Die Brüder – Teil 5

„Das war die beste Idee, seit langem hier her zu gehen, Clarissa.“

„Und das hätten wir schon so viel früher haben können, Elisabeth.“

„Ja, schau nur wie verliebt die beiden sind, die Fressen sich ja bald auf.“

Michael musste grinsen.

*-*-*

„Und wie machen wir das dann?“

„Also dieser Max hat gesagt, du sollst zu ihm nach München kommen“, meinte Andreas, der gegen Mittag das Gespräch zu Hause angenommen hatte.

„Ich kann das Lied aber nicht singen, das kann Kai, oder als Duett mit Phillip zusammen, ich nicht“, meinte ich.

„Du musst aber dabei sein, das hat Max ausdrücklich gesagt.“

„Wer ist dieser Max eigentlich?“ fragte ich.

„Erinnerst du dich nicht an den Vorfall bei Westlife, wo dieser Junge nieder geschossen wurde, vor einer Preisverleihung der Gruppe?“, fragte Andreas.

„Ja stimmt, ist das nicht der Freund von Kian einer der Sänger der Gruppe?“, wollte Kai wissen.

„Genau der.“

„Das habe ich alles in der Presse verfolgt, die haben ganz schön was mitgemacht“, meinte Kai.

„Und dieser Max, will mich nun sehen?“, fragte ich.

„Genau der“, sagte Andreas, der diese Worte das zweite Mal wiederholte.

„Und ihr beide würdet das Lied echt singen?“

„Klar warum nicht, oder Kai?“ antwortete mein Bruder.

„Ja, klar, wird bestimmt ein Spaß“, meinte Kai.

*-*-*

„Sebastian Kammerer.“

„Hallo Sebastian, hier ist Max Kehrer, hat dich dein Bruder über meinen Anruf gestern informiert.“

„Ja hat er Max, danke.“

„Und wie sieht es aus.“

„Ich werde kommen, mein Bruder wohnt ja auch in München, da habe ich auch eine Unterkunft.“

„Wie viele Brüder hast du denn.“

„So zusagen zwei, aber das ist eine längere Geschichte, kann ich dir erzählen, wenn ich in München bin.“

„Okay, wie wäre es mit nächstem Wochenende.“

„Du musst auch am Wochenende arbeiten?“

„Ja natürlich, wenn wir jemanden auf Tour haben, gibt’s so gut wie keine freien Tage und zu dem denke ich, dass du sicher unter der Woche noch Schule hast, oder?“

„Ja stimmt, aber eine andrere Frage, muss ich das Lied selber vortragen.“

„Wäre normalerweise richtig es selber vorzutragen, aber warum möchtest du es nicht.“

„Ach Max ich kann super Klavier spielen, aber nicht singen.“

„Und wie willst du das Problem umgehen?“ fragte Max.

„Da ich es auch als Duett geschrieben habe, wird es mein Bruder und mein Freund singen.“

„Freund im Sinne von Boyfriend?“

Ups… ertappt, da hatte ich mich selber verraten.

„Sebastian, noch da?“

„Ja bin ich Kai ist mein Boyfriend…“

„Sebastian, ist doch nicht schlimm, du weißt ja sicherlich mit wem du hier redest oder?“

„Ja klar mein Bruder hat mich gestern aufgeklärt. Seit ihr immer noch zusammen du und Kian?“

„Ja natürlich, wir sehen uns halt nicht sooft, ich in Deutschland und er in Irland.“

„Wie hältst du das nur aus, ich bin jetzt schon unruhig und habe Kai nur eine Nacht nicht gesehen.“

„Ich will nicht sagen es ist Gewohnheit, wir haben uns halt mit der Situation abgefunden, und wenn ich will, kann ich ihn ja jederzeit besuchen, Und wie lange seit ihr zusammen du und Kai?“

„Genau genommen, gerade mal einen Tag.“

„Wow ganz frisch, da kann ich ja noch gratulieren“, meinte Max.

„Ja danke.“

„So Sebastian, ich muss noch weiter arbeiten, ich wünsch dir noch nen schönen Samstag und wir telefonieren noch mal miteinander, wann du genau kommst.“

„Ok Max, machen wir. Also bis dann. Bye.“

„Bye.“

Ich legte den Hörer auf. Doch gleich nahm ich ihn wieder und wählte Kais Nummer.

