Boycamp IV – Teil 20

Nach ewigen Minuten trennten sich ihre Münder.

„Vlado, du kannst ja gar nichts Schlimmes im Sinn haben, aber Falk erwartet, dass ich mich um die Jungen kümmere. Ich tu ja sonst viel zu wenig für sie in letzter Zeit. Möchtest du nicht einfach mitkommen? Ich würde mich freuen. Und wenn wir zurück sind, dann..“

Vlado hielt ihm seinen Zeigefingen an den Mund. „Pscht, nicht weiterreden. Klar, ich komme gerne mit.“

Nico atmete erleichtert auf.

„Okay. Geh bitte runter und sag Jonas Bescheid, sie sollen sich fertig machen. Inzwischen dusche ich und komm dann nach. Sein Zimmer ist übrigens das letzte hinten im Gang.“

„Dass du alleine duschen gehst, finde ich jetzt nicht grad in Ordnung. Könnte ich nicht… „

Künstlich erbost stemmte Nico seine Fäuste in die Hüften.

„Wenn du nicht in drei Sekunden draußen bist, dann..“

Kichernd verschwand Vlado auf der Leitertreppe und Nico sprang unter die Dusche.

*-*-*

Eine knappe halbe Stunde später verließ der kleine Trupp das Haus. Die Sonne schien von einem fast unnatürlich blauen Himmel, die Luft war eisig und kristallklar die Sicht auf die verschneiten Berge.

Während die Jungs voran gingen, liefen Nico und Vlado hinterher. Sie nahmen die Strecke am Berg entlang, die auch bei dem Schnee nicht so schwierig zu begehen war. Rick war mal ganz vorne, dann wieder hinten, mal rechts im Wald und dann wieder links.

„Wir werden es wohl bis zu den Minen schaffen, oder?“

„Ja klar, Nico. Nur den Abhang runter werden wir nicht kommen. Aber ich denke, das ist auch so okay. Wollte von euren Betreuern eigentlich keiner mehr mitkommen?“

„Nein, die machen Berichte und andere Dinge, zu denen sie sonst kaum kommen. Die sind froh, dass ich mit der Bande alleine losziehen kann.“

„Sie vertrauen dir fast blind wie mir scheint. Ich meine, du hast ja eine Menge Verantwortung mit den Jungs.“

„Na ja, ich bin eben nicht neu dabei, sie wissen schon, was sie mir zutrauen können. Außerdem sind die Jungs problemlos, das macht vieles einfacher.“

Sie liefen soweit hinter der Gruppe, dass sie nicht gehört werden konnten.

„Ob sie schon etwas gemerkt haben, ich meine, das zwischen uns?“, fragte Vlado.

„Wenn einer Verdacht schöpft, ist es Jonas. Der ist neugieriger als die anderen.“

„Woher kommt das? Ist er auch.. schwul?“

„Ich bin mir sehr sicher, ja. Aber vielleicht muss er sich noch finden, das weiß man nie.“

„So wie ich?“

Nico lachte und klopfte Vlado auf den Rücken.

„Vielleicht so wie du.“

Nach einer Weile wurden sie nachdenklicher.

„Dann ist es möglich, dass ich dich nicht wiedersehe? Also zumindest nicht, solange das Camp läuft?“

Sie hatten die Abreise Vlados bislang nicht angesprochen, geradezu verdrängt.

„Ich komme am fünften Januar zurück. Seid ihr dann noch da?“

„Ich muss am ersten Januar zurückfahren. Mein Praktikum ist dann zu Ende und ich brauch ein paar Tage, um mich zu akklimatisieren. Das Camp wird wohl noch länger gehen, aber wie lange genau weiß ich nicht.“

„Puh, ist halt echt blöd gelaufen.“

„Na denn, wir haben es ja zum Glück schon früh gewusst. Immer gut, wenn man vorausschauend planen kann.“

Nico lächelte, auch wenn es ihm schwer fiel. Währenddessen kamen sie an ihrem Ziel, dem Abhang zu den Minen an. Von hier hatten sie eine fantastische Aussicht, bis hin zum Horizont. Vlado stieg auf einen der höheren Felsbrocken und starrte in die Ferne.

Nico erklomm den Felsen ebenfalls.

„Eine herrliche Gegend ist das hier. Ich kann verstehen, dass du alles unternimmst, um hier leben zu können.“

„Leben und arbeiten, Nico. Hier und irgendwo sonst.“

„Gibt’s da oben etwas zu sehen?“, rief Timo den beiden zu.

„Kommt rauf und seht selbst“, antwortete Vlado.

Kurz darauf standen sie alle auf dem Felsen. Nico hatte dann keinen Blick mehr für die Ferne, nur noch für die Jungen. Es durfte niemand dort abrutschen.

„Dass mir da keiner runterfliegt«, warnte er dann auch eindrücklich.

„Wir passen schon auf«, kam von Sascha zurück. Der Felsen war sehr schmal und so standen sie dichtgedrängt und hielten sich gegenseitig fest.

Vlado übernahm dann kurzzeitig die Rolle eines Fremdenführers und erklärte ihnen, was es alles zu sehen gab.

„In den Minen da unten wurde früher Silber abgebaut, aber jetzt ist da nichts mehr zu holen. Man kommt da auch nicht rein, es ist alles baufällig. Es heißt, der Berg hätte innen Ähnlichkeit mit einem Schweizer Käse. Ab und zu kommen Naturforscher hierher, um nach Fledermäusen zu suchen, aber sonst kommt man da nicht mehr rein.“

Danach sprangen sie vom Felsen und Nico ordnete den Rückmarsch an.

