Querbeet – Teil 5 – Selbst ist der Mann

Ich bin wieder zu Hause, stelle etwas Musik an und lasse mir ein heißes Bad ein. Entspannung ist genau das, was ich jetzt brauche, nicht mehr und nicht weniger.

Danach fühle ich mich sehr viel besser und habe auch eine Entscheidung getroffen. Definitiv bin ich nicht bereit so wie Erik zu enden und mein Leben gefällt mir sehr gut so, weshalb ich beschlossen habe auszuziehen.

Außerdem muss ich mich um einen neuen Job kümmern, da ich meinen bestimmt verlieren werde. Mein Vater wird alles daran setzen mir zu kündigen, egal mit welchen Mitteln, und bevor es Krieg gibt, kann ich besser von selbst gehen.

Beschlossen ist beschlossen und so schnappe ich mir mein Handy und telefoniere erst einmal rum, wegen einer Wohnung. Leute kenne ich wie Sand am Meer und so sollte das ja wohl nicht allzu schwer sein.

Etwa dreißig Telefonate später bin ich schon total verzweifelt und weiß nicht mehr, wen ich noch anrufen soll. Ich gehe mein Telefonregister im Handy durch und eigentlich habe ich es schon überall versucht, wo ich etwas erreichen hätte können, bis auf eine Nummer.

Eigentlich würde man  dort zuerst anrufen, da der Name als Erstes kommt, doch nach meinem letzten Auftritt bei ihm wollte ich es dort nur als letzte Möglichkeit versuchen.

Ich drücke den Knopf und mein Handy wählt die Nummer, obwohl ich eigentlich gar nicht weiß, was ich sagen soll.

„Hi“, fange ich das Gespräch an und natürlich weiß mein Gesprächspartner, wer ihn anruft, da er meine Nummer gespeichert hat.

„Hallo Mario“, kommt es von einer erotischen Stimme.

Ich atme tief durch und versuche die richtigen Worte zu finden.

„Äh, hör zu Armin. Ich suche eine Wohnung und ich dachte…“, versuche ich zu erklären, doch weiter komme ich nicht, da Armin sich am Telefon kaputt lacht.

„Armin?“, frage ich etwas skeptisch.

„Entschuldige“, kichert Armin, „so kenne ich dich nicht. Du bist so… kleinlaut?“

„Äh… ja“, mehr kriege ich nicht mehr raus und mir wird klar, dass ich wirklich nicht so wie sonst bin. Armin kennt mich nur herrisch und nicht so wie ich jetzt bin – zusammengefaltet wie ein Blatt Papier.

„Komm doch einfach her“, sagt Armin auf einmal zu mir und ich bin mehr als froh darüber.

„Gut. Dann bis gleich“, bringe ich noch hervor und kaum habe ich aufgelegt, befinde ich mich auch schon auf dem Weg zu ihm.

Meine Hände sind feucht, als der Butler mir die Eingangstür öffnet.

„Guten Tag, Sir, Sie werden bereits erwartet. Bitte folgen Sie mir“, kommt es von ihm.

Und wie schon oft, führt er mich den langen Flur entlang zu Armins Arbeitszimmer, wo Armin an seinen großen Schreibtisch sitzt und telefoniert.

Der Butler lässt uns allein und ich nehme am Schreibtisch gegenüber von Armin Platz, der auch kurz darauf sein Telefonat beendet.

„Schön, dass du gekommen bist“, sagt er zu mir mit ruhiger Stimme.

Ich nicke und versuche mir die richtigen Worte zurechtzulegen, doch zum Sprechen komme ich gar nicht.

„Du suchst also eine Wohnung? Darf ich annehmen, dass deine Eltern nun endlich Bescheid wissen?“, fragt Armin mich, mit einem Klang in seiner Stimme, der sich anhört, als wolle er sagen, ich hab es dir doch immer gesagt.

Ich nicke zustimmend, denn was sollte ich auch anderes tun?

„Mach dir keinen Kopf. Wie der Zufall es will, ist eine Wohnung in meinem Reihenhaus frei. Um genauer zu sein ein Loft*“, grinst Armin mich an.

Doch was zu schön klingt, um wahr zu sein, hat sicherlich einen großen Haken.

„Das klingt ja alles sehr schön, aber ich glaube kaum, dass ich mir das leisten kann. Schließlich ist es nicht nur die Wohnung, die ich brauche, sondern auch einen neuen Job“, erkläre ich schlecht gelaunt und ziemlich kleinlaut Armin.