„Im Hause von Söder, was kann ich für sie tun?“

„Hallo Christian, dürfte ich Kai sprechen.“

„Aber natürlich Sebastian, ich stelle sofort durch zu ihm.“

„Danke Christian.“

Eine kurze Pause folgte.

„Sebi?“

„Ja Kai.“

„Oh man, hab ich dich vermisst.“

„Wir haben uns doch erst vor ein paar Stunden noch im Arm gehabt.“

„Ich weiß, aber du fehlst mir trotzdem.“

„Geht mir nicht anders. Du der Max hat angerufen, ich soll nächstes Wochenende nach München kommen und mein Lied vorstellen.“

„Und was? Soll ich kommen zum üben?“

„Du hast es erfasst.“

„Gut dann lass ich mich von Christian, zu euch rüber fahren.“

„Also gut bis gleich.“

„Bye.“

„Bye.“

„Sebi.“

„Ja?“

„Ich liebe dich.“

„Ich dich auch.“

„Bye.“

„Bye, zum zweiten.“

Ich hörte sein Lachen und er legte auf. Ich lief zu Phillip und erzählte ihm vom Gespräch mit Max und Kai und er meinte, wir können gleich anfangen mit dem Proben. Also gingen wir zurück an mein Klavier.

Eine viertel Stunde später kam Kai dazu. Er gab mir einen Kuss und nahm sich gleich das Notenpapier. Sie stellten sich beide an mein Klavier und ich begann mit meinem Vorspiel. Phillip verpasste gleich beim erstenmal seinen Einsatz, so begann ich von Vorne.

Diesmal klappte es besser. Die zwei ergänzten sich prima mit ihren Stimmen. Als wir fertig waren bekamen wir sogar Applaus. An der Tür standen, Andreas und meine Mutter.

„Man Sebastian, da hast du etwas ganz Tolles geschrieben“, meinte meine Mum.

„Wir müssen aber noch ein wenig dran feilen, da gibt es noch ein paar kleine Fehler“, sagte ich.

„Davon habe ich nichts gehört“, sagte sie.

„Clarissa, wenn der Meister sagt, sie müssen noch üben, dann lassen wir ihm seinen Willen“, sagte Andreas scherzhaft mit dunkler Stimme.

Alle fingen an zu Lachen.

„Was machen wir heut Abend?“, fragte mich Kai, als wir mit proben fertig waren.

„Ich weiß es nicht, auf was hättest du denn Lust“, fragte ich.

„Lust ist gut, aber soweit bin ich noch nicht.“

„Weiß was du meinst, ich würde auch gerne auch noch ein bisschen warten damit.“

„Dann sind wir ja da schon einer Meinung“, grinste Kai mich an.

„Sollen wir etwas mit den anderen unternehmen, Phillip is ja deswegen extra zu uns gekommen deswegen.“

„Müsste man mal fragen was im so Spaß machen würde.“

„Hetendisco.“

„Na ja, da läuft ja auch viel Brauchbares rum.“

„Hey, was soll das, kaum haste mich schon willst du nach was anderes Ausschau halten?“

„Wieso es gibt dich ja zweimal, was will ich mehr.“

Das war jetzt zuviel. Ich stürzte mich auf ihn und begann ihn durch zu kitzeln.

„Hör auf ich kann nicht mehr“, wimmerte Kai.

„Erst wenn du das zurück nimmst.“

„Ja, ich will nur dich, und nun hör auf.“

Ich ließ ihn los, er atmete schwer, aber es schien ihm gut zu gehen.

„Was ist das für ein Gebrüll hier im Zimmer?“

Andreas stand an der Tür und bereute diese Frage gleich, denn ein Kissen hatte sich ein Platz in seinem Gesicht ausgesucht.

„Das wirst du bereuen“, meinte er und kurzerhand, war eine Kissenschlacht ausgebrochen.

Phillip hatte das Pech ebenfalls ins Zimmer zu kommen. Drei Kissen auf einmal waren fast zu viel und er kippte nach hinten. Er packte die Kissen schmiss sie zurück und warf sich auf uns.

Wieder ging die Tür auf und Clarissa und Michael erschienen. Andreas konnte sich nicht beherrschen und schon flog ein Kissen an Michaels Kopf.

