Herbststürme

Als die Augen von Molly über die Bilder auf der Kommode schweiften, krampfte es ihr das Herz zusammen. Ihre Blicke hafteten an einer großen Fotografie, die ihre Tochter und deren Familie zeigte.

Megan war mit James nach Amerika gegangen, als dieser, diesen tollen Job in einer großen Computerfirma angeboten bekam. Molly war von dieser Idee damals nicht begeistert. Doch sie wollte nicht als böse Schwiegermutter gelten.

Einmal im Jahr kamen die Beiden nach England zurück und das kurz vor Weihnachten. Molly hatte sich damit abgefunden umso mehr freute sie sich auf das Weihnachtsfest, weil sie es mit ihrer Tochter zusammenfeiern konnte.

Sonst war sie alleine, seit Geoffrey nach kurzer Krankheit starb. Sie liebte ihren Mann über alles, auch heute noch saß sie ab und zu vor seinem Bild im Kaminzimmer und redete mit ihm.

Außer ihr bewohnten noch Madge, die Köchin und Hilbert, die gute Seele des Hauses das Cottage. Mollys Mann hatte es in den Fünfzigern günstig erworben und seither war es auch in ihrem Besitz.

Hier hatte Megan eine unbeschwerte Kindheit verlebt, war behütet aufgewachsen. Doch diese Zeit war unwiderrufbar, es war Vergangenheit. Als Megan, Jack bekam und wenig später noch Amy folgte, war es, wenn die junge Familie zu Besuch war, ein Haus voller Leben.

Molly griff nach den Schlüsseln ihres alten Bentleys und wischte sich eine Träne aus dem Auge. Sie musste sich beeilen, um rechtzeitig in London zu sein, wo sie ihre zwei Enkel vom Flughafen Heathrow in Empfang nehmen sollte.

Das komplette Hab und Gut der Beiden war schon vor Tagen angekommen, doch Molly hatte bisher noch keine Zeit gefunden, irgendetwas davon auszupacken. Sie hatte zwar dafür gesorgt, das beide Kinder ihre Zimmer hatten und auch dementsprechend eingerichtet waren, aber sie dachte auch, Jack und Amy sollten ihre Sachen selbst einräumen, da wollte und konnte sie auch nicht vorgreifen.

Die Särge mit Megan und James sollten Freitag überführt werden, aber daran wollte und konnte Molly noch keinen Gedanken verschwenden. Ihre ganze Aufmerksamkeit sollte jetzt Jack und Amy gelten.

Ein geplatzter Reifen eines Lkws war Megan und James zum Verhängnis geworden. Das Fahrzeug begrub beide in ihrem Wagen unter sich, beide waren sofort tot. Molly als einzigste Verwandte von Jack und Amy wurde zum Vormund der Beiden bestimmt.

Nun lag es an ihr, den Beiden ein Zuhause zu geben. Nach dem sie sich von Madge verabschiedet hatte, setzte sie sich hinter das Steuer des Bentleys. Hilbert kam an den Wagen und Molly ließ die Scheibe der Tür herab sinken.

»Soll nicht doch lieber ich fahren, Mrs. Lonesdale?«

»Nein Hilbert, es geht schon!«

Er nickte ihr noch einmal zu, bevor sie den Wagen langsam zur Ausfahrt steuerte. Molly musste sich zusammenreißen und sich auf den Verkehr konzentrieren. Trotz ihrer 62 Jahre war sie eine sichere Fahrerin, die auch noch recht zügig über die Landstrasse fegte.

Es dauerte nicht lange bis sie die M25 erreichte, die sie schnurr gerade zur M4 brachte, der Zubringer zum Flughafen. Für einen Montag war wieder sehr viel Verkehr dachte sich Molly und vermied es zu überholen.

Nach cirka einer knappen Stunde erreichte sie ihr Ziel. Mollys Bentley für in den breiten Autobahntunnel hinab, der den Flughafen unterquerte. Souverän lenkte sie den schweren Wagen ins Parkhaus, wo Molly durch viel Glück, auch sofort einen Parkplatz fand.

Nervös suchte sie sich ihren Weg zum Terminal drei, wo die Kinder in einer halben Stunde ankommen sollten. Sie begab sich an einer der zahlreichen Infoschalter, wo man ihr netterweise sogar einen jungen Mann zur Verfügung stellte um die richtige Gangway zu finden.

Die Lonesdale Werke waren berühmt für ihre Stoffe, die auch regen Export ins Ausland fanden. So war es Molly ein leichtes, als Seniorchefin des Werkes überall das zubekommen, was sie wollte.

Doch Molly gehörte nicht zu denen Menschenkreis, die ihre Vermögen zur Prahlerei einsetzte. Nur in solchen Situationen wie dieser, war es doch sehr nützlich. Molly konnte in dem Warteraum der Buisnessclass verweilen, bis der Flug eintraf.

Im Gedanken versunken, schlürfte sie an ihrem Tee, der ihr eine freundliche Bedienung gebracht hatte. Jack war nun fast achtzehn Jahre alt und Amy gerade fünfzehn geworden. Beide in einem Alter, wo Vernunft und Verstand eigentlich nur Worte waren, die aus der Erwachsenenwelt herüberschwappten.

Molly fuhr sich über die Stirn, sie fühlte sich heiß an. Hatte sie Fieber? Oder war es einfach nur die Aufregung, über die Ankunft ihrer Enkel. Natürlich freute sie sich auf ein Wieder sehn mit den Beiden, aber nicht unter diesen Umständen.

Wie sollte sie es schaffen, Jack und Amy Trost und Beistand zugeben, wenn sie selber noch tief in sich trauerte. Molly erschrak, als eine Dame vom Bodenpersonal sie darauf hinwies, dass die Maschine bereits im Landeanflug war.

Sie stellte die Tasse auf dem kleinen Tisch vor ihr ab und folgte der Frau, die sie zum Arrival der Delta Airline brachte. Es dauerte noch etwas, bis die ersten Fluggäste die Gangway verließen, um am Schalter auszuchecken.

Molly reckte ihren Hals, um besser sehen zu können. Sie hielt nach Jack Ausschau, der durch seine Größe eigentlich leicht auffallen müsste. Es dauerte auch nicht lange, da sah sie ihn. Jack hatte seine Baseballmütze tief ins Gesicht gezogen.

Er war ein hochgewachsener junger Mann, der die sportliche Figur seines Vaters geerbt hatte. Molly dagegen war eher zierlich, wie Mollys Tochter Megan eben auch war. Ihre langen, lockigen Haare hatte sie mit einem Tuch zu einem Zopf zusammen gebunden.

An der Hand hatte von Jack war es Amy, die sich unsicher umschaute. Molly winkten den Beiden zu, doch bemerkten sie Molly nicht. Erst als Jack beide auscheckte hob er den Kopf und schaute Richtung Molly.

Ein kleines Lächeln umspielte sein Gesicht, was aber so schnell es kam, auch wieder verschwand. Molly ging langsam auf die Beiden zu, und als Amy sie erblickte, ließ sie alles fallen und rannte in ihre Arme.

Fest schmiegte sich Amy an den Körper ihrer Großmutter und begann zu weinen. Sanft strich Molly über das schwarze Haar ihrer Enkelin. Jack hatte die Sachen von Amy aufgehoben und war nur auch bei Molly eingetroffen.

»Hallo Grandma.«

»Hallo Jack. Und, hattet ihr einen guten Flug?«

»Ja, es ging. Ein paar Turbolenzen, wo sich Amy bald in die Hose machte, aber wir haben es gut durchgestanden.«

»Stimmt doch gar nicht, Jack ist es schlecht geworden, er war jedenfalls um die Nase ganz weiß.«

Molly hatte bemerkt, dass Jacks Ablenkungsmanöver gelungen war. Amy weinte nicht mehr. Stolz zwinkerte ihrem Enkel zu, der für sein Alter doch sehr erwachsen wirkte.

»Kommt Kinder, lass uns eurer Gepäck holen und von hier verschwinden, es ist mir ehrlich gesagt, etwas zu voll.«

Jack nickte und nahm das Handgepäck wieder auf. Das große Gepäck war schnell gefunden und durch die Hilfe eines netten Flughafenangestellten schnell im Auto verladen. Es dauerte auch nicht lange, bis Molly den Bentley wieder auf die Autobahn steuerte.

Die Fahrt verlief eher ruhig. Molly fragte die Kinder zwar ab und zu etwas, doch außer knappen Antworten, kam nichts. Sie hatten bereits die M25 verlassen und befanden sich auf dem Weg nach Brighton.

Molly sah kurz zu Jack hinüber, der in Brighton angekommen hinaus aufs Meer sah, er teilte wohl die gleiche Schwäche für das Meer, wie sie selbst. Auf dem Marine Drive verließen sie Brighton in südlicher Richtung, fuhren an der Küstenstrasse entlang.

Kurz nach dem sie die Stadt verlassen hatten, kamen sie zu einer kleinen Kreuzung, wohin die Strasse zum Cottage abbog. Molly setzte den Blinker und wartete kurz, bis einige Fahrradfahrer die Straße überquert hatten, bevor sie einbog.

Noch immer saßen ihre Enkel still im Wagen, doch Amy begann sich umzuschauen. Jetzt schienen die Erinnerungen an das letzte Weihnachten zurückzukommen. Jack dagegen bewegte sich nicht, saß eher teilnahmslos da.

Oh Herr, steh mir bei, wie sollte ich das nur bewältigen, dachte sich Molly kurz und steuerte langsam aber sicher die Einfahrt zu Cottage an. Sie ließ den Wagen vor dem Haus ausrollen und drehte den Schlüssel herum.

Das satte Brummen, des Motors erstarb. Keine Sekunde später öffnete sich die Haustür und Madge und Hilbert traten heraus. Amy stürmte aus dem :Wagen und rannte auf Madge zu, die sie freudig begrüßte.

Jack schüttelte beiden die Hand und half dann Hilbert das Gepäck aus dem Kofferraum auszuladen.

»Amy wenn du möchtest, kannst du heute Mittag zu Charlotte, sie hat schon nach dir gefragt.«

Das Gesicht des Mädchens erhellte sich ein wenig.

»Gerne Grandma!«

Alle zusammen betraten sie nun das Haus. Molly ließ Jack nicht aus den Augen, der bisher kein Wort mehr gesagt hatte. Wie in allen Cottages standen sie direkt im Livingroom. Hilbert hatte ihm das Gepäck abgenommen und war auf dem Weg nach oben, in die Zimmer der Enkel.

»Wollt ihr euch noch etwas frisch machen, bevor wir essen?«

Molly schaute die beiden an. Madge schaute kurz zu ihr herüber und zuckte mit den Schultern. Dann ging sie zu Amy.