„Von der Zeit her passt das prima, zu Mittag sind wir wieder im Camp.“

Vlado nickte.

„Ob ich bleiben kann? Wird ja immerhin so eine Art Abschied für mich.“

„Sicher bleibst du. Ich wette, Holzmann hat schon für dich eingedeckt.“

Sie kamen an die Stelle, an der er und Rainer den Rauch gerochen hatten und Nico blieb stehen. Er sah den jetzt verschneiten Tannenwald empor und in Sekunden liefen die Ereignisse an seinem geistigen Auge vorbei.

„Hoffentlich müssen sie lange schmoren“, sagte er fast zu sich selbst.

Vlado wusste sofort, wen er damit gemeint hatte.

„Das werden sie. Wo ist eigentlich Rick?“

Nico sah sich um, tatsächlich hatte er den Husky schon eine Weile nicht gesehen.

„Der ist doch dauernd hier, dann da im Wald und dann wieder woanders. Rick?!“

Auch nach Nicos wiederholtem Ruf kam der Hund nicht. Inzwischen waren die Jungen stehen geblieben und sahen zu den beiden hin.

„Habt ihr Rick gesehen?“, rief er ihnen zu.

Sie schüttelten den Kopf und liefen zu Vlado und Nico zurück. Gemeinsam riefen sie nach dem Hund, aber er tauchte nicht auf.

„Was ist denn nun schon wieder los?“

„Vlado, wenn ich das wüsste. Also… „

In diesem Moment kam der Hund durch den hohen Schnee aus dem Wald oberhalb des Wegs heruntergerannt.

„Na, du Früchtchen, was war denn da schon wieder so wichtig, dass du uns nicht hörst?“, schimpfte Nico, auch wenn ihm ein Stein vom Herzen gefallen war.

Doch Rick benahm sich seltsam. Immer wieder sah er dorthin, woher er gerade gekommen war und wuffte dabei ungewöhnlich.

Vlado trat näher an den Wald und sah hinauf.

„Ist da oben etwas?“

Nico lachte.

„Gebe dir keine Mühe, du wirst nicht verstehen, was er zu sagen hat.“

„Sollten wir lieber nachsehen? Ich meine, wegen Nichts verhält er sich ja nicht so komisch.“

„Also mein Kontingent an Abenteuer ist für eine ganze Weile gedeckt, Vlado. Zumal, der Schnee dort oben ist viel höher, da kommt man nicht so leicht hoch.“

Vlado ging ein paar Schritte in den Wald, dann verengten sich plötzlich seine Augen.

„Nico, komm mal.“

„Was gibt’s?“

„Hier, die Spuren.“

Nico kniete sich nieder.

„Ja, das war Rick. Was ist so besonderes daran?“

„Nein, Nico. Hier«, er deutete einige Meter weiter in den Schnee, „hier sind Ricks Spuren. Die da drüben sind anders.“

Nach genauem betrachten fiel auch Nico der Unterschied auf.

„Ein anderer Hund. Ist aber gar nicht langer her. Der Förster vielleicht?“

„Dann wären dessen Spuren auch zu sehen.“

„Hm, ein Hund vom Dorf? Die kommen ja auch überall herum.“

„Glaube ich nicht. So große Hunde gibt’s nicht viele und die sind entweder an der Kette oder in den Höfen. Frei herumlaufen tut hier in den Wäldern seinen Hund niemand mehr lassen, seit der Wiesner zwei wildernde Köter abgeschossen hat.“

„Oh, der fackelt wohl nicht lange.“

„Nein, er sagt, es gibt nichts was er mehr hasst. Aber ich hab dafür dann bloß noch eine Erklärung.“

Vlado kniete sich vor eine der Spuren und sah sie sich respektvoll an.

„Du meinst…?“

„Ja, ich meine. Er wird wohl von drüben gekommen sein. Zuwanderer gibt’s ab und an mal, nur habe ich ihre Spuren noch nie so nah am Ort gesehen.“

„Deswegen war Rick da oben verschollen“, stellte Nico nachdenklich fest.

Inzwischen waren auch die Jungs zu ihnen gekommen.

„Ist etwas passiert?«, wollte Benny wissen.

Vlado stand auf.

„Passiert ja, aber nichts, wovor ihr Angst haben müsst.“

„Angst? Um was geht es denn?“

„Da«, sagte Nico und deutete auf die Spuren, „seht es euch genau an. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass ihr noch einmal die Fährte eines Wolfes zu sehen bekommt.“

Sofort murmelten die Jungen durcheinander, Timo und Maik sahen sich erschrocken um. Nur Jonas und Sascha knieten sich hin, um die Fährte genau zu betrachten.

„Wow, ein Wolf. Kaum zu fassen«, flüsterte Sascha.

„Und wo ist der jetzt?“, wollte Timo wissen.

„Das kann keiner sagen. Sicher ist jedoch, dass er längst außer Sichtweite ist. Er fürchtet die Menschen und hat uns wahrscheinlich schon gehört, als wir vom Camp aufgebrochen sind. Niemand muss Angst haben, Wölfe sind die scheuesten Tiere in unseren Wäldern überhaupt.“

„Dieser Hund. Ich möchte bloß wissen, warum er dauernd der Wolffährte nachschnüffelt“, bemerkte Nico, nachdem der Husky auf dem Rückweg wieder verschwunden war.

