Mit anderen Augen – Teil 8

Kapitel XLI, Ferien

„Endlich Ferien.“

„Na Andreas, diesen Spruch kenn ich doch noch aus meiner Kindheit.“

„Wie du hörst Papa, überdauert einiges die Zeit. Obwohl ich bezweifle, dass die Ferien ruhig werden.“

„Warte mal ab Sohnemann, spätestens in Italien wird es ruhiger. Andreas, Luise kann dich morgen mit nach München zu deinen Großeltern nehmen. Sie hat dort noch ein zweitägiges Seminar. Deine Großeltern möchten dich ja auch noch einmal sehen, bevor ihr euch rar macht.“

„Das wäre echt toll, sie werden sicherlich auch mein Zeugnis begutachten wollen. Und ich habe auch einige Fotos von meinem Blumenbeet gemacht. Sie konnten es bislang auch nicht sehen.“

„Ich muss schon sagen, dieses Rondell ist wirklich schön. Luise denkt auch darüber nach, so etwas haben zu wollen. Gerade weil durch die Praxiserweiterung ein Teil ihres Gartens in Mitleidenschaft gezogen wurde.“

„Wir können uns ja mal zusammensetzen, aber ich muss schon sagen, ich fand euren Garten eigentlich gemütlich, so wie er war.“

„Luise strebt einen perfekt gestylten Garten an.“

„Den gibt es nicht, selbst der berühmte Fürst-Pückler Park ist nicht formvollendet, das lässt die Natur nicht zu.“

„Und warum gibt es dann Garten- und Landschaftsarchitekten?“

„Um, nach meinem Verständnis, das von der Natur angestrebte Chaos für die Menschen verständlich zu machen. Sieh mal Paul, überlässt man die Natur sich selbst ist, in unseren Breiten der Wald immer das Resultat. Wir Menschen mögen das aber nicht, wir wollen Blumen, Sträucher und Bäume immer gleichzeitig. Die Gartenbaukunst beschäftigt sich also – lapidar ausgedrückt – mit der Koordination der verschiedenen natürlichen Stadien, auch wenn es mal bedeutet gegen die Natur zu arbeiten.“

„Aha und die Landschaftsarchitekten?“

„Im Prinzip machen sie das Gleiche, nur sind ihre Dimensionen etwas größer und ihre Aufgaben umfassen Flora und Fauna. Nehmen wir zum Beispiel meinen Vater. Er beschäftigte sich mit Parkanlagen in der Größenordnung von einigen Hektar. Die Kunst liegt darin, die Anlagen so zu gestalten, dass zum Einen das menschliche Symmetrieempfinden und die natürlichen Formen auf einen Nenner zu bringen sind.

Auf der anderen Seite die unterschiedlichen natürlichen Stadien miteinander zu kombinieren, um einem Park auch ein gewisses menschliches Erholungsbedürfnis zukommen zu lassen. Darüber hinaus muss der Fauna Rechenschaft getragen werden. Im Gegensatz dazu, die Geschäftspartnerin meines Vaters, die sich im Landschaftsbau auf die Renaturierung spezialisiert hat. Sie beschäftigte sich vor allem damit, ehemalige Nutzflächen der Natur wieder zugänglich zu machen.“

„Reicht es denn nicht aus, eine versiegelte Fläche zu entsiegeln?“

„Nicht allein. Nehmen wir an, eine Industriefläche soll zurückgebaut werden. Da wird erst einmal festgestellt, mit was an Altlasten zu rechnen ist. Diese werden, je nach Umweltverträglichkeit, entsprechend analysiert, kartografiert, katalogisiert und entsorgt. Danach wird die vorhandene natürliche Substanz untersucht. Sprich, was an Natur ist schon vorhanden. Diese sollte dann als Ausgangspunkt genommen werden, um den Rest der Fläche der Umgebung anzupassen. Nicht immer ist es von Nöten, alles von Grund auf neu aufzubauen. Das macht es zum einen vom Kostenaufwand günstiger und zum anderen können ökologische Mikrosysteme erhalten werden. Schöne Beispiele dazu finden sich unter anderem im Ruhrgebiet, wo lange Zeit nach dem Zechensterben die Industrieanlagen sich mehr oder weniger selbst überlassen wurden.“

„Gibt es auch negative Beispiele?“

„Ja, Carsten. Du kennst sogar eines persönlich. Diese verschiedenen Sträucher vor dem Internat. Sie konnten nicht gedeihen, weil ihr Ursprung sich in verschiedenen Klimaregionen befanden. Meine persönliche Meinung zu einem Prestigeprojekt der Superlative im Süden der Republik: Sie werden es nicht schaffen die natürlich gewachsenen Ökosysteme umzusiedeln.“

„Darf ich fragen, wie du zu dieser Meinung kommst?“

„Ich gebe einmal ein kleines Beispiel aus dem Wald. Ihr kennt doch alle die geschützte rote Waldameise. Wenn so ein Ameisenhügel umgesetzt werden muss, ist es nicht damit getan, diesen einfach abzutragen und woanders anzusiedeln. Es müssen viele Parameter berücksichtig werden. Geographische Lage und die Ph-Werte einhalten, Baum- und Beutebestand muss stimmen. Welche Insekten gibt es am alten Ort und welche befinden sich am neuen. Wenn diese Fragen beantwortet sind, fängt man an, die Erde um den Ameisenbau abzutragen und am neuen Standort wieder aufzutragen, um zum Schluss die Kolonie selbst umzusiedeln. Aus Berichten von meinem Vater weiß ich, dass es möglich ist. Es liegt in der Natur der Insekten, sich schnell an neue Lebensbedingungen anzupassen, weil der Umsiedlungsmaßstab eins zu eins ist. Anders ist es bei diesem Projekt. Die Idee, das zusammenhängende System auf mehrere Oasen zu verteilen. Das heißt, der Maßstab verkleinert sich und die Kommunikation zwischen den Oasen ist nicht gegeben. Obendrein müssen diese Oasen entsprechend der alten Bedingungen gewartet werden, was sich ebenfalls auf die Umgebung auswirkt.“

„Mann, oh Mann, oh Mann. Und ich dachte, es reiche aus, ein paar Bäume und Sträucher zu pflanzen. Ich ziehe meinen symbolischen Hut vor dieser Berufssparte.“

Der Van bog auf das Grundstück der von Feldbachs ein und hielt vor der Garage. Andreas sah, was Paul damit meinte, dass der Garten in Mitleidenschaft gezogen wurde. Kies- und Sandhaufen lagen dort, wo im Herbst noch Rosenbeete waren und ein Trampelpfad befand sich zwischen verschiedenen Sträuchern. Die Bauarbeiter haben nicht sehr viel Rücksicht auf die Anlage genommen. Paul sah Andreas’ traurigen Blick und berichtete ihm, dass Luise die Rosen hat ausgraben und in Kübeln pflanzen lassen. Gegenüber Carsten erläuterte er die momentane Situation vor der Garage und dass der Weg durch Sperrgitter abgetrennt ist. Carsten bedankte sich.

Ercan stieg als erster aus und lief zur Rückseite des Autos. Dort öffnete er die Tür und ließ die Hunde aus der Transportbox. Max und Leon sprangen hinaus und während Leon direkt zum Haus lief, wartete Max auf Carstens Kommando. Das dauerte auch keine zehn Sekunden und sie folgte dem Rüden.

Carsten hielt sich an Ercan, der ihn um das Haus herum zur Terrasse führte und ihn aus seiner Perspektive auf den neusten Stand brachte. Luise stand mit einer Thermoskanne in der Hand an der Gartentür und sah ihre beiden Jungen den Weg hinaufkommen.

„Hallo, da seid ihr ja schon. Ist Andreas nicht mitgekommen?“

„Hallo Mama, doch er kommt mit Papa nach. Ich glaube sie unterhalten sich noch über den Vorgarten.“

„Da wird er jetzt sicherlich enttäuscht sein, wo er ihn doch so schön fand. Aber das bekommen wir sicherlich auch wieder hin. Lust mit den alten Herrschaften Kaffee zu trinken?“

„Immer doch, was meinst du Ercan?“

„Gibt es auch Kakao?“

„Natürlich und Kekse extra für dich.“

„Setzt euch doch schon einmal.“

„Papa sagte etwas davon, dass du den Garten neu gestalten möchtest.“

„Ach, iwo. Nur den Vorgarten, der ist ja ruiniert. Hier hinten bleibt alles beim Alten. Da kommen ja auch die anderen zwei. Hallo Andreas, wie war die Fahrt?“

„Nicht ganz so flott wie bei dir, aber unterhaltsam.“

„Langsam kommt man auch ans Ziel. Liebling hast du Kaffee…“

„Setz dich. Ich hole noch die Kekse und Andreas, du bevorzugst doch Milch im Kaffee, die bringe ich auch mit.“

Bevor Luise im Haus verschwand, gab sie ihrem Mann den obligatorischen Kuss. Anstelle sich zu setzen, folgte ihr Paul und beide kamen kurz darauf mit vollen Tabletts zurück. Paul stellte die Dinge auf den Tisch und Luise ihr Tablett auf einen kleinen Beistelltisch ab. Nachdem Paul eingeschenkt hatte, setzte er sich neben Luise und genoss den ersten heißen Schluck Kaffee. Ercan krümelte vor sich hin und Leon sammelte die Reste vom Boden auf.

„So, jetzt erst einmal das unangenehme. Carsten, dein Zeugnis.“

„Ja Papa, was ist damit?“

„Dr. Neubert hat mir, mit deiner Erlaubnis, deine Beurteilung per e-mail geschickt. Tja, ich weiß ja nicht aber ich bin stolz auf dich.“

„Mein Mann wurde ganz bleich vor Neid, als er sie gelesen hat.“

„Danke, Vati. Leider entspricht meine Note in Englisch nicht ganz meinen Erwartungen.“

„Wie hoch du deinen eigenen Maßstab anlegst, ist deine Sache. Ein Tipp unter Freunden: Übertreib es nicht. Und Andreas, bist du auch zufrieden?“

„Im Großen und Ganzen: Ja. Lediglich in Mathematik habe ich noch Schwierigkeiten. Ansonsten ist es besser, als das letzte in München. Die Atmosphäre macht sehr viel aus, um gute Noten nach Hause zu bringen und die stimmt im Internat. Darf ich etwas anderes ansprechen: Luise, wann fährst du nach München?“

„Morgen früh um acht, mein Seminar beginnt am Nachmittag und endet dann zwei Tage später gegen Mittag. Da habe ich genug Zeit, dich zu deinen Großeltern zu bringen.“

„Dann bringt es nicht viel, wenn ich meine Sachen auspacke.“

„Wenn du möchtest, lass deine schmutzige Wäsche hier und ich wasch sie zusammen mit Carstens Sachen. Weißt du schon, was du für eure Tour mitnimmst?“

„Ich leih mir von Opa seinen großen Reisetrolley und nehme noch meine Sporttasche mit.“

„Carsten, machst du bitte eine Liste, was du mitnehmen möchtest. Weißt du schon, was du zu dem Konzert anziehen möchtest?“

„Absolut keine Ahnung. Andreas, kennst du etwas von der englischen Etikette?“

„Die Engländer sind konservativ und legen auf das Erscheinungsbild viel Wert. Ein moderner Schwalbenschwanz wäre meine Empfehlung.“

„Hört sich lustig an Andreas. Was ist das?“

„Das Ercan, ist ein anderes Wort für einen Frack, so ähnlich wie die silberfarbene Jacke von Carsten und ich würde sagen, ja, ein schlichtes Anthrazit wäre passend.“

„Wo bekomme ich so ein Teil her?“

„Eventuell in bei einem guten Herrenausstatter, dazu gehören aber auch Weste, Hose, et cetera.“

„Ich lass mir etwas einfallen, danke für deinen Ratschlag. Gut Mama, ich mache eine Liste. Ich nehme den großen Koffer und den Reiserucksack mit.“

„Wozu den Rucksack?“

„Für Max’ Sachen natürlich, etwas Futter, Wasser, ihre Pflegeartikel, Erste Hilfe und Näpfe, ein Ersatzgeschirr, das Kauseil und die Frisbee-Scheibe und ihre Schlafdecke. Papa, ich hätte gerne noch Adressen von Tierärzten, vor allem wenn wir in London sind.“

„Die Adressen gebe ich zu ihren Papieren. Morgen check ich sie noch einmal durch und trimme sie ein wenig. Wie ich sie vorhin gesehen habe, gefällt sie mir. Ein schöner federnder Gang, ein seidenes Fell und nicht zuviel auf den Rippen. Sie würde, wenn sie nicht diese schönen Ohren hätte, im Kreis grinsen. Wenn alle Hundebesitzer ihre Tiere so pflegen würden, hätte ich wohl weniger zu tun.“