»Komm Amy, wir gehen in dein Zimmer, mal sehen, was du alles in deinen Koffern mitgeschleppt hast.«

Madge nahm Amy an der Hand und zog sie die Treppe hinauf. Nun standen Molly und Jack alleine in mitten der großen Sitzgruppe.

»Sie ist tapfer!«

Molly schaute auf, als ihr Enkel diese Worte gesprochen hatte.

»Und du, wie geht es dir?«

Molly setzte sich in ihren großen Ohrensessel und bat Jack sich neben sie zusetzten.

»Ich kann es dir nicht sagen, Grandma. Die letzten Tage war soviel zu machen, ich musste mich um soviel kümmern und dann noch Amy. Ich hatte überhaupt keine Zeit, mir irgendwelche Gedanken zu machen.«

»Jetzt seid ihr erst einmal hier, da hast du genügend Zeit!«

Traurig schaute Jack in die Augen seiner Großmutter, dann erhob er sich und ging ebenso nach oben. Molly dagegen saß immer noch in ihrem Sessel und dachte angestrengt nach. Sie kannte Jack gut genug, um zu wissen, dass da noch mehr war, als die Trauer.

Sie atmete tief durch und streifte ihren Mantel ab. Sie lief in den hintern Teil des Hauses, wo sich ihr Zimmer befand. Von oben drang ein herzliches Lachen von Amy, sie hatte wohl ihre Katze gefunden, die nun seit einer Woche hier in England weilte.

Es klopfte an ihrer Tür, sie stand auf und öffnete ihre Tür. Jack hatte sich etwas Bequemeres angezogen.

»Kannst du mir sagen wo Tenno ist?«

Jack hatte seinen Hund gesucht.

»Junge, der ist noch beim Tierarzt in Quarantäne, für Hunde herrschen andere Bestimmungen als für Katzen. Aber ich denke Freitag werden wir ihn holen können!«

Jack wich dem Blick seiner Großmutter aus, er wanderte zu Boden. Sie zog ihn ins Zimmer und nahm mit ihm auf ihren Bett Platz.

»Junge, was ist nur mit dir, ich verstehe ja, dass du um deine Eltern trauerst, aber da ist noch etwas anderes?«

»Ich… ich kann da nicht drüber reden.«

Molly wusste, dass sie ihrem Enkel Zeit lassen musste, wenn nötig alle Zeit der Welt. Auf keinen Fall wollte sie ihn zu etwas drängen. Sie nahm ihn in den Arm und saß einfach schweigend neben ihm, während Jack leise vor sich hinweinte.

Es war am späten Abend, die Kinder lagen schon in ihren Betten, als sich Molly in ihren Sessel fallen ließ und sich einen Scotch widmete. Sie starrte auf das Feuer im Kamin.

»Mrs. Lonesdale, brauchen sie noch etwas?«

Hilbert hatte unbemerkt das Zimmer betreten, Molly war ein wenig erschrocken.

»Nein Hilbert, gehen sie ruhig zu Bett, ich werde hier noch etwas sitzen und das Feuer genießen.«

»Gute Nacht, Madam!«

»Gute Nacht, Hilbert!«

Und schon war sie wieder alleine. Ihr Blick fiel wieder auf das Feuer.

»Megan, wie soll ich das nur bewältigen, ich bin zu alt um Kinder zu erziehen!«, sprach sie zu ihrer Tochter, deren Bild auf dem Kaminsims stand, dass eine schwarze Schleife zierte.

»Gut, ich werde es mit allen Mitteln probieren!«

Sie nahm ein kräftigen Schluck aus ihrem Glas und hustete leicht.

»Aber wirf mir bitte nie etwas vor, versäumt zu haben!«

Sie stellte ihr Glas auf dem kleinen Holztisch neben dem Sessel ab und stocherte noch kurz im Kamin. Sie ließ noch einmal einen Blick durch den Raum gleiten, bevor sie langsam in ihr Zimmer ging.

An ihrer Tür hielt Molly inne. Sie drehte sich herum und ging die Treppe hinauf. Leise öffnete sie die Tür von Amys Zimmer. Amy lag ruhig im Bett, hatte ihren Teddybären im Arm.

Molly ging zu ihr hin und deckte sie richtig zu, bevor sie sich kurz hinunterbeugte und Amy einen Kuss auf die Stirn gab. Leise verließ sie das Zimmer wieder und schloss die Tür. Bevor sie bei Jack eintrat lauschte sie kurz vor der Tür.

Dieses Zimmer hatte früher seiner Mutter Megan gehört und wie oft stand sie an dieser Tür und lauschte, ob ihre Tochter schon schlief. Drinnen war nichts zu hören, so betrat sie nun auch Jacks Zimmer.

Die kleine Lampe auf dem Nachtisch brannte noch, aber Jack schien ebenso schon tief zu schlafen. Als Molly ihn zudecken wollte, fiel ihr ein kleines schwarzes Buch auf, wo Jack fast drauf lag.

Sie nahm es vorsichtig an sich und lass auf der Vorderseite. Es war ein Tagebuch. Nein, darin wollte sie nicht lesen, dass waren Jacks eigene Gedanken, dort wollte sich nicht schnüffeln. Also legte sie es leise auf den Tisch.

Jack hatte nur eine Shorts an, Molly dachte noch, hoffentlich erkältet er sich nicht, bevor sie ihn ebenso zudeckte. Sie strich ihm eine schwarze Strähne aus dem Gesicht und streichelte sanft über seine Wange, bevor sie das Licht ausschaltete.

Hatte sie da ein kurzes Lächeln gesehen, Molly wusste es nicht genau, als sie die Tür verschlossen hatte, atmete sie erst einmal tief durch. Was für ein Tag! Dann ging sie wieder die Treppe hinunter um sich endlich ebenso ins Bett zu begeben.

Am nächsten Morgen wurde Molly vom Klingeln des Telefon wach. Müde nahm sie den Hörer ab.

»Ja, Lonesdale.«

»Guten Morgen Mrs. Lonesdale, Dr. Miller lässt ihnen ausrichten, dass sie den Hund schon heute abholen können.«

Und darum ruft diese Frau schon so früh an?

»Ich werde sehen wie ich es einrichten kann.«

»Dann noch einen schönen Morgen, Mrs. Lonesdale.«

»Ihnen auch.«

Immer noch verschlafen ließ sie den Hörer in die Gabel fallen. Mit einem Auge schielte sie zum Wecker. 8:37 Uhr. Molly fuhr hoch, warum hatte sie denn niemand geweckt. Sie richtete sich auf und eilte in ihr Bad.

Wenig später, fertig angezogen kam sie in die Küche, wo Madge schon fleißig dabei war, dass Frühstück vorzubereiten.

»Guten Morgen, Mrs. Lonesdale.«

»Guten Morgen Madge, sind die Kinder schon wach?«

»Amy habe ich kurz gesehen, aber von Jack habe ich noch nichts gehört.«

Molly nahm einen kräftigen Schluck ihres Kaffees.

»Gut, ich werde selber nach ihnen sehen.«

Schweren Herzens stellte sie ihre Tasse ab, denn die erste Tasse am Morgen war für sie das Wichtigste. Sie dachte sich sowieso, dass sie einige Prioritäten ändern musste, jetzt wo die Kinder bei ihr lebten.

Irgendwann mussten die Kinder auch wieder in die Schule. Ein Privatlehrer wäre zwar praktisch gewesen, aber Molly wollte, dass die Kinder ganz normal aufwachsen, in den Staaten hatten sie ja auch öffentliche Schulen besucht.

Im Gedanken lief sie die Treppe hinauf. Aus Amys Zimmer drang recht laut Musik. Molly blieb kurz stehen. Die Tür von Jack wurde aufgerissen.

»Amy, stell dein Gedudel leiser!«

Molly bewunderte Jacks starke Stimme aber er schien sie auf der Treppe nicht zu bemerken. Amy reagierte nicht, wie denn auch, bei der Lautstärke. Jack lief zu Amy und ohne Vorwarnung stürmte er in ihr Zimmer. Wenige Sekunden später konnte Molly die Beiden ordentlich streiten hören.

Mit einem Lächeln im Gesicht erreichte sie nun das obere Stockwerk. Nun konnte sie die Kinder auch verstehen. Jack hatte seine Lautstärke beibehalten.

»Amy bist du verrückt, wir sind nicht mehr zu Hause.«

»Du hast mir gar nichts zu sagen, du bist nicht Dad!«

»Es ist egal wer ich bin, wenn ich sage, mach die Musik leiser, dann hast du sie leiser zumachen!«

»Du schwule Sau hast mir gar nichts zu sagen!«

Molly hörte ein Klatschen und wenig später kam Jack aus Amys Zimmer gerannt. Erschrocken blieb er vor Molly stehen. Dann rannte er wortlos in sein Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu.

Vom Lärm angelockt, standen Madge und Hilbert am Fuß der Treppe. Molly schaute zu ihnen hinunter und zuckte mit den Schultern. Sie beschloss als erstes zu Amy zu gehen. Als sie an die offne Tür trat, fand sie Amy auf ihrem Bett vor.

Sie hielt sich die Wange, also hatte Molly richtig vermutet und Jack hatte seiner Schwester eine Ohrfeige gegeben. Molly blieb in der Tür stehen und Amy sah auf. Sie konnte in Amys Augen Wut sehen.

»Was ist denn los?«, fragte Molly.

»Dieses Arschloch meint mich herum kommandieren zu können.«

»Amy, nicht diese Ausdrücke in meinem Haus!«

»Verzeih Grandma, aber Jack benimmt sich so komisch seit er…«

Amy war verstummt, schaute zu Boden.

»Was? Seit wann Jack was?«

Amy schwieg, schaute weiter stur zu Boden. Molly ging zu ihr hin und setzte sich neben sie aufs Bett.

»Kind, für Jack ist es genauso schwer, wie für dich. Der Tod eurer Eltern verkraftet er genauso wenig wie du.«

»Das habe ich auch nicht gemeint.«

Amy war kleinlaut geworden und noch immer schaute sie Molly nicht an.

»Zieh dich fertig an, Madge hat für uns ein schönes Frühstück gerichtet!«

Amy nickte und so ließ Molly sie wieder alleine. Vor Jacks Tür blieb sie stehen, lauschte, aber von drinnen war nichts zu hören. Sie klopfte, aber auch dann kam kein Laut aus dem Zimmer.

Sie öffnete leise die Tür und streckte den Kopf ins Zimmer. Jack lag auf seinem Bett, sein Gesicht im Kopfkissen vergraben. Molly konnte ein leises wimmern hören. Sie setzte sich neben ihm aufs Bett und kraulte seine Haare.

