Leise Gedanken – Teil 2

Aufgeregt stand ich vor der Tür. Irgendwie traute ich mich nicht zu klingeln. Hunk hatte mich hier her gefahren um Jakobs Mutter wieder zu sehen. Und nun stand ich hier in diesem mehrstöckigen Haus, in einem dunklen Flur.

Zaghaft drückte ich den Klingelknopf und in der Wohnung war eine Klingel zu hören. Ich hörte Schritte und wie sich ein Schlüssel im Schloss drehte. Langsam öffnete sich die Tür einen Spalt und zwei Augen schauten mir entgegen.

„Heinrich?“

Ich nickte. Die Tür wurde aufgezogen und Frau Guggenhöfer stand vor mir.

„Du bist es wirklich, Heinrich“, sagte sie und nahm mich in ihre Arme.

Ihre Augen wurden feucht, und ich musste mich bemühen, nicht mitzumachen.

„Komm herein. Erzähle, wie bist du hier her gekommen?“

Noch immer stumm, folgte ich ihr in die Wohnung. Sie war zwar recht klein, aber doch geräumig. In einer kleinen Küche bot sie mir einen Stuhl an und setzte sich mir gegenüber.

„Erst mal soll ich ganz liebe Grüße von meinen Eltern und meiner Großmutter ausrichten“, begann ich.

„Es geht ihnen gut? Das freut mich aber“, meinte sie und starrte mir in die Augen.

Ich senkte den Kopf.

„Karl, ist als vermisst gemeldet, wir wissen nicht, ob er noch lebt“, fügte ich leise hinzu.

„Mein Mann hat es auch nicht geschafft, er starb, als wir über die Grenze flohen.“

Wieder rannen einzelne Tränen über ihre Wangen. Stumm saßen wir da und schauten uns eher verlegen an.

„Ein Mann von einer Zeitung war da und meinte, du suchst nach uns. Wie kommt es, dass er dich kennt?“, begann sie nach einer Weile wieder den Faden aufzunehmen.

„Das ist eine längere Geschichte“, antwortete ich und begann einfach von Anfang an zu erzählen.

Melanie hatte inzwischen einen Kaffee gemacht. Interessiert hörte sie meinen Erzählungen zu.

„Von den Paketen nach Deutschland, habe ich schon gehört und du veröffentlichst wirklich Artikel in der New York Times?“

Ich nickte und nippte an meinem heißen Kaffee.

„Melanie, ich hätte da eine Idee. Die Leute von der Redaktion, sind jetzt schon überfordert mit den Paketen. Ich will mit Mr. Baxter reden, ob der nicht eine Anstellung für dich hätte. Dann hätten wir Vorort jemanden, der die Pakete vorsortieren könnte“, meinte ich und bemerkte ein Lächeln auf ihren Lippen.

„Das würdest du für mich tun?“, fragte sie.

„Ich kann dir nichts versprechen, aber ich versuche es… heute noch, ich gebe dir Bescheid.“

Melanie stand auf und umarmte mich.

Ein Schlüssel war an der Tür zu hören und Melanie schreckte auf.

„Jakob?“, rief sie laut und rannte in den Flur.

Mir zog es mein Herz zusammen.

„Jakob, du bist es wirklich, ich hab mir so viele Sorgen um dich gemacht.“

„Hättest du nicht brauchen, ich war gut versorgt“, hörte ich die mir vertraute Stimme, wenn auch ein wenig tiefer.

„Wir haben Besuch“, hörte ich Melanie sagen, mir stockte der Atem.

„Wer?“

„Schau selbst, er sitzt in der Küche.“

„Er?“

Ich hörte Schritte, in Richtung mir, nur noch wenige Sekunden und Jakob würde vor mir stehen. Gespannt sah ich zur Tür und Jakob kam herein.

„Heinrich du?“

Ich nickte und wollte schon aufspringen.

„Was willst du hier?“, kam es in einem bösen Ton.

„Aber Jakob, Heinrich ist extra unseretwegen gekommen“, sagte Melanie zu ihrem Sohn.

„Hätte er sich sparen können“, meinte Jakob und verließ das Zimmer wieder.

Wie als hätte mir jemand ins Herz gestochen, krampfte sich alles in mir Zusammen. Melanie sah mich hilflos an.

„Es war nett dich wieder zu sehen, Melanie, aber ich denke es wird besser sein, ich gehe jetzt wieder, und wegen einem Job, melde ich mich wieder bei dir“, sagte ich mit belegter Stimme.

„Ich weiß nicht, was in ihn gefahren ist, seit wir hier sind, ist er so komisch“, meinte Melanie.

Ich winkte ab.

„Schon gut Melanie.“

„Grüß mir deine Eltern.“

„Werde ich machen, ich schicke ihnen ein Telegramm, das es dir gut geht.“

„Danke Heinrich.“

Ich versuchte zu Lächeln und gab ihr die Hand zum Abschied, denn irgendwie war mir bewusst, dass ich hier nicht mehr erscheinen würde.

***

Traurig und mit Tränen in den Augen, saß ich auf einer Bank. Mit Hunk hatte ich ausgemacht, dass er mich hier wieder abholen würde. Es dauerte auch nicht lange und ein Auto fuhr vor und Hunk stieg aus.

