Ein bisschen Familie

Alles sah so aus wie immer, nichts hatte sich verändert. Ein Jahr lang war ich fortgewesen, ein Sozialjahr in Mexiko. Ich war froh, dass der Stadtverkehr so heftig war und das Taxi langsam fuhr.

So konnte ich alles in Ruhe anschauen. Ich war einen Tag früher zurückgekehrt als geplant, die Familie erwartete mich erst morgen. Mich hatte es einfach gepackt, weil ich es nicht mehr ausgehalten hatte.

Langsam bog das Taxi in unser Viertel ein und kurz darauf kam unser Haus in Sicht. Auch hier war alles beim Alten. Der Fahrer hielt vor der Auffahrt und stellte den Wagen ab. Ich sah auf das Display und zog mein Geld heraus.

Euro, daran musste ich mich auch erst gewöhnen, anderes Land, andere Währung. Danach half mir der Fahrer beim Ausladen und wenig später stand ich alleine vor der großen, hölzernen Haustür.

Ich zog aus meinem Brustbeutel den Schlüssel hervor und schloss auf. Natürlich war keiner da, alle waren auf der Arbeit, oder wie Oliver, mein Zwillingsbruder, beim Studium. Dad war Anwalt, hatte eine große Kanzlei, genoss hohes Ansehen in der Stadt.

Mum war Psychologin, hatte eine eigene Praxis, womit klar war, dass unsere Familie bessergestellt war und einfach viel Geld hatte. Einen großen Bruder hatte ich noch, Christian, arbeite in der Bank.

Nur ich war so etwas wie das schwarze Schaf in der Familie. Ich machte mir nicht viel aus Geld. Halt Stopp, werdet ihr sagen, bei dem Reichtum ist das sicherlich leicht. Weit gefehlt! Ich lief keinesfalls in Designerklamotten herum, verbrachte jeden Abend in irgendeiner Nobeldisco und genoss das Jetsetleben.

Nein, ich ging schon als Teenager Zeitungen austragen, um mein eigenes Geld zu haben, weil ich das großzügige Taschengeld meiner Eltern nicht mochte. Auf den Partys, die meine Eltern oder meine Geschwister veranstalteten hielt ich mich meistens fern.

Und als ich vor einem guten Jahr damit kam, ein soziales Jahr in Mexiko einzulegen, hing der Haussegen komplett schief. Mittlerweile hatte sich die Situation beruhigt, alle hatten sich daran gewöhnt, mich telefonisch in Mexiko zu erreichen.

Was wiederum auch schwierig war, weil ich das Geschenk, ein Handy von meinen Eltern ablehnte. So mussten sie darauf warten, bis ich mich ab und zu meldete. Das war nun aber alles vorbei, ich war wieder zu Hause.

Die Befürchtungen meiner Eltern, ich könnte mir eine Mexikanerin angeln, hatte ich auch nicht erfüllt. Ich stellte meine zwei Koffer im Flur ab und schloss hinter mir die Tür. Langsam schritt ich durch die Wohnung.

Hier hatte sich anscheinend doch etwas geändert. Das komplette Stockwerk wurde anscheinend renoviert. Alles war jetzt neutral in weiß gehalten, etwas gewöhnungsbedürftig, aber besser als die typische Eiche rustikal, was hier vorher herrschte.

Ich lief durch das große Wohnzimmer, öffnete die Terrassentür und ging in den Garten. Auch er war wohl frisch angelegt worden. Hier hatte wohl meine Mum, ihren Spleen für Chinesisches durchgesetzt.

„Flo?“, hörte ich jemand laut rufen.

Ich machte kehrt und betrat das Haus wieder. Ein lächelnder Oliver kam auf mich zu gestürmt, und fiel mir um den Hals.

„He, kleiner Bruder, du bist ja schon da!“, meinte er.

„Ja, ich konnte es einfach nicht mehr aushalten und wollte euch wiedersehen.“

Kleiner Bruder, er war zwei Minuten älter als ich und hielt mir dies nun auch schon ewig vor. Klar wir waren Zwillinge, aber bis auf unsere Augen und vielleicht ein bisschen das Gesicht unterschieden wir uns sehr. Und eben auch von den Größen. Er war kleiner als ich.

„Und dass soll ich dir glauben?“, fragte er, während er die Umarmung lockerte..

„Gut siehst du aus, die braune Farbe steht dir!“

„Danke, kann mich auch nicht beklagen.“

„Und was steht jetzt an? Studium, oder noch ein Praktikum?“

„Jetzt lass mich doch erst einmal ankommen.“

„Schon klar, dachte du weißt genau, was du vorhast.“

„Das habe ich auch, auch wenn ich damit wieder bei Mum und Paps anecken werde. Aber wann tu ich das einmal nicht?“

Oliver prustet laut hinaus.

„Da kann ich mich ja wieder mal auf ruhige besinnliche Tage freuen, wenn du als Blitzableiter für unsere Eltern herhalten musst.“

Ich schaute Oliver an.

„Es gibt wirklich Dinge, die werden sich wohl nie ändern“, meinte ich und löste mich aus der Umarmung meines Bruders.

„Ich werde erst einmal auspacken gehen“, sagte ich und lief zu meinen Koffer.

„Ach so, dass weißt du ja noch gar nicht!“, begann mein Bruder.

„Was?“

„Du hast ein neues Zimmer!“

„Wie, ich habe ein neues Zimmer?“

„Mum und Dad haben das Dachgeschoss ausbauen lassen, dass du und ich bezogen haben und

Christian wohnt eh nicht mehr hier.“

„Christian ausgezogen – neues Zimmer? Dass muss ich erst einmal verdauen!“

„Komm Brüderchen, ich helfe dir hoch tragen.“

Also folgte ich Oliver, bestückt mit nur einem Koffer, hinauf ins Dachgeschoss. Es war in zwei gleich große Teile untertrennt.

„Links ist mein Reich und rechts gehört dir!“, sagte Oliver.

Er öffnete die Tür und ließ mich eintreten. Wow! Das Zimmer war riesig.

„In Mexiko haben viele Familien so ein Zimmer als Wohnung!“

„Nun, wir sind in Deutschland, also gewöhn dich daran“, meinte mein Bruder und ließ mich alleine.

Meine wenigen Möbel aus meinem alten Zimmer, verloren sich regelrecht. Zuerst stellte ich meinen Koffer auf den Boden, neben den Anderen, den Oliver herauf getragen hatte. Die große Fensterfront ließ genug Licht herein.

Durch eine Glastür trat ich hinaus auf die Terrasse. Der Ausblick auf die Nachbargärten war recht gut und es schien sich auch hier viel geändert zu haben. Neue Gärten anzulegen war hier wohl zur Freizeitbeschäftigung geworden.

Die Seuferts von gegenüber hatten einen neuen großen Pool, in dem gerade zwei Jugendliche schwammen.

„Das sind Simon und Pia, die kennst du doch noch?“

Ich erschrak, denn unbemerkt war Oliver hinter mich getreten.

„Simon? Der war doch immer kugelrund!“

„Jetzt nicht mehr, seit er in einem Internat ist!“, entgegnete mir Oliver.

„Im Internat?“

„Ja, seine schulischen Leistungen waren abgesackt, da haben seine Eltern beschlossen ihn in ein Internat zu stecken, was ihm wohl nicht nur bei den Noten gut getan hat.“

Ich hörte ein Bellen unten im Flur.

„Oh, Mum scheint schon zurück zu sein“, sagte Oliver und schon konnte ich ihre Stimme hören.

„Oli, bist du da?“, rief es die Treppe hinauf.

„Ja und ich bin nicht alleine“, antworte Oliver.

„Hast du Besuch?“

„So würde ich das nicht sagen, der bleibt wohl länger hier!“

Ich hörte ihre Schritte die Treppe heraufkommen, aber bevor ich sie sah, kam Asta unser Hund hereingestürzt und begann wild zu bellen. Kurz darauf erschien meine Mum.

„Florian! Du bist schon da?“

Lächelnd ging ich zu ihr und sie schloss mich in ihre Arme. Sie schien mich überhaupt nicht mehr loslassen zu wollen. Fest wiegte sie mich in ihren Armen.

„Endlich ist mein Jüngster wieder zu Hause, ich hab dich so vermisst!“

Neue Töne meiner Mutter? Ich war das nicht gewohnt. Langsam löste ich mich aus ihrer Umarmung.

„Lass dich ansehen Junge… gut siehst du aus, dein Sozialjahr schien dir ja besser bekommen zu sein, als ich glaubte.“

„Man tut was man kann“, entgegnete ich.

„Oh man ich hab total vergessen, dass ich noch einen Termin habe!“, kam es plötzlich von ihr, Jungs wir reden heute Abend ich muss noch mal weg!“

Wie schon gesagt, es gibt immer Einiges, was sich nicht geändert hat. Auch die knappbemessene Zeit meiner Mutter. Und schon war sie wieder verschwunden.

„So ich lass dich nun auch mal alleine, damit du in Ruhe auspacken kannst“, sagte Oliver und war ebenso schnell verschwunden.

Nur Asta stand wedeln vor mir.

„Na, alter Junge, erkennst du mich noch?“

Mit einem Wuff, schien er meine Frage zu beantworten. Also legte ich meinen ersten Koffer aufs Bett und öffnete ihn. Als Erstes fiel mein Blick auf eine Fotografie, die oben auf lag. Diego, den Arm um mich gelegt, schaute lächelnd in die Kamera.

Das Foto stammte vom großen See, wo wir oft baden waren. Wir waren in dem Jahr sehr gute Freunde geworden, wir sprachen über alles, er half mir auch ab und zu über mein Heimweh weg.

Er war das, was ich hier am meisten vermissen würde. Ich hatte nie groß Freunde, geschweige den einen Freund. Früher dachte ich, es wäre nicht so wichtig, aber seit Diego in mein Leben getreten war, wurde mir der Ausdruck und seine Bedeutung erst richtig bewusst.

Das Bild war sein Abschiedsgeschenk, er hatte es Rahmen lassen. So stellte ich es auf den Schreibtisch, der am Fenster stand. Es dauerte dann noch eine Weile, bis ich endlich alles ausgepackt hatte.

Die restlichen Erinnerungen an Mexiko stellte ich auf das Regal an der Wand. Als ich die Koffer auf dem Dachboden verstaut hatte. Beschloss ich erst mal unter die Dusche zu gehen. Herzhaft gähnte ich. Die Zeitumstellung – natürlich!

Müde ließ ich mich, nach dem Duschen, auf mein Bett fallen, wo ich auch gleich in meine Traumwelt eintauchte. Ich war wieder am großen See, wo ich herrliche Zeiten verbracht hatte.

***

Ein Fluchen riss mich aus dem Schlaf. Draußen dämmerte es schon, hatte ich solange geschlafen? Ich zog mir ein Shirt über und lief die Treppe hinunter. Das Fluchen kam aus der Küche.

Langsam schob ich die Tür auf und fand meine Mum dort mit Dad vor.

„Wo soll ich denn um die Uhrzeit noch einen Handwerker herbekommen?“, schimpfte Dad.

„Wieso, was ist denn?“, fragte ich.

Mein Dad zuckte zusammen und drehte sich herum

„Florian.  Hallo!“

Auch er zog mich in seine Arme und drückte mich fest an sich. Das hatte er schon lange nicht mehr getan, nicht mal, als er sich damals am Flughafen von mir verabschiedete. Er erdrückte mich regelrecht.

„Mum hatte schon erzählt, dass du heute schon gekommen bist, aber als ich heimkam, hast du geschlafen, ich wollte dich auf  keine Fall wecken!“, sagte er.

Was war denn hier auf einmal los, alle so freundlich und fürsorglich? Vor einem Jahr, bevor ich wegging, sah das noch ganz Anders aus. Jeden Tag hatten wir uns in der Wolle. Und jetzt dieser Friede, da war doch etwas im Busch.

„Ist nett von euch. Was ist denn nun kaputt?“, fragte ich.

„Der Abfluss ist verstopft, überall läuft das Wasser herum“, antwortete mein Dad verärgert und legte wieder einen verzweifelten Blick auf.

„Lass mich mal nachsehen!“, meinte ich und kniete mich vor den Unterschrank.

„Was hast du vor?“, fragte Mum erstaunt.

„Ich sehe nach, ob ich etwas machen kann!“, antwortete ich.

„Du willst was? Kannst du so etwas überhaupt?“

„Mum, ich habe in Mexiko geholfen, Hütten aufzubauen und dabei auch Waschbecken angeschlossen.“

Ich steckte einen Stöpsel in den Abfluss, um nicht die ganze Brühe aus dem Waschbecken abzubekommen, wenn ich das Abflussrohr ausbaute. Langsam drehte ich die Schnalle auf. Gut dass ich einen Eimer untergestellt hatte, denn schon kam mir das Restwasser entgegen, das sich noch im Rohr befunden hatte.

Ebenfalls fiel auch noch ein Büschel Haare aus dem Rohr.

„Mum, hab ich dir nicht schon immer gesagt, du sollst Astas Haarbürste nicht über dem Küchenbecken sauber machen?“, fragte ich und hob ihr den Büschel Dreck entgegen.

Etwas verstimmt schaute sie mich an, sagte aber keinen Ton. Ich setzte das Rohr wieder zusammen, drehte die Verschlüsse fest zu und zog dann den Stöpsel aus dem Becken. Ohne Schwierigkeiten floss das Wasser ab.

„Alle Achtung Herr Sohn, war dein soziales Jahr wohl doch nicht für die Katz!“, kam es von

Dad.

„Wenn du jetzt meinst, ich übernehme hier im Haus sämtliche Hausmeisterlichen Tätigkeiten, dann muss ich dich enttäuschen!“

„Schade, wir hätten ein Haufen Geld sparen können, Handwerker sind teuer!“, meinte er lächelnd.

„Investier das Geld lieber für einen Häcksler der in den Abfluss eingebaut wird, dann ist das Rohr nie wieder verstopft“, sagte ich.

„So etwas gibt es?“, meldete sich nun auch meine Mum zu Wort.

„Klar“, sagte ich und wusch meine Hände.

„Hunger?“, fragte mich mein Dad.

„Deutsches Essen? Klar, wie sehr habe ich das vermisst!“

Wenig später saßen wir am Tisch und vesperten. Oliver war auch dazu gekommen und ich erzählte von Mexiko, was ich erlebt hatte. Schweigend klebte meine Familie an meinen Lippen.

„Du könntest ein Buch schreiben, so wie du erzählst!“, meinte Oliver und schob sein letztes Stück Brot in den Mund.

Ich musste grinsen.

„Um ehrlich zu sein, dass hier habe ich schon ein wenig vermisst, meine Familie um mich herum, auch wenn ich dort unten sehr herzlich aufgenommen wurde. Aber ich will versuchen, die Kontakte, wenigstens aufrecht zu erhalten.“

„Im Zeitalter des Computer kein großes Problem“, sagte Dad.

„Diego hat keinen Pc, die können froh sein, wenn sie einmal vierundzwanzig Stunden Strom am Stück haben. Nein, ihm werde ich schreiben müssen und hoffen der Brief kommt irgendwann dort an.“

„Na ja, jetzt bist du erst mal wieder da. Und was hast du jetzt vor?“, fragte Mum.

„Bis ich mit dem Studium anfange werde ich mir einen Job suchen, irgendwie muss ich ja mein Zimmer einrichten.“, meinte ich und wartete auf Widerrede, aber nichts desgleichen kam.

„Hör mal Florian, wenn du Geld verdienen willst, für Anschaffungen für dich, finde ich gut. Wenn es aber um Einrichtung geht Möbel oder so etwas, dann bezahlen wir das und keine Widerrede.“

Also doch!

„Okay und wie viel darf ich ausgeben?“, fragte ich vorsichtig.

Damit hatte ich meine Eltern wohl überrascht, denn es kam nicht gleich eine Antwort.

„Such dir erst einmal etwas heraus, dann reden wir weiter. Ich habe morgen Zeit, wir können zusammen in den großen Möbelpark fahren“, meinte mein Dad.

