Welcome to Australia – Teil 14

Berry

Ich lag auf dem Bett, während Lesley stumm am Fenster stand. Ich hörte im Hintergrund, dass die Tür geöffnet wurde, drehte mich aber nicht um.

„Berry… Lesley…“, hörte ich Mums Stimme.

Ich drehte mich ruckartig um und auch Lesley drehte sich um. Mum stand vor uns. Ihre Augen waren feucht.

„Es tut mir Leid…, dass ich es euch nicht erzählt habe…“, begann sie sofort zu sprechen, „ich wollte…“

„Mum…!“, unterbrach sie Lesley.

Er lief auf sie zu, sprang ihr regelrecht an den Hals und fing laut an zu schluchzen.

„Mum… Entschuldigung…“

*-*-*

Tom

Bob hatte mich und Molly mit nach Hause genommen. Ich saß auf meinem Bett und grübelte über die Dinge der letzten Tage. Auf meinem Bett lag das Tagebuch von Mollys Grandpa, mein Tagebuch und ein Block, auf dem ich alles aufgeschrieben hatte.

Ich saß über dem Blatt und grübelte über die Namen. Irgendwo gab es Verbindungen, nur sah ich sie nicht. Was hatten die Stefferson mit den Tipptons zu tun? Gab es da irgendwelche Dinge die in der Vergangenheit passierten?

Und welche Rolle spielten die Johnsons in der Sache? Mir qualmte der Kopf. Dann das Schreiben aus der Kanzlei, die Holdinggruppe, die mein Studium finanzieren wollte und auch der Fond, der mein Vater angelegt hatte.

Total verwirrt legte ich die zwei Bücher aufeinander, schob sie auf den Block und tat alles auf meinem Schreibtisch. Ein Klopfen an der Terrassentür lenkte mich ab. Ich schaute auf und konnte Berry erkennen.

„Berry…“

„Hallo Tom…, kann ich herein kommen?“

„Klar doch“, meinte ich und zog ihn herein.

Ich schloss die Tür und wandte mich zu Berry. Etwas verloren stand er mitten im Zimmer. Ich ging zu ihm hin und umarmte ihn von hinten. Seine Arme hingen schlaff herunter und er reagierte nicht mal auf meine Umarmung.

„Alles okay mit dir?“, fragte ich.

Er schüttelte den Kopf. Ich drehte ihn zu mir und schaute ihm in die Augen. Sie waren rot vom weinen. Sanft fuhr ich ihm mit der Handfläche über die Wange.

„Derjenige der meinen Vater umgebracht hat…, läuft irgendwo da draußen herum“, sagte er leise, fast in Trance.

„Ähm… ich weiß, es ist kein Trost für dich Berry, aber daran kannst du jetzt nichts mehr ändern. Den Täter wird man jetzt sowieso nicht mehr finden…“

Berry sah mir tief in die Augen. Er atmete tief durch.

„Mum… hat erzählt…, dass Lesley und ich da eigentlich mitfliegen sollten.“

Ungläubig sah ich ihn an.

„Aber weil es Lesley vor Aufregung so schlecht war, blieben wir beide zu Hause bei Mum. Ich habe dass alles nicht mehr gewusst. Vergesse ich alles über meinen Vater?“

Ich konnte es ihm nachfühlen, auch wenn es bei mir aus anderen Gründen war. Langsam zog ich ihn aufs Bett. Tränen rannen ihm über die Wangen.

„Du erzähltest, dass du wenige Erinnerungen an ihn hast…, versuche an sie zu denken… Das hat mir mal ein ganz lieber Mensch geraten, sich immer an das Positive zu denken.“

Ein leichtes Lächeln huschte über Berrys Lippen.

„Ich denke oft daran, wie mein Dad mit mir als Kind gespielt hat. Mich überall mit hingenommen, um mir interessante Dinge zu zeigen. Dass versuche ich in meinem Herzen zu bewahren.“

„Es sind nicht so viele…“, sagte Berry leise, „und habe Angst, dass ich das auch noch vergesse.“

„Kann ich mir nicht vorstellen…, dein Vater wird immer ein Platz in deinem Herzen haben und wenn du dich einsam fühlst, ihn vermissen tust, dann denke an diese Kleinigkeiten.“

Berry nickte.

„Hat sich Lesley beruhigt?“

„Ja und sich bei Mum entschuldigt.“

„Und warum dann das ganze Theater?“

„Abby meinte später bei uns, dass Lesley unter Verlustangst leidet.“

„Deshalb ging ihm unsere Meinungsverschiedenheit am Anfang so Nahe.“

„Weißt du, bisher war er für mich der große Bruder, immer für mich da und der auf mich aufpasst.“

„Bleibt er weiterhin, da bin ich mir sicher.“

Berry sah mich lange an.

„Bist du sicher?“

„Ganz sicher!“

Ich wischte eine Träne von den Wangen.

„Du hast einen Bruder, auf den du dich verlassen kannst…“

Ich senkte den Kopf.

„Und du hast mich“, meinte Berry und hob mein Kinn an, „nie vergessen…!“

Ich nickte. Sein Kopf kam näher und ich schloss die Augen. Unsere Lippen berührten sich, sanft, dann immer fordernder.

*-*-*

Irgendwann in der Nacht wachte ich auf. Berry lag in meinen Armen und schlief fest. Ich streichelte ihm über seine nackte Schulter hin zu seinem Nacken. Ein leises Brummen war zu hören.