„War wohl nicht so der Erfolg?“, fragte er.

„Doch schon, mein Wiedersehen mit Melanie war schön.“

„Aber?“

„Jakob ist aufgetaucht und er wollt mich nicht sehen“

Hunk verzog sein Gesicht und startete den Motor, als ich einstiegen war.

„Könntest du noch bei der Redaktion vorbei fahren? Ich möchte Mr. Baxter noch etwas fragen.“

Hunk nickte stumm und fuhr los. Mit Tränen in den Augen schaute ich zum Fenster raus und beobachtete das Treiben draußen.

***

Mr. Baxter war von meiner Idee angetan, Melanie einzustellen um sich um die Pakete und den Schriftverkehr zu kümmern. Er setzte auch gleich alles in Bewegung, dass sie so schnell wie möglich anfangen konnte.

Die nächsten Tage verbrachte ich viel Zeit in der Redaktion, wenn mich Hunk nicht zu irgendwelchen Leuten schleppte, die mich unbedingt kennen lernen wollten. Mein Englisch besserte sich langsam und ich war fast soweit, kleine Unterhaltungen selbst zu führen, ohne Hunk als Übersetzer zu brauchen.

Den Gedanken an Jakob hatte ich fast verdrängt, außer wenn ich abends erschöpft im Bett lag und doch nicht einschlafen konnte. Seine Augen von neulich gingen mir nicht aus dem Kopf. Sie drückten Hass, Enttäuschtheit aber auch Leere aus.

Irgendwoher von draußen klang die Melodie von Glenn Miller herein. Moonlight Serenade. Ich hab bei Hunk oft seine Musik gehört und begann zu träumen, Ich erinnerte mich an die vielen Mittage, an denen ich mit Jakob zusammen spielte. Irgendwann musste ich dabei doch eingeschlafen sein.

Am nächsten Morgen, nach dem Frühstück, fuhr ich mit Hunk wieder in die Redaktion um noch einiges zu regeln, denn am nächsten Morgen, flogen wir wieder zurück. Ich freute mich schon darauf, denn insgeheim vermisste ich meine Eltern und Emilie schon sehr.

Trotz der starken Eindrücke, die ich hier in New York sammelte, wollte ich auch wieder nach Hause. Am Mittag lud mich Hunk zum Lunch ein, wie man hier so schön sagte. Wir verließen gerade das Haus, als mich eine Faust ins Gesicht traf und ich zu Boden viel.

Hunk wollte schon eingreifen.

„Halt Hunk, das ist Jakob“, rief ich und er hielt inne.

Er half mir auf und ich rieb meine schmerzende Wange.

„Kannst du uns nicht in Ruhe lassen?“, schrie Jakob mich an.

„Stop“, schrie Hunk, „bevor ihr jetzt noch irgendetwas sagt oder tut, steigt beide ins Auto, Jakob nach vorne zu mir.“

Beide machten wir das, was uns Hunk sagte, ohne einen weiteren Ton zu sagen. Während der Fahrt machte ich einige Male den Versuch, einen Ansatz zu finden, doch der böse Blick von Hunk im Rückspiegel hinderte mich daran.

Hunk fuhr mit uns zum Central Park, ein großer Wald mit Wiesen mitten in der Stadt. Dort angekommen ließ er uns aussteigen und wir folgten ihm schweigend in den Park. An einer Stelle mit Wiese stoppte er.

„So und nun sprecht euch aus…“, meinte er und zündete sich eine Zigarette an.

Hunk rauchte oft, wenn er sauer war. Ich schaute Jakob an, der mich immer noch ablehnend ansah.

„Warum bist du hergekommen?“, fragte Jakob plötzlich.

„Ich wollte dich wiederfinden.“, gab ich zur Antwort und schaute betreten zu Boden.

„Und für was? Willst du unbedingt alte Wunden aufreißen?“

„Alte Wunden?“

„Ich will nicht mehr an Deutschland erinnert werden.“

„Ich dachte, wir wären Freunde…“

„Verrät man Freunde?“

„Verraten?“

„Willst du mir weismachen, du gehörst nicht zu diesem gottverdammten NStypen, die dort überall waren.“

„Von was redest du, Jakob?“

„Ihr wart doch alle froh, als wir abtransportiert wurden.“

„Jakob, dass stimmt doch überhaupt nicht.“

„Erzähl dieses jemanden anderen, ihr seid doch alle gleich.“

In mir krampfte sich alles zusammen, ich spürte wie es in mir die Tränen hoch presste.

„Das ist doch gar nicht war, wie hätte ich dir denn helfen sollen? Ich stand am Fenster, als ihr geholt wurdet, ich wollte zu dir hinaus, aber meine Mutter ließ mich nicht.“

„Ja, weil sie genauso zu diesen feigen Verräter gehört wie all die anderen in der Nachbarschaft!“

„Jakob, was ist nur aus dir geworden… zählt unsere Freundschaft nichts mehr… „

„Schöner Freund..“

Ich wandte mich an Hunk.

„Könntest du mich zurückfahren, dass hier hat doch keinen Sinn.“

Hunk drückte seine Zigarette mit dem Fuß aus und nickte. Ich saß die ganze Zeit hinten im Wagen und weinte. Als Hunk vor dem Haus hielt in dem Jakob wohnte, drehte sich Jakob zu mir um.