War ich hier in einem falschen Film. Wieso ging meine Familie so auf mich ein, mir war das total fremd. Meine Mum schien meine Gedanken lesen zu können.

„Florian, in dem Jahr wo du weg warst und wir kaum etwas von dir zu Hören bekamen, wurde uns bewusst, wie sehr du uns fehlst. Wir sehen dass hier als neuen Start in der Familie und wollen versuchen, einiges Besser zu machen.“

Die Psychiaterin hatte gesprochen und ich musste lächeln.

***

Ich lag fast die halbe Nacht wach, die Zeitumstellung machte sich doch mehr bemerkbar, als ich dachte. Dad hatte mir noch ein paar Adressen gegeben, wo ich mir eine Arbeit suchen konnte.

Das er mit mir morgen wirklich, oder besser gesagt heute, es war schon fast drei Uhr, in den Möbelpark fahren wollte, hatte mich doch sehr verwundert. So lange ich denken kann, hatte er nie etwas mit mir unternommen.

Mit dem Gedanken schief ich dann doch ein. Als ich wieder aufwachte, fror ich. In Old Germany war es halt doch kälter, als in Mexiko. Ich hatte die Balkontür offen gelassen und nun zog ein kühles Windchen in mein Zimmer.

Da ich nackt schlief und meine Decke, den Standort Boden vorzog, weil ich ja nie ruhig im Bett lag, überzog es meinen Körper mit einer Gänsehaut. Ich stand auf und blieb vor dem Spiegel am Schrank hängen.

Deutlich zeigte sich eine Linie ab, wo ich sonst knappe Shorts getragen hatte, der Rest war braun. Auch hatte ich an Muskeln zugelegt. Wo früher, ein schlichtes Haut und Knochen meinen Körper darstellte, konnte ich jetzt mit Muskeln prahlen.

Ich musste grinsen, als ich auf meinen Schwanz schaute, der halbsteif von mir wegstand. Diego machte sich beim Nacktbaden immer über meine Weißwurst lustig. Die Unbefangenheit von Diego vermisste ich auch.

Ich lag oft in seinen Armen und hatte dort auch einige Nächte verbracht. Niemand wäre auf den Gedanken gekommen, zusagen, ich wäre deswegen schwul. Ich genoss einfach die Nähe von Diego und das war alles.

Aber wenn ich mir recht überlegte, während der Zeit in Mexiko, hatte ich mir deswegen auch nie Gedanken gemacht, auch nicht, welches Mädel mir gefallen könnte, es stand einfach nicht zur Debatte.

Gut, es dauerte eine Weile, bis ich voll akzeptierte, dass ich eben nur etwas für Jungs übrig hatte und nicht für Mädchen. Aber dies hatte ich in Mexiko zurückgelassen, die Unbekümmertheit, wie ich war.

Hier wollte ich doch erst mal ausloten, woran ich war, wie wer in der Familie reagieren würde. Wieder zog ein kalter Hauch über meine Haut und ich beschloss mich zu duschen. Ich ging kurz ins Bad und stellte fest, Oliver stand schon unter der Dusche.

„Morgen Oliver“, rief ich, der sichtlich zusammen zuckte.

Ich hatte ihn wohl gerade bei Etwas gestört. Unverschämt wie ich war zog ich die Tür der Duschkabine auf, wo gerade Oliver seinen steifen Schwanz in der Hand hatte.

„Lass dich nicht stören“, meinte ich knapp und musste grinsen.

„Arschloch!“, kam es von Oliver und zog die Tür wieder zu.

„He, Brüderchen, dass ist doch etwas ganz normal!“

Ich bekam keine Antwort und so ging ich, nach dem Gang zur Toilette, wieder in mein Zimmer um mich anzuziehen. Ich merkte, dass die Klamotten, die ich in Deutschland zurückließ, mir nicht mehr recht passten.

Sie lagen doch recht eng auf meiner Haut, wie gesagt ich hatte zugelegt. Ich klopfte bei Oliver an der Tür.

„Wer stört?“, kam es von drinnen

„Schon wieder ich!“, antwortete ich und öffnete die Tür.

Er schien sich noch für eben zu schämen, denn er hatte eine rote Birne, die mich wieder in ein Grinsen versetzte.

„Was will mein hoch herrschaftlicher Herr Bruder von mir?“

„Etwas zum Anziehen!“, antwortete ich, „meine Wäsche ist noch nicht trocken und was neues habe ich nicht.“

„Lass mal sehen, was ich dir abtreten könnte“, sagte Oliver.

Er zog seinen Schrank auf und ich staunte Bauklötze.

„Sag mal, hast du eine Boutique ausgeräumt?“

„Wieso? Ein Mann von Welt braucht so etwas!“

Ich konnte mich nicht mehr halten und prustete los. Oliver griff ins seinen Schrank und zog gezielt Klamotten heraus.

„Hier probier aus!“, meinte er und reichte mir die Teile.

Schnell war mein Tshirt ausgezogen und ich schlüpfte in die schwarze Jeans. Dann zog ich das weiße Hemd über und krempelte die Ärmel hoch.

„Dir steht das besser als mir, muss ich feststellen!“, kam es von Oliver und ich spürte seine bewunderten Blicke.

„Danke!“

„Florian, bist du fertig?“, hörte ich es im Flur rufen.

„Der Hausherr ruft und ich folge!“, meinte ich und ließ Oliver in seinem Zimmer zurück.

„Bin gleich fertig Dad, muss nur noch die Schuhe anziehen“, rief ich die Treppe hinunter.

„Okay, ich warte dann im Wagen!“, bekam ich zur Antwort.

Oh Socken brauchte ich auch noch, nach einem Jahr barfuss laufen, musste ich mich erst wieder daran gewöhnen, Strümpfe oder Socken anzuziehen. Schnell noch einen Knoten in jeden der Schuhe und meine Jacke schnappend, rannte ich nach unten.

„Morgen Florian. Und gut geschlafen?“

„Geht so, die Zeitverschiebung macht mir noch zu schaffen“, was ich mit einem Gähnen unterstrich.

„Dann mal auf zum Möbelpark!“

Ich sah meine Dad beim Hinausgehen etwas näher an. Er war älter geworden. Seine Haare an den Seiten zeigten ein deutliches Grau und auch sein Gesicht, sah müde und abgespannt aus. Seine Augen waren matt und traurig..

Ich wusste nicht, was in diesem Jahr, alles hier passiert war Gut ich bekam mit, das meine Oma gestorben war, aber ich konnte halt nicht zur Beerdigung kommen. Ich hatte mir fest vorgenommen, an ihrem Grab vorbei zu schauen.

Dad war sehr an seiner Mutter gehangen, vielleicht war seine Verfassung deswegen so. Ich wusste nicht, ob ich einfach mal fragen sollte. Mittlerweile stiegen wir in seinen Mercedes, auch ein neues Model wie ich feststellte.

„Was ist? Warum starrst du mich so an?“, fragte mich mein Dad.

„Ich starre nicht, sondern ich schaue mir meinen Dad an!“

„Und was siehst du?“

„Einen Mann, der Einiges durchgemacht hat…“

War ich jetzt zu weit gegangen? Seine Augen wurden trauriger. Er startete den Wagen und zog zügig aus der Parklücke heraus. Ein Reifenquietschen sagte mir, dass mein Vater wohl nicht geschaut hatte, ob die Strasse frei war.

Aber er sagte keinen Ton, sondern fuhr einfach weiter.

„Tut mir leid, Dad!“

„Warum?“

„Ich wollte dich nicht…“

Ich brach den Satz ab, denn ich wusste nicht was ich sagen sollte ohne ihm noch weiter weh zu tun. Was war nur aus ihm geworden. Vor einem Jahr hatten wir uns heftig gestritten und jetzt, machte ihn ein Satz von mir nieder.

„Irgendwann musst du es ja sowieso erfahren…“, begann er plötzlich.

Er lenkte den Wagen in eine Parkbucht und stieg aus. Ich tat es ihm gleich. Ohne, dass ich es bemerkt hatte, standen wir vor einem Cafe. Dad schloss den Wagen ab und lief schnurr stracks in dieses Cafe hinein.

Wieder folgte ich ihm. An der Theke bestellte er zwei Kaffee und setzte sich dann an den Tisch. Wortlos setzte ich mich zu ihm. Nervös suchte er etwas in seiner Jackentasche und hatte es wohl dann auch gefunden.

Zum Vorschein kam einer Zigarettenschachtel.

„Seit wann rauchst du wieder?“, fragte ich erstaunt.

Er atmete tief durch und zündete sich eine Zigarette an. Er zog kräftig an ihr und blies den Rauch kräftig in die Luft.

„Papa, wenn ich dich irgendwie verletzt habe, so tut es mir Leid, aber bitte schweig mich nun nicht an!“

„Florian, du hast mich nicht verletzt…“, er unterbrach, da unser Kaffee gebracht wurde.

„Danke!“, meinte er zu der Bedienung, die uns gleich wieder alleine ließ.

„Bevor deine Oma starb, saß ich noch eine ganze Weile an ihrem Krankenbett…, sie erzählte mir leise Dinge von früher, die ich nicht wusste.“

Er nippte kurz am Kaffee und zog wieder nervös an der Zigarette.

„Darf ich?“, fragte ich und zeigte auf die Schachtel.

Ohne ein Wort nahm er sie und gab sie mir. Normalerweise rauchte ich ja nur noch selten, aber im Augenblick war mir einfach danach.

„Sie hat mir Sachen von deinem Großvater erzählt, die ich einfach nicht glauben konnte. Ich wäre fast im Streit gegangen und deine Oma wäre alleine gestorben…“

„Was… was war denn so furchtbar, dass sie erzählt hatte?“

„Ich habe einen Bruder!“

„Bitte?“

Jetzt war ich wirklich von den Socken. Mein Dad war als Einzelkind aufgewachsen, es wurde nie von einem Bruder gesprochen.

„Dein Großvater hatte auf einer Geschäftsreise eine kleine kurze schmutzige Affäre… er bemühte sich nicht mal es meiner Mutter zu verheimlichen.“

Ich hatte meinen Dad noch nie so erlebt. So aufgebracht, innerlich zornig, er sprach so abfällig über seinen Vater, den er doch vor uns Kinder immer so in den Himmel gehoben hat.

„Oma nahm es hin, verzieh ihm, auch… als neun Monate später sich die Affäre bei ihnen meldete. Mein Gott ich war vier, habe von dem allem nichts mitbekommen, war zu klein dafür, um zu merken, was das zu Hause ablief.“

„Dad, du bist doch an nichts schuld!“

„Weißt du, warum dein Großvater bei seiner Frau geblieben ist?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Das Geld hatte Oma, dein Großvater war nichts ohne sie, er blieb nur wegen des Geldes bei ihr. Und mir hat er immer den liebenden Vater vorgegaukelt.“

„Glaubst du nicht, er hat dich geliebt?“

Mein Vater fing sarkastisch an zu lachen, dass sogar die Bedienung hinter der Theke zu uns rüber schaute.

„Alles erstunken und erlogen! Jede freie Zeit verbrachte er mit der Anderen… und deren Sohn. Und meine Mutter hat sogar Geld gegeben, damit der Junge anständig aufwächst… hat ihn sogar seinen Namen gegeben…“

„Dein Bru… Stiefbruder…?“, rutschte mir so heraus.

Er nickte nur und drückte die Zigarette aus. Jetzt verstand ich plötzlich, warum auch alle so nett und herzlich zu mir waren, besonders mein Dad.

„Bist du böse auf ihn…?“, fragte ich leise.

„Er kann doch überhaupt nichts dazu…, ich bin sauer auf meinen Vater, dass er so eine linke Ratte war.

So hatte ich meinen Dad noch nie über jemanden Anderen reden hören. Verblüfft nippte ich nun ebenfalls an meinem Kaffee, bei dem ich völlig vergessen hatte, Milch und Zucker hinein zu tun.

Widerwillig schluckte ich die Brühe hinunter.

„Schlecht?“, fragte mein Dad.

„Nein, ich habe nur etwas vergessen.“

Schnell holte ich nach, was ich vergessen hatte, um diesen Kaffee für mich genießbar zu machen. Nach dem ich eine Weile in meinem Kaffee gerührt hatte, entschloss ich mich doch weiter zu bohren.

„Und was geschieht jetzt?“, fragte ich vorsichtig.

„Ich weiß es selber nicht.“

„Weißt du wo er ist?“

„Ja…!“

„Und?“

„Was und? Er lebt in der Nachbarstadt, hat dort ein kleines Häuschen, dass er sich selbst verdient hat, mit seiner Arbeit… ist verheiratet und hat zwei adoptierte Kinder.“

„Hast du ihn schon getroffen?“

„Nein.“

„Willst du?“

Mein Vater fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht und atmete tief durch.

„Florian, wie du weißt, war deine Oma sehr vermögend und sie hat uns einen großen Patzen Geld hinterlassen, aber… aber auch meinem Bruder.“

„Ist ihm das Geld zugestellt worden?“

„Nein!“

„Wie nein?“

„Deine Großmutter hat ihm ein Konto eingerichtet und solange sie lebte jeden Monat etwas darauf eingezahlt. Dein Großvater hat davon nichts gewusst, sonst hätte er wahrscheinlich auch dieses Konto geplündert. Darauf wurde auch das Erbe eingezahlt“

„Öhm…, ich will ja nichts sagen, aber willst du ihm das Geld nicht geben?“

„Doch…, aber ich weiß nicht wie. Ich kann doch nicht einfach hingehen und zu ihm sagen, ich bin dein Bruder hier ist die Kontonummer deines Kontos, dass deine so genannte Stiefmutter einmal für dich angelegt hatte.“

Stimmt, dass hörte sich sau blöd an. Und schon war ich am Überlegen, was man tun könnte.

„Was ist?“, fragte mein Dad.

„Ich überlege, was man tun könnte, was sonst.“

„Mein Sohn und sein großes Herz.“

Ein kleines Grinsen war auf seinen Lippen zu sehen.

„Florian, ich habe bevor du nach Mexiko gingst, nie verstanden, wo du deine soziale Ader her hattest, auch nicht warum du so… warum du Sachen gemacht hast, die mich immer wieder auf die Palme gebracht haben.“

„Das wollte ich nie, Dad. Aber ich habe in Mexiko einiges über mich gelernt, warum ich so bin, wie ich bin, sozusagen das schwarze Schaf der Familie, dass sich nie angepasst hat.“

„Du bist kein schwarzes Schaf… und wenn, steht dieser Part jemandem Anderen zu.“

Ich wusste, dass er Opa damit meinte.

„Aber ich habe auch in diesem einem Jahr viel gelernt, als du nicht da warst, verstand dich plötzlich!“

„Wie kommt’s?“, fragte ich verwundert.

„Bei meinen Nachforschungen über deinen „Onkel“, habe ich herausgefunden, dass er Sozialarbeiter in einem Kinderheim ist. Ich habe mich ausgiebig mit dem Thema befasst, und dann vieles an deinen Reaktionen mir gegenüber verstanden.“

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte, mir gingen gerade so viele Dinge durch den Kopf, besonders, ob ich nun meinem Dad, etwas anvertrauen sollte, was ich mit mir herumtrug.

„Dich beschäftigt aber auch irgendetwas und ich denke mal, dass hat jetzt nichts mit dem zu tun, was ich dir eben erzählt habe.“

Mir kam die Frage auf, wer der Psychologe in unserer Familie war, er hatte mich eiskalt erwischt.

„Ich weiß nicht, ob dass jetzt hier her passt…“, meinte ich leise.

„Wenn wir doch gerade schon bei den Wahrheiten sind?“

Dad hatte seine Stirn in Falten gelegt und schaute mich durchdringend an.

„Es ist nicht so leicht für mich … Dad, weiß nicht wie ich es sagen soll…“

„Könnte es etwas mit Diego zu tun haben?“

Was wusste dieser Mann und warum grinste er so wissend? Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoss, schaute kurz auf und nickte.