„Ich werde das Kompliment an Max weitergeben und du darfst dich auch ruhig bei Andreas bedanken. Er unterstützt mich tatkräftig bei ihrem Animationsprogramm.“

„Auch dir meinen Dank, Andreas. Sag einmal Carsten, warst du enttäuscht, dass wir nicht auf dem Konzert waren?“

„Nein, warum sollte ich? Ihr kennt den Schumann doch und habt selbst mit der ganzen Renovierung genug zu tun. Überdies war ich neugierig wie mein Nachhilfeschüler sich macht. Ich denke, ich habe ihm einiges beibringen können.“

„Siehst du Luise, wir haben uns ganz ohne Grund Gedanken gemacht und in der Erziehung unserer Kinder haben wir auch nicht versagt. Sie bringen sogar Verständnis für ihre Alten auf.“

„Papa, ihr seid nicht unsere Alten, sondern gute Freunde, welche uns immer mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben und hoffentlich noch einige Zeit stehen werden. Um noch einmal auf unsere Tour zurück zu kommen. Ist die Bestätigung für Potsdam schon gekommen?“

„Nichts Junge, wann sollte die Schlossbesichtigung sein?“

„Geplant war die Führung am Samstagvormittag in acht Tagen. Mir scheint, dass wird nichts.“

„Ja, ist schon etwas ungewöhnlich. Meinst du, ich sollte noch einmal nachfragen?“

„Das wäre lieb von dir. So, ich denke, ich mach mich ans Auspacken meiner Sachen.“

„Gut, ich komme mit oder kann ich hier noch etwas tun?“

„Geht ruhig Jungs, ich flirte derweil noch etwas mit der hübschen Frau an meiner Seite.“

Grinsend standen Andreas und Carsten auf und verließen Paul und Luise. Ercan war zwischenzeitlich schon wieder beschäftigt, mit den Hunden zu spielen. Jetzt, wo Max da war, war alles noch viel aufregender für den Sprössling. Am Van hielt Carsten Andreas einen Moment zurück und gab seinem Freund einen lieben Kuss.

Andreas ließ sich nicht lumpen und legte noch einen darauf. Dann schnappten sie ihre Koffer und Taschen und gingen ins Haus. Carsten lotste seinen Freund erst in den Waschraum, wo sie ihre schmutzige Wäsche entsorgten.

„Sag mal Schatz, wird deine Mutter nicht fragen, wo die vielen weißen Flecken auf der Bettwäsche herkommen?“

„Nein, warum sollte sie? Glaubst du allen ernstes, sie weiß nicht, dass es sich um eingetrocknetes Ejakulat handelt? Sie hat ja auch nicht gefragt, als ich meine ersten feuchten Träume hatte. Und als Andrea ihre erste Regel hatte, hat sie auch kein Ton gesagt. So ich bin hier fertig, wie weit bist du?“

„Alles im Wäschekorb. Ich muss wirklich sagen, dass dieses Angebot mir viel Schlepperei erspart.“

„Das ist sicherlich auch der Grund dieser Offerte. Im Ernst Andreas, Mama weiß, dass deine Großeltern nicht mehr die Jüngsten sind und du hast sicherlich etwas anderes im Sinn, als Wäsche zu sortieren und zu waschen.“

„Aber es ist doch zusätzliche Arbeit.“

„Wer drei Kinder hat, einen Tierarzt als Mann und wo obendrein im Haushalt noch Retriever leben, scheut sich nicht vor einer Waschmaschinenladung mehr.“

„Ihr seid schon einmalig.“

„Ja? So wie du mir von deinen Eltern erzählt hast, hätte deine Mutter das Gleiche für mich getan. Ergo sind wir wohl nicht einmalig.“

„Schon gut, ich gebe zu, du hast die besseren Argumente. Was macht deine Schwester? Wo ist sie?“

„Andrea ist mit ihrem Mark und den Pferden auf Fehmarn, Reiterferien. Außerdem hat Papa Diogenes eine Kur verordnet.“

„Hat er sich etwas getan oder ist er krank?“

„Nichts von beidem. Andrea hat beim letzten Tournier den Siegerpokal abgeräumt. Es war der schwierigste Militaryparcours, den es hier in der Gegend gibt. Laut meiner Schwester wollte Diogenes gewinnen und hat alles gegeben. Papa hat ihm quasi zur Belohnung Schonung verschrieben. Die Ostsee wird allen gut tun.“

„Kann ich mir gut vorstellen.“

Der Weg führte sie während des Gesprächs hinauf auf Carstens Zimmer, wo sie auf Max trafen, die es sich auf ihrem Platz hat gemütlich gemacht. Anscheinend war ihr die Gesellschaft von Leon und Ercan etwas zu viel und sie hat sich eine ruhige Ecke im Haus gesucht. Sie schaute nur kurz auf, um sich anscheinend zu vergewissern, dass es ihren Herren auch gut ging. Andreas stellte seine restlichen Sachen auf dem Bett ab.

„Weißt du schon, was du in den nächsten Tagen machen möchtest?“

„Nachdem du mich morgen früh so schändlich allein lassen wirst, habe ich unter anderem vor, noch ein wenig an dem Brahms zu feilen. Mir ist eine kleine Variation eingefallen, die ich gerne einbauen möchte. Und da wir Ferien haben, lass ich mir auch die Sonne auf den Pelz brennen, sprich, ich ruhe mich aus. Ich muss es ja einmal ausnutzen, dass wir für ein paar Tage ein frauenfreier Haushalt sind.“

Andreas lachte. Paul konnte sehr gut einen Haushalt organisieren und da die Praxis wegen des Umbaus geschlossen war, hatte er auch die Zeit dazu. Er zweifelte aber an Carstens Worten, dass er faulenzen würde. Okay, er würde einen Gang zurückschalten, aber faulenzen? Carsten war nicht der Typ zum Faulenzen.

An diesem Nachmittag lief nicht mehr sehr viel bei den von Feldbachs. Luise verschwand später nach dem Abendessen in ihrem Arbeitszimmer und Paul saß mit Ercan vor dem Fernseher und sie sahen sich gemeinsam einen Tierfilm an. Andreas und Carsten waren mit den Hunden eine Runde durchs Städtchen drehen, um an der Eisdiele eine kleine Pause für einen Eisbecher einzulegen.

Sowohl Max als auch Leon bekamen eine Kugel zu schlecken. Am folgenden Morgen war für Andreas die Nacht früh vorbei. Der Wecker machte um kurz nach sieben Radau. Paul bereitete ein kleines Frühstück vor, während Luise und Andreas ihre Sachen im Auto verstauten. Selbst Carsten stand auf und gesellte sich zu den Anderen in die Küche.

„Warum bist du schon auf Carsten, du hättest doch ruhig noch eine Stunde schlafen können?“

„Och, ich denke Max will gleich Gassi gehen und da du eben soviel Krach gemacht hast, wird sie wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen.“

„Ist er nicht süß? Man muss ihn einfach lieb haben.“

„Luise, in Sachen flirten können wir uns noch ein Scheibchen bei den Beiden abschneiden.“

„Ja, aber du bist doch ebenfalls aufgestanden.“

„Aber nur, weil Leon gleich auf der Matte steht um Gassi zu gehen.“

„Komm Andreas, es wird Zeit. Unsere Männer ziehen die Gesellschaft von Hunden vor.“

Andreas blickte sich in der kleinen Runde um und sah in Luises Gesicht ein schelmisches Grinsen. Ein Blick auf die Uhr zeigte dennoch an, dass es langsam Zeit wurde sich aufzumachen. Am Auto verabschiedete sich Paul von Luise genauso herzlich, wie Carsten von Andreas. Nachdem sich der Wagen entfernt hatte, hakte sich Carsten bei seinem Vater ein.

„Und, gehen wir noch mal zu Bett?“

„Du vielleicht Papa, ich mach mich jetzt frisch und gehe mit den Hunden raus. Danach erwartet Max ihre erste Ration. Ercan wird noch eine Weile schlafen und wenn er dann aufsteht, braucht er dich als Animateur. Eventuell lege ich mich heute Nachmittag noch eine Weile hin. Könntest du mir heute noch eine Stunde Ruhe organisieren?“

„Oh, das wird nicht schwierig sein. Ercan wird gegen Mittag von Tims Eltern abgeholt werden, wo er über Nacht bleibt. Du kannst also getrost Klavier üben, wenn das dein Wunsch ist.“

„Das war meine Absicht. Ich möchte nämlich das Konzert mit der CD üben, das könnte lauter werden.“

„Wie gesagt, du hast den Salon für dich.“

*-*-*

Carsten behielt Recht, Max und Leon standen in der Küche und erwarteten, in den Garten gelassen zu werden. Paul öffnete ihnen die Tür und die beiden Hunde zogen ab. Carsten beeilte sich mit der Morgentoilette und ging anschließend mit den Hunden in die Stadt. Erst zum Bäcker, wo er noch Brötchen und Brot kaufte.

Anschließend ging es zum Metzger, wo er neben verschiedenen Aufschnitt noch für die Hunde einige Leckereien besorgte. Daheim angekommen, übergab er die Brötchen und den Aufschnitt an Ercan, der diese auf den Frühstückstisch stellte. Für die Hunde machte er sich etwas mehr Mühe.

Er portionierte den frischen Pansen und die Leber, pürierte diese und gab sie in die Näpfe. Dann streute er noch Getreideflocken darüber und gab jeweils noch etwas Lebertran hinzu. Nachdem er die Rationen für die Hunde auf den Boden gestellte hatte, gab es für die Retriever kein Warten mehr. Geräuschvoll wurden die Näpfe geleert.

„Du verwöhnst die Hunde heute.“

„Hin und wieder sollte man auch den Hunden ein Festfressen gönnen. Max bekommt im Internat nicht so häufig Pansen. Allein schon wegen dessen Geruches nicht. Da der Metzger gerade frischen da hatte, konnte ich mir diese Chance nicht entgehen lassen.“

Während Ercan frühstückte, setzte sich Carsten dazu und trank gemütlich noch eine Tasse Kaffee und aß dann doch noch ein Marmeladenbrötchen mit. Gemeinsam organisierten sie den Vormittag. Zusammen mit dem Jüngsten packte Paul einige Sachen für die Übernachtung bei Tim ein.

Eine Waschmaschinenladung lief auch schon und Carsten räumte die Küche auf. Gegen Mittag kam dann Tim mit seiner Mutter, welche Ercan abholten. Danach kehrte Ruhe ins Haus ein. Carsten legte sich auf die Terrasse in einen Liegestuhl und Max neben ihn.

Seine Hand kraulte eine Zeitlang hinter ihren Ohren, bis er einnickte. Ein klickendes Geräusch weckte ihn. Orientierend hörte er sich um.

„Sorry, habe ich dich geweckt?“

„Ja, wie spät haben wir es denn?“

„Viertel Zwei, möchtest du etwas essen?“

„Nein, richtig Hunger habe ich nicht, vielleicht eine Tasse Suppe oder so. Warum hast du mich fotografiert?“

„Weil es echt süß aussieht, wie du da gelegen hast und deine Hand auf Max’ Kopf ruht. Kommt nicht häufig vor, dass ich dich hier so sehen.“

„Danke, dann hätte ich bitte auch einen Abzug für Andreas.“

„Du denkst wohl oft an ihn?“

„Ich vermisse ihn ein wenig, obwohl er erst ein paar Stunden weg ist. Und ja ich mache mir Gedanken, was er machen soll, wenn wir unterwegs sind. Sanssouci geht ja noch. Die haben da ja einen großen Park, da gibt es sicherlich etwas für ihn zu sehen und zu bestaunen. Und ich denke er wird mich da mit einbeziehen und mir viel erklären. Aber in London? Wenn ich Probe habe, bin ich den halben Tag weg und was macht er dann?“

„Willst du ihn denn nicht dabei haben?“

„Gerne, doch spätestens nach zwei Stunden wird es für ihn uninteressant. Es wiederholt sich und dann habe ich ja nicht nur eine Probe sondern gleich drei. Nein, ich möchte nicht, dass er sich während meiner Abwesenheit im Hotel verkriecht und langweilt.“

„Dann lass ihn doch an deinem Auftritt teilhaben, könnte er bei der Dekoration nicht mit einbezogen werden?“

„Glaubst du, die haben dafür nicht einen Angestellten? Aber die Idee ist gut, ich kann ja mal fragen.“

„Was ist mit dem Konzert, sittet Andreas da Max?“

„Nein, das Hotel hat einen Hundeservice, die passen an dem Abend auf sie auf. Sie wird die Zeit zum Relaxen nutzen. Andreas möchte ich schon gerne bei meinem Auftritt dabei haben. Kommt wahrscheinlich nicht sehr oft vor, dass wir in die Royal Albert Hall kommen. Nach dem Konzert möchte ich ihn zu einem luxuriösen Essen einladen, quasi als kleines Dankeschön. Dann möchte ich nur noch Tourist sein. Einige Sehenswürdigkeiten besuchen, shoppen gehen und meine Musiksammlung hat ja auch schon lange keine Neuheiten mehr gesehen. Anschließend machen wir uns auf den Weg nach Italien, zu dem Rest der Familien.“