„Warum heulst du die ganze Zeit?“

Ich schaute auf.

„Weil ich dich liebe“, sagte ich und mir versagte die Stimme.

„Du spinnst doch“, meinte Jakob und verließ den Wagen.

Hunk verließ ebenso den Wagen und lief ihm hinter her. Auf der Treppe zur Eingangstür fing er wie wild an mit den Händen und Armen zu fuchteln. Er redete sich in Rage. Jakob schien mir immer kleiner zu werden.

Hunk kam zurück an den Wagen, stieg ein und fuhr schnell los. Ich sah noch wie Jakob die Treppe hinunter stolperte und dem Wagen hinterher rannte. Ich habe Hunk nicht gefragt, was er zu Jakob gesagt hatte.

Abends packte ich meinen Koffer und ließ mich müde auf mein Bett fallen. Irgendwoher spielte wieder Glenn Miller, ein anderes Lied, dass ich noch nicht kannte. Ich fing an zu weinen… und irgendwann musste ich mich in den Schlaf geweint haben.

***

Gelangweilt sah ich aus dem kleinen Fenster und schaute auf das weite Wasser, des Meeres hinaus. Tante Ann hatte uns noch zum Flughafen begleitet und sich herzlich bei mir verabschiedet. Sie meinte auch, sie würde sich freuen, wenn ich mal mit Hunk wieder zu Besuch kommen würde.

Und nun flogen wir Richtung London und meine Gedanken hingen bei Jakob. Ich hatte es versucht… ich hatte ihn wiedergefunden. Dass es so ausgehen würde, wusste ich nicht, umso trauriger war ich.

„Vergiss ihn“ kam es von meiner Rechten.

Ich schaute zu Hunk und er wuschelte mir über den Kopf.

„Henry, du bist ein so großartiger Mensch, wenn Jakob das nicht erkennen will, ist er selbst schuld. Du darfst die Schuld nicht bei dir suchen, denn du hast alles versucht!“

Ich nickte ihm zu und war mir nicht ganz sicher, ob das Gesagte auch wirklich mein Hirn erreicht hatte. In London angekommen, gab es eine große Wiedersehensüberraschung. Jane, die auf dem Weg nach Amerika zurück war, wohnte im selben Hotel wie wir.

Natürlich musste ich erzählen was ich alles erlebt hatte, auch das mit Jakob. Aber ich genoss einfach den Abend und war sehr traurig, als Jane sich dann verabschiedete. Mit einer großen Leere im Kopf ließ ich mich aufs Bett fallen und war schnell eingeschlafen.

***

Ein paar Tage später saß ich in meinem Zimmer zu Hause bei meinen Eltern. Emilie jagte wie immer lautschreiend durchs Haus, aber es störte mich nicht weiter. Ein Bild von Jakob, das mir Melanie, als Abschiedsgeschenk gegeben hatte, stand an meinem Tisch.

Ab nächsten Monat sollte ich wieder in die Schule gehen. Sehnsüchtig dachte ich an die vielen Reisen mit Hunk und Bob. Was ich alles gesehen hatte. Hunk befand sich jetzt in Hamburg und Bob, war nach Hause, nach Chicago, geflogen.

Ich nahm Jakobs Bild, steckte es in ein Buch und stellte es ins Regal. Eine kleine Träne kullerte über meine Wange, die ich schnell mit der Hand abwischte. Ich setzte mich an meinen Tisch zurück, als die Tür aufflog.

„Heinrichhhhhhhhhhhhh, du sollst runter kommen, hat Mama gesagt“, kam es von Emilie, die sogleich wieder das Zimmer verließ.

Also stand ich wieder auf und lief nach unten. In der Küche sah ich, dass eine neue Ladung Pakete angekommen war.

„Soll ich helfen?“, fragte ich meine Mutter, die am Tisch saß, mit einem Brief in der Hand.

Sie schaute mir lang in die Augen, mir wurde unbehaglich.

„Was ist passiert?“, fragte sie.

„Was meinst du?“ fragte ich gegen.

„Was ist zwischen dir und Jakob passiert. Du bist seit Tagen zurück, erzählst uns vom großartigen New York, aber kein Wort über Jakob.“

Ich starrte auf die vielen Pakete auf den Tisch.

„Was soll sein, für ihn bin ich ein Nazischwein, mit dem er nichts mehr zu tun haben will…“

Meine Mutter ergriff mein Kinn und drehte mein Gesicht zu ihr.

„Hat er das so gesagt?“

„Ja“, antwortete ich mich erstinkender Stimme.

„Es war ein Brief von Melanie dabei, wo sie sich für das Verhalten von Jakob dir gegenüber entschuldigt. Aber warum, hat sie nicht geschrieben.“

„Ist jetzt auch egal“, meinte ich und wendete wieder mein Gesicht von ihr ab.

Ich wollte nicht, dass sie mich weinen sah.

„Dir geht das nahe…..“

„Ja… Jakob war mein bester Freund…..“

Meine Mutter stand auf und nahm mich einfach in den Arm. Leise weinte ich vor mich hin.

„Weißt du, dieser Krieg hat vieles zerstört, auch Freundschaften. Wir werden damit leben müssen…“

Ich nickte und begann ein Paket zu öffnen.