„Flo…, ich habe soviel gelesen in der letzten Zeit und bei manchen Dinge musste ich oft an dich denken. Es passte alles so zu dir, erklärte mir dein Verhalten mir gegenüber.“

„Weil ich schwul bin?“, fragte ich kleinlaut.

„Ja!“

„Du wusstest das?“

„Nicht direkt, aber ich vermutete es!“

„Und Mum? Und Oliver?“

„Mit denen habe ich nicht darüber geredet. Aber Florian, danke, dass du mir es sagst!“

Huch, das ging ja jetzt leichter als ich dachte. Etwas beschämt, traute ich mir wieder in die Augen meines Vaters zu schauen, die mich, jedenfalls nicht böse anschauten.

„Du bist mir nicht böse?“

„Warum sollte ich?“

„Ach ich weiß auch nicht…, ich habe soviel Gedanken im Kopf und nun deine Geschichte noch von deinem Bruder… ich hab Chaos im Hirn.“

„Das wollte ich nicht, Junge!“

„Nicht schlimm Dad, mich freut mehr, das wir mal länger als eine halbe Stunde zusammen sind und reden, anstatt uns anzugiften, wie wir es früher getan haben.“

Er nickte mit einem Lächeln und steckte sich eine weitere Kippe an. Plötzlich hatte ich einen Einfall.

„Was hältst du von einem Praktikum in einem Kinderheim?“

„Bitte?“

„Ich meine, ich könnte doch ein Praktikum machen, da wo mein Onkel arbeitet.“

Ich spürte, wie es im Kopf meines Vaters begann zu arbeiten.

„Ich weiß nicht Recht“, gab er zur Antwort.

„Du kannst dir es ja in Ruhe überlegen, aber erstmal sollten wir nach Möbel gucken, sonst wird sich Mum fragen, was wir den ganzen Morgen gemacht haben.“

„Stimmt Junge, an die Möbel habe ich überhaupt nicht mehr gedacht.“

„Okay, dann zahlen wir und schreiten zur Tat!“

Nun lachte mein Dad und er gefiel mir so schon viel besser.

***

Dass wir einen unterschiedlichen Geschmack hatten, was Möbel betraf, war mir ja schon vorher klar, aber das mein Dad nun meinte, er müsste mich auf eine Trendlinie drücken und mein Zimmer so einrichten, wie es ihm gefiel, war er schief gewickelt.

Es brauchte einige Überredungskunst, ihm die Designermöbel auszureden. Und es dauerte noch eine Stunde, ihn davon zu überzeugen, welche Möbel ich gerne hätte.

Bereitwillig unterschrieb er die Bestellung, an deren Rechnungsbetrag nun doch eine vierstellige Zahl stand. Wenn er mich schon nicht überzeugen konnte, seine Vorstellungen von Möbeln mit einzubeziehen, so wollte er doch gute Qualität kaufen.

Dass er mehrere Male seine Hand auf die Schulter legte, oder durch mein Haar wuschelte, war mir nicht verborgen geblieben. Seine Nähe tat mir gut, ich war glücklich. Wieder zurück, wollte er gerade die Haustür aufschließen, doch er drehte sich kurz zu mir um.

„Dein Vorschlag ist gut, aber wie willst du das anstellen?“

Die Gedankensprünge meines Dad’s würden sich wohl auch nie ändern.

„Was meinst du bitte?“, fragte ich

„Dieses Praktikum in dem Kinderheim.“

„Hast du eine Telefonnummer?“

„Für was benötigst du die?“

„Anfragen, ob sie Praktikanten nehmen und dazu brauch ich nun mal eine Telefonnummer oder eine Adresse.

„Liegt oben im Büro!“

Ich lächelte und er schloss endlich die Tür auf.

„Da seid ihr ja endlich!“, rief uns Oliver entgegen, „Mum ist in einer Konferenz und euch konnte ich nicht erreichen. Dad’s Handy lag im Wohnzimmer.“

„Was ist denn los?“

„Wir müssen zum Tierarzt, Asta hustet schon die ganze Zeit Blut!“

„Bitte?“, fragte Dad schockiert.

Wir folgten Oliver auf die Terrasse, wo Asta auf einer Decke lag. Daneben stand ein Eimer mit blutverschmierten Papiertüchern.

„Mein Gott Asta!“, rief Dad und beugte sich zu ihm hinunter.

Asta schien uns bemerkt zu haben, aber auch zu schwach um sich zu erheben. Er hob kurz den Kopf, ließ ihn aber gleich wieder sinken.

„Oliver, hole aus der Garage die Decke von Asta und lege sie auf den Rücksitz vom Mercedes. Florian, nimm du bitte die Papierrolle mit, ich werde Asta hinaustragen!“

Er drückte mir den Schlüssel in die Hand und hob Asta hoch, der etwas jaulte und wieder anfing zu husten. Dann sah ich, dass er wirklich Blut hustete, alles auf Dad’s Pullover, dem das aber egal zu sein schien.

„Flo, bitte, gehe voraus und öffne mir die Haustür!“

Ich löste mich aus meiner Starre und rannte voraus. Oliver stand schon am Wagen und ich öffnete den Mercedes per Funk. Schnell hatte Oliver die Decke ausgebreitet und Dad konnte Asta ablegen.

Ich wiederum rannte ins Haus, schloss schnell die Terrassentür, schnappte mir Dad’s Handy und rannte wieder hinaus zum Auto. Der Motor lief schon, Oliver saß bei Asta hinten und die Tür zum Beifahrersitz stand noch offen.

Ich sprang hinein, konnte gerade noch die Tür zuziehen, schon gab Dad Gas. Mir wurde etwas schlecht, weil Dad wirklich fuhr wie ein Henker. Sogar über eine rote Ampel fuhr er und beim Tierarzt, auf dem Parkplatz, quietschten die Reifen.

Er sprang aus den Auto lief herum und holte Asta aus dem Wagen. Mit Oliver rannte er in die Tierklinik. Ich zog den Schlüssel vom Zündschloss ab, stieg ebenso aus und schloss den Wagen.

Wie oft war ich hier als Kind mit Asta, als er Spritzen bekam. Langsam trabte ich den Zweien hinterher. Ich sah auf dem Boden ein paar Blutflecken, nahm ein tempo und wischte sie weg. Dad war anscheinend mit Asta gleich dran gekommen, denn ich konnte sie nirgends sehen.

Nur eine Dame hinter der Theke lächelte mich an.

„Was kann ich für sie tun?“, fragte sie.

„Mein Vater ist eben mit einem Hund angekommen“, antwortete ich.

„Behandlungszimmer drei!“, entgegnete sie mir nur und wies in die Richtung der Zimmer.

Also folgte ich ihrem Hinweis und wurde auf fündig. Oliver stand im Flur.

„Wo ist Asta und Dad?“, fragte ich.

Da drinnen zum Röntgen.

„Röntgen?“

„Ja, Dr. Kimmerling will die Lunge röntgen.“

Ich wusste nicht was ich sagen sollte und setzte mich einfach neben Oliver. Dabei berührte ich sein Bein und spürte wie er zitterte.

„He, großer, es wird schon!“, sagte ich und nahm ihn in den Arm.

„Er hat einfach angefangen zu spucken, ich konnte überhaupt nichts machen.“

„Oliver, du hast doch keine Schuld daran.“

Ich sah Tränen in seine Augen und drückte ihn noch fester an mich. Leise begann er zu weinen, legte seine Kopf auf meine Schulter.

Wer hätte gedacht, dass mein Bruder so viele Gefühle zeigen kann. Ich wunderte mich über mich selbst, dass ich nicht ebenso wie er fühlte, aber Asta war immer auf Oliver fixiert gewesen, also mehr sein Hund.

Ich hatte das ihm nie zum Vorwurf gemacht, warum denn auch. So saßen wir eine ganze Weile da, bis plötzlich etwas in meiner Jacke zu fiepen begann. Ich erinnerte mich, dass ich Dad’s Handy in der Jackentasche hatte und zog es heraus.

Mum! Ich nahm das Gespräch entgegen.

„Hallo Mum, ich bin es, Florian.“

„Florian? Ist etwas mit deinem Vater passiert? Man sagte mir Oliver hat mich versucht zu erreichen, aber zu Hause meldet sich keiner.“

„Wir sind alle drei in der Tierklinik… Asta geht es nicht gut?“

„Was hat er denn?“, fragte sie besorgt.

„Er hustet Blut.“

„Okay Florian, ich bin bald bei euch!“

Antworten konnte ich nicht mehr, denn meine Mutter hatte bereits das Gespräch beendet. So steckte ich das Handy wieder zurück in die Jackentasche. Die Tür ging auf und Dad trat heraus.

„In einer Viertelstunde wissen wir mehr!“, sagte er nur und durchsuchte wieder seine Taschen. Als er die Zigaretten heraus zog schüttelte ich nur kurz den Kopf.

„Nicht hier Dad!“, meinte ich.

„Was? Ach so, ja klar!“, sagte er und steckte die Schachtel wieder ein.

Nervös lief er den Gang rauf und runter. Es war eine Weile vergangen, als die Tür zum Gang aufgestoßen wurde und Mum herbeistürmte.

„Was ist mit Asta?“, fragte sie und drückte kurz Dad.

„Wissen wir noch nicht. Er wurde gerade geröntgt. Hilbert vermutet, dass etwas mit der Lunge nicht stimmt.“

„Der arme Kleine!“

Wieder wurde die Tür aufgestoßen und da kam doch tatsächlich auch noch Christian.

„Ich habe ihn in der Bank angerufen“, erklärte Mum.

Was war das hier? Irgendwie kam ich mir fehl am Platz vor. Christian bemerkte mich nicht mal, sondern ging gleich zu unseren Eltern.

„Und?“, konnte ich ihn fragen hören.

„Wissen wir noch nicht“, kam es von Dad.

„Hallo Christian!“, sagte ich etwas lauter.

Der drehte sich um und schaute erstaunt.

„Flo, du? Wow ich wusste nicht, dass du schon da bist!“

Na toll, wenn es dem Hund dreckig geht, wird gleich ein jeder informiert. Kommt der Sohn nach einen Jahr nach Hause… nein ich blieb ruhig und ließ mir nichts anmerken. Oliver stand auf und lief zu Christian.

Er fiel ihm in die Arme und schluchzte dort weiter. Nun saß ich alleine auf den Stühlen, kam mir merkwürdig vor, irgendwie ausgeschlossen. Ich stand auf, gab Dad sein Handy und die Schlüssel für den Wagen und ging ohne ein Ton zu sagen, einfach hinaus.

Draußen angekommen, setzte ich mich auf eine großen Stein. Ich wusste jetzt nicht, was ich von all dem halten sollte. Gut ich war ein Jahr weg, habe ein Jahr nicht an dieser Familie teilgenommen, aber jetzt, hallo ich war wieder da.

Plötzlich dachte ich an Diego, der mir bei der Abreise zärtlich einen Kuss auf die Wange drückte und „See you – miss you!“ ins Ohr hauchte. Auch wenn durch Armut und Notstände, die Leute in Mexiko da unten nicht viel hatten, Diego verstand es immer, eine kleine, heile Welt zu schaffen, in der ich mich wohl und geborgen fühlte.

„Na du… alles okay?“

Ich schreckte aus meinem Tagtraum und drehte mich um. Christian stand vor mir. Er wuschelte mir übers Haar und lächelte mich an.

„Ja, alles klar!“, antwortete ich.

„Du siehst gut aus!“

„Danke“, erwiderte ich knapp.

„Heute gekommen?“

„Nein, ich bin schon gestern angekommen.“

„Und schon eingelebt?“

Was sollte das jetzt… Frage – Antwortspiel, oder wie hält man mühsam eine Unterhaltung aufrecht?

„Geht so, richtig da bin ich noch nicht.“

„Wird schon“, meinte er und hob mir Zigaretten entgegen.

Schon die zweite heute, dachte ich und nahm mir eine.

Nun kamen auch Mum mit Oliver im Arm, der immer noch weinte aus der Klinik gelaufen. Sie schaute uns an und schüttelte den Kopf.

„Was ist den?“, fragte Christian.

Astas Lungen sind voll mit Metastasen, Hilbert meint, es wäre besser für ihn, in einzuschläfern.

„Das bekommt man doch nicht von jetzt auf nachher, dass hätte man doch merken müssen!“, sagte Christian vorwurfsvoll.

„Ich habe nichts gemerkt!“, kam es weinerlich von Oliver.

Ich stand auf und schnippte die Kippe weg, sagte aber keinen Ton. Ich blieb einfach abseits stehen. Der Hund war jetzt im Augenblick wichtiger und ich steckte einfach zurück. Es tat weh, nicht mit einbezogen zu werden.

Oder reagierte ich zu empfindlich, mutierte zur Zicke? Dad kam heraus mit glasigen Augen.

„Hilpert kümmert sich um alles!“, sagte er zu Mum und streichelte Oliver über den Kopf.

„Tut mir leid, Oliver“, meinte er noch, bevor er an den Wagen lief.

***

Ich saß in meinem Zimmer und schaute auf das Bild von Diego. Etwas traurig ließ ich mich auf mein Bett fallen starrte auf die Decke. Es klopfte leise an meiner Tür, aber ich hatte keine Lust Antwort zu geben.

Langsam öffnete sich die Tür und Dad schaute herein.

„Stör ich?“, fragte er.

„Nein.“

Er schloss die Tür und setzte sich zu mir aufs Bett.

„Wird wirklich Zeit, dass du Möbel bekommst, hier sieht es so leer aus.“

„Leer? Bisher hat mir das immer gereicht…“

Er schaute mir in die Augen.

„Das heut Mittag hat dir nicht gefallen, stimmt’s?“

Ich wollte nichts dazu sagen, starrte einfach weiter zur Decke.

„Flo sieh mal, du warst ein Jahr weg, meinst du, das Leben ist hier stehen geblieben?“

„Das habe ich nicht gesagt“, sagte ich trotzig.

„Du weißt der Mensch ist ein Gewohnheitstier und ich denke, es wird auch jetzt wieder alles normal, wenn du eine Weile wieder da bist.“

„Wenn ihr euch wieder an mich gewöhnt habt?“

„Florian, du weißt ganz genau wie ich das meine! Weißt du wie oft ich in deinem Zimmer gestanden habe? Wie oft ich dich einfach gern bei mir gehabt hätte?“

Er legte seine Hand auf meinen Arm.

„Sei bitte nicht böse Flo, das wird sich alles einrenken!“

„Ich bin nicht böse, es tat nur so weh, ich kam mir so ausgeschlossen vor, als gehöre ich nicht mehr zur Familie!“

„Flo, du bist mein Sohn, du wirst immer zur Familie gehören.“

„So wie dein Bruder?“

Okay, das war jetzt gemein. Ich war zu weit gegangen, Dad’s Gesicht verfinsterte sich. Ich beugte mich nach vorne und umklammerte ihn

„Tut mir leid Dad, das hab ich nicht so gemeint!“

Er strich mir durchs Haar sagte aber kein Ton. So saßen wir eine ganze Weile da. Keiner von uns Beiden sagte ein Wort.

„Ich habe dir die Adresse mit Telefonnummer heraus gesucht.“

„Ich löste mich aus der Umarmung und sah ihn an.“

„Glaubst du es gelingt?“

„Wie ich dich kenne, mache ich mir keine Gedanken, bisher hast du alles geschafft, was du dir vorgenommen hast!“

Ich lächelte. Er drückte mich noch mal kurz an sich, bevor er mein Zimmer verließ. Ich stand auf legte den Zettel auf meinen Tisch und verließ ebenso mein Zimmer. Ich lief über den Flur bis zu Olivers Tür und klopfte sanft.

Als kein Laut aus dem Zimmer kam, betrat ich es einfach. Oliver lag in seinem Bett und weinte leise vor sich hin. Ich schloss die Tür wieder und setzte mich zu ihm aufs Bett. Anscheinend hatte er mich überhaupt nicht war genommen.