„Hattest du nicht auch noch einen Aufenthalt in München eingeplant?“

„Ja, von London bis Mailand würden wir gut und gerne drei Tage unterwegs sein. In München machen wir Station, damit Andreas’ Großeltern auch mal etwas von mir haben und Max es mir nicht übel nimmt, noch einmal eineinhalb Tage im Zug zu verbringen. Nur gut, dass wir immer ein ganzes Coupé für uns haben. Ihr nehmt doch den Van mit, könnt ihr uns bitte noch ein paar Sachen mitbringen?“

„Wie Mutti gestern schon gesagt hat, schreib eine Liste und wir kümmern uns darum. Das gilt auch für Andreas, auf einen Koffer mehr oder weniger kommt es nicht an. Deine Schwester kommt ja separat ein paar Tage später nach. Junge, es ist schon ein seltsames Gefühl für mich, meine ältesten Kinder ihre eigenen Wege gehen zu sehen. Und wir sind beide froh, dass ihr auch noch mit uns gemeinsam Urlaub machen wollt.“

„Ist die günstigere Variante für uns, aber ihr habt uns ja auch zu dieser Selbstständigkeit erzogen. Wo bleibt eigentlich meine Suppe?“

„Wenn du mir hilfst, geht es schneller. Ich mach uns die Suppe und du deckst den Tisch, aber zuerst füll bitte die Näpfe mit Wasser auf.“

Auf diesen Kompromiss konnte Carsten sich einlassen. Die Näpfe hätte er jetzt eh kontrolliert, da es doch recht warm war. Also gingen sie gemeinsam ins Haus und erledigten die anstehenden Dinge. Keine halbe Stunde später saßen sie wieder am Gartentisch und aßen Linsensuppe mit Einlage.

Während Paul sich auf der Terrasse gemütlich einrichtete, soll heißen, er holte sich noch etwas Literatur zum schmökern, verzog sich Carsten in den Salon. Wie immer begann er mit leichten Fingerübungen und einfachen Etüden, bevor er sich seiner eigentlichen Aufgabe, dem Konzert widmete.

Sein Laptop stand auf dem geschlossenen Flügel und die virtuelle Partitur war geladen. Paul hörte seinem Sohn gespannt zu, das Buch lag dabei offen auf seinem Schoß. Carsten spielte eine Stelle mehrmals hintereinander, woran es lag, konnte Paul nicht sagen, doch mit jedem Mal klang es etwas anmutiger.

Sein Blick ging auf die beiden Hunde, die sich gemütlich auf dem Rasen sonnten. Leon blickte auf und bellte. Paul fragte ihn, ob denn jemand vor der Tür stehe und seine Vermutung wurde durch die erklingende Hausglocke bestätigt. Paul bedankte sich bei dem Rüden für seine Aufmerksamkeit, stand auf und ging ins Haus. Die Hunde folgten ihm.

Carsten hörte wie sein Vater zur Tür ging, ließ sich aber nicht weiter stören. Ihm gefiel seine kleine Variation, welche er sich für das Konzert ausgedacht hatte. War nur die Frage, ob er auch den Dirigenten davon überzeugen könne. Es klopfte leise an der Salontür.

„Du kannst herein kommen.“

„Carsten, du hast Besuch. Herr Kramer und ein weiterer Herr warten in der Halle. Hast du Zeit?“

„Sicher Papa, führe sie doch bitte herein.“

„Hallo Carsten, darf ich dir Mr. Mathew zu meiner Rechten vorstellen, er ist Gastdirigent des Londoner Symphonie Orchestra und leitet euer Konzert. Er hat mich um ein Treffen mit dir gebeten.“

„Guten Tag Mr. Mathew, Herr Kramer.“

„Guten Tag Herr von Feldbach.“

„Bitte nennen Sie mich Carsten, setzen wir uns doch. Darf ich Ihnen etwas anbieten?“

„Ein Kaffee, bitte.“

„Und für mich ebenfalls.“

„Papa, würdest du bitte?“

„Gerne, werde ich Ihnen gleich bringen.“

Paul verließ den Salon. Herr Kramer und Herr Mathew setzten sich und warteten, bis Carsten sich ebenfalls zu ihnen gesetzt hatte. Jetzt gesellte sich auch Max zu Carstens Seite, wo sie sich hinlegte. Mr. Mathew machte einige Komplimente über den Hund und schwenkte langsam aber sicher zum Grund seines überraschenden Besuchs.

„Danke, dass Sie uns kurzfristig empfangen, ich möchte nicht lange um den heißen Brei reden, Carsten. Mein Orchester zweifelt daran, dass drei gemeinsame Proben ausreichen.“

„Wie viele wären den deren Meinung nach angebracht? Soweit ich informiert bin, wurde in unserem Vertrag die Option auf weitere Proben vereinbart, die entsprechend honoriert werden müssen.“

„Das Orchester kennt den Vertrag und dennoch schlagen sie mindestens Fünf vor.“

„Und nach Ihrer Meinung, was glauben Sie?“

„Ich habe die drei Proben vorgeschlagen und stehe auch dazu. Ich habe sie ja in Dresden spielen gehört und auch mit Sir McCollins gesprochen. Da haben Sie lediglich mit einer CD geübt und dennoch ein bravouröses Konzert gespielt.“

„Da lagen die Dinge etwas anders. Die Aufnahme war von diesem Orchester, ergo kannte ich den Klangkörper. Die Vorgabe der Aufnahme war eindeutig. Daher kann ich die Zweifel Ihres Orchesters verstehen. Da dieses Konzert für Freitag in vierzehn Tagen angesetzt ist, können wir ruhig eine weitere Probe einplanen.“

„Danke für Ihr Verständnis, Carsten. Wir werden es dennoch erst vor Ort, nach der ersten Probe entscheiden. Ich denke – falls nötig – eine weitere würde die Gemüter beruhigen.“

„Gern geschehen. Darf ich fragen, welches Instrument mir zur Verfügung steht?“

„Da die Royal Albert Hall recht geräumig ist und wir mit vollständiger Instrumentierung spielen, habe ich für Sie einen Konzertflügel aus dem 19. Jahrhundert geordert.“

„Welche Temperierung möchten Sie verwenden?“

„Herr Kramer hat mir schon mitgeteilt, dass Sie die Wiener Stimmung mit 435 Hz für den Kammerton bevorzugen. Ich denke, dass ist für dieses romantische Stück durchaus angebracht.“

Paul betrat mit einem Tablett den Salon und servierte den Gästen. Neben Kaffee hatte er noch Teegebäck mitgebracht. Nachdem jeder versorgt war, setzte er sich zu der kleinen Runde. Viel konnte er zu dem Gespräch nicht beitragen, doch er war erfreut zu hören, dass Carsten genau wusste, was er wollte.

Obendrein fragte er sich, was Carsten damit meinte, als er sagte, dass er in der englischen Sprache nicht so gut sei. Die ganze Zeit unterhielten sie sich auf Englisch und er hatte nicht den Eindruck, es wäre irgendwie holprig.

„Gut, ich weiß nicht, wie Sie darüber denken, doch wo wir jetzt schon beim Konzert sind, hätte ich einige Vorschläge zu machen.“

„Können Sie die mir einmal vorstellen, damit ich mir ein Bild davon machen kann?“

„Es sind lediglich zwei Variationen im dritten Satz, bei meinem Solopart…“

Während Carsten seine Vorstellungen im Detail erläuterte, notierte Mr. Mathew diese in seiner mitgebrachten Partitur. Paul sah verständnislos zu Herrn Kramer, der sich ebenfalls einige Notizen machte. Doch dieser schien nicht überrascht zu sein, dass Carsten die Partitur anscheinend auswendig kannte.

Denn neben seiner eigenen Stimme, wusste dieser genau, was das Orchester in dem Moment machte. Zuletzt spielte Carsten die beiden Stellen auf seinem Flügel vor. Paul erkannte die Passage, die Carsten zuvor so oft geübt hatte. Anscheinend war sie auch für seinen Klavierlehrer neu, denn Herr Kramer zog beim notieren die Augenbrauen hoch.

Aber auch der Dirigent konnte mit einigen Änderungen aufwarten, die Carsten gefielen und die er ebenfalls in seiner Partitur auf seinem PowerBook notierte. Vor allem hatte Paul den Eindruck gewonnen, dass beide auf einer gemeinsamen Wellenlänge lagen.

„So, wo wir uns jetzt schon einigermaßen kennengelernt haben, Carsten. Ich wurde von der BBC angesprochen, ob ich Informationen über Sie habe.“

„Wozu benötigt der Sender diese?“

„Sie müssen wissen, dass die BBC der Ausrichter dieser Promenadenkonzerte ist. Sie möchte etwas Werbung für das Konzert machen.“

„Carsten, wenn du einverstanden bist, nehmen wir eine deiner Bewerbungsunterlagen für die Musikhochschulen. Da haben wir alles beisammen. Sowohl Konzertauschnitte und Solostücke auf CD, als auch einige Daten über dich.“

„Das ist ein wirklich guter Vorschlag Volker. William, glauben Sie, dass es reichen wird?“

„Ich denke schon. Danke.“

Nach guten zwei Stunden verabschiedete sich der Besuch bei den von Feldbachs und jeder schien zufrieden zu sein. Obendrein hinterließ der Dirigent, auf anraten von Herrn Kramer, noch eine CD mit einer Aufnahme des London Symphony Orchestra mit genau diesem Konzert. So konnte sich Carsten schon im Vorfeld ein Bild über diesen Klangkörper machen.

Wie auf Kommando standen danach sofort Max und Leon im Salon, welche sich während der ganzen Zeit doch lieber im Garten aufgehalten haben. Max holte sich ihre Streicheleinheiten von Carsten ab. Und der wusste jetzt, was er selbst auch gebrauchen konnte: Bewegung.

„So ihr beiden, jetzt seid ihr an der Reihe: Gassi!“

„Warte Junge, ich komme mit. Wir können eine große Runde machen und da wir eh alleine sind, lade ich dich zum Abendessen ein. Was hältst du davon?“

„Wenn du zahlst, bin ich immer dabei. Ist denn Leon schon Restaurant tauglich?“

„Das können wir gleich ausprobieren, ich denke Max zeigt ihm, wie er sich zu benehmen hat.“

Es dauerte keine halbe Stunde und beide gingen gemütlich nebeneinander her. Die Hunde immer ein paar Meter voraus, aber nie aus der Nähe ihrer Rudelführer. Lediglich am See, wie es anders nicht hätte sein können, liefen sie direkt ins Wasser und schwammen dort einige Runden.

„Sag einmal Junge, kennst du jede einzelne Stimme des Konzertes?“

„Lass es mich so sagen: Ich kenne die Partitur recht gut.“

„Aber das ist doch ein Wust an Informationen?“

„Stimmt, aber irgendwie muss ich mich bei einem Konzert orientieren können. Außerdem interessiert es mich, wie ein Konzert aufgebaut ist. Schließlich möchte ich ja mal Musik studieren. Wobei ich gestehen möchte, dass diese Komposition mir es recht leicht macht. Die Motive werden immer zwischen den Instrumentengruppen weitergegeben. Obwohl Brahms ein begnadeter Pianist war, tat er sich dennoch schwer ein Klavierkonzert zu komponieren. Sowohl das erste als auch das zweite Klavierkonzert verdienen ihren Namen nicht so recht. Es sind, genauer betrachtet, sinfonische Konzerte mit obligatem Klavier. Im Grunde hat er damit – wie soll ich mich ausdrücken, ja dies kommt meiner Vorstellung am nächsten – ein spezielles Genre der sinfonischen Dichtkunst geschaffen. Es ist ein wunderschönes, musikalisches Gedicht.“

„Interessant, so habe das noch nicht gesehen. Und was sind das für kleine Variationen? Ich gestehe, dass ich heute Nachmittag nicht sehr viel verstanden habe.“

„In meinem Part möchte ich lediglich einen weicheren Anschlag einbauen und mit dem Pedal die Töne etwas in ihrem Klang variieren. Weiter beginne ich ein Crescendo etwas später und werde mein Motiv im piano an die Streicher weitergeben. Durch diese kleinen Änderungen, so erscheint es mir, wird das Thema nicht nur weicher im Klang, sondern unterstreicht es. Wie hast du es denn empfunden?“

„Ich fand es an sich würdiger und ja, es war anmutig.“

„Dann lohnt es sich ja, denn Herr Mathew war auch davon überzeugt.“

„Was hatte er eigentlich noch für Änderungen? Sind die schwer?“

„Es geht vor allem um Einsätze des Orchesters. Zu Beginn des Konzertes setzt das Horn ein und ich etwas später. Mr. Mathew möchte es quasi im piano pianissimo, also extrem leise. Für mich bedeutet es, die Koordination des Dämpfer- und des Sostenuto Pedals mit dem Anschlag übereinzustimmen. Sonst würge ich die Töne zu früh ab oder sie klingen zu lange nach. Aber darüber mach ich mir keine Sorgen. Gleiches gilt noch einmal für den Übergang vom Solopart des Violoncellos im dritten Satz. Dann ging es um die Ouvertüre des Abends. Er möchte etwas britisches zu Beginn, die Cockaigne (In London Town) von Edward Elgar oder William Sterndale Bennetts Die Waldnymphe. Zuletzt hat er nach meiner Zugabe gefragt. Ich habe ihm vorgeschlagen, als gemeinsame Zugabe die Orchesterversion der Sarabonde von Georg Friedrich Händel zu nehmen. Als Solozugabe möchte ich ebenfalls etwas von Brahms nehmen. Ich denke an die Variationen über ein Thema von Händel, das Opus 24. Daraus wähle ich zwei bis drei Variationen, das sollte reichen. Wenn nicht, habe ich noch eine kleine Phantasie in Petto. Im Prinzip war es das auch schon. Alles weitere und die Details der Aufführung lerne ich dann in London kennen. Max! Hier!“

„Aha. Leon! Hier!“

Die Kommandos taten ihre Wirkung. Als die Hunde das Wasser verließen, schüttelten sie sich gehörig und Paul sah in zwei entspannte Hundegesichter. Beim genaueren betrachten, entdeckte er so manche Ähnlichkeit zwischen den beiden, eben ganz der Papa Arco.