Jack fuhr zusammen, denn anscheinend hatte er Molly nicht gehört.

»Warum bist du hier, mit mir will doch eh niemand mehr etwas zu tun haben!«

Molly erstarrte bei diesen Worten von Jack und zog ihre Hand zurück.

»Und warum bitte schon, sollte ich nichts mehr mit dir zu tun haben wollen?«, fragte nun Molly.

Jack hob sein Kopf an und schaute ihr direkt ins Gesicht. Seine Augen waren gerötet vom Weinen.

»Amy hat dir doch bestimmt schon alles erzählt«, kam es trotzig von ihm.

»Sie hat überhaupt nichts gesagt! Was ist nur los mit euch beiden?«

Jack vergrub wieder sein Gesicht in seinem Kissen und begann zu schluchzen. Molly wusste nicht wie sie an Jack heran kommen sollte. Früher, wenn er in den Ferien bei ihr war, konnten sie sich alles erzählen.

»Jack, du ziehst dich bitte an, du fährst mit mir wohin!«

Jack nickte und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Molly war aufgestanden und bereits auf dem Weg nach unten in die Küche.

»Madge?«

»Ja, Mrs. Lonesdale?«

»Wärst du so nett und würdest dich etwas um Amy kümmern, ich möchte mit Jack kurz wegfahren.«

»Und ihr Frühstück?«

»Das werde ich heute wohl ausfallen lassen müssen, Jack geht vor. Hilbert soll den Wagen bitte vorfahren!«

»Ich werde ihm gleich Bescheid geben«

Molly ging nach hinten in ihr Zimmer. Aus dem Schrank zog sie eine dicke Jacke, denn es war draußen noch Recht frisch. Aus der Schublade der alten Kommode zog sie ein Tuch, dass sie sich um den Hals band.

Als sie ihr Zimmer verließ, kam Jack gerade die Treppe herunter gelaufen. Unsicher schaute er seine Großmutter an.

»Komm, schau nicht so, dass wird dir gefallen!«

Jacks unsicherer Blick blieb.

»Madge sage doch bitte Amy, wir sind in ungefähr zwei Stunden zurück!«

»Werde ich machen, Mrs. Lonesdale.«

Molly griff nach ihren Schlüsseln und schaute Jack an, der sich dann langsam zur Haustür bewegte. Draußen angekommen, wollte Hilbert gerade den Bentley aus der Garage holen.

»Hilbert, ich bräuchte den Landrover!«

Er nickte und setzte sich hinter das Steuer.

»Was hast du vor, Grandma?«

»Lass dich überraschen, Junge!«

Hilbert ließ den Landrover vor Molly ausrollen und stieg aus.

»In zwei Stunden werden wir ungefähr wieder da sein, Hilbert!«

Molly setzte sich nun an das Steuer und wartete bis Jack eingestiegen war. Langsam zog der Wagen aus dem Hof zur Ausfahrt. Das tiefe Murren des Motors zeigte, dass er noch kalt war. Molly schaute auf die Straße und als kein Auto mehr vorbei fuhr, zog sie mit dem Landrover auf die Strasse.

Sie überlegte, ob sie den Radio anschalten sollte, ließ es aber dann, denn Jack schaute geistesabwesend nach draußen. Schnell hatten sie die Innenstadt erreicht. Molly suchte nach einem günstigen Parkplatz.

Neben der Kirche fand sie schließlich eine Platz. Souverän lenkte sie den schweren Wagen in die Parklücke und stellte den Motor aus. Jack sah sie fragend an.

»Komm einfach mit!«

Als Jack den Wagen ebenso verlassen hatte, schloss Molly ab und hängte sich bei Jack unter. Sie führte in über die Strasse, zur der kleinen Gasse, wo sich ihr Ziel befand. Als Jack, das Türschild „Tierarzt“ lass, begann sein Gesicht zu strahlen.

»Wir gehen zu Tenno?«

»Noch besser Jack, wir nehmen ihn mit nach Hause.«

Nun strahlte der Junge über das ganze Gesicht, als sie die Praxis betraten. Molly wollte recht zügig die bürokratischen Notwendigkeiten hinter sich bringen, damit Jack seinen Hund bekam.

Eine halbe Stunde später verließ Jack stolz die Praxis mit Tenno an der Leine.

»Was hältst du, von einem Sparziergang an der Küste, ich meine Tenno würde der Auslauf bestimmt gut tun.«

»Klar Grandma, da sind wir dabei!«

Jack ließ denn in den Kofferraum des Land Rovers springen. Bevor er sich vorne zu Molly setzte. Schnell hatten sie die Stadt verlassen und fuhren Richtung Peaceheaven. An einem Seitenweg ließ Molly den Wagen stehen um mit Jack den kleinen Pfad zur Küste zu laufen.

Sie war froh, dass sie ihre dicke Jacke anhatte. Eine starke Brise vom Meer her umwehte sie. Jack hatte Tenno von der Leine gelassen, der nun wie ein Wilder vor ihnen her rannte.

»So mein Junge, hier sind wir alleine, hier stört uns keiner!«

Jack wusste sofort, was Molly damit meinte, er schaute zu Boden und lief weiter neben ihr her.

»Ist es so schwer, du hast mir doch sonst immer alles anvertraut.«

»Ich habe Angst davor, wie du reagierst.«

»Wieso Angst wie ich reagiere, was ist so schlimmes daran, über dass du so schweigst.«

»Dad ist ausgerastet, als ich ihm dass erzählte.«

»Inwiefern?«

»Er hat mir eine heruntergehauen.«

Jack war sehr leise geworden.

»Und dann?«

Molly schaute ihre Enkel ein wenig entsetzt an. Sie sah wie seine Augen wieder feucht wurden.

»Ich weiß es nicht, er ist mit Mum in den Wagen gestiegen und zur Arbeit gefahren… dann…«

Nun ging Molly ein Licht auf, glaubte der Junge etwa, er wäre schuld am Tod seiner Eltern. Sie blieb vor ihm stehen und legte ihre Hand auf seine Schulter.

»Jack schau mich bitte an!«

Sachte hob Jack seinen Kopf, die Tränen rannen ihm über die Wangen.

»Ich sage dir das nur einmal! Du bist nicht schuld am Tod deiner Eltern, dein Vater hätte niemals diesem Lastwagen ausweichen können, ob er nun sauer auf dich war oder nicht, verstehst du?«

Jack schien es zu begreifen, aber sein Gesichtsausdruck änderte sich nicht.

»Was hast du deinem Dad erzählt?«

Jack schluckte und Molly bemerkte, wie sehr er mit sich kämpfte.

»Jack ich verspreche dir, ich werde nicht so wie dein Vater handeln, von mir bekommst du keine Ohrfeige, egal, was du mir jetzt erzählen willst!«

Jack schaute zu Tenno, der mit einem Stück Holz spielte, dass er gefunden hatte.

»Können wir weiter laufen?«, fragte Jack.

Molly war ratlos. Warum nur war der Junge so verstockt, so in sich gekehrt? Was war so schlimmes passiert, dass es ihm schwer viel, mit ihr darüber zu reden. Alles Mögliche kam ihr in den Sinn, aber verwarf es gleich wieder.

Sie lief wie Jack schweigend hinter Tenno her. Molly bemerkte, dass Jack mit sich kämpfte. Er wollte etwas sagen, aber wusste anscheinend nicht wie. Sie dagegen wusste auch nicht, wie sie ihm helfen konnte.

So entschied Molly sich einfach weiter neben Jack her zulaufen.

»Es hat alles vor einem Jahr angefangen«, stammelte Jack plötzlich, ohne aber in Mollys Richtung zu schauen.

»Ich habe dir doch erzählt, dass ich bei der Schulzeitung mitmache, Artikel schreibe und ab und wann auch mal sogar Interviews mache.«

Molly nickte kurz, war sich aber nicht sicher, ob Jack das war genommen hatte.

»Na ja, da habe ich Matthew kennen gelernt, er war eine Stufe über mir. Am Anfang sind wir ja noch oft an einander geraten, dachte echt, er ist sowas von eingebildet. Aber dann kam die Party von Jane.«

»Was ist auf der Party passiert?«

»Es ist nicht direkt etwas passiert, nur an dem Abend wurde mir etwas klar, und das veränderte meine Beziehung zu Matthew.«

»Ich kann dir gerade nicht ganz folgen, Junge.«

»Grandma, dass ist auch nicht ganz so leicht!«

»Das habe ich bemerkt, aber Jack, ich bin nicht böse auf dich, wenn du mir nichts erzählen willst, lass dir Zeit!«

»Ich will es ja erzählen, aber ich weiß nicht wie… wie ich anfangen soll…«

»Dann fang mit der Party an, was ist dir dort bewusst geworden?«

»Janes Partys sind berühmt dafür, dass sie lustig und aufregend sind. Sie hat bis jetzt immer etwas Neues organisiert, worauf keiner gefasst war. Diesmal hatte sie ein paar junge Stripper angeschleppt.«

»War sicher ein Spaß für die Mädchen, oder?«

»Klar, aber nicht nur für die!«

Molly verstand nicht ganz, wollte aber nichts sagen.

»Ich hatte mir etwas zu trinken geholt, als die Show schon im Gange war. Als ich dann zurückkam, sah ich eben Matthew draußen auf der Terrasse an einen Pfosten gelehnt. Er war alleine und ich wunderte mich wieso. Also beschloss ich, zu ihm zu gehen.«

Der Wind wurde stärke und Molly zog ihren Kragen noch höher, lauschte aber gespannt Jacks Worten.

»Als ich bei ihm ankam, stellte ich fest, dass er Tränen in den Augen hatte. Der Obermacho – Großkotz in Person weinte und plötzlich tat er mir leid. Vorsichtig hatte ich ihn angesprochen und er erschrak fürchterlich, so dass er sein Glas fallen ließ. Ich sah direkt in seine verweinte Augen und bekam das Bedürfnis, ihn in meinen Arm zu nehmen.«

»Das ist doch etwas ganz Normales, wenn man jemand trösten will!«, meinte Molly.

»Du verstehst nicht Grandma… als ich in die Augen von Matthew geschaut habe, da brach plötzlich eine Welt über mir zusammen. Dinge die ich bis dahin verdrängt hatte, aberwitzig fand, tauchten plötzlich in meinem Kopf wieder auf.«

Molly war wieder stehen geblieben und schaute auf Jack. Dieser drehte sich nun um und schaute seiner Großmutter in die Augen.