„He, großer es tut mir leid…“, begann ich.

Er reagierte nicht und wimmerte nur leise weiter. Also beschloss ich wieder zu gehen. Unten angekommen, ging ich in das Büro meines Vaters. Ich klopfte, aber von drinnen war nichts zu hören.

Ich drückte die Klinke hinunter und schaute ins Zimmer. Es war leer. So ging ich hinein und umrundete den alten großen Schreibtisch. Ich zog den großen Lederstuhl nach hinten und setzte mich darauf.

Ich griff in die Brusttasche meines Hemdes und zog den Zettel hervor, den mir Paps vorhin gegeben hatte. Ich studierte noch einmal kurz die Nummer, bevor ich den Hörer nahm und die Nummer eingab.

Es tutete eine Weile und ich wollte schon auflegen, als dann doch eine Verbindung zu Stande kam.

„Martens!“

Jetzt stand ich auf dem Schlauch, der Mann auf der anderen Seite hatte den selben Nachnamen wie ich.

„Hallo, ist da jemand?“, hörte ich ihn sagen.

„Ja, Entschuldigung, ich war kurz etwas verwirrt“, antwortete ich.

„Und wie kann ich ihnen helfen?“, hörte ich die Stimme sagen.

„Also ich… Florian ist mein Name… wollte sie fragen, ob man bei ihnen im Heim ein Praktikum machen kann?“

„Klar geht das, wäre es aber nicht besser, sie würden vorbei kommen und sich persönlich vorstellen und erst einmal umschauen, ob dies hier das Richtige für sie ist?“

„Also ich habe erst gerade ein soziales Jahr in Mexiko abgeschlossen und viel mit Kindern und Jugendlichen zu tun gehabt, aber ich würde gerne vorher bei ihnen vorbei schauen.“

„Und wann hätten sie Zeit… Chris hör auf Kevin zu ärgern, du weißt, er kann sich nicht wehren… entschuldigen sie bitte, aber hier ist gerade wieder ein kleiner Tumult im Haus.“

„Kein Problem. Wie wäre es denn Morgen?“, fragte ich.

„Moment, ich muss nachschauen, wann wir hier etwas Luft haben.“

Ich hörte Blättergeraschel.

„Würde es gegen zehn Uhr gehen? Da sind alle aus dem Haus, auch die Kleinen im Kindergarten.“

Da ich im Augenblick ja nichts weiter vorhatte, keine Planung bestand sagte ich natürlich zu. Ich verabschiedete mich höfflich und beendete das Gespräch. Kaum hatte ich aufgelegt, öffnete sich die Zimmertür und Paps kam herein.

„Nanu, du hier?“

„Ja, ich habe mich gerade beim Kinderheim beworben.“

„Und?“

„Ich soll mich morgen um zehn Uhr vorstellen kommen.“

„Das ging aber flott.“

Er schaute mich kurz etwas durchdringend an.

„Hast du noch was auf dem Herzen?“, fragte er.

„Weißt du, wie dein Bruder mit Nachnamen heißt?“

Als würde bei meinem Vater ein Licht aufgehen, veränderte sich seine Gesichtmimik.

„Oh, entschuldige, dass hätte ich dir vorher sagen sollen. Er trägt unseren Familiennamen, meine Vater hatte ihn kurz vor seinem Ableben adoptiert.“

Still saß ich da und schaute ihn an. Er sagte aber nun ebenso nichts, so entstand eine längere Pause.

„Flo, ich weiß, dass ist jetzt alles so komisch… neu… unfassbar.“

Ja, mit unfassbar traf er das ganz genau.

„Soll ich für dich anrufen und das Ganze wieder abblasen?“

Ich schüttelte den Kopf. Irgendwo tief in mir drin, sagte mir etwas, dass ich dies machen sollte, dass es das Richtige war.

„Fährst du mich morgen dahin?“

Ohne in seinen Terminkalender zu schauen nickte er, was mich wiederum verwunderte.

„Danke Flo!“

„Nichts zu danken!“, antwortete ich und ließ meinen Vater alleine in seinem Arbeitszimmer.

Sollte ich noch einmal nach Oliver schauen, oder mich einfach in mein Zimmer zurück zuziehen? Ich beschloss in den Garten zu gehen. So genau war noch keine Zeit, diesen chinesischen Garten meiner Mutter zu betrachten.

Also öffnete ich die Terrassentür und lief hinaus. Verschiedene Wege bahnten sich durch Sträucher und Bambusstöcken. Ich schlug einfach einen Weg ein und folgte ihm. Erst jetzt fielen mir die Blumen auf, die dort neben den gepflasterten Wegen wuchsen.

Es war einfach herrlichen Farben und auch der Duft der Blüten stieg mir in die Nase. Nach einer Wegbiegung fand ich ein kleines Häuschen, gebaut wie ein Minitempel, wie man ihn zu dutzenden in China wohl fand.

Ich steckte meinen Kopf durch den Eingang und hatte eigentlich so einen dicken Buddha erwartet, aber hier stand außer einer Bank und ein paar Kerzenhalter nichts im Raum. Also ließ ich mich auf die Bank nieder und ließ meinen Blick durch diesen kleinen aber sehr sauberen Raum wandern.

Die Wandmalereien waren interessant. Fasziniert schaute ich mir die aufgemalten Landschaften an. Mein Blick blieb an einem See haften. Augenblicklich hatte ich wieder Diego vor Augen.

Eng umschlungen am Ufer liegend… ich hörte sogar, das Wasser plätschern und Stimmen. Stimmen? Ich zuckte zusammen und merkte, dass ich mit offenen Augen geträumt hatte. Das Plätschern und das Wasser waren aber geblieben.

Ich stand auf und verließ diesen Minitempel und folgte den Geräuschen. Hinter einem Art Riesenbonsai konnte ich in den Nachbargarten blicken. Wie gestern war da Simon, aber diesmal nicht mit Pia, seiner Schwester, sondern einem anderen Jungen.

Ich erwischte mich dabei, wie ich deren Körper fixierte. Oh Mann, hatte ich es so nötig? Klar mir fehlte Diego wahnsinnig,  aber hier jetzt wie ein Spanner hinterm Busch zu stehen und zwei Jungs zu beobachten, die im Wasser herumtollten und sich küssten… bitte die küssten sich!

Mir blieb die Luft weg. Simon küsste einen Jungen…, ich rieb meine Augen. Hatte ich jetzt Wahnvorstellungen? Nein, es war eindeutig ein Kuss und das Wesen in Simons Arm, war ein… göttliches Wesen. Ich wischte mir über den Mund, begann ich jetzt schon an zu sabbern.

Ich drehte mich um und rannte den Weg zurück, den ich gekommen war. Kurz vor dem letzten Busch knallte ich mich Oliver zusammen.

„Hast du sie nicht mehr alle, was ist denn in dich gefahren“, schrie mir Oli entgegen.

Das Plätschern verstummte augenblicklich.

„Entschuldigung, ich habe dich nicht gesehen“, antwortete ich.

„Aber warum rennst du wie ein Irrer durch Mum’s Garten? Ist dir ein Geist begegnet?“

Ein Geist? Nein zwei küssende Jungs.

„Könntest du mal etwas leiser reden, dich hört man ja in der ganzen Nachbarschaft“, versuchte ich ihn zu besänftigen.

„Wer denn?“

„Simon, zum Beispiel!“, flüsterte ich nun fast.

„Na und? Der ist jeden Mittag im Pool.“

Seine Stimme hatte endlich wieder Normalton angenommen.

„Aber küssend mit einem Junge?“, rutschte mir heraus.

Oh Mann, warum hatte ich die Begabung immer alles zu sagen, was ich dachte.

„Ja, dass ist sein Freund Lars, die sind schon seit drei Monaten zusammen, haben sich im Internat kennen gelernt.“

„Du hast nichts gegen Schwulsein?“, fragte ich jetzt doch etwas verwirrt.

„Nein, warum sollte ich?“

Ich merkte, wie mir das Blut in den Kopf stieg. Ich stand wieder auf und streifte den Dreck von meinen Klamotten.

„Warum fragst du?“, fragte Oli, der nun auch wieder aufstand.

„Ich… ich…“

„Oliver, bist du das?“, rief es aus dem Nachbar Garten.

„Ja und Florian ist auch bei mir“, tönte mein Bruder.

„Florian ist wieder da?“, hörte ich Simons Stimme.

„Ja, seit gestern.“

„Nun kommt doch mal an den Zaun, ich möchte hier nicht die ganze Nachbarschaft unterhalten.“

Mein Bruder schob mich vor sich her, wieder denselben Weg, den ich eben zurück gerannt war, bis wir endlich am Zaun waren. Vor mir tauschte Simon und dieser Lars auf, mir blieb fast die Luft weg.

Vom meinem Balkon aus, sah Simon ja schon gut aus, aber dass, was sich nun vor mir präsentierte, hatte rein gar nichts mehr von dem Simon, den ich mal kannte.

„He Florian, schön dich wieder zu sehen!“, kam es von dem Selbigen.

„Hallo Simon!“

„Darf ich dir meinen Freund Lars vorstellen?“

„Hallo Lars!“

„Hallo Florian, habe schon viel von dir gehört.“

„Von mir?“, fragte ich jetzt noch mehr verwirrt.

„Ja klar! Simon hat mir laufend von dir vorgeschwärmt, als ich ihn kennen gelernt hatte.“

„Lars, jetzt übertreib nicht“, meinte Simon und knuffte ihn in die Seite.

Da ich davon ausging, dass beide meine Und Olivers Unterhaltung mitbekommen hatten, wunderte mich es nicht, dass sie jetzt so unbefangen vor mir sprachen.

„Ich übertreibe nie, da kam Flo da, Flo hier!“, widersprach Lars.

Simon wurde rot, aber ich auch.

„Recht hattest du ja, Florian ist wirklich ein süßer Schnuckel, aber ich denke mal, ich brauch mir keine Gedanken machen, er ist zwei Jahre älter als du und zu dem ja nicht schwul!“

Was soll ich jetzt machen, hysterisch loslachen? Weglaufen? Gegenangriff… Lars schien sich seiner Sache so ziemlich sicher zu sein.

„Lars… ich bin zwar älter als Simon, aber das mit dem schwul stimmt nicht!“

Nun kullerten drei Kinnladen vor mir auf den Boden.

„Was?“, rief Oliver plötzlich.

„Sorry Bruderherz, ich wollte dir das eigentlich auf einem anderen Weg sagen.“

Oliver drehte sich um und ging.

Simon und Lars schauten mich immer noch an, als wäre ich aus Gold.

„Jungs, tut mir Leid, aber ich denke, ich muss mich erst mal um meinen Bruder kümmern. Man sieht sich!“

Und so ließ ich die beiden stehen und folgte meinem Bruder. Er stand auf der Terrasse, mir den Rücken zugedreht.

„Oliver… was ist?“, fragte ich leise.

„Vertraust du mir so wenig?“, kam die Gegenfrage.

„Was hat das mit Vertrauen zu tun?“

„Bitte? Ich bin dein Bruder, wir haben uns früher immer alles erzählt!“

„Ja früher, aber ich war ein Jahr nicht da und da hat sich einiges geändert!“

„Was soll sich denn geändert haben? Ich bin noch so, wie ich war.“

Er hatte sich mittlerweile herum gedreht und schaute mich an.

„Ich aber nicht, dies eine Jahr hat soviel in mir verändert soviel in mir bewegt und dann komm ich heim und fühl mich irgendwie ausgeschlossen, weil es eben nicht mehr das zu Hause ist, dass ich verlassen habe.“

Oli schaute mich schockiert an.

„Entschuldige, ich wollte dich nicht verletzten, aber ich kann doch nicht einfach zu dir kommen und sagen hallo Oli dein Bruder ist schwul! Wie stellst du dir das vor?“

Ich spürte selber, dass ich mich im Ton vergriff, aber mir platze langsam der Kragen.

„Klar tut mir das auch weh, das Asta eingeschläfert werden musste, aber das sogar Christian mich so begrüßte, als würde er mich jeden Tag sehen, tat schon unheimlich weh… vielleicht hätte ich doch in Mexiko bleiben sollen!“

Jetzt war ich derjenige, der weg lief, doch Oliver hinderte mich daran, indem er mich an der Hand festhielt. Er fiel mir um den Hals und fing an zu weinen.

„Ich muss doch erst einmal mit mir selber ins Reine kommen“, sagte ich nun fast heißer und begann ebenso zu weinen an.

„Tut mir leid Flo, ich habe da nicht drüber nachgedacht“, sagte Oliver und hob seinen Kopf um mich anzuschauen.

„Wer hätte das gedacht, mein kleiner Bruder ist schwul…!“

Jetzt lächelte Oliver etwas und ein Geräusch ließ uns zum Balkon blicken. Da standen Dad und Mum. Sie hatte ebenso Tränen in den Augen und mein Dad zwinkerte mir lächelnd zu. Sie hatten anscheinend alles mitbekommen und ich befürchte die ganze Nachbarschaft ebenso, was mir aber egal war.

Meine Eltern kamen zu uns und nahmen uns auch in den Arm.

*-*-*

Ich überprüfte meine Klamotten im Spiegel. Meine… ich musste grinsen. Natürlich hatte ich mir wieder etwas von Oliver geliehen um doch etwas Eindruck zu schinden, wenn ich mich nachher im Kinderheim vorstellen wollte.

Es klopfte an meiner Tür und mein Dad schreckte den Kopf herein.

„Bist du fertig, können wir?“, fragte er.

„Wenn du mich so mitnimmst?“

„Klar, aber bist du sicher, ob du dich so vorstellen willst?“

„Wieso?“, fragte ich und schaute an mir herunter und mir fiel gleich auf, was er meinte.

Ich hatte noch keine Socken und Schuhe an. Das war wirklich etwas, woran ich mich gewöhnen musste. Ich ließ mich aufs bett fallen schnappte mir Socken und zog sie an, das Gleiche folgte mit den Schuhen.

„So und los kann es gehen.“

Ich schnappte mir meinen Rucksack und folgte meinem Vater nach unten. Kurz verabschiedeten wir uns noch von Mum, die sonderbarerweise noch zu hause war und schon ging es ab mit dem Auto.

Mein Vater saß ruhig neben mir, aber ich spürte die Nervosität in ihm.

„Kommst du dann noch mit hinein?“, fragte ich.

„Wie? Was hast du gesagt?“, kam die Gegenfrage.

„Ich habe gefragt, ob du noch mit reinkommen willst?“

„Nein… noch nicht.“

Die weitere Fahrt verlief sehr ruhig, beide starrten wir auf den Verkehr und doch denke ich hatten wir beide dieselben Gedanken. Nach circa einer halben Stunde hatten wir das Kinderheim in der Nachbarstadt erreicht.

Mein Vater verabschiedete sich kurz von mir und fuhr, wie soll man sagen, eben wie eine gesengte Sau davon, seine Reifen quietschen sogar. Ich schaute ihm noch nach und schüttelte ungläubig den Kopf.

Dann drehte ich mich um und schaute mir das Haus näher an. Ein grauer Kasten, der mich stark an meine alte Schule erinnerte. Ich atmete noch einmal tief durch und betrat das Haus. Mir fielen gleich die bunt bemalten Wände in Eingangsbereich auf, was mir aber auch sehr gefiel, ebenso die vielen Grünpflanzen.

Was mich aber auch wieder wunderte, dass die bei einer Horde Kinder, die hier bestimmt wohnten noch so unbeschadet aussahen.

„Kann ich ihnen helfen?“

Ich fuhr zusammen, denn ich hatte nicht gemerkt, dass sich jemand mir genähert hatte. Eine kleine Drehung nach rechts und mir stockte der Atem. Da stand… nein das konnte nicht sein…

„Ist ihnen nicht gut?“, fragte mein Gegenüber.

Ich schüttelte kurz den Kopf.