***

Mein Vater hatte eine günstige Wohnung in Heidelberg gefunden. So war ich damit beschäftig, meine wenigen Habseligkeiten, in einen Karton zu packen. Ich trug den Karton hinunter und stellte ihn vor die Haustür.

In der Küche bereite meine Großmutter das Mittagessen. Ich setzte mich zu ihr an den Küchentisch.

„Hast du dich schon entschlossen, was du nach der Schule machen wirst?“, fragte sie ohne von ihrer Arbeit aufzusehen.

„Wenn meine Eltern nichts dagegen habe, würde ich gerne bei einer Zeitung anfangen.“

„Hört sich interessant an“, meinte sie.

„Das ist es auch. Mir hat die Redaktionsarbeit in New York Spass gemacht. Schon alleine, was für Menschen du dadurch kennen lernen kannst.“

Meine Großmutter hatte aufgehört und sah mich an.

„Ich meine, wo kannst du dich ungestört durch alle Schichten bewegen…“

„Junge, aus dir wird mal was Großes. Nur eins, bleib dir treu und ändere dich nicht“, war das Einzige, was sie mir entgegnete, bevor sie das Kochen wieder aufnahm.

Still saß ich da und beobachtete sie, irgendwie vermisste ich sie schon jetzt.

***

Es gab einiges in der neuen Wohnung zu tun. Farbe gab es noch nicht, so versuchten wir die Wände vorsichtig abzuwaschen. Es war sehr geräumig hier und ich freute mich, sogar ein eigenes Zimmer zu haben.

Mein Vater hatte einen Job in einem Buchladen bekommen. Dieser hatte wenig abgekommen, doch ich fragte mich, wer denn jetzt Bücher kaufen konnte, wo denn fast niemand Geld hatte, etwas zu essen zukaufen, geschweige denn, genug Essen vorhanden war, um es zukaufen.

Schnell bemerkte ich aber, dass Leute zu meinem Vater kamen um Bücher zu verkaufen, um dafür ein paar Pfennige zu bekommen. So füllten sich die Regale der kleinen Buchhandlung schnell wieder.

Der Besitzer war recht alt und so dauerte es nicht lange, dass mein Vater die Buchhandlung übernahm. Da ich für meinen Artikel, weiterhin Geld bekam, konnte er dem Mann auch Geld dafür geben.

Ich saß oft bei meinem Vater und lass stundenlang in den vielen verschiedenen Bücher, die es hier gab. Es sprach sich auch schnell herum, dass man in dieser Buchhandlung Geld für seine Bücher bekam und nicht irgendetwas zum Tauschen.

Mein Vater hatte auch in einer Ecke des Ladens ein Tisch mit Stühlen aufgestellt. So wurde dieser Laden ein kleiner Treffpunkt für Leute, die sich über verschiedene Bücher ausließen, heiße Wortgefechte sich lieferten oder einfach nur, wie ich, da saßen um in einem Buch zu lesen.

Die Schule hatte auch wieder begonnen. Die Klassen waren wieder getrennt nach Jungen und Mädchen, weil während des Krieges die Klassen zusammengelegt wurden – aus Mangeln an Lehrern.

Eigentlich schade, dachte ich, denn es machte Spass mit den Mädchen in der Schule. Zumindest im gleichen Gebäude waren sie untergebracht, so konnte ich Lottchen und Sabine während der Pausen sehen.

Nicht alle Klassen waren wieder getrennt worden. Die niedrigen Stufen hatten nach wie vor zusammen Unterricht. Irgendwie gefiel es mir im Schulhof, wo Jungen wieder unbeschwert mit einander Fußball spielten.

Oder die Jüngeren durch den Hof jagten und fangen spielten. Wenn man nicht die Trümmergebäude in der Nachbarschaft sehen würde, könnte man sagen, es hätte nie einen Krieg gegeben. Wir Älteren saßen zusammen, meisten unter der alten Ulme.

In den letzten Tagen hatte jeder seine Erlebnisse vom Krieg zum Besten gegeben, auch ich erzählte noch mal mein Erlebtes. Von meinem Treffen mit Jakob in Amerika berichtete ich nur kurz, über das was vorgefallen war, kein sterbens Wörtchen.

Außer den schon bekannten Gesichtern, gab es auch ein paar neue Jungen in unserer Klasse, die es mit ihrer Familie hierher verschlagen hatte. Der Unterricht selbst hatte sich auch geändert. Kein >Heil Hitler< mehr am Anfang, sondern die Klasse stand auf und begrüßte den Lehrer nur mit Namen.

Komischer weise hatten wir immer noch die gleichen Bücher, wie während des Krieges. Überall brangte das Hakenkreuz und ab und zu war auch ein Bild von Hitler drin. Da wir nach wie vor die Bücher selbst kaufen mussten, gab es nicht viele in der Klasse, die ein Buch hatten.

Von den früheren Lehrern war fast keiner da. Meist waren es Studenten, die einen Schnellkurs in Pädagogik abgelegt hatten, und nun vor uns als Lehrer standen. Bis auf ein paar ältere Lehrerinnen war die Lehrerschaft komplett neu.