„Hm, verstehen kann ich das schon. Immerhin etwas, was er eigentlich nicht kennt.“

„Schon Vlado. Mir ist allerdings auch aufgefallen, dass sich Rick unheimlich verändert hat seit dem letzten Camp. Er kommt mir größer und stärker vor, außerdem ist sein Fell richtig dunkel geworden.“

„Nun, mit der Zeit kann das schon vorkommen. Manchmal schlagen dann die Gene der Vorfahren stärker durch. Und das, wie wir wissen, waren alles Wölfe. Wie alt ist Rick eigentlich?“

„Keine Ahnung, Vlado, ich muss Falk mal danach fragen.“

Nico blickte immer wieder in den Wald hinein. Was, wenn sich die beiden da drinnen begegnen? Gut ausgehen dürfte das nicht. Dann sah er Rick wieder den Berg zwischen den Tannen herunterkommen.

Doch diesmal rannte er nicht und er trug etwas in seinem Fang.

Nico blieb stehen und wartete, bis der Rüde bei ihm war. Quer in seinem Maul trug er einen starken Holzknüppel.

„Na, was hast du denn da? Seit wann willst du denn Stöckchen spielen?“

Er versuchte, Rick den Knüppel abzunehmen, aber der öffnete seine Zähne nicht und knurrte.

„Was hat er denn?“

„Weiß nicht, Vlado. Scheinbar hat der Knüppel etwas an sich.“

Nico kniete sich hinunter und betrachtete Ricks Mitbringsel genauer. Es musste einen Grund geben, warum sich Rick so verhielt, aber er konnte nichts Auffälliges feststellen.

„Na gut, wenn du das unbedingt mitnehmen musst, dann trage es auch gefälligst selber.“

Nico wuschelte Ricks Fell und der trabte mit dem Knüppel im Fang voraus.

Der Rückweg verlief dann so ganz anders. Die Jungen löcherten Vlado mit ihren Fragen zu dem Wolf, wohl auch, um ihre dennoch unterschwellig vorhandene Angst zu unterdrücken. Pünktlich zum Mittagessen kamen sie dann im Camp an.

Die Strecke war nicht weit, aber durch den Schnee zu laufen dennoch anstrengend. Als sie am Vorplatz ankamen, stand Steins Wagen draußen. Das erste Mal, seit so viel Schnee gefallen war. Nico kniff die Augen zusammen.

Waren die vielleicht ins Dorf gefahren, zum Frühschoppen? Immerhin kam der Geländewagen mit fast allen Straßenverhältnissen zurecht. Rick verschwand mit dem Stück Holz sofort in seiner Hütte, um gleich danach ohne ihn wieder herauszukommen.

Nico schüttelte den Kopf, schon weil der Hund so etwas noch nie gemacht hatte. Stein stand mit verschränkten Armen unter der Tür und schien sie zu erwarten. Er lief dann auch auf Nico zu, was ihn sofort in Alarmbereitschaft versetzte.

Zum Glück konnte es mit den Jungen nicht zusammenhängen.

„Nico, kommst du später mal in mein Zimmer? Es eilt nicht.“

„Klar, ich dusche und komme dann.“

Schon als er sein Zimmer betrat, überkam ihn ein seltsames Gefühl. Er musste an Jonas denken, der Stein und Bein geschworen hatte, dass jemand in seinem Zimmer gewesen sein musste.

Und so erging es Nico. Er sah sich um, aber nichts deutete darauf hin. Als er sich ausgezogen hatte und zur Dusche ging, fiel ihm doch etwas auf. Nur aus dem Augenwinkel heraus bemerkte er etwas auf seinem Kopfkissen.

Er blieb stehen und sah sich das Etwas genauer an. Dann stockte sein Atem. Gebannt starrte er auf den Gegenstand, als tickte dort eine Bombe. Dann näherte er sich dem Bett und mit jedem Zentimeter, den er näher kam, weiteten sich seine Augen.

Der Gegenstand auf seinem Kissen entpuppte sich Schlüsselanhänger, an dem ein kleines Stoffschaf hing. Es gab keine Zufälle, das wusste er und dieses Schäfchen kannte er. Er verzichtete auf die Dusche, zog seinen Jogginganzug an, schnappte sich das Tier und rannte hinunter. ´

Stein. Falk Stein hatte ihn aus diesem Grund zu sich bestellt. In dem Moment, als Nico unter Steins Tür trat, wurde ihm heiß und kalt zur gleichen Zeit. Jemand saß mit dem Rücken zu ihm am Schreibtisch, und Nico wusste, wer das war.

Andererseits, das konnte gar nicht sein. Er traute sich nicht, den Raum zu betreten, vielleicht täuschte er sich ja doch. Stein saß an seinem Schreibtisch gegenüber und hatte ein ungewöhnliches Lächeln im Gesicht.

„Was ist, willst du unseren Gast nicht begrüßen?“

Schon Falks Stimmlage verriet ihm, dass er sich doch nicht geirrt hatte. Langsam ging er auf die Person zu, trat neben sie und wagte einen Seitenblick. Tief holte er Luft, versuchte seine wirren Gedanken auf die Reihe zu bekommen, aber es gelang ihm nicht.

Die Person drehte sich nun zu ihm hin und sah hoch.

„Hallo Nico.“

Marco stand auf und nun gab es keinen Zweifel mehr: Er war zurückgekehrt. Wortlos nahm ihn Nico in die Arme und drückte ihn sanft.