„Doch… ach so. ich bin Florian… ich habe gestern wegen eines Praktikums hier angerufen und sollte mich heute vorstellen.“

„Florian… und weiter?“

„:..Marten…“

Mein Gegenüber sah mich verwundert an.

„Ja, so heiße ich!“, sagte er.

„Ähm… ich meine, ich auch, Florian Marten.“

Vor mir stand mein Dad, nein nicht mein Dad, sondern sein Bruder. Konnte es sein, dass man sich so ähnlich sah? Etwas jünger eben, aber das Gesicht glich sich… einfach Wahnsinn. Wir standen da und starrten uns an. Er fand anscheinend als erstes seine Worte wieder.

„Dann gehen wir mal erst in mein Büro!“, sagte er und ich folgte ihm.

„Sie waren in Mexiko?“, versuchte er das Gespräch weiter zu führen.

„Ja, ich habe an einem Aufbauprogramm als Soziales Jahr teilgenommen.“

„Und gefallen?“

„Ja, klar. Auch wenn in Mexiko viel Armut herrscht, es ist für sich auch ein wunderschönes Land.“

„Und jetzt ein Praktikum in einem Kinderheim?“

„Ich möchte mich einfach orientieren, was ich machen will.“

„Gute Einstellung. Dann werde ich mal etwas über dieses Haus erzählen. Wir haben hier, bis auf wenige Kinder, zur Adoption frei gegeben Kids, der Rest sind Waisen. Einige darunter zeigen sich als schwierig, gerade die, die schon etwas älter waren, als sie hier abgeliefert wurden.“

Im ersten Moment hatte ich das Gefühl, er würde diesen Text nur herunter leiern, wie ein Nachrichtensprecher im Fernsehen. Aber je mehr er erzählte, umso stärker spürte ich, wie sehr er sich hier in die Sache hineinkniete, in ihr aufging.

Vielleicht ein Grund, weil er nie eine richtige Familie hatte, jedenfalls von der väterlichen Seite her. Meine soziale Ader wurde immer mehr geweckt, je mehr er aus seinem beruf hier erzählte.

„Möchten sie sich gerne ein wenig hier um sehn?“

„Ja klar und Herr Marten, ich bin zwar schon achtzehn, aber könnten sie mich bitte mit DU und Florian anreden, ich komm mir bei dem SIE etwas komisch vor.“

„Klar, wir sind hier alle per du, ich bin Jost!“, antwortete er und streckte mir lächelnd seine Hand entgegen die ich nun zum zweiten Male schüttelte.

„Danke, Jost!“

Also folgte ich Jost in das Innere des Hauses. Er zeigte mir ein paar Zimmer und ich musste  Grinsen, weil hier das Chaos herrschte, eben normale Zimmer von Jugendlichen. Bei einem Zimmer ging er sogar hinein öffnete das Fenster.

„Dass der Junge auch immer alles so dicht zu haben muss und nicht lüftet“, meinte Jost.

Hier schien jemand alleine zu schlafen, jedenfalls stand hier nur ein Bett drin.

„Einzelzimmer?“, fragte ich.

„Ja, Leon hat hier einen gewissen Sonderstatus, was nicht heißt er kann sich alles erlauben“, antwortete Jost.

„Schwieriger Jugendlicher?“, fragte ich weiter.

„Na ja, wie man es nimmt. Leon wird bald achtzehn und müsste uns dann eh verlassen, aber ich suche immer noch nach einer Lösung, ihn ordentlich unterzubringen!“

„Wieso, was ist mit ihm?“

„Das möchte ich dir jetzt nicht sagen, falls du dich mit ihm anfreunden solltest, dann soll er dir das selber sagen, ich möchte da nicht vorgreifen. Leon ist ein ganz lieber Junge, sehr ruhig und anpassungsfähig, aber er kann auch jähzornig werden. Dann ist er ungenießbar.“

Jost ließ das so im Zimmer stehen und verließ mit mir das Zimmer auch wieder.

„Wann willst du anfangen?“, fragte Jost.

„Am Liebsten gleich!“, sagte ich strahlend.

Jost grübelte kurz.

„Wäre eigentlich kein Problem, ich könnte auch die Papiere fertig machen, dass geht schneller, wenn du dabei bis. Willst du jemanden anrufen, dass du heute hier bleibst?“

„Eine gute Idee!“, meinte ich und zog mein Handy aus der Tasche.

„Lass stecken, du kannst von meinem Büro aus telefonieren.“

„Danke!“

Also folgte ich ihm durch den Wirrwarr von Gängen, wo ich mich mit Garantie verlaufen würde, in sein Büro.

„Wo sind eigentlich die anderen Mitarbeiter?“, fragte ich, als mir endlich auffiel, dass uns noch niemand begegnet war.

„Die haben jetzt eine Freistunde, weil ja alle ausgeflogen sind. Die meisten nutzen dass für Besorgungen oder Gänge auf die Ämter, was bei uns öfter anfällt.“

Etwas später wählte ich Dad’s Nummer. Jost saß an seinem Schreibtisch und schrieb irgendetwas am Computer.

„Hallo Paps, ich bin es Flo!“

„Bist du schon zu Hause?“, hörte ich meinen Dad fragen.

„Nein, ich bin noch im Kinderheim und werde auch gleich da bleiben.“

„Oh, gefällt dir die Stelle so gut?“

„Ja, sehr gut sogar.“

„Kannst du frei reden?“

„Nein.“

„Ist mein Bruder da?“

„Ja ist er!“

„Und wie findest du ihn?“

Die Stimme meines Vaters wurde immer leiser und brüchiger, als würde er weinen.

„In Ordnung, sehr nett!“

„Okay, dann will ich dich nicht weiter aufhalten!“

„Moment!“

Ich wandte mich an Jost.

„Jost, wie lange geht eigentlich mein Arbeitstag, wegen abholen oder öffentlichen Verkehrsmittel?“, fragte ich ihn.

„Wenn du willst bis nach dem Abendessen, also so gegen acht“, antwortete Jost.

Ich widmete mich wieder meinem Vater.

„Paps, wann bist du heute in der Kanzlei fertig?“

„Könnt passen, wenn du willst könnt ich um acht bei dir sein… war er das gerade… Jost?“

„Ja, war er.“

„Okay Flo, ich hole dich dann heut Abend ab, wir sehn uns Tschüss!“

„Tschüss Paps!“

Etwas nachdenklich, legte ich den Hörer wieder auf. Meinem Vater schien dass sehr nach zu gehen. Aber ich war bereit, alles zu tun, um dies aus der Welt zu räumen.

„Kanzlei Marten?“, fragte mich Jost plötzlich.

„Ja, dass ist mein Vater“, antwortete ich aus den Gedanken gerissen.

„Mit der hatten wir mal zu tun, vertrat einen Jungen, dessen Eltern ihn plötzlich zurückhaben wollten, weil da es eine Klausel im Testament des Großvaters gab und sie dann nichts erbten.“

„Und hat mein Vater gewonnen?“

„Ja, zum Glück des Jungen.“

„Was sind dass für Eltern, geben deine eigenen Sohn zu Adoption frei, und würden ihn für Geld wieder haben wollen?“

„Tja Florian, bei Geld hört vieles auf, da verkauft man notfalls sogar Kinder!“

Ich wollte gar nicht weiter denken, dass war ein Fass ohne Boden.

„Und du hast meinen Vater da nicht persönlich kennen gelernt?“

„Nein, ich war zu der zeit mit einer starken Grippe ans Bett gefesselt.“

Ich wollte einfach das Thema nicht weiter vertiefen.

„Und was soll ich eigentlich hier ganz genau machen?“, fragte ich.

„Ich würde sagen, du bleibst bei mir und schaust dir meinen Tagesablauf an. Jeder von uns ist praktisch als Hausmutter oder Vater, in meinem Fall, für einige Kinder zuständig. So die Art wie in einer Familie, die wohnen in den Zimmer Stockweise auch nebeneinander.“

„Und wer ist in deiner kleine Familie?“, fragte ich neugierig.

„Also erst einmal Leon, dessen Zimmer du vorhin gesehen hast. Dann gibt es Felix, er ist sieben, der jüngste bei mir, er bewohnt sein Zimmer mit seiner Schwester Lea, die neun Jahre alt ist. Dann gibt es Susanne zwölf Jahre alt, wohnt mit Corina dreizehn Jahre alt zusammen.“

Einen bunt gemischten Haufen, dachte ich mir.

„Und dann noch meine zwei Chaoten, Tobias und Martin, bei elf Jahre alt und die Wirbelwinde schlecht hin, aber dass wirst du noch selber merken.“

„Und hast du auch eine eigene Familie?“

„Ja, klar, ich habe sogar zwei Kinder hier vom Heim adoptiert und lebe mit ihnen und meiner Frau am Rande der Stadt.“

„Ich habe noch zwei Brüder und… und unser Hund… der ist gestern aber verstorben…“

“Das tut mir leid, was für einen hattet ihr?“

„Einen Labrador, er hatte Metastasen wurde gestern eingeschläfert…“

„Armer Hund… ich weiß, es ist vielleicht etwas zu früh dafür, aber wollt ihr wieder einen Hund?“

„Ich weiß nicht, für Oliver, wäre es ja ganz toll, er ist sehr an Asta gehangen, mit ihm groß geworden.“

„Ich frage aus dem Grund, weil meine Frau Hunde züchtet, unter anderem auch den Labrador. Vielleicht ergibt sich ja die Möglichkeit Oliver eine Freude zu machen.“

„Da muss ich erst einmal mit meinen Eltern reden!“

„Kein Problem, die Hunde rennen nicht weg.“

Das Summen des Druckers lenkte mich ab.

„So, ich mache dir jetzt ein Vorschlag. Du bleibst heute den ganzen Tag hier, schaust dir alles an und dann kannst du immer noch unterschreiben.“

Jost legte mir zwei Blätter vor, die ich erst einmal genau durchlas. Wenn ich eins von meinem Dad gelernt hatte, so war es Dokumente wo ich meine Unterschrift drunter setzte genau durch zu lesen.

„Ich habe hier sogar ein Zimmer?“, fragte ich erstaunt, als ich einen Zusatz im Vertrag lass.

„Ja, klar, es kann schon mal vorkommen, dass du über Nacht hier bleiben musst, falls es Vorkommnisse gibt, die das erfordern. Aber wie gesagt, ist dass sehr selten!“

Ich nickte ihm zu und gab die zwei Blätter zurück.

„Was mich jetzt doch wundert, warum dass jetzt so einfach war, dass ich diese Stelle bekomme, ich meine so ohne schriftliche  Bewerbung vorne weg“, sagte ich.

„Sagen wir es einfach mal so, ich habe gute Menschenkenntnisse, dass bringt der Job so eben mit sich und du gefällst mir gut, deswegen.“

Mit dieser Antwort musste ich mich wohl zufrieden geben, aber wundern tat ich mich immer noch.

„Hast du eigentlich ein Fach in der Schule, wo du gut warst?“, fragte Jost.

„Na ja, ich hatte Mathe Leistungskurs, warum fragst du?“

„Wegen der Hausaufgaben, Hilfe und Kontrolle ist hier wichtig!“

„Aha!“

Jost grinste.

„Hört sich alles schlimmer an, wie es ist, du wirst merken, hier geht es ziemlich locker zu.“

„Dann bin ich mal gespannt.“

Jost schaute auf die Uhr und räumte kurz noch etwas den Schreibtisch auf.

„So, es ist gleich zwölf Uhr, dann kommen die ersten aus dem Kindergarten“, meinte Jost.

„Und wo kann ich meine Sachen deponieren?“, fragte ich.

„Lass deine Jacke und deinen Rucksack einfach hier in meinem Büro!“

Es klopfte und eine Frau kam herein.

„Hallo Jost, ich bin wieder zurück! Oh, du hast Besuch?“

„Ja, das ist Florian, der ein Praktikum hier machen möchte, besser gesagt macht, ist schon  fast alles und Dach und Fach.“

„Hallo Florian, schön dich kennen zu lernen, ich bin die Gudrun, für die blaue Gruppe verantwortendlich.“

Fragend sah ich Jost an.

„Unsere Gruppen sind farblich eingeteilt“, erklärte mir Jost, „ich habe die rote Gruppe.“

Ich wandte mich wieder zu Gudrun.

„Hallo Gudrun“, meinte ich und reichte ihr die Hand.

Sie entführte mich dann und ich lernte den Rest der Truppe kennen, die mittlerweile alle wieder eingetroffen waren. Für jede Truppe gab es zwei Betreuer. So war Barbara mit Jost für die rote Gruppe verantwortlich.

Gudrun wurde von Johannes unterstützt, dann gab es noch die gelbe Gruppe, dort waren Andreas und Sieglinde tätig. Als Mädchen für alles gab es noch eine Zivi, Kevin. Aber am meisten beeindruckte mich Festus, der so genannte Heimopa.

Er war fürs Grobe zuständig, wenn mal kleinere Reparaturen anfielen, aber auch für die Kinder schien er ein Highlight zu sein, wie mir Gudrun bestätigte. Jost holte mich zum Essen ab.

Jede Gruppe hatte ihren eigenen Essraum mit Küche. Barbara stand am Herd und ein herrlicher Duft durchzog den Raum.

„Und wann gibt es Essen?“, fragte ich.

„Wenn auch die Großen von der Schule zurück sind, wenn es geht, essen wir immer gemeinsam“, antwortete Jost.

Draußen auf dem Flur hörte ich Gepolter und Geschrei.

„Aha, unsere Chaoten sind zurück“, hörte ich Barbara sagen.

Jost lief zur Tür und streckte den Kopf zum Flur hinaus. Ich hörte ihn nur kurz Martin und Tobias rufen und es war augenblicklich ruhig.

„Gut gezogen!“, sagte ich.

Barbara fing laut an zu lachen.

„Das hat nichts mit Erziehung zu tun, sie wissen nur, wenn sie über die Stränge schlagen, dass sie Dauerküchendienst haben, so vermeiden sie dass tunlichst, um nur den eingetragene Küchendienst zu absolvieren.“

„Auch eine Lösung!“

„Kannst du mal den Tisch decken?“, fragte Barbara.

„Klar, wenn du mir sagst, wo alles steht!“

So zeigte mir Barbara, die Plätze für Geschirr und Besteck.

„Für neun?“, fragte ich.

„Zehn, du willst ja mitessen oder?“

Ich lächelte und machte mich ans decken. Jost sorgte für die Getränke, als die Tür aufgerissen wurde.

„Hallo ich bin wieder da!“, schrie da ein kleiner Junge.

„Felix, dass ist nicht zu überhören“, meinte Jost, „Hände gewaschen?“

„Ja, guck!“

Er hob die Hände hoch und drehte sie vor Josts Gesicht.

„Gut, also ab auf deine Platz.“

Felix lief zu seinem Platz, hielt aber inne, als er mich bemerkte.

„Wer bist du denn?“, fragte Felix und bohrte mir seine Zeigefinger in den Bauch.

„Ich bin der Florian.“

„Wohnst du jetzt auch hier?“

„Nein Felix, Florian macht bei uns ein Praktikum!“, sagte Barbara.

„So wie Kevin?“, fragte Felix.

„Ja, so in etwa“, antwortete Jost, „aber nicht so lange.“

Felix drehte sich wieder zu mir.

„Spielst du nachher mit mir?“

„Klar!“, antwortete ich.

„Ja, aber erst sind die Hausaufgaben dran“, kam es von Barbara mahnend.

„Blöde Hausaufgaben“, meckerte Felix und ließ sich auf einem Stuhl nieder.

Erneut ging die Tür auf und eine ganze Meute kam herein gestürmt. Mit lauten Hallos wurde begrüßt und sich an den Tisch gesetzt. Meine Anwesenheit wurde gar nicht registriert.

„Könnt ihr mal kurz still sein, ich möchte euch Florian vorstellen!“, sagte Jost laut, was den Geräuschpegel sofort reduzierte.

Alle Augen waren auf mich gerichtet und ich ließ meinen Blick über die Gesichter wandern. Bei einem blieb ich haften und das schien wohl Leon zu sein, der aber sofort wegschaute, als sich unsere Blicke trafen.