»Da war ein Gefühl, Grandma, das ich bisher noch nicht kannte, dass ich noch nie so gefühlt hatte, so intensiv!«

»Du sprichst von Liebe?«

»Ja, aber da stand Matthew vor mir, nicht ein Mädchen dass ich kannte.«

»Na und, was ist so schlimm dabei?«

Jack schüttelte den Kopf und sah wieder zu Boden, er fühlte sich so unverstanden.

«Ich verstehe nicht, warum du dich so quälst, weil du einen Jungen liebst.«

In Jacks Kopf machte es Klick, was hatte Grandma da gerade gesagt?

»Du weißt, was das heißt, Grandma… ich bin schwul!«

»Ja und?«

Jack schaute Molly fassungslos an, er konnte sich nicht vorstellen, dass sie begriff, was er ihr gerade versuchte zu erklären. Oder war sie so aufgeklärt?

»Jack, für mich ist es nichts abnormes, wenn ein Mann einen Mann liebt. Es wird geliebt und dass ist doch die Hauptsache, oder?«

»Dir macht das also nichts aus, das ich auf Jungs stehe?«

»Nein Jack, wieso sollte es?«

Jack atmete kurz durch und schaute auf die stürmische See hinaus.

»Dad dachte aber so…«

»Das ist jetzt etwas, was ich überhaupt nicht verstehe, so kannte ich James überhaupt nicht, er war doch immer so aufgeklärt und tolerant.«

»In meinem Fall nicht, sonst hätte er mir keine heruntergehauen!«

Molly zog Jack zu sich und nahm ihn in den Arm.

»Alles wird gut Jack, glaube mir, du hast eine starke Verbündete auf deiner Seite!«

Jack löste sich von ihr und strahlte. Das war nun schon das zweite Lächeln, was Jack ihr heute schenkte.

»Wir müssen zurück, die Anderen warten bestimmt schon!«, sagte Molly.

Jack pfiff kurz und Tenno kam angerannt.

»Und was ist jetzt aus Matthew und dir geworden?«

»Nichts, ich hatte mich nur in ihn verguckt, er war aber völlig den Mädchen verfallen.«

»Und hast du einen Freund?«

»Ich weiß es nicht.«

»Wie du weißt es nicht, du musst doch wissen, ob du einen Freund hast.«

Jack schaute seine Großmutter von der Seite an.

»Ich habe da jemand kennen gelernt… ja ich hab mich auch in ihn verliebt, aber ich weiß nicht, was er für mich fühlt, wir haben dieses Thema immer ausgeschwiegen.«

»Warum? War es euch peinlich?«

»Grandma, ich kann doch nicht einfach hingehen und sagen, du ich liebe dich, du mich auch?«

»Warum nicht?«, meinte Molly und begann herzhaft zu lachen.

»Was ist?«

Molly beruhigte sich wieder und schaute jetzt ebenso hinaus aufs Meer, beobachtete die Wellen, deren Kronen schäumten.

»Die Liebe ist kompliziert, Junge, dennoch das Schönste auf der Welt was es gibt!«

»Wem sagst du das!?«

»Willst du ihn wieder sehen?«

»Jason?«, kam es von Jack.

»Jason heißt er also und wie sieht er aus?«

Jack zog aus seiner Hosentasche seinen Geldbeutel hervor und suchte etwas. Es schien es gefunden zu haben, denn er hielt seiner Großmutter ein Bild unter die Nase.

»Hola, der ist ja wirklich ein süßer Kerl, Geschmack hast du, dass muss ich dir lassen!«

Jack errötete ein wenig, was bei Molly einen weiteren Heiterkeitsausbruch auslöste. Er steckte das Bild zurück und zog einen weißen Briefumschlag heraus.

»Das hat er mir bei unserem letzten Treffen gegeben.«

»Und was steht drin?«

»Weiß ich nicht.«

»Weißt du denn überhaupt was?«

»Oh Grandma, ich hab mir bisher noch nicht getraut diesen Brief zu öffnen!«

Jack schien ärgerlich zu sein.

»Soll ich das für dich tun?«

Jack überlegte kurz, bevor er den Brief seiner Großmutter reichte. Molly nahm ihn entgegen und riss das Couvert auf. Ein weitere Fotografie fiel zu Boden, die Jack sofort aufhob. Jason, der auf einer Schaukel saß und herzhaft lachte.

Molly faltete das Papier auf und begann laut zu lesen.

Lieber Jack!

Nun bist du weg und für immer unerreichbar für mich. Ich fühle mich so schlecht und auch verlogen. Warum, fragst du? Weil ich mich nie traute, dir die Wahrheit zu sagen. Ich kann ein weiteres Fragezeichen auf deiner Stirn erkennen.

Mensch Jack, ist dir nie in den Sinn gekommen, dass ich mich in dich verliebt habe. Du bist der süßeste Junge, der mir je über den Weg gelaufen ist. Deine Art, wie du mit deinen Mitmenschen umgehst, wie du perfekt jede Situation meisterst, sei sie auch noch so verfahren… ich liebe es!

Jede Sekunde, die ich mit dir zusammen sein durfte habe ich genossen. Jede Sekunde… die mich nun von dir trennt, quält mich. Aber was soll ich machen, es ist aus und vorbei, ich habe jede Möglichkeit, dir die Wahrheit zu sagen, verstreichen lassen.

Aus Angst du würdest mich auslachen, es lächerlich finden, was ich für dich empfinde, deshalb habe ich geschwiegen. Ich wollte nicht die gerade entstandene Freundschaft zerstören, durch wirre Gedanken in meinem Kopf.

Wenn du diesen Brief liest, bist du sicherlich schon meilenweit weg von hier und es ist vielleicht besser so, denn ich könnte es nicht ertragen, wenn ich wüsste, du wolltest jetzt nichts mehr mit mir zu haben, nur… nur weil ich Anders bin!

Ich hoffe du wirst glücklich in England, findest dass, nach dem du dich sehnst. Ich wünsche dir alles Glück dabei.

Dein Freund Jason

in dessen Herz du immer ein Platz haben wirst!

Jack stand da, wie eine Salzsäule und weinte.

»Warum habe ich alles nur vermasselt?«

»Jack, nichts hast du vermasselt, rede nicht so!«

»Es tut do weh, wie viel soll ich noch ertragen, wie viele soll ich noch verlieren?«

Jack ging zu Boden, fiel auf seine Knie und schluchzte tief. Molly streichelte sanft durch sein wirres Haar.

»Junge, es ist doch noch nichts verloren!«

Jack schaute auf, denn er verstand seine Großmutter nicht.

»Meinst du nicht, wir könnten da nichts daran ändern, dass du und Jason getrennt seid?«

»Grandma, er ist in den Staaten, da kann man nicht mal kurz herüberfliegen, als würde man den Nachbarn zum Kaffee besuchen.«

»Junge, ich bin nicht von gestern!«

Dies hörte sich schon fast wie ein Vorwurf Mollys an, aber Jack wusste, dass seine Großmutter nicht böse, denn sie lächelte ihn an. Molly legte ihren Arm um Jacks Hüfte und zog ihn Richtung Auto.

Weniger später waren sie auf der Strasse na Brighton. Jack hielt den Brief von Jason in der Hand und lass ihn immer wieder. Dicke Tränen tropften herunter. Ruhig lenkte Molly in die Einfahrt zum Cottage.

Die Tür wurde geöffnet und Amy trat heraus. Ihr erster Blick fiel auf ihren Bruder und sah danach verwundert Molly an, die ebenso den Wagen verlassen hatte. Als Amy etwas sagen wollte, schüttelte Molly ihren Kopf und Amy blieb stumm.

Fast mechanisch lief Jack an das Heck des Landrovers und öffnete die Klappe, so dass Tenno herausspringen konnte.

»Tenno alter Junge!«, rief Amy.

Tenno sprang auf sie zu und sie nahm ihn freudig in Empfang. Jack, der kurz dem Schauspiel Beachtung geschenkt hatte, schloss den Wagen wieder. Hilflos schaute er seine Großmutter an.

»Amy, hast du schon gefrühstückt?«, fragte Molly ihre Enkelin, in der Hoffnung diese Frage bejaht zu bekommen.

»Ja, Madge war so freundlich und hat sich etwas zu mir gesetzt.«

»Kümmerst du dich um Tenno, dann kann ich mit Jack auch noch ein Wenig frühstücken.«

Amy nickte und lief mit Tenno ins Haus.

»Komm Jack, Kopf hoch! Gemeinsam finden wir ein weg.

2.

Molly fand Jack in seinem Zimmer vor. Er war damit beschäftigt seine Sachen einzuräumen.

»Jack hör mal, mir ist da etwas eingefallen, ich wollte das aber mit dir bereden.«

Jack ließ sich auf seinen Stuhl fallen und sah seine Großmutter erwartungsvoll an.

»Als ich zugesagt hatte, die Vormundschaft für euch zu übernehmen, war mir noch nicht klar, was alles auf mich zu kommen würde.«

Jack schien diese Worte falsch zu verstehen, Molly bemerkte den traurigen Blick in seinen Augen. Sie setzte sich neben ihn auf sein Bett.

»Nein Jack, so habe ich das nicht gemeint. Ich meinte damit, dass mir nicht klar war, dass du vielleicht mehr Freiheit brauchen könntest und nicht so dich bei der Schwester bist.«

»Ich soll wieder ausziehen?«

»Nein Jack! Du kennst doch mein Haus, und mir fiel ein, dass über der Garage, sich doch die kleine Wohnung von den Simons befindet. Simons, er war früher Gärtner hier.«

Jack nickte, ich schien es wieder eingefallen zu sein.

»Na ja und ich dachte, sie steht jetzt schon seit Jahren leer, etwas umgebaut, und sie würde eine schöne Bleibe für dich werden!«

»Ist das dein Ernst?«

»Klar, sonst würde ich dir doch diesen Vorschlag überhaupt nicht machen. Einer der Wände der Wohnung, grenzt hier oben an den Flur. Wir könnten einen Durchbruch schaffen, für einen Eingang, so müsstest du nicht jedes Mal das Haus verlassen um in deine Wohnung zu kommen.«

»Und wo ist der Haken?«

Jack sah seine Großmutter ungläubig an.

»Nirgends mein Junge. Seit unserem Gespräch heute morgen, ist mir eben viel durch den Kopf gegangen und ich dachte nur, du brauchst viel mehr Freiheit.«

Der Junge saß stumm auf seinem Stuhl. Sein Hirn schien auf Hochtouren zu laufen.

»Amy könnte dieses Zimmer dann mitbenutzen«, kam es von Jack.

»Genau! Also einverstanden mit der Idee?«

»Klar!«

Ein breites Lächeln zierte Jacks Gesicht

»Und wann fangen wir an?«, fragte er.