Diese Entdeckung teilte er Carsten mit, der ihm in manchem Verhalten der beiden Retriever zustimmte. Dieses konnte Paul auch im Restaurant feststellen. Beide Hunde legten sich seitlich neben dem Tisch im Gartenlokal ab und blieben liegen. Als ein kleiner Artgenosse begann Radau zu machen und Leon seine Nase hob, sah Paul gespannt zu Max.

Sie öffnete eines ihrer Augenlieder und sah kurz zum Störenfried hinüber. Dann brummte sie etwas. Leon schaute zu Max und dann ignorierten beide Hunde den Kläffer. Ganz nach dem Motto: Wer sich nicht benehmen kann, hat unsere Aufmerksamkeit nicht verdient. Während sich das Essen etwas hinzog, unterhielten sich Paul und Carsten noch über London. Dann erinnerte sich Paul daran, dass die Hotelreservierung von ihm bestätigt wurde und das Hotel Carstens Wünsche umsetzt.

*-*-*

„Hallo Oma, Opa?“

„Hallo, da bist du ja schon. Guten Tag Frau von Feldbach.“

„Guten Tag Frau Zahradníkova.“

„Luise fährt einen flotten Stil und die Autobahn war frei. Wo ist Opa?“

„Ich habe ihn zum Edner Karl geschickt.“

„Luise, Edner Karl ist der hiesige Lebensmittelmarkt. Nur zur Info.“

„Hab ich mir fast gedacht, Junge. Schön haben Sie es hier.“

„Danke, möchten Sie noch eine Tasse Kaffee mit uns trinken?“

„Gerne.“

„Andreas, du doch sicherlich auch, aber bring erst deine Sachen weg.“

Andreas tat wie ihm aufgetragen und stellte seine Tasche in seinem Zimmer ab. Er sah sich um und schmunzelte. Seine Oma konnte es nicht lassen hin und wieder hier reine zu machen und für ihn frische Blumen hinzustellen. Dann öffnete er das Fenster, holte eine Mappe aus der Tasche und ging zurück zu den anderen in der Küche.

Auf dem Tisch standen schon mehrere Tassen und seine Großmutter füllte gerade Kaffee ein. Er selber ging zum Kühlschrank und entnahm diesem frische Milch. Dann setzte er sich zu den Anderen. Danach holte er sein Zeugnis aus der Mappe und gab es seiner Oma.

„Junge, das ließt sich ja hervorragend. Es war weise von dir, die Schule zu wechseln. Übrigens, diese Melanie ist auch nicht mehr auf deiner alten Schule.“

„Ich weiß, sie ist auch auf dem Internat. Ihr Vater hat sie dort hingeschickt.“

„Sch…eibenkleister!“

Luise schmunzelte, Andreas Oma wurde ihr immer sympathischer. Nicht, dass sie eine Freundin von Gewaltausdrücken war, es war die Reaktion der alten Frau.

„Also Oma, was höre ich da? Aber Recht hast du. Sie wollte mir auch dort das Leben schwer machen. Aber da ging ihre Rechnung nicht auf. Meine Freunde und einige Lehrer haben ihr ganz deutlich gezeigt, dass sie damit nicht weit kommt. Letztendlich backt sie sehr kleine Brötchen.“

„Das ist ja ganz etwas Neues, Andreas. Davon hat Carsten uns nichts erzählt.“

„Nun, ich habe ihn gebeten nichts zu sagen.“

„Da kennst du meinen Sohn noch nicht gut genug. Der kann in solchen Dingen ganz schön verschwiegen sein. Besonders wenn er seine Finger da mit im Spiel hat.“

„Oh, in manchen Dingen kenne ich Carsten schon recht gut. Er wollte quasi einen Feldzug gegen sie organisieren. Doch ich bat ihn genau dieses den Pädagogen zu überlassen, die haben da mehr Erfahrung als wir Jungspunde. Er hat sich noch einmal mit dem Direktor zusammengesetzt, ihm einige Vorschläge unterbreitet. Diese wurden von den Pädagogen, ihrem Vater und ihrem Onkel letztendlich auch umgesetzt. Danach hat er die Sache nicht weiter verfolgt. Ihm war unsere Beziehung und die Schule wichtiger. Einzig unsere Freunde haben uns den Rücken frei gehalten. Bei einer Probe hat sie es gewagt, Carstens musikalische Fähigkeiten anzuzweifeln…“

„Oh, das hört sich nicht gut an.“

„Nein, das tat es nicht, Luise. Er führte sie an ihrem eigenen Instrument vor, dass er theoretisch mehr auf dem Kasten hat. Danach hieben alle in die gleiche Kerbe: Lernen, üben, üben und nochmals üben. Da sie Hausarrest hatte, hatte sie auch Zeit dazu.“

„Da bin ich ja beruhigt Junge. Wie geht es jetzt weiter? Ich meine mit deiner Ferienplanung.“

„Also, ich bleibe bei euch bis zum kommenden Donnerstag. Abends geht es dann mit dem Zug zurück und am Freitagnachmittag fahren Carsten und ich nach Potsdam. Am Samstag ist die geplante Führung durch die Stadt und die Besichtigung des Schlosses. Am frühen Abend machen wir uns auf den Weg nach London. Dort bleiben wir dann vierzehn Tage. Carstens Auftritt ist am Freitag der ersten Woche, danach möchten wir gemeinsam London unsicher machen.“

„Sag einmal, was machst du, wenn Carsten Probe hat? So wie ich meinen Sprössling kenne, möchte er sicherlich nicht, dass du dich langweilst.“

„Ich gehe einmal davon aus, dass ich seine Proben schwänzen werde. So schön der Brahms auch sein mag, irgendwann würde er mir zu den Ohren herauskommen. Bei dem Konzert bin ich natürlich dabei. Dann ist da ja noch Max. Carsten hat zwar nichts gesagt, doch ich würde mich freuen auf sie aufzupassen, wenn er keine Zeit hat. Dann interessieren mich die englischen Parks und Gärten. Die Gartenkultur wird dort etwas höher angesehen als hier in Germany. Vielleicht kann ich etwas von deren Gestaltung lernen. Außerdem suche ich nach Büchern für mein Regal. Dr. Gabriel, mein Englischlehrer, hat mich auf den Geschmack der neuen Literatur gebracht. Und, ich weiß zwar nicht ob Carsten sich dafür interessiert, doch ich möchte gern auch einmal eine Shakespeare Theateraufführung besuchen. Außerdem werden wir auch noch einen Herrenausstatter aufsuchen, für die Konzertgarderobe.“

„Wow, von Langeweile keine Spur. Da soll mir noch einer sagen, die Jugend interessiere sich nicht für die Kultur.“

„Tja, nach England sind wir nie gekommen. Obwohl deine Eltern öfters dort waren. Dein Vater hatte dort gute Geschäftsbeziehungen. Glaubst du die übertragen das Konzert?“

„Soweit ich erfahren konnte, überträgt die BBC auf ihrem Kulturkanal live. Nur die Frage, ob ihr es auch empfangen könnt und wenn ja, würden sich Mamas Eltern über einen Tipp von euch freuen. In gut drei Wochen kommen wir dann hier her und machen Station für ein paar Tage, bevor es dann weiter nach Italien geht.“

„Oh, entschuldigt bitte. Andreas, ich habe völlig die Zeit vergessen. Ich möchte noch ins Hotel und einige Dinge für das Seminar vorbereiten.“

Andreas und seine Großmutter geleiteten Frau von Fellbach zur Tür, wo sie sich herzlich verabschiedeten. Anschließend gingen Andreas und seine Oma zurück in die Küche. Dort erzählte Andreas noch ein wenig mehr aus der Schule und zeigte die Fotos von dem Blumenbeet vor dem Internat.

„Hallo Junge, da bist du ja schon. Bist du allein gekommen?“

„Hallo Opa. Luise ist schon wieder fort, sie wollte noch ins Hotel und etwas für ihr Seminar vorbereiten. Du warst lange beim Edner Karl, gab es dort etwas Gratis?“

Andreas grinste seinen Großvater an und auch seine Oma konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Sein Opa schmunzelte verdutzt zurück.

„Nein, heute gab es dort nichts umsonst“, berichtete er.

Außerdem musste er einen kleinen Umweg, wegen einer Baustelle gehen. Der Einkaufswagen sah gut gefüllt aus und Andreas machte sich daran, wie früher den Einkauf in die Schränke zu verteilen. Sein Großvater machte sich einen Tee und setzte sich zu seiner Frau an den Tisch.

Während sein Enkel eifrig in der Küche herumwuselte, begutachtete er das Zeugnis und die Fotos mit Stolz.

„Das ist deines Vaters würdig Andreas. Dieses Rondell ist wunderschön geworden. Wie ich erkenne, hast du auf diese modernen Kulturpflanzen verzichtet?“

„Ja, vor allem weil der Boden aus einer Lehm-Mutterboden Mischung besteht und lange feucht bleibt. Das verkraften nicht so viele Pflanzen. Aber ich schweife ab, wie geht es euch beiden?“

„Gut, das neue Medikament wirkt besser als gedacht und das warme Wetter tut sein übriges dazu. Außerdem freuen wir uns schon darauf, Francescas Eltern wiederzusehen. Da wir schon beim Thema Reisen sind, ich habe mir überlegt, die paar Tage wo du und Carsten hier seid, nicht allzu viel zu unternehmen. Ich denke, ein gemeinsamer Abend im Biergarten und eventuell das Olympiagelände sollte für euch drei reichen. Carstens Hund ist doch auch dabei? Dann zeige ich ihnen noch den Park wo sie Gassi gehen können.“

„Ja, Max ist auch da. Und um deiner nächsten Frage zuvorzukommen, ich werde Paul vorschlagen, euch Max’ Futter zukommen zu lassen. Dann bekommt sie auch wieder etwas Gewohntes.“

„Ist das denn kein Futter aus der Dose oder so?“

„Nicht immer, Carsten legt sehr viel Wert auf Abwechslung. Im Internat bekam sie meist püriertes Gemüse, Fleisch, Fisch, Obst, Reis und so weiter.“

„Och, das bekommen wir auch hin, lasst uns einfach ein paar Vorschläge zukommen.“

„Wenn ihr wünscht. Ihr müsst aber nicht, damit wir uns richtig verstehen.“

„Schon gut Junge, so und nun erzähl einmal, wie war das jetzt im Internat mit dieser Melanie.“

Andreas hatte es befürchtet, dass seine Oma, erst einmal davon Wind bekommen, nicht so schnell locker ließ. Also erzählte er die ganze Geschichte von Anfang an. Nach einer dreiviertel Stunde war er damit fertig und seine Großeltern waren im Bilde. Andreas schaute prüfend in deren Gesichter.

Sein Großvater blickte zornig drein und seine Oma entsetzt. Dann fügte Andreas noch hinzu, dass er lieber in die Zukunft schauen möchte und das Kapitel Melanie endgültig als abgehakt betrachten möchte. Seine Oma sah ihn seltsam an. Durchdringend und forschend.