„Mensch, du? Hier? Ich freu mich ja so.“

Und das meinte er ehrlich. Er vergaß für den Augenblick Vlado und Jonas, die er beide sehr, sehr mochte. Bei Vlado mag es mehr als nur mögen gewesen sein, aber nun sah es so aus, als hätte er die Lücke, die Marco hinterlassen hatte, niemals wirklich füllen können.

Marco schob ihn ein Stück von sich weg.

„Lass dich anschauen. Du wirst ja immer größer und kräftiger«, grinste er und da waren sie, diese Blicke, die Nico nie wirklich vergessen hatte.

„Ich lass euch jetzt mal alleine, aber kommt dann bitte runter zum essen.“

Mit diesen Worten verschwand Stein aus dem Zimmer und schloss die Tür.

Nicos Kopf war voller Fragen, er wusste nicht, wo er anfangen sollte.

„Sag mal, wie kommst du denn hierher? Wie geht es dir? Warum erfahre ich nichts?“, sprudelte es dann aus ihm heraus.

Doch Marco fuhr ihm zunächst zärtlich und langsam durch die Haare.

„Wie lange hab ich darauf gewartet, Nico. Ich hatte manchmal Zweifel, ob ich das je noch einmal machen darf.“

Er drückte ihn an sich, dann drehte er seinen Kopf und seine Lippen suchten das Gegenstück. Nico wehrte sich nicht, auch wenn er noch immer unter dem Schock der totalen Überraschung stand.

Marco schmeckte immer noch genau so wie damals, beim ersten Mal. Und er roch auch so. Heftig spielten ihre Zungen miteinander, die Hände der beiden waren gleichzeitig überall.

Irgendwann schob ihn Nico von sich.

„Nun musst du mir aber alles erzählen, alles.“

Sie setzten sich auf Steins Couch und Marco versuchte, das wichtigste in Kürze zu erklären.

„Es war schon seltsam irgendwie. Diese ganzen Behandlungen, Hauttransplantationen. Manchmal dachte ich, ich muss das für immer und ewig über mich ergehen lassen. Doch auf einmal hörte dieses Nässen auf, die Schmerzen waren nicht mehr so schlimm und dann ging das alles viel schneller als gedacht. Hier, schau mal.“

Marco stand auf, öffnete seine Hose und zog sie herunter, dann hob er sein Hemd hoch. Tatsächlich waren zwar noch Narben zu sehen, aber alles war offensichtlich gut verheilt. Marco trug einen engen, roten Slip und Nico war außerstande, seinen Blick davon zu wenden.

Eine viel zu schöne Erinnerung ging von dem aus, was jetzt durch den Slip verdeckt wurde. Aber er riss sich zusammen.

„Mensch, das ist ja Klasse.“

„Ja, nicht? Ich muss natürlich noch Salbe drauftun und dem Doktor hier habe ich den Bericht mitgebracht. Der Arzt soll entscheiden, wann ich wieder zur Nachuntersuchung gehen muss. Aber die Ärzte meinen, wenn es so bleibt, bräuchte ich vorläufig nicht zu kommen.“

„Dann warst du ja schon gut informiert über die Lage hier. Wie kam es überhaupt dazu, dass du wieder da bist?“

„Letzte Woche hatte ich einen Brief von Professor Roth bekommen.“

Nicos Augen wurden groß.

„Von unserem Professor?“

„Ja. Er fragte darin wie es mir geht und ob ich – wenn das körperlich wieder möglich wäre – ins Camp kommen wollte.“

„Ich glaub das ja nicht.“

„Doch doch. Ich habe auf die Emailadresse, die im Brief stand, geantwortet, dass ich gerne wieder kommen würde. Zumal ich es bei meiner Tante nicht mehr ausgehalten habe. Ich meine, es war Klasse, dass sie mich nach dem Unfall aufgenommen hat und es ist ja auch eine liebe Frau, aber sie ist streng katholisch und konservativ, sie hätte nie überwunden, wenn sie hinter mein Schwulsein gekommen wäre. Auf Dauer war das keine Option. Am Mittwoch rief mich Falk Stein plötzlich an, wie ich denn hierher kommen könnte. Na ja, so kam eins zum anderen und er hat mich vorhin dann auch vom Bahnhof abgeholt.“

„Und niemand hat es für nötig gehalten, mir etwas davon zu sagen«, grummelte Nico.

„Das war Herr Steins Idee. Er meinte es reicht, wenn ich dich überraschen kann.“

„Ich hätte eh gewettet, dass er seine Hand im Spiel hat. Aber das bedeutet ja, du bleibst jetzt hier?“

„Ja. Da ich ja schon mal im Camp war, meinte Herr Stein, es macht nichts, dass ich jetzt erst dazukomme.“

Nicos Gedanken kamen nicht zur Ruhe. Einerseits fand er Marcos auftauchen eine ganz tolle Sache, anderseits gehörte er jetzt da unten zu den Jungen. Sollte er wegen ihm seinen Grundsatz, nichts mehr mit ihnen anzufangen, über den Haufen werfen?

Ausnahmen bestätigten zwar die Regel, aber hier lag es viel komplizierter. Er konnte und durfte Marco nicht anders behandeln wie die anderen. Kein Techtelmechtel auf seinem Zimmer, nichts dergleichen.

Vor allem Falks Rolle in diesem Spiel wurde ihm nicht klar. Der wusste doch, wie sie zueinander standen und er kannte Falks Ansichten zu diesem Thema. Wollte er ihn testen? Unmöglich, denn mit Gefühlen spielte Falk nicht.