»In ungefähr einer Stunde, da kommt nämlich ein Innenarchitekt!«

»Grandma, du bist Weltklasse!«

»Wollen wir gleich mal rüber gehen?«

»Okay!«

Als Jack seiner Großmuter folgte, hielt er plötzlich mitten auf der Treppe nach unten inne.

»Was ist?«

»Glaubst du nicht Amy meint, du bevorzugst mich?«

»Das glaube ich nicht, denn ich habe bereits mit ihr gesprochen und sie freut sich riesig auf ihr zweites Zimmer!«

»Das hätte ich mir eigentlich denken können«, meinte Jack mit einem Kopfschütteln.

Molly holte noch schnell die Schlüssel und schon waren sie draußen auf dem Hof. Eine schmale Treppe führte neben der Garage, hinauf zur Eingangstür. Mit Elan nahm Molly die Stufen und schloss die Tür auf.

Jack fiel ein, dass er eigentlich noch nie hier war. Genau schaute er sich alles an. Das Wohnzimmer war riesig und im Verbund mit der kleinen Küche, deren alten Möbel noch immer standen, der Hauptteil der Wohnung.

Molly schob Jack zu der einen Tür und öffnete sie. Ein weiteres Zimmer mit kleinem Balkon tat sich vor ihnen auf.

»Ist da ein Bad drin?«, fragte Jack und wies auf einer der zwei Türen, die noch von diesem Zimmer ausgingen.

»Das eine ist das Bad, die andere Tür führt in eine Kammer«, antwortete Molly und öffnete eine davon.

Jack fiel gleich die alte Gusswanne die im Eck stand.

»Die würde ich gerne behalten, die gefällt mir!«

»Du hast eine guten Geschmack!«

Molly zauberte plötzlich eine Stift und einen Block hervor.

»Und noch irgendwelche Wünsche für dein Bad?«

»Ich weiß nicht ob das passt, wenn man hier trotzdem eine Dusche einbauen würde.«

»Klar Junge, es geht alles, es muss nur richtig entworfen werden.«

»Alles in weiß?«

Molly nickte und machte sich Notizen. Als nächstes betraten sie die kleine Kammer.

»Genügend Platz für meine Klamotten!«

»Also ein begehbarer Kleiderschrank!«, notierte sich Molly.

Da das vorgelagerte Zimmer recht klein war, fand sie die Idee gut, denn ein Schrank in dem Zimmer hätte es unnötig verkleinert. Noch ganze zwei Stunden, waren die beiden damit beschäftigt, sich Dinge auszudenken, als Amy an der Eingangstür auftauchte.

»Grandma, Jack? Hier ist ein Mann der zu euch will.«

Molly schaute zur Wohnungstür und ein Lächeln überzog ihr Gesicht.

»Horris, schön sie zu sehen! Danke, dass sie es einrichten konnten, hier vorbei zuschauen.«

»Mrs. Lonesdale, es ist mir eine Ehre etwas in ihrem Haus zu ändern!«

Amy war an den beiden vorbeigegangen und gesellte sich zu ihrem Bruder.

»Danke, dass du mir die zweite Etage überlässt, aber wie ich sehe, ist es für dich auch kein schlechter Tausch.«

Vergessen schien wohl der Krach vom Morgen, beide grinsten sich an.

»Und dir macht es wirklich nichts aus, wenn ich hier rüber ziehe?«, fragte Jack.

»Nein Jack, du bist ja nicht weit weg. Ich freu mich ehrlich für dich.«

Jack bemerkte eine Unsicherheit bei seiner Schwester, die er aber nicht zuordnen konnte. Er zog sie in den Raum, den er als Schlafzimmer nutzen wollte, Amys neugierige Blicke wunderte ihn nicht.

»Was ist los?«, fragte er seine Schwester.

Amy druckste herum, lief zur Balkontür.

»Wegen heute morgen…, Jack es tut mir leid, ich hätte dass nicht sagen dürfen…«

»Schon gut…«

»Nein Jack, ich weiß wie Dad darauf reagiert hat.«

Jack zuckte innerlich zusammen, noch zu frisch waren die Erinnerungen an diesen Morgen.

»Ich will nicht, dass dir vielleicht, dass Gleiche mit Grandma passiert!«

»Was passiert mit mir?«

Molly war mit diesem Mann den beiden gefolgt und stand nun mitten im Zimmer. Amy wurde rot und wollte etwas sagen, aber Jack kam ihr zuvor.

»Keine Sorge Amy, sie weiß es, ich habe es ihr erzählt, Aber darüber sprechen wir später weiter, jetzt haben wir etwas Wichtigeres zu tun!«

Den ganzen Abend noch saßen Amy und Jack beieinander und hatten ihre Köpfe zusammengestreckt. Dieser Horris hatte jede Menge Musterkataloge dabei, mit Tapeten Vorhängen und auch Möbeln.

Molly schaute erschrocken auf, als Amy vor Lachen einmal vom Stuhl fiel. Es stellte sich heraus, dass Jacks Geschmack für Himmelbetten der Grund dafür war. Das Bett was er sich herausgesucht hatte, war einfach zuviel für Amys Lachmuskeln.

Zwei unbeschwerte und fröhliche Tage folgten, wo die Beiden es fertig brachten, die komplette Ausstattung auszusuchen. Am Freitag hatte das Ganze ein jähes Ende.

Molly saß am Frühstückstisch, nippte gedankenverloren an ihrer Tasse, als Jack die Küche betrat. Der erste Gedanke der Molly kam, war, dass Jack in seinem schwarzen Anzug richtig fesch aussah.

Der Anlass für diese Maskerade war aber eher deprimierend. Heute am frühen Mittag sollten Megan und James auf dem örtlichen Friedhof beigesetzt werden. Am Morgen war Hilbert losgefahren, sich um den Verbleib der Särge zu kümmern.

Madge hatte alle Hände damit zu tun, die Gäste, die sich angemeldet hatten, in Hotels unterzubringen. Es waren hauptsächlich Freunde, die von den Staaten kamen. Sie hatten es sich nicht nehmen lassen, Megan und ihrem Mann das letzte Geleit zu geben.

Schweigend hatte sich Jack neben seiner Grandma niedergelassen. Er starrte zum Fenster, als Madge den Kopf durch die Tür steckte.

»Madam, könnten sie kurz zu Amy raufkommen?«

»Ja Madge, klar!«

Jack rührte weiter lustlos in seiner Tasse herum. Immer wieder kam ihm der Streit mit seinem Vater vor sein geistiges Auge. Jedes Mal spürte er erneut den Schmerz, der die Ohrfeige seines Vaters auslöste, aber auch den Stich im herz, als wäre etwas gebrochen, als hätte Jack etwas verloren. Die Liebe seines Vaters, nach der er sich jetzt so sehr sehnte.

Molly kam mit Amy zurück, der Augen genauso rot vom Weinen waren, wie die ihres Bruders. Molly nahm von jedem eine Hand in die Ihrigen.

»Kinder ich weiß, dass was euch heute bevorsteht, wird dass schwerste sein, was ihr je gemacht habt. Aber vergesst nie! Ihr zwei seid nicht alleine! Ich werde euch unterstützen so gut ich kann, soviel ich kann!«

»Danke Grandma!«, meinte Amy und umarmte ihre Großmutter, Jack dagegen nickte nur und starrte weiter in seine Kaffeetasse.

Gegen Mittag wurden die Drei von Hilbert zu dem nahen Friedhof gefahren. Schon bei Eintritt in die Kapelle, fühlte sich Jack unwohl, irgendetwas war hier, was nicht stimmte. Er folgte seiner Großmutter und Amy nahm neben ihnen auf der vordersten Bank Platz.

Jack ließ seinen Blick schweifen. Vereinzelt erkannte er Nachbarn von seiner Großmutter, die meisten der Besucher erkannte er aber nicht. Der Gottesdienst begann und Molly versuchte Fassung zu wahren.

Was der Pastor da vorne erzählte, dem konnte Jack nicht Recht folgen. Er hörte Dinge über seine Mutter, auch seinem Vater, die er nicht wusste. Danach stand verschiedene Personen vorne am Pult und erzählten ebenso Dinge über seine Eltern.

Von dieser Seite, hatte Jack seine Eltern nie kennen gelernt. Das Bild im Kopf von seinem Vater passte nicht zu dem, was das gesagt wurde. Jack wurde dadurch nur noch verwirrter. Nur noch spärlich drang seine Umwelt an ihn, zu tief war er versunken in seiner Gedankenwelt.

Er war erst wieder richtig bei sich, als er mit Amy und seiner Großmutter vor dem großen Familiengrab der Lonesdales stand. Irgendein Lied wurde gesungen und dabei der erste Sarg hinab gelassen.

Jack konnte Amy wimmern hören, er selbst kämpfte mit den Tränen. Wer lag jetzt im welchen Sarg? Wer wurde jetzt hinunter gelassen? Was sollte er ohne Eltern anfangen, konnte er für Amy immer da sein?

Er fühlte sich so schrecklich alleine, verlassen! Ihm war kalt, er zitterte am ganzen Körper. Um Jack herum begann sich alles zu drehen, zuviel war die Gedankenflut, die ihn umspülte. Plötzlich wurde alles schwarz.

Molly erschrak, als Jack einfach neben ihr zusammen fiel. Nur mit Mühe konnte sie ihn halten, bevor Hilbert angesprungen kam und ihr half.

»Holt doch jemand mal den Arzt!«, schrie Molly.

Amy stand neben ihr und war fassungslos. Der Küster kam und nahm Jack auf den Arm und trug ihn zur Kapelle zurück. Molly und Amy folgten ihm. Die Frau des Küsters kam mit einer Decke und weil es nichts anderes gab in der Kapelle als Bänke, wurde Jack einfach auf einen Tisch gelegt, der neben dem Eingang stand.

Molly deckte ihn zu und strich ihm zärtlich über sein Haar. Sie kämpfte mit den Tränen, wollte aber nicht vor Amy weinen, die völlig aufgelöst neben ihr stand. Es dauerte nicht lange und ein Arzt kam herein gestürzt.

Er untersuchte Jack kurz, überprüfte seinen Puls.

»Was ist denn mit ihm?«,fragte Amy ängstlich.

»Keine Sorge, der junge Mann hat sich nur überanstrengt. Besteht die Möglichkeit, ihn nach Hause zu bringen?«, fragte der Arzt.

Molly nickte und gemeinsam mit dem Küster und dem Arzt, verfrachtete sie Jack in den Bentley.

»Und die Beerdigung?«, fragte Amy.

Molly schaute ihre Enkelin an und nahm sie in den Arm.

»Kind, es tut mir leid, aber Jack ist nun wichtiger!«

Madge war an den Wagen heran getreten.