„Da will wohl einer eine Abreibung“, meinte dieser und warf sie auf Andreas.

„Ich geh wohl lieber, das ist mir zu wild“, konnte ich noch Mum sagen hören, bevor ich die nächste Ladung abbekam.

*-*-*

„Und wie machst du dass dann bei deiner Prüfung?“, fragte Kai, als wir uns mit einem Getränk in der hand einen Platz suchten.“

„Was hast du gesagt? Die Musik ist so laut hier“, meinte ich.

Wir hatten uns wirklich für die Disco entschieden. Raffael und Martin waren auch mitgekommen. Als Sechsergruppe von Jungen und dann noch mit einem Zwillingspärchen, zogen wir natürlich die Blicke der Damenwelt auf uns, was vier von uns aber nicht weiter interessierte.

„Ich hab gefragt, wie du das mit dem Lied bei der Prüfung machen willst.“

„Ach so, Martin wird singen, solo“, antwortete ich.“

„Das geht einfach?“

„Ja, es gab zwar ein paar Einwände, aber als ich begann etwas vorzusingen, änderten sie ihre Meinung, zudem ist Martin eine Stufe höher ist also Schüler unserer Schule.“

„Dann wünsch ich dir mal Glück. Wann ist die Prüfung?“

„Am Mittwoch.“

Wir setzten uns an den Tisch zu den anderen.

„Dein Monatsende wird ja langsam voll. Prüfung, Termin in München, die Hochzeit deiner Mutter und dann noch deiner und Phillips Geburtstag.“

„Ich weiß, aber anders geht es nicht, ich muss alles unter einen Hut bringen.“

„Wenn du Hilfe brauchst bei deinem Geburtstag, helfe ich dir gerne.“

„Das werde ich in Anspruch nehmen, Kai.“

„Guck dir mal deinen Bruder an, der scheint grad hin und weg zu sein, von dieser Dame die da am Pfosten steht.“

Ich suchte im Lichtergewirr, das Mädchen, die Kai angesprochen hatte. Phillip starrte regelrecht zu ihr, doch sie schien das nicht war zunehmen. Ich wusste auch den Grund dafür. Es war Jenny, die Ex von Andreas.

Ich klopfte Andreas auf die Schulter und wies Richtung Jenny.

„Die kann mir gestohlen bleiben“, meinte er.

„Sag es meinem Bruder der hat sie anvisiert“, sagte ich.

„Phillip, lass die Finger von der, die hat mich erst eiskalt abserviert.“

„Wie… was meinst du?“, fragte Phillip, der von unserem kurzen Gespräch anscheinend nichts mitbekommen hatte.

„Das Mädchen, das du da anstarrst, ist meine Ex!“

„Ach so. Gut das du mich warnst.“

Raffael und Martin bekamen von dem Ganzen nichts mit, zu sehr waren sie mit sich selber beschäftigt. Zwei Jungs kamen an unseren Tisch.

„Für Schwuchtel ist hier kein Platz“, sagte der Eine.

„Wo steht das?“ fragte Andreas.

„Ist nun mal so“, meinte der Andere.

„Tja Jungs da habt ihr Pech, dann müsst ihr sechs Leute hinauswerfen.“

Andreas war lauter geworden, ich merkte, dass er einen tierischen Zorn auf die zwei Typen bekam.

„Ihr seid alle…?“

„Was glaubst du denn“, sagte mein Bruder und legte seine Arme um Andreas, der sich genüsslich an Phillip lehnte.

„Komm Tom, das gibt nur Ärger, lass uns gehen“, meinte der eine der Beiden.

„Was hast du eigentlich gegen Schwule?“, fragte jetzt Kai.

Dieser Tom schien gleich zu explodieren, warum auch immer. Sein Nebenmann zog schon am Arm, zum weggehen.

„Wir machen uns schon nicht an eure Mädels ran“, warf Raffael ein, und versuchte es komisch wirken zu lassen.

„Tom bitte, komm jetzt, was soll es, die sind doch ganz in Ordnung, und Schuld am Unfall deines Bruders sind sie auch nicht…“

Ich sah, wie die Augen von diesem Tom feucht wurden.