Oder wollte er ihn lehren, wie man mit solchen Situationen umgehen muss? Letzteres schien ihm wahrscheinlich. “Solange es den Betrieb nicht stört, ist das deine Sache”.

Andererseits dauerte das Camp nicht ewig. Er musste das Beste aus der Sache machen, egal wie auch immer.

„Komm, Marco, wir gehen zu Tisch. Haben dich Rainer und Leo schon gesehen?“

„Ja, sie haben bereits ihre Aufwartung gemacht.“

Siedend heiß fiel Nico ein, dass Vlado auch noch hier war. Er wusste, wer Marco war und welche Rolle er in Nicos Leben spielte. Schließlich hatte er ihm die Nacht im alten Bahnhof haarklein geschildert und es war im Traum nicht daran zu denken, dass sich die beiden jemals begegnen würden.

Aber Nico behielt die Nerven, ändern konnte er jetzt nichts mehr. Außerdem war gar nicht sicher, wie Vlado reagieren würde. Als die beiden den Speiseraum betraten, sahen alle sofort zu ihnen hin. Vor allem die Jungen musterten Marco sehr genau.

Falk Stein stand nun auf und stellte den Neuankömmling vor. Seine Ausführungen, wie es Marco im letzten Camp erging und unter welchen Umständen er nun hier war, dauerten allerdings etwas länger.

Es waren keine misstrauischen Blicke, die Marco währenddessen trafen, eher waren sie voller Neugier. Nachdem Stein seine Vorstellung beendet hatte, klopften sie auf die Tische und damit war das Eis schon gebrochen.

Marco würde sich rasch integrieren, da hatten weder Nico noch die anderen Betreuer ihre Bedenken. Gleichzeitig nutzte Stein die Gelegenheit, Vlado zu verabschieden. Er tat das sehr emotionsgeladen, wie es Nico in dieser Form auch noch nicht von ihm kannte.

Hier erntete Vlado schließlich sogar Beifall, was ihn ziemlich verlegen machte. Zwischen Leo und Vlado waren zwei Stühle frei, auf denen die beiden dann Platz nahmen. Vlado jetzt so dicht neben sich zu haben empfand Nico zwar nicht als unangenehm, aber ganz wohl war ihm dabei dennoch nicht.

Überhaupt war es eine seltsame Situation. Rechts saß einer, mit dem er eine wirklich romantische Nacht verbracht hatte und dem es gelungen war, ihn dreimal zum Höhepunkt zu treiben.

Und der keinen einfachen Weg bis hierher gegangen war. Links saß der andere, dem er vielleicht geholfen hatte, seinen eigenen Weg zu finden. Der das Leben nicht so bierernst nahm und doch mit beiden Beinen drinstand.

Der eine wusste vom anderen fast alles, umgekehrt überhaupt nichts. Und mittendrin saß Nico, in dessen Kopf sich alle Bilder vermischten und verwischten. Sex – den konnten beide gut, da gab es keinen Zweifel und er würde da auch kaum einem der beiden den Vorzug geben. Insgeheim fand er es amüsant, ausgerechnet beim Essen an einige äußerst pikante Situationen zu denken.

Eigentlich hatte er sich ja auch darauf eingestellt, nach dem Essen mit Vlado für ein paar Stunden in seinem Zimmer zu verschwinden und eigentlich wollte er es ausgerechnet heute wieder richtig krachen lassen.

Aber daraus wurde nichts mehr, egal was kommen sollte. Vielleicht hatte er nie wieder Sex mit Vlado, das stand auf einmal alles zu weit in den Sternen. Es wurde nicht viel geredet beim Essen; bei Bratwurst und Kartoffelpüree musste man das auch nicht.

Nico machte diese Stille etwas nervös und er hätte wieder einmal ein Vermögen ausgegeben, wenn er in verschiedene Köpfe hineinschauen könnte. Vor allem in Falk. Was ging eigentlich da drinnen vor?

Was wusste er, ahnte er? Konnte er sich wirklich in Nicos Position hineindenken und auch fühlen? Aber auch dieses Grübeln brachte ihn nicht weiter. Nach dem Essen gab es die obligatorische Zigarette vor dem Haus, auch Nico war nach alldem danach.

Marco bekam inzwischen seine neuen Klamotten und bezog das Zimmer das von André. Vlado nahm Nico am Arm und zog ihn ein Stück weit außer Hörweite der anderen. Er holte tief Luft und es schien im schwer zu fallen.

„Tja, Nico, das war’s dann wohl.“

In Nico zog sich alles zusammen. Dieser Abschied kam zu plötzlich, so wirklich damit auseinandergesetzt hatte er sich damit bisher nicht. Vlado und nie wiedersehen?

„Vlado, ich weiß jetzt nicht, was ich sagen soll..“

„Wegen Marco? Mach dir keinen Kopf. Du kannst dich nicht zweiteilen oder über deinen Schatten springen. Es ist so, wie es ist. Aber das muss doch nicht heißen, dass wir dort oben in den Bergen nicht eine kleine Station aufbauen? Du weißt ja, ich werde Ranger brauchen, wenn meine Ausbildung vorbei ist.“

Nico war für diese Worte unendlich dankbar und anscheinend hatte sich die spontane Idee bereits einen festen Platz in Vlados Zukunftsplänen erobert. Kein Geheule, kein Gejammer, keine Vorwürfe.

So hatte er ihn immer eingeschätzt und dafür liebte er ihn. Ja, die eine Liebe musste mit der anderen Liebe nichts gemeinsam haben. Man kann einen Menschen lieben, ein Leben lang. Man heiratet ihn oder lebt überhaupt mit ihm zusammen.