„Karel, unser Enkel wird langsam ein Mann. Wie sein Vater trifft er bodenständige Entscheidungen mit dem Weitblick seiner Mutter. Andreas du hast einen großen Schritt nach vorne getan. Wir respektieren deinen Wunsch. So, bevor ich es jetzt vergesse, du magst Mathematik nicht besonders? Deine Note fällt irgendwie auf.“

„Mein Lehrer und Carsten meinen, dass ich noch nicht so richtig warm geworden bin mit der Materie. Aber ich glaube nicht, dass ich auch nur annähernd so gut werde, wie Papa war.“

„Pavel war auch kein Genie. Ich glaube, er war so alt wie du und seine Note in dem Fach ebenfalls nicht besonders. Da haben wir ihm einen Rechenstab geschenkt.“

„Einen Rechen… was?“

„Einen Rechenstab, quasi ein mechanischer Taschenrechner. Seine Skalen sind unter anderem logarithmisch eingeteilt. Als sich dein Vater damit beschäftigte, entdeckte er, dass Mathematik auch Spaß machen konnte. Ich glaube, er hat ihn sogar noch benutzt, wenn er an einem Projekt gearbeitet hat.“

„Aber ein Taschenrechner kann das doch auch.“

„Stimmt, aber den gab es erst ab den 1980er Jahren recht günstig. Nein, worauf es ankam war, dass Pavel sich aktiv mit der Mathematik beschäftigte.“

„Ich habe es verstanden und ich beschäftige mich ja schon aktiv damit. Frag mal Carsten danach, der triezt mich immer wieder damit. Aber meine Hauptschwierigkeiten liegen in der Trigonometrie. Diese dämlichen Winkelfunktionen verstehe ich einfach nicht. Sie sind nicht natürlich.“

„Hast du dich noch nie gefragt, warum die Äste eines Baumes immer ähnlich aus dem Stamm wachsen?“

„Der Widerstand in den Kapillaren ist, zum Beispiel, so am geringsten. Die Zellen können bestens versorgt werden.“

„Gut und dieser bestimmte Wachstumswinkel sorgt auch noch für optimale Stabilität. Da es die Bäume schon etwas länger auf Erden gibt als Menschen, sind Winkelfunktionen sehr wohl natürlich.“

„Ja, das ist nur ein Beispiel. Woanders gelten diese Funktionen nicht in der Natur.“

„Doch, du findest genug Beispiele wenn du mal nachdenkst. Hast du schon einmal eine natürliche rechtwinklige T-Einmündung eines Flusses gesehen? Oder einen rechteckigen Ameisenhaufen? Ich könnte mir vorstellen, dass die Waldameisen sehr wohl in der Lage wären quadratisch zu bauen, tun sie aber nicht.“

„So ein Quader sähe lustig aus, aber sobald ein heftiger Wind darüber geht, wäre es vorbei. Die physikalischen Kräfte formen den Haufen eher zu einem rundlichen Hügel. Außerdem, warum sollen sich die Ameisen unnötig Arbeit machen?“

„Andreas, verstehst du jetzt?“

„Nein.“

„Dein Gehirn arbeitet plastisch. Damit du die Geometrie verstehst, muss diese für dich räumlich sein. Daher liebst du auch die Naturwissenschaften.“

„Und was ist mit den Sprachen? Die liebe ich doch auch?“

„Als ich dich einmal gefragt habe, warum du so gerne liest, hast du mir geantwortet, dass die Worte in deinem Kopf schöne Bilder erzeugen. Du liest nicht nur einfache Wörter, sondern gehst, im wahrsten Sinne des Wortes, durch eine Geschichte. Dabei ist es egal, ob nun ein Ball auf englisch, französisch, tschechisch oder italienisch auf die Straße rollt, du erlebst den rollenden Ball in deinem Kopf als dreidimensionales Bild.“

„Das heißt also, ich muss mir, um diese Winkelfunktionen zu begreifen, etwas aus der Biologie vorstellen?“

„Oder Physik. Wirf mal ein Stein in einen ruhenden See. Die Wellen haben etwas sinusförmiges.“

„Danke Opa, ich werde darüber mal nachdenken.“

Dann kamen sie wieder auf Andreas Vater zu sprechen. Seine Großeltern erzählten Andreas noch einiges aus der Zeit, als Pavel selber noch ein Teenager war. Die Anekdoten munterten Andreas auf. Sein Vater war eben, im Nachhinein, auch hin und wieder ein liebenswerter Lausebengel.

Und die Zeiten seiner Kindheit waren sicherlich nicht ganz einfach. Den Nachmittag verbrachte er damit, in der Isar baden zu gehen. Am Abend fertigte er zusammen mit seiner Oma eine Liste an, mit den Dingen die er mitnehmen wollte. Bevor er zu Bett ging, telefonierte er noch mit Carsten. Er berichtete von den Geschichten seines Vater und erwähnte, dass er ihn vermisse. Danach wünschten sie sich eine Gute Nacht.

*-*-*

Kapitel XLII: Das Gespräch

Die Regionalbahn kam einigermaßen pünktlich an. Carsten stand am Gleis und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Neben ihm saß Max, die zu ihrem Herrchen aufsah, in Erwartung eines neuen Kommandos.

„Na, siehst du ihn schon?“

Keine Reaktion. Dann ganz unerwartet, stand sie auf und sah eine Gestalt auf sich zukommen. Carsten ließ den Bügel los und Max lief auf Andreas zu. Es dauerte etwas, bis dieser Carsten erreichte. Zum einen weil Max um ihn herumwuselte und geknuddelt werden wollte. Zum anderen, weil er einen wuchtigen Koffer auf zwei Rollen hinter sich her zog.

Aber dann war es soweit. Die Jungen begrüßten sich, als hätten sie sich nach Jahren wiedergetroffen, obwohl Andreas gerade mal eine halbe Woche in München war. Lang dauerten der Kuss und die Umarmung. Im Hintergrund hörten sie einige sich empörende Menschen, wie denn zwei Jungen sich in aller Öffentlichkeit küssen können.

Der moralische Zerfall der Jugend. Doch die beiden störte es nicht im geringsten.

„Hi Schatz, sexy siehst du aus. Warum trägst du denn eine Sonnenbrille?“

„Ich bin zwar blind, doch ich muss mir ja nicht die Augen ruinieren. Die UV Strahlung macht keinen Unterschied zwischen uns, nur du würdest die Augen zusammenkneifen wenn es zu hell wird. Ich nicht. Also Schutzbrille auf.“

„Okay, wieder eine dämliche Frage.“

„Ganz im Gegenteil, deine Frage ist äußerst intelligent. Obendrein heißt es doch, ich bin dir nicht schnuppe.“

Carsten sah es nicht, doch Andreas musste lächeln, wie er es auch anstellte, der Sunnyboy an seiner Seite nahm alles positiv auf. Er nahm ihn an die Hand und Max führte sie nach Hause. Obwohl der große Trolley Radau machte, ließ Max sich nicht ablenken. Jedoch Carsten, der stellte Fragen.

„Ich benötige schon einige Sachen, die ich auf der Reise mitnehmen möchte. Auch wenn ich den kurzen Aufenthalt in Potsdam vernachlässige, benötige ich für London einige Dinge. Unter anderem möchte ich eine Garnitur der formalen Internatskleidung mitnehmen. Die sollte für offizielle Anlässe reichen. Da du gesagt hast, wir kommen in einem Hotel unter, hat Oma mir geraten einen Badmantel mitzunehmen. So läppert sich das.“

„Ja, aber das Ding ist für die Zugfahrt einfach zu groß.“

„Wie machst du das denn? Du musst ja noch mehr mitnehmen.“

„Für Potsdam und die Zugfahrt habe ich einen kleinen Koffer. Da benötige ich lediglich eine Jeans, ein paar Shirts, Unterwäsche, et cetera. Meine Garderobe für London wird per Kurier zum Hotel geschickt. Darum wird sich Mama schon kümmern.“

„Meinst du, ich könnte diesen Dienst auch in Anspruch nehmen?“

„Ich denke schon, da wir noch nicht die Stückzahl der Gepäckstücke angegeben haben. Sie kommen ein Tag eher im Hotel an als wir und werden solange zwischengelagert.“

Auf dem Grundstück der von Feldbachs, sah es schon aufgeräumter aus. Die beiden Haufen waren verschwunden. Dafür stand da jetzt ein PKW Anhänger. Carsten nahm Max das Geschirr ab. Max nutzte die gewonnene Bewegungsfreiheit und lief in den Garten. Andreas führte Carsten um das Haus herum. Luise und Paul saßen in Gartenstühlen auf der Terrasse und sahen die beiden Jungen kommen.

„Na, wie war die hiesige Eisenbahngesellschaft? Wow, das ist ein großer Koffer, möchtest du den halben Haushalt mitnehmen?“

„Paul, das war jetzt nicht sehr nett. Andreas hat sicherlich einen Grund dafür. Aber für die Fahrt nach London ist der zu sperrig. Ich denke Carsten wird nichts dagegen haben, wenn der ebenfalls mit dem Kurier geht.“

„Nicht im geringsten Mama. Sag einmal, in meinem kleinen Koffer, passt da zufällig noch eine Ausstattung rein?“

„Mit gutem Willen, ja. Warum?“

„Na, anstelle von zwei Koffern, nehmen wir bis London eben nur den einen mit. Dann haben wir nicht allzu viel zu schleppen.“

„Carsten, du denkst mit. Andreas, deine Wäsche ist fertig und liegt auf Carstens Kommode. Such dir für unterwegs etwas aus. Was du in London brauchst, geht per Kurier und den Rest nehmen wir für dich nach Milano mit. Du kannst im Hotel auch deine Sachen reinigen lassen. Mach davon Gebrauch, damit sparst du Platz für unsere Souvenirs. So Männe, du holst unseren Jüngsten von Tim ab. Danach fütterst du unsere Hunde und ich mach mich ans Abendessen.“

„Kann ich dir vielleicht helfen?“

„Wenn Carsten dich entbehren kann, immer.“

„Darf ich vorschlagen, Papa und ich gehen mit den Hunden Ercan abholen. Damit erledigen wir auch die anstehende Gassirunde. Und ihr habt nicht nur ein eine halbe Stunde Zeit das Abendessen zu bereiten, sondern auch Ruhe vor dem Rest der Familie.“

Carstens Vorschlag wurde akzeptiert. Paul schnappte sich Leons Garnitur, kaum hatte er diese in der Hand, flitzte der Rüde um die Ecke. Alle lachten als der Hund vor ihnen stand. Paul beschrieb die Situation. Leon hatte sich im Garten als Gärtner betätigt und sein sonst goldfarbenes Fell war durch und durch mit Erde verschmutzt.

„Nur gut, dass die Golden Retriever selbstreinigend sind.“

„Und nur schmutzige Retriever glückliche Retriever sind.“

„Männer, so kommt mir Leon nicht ins Haus.“

„Okay, Mama. Wir gehen sowieso am See vorbei.“

„Macht das und nun los.“

Paul zog dem Rüden das Geschirr an und befestigte die Leine. Luise sah den davonziehenden hinterher. Gemeinsam mit Andreas ging sie in die Küche. Schnell waren sie sich einig, dass es trotz der sommerlichen Temperaturen ein warmes Abendessen geben sollte. Angeregt unterhielten sie sich dabei.