„Wenn Klopse jetzt noch ein Wort mehr an die Tafel schreibt, muss ich mir was überlegen, damit ich nicht mehr weiterschreiben muss“, meinte Jürgen neben mir.

„Warum denn?“, flüsterte ich leise zurück.

„Mein Papier geht aus, ich habe keines mehr.“

Ich nahm ein paar Blätter aus meinem Stapel und schob sie ihm hinüber.

„Dank Heinrich, du bist meine Rettung.“

„Keine Ursache, gern geschehen.“

„Hast du heute Mittag schon etwas vor?“, flüsterte Jürgen zurück.

Ich schüttelte den Kopf.

Jürgen sagte nun nichts mehr, denn Klopse unser Lehrer lief durch die Reihen.

Das was an der Tafel stand, wollte kein Ende nehmen, so schrieb ich alles schön brav ab was unser Herr Klopse zuvor an die Tafel geschrieben hatte. Jürgen stöhnte und ich sah, dass er ein ganzes Stück weiter zurück war als ich.

Klopse machte mich nervös, die ganze Zeit lief er in der Klasse hin und her. Ich weiß nicht warum, aber er benahm sich sowieso anderst mir gegenüber. Weshalb konnte ich mir wirklich nicht vorstellen.

„Heinrich, kannst du nicht schneller schreiben, du brauchst ja ewig. Die Schulstunde ist gleich vorbei, da will ich alles fein säuberlich bei dir abgeschrieben sehen“, kam von ihm.

Die Anderen schauten mich kurz an und schrieben dann aber weiter. Als es zur Pause klingelte, ging ich an das Pult vor und zeigte Herr Klose, was ich abgeschrieben hatte.

„Das schreibst du alles noch mal, das kann doch keiner lesen“, sage er zornig, stand auf und verließ den Raum.

Fassungslos stand ich da und sah ihm nach.

„Was hast du denn getan?“, fragte Jürgen, der mit meiner Schultasche ankam.

„Ich weiß es nicht“, gab ich zur Antwort.

Gemeinsam verließen wir das Klassenzimmer. Meine Gedanken kreisten um Herrn Klose. Was hatte ich ihm getan, dass er mich so herabsetzte. Bisher hatte ich doch noch nie Schwierigkeiten mit meiner Schrift.

Am Mittag ging ich in die Kaserne um Hunk aufzusuchen, doch er war nicht da, auf irgendeiner Reise, wegen einer Geschichte sagte man mir. Also beschloss ich meinen Vater in seinem Laden zu besuchen.

Als ich dort ankam, war es voll. Mehrere Leute saßen um den Tisch und waren in einer heftige Unerhaltung. Es ging wieder um deutsche Bücher und Schrifttum. Ich gesellte mich zu meinem Vater hinter die Theke und erzählte ihm das von meinem Lehrer.

„Könnte es sein, dass er zu denen gehört, die es nicht gern sehen, wenn man mit den Amerikaner verkehrt?“, fragte er.

„Das weiß ich nicht, kann ich mir gar nicht vorstellen“, antwortete ich.

„Ich habe das die letzten Tage öfters zu hören bekommen“, meinte er, du musst auch an die denken, die durch die Bombenangriffe, der Amerikaner, Angehörige verloren haben.“

„Und deswegen behandelt mich der Lehrer so?“

„Kann gut möglich sein.“

Ein Jeep hielt vor unserem Laden und die Tür des Ladens wurde geöffnet. Es war niemand anderes als Bob, der durch die Tür kam.

Hallo Henry“, rief er mir entgegen.

Ich sprang auf und viel ihm um den Hals.

„Hallo Bob“, begrüßte ich ihn freudig, „seit wann bist du wieder hier?“

„Seit gestern. Hast du ein wenig Zeit?“, fragte er mich.

„Klar, wo soll es denn hingehen?“

„Nur raus hier, weg von der Stadt.“

Mein Vater nickte mir zu. Also lief ich mit Bob hinaus zum Jeep und setzte mich hinein. Bob umrundete den Wagen, sprang ebenfalls hinein und startete den Motor. Es dauerte nicht lange und wir hatten Heidelberg verlassen, als Bob den Jeep in einem Seitenweg parkte.

„Laufen wir ein kleines Stück?“, fragte er mich.

Ich nickte und kletterte aus dem Wagen. Bob schritt erst leise neben mir her.

„Was ist los mit dir?“, fragte ich.

„Ich werde Deutschland bald ganz verlassen, man hat mich zurück versetzt“, meinte er leise.

Entsetzt blieb ich stehen.

„Was… zurück nach Amerika…?“

„Yes.“

„Und wann?“, fragte ich nun ebenso leise zurück.

„Schon in einem Monat.“

Ich fiel Bob um den Hals und begann zu weinen. Wie ein Film lief meine Erinnerung an mir vorbei, als ich Bob kennen lernte. Er drückte mich fest an sich und streichelte mir über das Haar.

„Du fehlst mir jetzt schon“, meinte ich.

„Mach es uns doch bitte nicht so schwer.“

„Sorry, tut mir leid.“

„Hey little Boy, ist nicht schlimm!“

Ein kleines Lächeln huschte über meine Lippen und ich näherte mich Bobs Lippen. Wir küssten uns sehr intensiv und lange, als würde es das letzte Mal sein. Es war so und wir konnten nichts daran ändern.