„Wollt ihr euch nicht setzten?“ fragte ich, und meine Tischnachbarn sahen mich erstaunt an.

Kai reagierte als erstes und schob die anderen weiter zusammen. Beide setzten sich langsam auf die so frei geworden Plätze.

„Was ist los mit dir, was hat dein Freund…?“

„Piet.“

„Was hat Piet gemeint, mit Schuld sein am Unfall von deinem Bruder?“

Ich setzte einfach zum Totalangriff an. Tom lies den Kopf senken sagte aber nichts.

„Tom, kann ich es erzählen?“

Er nickte.

„Toms Bruder, hat versucht sich das Leben zu nehmen… vor drei Wochen.“

Und Piet fing an zu erzählen, dass der Bruder von Tom in einem Sportclub gewesen sei und schwul war, aber sich bis zu dem Zeitpunkt bei niemand geoutet hatte. Durch einen dummen Zufall wäre das ans Tageslicht gekommen.

Es wäre ein rechter Spießrouten lauf gewesen für ihn. Daheim hatte er aber auch kein Wort darüber verloren, und als er damit nicht mehr fertig wurde, hatte er sich Schlaftabletten eingeschmissen und einen Abschiedsbrief hinter lassen. Jetzt liegt er seit zehn Tagen bewusstlos in der Klinik.

„Daran sind wohl dann, die scheiß Spießer vom Verein schuld und nicht wir“, meinte Martin.

„Entschuldigt…“, kam es von Tom.

„Deine Aggression kann ich verstehen, aber das sie sich gegen uns richtet nicht“, meinte Raffael, „dein Bruder war eben mit den falschen Leuten zusammen. Aber wenn du jetzt einen Rachefeldzug gegen Schwule starten willst, ist das der falsche Weg.“

„Und zu dem sind wir nicht alle wirklich schwul Tom, sorry, aber ich mag es nicht, wenn jemand meinen Bruder wegen seiner Vorlieben verurteilt, dass ist seine Privatsache. Und im Grunde, hast du eben das Gleiche gemacht, wie diese Typen vom Verein“, sagte Phillip.

Tom schaute auf.

„Tut mir Leid, ich weiß nicht was in mich gefahren ist. Ich weiß zu wenig Bescheid über…“

„Schwule, sag es ruhig“, meinte ich, „dass ist das Problem vieler, sie wissen nichts und alles was unbekannt, fremd ist, wird nieder gemacht.“

„Und wer ist jetzt mit wem zusammen?“ wollte Piet wissen.

„Ich mit Kai und Raffael mit Martin, meine Brüder Phillip und Andreas halten Ausschau nach Mädchen wie ihr zwei, denke ich mal.“

Wie selbstverständlich nannte ich Andreas und Phillip meine Brüder, als wäre es nie anders gewesen. Eine gewisse Freude konnte ich in den Blicken beider deuten.

„Wollt ihr was trinken?“ fragte Martin.

„Gerne.“

„Cola?“

Beide nickten. Martin stand auf und lief zur Theke.

„Tom erzähl uns von deinem Bruder, ich weiß zwar, dass dies schmerzhaft für dich sein muss, aber glaub mir es hilft“, meinte mein Bruder.

„Woher willst du das wissen?“ fragte Tom ein wenig schroff.

„Weil unser Vater vor zwei Wochen gestorben ist..“ meinte Phillip, ich sah wir er schluckte.

„Sorry.“

„Nicht schlimm, aber rede darüber, egal mit wem, lass den Schmerz nicht allein bei dir drin. Und übrigens, Jungs dürfen auch weinen. Ich spreche da aus Erfahrung“, sagte mein Bruder.

Martin kam mit zwei Gläsern zurück und stellte sie Tom und Piet hin. Tom sah mich und Phillip an.

„Ihr zwei scheint, ja beide schon viel mitgemacht zu haben?“

„Kann man so sagen, aber das ist jetzt vorbei“, sagte ich.

„Die Erinnerungen sind bei uns allen zwar noch frisch, aber irgendwie denke ich, es ist ein neuer Lebensabschnitt für mich“, kam es von Phillip.

„Geht mir genauso, jetzt wo mein Dad weg ist, lerne ich meine Mutter neu kennen“, sagte Kai und trank von seiner Cola.

Piet schaute ihn fragend an.