Ich lasse meinen Blick sinken und betrachte meine Schuhe, doch als nichts von Armin kommt, schaue ich wieder auf. Armin grinst immer noch und wenn ich mich nicht irre, ist sein Grinsen sogar breiter geworden.

Als meine dunkelgrünen Augen seine braunen treffen, fängt Armin an zu lachen und ich verstehe nur noch Bahnhof.

Ich werde sogar richtig sauer auf ihn.

„Kannst du mir mal sagen, was so verdammt komisch ist?“

Erst langsam beruhigt Armin sich wieder und schaut mich mit einem weichen, sanften Blick an.

„Bei wem bist du gerade?“, fragt er mich.

„Bei dir“, antworte ich ihm, da ich nun wirklich nicht weiß, worauf er hinaus will.

„Ja, du bist bei mir“, grinst er mich an und plötzlich wird mir klar, worauf er hinaus will.

Armin Salzberger hat eins der größten Unternehmen hier in der Gegend, weshalb er auch so ein guter Kunde von uns ist.

„Heißt das…?“, frage ich mit einem Strahlen im Gesicht.

„Ja, das heißt es!“, erwidert Armin, „du wirst in das Loft einziehen und dann erwarte ich von dir, dass du morgen früh um sechs Uhr bei mir in der Firma bist. Ich bin mir sehr sicher, dass du dich als meine rechte Hand sehr gut machen wirst.“

„Als… deine rechte Hand?“, vergewissere ich mich, da ich mir nicht sicher bin, ihn wirklich richtig verstanden zu haben.

„Klar. Das ist das Mindeste!“, kommt es von Armin und ich springe auf, renne um den Schreibtisch rum und falle ihn um den Hals.

„Ich mag den strengen Mario, aber so gefällst du mir noch viel besser“, sagt Armin zu mir mit einer so angenehmen Stimme, dass ich eine Gänsehaut bekomme.

Noch am selben Tag schaue ich mir das Loft an. Leider muss ich allein hingehen, da Armin noch jede Menge zu tun hat. Die Wohnung ist der Hammer, weshalb ich auch sofort herumtelefoniere und versuche, Hilfe für meinen Umzug zu organisieren.

Ich stelle nach mehreren Telefonaten fest, dass ich echt tolle Freunde habe, denn wenn man sie wirklich braucht, haben sie keine Zeit.

Also bleibt mir nichts anderes übrig, als mich selbst um alles zu kümmern.

Kaum bin ich zu Hause, fange ich an, meine Sachen in Taschen, Tüten und Kartons zu packen und die Schränke auseinanderzubauen.

So weit so gut, jetzt brauche ich nur noch eine Transportmöglichkeit, die auch schnell gefunden ist, da auf einen Sonntag die meisten Kleintransporter nicht gebraucht werden.

Also mache ich mich auf den Weg und hole den Wagen, wobei mein Blick auf die Uhr mir sagt, dass es schon fast fünf Uhr ist. Anschließend räume ich alles in den Kleintransporter und indem ich auch auf dem Beifahrersitz Sachen platziere, bekomme ich schon ziemlich viel mit.

Meine Eltern sind entweder nicht da oder lassen sich nicht blicken, was mir auch recht so ist. Dann fahre ich zum Loft und bringe die meisten Sachen mit dem Fahrstuhl nach oben.

Noch eine weitere Fahrt später und nach unzähligen Fahrstuhlfahrten, sind dann nur noch die schweren sperrigen Sachen in meiner Wohnung, die ich unmöglich alleine schaffe.

Außerdem ist es schon dunkel draußen und meine Armbanduhr zeigt bereits nach zehn, als es an meiner neuen Wohnungstür klingelt. Nach einigen Problemen mit der Gegensprechanlage, da ich mich zum ersten Mal mit so etwas befassen muss, kann ich auch endlich meinen Besuch rein lassen.

Meine Augen leuchten, als aus dem Fahrstuhl ein mit Essen und Trinken bepackter Mann steigt, der wohl genau wusste, dass ich den ganzen Tag noch nichts gegessen habe.

Armin und ich werden nach dem Essen noch eine Fahrt zu meiner alten Wohnung machen und die letzten Dinge holen. Dann werde ich meinen Wohnungsschlüssel in den Briefkasten meiner Eltern werfen, mit einer Kündigung und einen Brief, in dem steht, wo ich jetzt wohne und dass ich mich dafür entschieden habe, so zu leben wie ich es will und nicht, wie ich es muss!

*Loft bedeutet soviel wie Dachboden-Wohnung. Die meist vorher als Industriehalle genutzten Räume werden renoviert und modernisiert und sind anschließend teure Wohnungen.

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