Ich weiß nicht wie lange wir da gestanden hatten, mir kam es vor wie eine Ewigkeit. Als sich Bobs Lippen von meinen trennten, öffnete ich langsam wieder die Augen. An seiner Wange glitt eine Träne herunter, die ich mit dem Daumen abwischte.

„I love you“, sagte Bob heiser und drückte mich wieder fest an sich.

„Ich dich auch, Bob.“

Langsam begann ich zu begreifen, was ich durch die Freundschaft zu Bob gewonnen hatte und nun sollte dies ein Ende nehmen?

„Sehe ich dich wieder?“, fragte ich.

„Sicher, wir bleiben in Kontakt. Außerdem bleibt dir Hunk ja erhalten.“

Wieder schwiegen wir uns an und Bob zog mich zum weitergehen an der Hand. So liefen wir dann nichtssagend weiter. Hand in Hand.

Ich sah Bob in diesen Wochen nur noch einmal, bevor er abflog. Hunk hatte mich mit an den Flughafen genommen und so konnte ich mich wenigstens Verabschieden. Traurig sah ich dem Flugzeug nach, als es abhob.

Ich spürte Hunks Hand auf meiner Schulter.

„Irgendwann werdet ihr euch wieder sehen… bestimmt!“

Ich schaute Hunk an und nickte. Meine Augen aber waren mit Tränen gefüllt, denn ich wusste, dass ich Bob mit Sicherheit eine lange Zeit nicht mehr sehen würde.

***

Durch meine Artikel, die Hunk weiterhin fleißig nach New York schickte, kam doch ein wenig Geld zusammen. Außerdem versorgte mich Hunk mit soviel Papier, dass ich meinen Klassenkameraden einiges abgeben konnte.

Das schlechte Verhältnis zu meinem Lehrer verbesserte sich langsam. Der Gang zur Schule war wieder normal geworden, mittags half ich meinem Vater im Buchladen, um dann abends todmüde ins Bett zufallen.

Wie jeden Abend ließ ich einen kurzen Blick über Jakobs Bild auf meinem Tisch schweifen, bevor ich mich ins Bett legte. Ich wusste immer noch nicht, was ich eigentlich wollte. Meine Eltern bestärkten mich darin, mit den Artikeln weiter zu machen.

Hunk schlug mir vor, dass ich alles aufschreiben sollte, was ich so dachte. Über den Krieg, die Zeit danach, den Menschen, denen ich begegnet bin. Mir fiel oft auch etwas ein, wenn ich den Erzählungen der Leute folgte, die, wie jeden Mittag, in unserem Laden saßen.

Aber wenn ich es zu Papier bringen wollte, saß ich nur vor einem Stück weißem Papier. Das änderte sich auch nicht, als Hunk eines Tages vor unserer Tür stand und eine Schreibmaschine auf dem Arm hatte.

Hunk war oft bei uns, irgendwie gehörte er schon zur Familie. Viele Abende saßen wir zusammen und redeten über Dinge, die ich gesehen hatte oder auch Hunk.

„Wie wäre es, wenn du in den Ferien mit mir nach New York kommst?“, fragte er mich.

„Ich weiß nicht recht, ob dass eine gute Idee ist.“

„Wegen Jakob?“

„Nein, an den hatte ich gerade nicht gedacht. Eher wegen meines Umfeldes, dass sich nicht daran gewöhnen kann, das ich mit Amerikaner verkehre.“

„Das hört sich an, als wären wir etwas schlimmes“, sagte Hunk.

„Manchmal kommt es mir auch so vor, wie die Leute eben so reden.“

„Warum schreibst du nicht mal darüber?“

„Wie wir die Amerikaner sehen?“

„Ja, genau, wäre dass für dich schwer?“

„Kann ich nicht sagen, ich müsste es versuchen.“

„Mir fällt da gerade auch noch etwas anderes ein, Henry.“

Ich schaute ihn an.

„Im November beginnen in Nürnberg die Gerichtsverhandlungen, und da…“

„Welche Verhandlungen?“, fragte ich.

„Eine Verhandlung gegen die Kriegsverbrecher? Ich meine, das sind doch ganz schön viele, oder?“

„Nein, es wird eine Verhandlung gegen die Hauptpersonen geführt. Solche Oberen wie Göring, Heß oder Keitel.“

„Und wer sind die Richter?“

„Keine Deutschen!“

„Das finde ich gut, denn sonst glaube ich, kann es passieren, dass diese Verbrecher nicht gerecht verurteilt werden“, sagte ich.

„Dich scheint das zu interessieren?“

„Ja, sehr. Denn jetzt schon heißt es, die Deutschen sind an allem schuld, aber viele wussten doch gar nicht, was wirklich abgelaufen ist. Gut, wir haben gesehen, wie Juden abtransportiert wurden, doch keiner von uns wusste, dass sie in ein Konzentrationslager kamen. Dass sie in Massen umgebracht wurden.“

Mich schüttelte es, allein nur der Gedanke, wie viel haben sterben müssen, weil eine Handvoll Menschen, einen irrsinnigen Vernichtungsplan hatten.