„Und was meinen deine Großeltern zu dem ganzen Unternehmen?“

„Die freuen sich mit mir. Opa meinte allen ernstes, dass ich dabei viel lernen könne.“

„Ich denke du wirst sehr viel für dein Leben und im Umgang mit meinem Sohn lernen.“

„Wie meinst du das?“

„Sieh mal, Carsten ist sicherlich kein Kind von Traurigkeit aber sein Orientierungssinn hat Grenzen. Es kostet ihn viel Kraft, wenn er mit Max von hier aus allein zum Internat fährt. Um wie viel mehr muss er sich anstrengen, wenn er in London ist. Du wirst sehen, dass er abends ganz erschöpft zu Bett geht und es wird dir weh tun, ihn so zu sehen. Dennoch, wirst du ihn auch alleine ziehen lassen müssen. Jede kleine Hürde die er meistert, hilft ihm seinen Weg zu gehen. Du verstehst mich?“

„Ich kann ihn doch in London nicht allein lassen?“

„Doch, das wirst du müssen. Seit seiner Geburt haben Paul und ich darauf geachtet, ihn wie jeden anderen Jungen zu erziehen. Der einzige Unterschied gegenüber sehenden war, dass wir mit verschiedenen Trainern seine Mobilität üben mussten. Er hat wie jedes andere Kind laufen gelernt und als er seine ersten sicheren Schritte allein machte, fing das Training an. Wir stellten uns ein paar Meter auseinander, Paul ließ Carsten laufen und ich habe ihn immer gerufen. So hat er nach und nach gelernt, sich nicht nur durch Tasten auf seinem Weg zu orientieren, sondern auch mit seinem Gehör. Zur Kindergartenzeit kam für ihn der Umgang mit dem Stock hinzu. Da haben wir ihn noch immer begleitet. Dann, als wir sicher waren er kann den Weg alleine zur Grundschule gehen, sind wir in einigem Abstand hinter ihm her gegangen. Er ist gefallen, ist gegen Hindernisse gelaufen, hat die falsche Richtung eingeschlagen und so weiter. Carsten hat das ganze Programm abgefahren und jedes Mal hat mein Mann mich festgehalten, damit ich meinem Sohn nicht helfe. Carsten ist wieder aufgestanden und weiter gelaufen. Er hat sich die Beule gerieben und das Hindernis umrundet. Hat irgendwann gemerkt, dass seine Richtung falsch ist, hat gefragt und ist umgedreht. Er hat nie aufgegeben, vielleicht ist er an seinem Ziel später angekommen als gedacht, aber er hat es erreicht. Und als er sich sicher durch die Welt bewegt, haben wir uns für einen Blindenhund entschieden.“

„Carsten kann sich auch ohne Max orientieren?“

„Das war die Vorraussetzung. Du hast ihn doch kennengelernt, als er im letzten Winter Max zu Arco geschickt hat. Hattest du da den Eindruck, das Internat wäre unbekanntes Gelände für ihn?“

„Eigentlich nicht. Es ging vielleicht nicht so schnell wie sonst, aber er wusste immer wo er sich befand.“

„So und nun hat er die nächste Hürde zu nehmen, sich in absolut fremden Städten zu Recht zu finden. Ich bin mir sicher er schafft das.“

„Es wird mir zwar schwer fallen, ihn allein zu lassen, doch ich werde es durchziehen.“

„Gut und nun gib mir mal die Karotten. Sonst dauert es noch länger mit meiner Suppe.“

Andreas grinste Luise an. Die gelben Wurzeln waren schon längst in kleine Würfel geschnitten und auch das andere Gemüse war bereit für den Topf. Es strömte ein herzhafter Duft durchs Haus. Mama von Feldbach entschied, wegen des warmen Wetters, draußen auf der Veranda den Tisch zu decken.

Als erstes erschienen die beiden Hunde in der Küche. Max’ Fell war noch etwas feucht und Leon sah frisch gewaschen aus, kein Dreck mehr im Fell. Dann wollte ein kleiner pitschnasser Junge ins Haus stürmen. Doch der scharfe Blick einer Mutter verhinderte das.

Ercan musste die nassen Sachen vor der Tür ausziehen, erst dann durfte er in die Küche. Um sofort weiter geschickt zu werden, sich frische Sachen anzuziehen. Dann kamen auch schon Carsten und Paul zum Vorschein. Letzterer sammelte Ercans Kleidung auf und brachte sie in den Keller.

„Was hat Ercan gemacht?“

„Wir waren schon dabei den See zu verlassen, als Leon einem aufgescheuchten Wasservogel hinterher ist. Ercan war, wie wir alle, von dieser Aktion überrascht worden und konnte die Leine nicht so schnell los lassen. Da hat der Rüde ihn mit ins Wasser gezogen. Davon ist wiederum Leon erschreckt und stehen geblieben. Laut Ercan ist nichts passiert, außer dass er eben im Wasser lag.“

„Schatz, Darling, was Carsten sagte stimmt. Dem Jungen ist wirklich nichts passiert.“

„Siehst du Andreas, das kommt dabei heraus wenn ich meine Männer einmal allein lasse.“

„Konntet ihr darüber lachen?“

„Andreas, du nicht auch noch!“

Luise meinte es nicht wirklich ernst. Aber um den Schein zu wahren, wurde ihr großes Kind – Paul – zum Händewaschen weggeschickt. Carsten zum Füttern der Hunde verdonnert, anschließend zur Handpflege und Andreas sollte den Tisch fertig decken. Ercan erschien wieder in der Küche mit einem sehr fragenden Blick.

„Mama, du bist Leon doch nicht böse?“

„Warum sollte ich Junge, du solltest eventuell nach den Ferien mit ihm zur Hundeschule gehen.“

„Oh ja. Ich gehe zur Menschenschule und er lernt in der Schule für Hunde.“

„Gut, dann setz dich hin, es gibt gleich Abendessen.“

Der Familiensprössling setzte sich an den Gartentisch und wartete auf die Anderen. An diesem Abend zog sich das Essen hin. Es war schon nach Mitternacht als langsam in dem Haus Ruhe einkehrte.

*-*-*

Am Nachmittag brachte Paul die Jungs zum Bahnhof. Er fragte nach den Tickets und ob sie alle Sachen beisammen hätten. Der Zug fuhr ein und Paul sah die beiden einsteigen. Wie Max es gelernt hatte, stieg sie zuerst ein, ihr folgte Carsten und zuletzt Andreas. Paul reichte ihnen den Koffer und den Rucksack nach, wünschte ihnen viel Spaß und eine gute Reise.

Mit einem kleinen Ruck setzte sich der Zug in Bewegung. Andreas und Carsten setzten sich auf die ersten freien Plätze und Max legte sich zu ihren Füßen.

„Wie geht es jetzt weiter?“

„Wenn ich den Reiseplan richtig in Erinnerung habe, steigen wir in Leipzig um und dann noch einmal in Berlin. Wir werden in Potsdam dann ein Taxi nehmen und zur Pension fahren. Sonst wird es zu spät für uns. Morgen Vormittag um Neun werden wir an dem Eingang vom Schloss erwartet, wo der Obelisk sich befindet. Die Stadtführung wurde mangels Interesse abgesagt. Schade eigentlich, ich hätte gern noch etwas mehr von Potsdam erfahren. Die Gruppe wird recht klein sein, laut der Informationsbroschüre sind wir acht Blinde und entsprechend viele Begleitpersonen. Zur Besichtigung des Schlosses werden zwei Gruppen gebildet.“

„Warum?“

„Weil ein Teil der Blinden – wie ich – noch einen Blindenhund dabei haben, damit wäre eine Gruppe dann doch einfach zu groß.“

„Ich verstehe.“

„Außerdem möchte ich, dass wir beide uns den Garten beziehungsweise den Park gemeinsam ansehen.“

„Wozu?“

„Ich wünsche mir, dass du ihn mir erklärst. Du hast doch Ahnung von der Materie und weißt worauf ich Wert lege.“

„Oh, danke für dies Kompliment.“

„Gern, geschehen. Wofür habe ich sonst meinen eigenen kleinen Gärtner…“

Andreas sah sich um. Der Wagon war fast leer, weiter vorne waren noch einige Plätze besetzt. Daher scherte er sich nicht um den Rest der Fahrgäste und brachte Carsten mit einem Kuss zum Schweigen. Er war schon etwas stolz auf sich, das Carsten ihm den Vorzug gab, den Park von Sanssouci zu erklären.

Doch bis dahin verging noch einige Zeit im Zug. Sowohl in Leipzig als auch in Berlin ging der Wechsel der Züge ohne nennenswerte Probleme von Hand. Sie erreichten ihre Pension am Abend. Die Wirtin erwartete die Drei schon und nachdem die Anmeldung erledigt war, fragte Carsten nach einem einfachen Abendbrot.

„Wir haben natürlich ein kaltes Buffet für unsere Gäste, wenn sie möchten mache ich ihnen auch noch etwas Warm.“

„N…“

„Natürlich, danke, das wäre sehr freundlich.“

„Haben sie einen bestimmten Wunsch?“

„Reichen sie uns nachher einfach die Speisekarte. Jetzt möchten wir uns erst einmal etwas frisch machen. Sie gestatten?“

Die Wirtin konnte dem nichts entgegenbringen. Auf ihrem Zimmer erklärte Andreas Carsten sein einmischen.

„Sorry, Schatz, aber das Buffet sah nicht sehr überzeugend aus.“

„Schon gut, ich denke eine Suppe oder so etwas in der Richtung wäre wirklich angebracht. Aber jetzt gibt es erst einmal eine Ration für Max. Sie hat heute wirklich alles geduldig über sich ergehen lassen. Kommst du später noch mit auf einen Spaziergang?“

„Ja, nach dem wir den ganzen Tag im Zug gesessen haben, ist Bewegung sicherlich nicht verkehrt.“

Andreas sah Carsten zu, wie er eine Futterdose öffnete und in den Reisenapf umfüllte. Max saß vor ihm und sah gespannt zu. Selbst als Carsten den Napf neben sie abstellte, rührte sie sich nicht. Erst als Carsten die Ration frei gab, inhalierte die Retrieverhündin den Inhalt.

Andreas bat Carsten, den zweiten Napf mit Wasser zu füllen. Nachdem die Hündin versorgt war, kümmerte sich Carsten um Andreas. Beiden wurde warm, was nicht nur an den Außentemperaturen lag.

„Komm Carsten, lass uns nachher weiter machen. Jetzt habe ich Hunger.“

„Ich auch!“

„Nein, ich habe Hunger auf richtiges Essen. Du wärst vielleicht mein Nachtisch, mein Betthupferl?!“

„Das war gerade… nun wie soll ich mich nur ausdrücken?“

„Nicht nett?“

„Nein, im Gegenteil, ein Kompliment. Ich soll dein Pralinenstückchen zum Zu-Bett-gehen sein. Ein Naschwerk was hoffentlich kein Karies auslöst.“

„Carsten, du bist ein unmöglicher Romantiker.“

„So wie du es sagst, hört es sich aber wirklich schnuckelig an. Aber ich würde jetzt deinen Vorschlag aufgreifen und erst einmal etwas reales Essen. Danach spielen wir einige Runden mit Max und wenn wir zu Bett gehen komme ich auf dein Angebot zurück.“

„Abgemacht.“

Die kleine Gruppe verließ das Zimmer und fand sich wenig später in dem Speiseraum der Pension ein. Andreas suchte sich einen abgelegenen Tisch für sie aus, unter dem auch Max bequem liegen konnte. Wie gewohnt las Andreas die Speisekarte vor, Hausmannskost vor allem.

Carsten entschied sich für ein Bauernomelette und einen Sommersalat. Andreas wählte für sich Schnitzel mit Fritten und einen grünen Salat. Die Wirtin benötigte etwas Zeit um ihren Wünschen nachzukommen. Dann brachte sie zuerst die bestellten Getränke, für Carsten eine Apfelschorle und ein Malzbier für Andreas, anschließend die Speisen.

„Soll ich Ihnen ihr Omelette kleinschneiden?“

„Warum?“

„Na weil Sie doch Blind sind!“

„Und die kleingeschnittenen Omelettestücke finde ich dann besser, obwohl ich nichts sehe?“

„Oh! Natürlich nicht…“

„Lassen Sie es gut sein, Frau Wirtin. Ich kümmere mich schon darum.“

„Ja, ja ist gut… Ich gehe derweil in die Küche zurück… Ich wünsche Ihnen einen guten Appetit“

Die Seele des Hauses verließ den Raum. Mit einem leicht vorwurfsvollen Unterton erklärte Andreas Carstens Teller.

„Sorry, aber ich finde es nervig jedes Mal als absolut hilfsloser Behinderter angesehen zu werden.“

„Ich verstehe dich ja, Schatz. Doch es gibt nun einmal Menschen, die denken nicht weiter als die Sonne ihren Schatten wirft. Denn hätte die gute Frau ihre Nervenzentrale im Kopf eingeschaltet bevor sie einen Ton gesagt hätte, wäre es ihr auch aufgefallen. Also Schwamm drüber. Ich hoffe nur, es schmeckt genauso gut wie es riecht. Guten Appetit.“

Carsten zögerte einen Moment, doch dann entschied er Andreas zu zustimmen. Wahrscheinlich hatte die Gastwirtin selten blinde Gäste und wusste sich einfach nicht besser zu helfen.

„Ach Andreas, auch wenn ich mich wiederhole, Max bekommt nichts vom Tisch. Sie sabbert und schmatzt schon.“

„Warum eigentlich nicht? Was mir nicht schadet kann ihr doch auch nicht schaden.“

„Das Fleisch ist gewürzt und frittiert, gleiches gilt für die Kartoffeln. Sie kann es verdauen, bekommt aber fürchterliche Blähungen davon. Außerdem hätte ich zukünftig Schwierigkeiten ihre Tagesrationen zu bestimmen.“

„Gut ich werde ihren Bettelblick widerstehen… aber nur weil wir uns ein Zimmer teilen.“

„Danke. Wie mundet dir dein Schnitzel? Das Omelette ist perfekt.“

„Wirklich, die Küche ist hervorragend. Hätte ich nach meinem ersten Eindruck der Pension nicht erwartet.“

Nach dem Hauptgang gönnten sie sich noch ein kühles Dessert. Andreas quittierte die Rechnung und gemeinsam verließen sie ihre Unterkunft. Auf einer nahen Wiese spielten die Drei mit dem Frisbee. Max lief wie verrückt um ihren Bewegungsmangel wett zu machen.