»Madam, wenn Amy möchte, bleibe ich mit ihr hier.«

Molly schaute erst zu Madge, dann zu Amy, die ihr zu nickte.

»Gut! Ich werde den Wagen zurückschicken, sobald Jack im Bett liegt. Dir ist das wirklich nicht zuviel, Amy?«

»Nein Grandma, kümmere dich bitte um Jack.«

Molly kam sich auf einmal hilflos vor. Sie setzte sich zu Jack in den hinteren Teil des Wagens und nahm sein Kopf auf dem Schoss. Madge und Amy liefen zur Grabstätte zurück. Eine einzelne Träne lief über Mollys Wange.

Es war mühsam, Jack die Treppe hoch in sein Zimmer zu schaffen. Hilbert half Molly den Jungen zu entkleiden, während der Arzt eine Spritze aufzog. Jack blinzelte kurz, aus seinem Mund drang ein Stöhnen.

»Jack, ist alles klar?«

Jack öffnete langsam die Augen und sah verschwommen, mehrere Gesichter vor sich.

»Sag doch etwas!«

Seine Zunge war wie ausgetrocknet, sein Hals kratze, sein ganzer Körper fühlte sich so matt an. Er spürte einen kurzen Stich am Arm, wollte sich beschweren, war aber zu kraftlos, um überhaupt irgendetwas zu tun.

»Er wird erst mal lange schlafen, dann geht es ihm wieder besser. Ich werde morgen noch einmal vorbeischauen, wie es mit seinem Kreislauf steht, aber ich denke, so jung wie ihr Enkel ist, wird er das schon verkraftet.«

»Danke Doc!«

Jack nahm alles nur gedämpft war und irgendwie wurde er jetzt unheimlich müde. Es dauerte nicht lange und er war eingeschlafen. Wenig später saß Molly wieder im Wagen und fuhr zurück zum Friedhof.

Hilbert hatte sie schweren Herzens bei Jack gelassen, sie wäre lieber selbst bei ihm geblieben, aber sie hatte noch eine andere Pflicht zu erfüllen. Als sie am Friedhof eintraf, waren die Anderen bereits am Gehen.

Sie nahm die Beileidsbekundungen entgegen und lief dann selbst zur Grabstelle. Dort standen noch ein paar wenige Menschen, bei Madge und Amy. Verbittert nahm Molly zur Kenntnis, dass das Grab bereits zu geschaufelt war.

Sie hielt kurz inne, sah sich die Blumen und Kränze an, die auf dem Grab verteilt lagen. Sie hatte nicht gewusst, dass Megan und James hier noch so viele Freunde hatte. Ein Ehepaar mit einem Jungen in Jacks Alter, standen bei Madge und unterhielten sich mit Amy.

»Hallo Grandma, wie geht es Jack?«

Endlich konnte sie die Gesichter der Leute sehen, auch das des Jungens.

»Jason?«, sagte sie laut.

Der Junge blickte sie erstaunt an. Molly besann sich wieder und wandte sich an Amy.

»Jack geht es soweit gut, er hat vom Doc eine Aufbauspritze bekommen und schläft jetzt. Hilbert ist bei ihm.«

Amy sah sie fragend an.

»Du kennst Jason?«

»Ja, von einem Bild, das mir Jack gezeigt hatte.«

Jason lief rot an und blickte zu Boden. Sein Vater trat hervor.

»Sie müssen Megans Mutter sein, sie hat uns so viel von ihnen erzählt… unser herzlichstes Beileid!«

»Danke Mr. …«

»Edward Miller! Meine Frau Doreen und mein Sohn Jason… den sie ja schon etwas kennen.«

»Ja, Jack hat mir in den letzten tagen viel erzählt!«

Dabei schaute Molly Jason an, der seine Blicke immer noch im Boden vergrub. Sie blickte wieder zu Jasons Vater.

»Kann ich sie und ihre Familie, zu einer Tasse Kaffee einladen?«

»Wir wollen ihnen keine Umstände machen!«, kam es von Doreen, die bis jetzt noch nichts gesagt hatte.

»Nein, das ist kein Problem und ich denke, wenn Jack wieder aufwacht, wäre es vielleicht gut, ein sehr vertrautes Gesicht zu sehen!«

Jason Eltern lächelten und sahen auf ihren Sprössling, der sich nun am Liebsten verkrochen hätte.

»Wie lange sind sie noch in England?«, fragte Molly auf dem Weg zum Wagen.

»Ich habe überraschend frei bekommen und so bleiben wir ein ganze Woche hier«, antwortete Edward.

»Haben sie schon eine Unterkunft?«

»Nein, wir sind direkt mit einem Mietwagen von Flughafen hier her gefahren.«

»Ich würde mich freuen, wenn sie für diese Zeit meine Gäste wären, sicher sind sie daran interessiert wo Megan aufgewachsen ist.«

Edward schaute kurz zu seiner Frau.

»Wir wollen ihnen aber wirklich keine Umstande machen, Mrs. Lonesdale!«

»Ach Papperlapapp, ich freue mich immer über Gäste, auch wenn dieser Umstand ein trauriger ist. Aber ich denke, Amy und auch Jack würden sich sehr darüber freuen! Und ich heiße Molly!«

Sie nahm Amy in den Arm und drückte sie an sich.

»Ich denke wir haben gar keine andere Möglichkeit, als zu zusagen!«

Molly nickte und blickte noch einmal wehmütig auf den Friedhof zurück. Sie bestiegen die Wagen und fuhren zurück zum Cottage. Dort angekommen, trat Hilbert vor dir Tür.

»Ihr Enkel schläft fest und ruhig.«

»Danke Hilbert. Das sind Edward Miller und seine Familie, sie sind Freunde meiner Tochter und werden ein paar Tage hier verbringen. Können sie das Gästezimmer herrichten und helfen die Koffer reinzutragen?«

»Ja Madam!«

»Jason und ich werden ihnen helfen…«

»Hilbert, Mr. Miller.«

Edward nickte und öffnete den Kofferraum seines Wagens.

»Und wo schläft der junge Mann?«, wollte Madge wissen.

»Ich denke mal, Jacks Zimmer ist groß genug, und die Jungs werden sich sicher viel erzählen zu haben.«

»Grandma, die beiden haben sich doch mal gerade eine Woche nicht gesehen!«, meldete sich Amy zu Wort.

»Man kann nie wissen, Amy«, erwiderte Molly und betrat mit Jasons Mutter das Haus.

Als Molly und ihre Gäste bei Abendessen saßen, kam Hilbert die Treppe herunter.

»Mrs. Lonesdale, ich glaube der junge Herr wird wach.«

Amy wollte schon aufspringen, aber Molly hielt sie zurück.

»Ich denke Jason soll hinauf gehen.«

Jason verschluckte sich an seinem Stück Fleisch und begann zu husten. Verlegen lächelte er in die Runde. Er schob den Stuhl zurück und stand auf.

»Sie meinen wirklich, ich soll hinauf gehen?«, sagte Jason unsicher.

»Klar Jason, was gibt es Besseres, als seinen besten Freund wieder zu sehen?«

Jason lief langsam die Treppe hinauf. Vor Jacks Zimmer blieb er stehen. Was war nur mit ihm los, er hatte seine Eltern so bekniet, nach England zu fahren, nur weil er es nicht aushielt und Jack noch einmal sehen wollte.

Leise drückte er die Klinke herunter und trat in Jacks Zimmer. Jason brauchte ein wenig, um sich an das schwache Licht zu gewöhnen. Da lag Jack, friedlich schlafend, als wäre nichts geschehen.

Vorsichtig trat er ans Bett und setzte sich auf den Rand. Jason ließ seine Blicke durch das Zimmer wandern und blieb beim Nachttisch hängen. Er erkannte seinen Brief, den er Jack kurz vor dem Abflug gegeben hatte.

Jason nahm ihn in die Hand und warf kurz einen Blick darauf. Er fragte sich, ob Jack beim Lesen geweint hatte, denn manche Buchstaben waren verschwommen, als wäre etwas drauf getropft.

»Jason?«, hörte er eine leise Stimme neben sich.

Er ließ seine Hand sinken und schaute in die geöffneten Augen von Jack.

»Träume ich, oder bist du es wirklich?«

»Ich bin es wirklich!«

»Wie kommst du hier her?«

»Die Beerdigung deiner…«

Jason brach ab, weil er sah wie sich Jacks Augen mit Tränen füllten. Sanft strich er mit der Hand über Jacks Wange.

»Sie fehlen mir so!«, sagte Jack mit weinerlicher Stimme.

Er richtete sich auf und umarmte Jason. Dieser wusste nicht was er machen sollte. Zu wirr waren Jasons Gedanken.

»Ich hab dein Brief gelesen … ich weiß nicht wie oft«, hörte er Jack flüstern.

Jason schluckte schwer und begann zu zittern. Er wusste jetzt nicht was kam. Jack hatte losgelassen und schaute ihn nun direkt an.

»Du liebst mich?«

Jason nickte zögernd.

»Und warum dachtest du, du machst damit unsere Freundschaft kaputt? Hast du kein Vertrauen in mich?«

Jacks Stimme klang gebrochen, als würde er für jedes Wort viel Luft brauchen. Jason senkte seinen Kopf.

»Ich weiß doch nicht, wie du reagiert hättest, wenn ich dir das gesagt hätte. Jack ich bin schwul und ich liebe dich!«

»Jedenfalls nicht so wie mein Dad!«

Jason verstand nicht, was Jack meinte. So erzählte Jack, was sich am Morgen vor dem Unfall zugetragen hatte.

»Du meinst, du bist auch…?«

Jack nickte und ein kleines Lächeln zierte seinen Mund.

»Oh Mann, und ich habe nichts kapiert…«, meinte Jason und schüttelte den Kopf, »ich war so in dich verliebt, dass ich deine Gefühle für mich überhaupt nicht registriert habe.«

Jason fiel Jack um den hals und drückte ihn fest an sich, als es an der Tür klopfte. Erschrocken fuhren die Zwei auseinander. Molly war nun selbst unruhig geworden, weil kein laut von oben nach unten drang.

Sie war die Treppe hinaufgelaufen und hatte wie immer an der Tür gelauscht. Als sie nun ebenfalls nichts hörte, klopfte sie einfach, wartete kurz und öffnete dann die Tür.

Sie fand Jason sitzend bei Jack vor.

»Na ihr Zwei, alles klar bei euch?«

Beide nickten.

»Jack, geht es dir soweit gut, um aufzustehen?«

Jason stand auf und half Jack aus dem Bett.