„Und warum schreibst du nicht darüber?“, fragte Hunk, „ich kann dich vielleicht mitnehmen nach Nürnberg, denn amerikanische Presse ist zugelassen.“

„Die Menschen sehen, die das angezettelt haben?“

„Ja!“

Ich starrte auf das Bild von Jakob. Er hatte mich als Verräter bezeichnet, er wollte nichts mehr mit mir zu tun haben. Ich verstand schon, warum er das dachte, aber warum gab er mir nicht die Chance mich zu verteidigen.

„So, ich muss dann langsam zurück und du ins Bett, du hast morgen Schule“, sagte Hunk und riss mich aus den Gedanken.

„Sehen wir uns morgen wieder?“

„Aber erst am späten Mittag, ich habe morgen einiges zu erledigen.“

„Gut, dann bis Morgen!“, sagte ich und stand auf um mich von Hunk zu verabschieden.

Ich lag an diesem Abend noch lange wach, denn meine Gedanken kreisten um Jakob.

Am nächsten Morgen hatte ich Schwierigkeiten aufzustehen. Zu müde war ich um einen klaren Gedanken zu fassen. In der Schule saß ich eher teilnahmslos da, alles flog an mir vorbei wie ein Traum.

Ich saß in der Pause im Schulhof unter einem Baum. Jürgen saß neben mir und aß an seinem Brot.

„Was ist denn mit dir heute los?“, fragte Jürgen neben mir.

„Ich weiß auch nicht, bestimmt schlecht geschlafen.“

„Du bist letzte Zeit sehr still geworden, redest nicht mehr viel mit uns“, kam es von Jürgen.

„Es ist zu viel in letzter Zeit passiert, ich muss das erst mal für mich verarbeiten.“

„Kann ich dir irgendwie dabei helfen. Ich meine, ich habe nicht soviel mitbekommen, während des Krieges, ich war bei meinen Großeltern auf dem Land.“

„Sei froh, denn was ich alles gesehen habe, war nicht so schön.“

„Hast du viele … Tote gesehen?“

„Ja, auch Kinder… die jünger als wir waren. Am Anfang musste ich mich noch übergeben… später, auch wenn sich das jetzt blöd anhört, hatte ich mich daran gewöhnt und war froh, das ich da nicht lag.“

Jürgen schaute mich entsetzt an.

„Tut mir leid, Jürgen, es war einfach zu viel.“

„Darf ich die Artikel, die du geschrieben hast mal lesen?“

„Ja, darfst du. Komm einfach einmal am Nachmittag bei mir vorbei.“

Eine kurze Pause entstand.

„Du Heinrich…, was ist aus Jakob geworden, ich meine, du hast ihn doch in Amerika getroffen.“

Ich schluckte und wusste erst nicht was ich sagen sollte.

„Er hasst die Deutschen, will nichts mehr mit ihnen zu tun haben“, gab ich nur als Antwort.

„Wieso das?“, fragte Jürgen.

„Jürgen, weißt du wie viele Juden umgebracht wurden… und wir alle haben nichts dagegen getan?“

Er schaute mich mit offenen Mund an, versuchte etwas zu sagen.

„Wir werden noch in Jahren zu hören kriegen, dass wir an allem schuld sind“, fügte ich hinzu.

„Heinrich…, du hast dich sehr verändert. So kenne ich dich gar nicht. Also, wir Kinder sind doch nicht an diesem Krieg schuld. Was hätten wir tun können, um den zu verhindern.“

„Aber unsere Eltern und Großeltern…“, sagte ich leise.

„Mein Vater ist im Krieg gefallen, und wer ist daran schuld? Er wird nie wieder kommen, nie werde ich ihn wieder sehen…“, meinte Jürgen plötzlich aufgebracht und rannte weinend von mir weg.

„Jürgen, bitte…“

Es war zu spät, er war schon im Schulgebäude verschwunden. Ich stand auf und folgte langsam den Weg, den Jürgen gerade gegangen war. Ich fand ihn auf seinem Platz im Klassenzimmer mit roten Augen vom weinen.

Still setzte ich mich neben ihn, unfähig, jetzt irgendetwas zu sagen.

„Mag sein, das die Deutschen schuld haben, aber das bringt mir meinen Vater oder andere nicht zurück“, sagte Jürgen leise.

„Es tut mir leid, Jürgen. Ich wollte dich nicht verletzen!“

„Schon gut…“, meinte er und sah mich an.

„Was oder wer hat dich so verletzt, dass du so verbittert bist, Heinrich?“

„Jakob…“, sagte ich fast flüsternd und es war das Letzte, was ich in der Schule heute sagte.

Ich hatte beschlossen nach der Schule nicht gleich nach Hause zulaufen. Die Strassen waren mittlerweile Trümmerfrei. Auch die Trümmerberge, der zerbombten Häuser wurden langsam weniger.

Immer wieder standen ein paar Frauen zusammen und klopfen Steine zu Recht, damit man sie wieder für neue Häuser verwenden konnte. Andere schoben Loren voll Schutt vor sich her um auch die letzten Reste zu beseitigen.

Aber dies ließ ich alles links liegen, meine Gedanken waren bei Jakob. Mir hallte jedes einzelne Wort im Kopf nach, das er im Park in New York zu mir sagte. Trug ich wirklich soviel Schuld daran, wie er mir es sagte?