Aber diese andere Liebe, die war vielleicht sogar beständiger, weil sie nicht mit Kompromissen auskommen musste. Weil sie unangreifbar war.

„Danke, Vlado, ich habe das nicht vergessen und ich werde es auch nicht. Ich habe alles, um dich irgendwie zu erreichen und du musst mir ganz oft berichten, was du machst und wie es dir geht. Ich möchte ganz einfach, dass wir ganz dicke Freunde bleiben, egal was auch passiert.“

Vlado nahm ihn in die Arme und drückte ihn. Nico war es egal, dass sie dabei von den Jungen beobachtet wurden, es war ja nichts besonders anzügliches dabei und die wussten, dass sie gute Freunde waren. Gerne hätte er Vlado jetzt einen Kuss gegeben, aber erstens schien gerade Vlado das nicht wollen und dann musste es vor den Augen der Jungen wirklich nicht sein.

„Kein Problem, Nico. Ich.. ich möchte dir nur noch sagen, dass ich dich sehr lieb habe. Ich weiß nicht, ob ich noch einmal so einen Freund finde, aber wenn nicht, bis du ja da. Ich drück euch die Daumen, dass ihr Erfolg hier haben werdet und dir.. Na ja, alles Gute, alter Freund. Wir sehen uns spätestens vor Gericht wieder.“

Nico versuchte standhaft zu bleiben. Die Zeit mit Vlado war zu schön, um hier und jetzt einfach nur einen Strich unter der Sache zu ziehen. Aber er musste loslassen. Die Zeit konnte nicht stehen bleiben, andere Dinge warteten.

Verstohlen wischte er sich eine Träne aus dem Auge, als Vlado den Weg ins Dorf zurückging. Er sah ihm so lange nach, bis er ihn nicht mehr sehen konnte, dann lief er wortlos an den Jungen vorbei ins Haus und hoch in sein Zimmer.

Er wollte mit niemandem reden, niemanden sehen. Ihm war einfach nur nach Ruhe. Mit dem Kopf auf den verschränkten Armen lag er auf seinem Bett. Marco. Er konnte noch nicht wirklich fassen, dass er hier war.

Das ging alles so schnell und zudem völlig unerwartet. Was sollte jetzt werden? War er nicht kurz davor ihm zu schreiben, dass es keinen Sinn mit ihnen hatte? Ordnete er ihn nicht einfach in die Kategorie “ausprobiert, für gut befunden, abgehakt” ein?

Keine feste Beziehungen mehr. Kein Theater wie mit Stefan. Frei sein, die Dinge, die auf seinem Weg liegen, mitnehmen ohne sich noch einmal um sie kümmern. Das hatte er sich vorgenommen. Das Wort “Beziehungsunfähig” hatte Besitz von ihm ergriffen, war zu einer Art Status für ihn geworden.

Er stand auf und trat ans Fenster. Der weite Blick in die verschneite Landschaft und der tiefblaue Himmel beruhigten ihn. Er musste an den einsamen Wolf denken, der da draußen durch die Wälder streifte. Er hatte sein Rudel verlassen, um neue, eigene Wege zu gehen.

Er kümmerte sich nur um sich. Aber einen Vergleich mit dem Wolf wollte Nico nicht eingehen. Irgendwann würde das Raubtier eine eigene Familie gründen, gab es einen Anfang für ein neues Rudel mit allen sozialen Aspekten.

Eine solche Zukunft hatte Nico keinesfalls vor sich. Als seine Alarmtreppe Besuch ankündigte, drehte er sich zur Luke hin. Er holte tief Luft, denn dieser Besuch war irgendwann sowieso fällig.

„Hallo Marco, nur rein in die gute Stube.“

Marco hatte seinen neuen Jogginganzug an und sah sich erstaunt um.

„Mensch, das ist ja wohl pompös hier. Ne richtige Wohnung.“

„Ja, nicht? Aber ich hoffe, dass dir dein Zimmer da unten auch gefällt.“

„Ja klar. Etwas anderes als Biwak ist das schon.“

Dann standen sie sich eine Weile wortlos gegenüber. Immer wieder trafen sich ihre Blicke, keiner schien einen Anfang zu finden.

Schließlich räusperte sich Marco.

„Du freust dich doch, dass ich jetzt hier bin?“

„Marco, wie kannst du fragen. Natürlich. Ich bin nur immer noch ein bisschen überrascht. Hast du meine Email von neulich eigentlich bekommen?“

„Ja, aber nachdem ich wusste, dass ich herkommen würde, habe ich es für besser gehalten, nicht zu antworten. Du bist mir aber nicht böse deswegen?“

„Quatsch.“

Er ging auf ihn zu, ohne die Augen von den seinen zu lassen. Diese klaren, leuchtenden Augen, umrahmt von den langen Wimpern. Die ebenmäßigen Gesichtszüge, in die Lippen und Nase so perfekt hineinpassten.

Und von seinem Unglück sah man gar nichts. Er war etwas kräftiger geworden, seine Frisur eine Spur wilder, aber das stand ihm gut. Was half es jetzt, über die Gedanken von vorhin zu nachzugrübeln?

Da stand ein sehr hübscher Junge vor ihm, der es nicht verdiente, dass man ihn wie einen gebrauchten Schuh behandelt. Er hatte viel durchmachen müssen und mit großer Sicherheit mehr an ihn gedacht als an sich selbst oder jemand anderen.