»Etwas unsicher, aber ich denke es geht. Warum?«

»Jasons Eltern sitzen unten, sie würden sich auch freuen, dich zu sehen!«

Jack sah Jason an, der ihn anlächelte.

»Lass mich kurz was überziehen, dann komm ich mit Jason herunter.«

»In Ordnung, ich gehe schon einmal vor,«

Jacks Großmutter verschwand wieder und die Beiden waren wieder alleine. Langsam ging Jack auf Jason zu und legte seine Hand auf Jasons Schulter.

»Danke!«

»Für was danke?«

»Das du gekommen bist!«

»He Alter, das war doch klar, außerdem wollte ich wissen, wie mein Herzbube so lebt jetzt!«

Jack grinste und schaute sich im Zimmer um.

»Suchst du etwas?«

»Ich überlege, was ich anziehen soll, deine Eltern sind schließlich da unten.«

»Mach nicht so ein Aufhebens darum, meine Eltern wissen Bescheid.«

Jack hielt in seiner Bewegung inne.

»Was wissen sie?«

»Das ich schwul bin…«

»Oh!«

»Na ja, als du abgereist warst, heulte ich den ganzen Mittag und meine Eltern machten sich eben Sorgen. Sie kamen dann zu mir und fragte mich einfach ins Gesicht, ob ich schwul wäre und ob du der Grund wärst, warum ich so weinte.«

»Und wie haben sie reagiert?«

»Mein Dad meinte, ich hätte mir einen netten Schwiegersohn heraus gesucht.«

»Bitte?«

»Sie vermuteten das mit mir schon recht lange, nur bei dir waren sie sich nicht im Klaren wie du zu der Sache stehst.«

»Jetzt weißt du es ja!«, sagte Jack mit einem Lächeln.

Jack hatte sich mittlerweile angezogen.

»Können wir?«, fragte Jack und hielt Jason seine Hand entgegen.

»Moment noch, eine kleine Wenigkeit fehlt noch?«

»Was denn?«

Jason zog Jack an seiner Hand zu sich und legte beide Arme um ihn. Ihre Köpfe näherte sich. Jack und Jason schlossen fast gleichzeitig ihre Augen, bevor sich ihre Lippen trafen. Noch etwas zaghaft küssten sich die Beiden.

Jason spürte, wie Jack leicht nachgab und drohte wegzukippen.

»He, was ist los, geht es dir doch noch nicht gut?«

»Nein, geht schon, ich habe nur weiche Knie bekommen… das war so schön eben!«

Amy hatte die Runde am Tisch verlassen und hatte sich auf ihr Zimmer zurückgezogen. Molly und die Millers saßen mittlerweile vor dem Kamin und tranken einen Rotwein.

»Meinst du Jason findet sein Glück? Was ist, wenn er sich in Jack getäuscht hat?«, meinte Doreen zu ihrem Mann.

Edward zuckte mit seinen Schultern. Molly stellte ihr Glas ab und schaute zu den Zweien.

»Ich bin mir sicher, Jason hat sich nicht in meinem Enkel getäuscht, wir sollten den beiden nur alle Zeit der Welt lassen.«

Edward schaute nachdenklich ins Feuer des Kamins.

»Was wird, wenn wir wieder in den Staaten sind, die beiden sind dann wieder über 1000 Meilen von einander getrennt, hat das überhaupt ein Sinn? Also ich meine etwas zu beginnen, obwohl es den Anschein hat, welches bald wieder in die Brüche zu gehen scheint?«

»Edward, in gewissen Sinn gebe ich ihnen Recht. Ich kann mir ihre Sorgen vorstellen. Aber ich denke die zwei Jungs sollten und müssen das alleine unter sich ausmachen. Wir können nur Hilfestellung geben, wenn es größere Probleme geben sollte.«

»Was für Probleme?«, fragte Doreen.

Haben sie sich vielleicht schon mal Gedanken darüber gemacht, ihren Sohn in England studieren zu lassen?«

Entgeistert schaute Doreen erst Molly und dann ihren Mann an.

»Das ist aber so weit weg, ich würde ihn dann überhaupt nicht mehr sehr!«

Doreen Stimme klang traurig. Molly setzte sich auf und nahm einen Schluck ihres Weines.

»Ich gebe zu, mir fiel es sehr schwer, als Megan damals zu mir kam und offenbarte, sie zieht mit James nach Amerika. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich fürchtete mich vor der Einsamkeit.«

Molly nahm ein weiteren Schluck vom Wein und man merkte, wie sie mit den Gedanken in die Vergangenheit reiste.

»Aber dann merkte ich, ich darf Megan nicht im Weg stehen, sie hat ihr eigenes Leben. Es war egoistisch von mir zu denken, Megan würde immer bei mir sein. Wobei, sie ist immer bei mir, sie hat ein Platz in meinem Herzen, wo auch immer sie jetzt ist.«

Eine winzige Träne löste sich aus Mollys Augen. Sie wischte sich weg und setzte ein Lächeln auf.

»Tut mir leid, das Gefasel einer alten Frau kann ab und zu merkwürdig klingen.«

»Nein, ganz und gar nicht«, meinte Doreen, »sie haben ganz recht, aber der Gedanke eben, dass Jason so weit weg ist… es ist sehr befremdend für mich.«

»Wenn Jason in Florida studieren würde, wäre er auch weit weg, Doreen«, meldete sich Edward zu Wort und nahm seine Frau in den Arm, »letztendlich liegt die Entscheidung bei den Beiden, oder?«

»Redet ihr von uns?«

Jason lief Hand in Hand mit Jack die Treppe herunter. Automatisch zog sich ein Lächeln über Mollys Gesicht.

»Klar, über wen könnten wir sonst lästern! Hallo Jack!«

Edward war aufgestanden, um Jack zu begrüßen. Er nahm ihn in den Arm und drückte ihn an sich.

»Und geht es dir wieder besser?«, fragte Doreen.

Jack hatte sich wieder von Edward gelöst, schaute kurz lächelnd zu Molly, bevor er sich wieder Edward und Doreen widmete.

»Ja, danke! Ich freu mich, dass ihr zur… Beerdigung gekommen seid.«

Das Sprechen fiel ihm nun sichtlich schwerer.

»Ich weiß, mein Auftreten war etwas peinlich…«

»Junge, daran war nichts peinlich! Es war nur verständlich«, meinte seine Großmutter.

Wie ein Zeichen des Zuspruchs, hatte Jason Jacks Hand genommen und zog ihn zu sich auf einen Sessel. Jack musste nun grinsen, weil es ihm irgendwie kindisch vorkam, auf Jasons Bein zu sitzen, wie ein kleines Kind.

Auch Edward und Doreen hatten den Kopf geschüttelt, nun aber lächelten ebenso beide.

»Ich möchte euch etwas erzählen…«, begann Jack, »am Morgen … wo Dad seinen Unfall hatte…«

»Jack, hör mal, wenn es dir schwer fällt, du brauchst uns nichts zu erzählen«, fiel ihm Doreen ins Wort.

»Doch ich möchte es erzählen, ich möchte, dass ihr wisst, was an diesen Morgen vorgefallen war!«

Jason streichelte beruhigend über Jacks Rücken.

»Wie jeden Morgen kam ich von meinem Joggen zurück, als Dad und Mum schon am Frühstückstisch saßen.«

»Du joggst auch in den Ferien?«, wollte Jason wissen.

»Klar, jogge ich auch in den Ferien, was hat das damit zu tun, ob Ferien sind.«

»Mir wäre das zu stressig! Ferien sind Ferien!«

Jack schaute kurz Jason an, aber gab kein Kommentar auf diese Antwort, sondern lächelte nur kurz, bevor er wieder seine Erzählung aufnahm.

»Jedenfalls dachte ich, nun wäre der rechte Zeitpunkt gekommen um mit meinen Eltern zu reden. Ihnen zu sagen was mich die ganze Zeit bewegt, was ich durchmache. Wann hatte ich schon mal beide zusammen an einem Tisch.«

»Ja wir wissen, wie engagiert James und Molly waren.«, sagte Edward.

»Hast du dich etwa vernachlässigt gefühlt?«, kam es von Molly.

»Nein, überhaupt nicht! Aber sonst sitzt Amy immer dabei und ich wollte einfach erst alleine mit ihnen reden. Zudem wusste Amy Bescheid!«

»Amy weiß es?«, fragte Molly erstaunt.

»Ja, sie kam einmal in mein Zimmer gestürmt, wo ich mal wieder voll in Depriphase war und da hat sie so lange gebohrt, bis ich ihr alles erzählte.«

Molly nickte nur, sagte aber weiter nichts.

»Also, ich habe mich dann so wie ich war, einfach an den Frühstückstisch gesetzt. Beide hörten in ihrer Bewegung auf und starrten mich an.«

Jason spürte, wie Jack zu zittern begann und legte einen Arm um ihn.

»Ich bin dann einfach mit der Tür ins Haus gefallen und sagte zu den Beiden, ich bin schwul!«

Im Raum war es völlig still, nur das Feuer im Kamin knisterte.

»Ich weiß nicht wie lange wir da schweigend gesessen sind. Dad ist dann plötzlich aufgestanden, hat mir eine geklebt, nahm seine Sachen und verschwand nach draußen.«

Einzelne Tränen bahnten sich ihren Weg über Jacks Wangen.

»Und deine Mum?«, fragte Doreen leise.

Sie ist dann ebenso aufgestanden, sah mich kurz traurig an, bevor sie ebenfalls ging… dass war das letzte Mal, dass ich beide gesehen habe…«

Wieder war es still in dem alten Haus. Minuten verstrichen, in denen keiner ein Wort sagte. Jeder für sich hatte seine Gedanken, die er durchlief.

»Ich verstehe das nicht!«, durchbrach Edward die Stille.

»Was?«, kam es wie aus einem Munde von Doreen und Molly.

»Ich verstehe James nicht, wir haben uns doch ein paar Tage zuvor über dieses Thema unterhalten.«

»Ihr habt über mich geredet?«, fragte Jack.

»Nein, ich habe mit James über Jason gesprochen, bei dem wir schon lange wussten, dass da etwas im Busch war. Er meinte sogar, wir sollten Jason zu nichts drängen, Jason sollte selber auf uns zukommen.«

»Das habt ihr aber nicht befolgt!«, kam es trotzig von Jason.

»Jason, ich habe mir Sorgen um dich gemacht! Du hast stundenlang auf deinem Bett gelegen und geweint, als Jack abgereist war!«

Edward nickt seiner Frau zu. Jasons Gesichtsfarbe wechselte ein wenig ins Rot.

»Das verstehe ich nun allerdings auch nicht«, sagte Molly, »James habe ich nie so kennen gelernt, schon gar nicht, wenn es um seine Kinder ging, er vergötterte sie regelrecht.«

Wieder verfielen alle in ein Schweigen.