Nach einer guten Stunde brach Carsten das Spiel ab. Stolz trug Max den Diskus im Fang, als sie ihre Pension wieder betraten. Sie wünschten der Wirtin eine gute Nacht und verkrümelten sich auf ihr Zimmer. Wie versprochen, wurde Carsten Andreas Betthupferl.

*-*-*

Kapitel XLIII: Park und Schloss Sanssouci

Am folgenden Morgen frühstückten sie von dem Buffet. Gemeinsam mit Andreas lud Carsten sich seinen Teller voll. Max führte ihn zu dem Tisch und die Wirtin sorgte für ausreichend Kaffee. Als kleine Überraschung oder als Entschuldigung für den Abend zuvor, brachte sie Max gefüllte Näpfe, einen mit Wasser und den anderen mit Futter.

Sie hatte Carsten davon Informiert, dass ihr Wachhund täglich frisch zubereitetes Futter bekäme und es ihr nichts ausmachen würde, eine Portion für Max herzurichten. Carsten fragte zwar nach den Inhalten, doch er hatte nichts dagegen und bedankte sich dafür.

Obendrein sparte er Max so eine Ration Dosenfutter. Aber erst auf sein Kommando fing Max an, den Inhalt retrievermäßig zu verschlingen. Ihr Taxi brachte sie zu dem genannten Treffpunkt am Schlossparkeingang. Andreas sah schon von weitem die Gruppe.

Einige hatten wie Carsten Hunde dabei und andere waren mit dem obligatorischen weißen Stock unterwegs. Aber allen war gemeinsam, dass sie das Zeichen mit den drei Punkten auf gelben Hintergrund sichtbar trugen. Das Zeichen, welches Carsten nur selten trug.

Die Blindenführhunde kennzeichnete das blaue Rechteck mit dem stilisierten Symbol Mensch, Hund und Stock. Jeder war mit einer Begleitperson gekommen, weil dies eine Bedingung der Führung war. Dann bat eine Frau um Gehör. Es stellte sich heraus, dass sie die Besichtigung organisiert hat und eine der Personen war, welche eine Gruppe durch das Schloss und den Park führte.

„Guten Morgen, wie ich sehe sind wir schon vollzählig beisammen. Wir bilden zwei Gruppen. Die Erste sind die Teilnehmer ohne Blindenführhund. Mein Kollege wartet auf der rechten Seite an der Brüstung auf sie. Die mit einem Hund versammeln sich hier bei mir. Alles Weitere wird erst dann erklärt, wenn die Gruppen beisammen sind.“

Die zwei Gruppen waren schnell gebildet. Die Leiterin, welche sich als Monika vorstellte, erläuterte das weitere Vorgehen. Zunächst würden sie den Garten und den Park erkunden und zum Schluss das Schloss Sanssouci. Die ganze Führung würde etwas mehr als acht Stunden dauern.

Zwischendurch gab es Erfrischungspausen, sowie eine Mittagspause wo man in einem Restaurant etwas essen konnte. Für die Begleitpersonen gab es dann noch die Anweisung darauf zu achten, dass während der Führung durch das Schloss die Hunde nicht irgendwelche Geschäfte verrichteten.

Dann war es soweit: Monika gab das Kommando und ihre Gruppe setzte sich in Bewegung. Vom Obelisken ging es zur Friedenskirche. Dort erklärte Monika viel über die Erbauung von 1845 bis 1854 unter der Herrschaft des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. Da dieser König ein Verehrer der italienischen Architektur war, ist die Kirche im Stil eines oberitalienischen Klosters nachempfunden.

Andreas lernte bei dieser Führung eine neue Art der Besichtigung kennen. Die Blinden durften mit ihren Händen die Bauwerke in und um den Komplex ertasten. Er selbst machte davon Gebrauch und fühlte das Stein und Oberfläche nicht gleich Stein und Oberfläche waren.

Der Besuch der Campanile war für Carsten sehr interessant. Dort wurden die einzelnen Glocken durch einen kleinen Hammerschlag zum klingen gebracht und somit die Harmonie des Geläut verständlich gemacht. Im Anschluss ging es wieder in den Kirchenraum. Monika erklärte etwas über die Orgelgeschichte.

Dazu hatten einige Fragen und bekamen auch verständliche, plastische Antworten. Zuletzt bat Carsten doch einmal die Orgel in Aktion hören zu dürfen. Monika schaute erst etwas skeptisch. Doch dann holte sie ein Mobiltelefon aus der Tasche und fragte nach dem Organisten. Carstens Wunsch konnte erfüllt werden. Da der Musiker etwas Zeit benötigte, machten sie eine kleine Pause im Innenhof.

Andreas war nicht der religiöse Mensch und Kirchen besuchte er nicht oft. Orgeln waren für ihn einfach nur sakrale Instrumente, doch der Organist lehrte ihm eine neue Art der Orgelmusik. Eine Sonate von Johann Sebastian Bach führte ihnen vor, was in so einem Instrument für künstlerische Möglichkeiten steckt.

Als die Gruppe sich auf den Weg zur nächsten Station, dem Chinesischen Teehaus, machte sprach er seinen Freund darauf an. Carsten schmunzelte und er konnte die Wissbegierigkeit Andreas’ stillen.

„Bach hatte durchaus Sinn für weltliche Musik. Die Sonate, welche du eben gehört hast, gehört zur Gruppe der Trio Sonaten BWV 525 bis BWV 530. Es handelt sich dabei um Ausbildungsstücke, die seinem Sohn Wilhelm Friedemann zugedacht waren. Sie sind wohl deswegen schwierig, weil, wie du eben hören konntest, das Pedalspiel dem Fingerspiel gleichberechtigt ist.“

„Interessant und woher weißt du soviel davon? Du spielst doch keine Orgel.“

„Wer sich für Musik und Harmonien interessiert, kommt schwer an Bachs Werken vorbei. Sie sind quasi ein Grundstein der Harmonielehre. Das gilt auch für mich, nur weil ich keine Orgel spiele, heißt es noch lange nicht, dass ich mich nicht auch mit seinen Werken auseinander setzte. Obendrein hat Bach diese sechs Orgelsonaten schon im Sinn der italienischen Concertos dreisätzig gehalten und sich nicht nach der viersätzigen Regel der Sonata da Chiesa orientiert.“

„Das habe ich jetzt nicht ganz verstanden, sei es drum. Nur eine Frage hätte ich da noch. Wann hattest du Zeit dir das alles anzueignen?“

„So peu à peu lernt man das bei der Ausbildung, wenn der Lehrer darauf Wert legt. Und nun weiter. Der Park ist sehr interessant und entschädigt jetzt schon die fehlende Stadtführung.“

Andreas konnte dem nur zustimmen. Die Fremdenführerin verstand es mit Geschichten und Witz ihrer Gruppe den weiteren Park und ihre Stationen zu erklären. Für Carsten ergänzte Andreas ihre Schilderung mit einigen Details. Andreas hatte sich im Vorfeld auf die Führung vorbereitet und entsprechende Informationen über den Garten und Park gelesen.

Dem Teehaus folgte das Schloss Charlottenhof, dem Sitz des damaligen Kronprinzen Friedrich Wilhelm. Auch hier durfte die Gruppe vieles anfassen und erkunden.  Andreas, dem die Architektur mehr lag, stellte bemerkenswerte Fragen zur Geschichte und Entstehung das Gebäudes. Auch dabei präsentierte sich Monika als durchaus kompetente Leiterin.

Hinter dem Neuen Palais des Parks wurde eine große Pause eingelegt. In einem nahen Café und Restaurant wurden Speisen und Getränke serviert und auch die Hunde kamen nicht zu kurz. Selbst eine Hundetoilette, in Form einer überdimensionalen, eingezäunten  Sandkiste, war vorhanden. Andreas ging zwei Mal mit Max hin und entsorgte ihre Hinterlassenschaften.

Nach einer Stunde ging es weiter zur Aussichtsplattform Belvedere. Danach kam das Drachenhaus dran und das Orangerieschloss. Das letzt genannte Gebäude interessierte wieder Andreas. Für ihn war es ein Juwel der Baukunst des achtzehnten Jahrhunderts.

Die Architektur im Stil der italienischen Renaissance und vor allem die beiden Orangerien die sich links und rechts in den Flügeln des Gebäudes befanden. Die Zeit erlaubte es ihnen zwar nur eine Pflanzenhalle zu betreten, aber es war für alle ein Erlebnis.

Ein Techniker erklärte ihnen, was zur damaligen Zeit ein Novum war, die Fußbodenkanalheizung Anhand eines Models. Andreas bewunderte die Technik, da sie quasi auf der Hand lag. Durch in den sandigen Fußboden eingelassene Tonrohre wurden die heißen Abzuggase eines Ofens geleitet.

Somit konnte der Raum von unten geheizt und ein entsprechendes feuchtwarmes Klima im Raum erzeugt werden. Weiter ging es im Anschluss in das Mittelgebäude, wo sie eine Erkundungstour durch den Raffael Saal machten. Wieder im Freien nutze Carsten den Weg, um über diese Erfahrung mit seinem Freund zu sprechen. Dazu ließ er Max neben Andreas an der Leine laufen und selbst ließ er sich von ihm führen.

„Und wie fandest du es bisher?“

„Ich hätte nicht gedacht, dass ich hier soviel Neues erfahren kann. Das, was ich erst als chaotisches Sammelsurium an Bauwerken in einem Park hielt, hat durchaus seine geschichtliche Entwicklung der hier herrschenden Charaktere. Friedrich der Große war ein sparsamer Regent, was sich durch das eigentliche Schloss Sanssouci äußert. König Friedrich Wilhelm IV. hatte eine Ader für den italienischen Architekturstil, was sich auch optisch in den meisten Bauten und Parkanlagen widerspiegelt.“

„Du hast wahrscheinlich recht. Aber das Neue Palais wurde doch von König Friedrich dem Großen erbaut und das ist doch recht prunkvoll geworden?“

„Mit dem Palais wollte er eine optische Vormachtstellung Preußens im politischen Europa symbolisieren, gerade nach dem Siebenjährigen Krieg. Aber Friedrich II. konnte mit dem Prunk nicht sympathisieren. Er nannte den Bau eine Fanfaronnade, eine Angeberei respektive Prahlerei. Erst König Friedrich Wilhelm IV. konnte dem Palais Sympathie abgewinnen. Nein, der Park symbolisiert eigentlich Preußens Aufstieg und Untergang.“

Nachdem sie die Terrassen mit den Weinstöcken erklommen haben und vor dem eigentlichen Schloss standen, war es Zeit für eine weitere Pause. Wieder hatte Monika dafür gesorgt, dass für die Hunde mehrer Wasserschüsseln bereitstanden und Mineralwasser für die Menschen.

„Andreas?“

„Ja?“

„Jetzt wo wir die Terrassen erklommen haben, frage ich mich, warum der Alte Fritz die Weinbergterrassenmauern nach innen laufen lassen hat?“

„Weil die Sonne im Tageslauf nicht immer im gleichen Winkel auf die Erde scheint. Die Mauern der einzelnen Terrassen schwingen sozusagen im Bogen nach innen um den Pflanzen – den Weinreben also – eine optimale Sonnenbestrahlung zu gewährleisten. Obendrein werden dadurch die symmetrisch angelegten Stufen optisch aufgelockert. Der primäre Zweck des Königs war seiner Zeit, eine abgeholzte Anhöhe zu kultivieren. Später ließ er dann das kleine private Schloss dazu bauen.“

„Klein?“

„Ja, Klein. Der erste Entwurf des Architekten von Knobelsdorff entsprach einem zweigeschossigem Schloss, doch Friedrich II. wollte eine intime Sommerresidenz. Daher strich er ein vorgesehenes Plateau unter dem eigentlichen Schloss, rückte den Bau weiter von dem Terrassenrand weg. Es war eigentlich auch nur ein Jagdschloss des Königs. Sein weit aus größeres Pendant ist das Schloss Charlottenburg zu Berlin als offizieller Regierungssitz. Obendrein ist es gegenüber dem Neuen Palais hier im Park auch klein.“

„So gesehen hast du Recht. Verlaufen würde ich mich aber doch in den Weiten.“

Andreas lachte, da hatte Carsten durchaus Recht. In den Proportionen war es zwar ein kleines Schloss, aber wenn man es im Verhältnis zu Carstens Zuhause sah, recht groß. Monika beendete die Pause und gemeinsam betraten sie das Schloss Sanssouci. Obwohl sie am Tag schon sehr viele historische Stätten besucht hatten, so lag in diesem Gebäude etwas besonders.

Sowohl Carsten als auch Andreas hatten das Gefühl, jeden Moment auf den König persönlich zu treffen. Er wirkte irgendwie präsent. Ein Höhepunkt für Carsten war die Führung durch den Konzertsaal des Schlosses. Hier trafen sich, der Überlieferung nach, König Friedrich II. und Johann Sebastian Bach.