„Nein nicht gestorben, das war bei denen, meine Eltern lassen sich scheiden.“

„Ach nicht schön“, sagte Raffael.

„Aber bitter nötig“, erwiderte Kai.

„Hat eigentlich keiner Lust zum tanzen?“, fragte Andreas.

„Oh unser Champion juckt es in den Beinen“, meinte Phillip.

„Menno, da läuft so gute Musik, da kann ich nicht wiederstehn.“

„Dann werden wir wohl tanzen gehen müssen.“

Außer mir Tom und Kai, bewegten sich alle auf die Tanzfläche.

„Sebastian, du kannst ruhig tanzen gehen, wegen mir brauchst du keine Rücksicht nehmen“, meinte Kai, „Tom ist ja noch da.“

„Wirklich?“

„Nun geh schon, ich lauf schon nicht weg.“

„Okay, bis gleich.“

Ich stand auf und lief zu den anderen. Mir kam ein Gedicht in den Sinn das ich vor kurzem gelesen hatte und es verging nur kurze Zeit, da ging es mir genauso wie es im Gedicht stand.

laut dröhnt die musik aus den boxen

überflutet alles im raum

merke den bass in meinen gliedern

bewege mich zum takt

entfliehe in eine andere welt

und lass meine körper gleiten

beschwingt von der musik

die in mein ohr dringt

und mich alles um mich herum

vergessen lässt

schließe die augen

sehe tausend farben

der klang aus der ferne klingt

fliege weit weg

getragen von tönen

über das farbenmeer

meiner gedanken

meine gefühle den körper leiten und lenken

versinke in den klang der musik

treibe dahin,

bis alles still ist

ich meine augen öffne

weil das lied vorbei ist

„Gehst du noch zur Schule?“, fragte Kai, Tom.

„Nein ich mache eine Lehre als Schreiner, und du?“

„Im Augenblick Privatunterricht, will anschließend aber studieren.“

„Macht das Spaß?“

„Bin vorbelastet, meine Mutter hat eine große Firma, aber bevor ich da mit einsteige, will ich eben Betriebswirtschaft studieren.“

„Das ist ehrlich gesagt nicht so wichtig, hab gerade gesehen, wie daran die Ehe meiner Eltern zerbrochen ist.“

„Aber Geld zu haben beruhigt doch ungemein, wie man so schön sagt.“

„Vielleicht, aber es macht halt nicht glücklich.“

„Du liebst Sebastian, nicht?“

„Ja natürlich..“

„Wie ist das, ich meine was für Gefühle hat man wenn man mit einem Jungen zusammen ist?“

„Die gleichen Gefühle, wie du für ein Mädchen hegst, aber warum fragst du?“

„Ich möchte gerne meinen Bruder besser verstehen, was ihn beschäftigt, wie ich ihm helfen kann wenn er wieder zu sich kommt… ja wenn er wieder zu sich kommt…“

Tom fing leise an zu weinen.

„Tom bitte, an so was darfst du gar nicht denken. Das Einzigste was wichtig ist, das wenn er erwacht, das du für ihn da bist und ihm zeigst, das du ihn als Bruder genauso lieb hast wie vorher. Nur das zählt jetzt!“

„Einfach zu ihm stehen?“

„Ja genau Tom, das andere erledigt sich von alleine. Du wirst sehen, er wird dir alles selber erzählen.“

„Hättest du und Sebastian Lust ihn mit mir morgen zu besuchen, man sagt doch immer, im Unterbewusstsein hören Komapatienten alles.“

„Gerne, natürlich. Ich muss aber erst Sebi fragen ob er Zeit hat, den im Augenblick ist er ein wenig im Stress.“

„Darf ich fragen warum?“

Kai erzählte ihm in kurzen Teilen was sich in den letzten zwei Wochen zugetragen hatte.

„Uiuiui, das ist harter Tobak, dafür hält er sich aber gut.“

„Mein Sebi ist ein Stehaufmännchen, und das liebe ich so an ihm. So jetzt wisch deine Tränen ab und versuch mal zu lächeln, weil wenn ich ehrlich bin, du siehst sehr gut aus, nur mit dem verweinten Gesicht nicht.“

Tom wurde rot und Kai fing an zu Lachen, bis Tom dann mit einstimmte.