»Das werden wir wohl nie erfahren«, kam es leise von Jason, der eher laut gedacht hatte und es nicht bemerkt hatte.

»Ich finde, wir sollten uns langsam zurückziehen, der Tag war anstrengend!«, sagte Molly plötzlich.

Alle pflichteten ihr bei und erhoben sich. Sie wünschten sich alle gute Nacht und zogen sich auf ihre Zimmer zurück. Jason und Jack waren noch lange wach. Jack erzählte Jason von Mollys Plänen, die ehemalige Wohnung des Gärtners für ihn umzubauen.

Auch ließ er durchblicken, dass diese Wohnung groß genug für zwei wäre. Weiter kamen sie aber nicht mehr, denn irgendwann waren beide vor Müdigkeit eingeschlafen.

3.

Jason rieb sich über die Nase, etwas juckte ihn. Es war kuschelig warm im Bett, er war noch nicht gewillt es zu verlassen. Wieder kitzelte etwas an seiner Nase. Jason glaubte es seine Mücke oder sowas und fuhr mit der Hand an der Nase vorbei, aber alles was er zu spüren bekam, war ein Hand.

Neben ihm fing es an zu kichern. Langsam öffnete Jason die Augen, hatte aber Mühe sie offen zu halten, zu stark war das Licht, dass von der aufgehenden Sonne durchs Fenster drang.

Auf einmal fiel ihm ein, wo er war. Er lag mit Jack in einem Bett und das Kichern war sicher von ihm.

»Morgen!«

»Morgen du Schlafmütze, ich dachte du wirst nie wach.«

Jason konnte durch seine schmalen Augenschlitze nun Jack erkennen, der aufgestützt auf seinem Ellenbogen, neben ihm lag.

»Du weißt genau, dass ich gerne lange schlafe und wenn mich jemand ungebeten weckt, werde ich sehr böse!«

»Wie böse?«, fragte Jack und begann wieder zu kichern.

Jason stürzte sich auf Jack und begann ihn durchzukitzeln. Jack auf diesen Angriff nicht gefasst fuhr nach hinten und fiel mit lautem Gepolter aus dem Bett. Nun war es Jack, der anfing zu kichern.

Jack lag auf dem Rücken, rieb sich den Kopf, den er sich im freien Fall angehauen hatte. Noch während er versuchte, sich aus den klauen seiner Bettdecke zu befreien, wurde die Zimmertür aufgerissen und eine überraschte Molly und Amy wurden sichtbar.

Nun war es an Jack, seinem Liebling aus der Decke zuhelfen, bevor noch weitere Peinlichkeiten passierten. Aber zu spät, Jasons Eltern erschienen ebenso an der Tür und stimmten in ein lautes Gelächter ein.

Jack fluchte, weil er seinen Fuß nicht aus der Decke bekam, er zappelte hilflos wie ein Fisch.

»Ich werde Madge sagen, das wir ein kräftiges Frühstück brauchen, vielleicht hat sie ja noch etwas von ihrem köstlichen Fisch da«,sagte Molly, was ihre eine weitere Lachsalve der anderen einbrachte.

Als die Beiden nun endlich wieder alleine waren, zog Jason Jack wieder ins Bett, der geradewegs in dessen Arme fiel. Jack lächelte ihn an und posierte als Sieger, weil er nun auf Jason lag.

Dann ließ er sich langsam sinken und beide verfielen in eine wilde Knutscherei.

»Boah Jack, hör auf ich krieg keine Luft mehr!«

»Gefällt es dir nicht?«

»Bitte? Du weißt gar nicht, wie lange ich hiervon schon geträumt habe!«

Jack musste grinsen.

»Von was hast du denn alles geträumt?«

Jason wurde tief rot und wälzte Jack von sich herunter.

»He, was ist los, habe ich etwas Falsches gesagt?«

»Nein Jack, das ist es nicht… nur das hier ist alles wie ein Traum, den ich nicht begreife.«

»Wie, es ist alles ein Traum?«

»Jack, vor einer Woche da schienst du mir noch unerreichbar, ich habe diesen Brief… meinen Abschiedsbrief an dich aus puren Verzweiflung geschrieben… ich habe mir alle Möglichkeiten ausgemalt… auch dass wenn ich dich nie wieder sehe…«

»Was hast du?«

»Ich wollte nicht mehr leben… deswegen hatte ich den ganzen Mittag geheult… für mich war ohne dich plötzlich alles so sinnlos, ein Tag ohne dich war ein verlorener Tag!«

Jack war etwas schockiert, über das Geständnis seines Freundes. Es tat ihm leid nie etwas gemerkt zu haben.

»Es tut mir leid Jason, ich war wahrscheinlich so mit mir und meinen Gefühlen beschäftigt, dass ich gar nichts mitbekommen habe, was du für mich empfindest.«

»Konntest du nicht Jack, ich habe das so gut verheimlicht wie ich nur konnte.«

»Deine Eltern haben aber trotzdem etwas gemerkt… nur ich eben nicht.«

»Egal, nun habe ich dich und werde dich nie wieder gehen lassen!«

Jason zog Jack wieder zu sich, kuschelte sich an ihn.

»Und wie stellst du dir das vor?«

»Was?«

»Jason, spätestens am Freitag fliegst du zurück in die Staaten und dann?«

»Mein Gott Jack, das wird wohl das kleinste Problem sein oder?«

»Wieso? Willst du hier in England studieren?«

»Warum eigentlich nicht? Meine Eltern würde bestimmt nicht nein sagen, wenn ich diesen Wunsch äußere. Und du hast gestern selbst gesagt, die Wohnung da drüben wäre für Zwei, oder?«

»Ja, du hast ja Recht! Ich möchte dich nur nicht grad wieder verlieren, weil wir die nächste Zeit noch getrennt sein werden.«

»Da mach dir mal keine Sorgen Jack, das bekommen wir irgendwie schon hin!«

Jack vergrub sein Gesicht auf Jasons Brust. Klar es waren Träume, dachte er. Aber Jason hatte Recht, sie waren nicht weit weggerückt, unrealisierbar. Er war wieder kurz vor dem Einschlummern als Jason in sanft weckte.

»He, du großer schöner Mann, nicht wieder einschlafen.«

»Es ist aber gerade so schön.«

»Du wolltest mir dir Klippen zeigen und überhaupt, wo is Tenno, den habe ich noch gar nicht gesehen.«

»Der wird sicherlich schon von Hilbert ausgeführt worden sein.«

»Hast du nicht erzählt, deine Oma hat Pferde?«

»Ja im Nachbargestüt, bei den Evans.«

»Meinst du nicht, wir könne mal gemeinsam ausreiten?«

»Du kannst reiten?«

»Klar, meine Eltern haben mir im Urlaub schon öfter Reitunterricht spendiert.«

»Ich kann Grandma fragen, ob sie für uns zwei Pferde satteln lässt.«

»He, das wäre cool.«

»Aber dazu müsste ich aufstehen…«

»Und was hindert dich daran?«

»Du! Wirkst wie ein Magnet auf mich!«

Jason kicherte los und drückte Jack von sich weg.

*-*-*

Es dauerte eine Weile, bis sie in die Nähe der Küste kamen. Beide sahen elegant auf den Rössern aus.

»Das ist ein schönes Tier!«, meinte Jason und klopfte dem Pferd sacht an den Hals.

»Früher ließ Grandma ihre Pferde noch regelmäßig an Turnieren teilnehmen, aber seit Grandpa gestorben ist, bekommen die Tiere ihr sogenanntes Gnadenbrot bei ihr.«

Im leichten Trab ritten sie den Weg entlang. Der Wald hatte sich gelichtet, bevor sie nun endlich an der Küste ankamen. Hier blies ein kräftiger Wind, anders als im Landesinnern. Zudem spürte man die Feuchtigkeit, die vom Meer herauf zog, die mit wilder Brandung, gegen die Felsen schleuderte.

Jason stieg ab und schaute auf das Meer hinaus.

»Das ist so anders, als bei uns.«

»Aber auch der Atlantik!«

»3345 Meilen bis New York«

Nachdenklich schaute auch Jack hinaus aufs Meer.

»Was denkst du?«, fragte Jason.

»Mir geht das WARUM nicht aus dem Kopf.«

»Welches warum?«

»Warum mein Dad mich geschlagen hat…«

Jason trat neben Jack, ohne aber die Leine von seinem Pferd loszulassen.

»Das werden wir nie erfahren Jack, aber vielleicht hilft dir das, er könnte überfordert gewesen sein!«

»Wie überfordert?«

»Jack, denke doch mal nach. Hast du gemerkt du bist schwul und fertig? Ich weiß jedenfalls von mir, was ich für Kämpfe in meinem Kopf durchgemacht habe und wahrscheinlich auch noch machen werde. Meinst du dein Dad hat nicht erst mal Panik bekommen?«

Eine starke Brise erwischte sie und sie lehnten sich gegen den Wind.

»Meinst du wirklich?«

»Was anders kann ich mir nicht vorstellen.«

Jack schaute wieder auf das Meer hinaus. Er griff in seine Jacke und hielt einen Brief in seiner Hand.

»Was ist das?«, fragte Jason.

»Ein Brief an meine Eltern, den habe ich geschrieben, bevor ich… bevor die Polizei zu uns ins Haus kam.«

»Und was steht da drin?«

»Meine Gedanken und Gefühle!«

»Und was hast du mit ihm vor?«

»Eigentlich wollte ich ihn mit ins Grab werfen, was ich ja nich konnte.«

»Wirf ihn ins Meer!«

Jack schaute zu Jason, der ein leichtes Lächeln aufgesetzt hatte. Dann fiel sein Blick wieder auf den Brief. Er zögerte einen kurzen Augenblick, dann warf er den Brief in die Luft. Die starke Brise riss ihn hoch in die Luft und trieb ihn aufs Meer hinaus.

Beide standen da und schauten dem kleinen weißen Stück Papier hinter her, wie es langsam Richtung Wasser sank.

»Lebt wohl Mum und Dad, ich liebe euch!«

Tränen rannen über Jacks Wangen. Jason nahm ihn in den Arm und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn.

»Ich habe gelesen, irgendwann schwächt der Schmerz ab… vergesse ich sie dann?«

»Es ist kein Abschied, den sie werden da drin«, Jason zeigte auf Jacks Herz, »immer da sein.«

Jack sah in die Augen von Jason, die ihm entgegenfunkelten.

»Danke, dass du für mich da bist!«

»Geht klar, zusammen schaffen wir alles!«

»Ja!«, sagte Jack und umarmte seinen Freund fest.

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