Nico streckte eine Hand aus und fuhr ihm mit den Fingerkuppen zärtlich über die Wangen, die Nase, den Hals. So, wie es Blinde tun, wenn sie etwas ertasten. Marcos Wärme strömte durch seine Finger und erzeugte ein leises, fast nicht wahrnehmbares Kribbeln.

Die Reise seiner Finger endete auf den weichen Lippen und da zog Marco ihn zu sich. Nico ließ es widerstandslos geschehen, dass sich ihre Lippen berührten und die Zungen einander suchten.

Fest umklammerten sie ihre Körper und in diesem Augenblick befanden sich beide dort, wo es einst begann. Es gab kein Inferno, aus dem Marco in letzter Sekunde gerettet wurde, keine Wunden, keine Schmerzen, keine Angst.

Irgendwann trennten sich ihre Lippen, aber sie blieben ganz nahe beieinander stehen. Nico wunderte es etwas, dass sich sein Schwanz nicht aus der Ruhestellung begeben hatte, das gab es eigentlich noch nie.

Auch bei Marco konnte er diesbezüglich nichts feststellen, seinen steifen Penis hätte er bemerkt. Und damit spürte er, dass die Geschichte mit Marco anders war. Fast immer schon war ein so intensiver Zungenkuss das Vorspiel gewesen, der Auftakt zu gutem, manchmal auch nur schnellem Sex.

Doch bei Marco rückte dieses rein körperliche Verlangen plötzlich ein bisschen in den Hintergrund. Warum das so war, musste und wollte Nico bei nächster Gelegenheit herausfinden.

„So hatte ich mir die Begrüßung vorgestellt«, lächelte Marco und wuschelte durch Nicos Haare.

„Aber ich muss wieder runter, mein Zimmer fertig einräumen.“

„Du, Marco?“

„Ja?“

„Ich.. es geht um uns beide. Du bist jetzt ja Teil der Mannschaft, also gehörst zu den Jungs da unten. Wir können hier keinesfalls auftreten wie ein verliebtes Pärchen. Versteh mich nicht falsch, aber du musst einsehen, dass wir da nicht alle Freiheiten haben. Und noch etwas.. Egal was mit uns beiden wird, darf niemand je erfahren, dass wir in den Camps etwas zusammen hatten. Falk würde das weder dir noch mir je verzeihen.“

Marco grinste überraschend spitzbübisch.

„Du, ich bin nicht das erste Mal in einem Camp und ich weiß, was man da machen darf und was nicht. Besonders was Führungskräfte betrifft. Klar, wir müssen Distanz halten. Aber..«“, und damit fuhr er Nico mit der Hand über die Brust, „ich bin todsicher, dass du Wege finden wirst, die niemand sonst kennt.“

Verblüfft stand Nico kurz darauf allein in seinem Zimmer. Marco dachte also keinesfalls daran, auf ihn oder auch auf Sex zu verzichten, das war soeben deutlich geworden. Er würde nicht ewig damit warten wollen und Nico ging es nicht viel anders.

In diesem Augenblick regte sich etwas zwischen seinen Beinen, ziemlich deutlich sogar. Er lächelte vor sich hin und beschloss, zur Ablenkung sein Notebook anzuwerfen.

Ein kurzer Austausch mit Walter aus dem Wetterforum genügte, dann war klar, dass um die Weihnachtszeit viel Schnee fallen würde.

Die Berechnungen fielen alle ziemlich eindeutig aus, was immerhin einen Treffer um die achtzig Prozent ergab. Erneut knarrte seine Treppe, es klopfte kurz auf Holz und kurz darauf stand Stein in seinem Zimmer.

„Nun, was sagst du dazu, dass Marco jetzt hier ist?“

„Falk, das kam sehr überraschend. Ich muss das erst einmal verdauen.“

„Ich habe dir extra nichts davon gesagt, ich denke, das hätte dich zu stark beschäftigt.“

„Ich habe mir so etwas Ähnliches schon gedacht.“

Er hätte Falk fragen sollen, ob er mit dieser Aktion etwas Besonderes bezwecken wollte, aber er unterließ es. „Falk, es wird viel Schnee geben an den Feiertagen. Wenn uns noch etwas fehlt, sollten wir das beizeiten organisieren.“

„Oh, noch mehr Schnee. Okay, ich sage es Leo. Aber was anderes: Der Förster hat uns gefragt, ob wir einen Weihnachtsbaum wollten. Ich habe natürlich sofort ja gesagt. Er möchte heute Nachmittag mit uns einen Baum holen. Kommst du mit?“

„Klar, das lasse ich mir nicht nehmen«, lachte Nico und war froh um diese Ablenkung.

„Gut, Herr Wiesner wird in einer halben Stunde etwa hier sein. Komm dann grad runter.“

Nachdem Stein wieder gegangen war, zog Nico seine Wintersachen an. Vor seinem geistigen Auge schwebte nebulös Heilig Abend vorüber. Er hätte den Betreuern gerne ein Geschenk gemacht und den Jungs eigentlich auch, aber hier gab es keine glitzernden Einkaufscenter, in denen man bei Weihnachtsmusik gemütlich shoppen gehen konnte.

Musik? Fernseher? Spiele? Was konnte man an so einem Abend hier oben machen? Er musste die Jungen fragen, ob sie einen Wunsch oder Ideen haben. Als er nach unten kam, standen auch die Jungen zweckmäßig bekleidet auf dem Vorplatz.

„Was habt ihr denn noch vor?“, fragte er sie verwundert.

„Weihnachtsbaum holen gehen«, rief Sascha.