„He, ihr seid aber fröhlich“, sagte ich, als ich an den Tisch zurück kam.

„Sebi du glühst ja förmlich, ich dachte du würdest tanzen“, meinte Kai.

„Hab ich ja auch, aber ich hab mich voll in der Musik gehen lassen, das habe ich mal wieder gebraucht.“

„Verstehe ich voll und ganz“, meinte Kai und gab mir einen Kuss.

*-*-*

Ich hasse Abschiede, aber es blieb mir halt nicht erspart.

„Komm Sebastian, nächstes Wochenende bist du bei mir in München, die fünf Tage wirst du ohne mich rum kriegen.“

„Ist ja schon gut“, meinte ich zu meinem Bruder.

„Und außerdem, wirst du gar keine Zeit haben an mich zu denken, wenn ich sehe wie du an Kai klebst“, sagte Phillip.

Kai musste grinsen.

„Ich ruf dich an, wie es am Mittwoch ausgegangen ist, mit der Prüfung. Versprochen!“

„Gut kleiner Bruder, ich erwarte ihn dann sehnsüchtig.“

Phillip umarmte mich noch mal kurz und auch Kai, und schon war er im Zug verschwunden. Durch die Fensterscheibe winkte er mir noch mal zu, bis der Zug sich dann in Bewegung setzte.

„Sebi, bitte nicht den Kopf hängen lassen, hier steht auch noch jemand, der dich braucht.“

Ich drehte mich zu Kai und nahm ihn in den Arm. Er war jetzt zwei Tage von München zurück. Seine Gesichtsfarbe war nicht mehr so blass, er hatte viel mehr Farbe bekommen. Sein wirres schwarzes Haar hatte wieder mehr Glanz bekommen.

„An was denkst?“, riss mich Kai aus meinen Träumen.

„Was ich für einen wunderschönen, niedlichen Freund ich habe und wie sehr verliebt ich ihn bin.“

„Danke.“

„Bitte.“

Kais Handy piepte. Er zog es aus seiner Tasche und schaute nach.

„Was hältst du von einem Abstecher ins Krankenhaus?“

„Wieso geht es dir nicht gut“, fragte ich Kai besorgt.

„Keine Sorge, mir geht es blendend, ich wollte nur mit dir jemanden besuchen.“

„Darf ich wissen wer?“

„Toms Bruder Ulrich.“

„Und wie kommen wir da hin?“

„Du vergisst wir haben einen Chauffeur.“

*-*-*

Eine Stunde später saßen wir gemeinsam mit Tom, am Bett seine Bruders.

„Die Ärzte wissen selber nicht, warum Uli nicht aufwacht, sie meinten, sein Hirn hätte keinen Schaden genommen“, sagte Tom traurig.

„Ich hab irgendwo gelesen, das Koma eine Schutzfunktion, des Körpers sei, um den Körper selber zu Heilen, als nicht nur organische Verletzungen, sondern auch seelische“, meinte Kai.

„Willst du nicht lieber Arzt werden?“ fragte ich.

„Habe ich mir auch schon überlegt, aber ich lieber meiner Mutter im Betrieb helfen.“

„Was ich nicht verstehe, warum Uli nicht zu mir gekommen ist. Wir haben immer über unsere Probleme geredet, auch wenn ich zwei Jahre jünger bin als er“, kam es von Tom.

„Weil .. ich dich .. nicht auch ..noch belasten wollte.. Tom.“

Wir fuhren zusammen, das kam eben von Uli selbst.

„Uli? Endlich……“

Tom fiel seinem Bruder um den Hals und fing an zu weinen. Uli hob die Hand und versuchte Tom zu drücken, was ihm nicht ganz glückte. Die Tür ging auf und eine Schwester kam herein.

„So ist der junge Herr endlich aufgewacht?“

„Wieso… wie lange habe ich denn geschlafen…?“

„Zehn Tage, warst du bewusstlos, nach dem du den….“

„Tom keine Vorwürfe“, sagte Kai zu ihm.

„Dann darf ich die werten Herrn mal bitten das Zimmer zu verlassen, Doktor Hannes wird gleich kommen um einige Untersuchungen durch zu führen.“

Wir standen auf und verließen mit Tom das Zimmer. Er lief zur Theke und bat seine Eltern anrufen zu dürfen. Die Schwester stellte ihm das Telefon hin. Kai sah mich an und ich verstand was er meinte.