„Florian wird die nächsten vier Wochen hier ein wenig helfen. Also seid nett zu ihm!“, meinte Jost.

„Sind wir das nicht immer?“, fragte eines der Mädchen und kicherte.

„Klar Susanne, du allen voran!“, meinte Barbara, während sie einen großen Topf mit Spaghetti auf den Tisch stellte.

„Super Spaghetti“, meinte einer der Jungs, der sicher entweder Tobias oder Martin war.

Er hatte sich bereits über den Topf gebeugt und wollte sich herausschöpfen, als ihn Jost mahnte sich wieder zusetzten.

„Florian, du setzt dich am Besten neben Leon, da ist noch ein freier Platz.“

Ich nickte und umrundete den Tisch. Dass die Augenpaare der Kids weiterhin auf mich gerichtet waren, störte mich nicht weiter. Bis auf Leon, der stur zum Tisch schaute. Ich setzte mich neben ihn und Barbara und Jost kamen ebenso zu Tisch, mit einem weiteren Topf und Salat.

Das Essen wurde verteilt und dann ging es los, sechs hungrige Mäuler stürzen sich aufs Essen. Leon neben mir, stocherte eher im Salat herum.

„Kannst du mir mal bitte den Salat reichen?“, fragte ich ihn.

Erschrocken schaute er kurz auf, gab mir aber schließlich den Salat, bevor er sich wieder seinem Essen widmete.

„Jost erzählte mir, du warst ein Jahr in Mexiko?“, fragte mich Barbara.

„Ja, als Aufbauhelfer. Es sind zwar schon zwei Jahre vergangen, seit dem letzten Erdbeben in Mexiko, aber bei den Armen, hat sich da nicht viel geändert, vieles liegt noch in Schutt und Asche.“

„Und, was genau habt ihr dort gemacht?“, fragte Barbara weiter.

Am Tisch wurde es langsam ruhig, jeder hörte auf das, was ich erzählte. Ich begann von der Schule zu erzählen, die wir in Leichtbauweise dort errichtet hatten und dass ähnlich wie hier, die Kinder dort ein Mittagessen bekamen.

Auch das der Strom dort rar war, oft einfach abgeschaltet wurde. Auf einem Kommentar von Tobias fingen alle an zu lachen, dass es nichts für ihn wäre, wenn er keine Musik mehr hören konnte.

Auf mein Erzählen, dass dort fast niemand ein Radio, geschweige denn ein Fernseher besaß, verstummte es wieder am Tisch. Auch erzählte ich vom dortigen Kinderheim, wie viele Kinder sich ein Zimmer teilten.

„Will noch jemand ein Nachtisch?“, fragte Barbara um die Stille zu beenden.

Fast alle bejahten dies und so verteilte sie an jeden einen Pudding. Als auch dieser vertilgt war, standen die Kids auf und trugen ihr Geschirr zur Spüle. Leon nahm wortlos meinen Teller mit.

Jost hob erstaunt seine Augenbraun und lächelte mich an.

„Was ist?“, flüsterte ich.

„Dass tut er sonst nie!“, antwortete Jost ebenso leise.

Auch Barbara schaute uns verwundert an. Da es eine festen Küchenplan gab, blieben Felix und Tobias zurück, während die Anderen die Küche wieder verließen. Ich folgte Jost, während Barbara bei den Zweien blieb.

„Wenn du willst, kannst du zu Leon, ich weiß nicht, aber er hat sich heut so anders am Tisch verhalten, sonst kommen meist kurze Bemerkungen von ihm, die, die anderen aber nicht wahrnehmen.“

„Ich habe bemerkt, dass er die ganze Zeit geschwiegen hat.“

„Vielleicht kannst du ja das Eis bei ihm brechen, du hast ja ungefähr sein Alter.“

Jost schaute mich durchdringend an.

„Was?“, fragte ich.

„Tut mir Leid…, aber die ganze Zeit überlege ich, ob ich dich nicht kenne, du kommst mir so bekannt vor.“

Sollte ich etwas sagen? Nein, das war zu früh, aber woher sollte er mich auch kennen. Ich war sein Neffe, aber das wusste er ja nicht.

Ich wüsste nicht woher“, antwortete ich nur.

„Egal. Also schau mal bei Leon rein, wir sehn uns später wieder.“

*-*-*

Es war schon eine komische Situation, dass musste ich zugeben und am liebsten wäre ich jetzt bei Dad um mit ihm reden zu können. So entschloss ich mich, kurz auf die Terrasse hinaus zu gehen um ihn anzurufen.

Leider hatte ich Pech. Seine Sekretärin sagte mir, er wäre in einer Besprechung und könnte nicht gestört werden. Artig bedankte ich mich und betrat wieder das Haus. Aus den Zimmern konnte ich leise Musik hören.

Bei einem Lied der Schlümpfe musste ich Lachen, das war bestimmt Felix Zimmer. Ich ging also weiter, bis ich an der Tür zu Leons Zimmer angekommen war. Sachte klopfte ich und wartete.

„Ja?“, war von drinnen zu hören.

Langsam öffnete ich die Tür und schaute hinein.

„Kann ich dir etwas Gesellschaft leisten?“, fragte ich.

Er schaute mich kurz an und nickte nur. Ein Wandel war durch das Zimmer gegangen. Wo heute Morgen noch das Chaos herrschte, war jetzt alles ordentlich einsortiert.

„Hast du aufgeräumt?“, fragte ich.

Leon schaute mich fragend an.

„Jost hat mir heut morgen alle Zimmer gezeigt, auch deins hier… sah etwas…“

„Chaotisch aus, ich weiß!“, fiel mir Leon ins Wort, „und was willst du jetzt genau hier, hat dich Jost geschickt?“

Ich hörte diesen abfälligen Ton in seiner Stimme.

„Du, sorry, ich wollte dich nicht stören, ich wollte dich eigentlich nur näher kennen lernen.“

Leon hielt in seine Bewegung inne, schien zu überlegen, was er darauf antworten sollte. Er ging zum Fenster und schaute hinaus.

„Entschuldigung wenn ich mich im Ton vergriffen habe!“, hörte ich ihn sagen.

„Hast du nicht, ich dringe schließlich in deine Privatsphäre.“

„Privat? Hier ist nichts Privat!“

Oh Mann wie soll man an diesen Typen heran kommen. Ich schwieg und ertappte mich dabei, wie ich ihn musterte und stellte erschreckend fest, dass er ganz mein Typ war. Seine braunen Haare, die wirr in alle Richtungen standen.

Seine Figur, nein er war nicht dick, eher muskulös gebaut, schien viel Sport zu treiben.

„Machst du eigentlich Sport?“, fragte ich.

„Ja, ich schwimme viel und geh laufen, warum fragst du?“

Er drehte sich zu mir um.

„Och ich habe nur bemerkt, dass du ziemlich gut gebaut bist.“

Was erzähle ich hier, bin ich blöd. Konnte ihm ja gleich auf die Nase binden, dass ich schwul bin.

„Danke, das gilt für dich aber auch.“

„Nur dass ich kein Sport treibe, das hat mir alles Mexiko beschert.“

„Fehlt dir Mexiko?“

„Etwas!“

„Jemand kennen gelernt in Mexiko?“

„Ja, habe ich…“

Frage – Antwortspiel, aber ich machte einfach mit.

„Also ich meine… Freundschaft…“, meinte er zögerlich.

„Ja, das meinte ich auch. Er heißt Diego und fehlt mir.“

„Ich habe keine Freunde.“

„Und warum?“, fragte ich ganz banal.

„Wer will schon etwas mit einem aus dem Heim zu tun haben.“

„Ist dass nicht Klischee denken“, fragte ich zurück.

„Klischee? Viel über Heime weißt du nicht, oder?“

„Nein, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, nur weil er aus einem Heim stand, anders behandelt wird, als jemand der in familiärer Umgebung aufwächst.“

Leon atmete tief durch, als wollte er etwas sagen, aber tat es nicht.

„Für mich bist du normal wie jeder Andere, den ich kennen lernen möchte. Da ist deine Herkunft kein Thema.“

„So? Wirklich?“

„Klar!“

„Und warum möchtest du mich kennen lernen?“

Jetzt bloß nicht rot werden und irgendetwas stammeln.

„Weil ich dich interessant finde!“

Hatte ich das gerade gesagt?

„Ich? Interessant?“, schaute mich Leon fragend an und drehte sich wieder zum Fenster, „was soll denn bitte schön an mir interessant sein.

„Das will ich ja gerade herausfinden, in dem ich dich kennen lerne.“

„Hoffentlich täuscht du dich da nicht!“

Seine Worte klangen alle so verbittert.

„Leon, das Erste, was ich in Mexiko gelernt habe, war, meine Vorurteile abzubauen. Nicht in allem etwas Negatives zu sehen, oder vor allem zu vermuten. Ich weiß, dass ist nicht leicht, aber man kann das Lernen!“

„Und was dann? Dann kommt das Nächste… du bekommst es wieder reingedrückt… bist wieder da, wo du immer bist… alleine…“

Die ganze Zeit stand Leon am Fenster, schaute mich kein einziges Mal an. Ich schritt zu ihm, blieb dicht hinter ihm stehen.

„So wenig Vertrauen in dich selbst?“, fragte ich leise.

Leon zuckte zusammen, als er realisierte, dass ich so dicht hinter im stand.

„Was hat das mit meinem Vertrauen zu tun?“, hörte ich leise, seine Stimme zitterte.

„Ich habe mal gelesen, wenn man sich nicht vertraut, kann man anderen auch nicht vertrauen!“

Leons Kopf drehte sich leicht zur Seite und er blickte mich schüchtern von unten herauf an. Seine Augen waren feucht, die braunen Rehaugen funkelten unter den Tränen, die sich dort angesammelt hatten.

Der Typ machte mich Jeck. Ich wusste nicht warum, aber ich fühlte mich plötzlich so von Leon angezogen und doch sagte mir meine innere Stimme, die Pferde klein zuhalten, nichts zu sagen, was diesen Kerl vor mir in eine weitere Krise zu stürzen.

„Wer sagt mir, dass ich nicht wieder enttäuscht werde“, fragte er fast nicht hörbar.

„Leon, das kann ich dir nicht versprechen. Man weiß nie, wenn man Vertrauen investiert, ob du auch dieses Vertrauen zurückbekommst. Zu dem muss man sich Vertrauen erst einmal verdienen!“

„Du hörst dich an wie Jost! Ihr seid euch irgendwie ähnlich“, meinte Leon und wischte sich die Tränen aus den Augen.

Ich hatte sogar das Gefühl, kurz ein Lächeln auf seine Lippen zu sehn.

„Das kann gut sein…“, rutschte mir heraus.

„Bitte?“

„Ach, nicht so wichtig, dass erzähle ich dir ein anderes mal.“

Leon schaute mich einfach nur an, mit diesem glasklaren Blick mit seinen braunen Augen. In mir schien alles zu schmelzen, ich spürte, wie ein Schaudern über meinen Rücken ging und musste schlucken.

„Ist etwas?“, fragte er mich.

„Nein!“

Diesmal war ich es, der sich wegdrehte. Mein Blick wanderte durch das Zimmer, nahm alles in sich auf, was ich in kurzer Zeit wahrnahm.

„Dein Vertrauen in dich, scheint auch nicht das Größte zu sein“, hörte ich Leon sagen.

Jetzt musste ich lachen, er hatte mich mit meinen eigenen Waffen geschlagen. Ich zeigte aufs Bett und Leon nickte. Also ließ ich mich einfach nieder und schaute ihn an.

„Ja, du könntest Recht haben, aber ein Grundvertrauen ist da. Nur kann ich nicht gleich jedem die intimsten Sachen über mich erzählen, denn ich nicht kenne.“

„Stimmt könnte ich auch nicht.“

„Aber dennoch scheinst du mir zu vertrauen!“, meinte ich und hielt seinem Blick stand.

„Wie kommst du darauf?“

„Du hast am Fenster Dinge gesagt, hast deine Tränen nicht unterdrückt, obwohl du mich eigentlich nicht kennst.“

„Ich weiß nicht warum…, bei dir ist es irgendwie etwas anderes…, du hast etwas Interessantes an dir“, meinte Leon.

„He, dass war mein Spruch, nicht klauen!“

Jetzt fing Leon schallend an zu Lachen und ließ sich neben mir auf sein Bett fallen.

„Danke!“, sagte ich.

„Für was?“

„Dass du mir dein Vertrauen geschenkt hast.“

*-*-*

Lange hatten wir nicht mehr geredet, denn Leon hatte jede Menge auf und dabei wollte ich ihn nicht stören. Ich war auf dem Weg zu dem Küchenraum, denn ich verspürte Kaffeedurst. Auf dem Flur war es friedlich, es schienen wohl alle um diese Zeit an ihren Hausaufgaben zu sitzen.

Ich öffnete die Tür und fand Barbara und Jost im Raum vor. Beide saßen am Tisch und hatten Tassen in der Hand.

„Auch einen Kaffee?“, fragte Jost.

„Ja, danke gerne!“

Er erhob sich, holte eine neue Tasse aus dem Regal und goss Kaffee ein.

„Milch und Zucker?“

“Ja danke.“

„Und, wie ist es gelaufen?“, fragte Barbara.

„Was?“, fragte ich.

„Ach ich lief vorhin an Leons Zimmer vorbei und hörte ihn lachen, eine weitere Seltenheit, die wir nicht von ihm kennen.“

„Wir haben uns ganz normal unterhalten, mehr nicht.“

„Warum so bescheiden, junger Mann?“, fragte Jost, „bisher haben es noch nicht viele geschafft, Leon zum Lachen zu bringen, bis auf Felix vielleicht, aber über den gibt es ja oft genug etwas zulachen.“

„Kann ich mir vorstellen. Aber wirklich, wir haben nur ganz normal geredet, über ihn über mich, mehr nicht!“

„Über ihn?“, fragte Barbara erstaunt.

„Ja!“

Jost und sie schauten sich kurz an.

„Das freut mich zu hören. Und hast du es dir überlegt?“

„Was denn?“

„Ob du deine Praktika hier machst!“

Ich musste lächeln.

„Klar, aber das wusste ich schon von Anfang an.“

„Wieso?“

„Wenn ich mir bisher etwas in den Kopf gesetzt habe, wurde dies auch umgesetzt!“

„Oh, noch ein Dickkopf!“, grinste Barbara.

Ich schaute sie fragend an. Sie schaute nur zu Jost, der verlegen lächelte.

*-*-*

Ich war etwas die Strasse hinunter gelaufen, während ich auf Dad wartete. Jost hatte mir zwar angeboten mich Heim zufahren, aber ich erinnerten ihn daran, dass mich mein Vater abholte. Er wollte mich zwar noch bis draußen begleiten, wahrscheinlich auch um Dad kennen zu lernen, aber ein Streit zwischen Corinna und Susanne hielt ihn davon ab.

Vielleicht war es besser so, denn ein Gegenübertreten von den Beiden, wäre nicht so gut gewesen. Erst musste ich noch mehr erfahren, bevor ich die Zwei miteinander bekannt machen wollte.

Ich musste grinsen. Wie bei einer verdeckten Mission war ich hier unterwegs. Dann kam mir plötzlich Leon wieder in den Sinn, sein Blick, der mich gefangen hielt, als neben mir ein Auto stoppte.

„Haben sie ein Taxi bestellt?“, hörte ich eine mir vertraute Stimme.

„Ja, bringen sie mich bitte in den Audenwald Nummer 7!“

Ich stieg lächelnd in den Wagen meines Vaters, der sofort auch losbrauste.

„Und wie war es?“, fragte er, doch etwas nervös.