Aha, sie kamen also mit. Jonas stand etwas abseits und beobachtete Nico scheinbar sehr genau. Vlado war praktisch nicht mehr da und nun mutmaßte Nico, dass sich der Junge gewisse Chancen einräumte.

Von Marco wusste er nichts, ihn hatte Nico in seinen Erzählungen nie erwähnt. Allerdings traute Nico dem Jungen zu, dass er das feine Gespür der Schwulen besaß. Und dann war es eine Frage der Zeit, bis er ihnen auf die Schliche kommen würde.

Niemals durfte Jonas ihn und Marco in seinem Zimmer sehen und diese Gefahr bestand praktisch immer. Augenblicke später war ein vertrautes Geräusch zu hören und schon wurde ein bekanntes Gespann sichtbar:

Emmis Trecker samt Anhänger tuckerte den Weg herauf. Diesmal saß der Förster auf dem Gefährt und vom Anhänger her war laut Arcos aufgeregtes bellen zu hören. Diesmal fuhren alle mit.

Falk, Rainer und Leo nahmen zwischen den Jungs Platz, Rick stellte sich artig neben Arco und Nico setzte sich auf den Radsitz des Treckers. Da wollte er immer schon mal mitfahren, aber nie hatte sich die Gelegenheit geboten.

Vielleicht hatte Marco erwartet, dass er sich neben ihn setzt, aber sie hatten Zeit, vielleicht mehr Zeit füreinander, als das im Augenblick absehbar war. Die Fahrt dauerte nur knappe zehn Minuten, dann hielt Wiesner das Gespann an.

Er lief, gefolgt von dem Trupp, ein paar Meter in den Wald und zeigte dann auf eine stattliche Tanne.

„Die habe ich gedacht, passt gut in euer Heim.“

Man bestaunte den prächtigen Baum und alle nickten zustimmend, obwohl man ihn wegen des Schnees gar nicht so wirklich beurteilen konnte. Der Förster hatte eine Motorsäge im Kasten des Anhängers verstaut und damit machte er sich nun an die Arbeit.

Kurz darauf war der Baum durch mithilfe aller durch eine Kette an der Anhängerkupplung befestigt und tuckerte die Schar, den Baum auf dem Schnee hinter sich herziehend, zum Camp zurück.

„Wir haben da oben Wolfsfährten gesehen. Also wir meinen, dass es ein Wolf war. Kann das sein?«, fragte Nico den Förster auf der Heimfahrt.

„Da habt ihr aber genau hingeschaut“, lachte er.

„Ja, ich beobachte ihn bereits eine Weile. Er muss schon vor Tagen hier angekommen sein, allerdings zieht er immer engere Kreise um das Dorf. Im Nachbarrevier hat er zwei Rehe gerissen, nun wird er wohl auch hier sein Glück versuchen.“

„Und was machen Sie dagegen?“

„Ich? Nichts. Einen Wolf kann man in Deutschland nur schießen, wenn man sehr, sehr viel Geld für die Strafe hat. Hat man es nicht, droht Gefängnis. Wölfe stehen unter besonderem Schutz. Und Rehe hat es hier genug, das ist kein Schaden, wenn er sich das eine oder andere holt.“

„Könnte er auch einem Menschen gefährlich werden?“

„Nein, dazu hat er erstens keinen Anlass und zweitens geht er uns weiträumig aus dem Weg.“

„Und wenn er einem anderen Hund begegnen würde?“ Nico dachte an Rick und dass der immer solche weiten Streifzüge unternahm.

„Sehr unwahrscheinlich, dass das passiert. Wenn doch, kann man es nicht vorhersagen. Wenn der Wolfsrüde da draußen allerdings die Witterung einer läufigen Hündin aufnimmt, dann kann das durchaus Folgen haben.“

Nico stellte sich vor, so einem Wolf einmal zu begegnen.

„Zu sehen bekommt man den dann wohl nicht?“

„Kaum. Vielleicht besteht eine Chance, dass man ihn in der Dämmerung und mit einem starken Fernglas im Schnee laufen sieht, aber da ist mehr Glück dabei. Mir ist das vor vielen Jahren nur einmal gelungen.“

Mittlerweile begann sich der Himmel von Norden her zu bewölken. Nico fand es schade, dass es nicht noch ein paar sonnige Tage über Weihnachten gab. Blieb zu hoffen, dass nicht ganz so viel Schnee fallen würde, wie es mittlerweile Radio und Fernsehen voraussagten.

Am Camp angekommen, wurde der Baum sofort in den Gemeinschaftsraum getragen. Überraschend standen dort ein sehr stabiler Christbaumständer und einige aufgestapelte Kartons. Leo erklärte dann auch gleich den Inhalt.

„Die Vorgänger haben uns freundlicherweise ihren Christbaumschmuck dagelassen. Alles da: Kugeln, Kerzen, Lametta. Aber bildet euch ja nicht ein, dass ich den Baum schmücke. Das macht ihr gefälligst, alle zusammen, okay?“

Die Jungen sahen sich fragend an und Stein konnte ein Lachen nicht verbeißen. Das war allein Leos Aktion und da würde er sich komplett heraushalten.

„Erst aber mal ab unter die Duschen. Ich will hier keinen niesen oder husten hören, verstanden?“

Stein war rührend besorgt um die Gesundheit seiner Schützlinge und Nico fragte sich, ob es eigentlich noch jemanden auf dieser Welt gab, der so war wie er.

„Den Baum könnt ihr dann nach dem Abendessen schmücken.“

 

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