Vielleicht lag es ja an dieser Konstellation, auf der einen Seite Friedrich II. ein Regent, der durchaus Sinn für die Künste hat. Ihm Gegenüber ein Mann, der seinesgleichen ein Regent in der damaligen Musik war. Einer Legende nach, forderte der König, just in diesem Konzertsaal den 62-jährigen Komponisten musikalisch heraus.

Bach nahm sich das ihm gegebene musikalische Thema des Regenten an. Aus dieser Begegnung entstand das Musikalische Opfer (BWV 1079) und führte dem König die Genialität des Komponisten vor.

Eine Stunde später fanden sich alle wieder am Obelisken ein. Monika, die die Führung organisiert hatte, bedankte sich bei den Teilnehmern für ihr Interesse und für die vielen Fragen. Zum Abschied gab es für jeden noch eine kleine Erinnerung in Form eines Sonderdrucks der Geschichte des Schlosses und des Parks.

Andreas bestellte ein Taxi und gemeinsam fuhren sie wieder zur Pension. Leider hatte die Besichtigung etwas mehr Zeit in Anspruch genommen. So ließen sie einen geplanten Imbiss ausfallen und gingen direkt auf ihr Zimmer, wo sie ihre Sachen packten.

„Okay Schatz, der Koffer ist gepackt wir sind abfahrbereit.“

„Wo ist Max’ Rucksack?“

„Der liegt oben auf unserem Gepäck. Wie lange sind wir unterwegs?“

„Laut der Auskunft runde achtzehn Stunden, dafür können wir die ganze Nacht schlafen. Hast du die Tickets?“

„In meiner Jackentasche. Gehen wir jetzt noch essen?“

„Nein, ich mache mit Max jetzt noch eine große Gassirunde. Im Zug ist nicht ganz soviel Platz dafür.“

„Ich habe aber etwas Hunger.“

„Dann komm mit uns, wir lenken dich ab. Essen können wir im Zug nach Paris.“

Andreas gab sich geschlagen. Gemeinsam gingen sie spazieren, eine große Runde um die Pension. Als sie wieder eintrafen, regelte Carsten die Rechnung. Kurz darauf kam das bestellte Taxi. Andreas übergab das Gepäck dem Fahrer, der alles im Wagen verstaute.

Am Berliner Hauptbahnhof zahlte Andreas das Taxi, der Fahrer war noch so zuvorkommend und holte den Koffer und den Rucksack aus dem Kofferraum, wünschte den Jungs eine gute Fahrt und fuhr davon. Dann sah Andreas wie Carsten sich zu Max hinunterkniete. Er streichelte sie sanft und gab ihr ein paar Leckerlis.

Danach war Max wieder ganz konzentriert bei der Sache. Andreas bestimmte den Weg zum Gleis und Max führte Carsten souverän durch die Menschen. Nur die Rolltreppe wollte sie nicht gehen. Carsten wählte den Fahrstuhl und sie trafen am Bahnsteig wieder auf Andreas.

Der Zug stand schon bereit. Andreas holte die Tickets hervor, erste Klasse Schlafwagen. Noch immer schüttelte er den Kopf, wenn er daran dachte, dass er als Jugendlicher erster Klasse fuhr. Obendrein, in einem Schlafwagenabteil für sie drei allein. Ein Bediensteter half ihnen das Gepäck im Coupé zu verstauen.

Andreas beeilte sich, Carsten das Abteil und die Umgebung zu beschreiben. Dieser bedankte sich mit einem Kuss. Dann setzte er sich hin. Holte aus dem Rucksack Max Wassernapf und befüllte diesen mit Wasser. Danach kramte er die Medikamententasche hervor und entnahm diesem ein kleines Fläschchen. Seine Finger glitten über das Etikette. Davon träufelte er etwas in den Wassernapf und gab den Napf Andreas.

„Kannst du ihn an einem sichereren Ort aufstellen?“

„Ich stelle ihn links von der Dusche in der Ecke auf. Was hast du hineingetan?“

„Ein homöopathisches Beruhigungsmittel, Bachblütenextrakt. Papa meinte, ich solle es in ihr Trinkwasser tun, damit sie die Nächte im Zug gut übersteht.“

„Bekommt sie noch etwas zu fressen?“

„Nachher, nachdem wir gegessen haben. Sie bekommt eine Ration Fertigfutter.“

„Und wenn sie raus muss?“

„Zieh ich die Notbremse… Scherz beiseite, bis Saarbrücken haben wir einige Stopps, wenn ich dem Zugbegleiter Bescheid gebe, können wir am Bahnhof kurz raus. Danach erst wieder Paris.“

„Mann, du denkst wirklich an alles.“

„Reiseerfahrung mit Arco. Der hatte mal eine Blasenentzündung als ich auf dem Rückweg zum Internat war. Der Zugführer war seiner Zeit nachsichtig und hat mir genau diese Vorgehensweise empfohlen.“

Andreas sah sich noch einmal in dem Abteil um, während Carsten Max das Blindengeschirr auszog. Wirklich komfortabel, da es sogar eine Dusche in dem Abteil gab. So konnten sie sich vor Paris richtig frisch machen und bis London die Reise entspannt angehen. Er setzte sich neben Carsten und griff nach dessen Hand.

„So, wie geht es weiter?“

„Erst einmal sehen wir zu, dass wir uns hier ein wenig einrichten. Dann gehen wir in den Speisewagen wo wir zu Abend essen werden. Unser Zugbetreuer richtet dann das Abteil für die Nacht ein. Danach gehen Max und ich einmal durch den Zug Beine vertreten.

Du kannst uns gerne folgen. Wir sollten dann schlafen gehen. Geweckt werden wir um halb sieben, ich ziehe mir etwas über und gehe mit Max wieder den Zug entlang. Du solltest die Zeit zum duschen nutzen. Der Zugbegleiter verwandelt das Abteil für den Tagesbetrieb.

Ich springe anschließend unter das Nass. Frühstück wird um Acht serviert. Laut Fahrplan sollten wir Paris Gare de l’Est gegen zwanzig nach Neun erreichen. Dann haben wir gute eineinhalb Stunden, um den Bahnhof zu wechseln. Der Eurostar verlässt den Gare du Nord viertel nach Elf und kommt gegen halb Eins in London St. Pancras International an.

Dort nehmen wir uns eventuell ein Taxi und fahren zu unserem Hotel und checken ein.“

„Warte einmal, wir fahren nur eine Stunde bis nach London?“

„Nein, rund zwei Stunden fünfzehn Minuten, England hat GMT und Frankreich GMT plus eine Stunde. Ergo, Uhr umstellen nicht vergessen.“

„Und du?“

„Mein Weihnachtsgeschenk, Papa hat mir eine Funkuhr geschenkt.“

„Och menno…“

Carsten unterbrach seinen Freund mit einem innigen Kuss und Max schnuffelte das Abteil ab. Nach wenigen Minuten hatte sie eine Stelle gefunden, die sie so gut fand, dass sie sich hinlegte. Von der Lautsprecherdurchsage am Bahnsteig bekamen sie nichts mit und auch der schrille Pfiff verhallte von ihnen ungehört.

Erst der kleine Ruck erinnerte die Jungs, dass sie in einem Zugabteil saßen. Andreas schaute Carsten an. Sein erster Gedanke war, welches Glück er hatte, gerade ihn zu treffen. Dessen Abenteuerlust und Vertrauen ins Leben färbte auch auf ihn ab. Mit Carsten an seiner Seite konnte einfach nichts schief gehen.

Selbst wenn etwas Unerwartetes geschah, behielt sein Freund sein ruhiges Gemüt und improvisierte. Eine Eigenschaft, die er an Carsten bewunderte. Wie oft hat er sich schon gefragt, wer von ihnen eigentlich der nicht Sehende war. In Bezug auf Lebenskünstler war ihm Carsten weit voraus.

„Darf ich deine Gedanken kurz unterbrechen Andreas? Wir sollten uns ein wenig einrichten. Du sagtest die Betten sind an dieser Seite wo wir sitzen?“

„Ja, zwei Klappbetten, wie es aussieht übereinander. Da du sicherlich bei Max sein möchtest, solltest du das untere Bett nehmen.“

„Gut erkannt, außerdem klettere ich nicht so gerne. Dann würde ich sagen, Max Schlafdecke legen wir ebenfalls neben die Dusche.“

„Das hätte ich jetzt auch so getan, sie hat sich den Platz schon ausgesucht. Der Koffer steht an der Außenwand hinter dem Klapptisch. Dort stört er nicht und wir kommen dran.“

„Dann haben wir hier ja schon fast alles erledigt, kannst du mir noch die Nasszelle beschreiben?“

„Die Tür geht nach rechts zum Eingang auf, an der Innenseite sind Handtuchhalter angebracht. Stehst du in der Tür, findest du rechts gegenüber das WC, links davon ein Waschtisch, der sieht so aus, als ob man den schwenken könnte. Darüber eine kleine Ablage, daneben noch eine Steckdose. Weiter links ist die Dusche. Du betrittst sie durch einen Durchgang. Dann ist die Brause und die Armatur rechts davon.“

„Danke, dann teste ich jetzt einmal das WC.“

„Das Toilettenpapier ist links davon.“

Carsten schloss hinter sich die Tür. Andreas setzte sich, dann entnahm er dem Rucksack die Hundedecke und legte sie auf den Klapptisch. Durch das Fenster sah er wohl die letzten Häuser Berlins, die Zivilisation wurde langsam durch Wald und Wiese ersetzt. Max schob plötzlich ihren Kopf zwischen seine Beine und Andreas verstand den Wink. Selbstverständlich kraulte er sie zwischen ihren Ohren. Vor dem Fenster erstreckte sich die Ebene der Region um Brandenburg (Havel).

Carsten spülte und bald schon verließ er das WC. Andreas schaute zu ihm hinauf.

„So ich bin soweit, wie steht es mit euch, Essen?“

„Jep.“

„Komm Max.“

Die Jungs verließen das Coupé und Andreas schloss ab. Unterwegs trafen sie auf den Bediensteten, dem Carsten Bescheid gab, dass er ihr Abteil herrichten könne. Dann ging es weiter zu dem Speisewagen. Der Ober sah die beiden den Wagon betreten und empfing sie.

Zuerst wollte er sie an einen Bistrotisch bringen, doch Carsten erklärte ihm, dass er eine Reservierung hatte. Er hielt dem Bediensteten ein Billet vor und dieser entschuldigte sich. Andreas staunte nicht schlecht, der Tisch war schon vorgedeckt. Das Bild was sich ihm bot, deutete auf mindestens zwei Gänge hin.

Der Kellner gab ihnen die Speisekarten, nachdem sie sich gesetzt hatten. Andreas las sie Carsten vor. Der Ober wartete. Carsten wählte sein Menu und Andreas schloss sich ihm an. Nur bei den Getränken wählten sie verschieden. Während Carsten sich für einen jungen Rotwein entschied, wählte Andreas einen Rosé.

Max legte sich unter Carstens Bank. Der Kellner brachte erst die Getränke und für Max einen Napf Wasser. Bald darauf folgten die beiden Essen. Andreas erklärte Carsten wie gewohnt den Speisenaufbau auf dem Teller. Dann genossen sie die ruhige Atmosphäre und das Abendessen.

Nach dem Dessert zahlte Carsten die Rechnung und sie machten sich auf, einmal den Zug entlang zu laufen. Nach zehn Minuten fanden sie sich an ihrem Abteil ein. Erst traute Andreas seinen Augen nicht, doch da er die Tür aufschließen konnte, musste es sich um ihr Abteil handeln.

Die Sitze waren verschwunden dafür befanden sich zwei übereinander angeordnete Betten an deren Stelle. Der Klapptisch war weggeräumt und die Hundedecke lag auf dem unteren Bett. Andreas schnappte sie sich und breitete sie auf dem Boden aus. Es dauerte keine zwei Sekunden und Max lag drauf.

Carsten holte aus dem Rucksack ihren Fressnapf und eine Dose mit Futter. Der Inhalt der Dose war schnell im Napf und noch schneller in Max Magen. Andreas verschwand im WC und machte seine Nachttoilette. Carsten folgte ihm, als das Minibad wieder frei war.

Anschließend holte er seinen Schlafanzug aus dem Koffer und verkrümelte sich in das untere Bett.

„Schatz, würdest du die Klimaanlage etwas wärmer drehen. Hier zieht es.“

„Gern, hast du die Tür verriegelt?“

„Nein, da musst du noch einmal nachschauen.“

Andreas kletterte die Leiter hinunter, verriegelte die Tür und kletterte wieder ins Bett, gab Carsten einen Kuss und kuschelte sich an ihn. Die leisen monotonen Geräusche taten ihr übriges dazu und es dauerte nicht lange, bis sie einschliefen.

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