heute halbwegs normal. Nur Timothy fehlte. Toms unfreiwilliges Outing wurde von den meisten Mitschülern gar nicht mehr erwähnt und so nahm der Schultag seinen normalen, langweiligen Verlauf.

*-*-*

Als wir am späten Nachmittag bei Tom ankamen, war in der Praxis der Bär los. Auf dem Hof standen fünf oder sechs Autos und das Wartezimmer, das man vom Hof aus einsehen konnte, war gerappelt voll.

„Berry, kannst du unsere Sachen reinbringen?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, drückten Molly und Tom mir ihre Schulsachen in die Hand. Tom gab mir noch schnell einen Kuss, „Danke“ und schon waren beide verschwunden.

Ich ging ins Haus und brachte die Sachen hoch. Mollys Tasche stellte ich vor ihre Tür und Toms Sachen stellte ich an ihren gewohnten Platz, gleich neben dem Schreibtisch.

Als ich die Treppe hinunterlief, rief Bob aus dem Wohnzimmer.

„Tom?“

„Nein, ich bin es – Berry.“

Ich ging zur Wohnzimmertür und sah Bob auf seinem Schaukelstuhl sitzen. Er hatte ein Buch in der Hand und war anscheinend am lesen.

„Hallo Berry, gut dass ihr da seid. In der Praxis ist der Teufel los und Abby ist ganz alleine. Ich habe schon drei Mal versucht ihr zu helfen, aber jedesmal bin ich wieder rausgeflogen.“

Ich musste grinsen.

„Molly und Tom sind schon dort. Ich habe nur die Schulsachen hochgebracht und wollte auch gerade rübergehen.“

„Wie war es in der Schule?“

„Ganz okay, wie immer halt.“

„Gab es noch Stress wegen gestern?“

„Timothy, war krank gemeldet und der Rest der Klasse hat sich normal verhalten. Ich glaube, für die anderen war das auch nichts besonderes mehr … nicht so, wie damals bei mir, wo tagelang dicke Luft war.“

„Timothy war nicht da heute?“

„Nein, es hieß nur er wäre krank.“

Bob schaute einen Moment aus dem Fenster und überlegte.

„Seltsam … ich habe da so ein ungutes Gefühl.“

„Wir passen schon auf!“

„Dann mach mal, dass du rüberkommst.“

Bob lächelte mich an, nahm sein Buch in die Hand und las weiter.

Als ich die Tür zur Praxis öffnete, waren alle Stühle besetzt. Ich ging weiter zum Empfang, an dem Tom bereits am Rumwirbeln war und versuchte, gleichzeitig die Akten der wartenden Patienten zu ordnen, etwas am PC rauszusuchen und zu telefonieren.“

„Kein Problem Mrs. Goldman, sie können gerne noch mit ihrem Dalmatiner vorbei kommen, wir haben heute länger auf.“

Als er aufgelegt hatte, warf er mir ein bezauberndes Lächeln zu.

„Kannst du bitte Abby Bescheid sagen, dass wir noch einen Notfall rein bekommen?“

Gerade als ich gehen wollte, öffnete sich die Tür und Abby kam mit einer Katzenbesitzerin heraus.

„Tom, machst du mit Mrs. Parker bitte einen neuen Termin?“

„Ja, gerne. Mrs. Miller kommt gleich noch, ihr Hund wurde angefahren.“

„Kein Problem, darauf kommt es heute auch nicht mehr an“, meinte sie lächelnd.

„Ach Tom, da ist heute ein Brief von der Einwanderungsbehörde für dich gekommen, schau mal, der müsste neben dem Drucker liegen.“

Und schon war sie im nächsten Behandlungszimmer verschwunden.

Tom nahm den Brief und suchte den Brieföffner.

„Hier liegt er Schatz.“

Er lag versteckt unter einigen Akten.

Tom öffnete hastig den Brief und begann zu lesen.

Plötzlich wurde er ganz weiß im Gesicht, fiel auf seinen Schreibtischstuhl zurück und schaute mich traurig an. Tränen rannten ihm über die Wangen und er hielt mir den Brief entgegen.

AUSTRALISCHE EINWANDERUNGSBEHÖRDE

Sehr geehrter Mr. Miller,

 

mit Bedauern müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir Ihrem Antrag vom 27.07.2007 auf Erhalt einer australischen Staatsbürgerschaft nicht stattgeben können…

Ich ließ den Brief sinken und nahm Tom in den Arm.

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