Wir gaben Tom einen Wink, das wir jetzt gehen würden, und machten uns auf den Weg zum Ausgang.

„Danke“, rief uns Tom noch mal hinter her.

„Schon gut“, rief Kai zurück.

*-*-*

Die Schule war nicht so interessant wie das Wochenende. Der Alltagstrott hatte mich wieder. Raffael saß genauso abwesend wie ich im Unterricht. Er dachte bestimmt so wie an Kai, an seinen Martin, nur mit dem Unterschied, er konnte ihn jede Pause sehen.

Die Prüfung am Mittwoch bekam ich mit Bravur hin, schon alleine mit Hilfe von Martin, der mein Lied so vortrug, wie ich es mir vorstellte. Mein Klavierspiel war da eher nebensächlich. Am Abend gingen feierten wir sogar ein wenig meinen Erfolg und sogar Kais Mutter war anwesend.

Wie Phillip versprochen, ging die Woche schnell vorbei und es war Freitag. Christian holte mich mit dem Wagen seiner Chefin von der Schule ab und fuhr mich nach Hause. Dort wartete bereits meine Mutter mit dem Gepäck auf mich.

„Und sei mir ja brav bei Opa und Oma“, meinte sie als sie Christian meine Tasche in die Hand drückte.

„Mum ich bin jetzt siebzehn, keine acht mehr.“

„Und bald achtzehn, mein Gott wie die Zeit vergeht.“

„Und du hast bald Hochzeit.“

„Bei uns ist ganz schön was geboten, oder?“

„Da hast du Recht.“

Ich gab ihr einen Kuss auf die Wange und stieg zu Christian ins Auto. Sie winkte mir noch nach bevor sie wieder ins Haus ging. Kai stand schon an der Tür und wartete auf mich. Kaum war ich ausgestiegen, fiel er mir um den Hals und küsste mich.

„Immer diese frisch Verliebten“, kam es von der Tür.

„Hallo Elisabeth, vielleicht erwischt es dich ja auch noch mal.“

„Nein! Ich denke nicht, ich bin fürs erste bedient.“

„Dann entführ ich mal deinen Sohn für zwei Tage.“

„Ja mach das und bring ihn mir wieder heil zurück, ich brauch ihn noch.“

Kai ging zu seiner Mutter und drückte sie noch mal fest. Wir stiegen ein und Christian brachte uns zum Bahnhof.

„Hast du etwas gemerkt?“

„Was?“ fragte ich Kai.

„Wir sitzen im selben Abteil wie das letzte Mal, als wir uns kennen gelernten.“

„Wie hast du das fertig gebracht?“

„Das bleibt mein Geheimnis.“

„Hast du noch mehr Geheimnisse auf Lager?“

Kai stand auf und setze sich auf meinen Schoss. Zärtlich fing er mich an zu Küssen.

„Kai nicht doch, wenn jetzt jemand reinkommt“, sagte ich ein wenig ängstlich.

„Soll er doch, außerdem habe ich das ganze Abteil für uns gemietet.“

„Was hast du, bist du verrückt?“

„Ja verrückt nach dir…“

„Oh man und ich erst…“

*-*-*

„Ihr seht ja aus“, musste Phillip lachen, habt ihr das Fenster offen gehabt?“

Erst jetzt bemerkten wir, wie zerzaust wir waren. Kai hing das Hemd halber draußen und ich hatte meinen Pulli verkehrt rum an. Beide wurden wir rot.

„Habt ihr etwa… Mensch habt ihr Nerven“, Phillip grinste sich eins ab.

„Geht schnell auf die Toilette und richtet euch ein bisschen, Oma braucht ja draußen nicht das gleiche zu sehen wie ich.“

Schnell zogen wir uns auf der Toilette richtig an und versuchten unsere Haare zu richten.

„Das war die schönste Zugfahrt in meinem Leben“, meinte Kai.

„Meine auch“, gab ich im zur Antwort.

Draußen warte Phillip ungeduldig mit dem Gepäck auf uns. Wir liefen eilig zum Ausgang wo meine Großeltern schon warteten, der Empfang war herzlich.

 

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