Was für ein Glück ich doch hatte. In meinem Arm lag ein Engel, der mein Leben komplett verändert hatte. Und doch gab es einen bitteren Beigeschmack, denn es war einfach zuviel passiert.

„Kannst… du nicht schlafen?“, brummte Berry neben mir und hob den Kopf.

„Bin eben aufgewacht.“

Er streichelte mit seiner Hand sanft über mein Gesicht und schaute mich weiter an.

„Was geht in dem Kopf meines Kleinen vor?“

„Zuviel!“

„Dann sag es, lass es raus!“

„Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll.“

„Von vorne?“

„Es gibt leider keinen Anfang… es ist wie ein Puzzle, dessen Rand schon gelegt ist und ich nicht weiß, wie ich das Innere zusammenfügen soll.“

Eine Weile lagen wir nur so zusammen, schwiegen und streichelten uns.

„Wir sollten versuchen zu schlafen, wir müssen morgen wieder in die Schule“, hörte ich Berrys Stimme.

„Heute…, wir haben schon nach eins.“

*-*-*

Der Morgen war zäh. Ich konnte mich beim besten Willen nicht richtig auf den Unterricht konzentrieren. Den anderen schien es genauso zu gehen. Immer wieder schauten Lesley, Berry oder Molly zu mir.

Gedankenverloren nahm ich die letzte Stunde nicht mehr war. Mein Block war voller Namen, deren Verbindungen ich nicht sah. Das Klingeln war die Erlösung. Ich packte meine Sachen zusammen und verließ mit den Anderen das Klassenzimmer.

„Essen wir etwas?“, fragte Lesley.

„Ich habe keinen Hunger“, kam es von Berry.

„Ich auch nicht“, meinte Molly.

„Was machen wir dann?“, fragte ich und blieb stehen.

„Der Mittagsunterricht fällt heute, wegen einer Konferenz aus, also ich habe schon etwas vor.“

„Was Molly?“, fragte Lesley.

„Ich wollte meinen Großvater besuchen…, ich habe das irgendwie vernachlässigt.“

„Meinst du, ich könnte mitkommen?“

„Ich dachte du fragst nie“, lächelte Molly, „und was ist mit euch beiden?“

Sie sah mich und Berry an. Unsere Blicke wechselten kurz und ich nickte.

Berry

Wir hatten unsere Sachen nach Hause gebracht und trafen uns bei Molly und Tom, die schon vor der Einfahrt auf uns warteten. Tom hatte das Tagebuch dabei.

„Was willst du mit dem?“

„Mollys Grandpa fragen…“

Meine Augen wurden groß.

„Bis du sicher, du schockst den alten Mann nicht damit?“

„Ich weiß es nicht, aber ich habe so viele Fragen, die ich gerne beantwortet haben möchte.“

„Jetzt redet nicht herum, lass uns fahren, sonst ist der Mittag vorbei“, sagte Molly und bestieg ihr Fahrrad.

Wenig später waren wir schon unterwegs. Den Teil der Stadt, den wir durchfuhren kannte Tom auch noch nicht. Ich sah, wie sein Kopf sich laufend bewegte und er sich alles genau ansah.

„Dauert es noch lange?“, fragte Tom.

„Nein, noch zwei Straßen, dann kommt das Heim“, antwortete Molly.

Tom sah mich verwundert an, als sie in die Einfahrt eines Hauses einbog und dort ihr Fahrrad abstellte.

„Hier? In einem normalen Haus… ist das nicht ein bisschen klein?“, kam es von ihm.

Molly lachte.

„Nein Tom, das Haus, das du vor uns siehst, ist nur die Verwaltung. Dahinter liegen noch mehr Gebäude.“

„Ach so.“

Wir schlossen unsere Räder und ich folgte den dreien in das Haus. Molly meldete uns an einer Art Rezeption an und lief dann weiter. Nachdem wir das Haus durchquert und durch den Hintereingang verlassen hatten, tat sich vor uns ein großer Garten auf.

Dort standen mehrere Häuser schön verteilt getrennt mit vielen Bäumen und Büschen. Ich war schon lange nicht mehr hier gewesen, aber es hatte es nichts verändert. Schon von weiten sah ich Mollys Grandpa vor den Haus sitzen.

„Hallo Grandpa“, rief Molly.

Er schaute auf und ein Lächeln überzog sein Gesicht.“

„Hallo Kinder, dass ist aber eine Freude, dass ihr mich besucht.“

Molly umarmte ihn.

„Nanu, das Gesicht kenne ich ja noch nicht“, sagte er plötzlich.

Molly nahm Toms Hand und zog ihn nach vorne.

„Das ist Tom, mein Cousin aus den Staaten.“

„Stimmt, Abby hat mir schon viel von ihm erzählt. Hallo Tom.“

Tom beugte sich vor und schüttelte ihm die Hand.

„Hallo Mr. Tippton, ich freue mich…“

„Junge, du kannst mich ruhig Grandpa nennen. Diese höfliche Anrede bin ich nicht mehr gewohnt.“

Tom nickte und der Blick von Mollys Grandpa fiel auf das Buch in Toms Hand.

„So ein Buch mit schönen Einband hatte ich auch einmal“, meinte er.

„Das ist ihr Buch“, sagte Tom.

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