„Gut, ab Montag kann ich offiziell anfangen. Aber mal sehen, vielleicht schau ich morgen gleich wieder vorbei.“

„Morgen?“

„Ja, morgen. Warum?“

„Deine Mutter hat angerufen. Das Möbelhaus hat gemeint, die Ausstellungstücke, die du dir ausgesucht hast, könnten sie gleich liefern, weil sie die Aufbauten sowieso ändern wollten.“

„Ach so, dann sollte ich morgen lieber zu Hause bleiben, oder?“

„Ja!“

Ich wusste, dass eine Frage in meinem Dad brannte.

„Er ist so wie du!“, sagte ich einfach.

„Bitte?“

„Jost ist dir sehr ähnlich, also ich meine nicht nur jetzt vom Aussehen, seine Art hat mich sehr an dich erinnert.“

„Wolltest du mir das heut Mittag am Telefon sagen? Frau Kleelein hat mir gesagt du hast angerufen.“

„Ja, weil ich, als Jost dass erste mal vor mir stand, ich dachte du stehst vor mir. Und er reagierte auch sehr nachdenklich, als er meinen Nachnamen hörte.“

„Kein Wunder, hier ist der Name auch sehr selten… meinst du, er hat etwas gemerkt?“

„Wie gemerkt.

„Flo, schau in den Spiegel, du kannst nicht verleugnen mein Sohn zu sein.“

„Stimmt auch wieder. Er hat einmal gemeint, er meinte mich zu kennen, mehr aber nicht.“

„Und wie geht es jetzt weiter?“, fragte ich Dad.

„Das weiß ich auch noch nicht so genau, aber irgendwie wird es schon funktionieren.“

„Dein Wort in Gottes Ohr“, meinte Dad und konzentrierte sich weiter auf den Verkehr.

*-*-*

Fertig ließ ich mich aufs Bett fallen, dass knarrend nachgab. Eigentlich war ich froh, dass ich ein neues Bett bekam, dies hier würde es sicherlich nicht mehr lange machen. Ich stütze meinen Kopf auf und schaute zum Fenster, wo das restliche Licht des vergehenden Abends herein schien.

Augenblicklich war mein Gedanke wieder bei Leon. Ich ließ meinen Kopf wieder nach hinten fallen und starrte zur Decke. Lieber Flo, ich glaube du hast dich verguckt, sagte ich leise zu mir, nahm mein Kissen und kuschelte mich eng hinein.

So musste ich eingeschlafen sein, denn ich wachte am nächsten Morgen, recht früh wieder in meinen Klamotten auf. Im Haus war alles ruhig und so schaute ich auf meinen Wecker, der kurz nach fünf anzeigte.

Also schlief noch alles im Haus. Ich streckte mich und stand auf. Schnell hatte ich mich meiner Sachen entledigt, warf sie einfach über den Stuhl. Die ersten Sonnenstrahlen erhellten den Garten, so trat ich hinaus auf den Balkon, ohne groß darüber nachzudenken, dass ich eigentlich nackt war.

Ich schaute in den Garten hinunter und war erstaunt, dort einen rauchenden Dad zu sehen.

„Dad?“, sagte ich leise.

Erschrocken drehte er sich um und schaute zu mir hoch.

„Was tust du so früh hier draußen?“, fragte ich weiter.

„Das könnte ich dich auch fragen?“

„Ich glaube, ich habe mich noch nicht ganz an die Zeitumstellung gewöhnt.“

„Und ich habe nicht mehr schlafen können.“

Stumm standen wir beide da und schaute uns an, bis mein Vater die Stille zerbrach.

„Du siehst wirklich gut aus, dass muss ich dir lassen!“, meinte er grinsen.

Plötzlich wurde mir bewusst, dass ich völlig nackt vor ihm stand. Etwas beschämt ging ich in mein Zimmer zurück und zog mir eine Shorts über. Ich hörte Dad, die Stufen der Wendeltreppe heraufkommen.

„Du, wir sind ähnlich gebaut, ich schau dir schon nichts ab!“

Etwas betreten wusste ich darauf keine Antwort.

„Ist dir das wirklich jetzt peinlich?“

„Ich weiß nicht, irgendwie schon.“

„Braucht es wirklich nicht!“

Ich nickte nur. Was sollte ich auch schon groß dazu sagen. Es war eben nicht mein Ding nackt herum zulaufen, wenn jemand in der Nähe war. Klar ich konnte mich sehen lassen, aber dies war eben etwas, was mir alleine gehörte, diese Privatsphäre, was ich nur mit jemand teilen wollte, den ich liebte.

In meinem Kopf machte es irgendwie Klick, ich spürte, wie sehr ich mich nach diesem Jemand sehnte.

„Alles klar mit dir?“

„Geht schon!“

Ich dachte wieder an Leon, mir war klar, ich hatte mich in den Kleinen verguckt. Er hatte etwas an sich, was in mir die Hormone verrückt spielen ließ, mein Denken beeinflusste. Dad kam zu mir und nahm mich einfach in den Arm.

„Ich habe eigentlich nie groß darüber nachgedacht, aber mir ist aufgefallen, dass du hier nie richtige Freunde hattest… warum?“

„Dad, ich weiß es auch nicht. Vielleicht bin ich eben ein Einzelgänger.“

„Aber jeder braucht doch jemanden, sei es nur um zu reden.“

Bisher habe ich auch alles mit mir selber ausgemacht“, sagte ich mehr zu mir selbst.

„Und hat sich jetzt daran etwas geändert?“

„Ich habe gestern diesen Jungen kennen gelernt und seitdem bin ich mir da nicht mehr ganz sicher. Ich sehe dich und Mum, ich sehe überall nur Menschen die irgendwie mit jemandem zusammen sind.“

„Du bist einsam!“

Einsam traf die Situation. In Mexiko fiel mir das nicht sonderlich auf, ich hatte immer Beschäftigung und da war ja auch noch Diego, der immer da war. Seine Freundschaft, die ich schätzen gelernt hatte.

„Ja!“

„Und was denkst du dagegen zu tun?“

Ich schaute meinen Dad nur an, wusste aber keine Antwort darauf. Es tat jetzt irgendwie weh, niemanden zu haben. Auch wenn bei diesen Gedanken immer ein Teil an Leon abtrifftete, wusste ich nicht, ob dass der richtige Weg war.

„Wie weiß man, dass jemand der Richtige für einen ist?“, fragte ich.

„Du stellst Fragen. So etwas weiß man nicht. Du kannst auf deinen Verstand hören, dann kommen wahrscheinlich nur vernünftige Argumente gegen die Person. Du kannst aber auch auf dein Herz hören, dann läufst du aber Gefahr, nur mit der rosa Brille durch das Leben zu laufen.“

„Also eine gesunde Mischung, zwischen beidem?“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Und was soll ich dann machen?“

„Ich würde auf mein Herz hören… im Nachhinein, denke ich, habe ich dass viel zu wenig getan. Aber dass ist meine Meinung, dass musst du für dich ganz alleine entscheiden.“

Das machte die Sache nun auch nicht einfacher. Ich hatte den totalen Wirrwarr im Kopf und sollte nun auch noch versuchen Ratschläge umzusetzen. Auf mein Herz hören, dass hatte ich bisher immer gemacht.

Ich war damit immer gut gefahren, würde die damaligen Entscheidungen jedes Mal wieder treffen, die ich getroffen hatte. Doch jetzt funkte mir irgendwie mein Verstand dazwischen, jedes Mal wenn ich an Leon dachte und ich wusste nicht warum.

Willst du eine Kaffee?“, fragte Dad.

„Was?“

„Ob du auch einen Kaffee möchtest, ich gehe jetzt hinunter in die Küche und mache mir einen.“

„Okay, ich komme gleich nach!“

Und schon war mein Vater verschwunden. Ich schaute mich im Spiegel an und bemerkte, dass meine Augen feucht waren. Was war nur los mit mir… ich schnappte mir etwas zum Anziehen und verdrückte mich ins Bad.

*-*-*

Ich hatte es zu Hause nicht mehr ausgehalten, wieder stand ich vor den Eingang des Hauses, in dem Leon wohnte. Um die Zeit war er in der Schule, so zog ich die Tür auf und lief hinein. Es war unheimlich still, klar, alle anderen waren ebenso in der Schule.

Oliver hatte den Part übernommen, auf meine Möbel zu warten, so konnte ich ungehindert wieder hier herkommen. Ich lief zu Jost Zimmer und klopfte, aber es kam keine Antwort. Ich drückte die Türklinke hinunter und streckte den Kopf in den Raum.

Es war niemand da, so entschloss ich mich, einfach meine Sachen ab zulegen und dann nach den Anderen zu suchen. Als ich meinen  Rucksack in die Ecke abgelegt hatte, fielen mir Fotografien auf dem Schreibtisch auf.

Ich umrundete diesen und schaute mir die Bilder genauer an. Dort stand Jost mit zwei Kinder im Arm und daneben eine Frau, einen kleinen Hund haltend.

„Das ist meine Frau Lissy und die Kids Alexander und Jessica!“

Ich fuhr zusammen, denn wieder mal hatte ich Jost nicht kommen gehört.

„Du siehst glücklich aus!“, meinte ich und nahm das Bild in die Hand.

„Bin ich auch!“

Ich stellte das Bild zurück auf den Tisch und schaute kurz zu Jost und wurde total unsicher, warum ich überhaupt hier war.

„Was ist?“, fragte Jost.

„Ich weiß nicht, wie ich dir das sagen soll.“

„Einfach gerade heraus!“

Jost zeigte auf die Stühle und so setzten wir uns.

„Wenn das so einfach wäre, es gibt soviel zu erzählen.“

„Betrifft es das Thema Familie?“

„Ja, mich und dich auch Leon, meine Familie… deine Familie…“

„Das ist sehr viel!“

„Ja und deswegen fällt es mir auch schwer, jetzt da offen darüber zu reden.“

„Hör mal Florian, du musst mir nichts erzählen, wenn du nicht willst, praktisch bin ich ein Fremder für dich, den du seit gestern erst kennst.“

„Das stimmt so nicht…“

„Was stimmt nicht?“

„Das ich dich nicht kenne… nein, klar ich kenne dich persönlich erst seit gestern, aber dich als Mensch kenne ich schon viel länger.“

Jost schaute mich fragend an.

„Kaffee?“

Ich nickte. Er stand auf nahm die Thermoskanne und zwei Tassen, schenkte ein und setzte sich wieder.

„Kann ich hier rauchen?“

Diesmal nickte er und schlürfte kurz an seinem Kaffee. Ich sah einen Aschenbecher auf dem Fenstersims stehen und holte ihn mir. Langsam zog ich eine Zigarette aus der Schachtel und steckte sie mir in den Mund.

Bevor ich sie jedoch anzünden konnte, hatte Jost schon ein Feuerzeug in der Hand und hielt es mit Flamme vor mich hin.

„Danke!“, sagte ich und zog einmal kräftig daran.

„Was hast du gemeint, du kennst mich als Mensch schon etwas länger?“

„Ich weiß, ich werde jetzt weit ausholen, eventuell dich sogar verletzten, aber ich denke es muss sein…“

„Was meinst du Florian?“

„Kennst du deinen Vater?“

Über Jost Gesicht viel ein Schatten, anscheinend hatte ich schon jetzt einen Wunden Punkt getroffen. Aber er blieb bei mir sitzen und schaute mich weiter an.

„Ja, den kenne ich, aber er ist gestorben.“

„Das weiß ich, da war ich drei Jahre alt.“

Das Fragezeichen auf Jost Stirn wurde immer größer.

„Du hast gesagt, es kommt dir so vor, als würdest du mich kennen.“

Jost nickte wieder.

„Was weißt du über deinen Vater?“

„Nicht viel, nur dass er verheiratet war und aus einer reichen Familie stammte und mir seinen Nachnamen hinterlassen hatte.“

„Du wurdest mit Jost Marten getauft?“

„Ja.“

„Und du hast nie versucht, den anderen Teil der Familie kennen zu lernen, zu wissen wer es ist?“

„Welche Familie?“

„Der Familie deines Vaters!“

„Nein, meine Mutter hatte mich gebeten, das sein zu lassen und später fand ich dass nicht mehr so wichtig.“

„Und wie wäre es, wenn die Familie nun dich kennen lernen wollte?“

„Bitte? Ach nein, das könnte ich mir nicht vorstellen nach all den Jahren.“

„Und wenn es so wäre?“

„Florian, auf was willst du hinaus?“

„Jost… ich bin… dein Neffe…!“

Endlich war es heraus, mir lief es kalt den Rücken herunter, ich konnte Jost Gesicht nicht deuten, wie er jetzt reagieren würde.

„Du bist was… mein Neffe?“

Jost ließ fast die Tasse fallen, die er noch immer in der Hand hielt.

„Ja… mein Vater ist dein… Stiefbruder.“

„Könntest du mich bitte alleine lassen!“

Ich sah Jost schockiert an, aber ich wollte auch seinen Wunsch akzeptieren. So stand ich auf und verließ wortlos sein Zimmer. Als ich die Tür hinter mir zuzog, wurden meine Knie weich ich rutschte an der wand herunter und fing an zu weinen.

Was hatte ich jetzt nur angerichtet. War es ein blödes Hirngespinst von mir, diese Sache durchzuziehen. Ich wollte doch nur helfen. Doch je mehr ich darüber nachdachte, um so blöd und kindisch kam mir dieser Einfall vor.

„Flo?“

Ich hob den Kopf und Leon stand vor mir.

„Flo was ist denn passiert?“

Er kniete sich vor mir hin und legte seine Hand auf meine Schulter.

„Ich habe alles falsch gemacht…“, brachte ich nur jammert heraus.

„Was hast du falsch gemacht?“, wollte Leon wissen.

Ich hob wieder den Kopf und sah in die besorgten Augen von Leon.

“Leon, es ist lieb, dass du dich um mich kümmern willst, aber ich will dich nicht auch noch mit meinen Problemen belastet, du hast sicher genug selbst davon.“

Ein Ruck ging durch Leons Körper, seine Augen wurden feucht. Deutlich spürte ich, wie sehr ich ihn nun gekränkt hatte. Ich wartete nur darauf, dass er aufsprang und davon lief.

„Sind Freunde dafür nicht da… einander zu helfen?“, fragte er leise.

Eine einzelne Träne löste sich aus seinem Auge und bahnte sich den Weg über seine Wange. Ich hob die Hand und strich sie sanft weg.

„Doch…!“, meinte ich nur.

Er streckte mir seine Hand entgegen, die ich ergriff und er zog mich hoch. Seinen Arm um mich liegend, liefen wir in sein Zimmer.

*-*-*

Ich war eine ganze Weile einfach nur da gegessen und hatte auf den Boden gestarrt ohne einen Ton zu sagen. Ich spürte nur Leons Hand, wie sie mir sanft über den Rücken strich. Es tat irgendwie gut, ich wurde ruhig, meine Atmung war wieder normal und ich hatte aufgehört zu weinen.

„Ich weiß nicht mit was ich anfangen soll…“

„Von vorne?“, fragte Leon.

Also erzählte ich ihm einfach, was seit meiner Ankunft in Deutschland sich schon alles zugetragen hatte. Er hörte aufmerksam zu und unterbrach mich nicht.

„Dann habe ich dich kennen gelernt…“, unterbrach ich meine Erzählung.

„Ja und?“

„Was ja und, Leon ich bin schwul, dass habe ich dir doch erzählt… ich habe dich kennen gelernt und mich … mich in dich … verliebt.“

Leon schaute mich nur an und seine Augen füllten sich mit Tränen.

„Ich hätte dir das nicht erzählen sollen, ich belaste dich viel zu sehr damit!“

Leon wischte sich die Tränen aus den Augen und schüttelte den Kopf.

„Nein Flo, bitte nicht… du bist nicht schuld… es ist etwas Anderes… oh Scheiße ich dachte ich würde irgendwann mal darüber hinweg kommen…“

Die Tür ging auf und Gudrun streckte den Kopf herein.

„Da bist du ja…, kannst du mir sagen, was hier los ist?“, sagte sie in einem etwas strengen Ton, „Jost sitzt in seinem Büro und weint und nun finde ich Leon hier auch weinend sitzend, was hast du gemacht.“

Irgendwie brannte bei mir jetzt eine Sicherung durch. Ich sprang auf und rannte zur Tür hinaus, ich wollte nur noch weg.

„Flo!“, hörte ich noch Leon schreien, aber da hatte ich den Ausgang schon erreicht.

Ich rannte wie von Sinnen auf den Gehweg, bevor ich kurz stoppte. Einfach nur weg dachte ich und rannte weiter. Was hatte ich nur angerichtet. Ich war nun vier Tage da und hatte Menschen die ich mochte oder liebte verletzt.

Ich hätte doch in Mexiko bleiben sollen, da war alles noch in Ordnung, alles so einfach, da konnte ich unbekümmert ich sein, keiner der etwas an mir auszusetzen hatte, keinen den ich verletzten konnte.

Ich rannte einfach drauf los, wusste nicht wohin. Irgendwann bekam ich Seitenstechen und musste verschnaufen. Ich zog mein Handy aus der Hosentasche und tippte Vaters Nummer ein.

Es klingelte eine Weile, bis mein Dad abnahm.

„Hallo Flo, ich stecke gerade in einer wichtigen Besprechung!“

„Papa…“, ich musste erst mal Luft holen, „ hol mich bitte!“

„Flo, was ist den passiert,  du hörst dich nicht gut an.“

„Papa hole mich einfach bitte“, sagte ich nun weinend.

„Okay, wo bist du?“

Ich schaute mich um, aber ich kannte mich ja nicht aus.

„Ich sehe eine Kirche… mit einem großen goldenen Kreuz auf der Spitze…“

„Okay, die Peterskirche, bleib einfach wo du bist, ich bin gleich bei dir.“

„Ja…“, meinte ich und drückte das Gespräch weg.

Es war zwar nicht kalt, aber ich zitterte am ganzen Körper. Verzweifelt hielt ich Ausschau nach dem Wagen meines Vaters, obwohl er ja noch nicht da sein konnte. Und es dauerte auch eine Weile, bis er endlich an einer Straßenkreuzung auftauchte.

Er schien kurz zu stoppen, aber hatte mich dann bemerkt. Reifenquietschend fuhr er an und stoppe unmittelbar vor mir. Dad sprang heraus und kam auf mich zu.

„Flo, was ist den passiert?“

Weinend fiel ich in seinen Arm, drückte mich fest an seine Brust. Ich schluchzte und es zog mir fast die Beine weg. Dad hielt mich fest, so konnte ich nicht umfallen.

„Flo, so sag doch etwas.“

„Ich habe alles falsch gemacht…“brummelte ich in seinen Pullover.

„Was hast du falsch gemacht?“

„War einfach nur eine scheiß Idee und überhaupt, ich hätte in Mexiko bleiben sollen…“

Meine Traurigkeit schlug in Zorn um. Sauer auf mich, wütend auf meine Blödheit.

„Florian, könntest du mir jetzt mal bitte sagen, was passiert ist?“

So erzählte ich ihm, was in den letzten Stunden passiert ist. Er wurde fahl im Gesicht, bekam Tränen in die Augen und drückte mich wieder an sich.

„Flo, es tut mir leid, ich hätte dich damit nicht belasten sollen, ich hätte dir das nie erzählen dürfen. Es war meine blöde Idee, dass deine Idee funktionieren könnte.“

„Flo!“, rief jemand und ich und Dad drehten uns gleichzeitig um.

Da stand Jost und schaute uns fassungslos an, als er erkannte, wer mich da im Arm hatte. Ich wischte mir die Tränen aus den Augen und löste mich von Dad. Er selbst stand da, wie eine Salzsäule, keiner Regung fähig.

Mir wurde dass alles irgendwie zuviel… mein Zittern wurde stärker, ich schnappte nach Luft und plötzlich wurde alles um mich herum schwarz.

*-*-*

„Er kommt wieder zu sich!“, hörte ich eine Stimme.

„Leon, jetzt lass ihn doch einmal in Ruhe zu sich kommen.

Diese Stimme konnte ich Gudrun zuteilen.

„Du hattest Recht, er sieht aus wie Jost auf seinen Jugendbildern.“

Diese Stimme kannte ich nun wieder nicht. Langsam öffnete ich die Augen und vor meinem Gesicht tauchte Leons besorgtes Gesicht auf.

„Mensch Flo, was machst du für Sachen?“, hörte ich ihn sagen.

Ich griff mir an den Kopf und fuhr mit der Hand über mein Gesicht.

„Was ist denn passiert?“, stammelte ich.

„Du hast hyperventiliert und  bist ohnmächtig geworden!“, sagte Gudrun.

„Ja, einfach umgekippt“, kam es von Leon.

Mit einem Schlag war alles wieder da, alles was sich zugetragen hatte… Jost und Dad.

„Scheiße, wo sind Jost und Dad…?“, fragte ich und fuhr hoch.

„Junger Mann, du bleibst erst einmal liegen, der Arzt hat gesagt, du sollst noch liegend bleiben.“

Ich folgte der Richtung, aus der die Stimme kam. Da stand Lissy, Jost Frau, die mich anlächelte.

„Mit den beiden ist alles in Ordnung. Sie sind in Jost Büro und reden“, sprach sie weiter.

Leon drückte mich wieder ins Kissen.

„Warum bist du weggerannt?“, fragte er und ließ seine Hand auf meiner Brust ruhen.

„Ich denke, wir lassen die zwei Herren auch mal alleine, Lissy, oder was meinst du?“, sagte Gudrun.

„Eine Tasse Kaffee?“, fragte Lissy.

„Nichts lieber als das!“, entgegnete Gudrun.

So verschwanden die Beiden aus dem Zimmer und ich war mit Leon alleine. Ich blickte mich kurz um und stellte fest, ich war wieder in Leons Zimmer, ich lag in seinem Bett und er saß direkt neben mir auf der Bettkante.

Draußen vor der Tür konnte ich Getuschel und Gekicher hören. Leon stand auf und zog mit einem Ruck die Tür auf. Mit Gepolter und Geschreie schwappte ein ganzer Hort Kids herein.

„Könntet ihr mir mal sagen, was ihr vor meiner Tür zu suchen habt?“, pflaumte Leon die Sechs an.

„Das war Felix Idee!“, rief Martin.

„Stimmt doch gar nicht!“, wehrte sich Felix.

„Das ist mir egal, könntet ihr mich und Flo bitte alleine lassen?“

Corinna fing an zu kichern und Susanne sah mich grinsend an.

„Okay, lassen wir die Turteltäubchen alleine!“, kam es von Tobias und scheuchte die Anderen hinaus.

„Was ist eine Turteltaube?“, fragte Felix.

Alle fingen an zu lachen und schon waren Leon und ich wieder alleine. Etwas verlegen setzte er sich wieder zu mir.

„Ich glaube, ich muss dir auch etwas sagen“, fing Leon an.

Gespannt schaute ich Leon an. Er nahm meine Hand in die Seine und strich sanft darüber.

„Als du vorhin gesagt hast du liebst mich… halt, lass mich aussprechen“, meinte er, als er bemerkte, dass ich was sagen wollte, „ habe ich nicht wegen dir anfangen zu weinen.“

„Ich bin … wie du vielleicht schon vermutet hast auch schwul, nur habe ich bisher nur schlechte Erfahrungen damit gemacht.“

„Das tut mir leid Leon, ich wollte dir nicht zu…!“

„Halt Flo, lass mich bitte weiterreden!“

Ich nickte und schwieg.

„Ich bin ein paar Mal an die Falschen geraten und auch wenn du jetzt protestierst, ich bin eben ein Naivchen gewesen, dass jemand vom Heim einen wahren Freund finden könnte. Nur bei dir, als ich dich dass erste Mal sah, hatte ich gleich ein anderes Gefühl, du strahlst soviel Wärme aus, erzählst so blumig, dass man sich in deiner Nähe einfach wohl fühlen muss.“

Danke“, brachte ich nur heraus.

„Und als du mir deine Freundschaft angeboten hast, kam der Frust, der letzten zwei Jahre hoch, die Enttäuschungen, die ich erleben musste.“

„Dass wollte ich nicht!“

Leon legte sein Finger auf meine Lippen und ich schwieg wieder.

„Aber mit deiner freundlichen Art, deinen strahlenden Augen, wurde mir bewusst, dass du anders bist, als die… egal. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen und nur noch an dich gedacht. Ich war unkonzentriert in der Schule und ich habe mich entschuldigen lassen, bin wegen Unwohlseins heimgegangen, deswegen war ich vorhin auch so früh da. Und dann finde ich dich weinend auf dem Flur vor. Ich, der normalerweise diesen Part bis jetzt immer übernommen hatte. In mir sind Gefühle wach geworden, die ich dachte mir sonst immer nur eingebildet zu haben.“

Auch wenn das nun alles etwas schnell ging, genoss ich diese Liebeserklärung von Leon. Ich streckte meinen Arm aus, legte meine Hand um Leons Nacken und zog ihn sanft zu mir. Ich spürte ein leichtes Zögern, aber dennoch ließ er sich von mir herunterziehen.

Ich gab ihm einfach einen Kuss, ohne darüber nachzudenken, ob er dass nun wollte oder nicht. Dass er es wollte, spürte ich spätestens, als seine Hand über meine Haare streichelte und sein Kuss inniger wurde.

Sehr langsam löste er sich von mir und setzte sich wieder auf.

„Wow!“ kam von ihm.

„Was?“

„Ich träume!“

„Nein, das war real!“

Er grinste wie ein Schelm.

„Darf ich noch einmal?“, fragte er und ohne meine Antwort abzuwarten, beugte er sich wieder zu mir und küsste mich nun von sich aus.

Mein Körper fing wieder an zu zittern, aber diesmal nicht, durch die negativen Eindrücke der letzten Stunden, sondern dieses Kribbeln, das durch meinen Körper wanderte. Seine weichen Lippen auf meinen, ohne irgendwelchen Druck, die nur sanft sich leicht auf meinen Lippen bewegten.

Es klopfte und Leon setzte sich erschrocken wieder auf.

„Ja?“, fragte Leon.

Die Tür ging auf und Jost schaute herein. Ich richtete mich auf.

„Du Jost, ich glaube ich sollte mich bei dir entschuldigen…“, fing ich an.

„Für was?“, fragte Jost und lächelte mich an.

Bitte? Vorhin hat er mich noch aus dem Zimmer geschickt und jetzt…?

„Ich meine…“, stotterte ich.

„He Flo, mach mal halb lang, ganz ruhig, es ist alles in Ordnung“, meinte Jost und mein Dad erschien hinter ihm an der Tür.

Leon schaute verwundert zwischen den beiden hin und her.

„Ist das dein Vater?“, fragte er, „hast Recht, die sehen sich wirklich verdammt ähnlich.“

Jetzt wo ich beide vor mir hatte, musste ich Leon Recht geben, es war nur der Altersunterschied zu erkennen.

„Ist jetzt… alles klar… bei euch beiden?“, fragte ich vorsichtig.

Jost schaute kurz zu Dad und dann wieder zu mir. Beide grinsten sich eins.

*-*-*

Es war herrliches Wetter und ich lag neben Diego am Ufer des kleinen Sees. Die Sonne tat gut auf meiner Haut. Irgendetwas Feuchtes spürte ich in meinem Gesicht, wollte Diego schon anmotzen, er solle seine Scherze lassen, aber halt…

Ich war nicht mehr in Mexiko, ich war in Deutschland. Erschrocken öffnete ich meine Augen und sah eine kleine Hundeschnauze vor mir.

„Wer bist du denn?“, fragte ich verwundert und drückte dieses flauschige Etwas von mir meinem Gesicht weg.

„Euer neuer Hund!“, hörte ich jemand sagen.

Ich hob den Kopf und sah Leon am meinem Bett sitzen.

„Wie kommst du hier her?“

„Schon vergessen…Grillfest…?“, meinte er lächelnd.

Aber doch erst heute Mittag! Wie viel Uhr haben wir denn?“

„Kurz nach zwölf und somit ist auch geklärt, wer von uns der Langschläfer ist…“, sagte Leon beugte sich vor und gab mir einen kleinen Kuss auf die Nase.

„Mmmmhh, daran könnte ich mich gewöhnen, aber warum hat mich denn niemand geweckt?!“

„Habe ich doch jetzt, und dass mit der feuchten Hundschnauze, kannst du jeden Morgen haben?“

Ich rollte mit den Augen und zog Leon zu einem weiteren Kuss zu mir.

„Ah, hast du den Herrn endlich wach gekriegt, ich habe es nämlich vergebens probiert!“

„Du hättest ihn vielleicht wach küssen sollen Oliver!“

Ich schaute in Olivers verblüfftes Gesicht und fing laut an zu lachen, mein Kleiner hatte es echt drauf.

„Egal! Er soll sich endlich aus den Federn schwingen unten ist es voll und man verlangt nach ihm! Und dich nehme ich lieber mal mit“, sagte er zu dem Wollknäuel auf meinem Bauch und verschwand mit diesem auf dem Arm.

Ich wandte meinen Kopf wieder zu Leon.

„Du hast gehört, du sollst aufstehen!“

„Och jetzt wo es grad so schön ist…!“

„Na ich gehe auf jeden Fall wieder runter…“

„Ist ja schon gut, ich steh ja schon auf.“

Ich schlug die Decke zurück und räkelte mich.

„Mmmh…lecker!“, sagte ein grinsender Leon.

Ich erhob mich aus meinem Bett und nahm ihn in den Arm. Seine Hand wanderte über meinen Rücken, während ich ihn küsste.

„Das solltest du lieber lassen!“, meinte ich.

„Wieso? Gefällt es dir nicht?“

„Im Gegenteil, aber so kommen wir nicht aus meinem Zimmer, weil ich sonst über dich herfalle!“

Leon legte wieder dieses schelmische Grinsen auf und fuhr wieder mit der Hand über meinen Rücken.

“Du warst gewarnt!“, sagte ich und drückte ihn auf mein Bett, was in einer wilden Knutscherei endete.

„Soll ich eine Arzt holen um euch zu trennen?“, fragte jemand an der Tür.

„Ist mein Zimmer ein Bahnhof?“, fragte ich zurück.

Ich stieg von Leon herunter und schaute zur Tür, wo ein grinsender Jost stand.

„Ich könnte wenigstens von meinem Neffen erwarten, dass er seinen Onkel mit Anstand begrüßt und ich nicht meckernd aus dem Zimmer komplimentiert.“

Ich stand auf und ging zu ihm, ihn drückend zu begrüßen.

„Na gut geschlafen Großer?“, fragte Jost.

„Na ja, es fehlte zwar etwas, aber danke ich habe gut geschlafen.“

„Gut, dann komm endlich runter, ich habe nur mit Mühe Felix davon abhalten können, nicht hier hoch zu rennen.“

„Das wäre allerdings eine Überraschung geworden!“, sagte ich.

„Wieso?“, kam es von Leon, „er weiß ja jetzt was Turteltäubchen sind!“

Alle drei fingen wir schallend an zu lachen.

„Gebt mir fünf Minuten, dann komm ich runter, nur noch kurz ins Bad.“

„Und dann kommst du in dem Aufzug herunter?“, fragte Jost und zeigte auf meine verknitterten Boxershorts.

„Probleme damit? Oder hast du Angst Lissy könnte feststellen ihr Neffe sieht wesentlich besser als ihr Mann aus“, konterte ich und drückte einen Finger in seinen, na ja etwas rundlichen Bauch.“

„Sie schätzt Qualität und nicht so grünes Gemüse wie dich!

„Also mir gefällt dieses grüne Gemüse“, mischte sich Leon ein und umarmte mich von hinten.

„Ach ihr zwei! Bis gleich, ich geh wieder runter.“

Lachend schauten wir Jost nach, wie er das Zimmer verließ.

„Du Flo…liebst du mich noch!“

„Ja, aber klar doch!“, antwortete ich und schon wieder klebten unsere Lippen aneinander.

*-* ENDE *-*

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