Was hätte ich groß machen können? Am Neckar fand ich ein ruhiges Plätzchen und setzte mich. Ich schaute dem Wasser zu, wie es an mir vorbei floss. Es floss ruhig in eine Richtung und wenn ihm etwas im Weg lag, Steine oder anderen Schutt, umfloss es dies einfach.

Sollte ich es genauso machen? Wenn sich etwas in meinen Weg stellte, es einfach zu umgehen, um einen einfacheren Weg zu finden? Ich hätte jetzt am Liebsten, einfach drauf losgeheult, aber ich blieb regungslos auf der Bank sitzen.

***

Meine Mutter rief mich in die Wohnung, also kam ich zu ihr in die Küche. Da saß Jürgen am Tisch.

„Hallo Heinrich, habe doch gesagt, ich schaue vorbei“, meinte er.

„Gut, dann kann ich dir ja auch gleich meine Artikel zeigen, die ich geschrieben habe“, erwiderte ich.

Jürgen folgte mir in mein Zimmer.

„Zu Hause muss ich mit meinen zwei Schwestern zusammen schlafen, wir haben nicht soviel Platz“, sagte Jürgen und ließ sich auf mein Bett fallen.

„Das haben wir auch nur, weil ich mit meiner Schreiberei Geld verdiene.“

„Dir scheint das wirklich Spass zumachen!“

„Ja und nicht mal wegen des Geldes. Ich wusste ja am Anfang nicht mal, dass ich dafür etwas bekam.“

Ich nahm ein Buch, das mein Vater immer aus Spass Poesiealbum nannte und setzte mich neben Jürgen. Vor Jürgens große Augen öffnete ich es und zeigte ihm meine Artikel, die ich feinsäuberlich eingeklebt hatte.

„Und die Bilder, von wem hast du die?“, fragte Jürgen.

„Die habe ich selber gemacht!“, antworte ich, stand auf, um ihm die Kamera zu zeigen.

„Du hast eine eigene Kamera?“, fragte er verwundert

„Ja, die hat mir Hunk gegeben, um das im Bild festzuhalten, über was ich schreibe, aber auch um privat Bilder zu machen.“

„Ist das schwer?“

„Nein überhaupt nicht, komm wir gehen nach draußen, ich erklär es dir.“

Beim Aufstehen fiel Jürgens Blick auf Jakob und blieb stehen.

„Ihr wart wie Brüder zueinander, schade, dass er jetzt so von dir denkt“, meinte er.

„Kann ich nichts daran ändern…“, sagte ich darauf und schob ihn wieder aus meinem Zimmer.

Draußen angekommen, machte ich Jürgen mit dem Kamera vertraut. Er schaffte es sogar einige Bilder von mir zu machen.

„Und wie bekommst du dann die Bilder?“, fragte mich Jürgen.

„Hunk hat mir die Möglichkeit gegeben, bei ihm in der Kaserne, sie jederzeit entwickeln zu lassen.“

„Dir macht das wirklich Spass, oder?“

„Ja, und dir anscheinend auch, ich meine das Fotografieren!“

„Ja, schon, es ist etwas Neues.“

„Ich habe da einen Einfall, aber ich müsste erst mit Hunk darüber reden.“

„Und der wäre?“

„Hättest du Lust für mich Aufnahmen zu machen?“

„Ich? Ich weiß nicht. Bin ich denn so gut dafür?“

„Ich fände es nicht schlecht, wenn ich noch jemand bei mir hätte, und wenn du gute Bilder machst, könnte es sein, dass du dafür auch noch Geld bekommst.“

„Geld? Das könnten ich und meine Mutter wirklich gebrauchen. Die Firma meines Vaters ist den Bach runter, weil er aus dem Krieg nicht mehr zurückgekehrt ist. Wir haben praktisch nichts mehr.“

„Versprechen kann ich dir nichts, aber ich spreche auf alle Fälle mit ihm.“

„Und was schwebt dir so vor, über was möchtest du berichten?“

„Als erstes, über die Einstellungen der Deutschen, den Amerikaner und den Anderen gegenüber.“

„Wieso das?“

„Du hast selber gesehen, wie Klose auf mich reagiert hat und der einzige Grund dafür ist wohl, weil ich mit Amerikaner verkehre.“

„In Ordnung, wenn du mich haben willst, ich bin dabei.“

Innerlich musste ich grinsen… wenn du mich haben willst… Jürgen sah sehr gut aus. Er spielte viel Fußball, und hatte deswegen auch einen gutgewachsenen Körper. Die blonden Haare und blaue Augen rundeten das Bild ab.

„Kann ich mit dir noch etwas anderes bereden. Wir kennen uns schon so lange, und wir hatten eigentlich nie Geheimnisse voreinander“, sagte ich mit belegter Stimme.

„Hast du eine Leiche im Keller?“, fragte Jürgen.

„Nein das nicht, komm, lass uns zum Neckar runter laufen, da haben wir Ruhe und ich kann dir alles erzählen.“

Gemeinsam liefen wir durch die engen Gassen des Wohnviertels, das einigermaßen erhalten geblieben war. Wenig später saßen wir am Ufer des Neckars, auf dem sogar schon wieder Schiffe fuhren.

Ich wusste nicht wie ich anfangen sollte, also schaute ich erst mal auf das Wasser hinaus.

„Ist es wegen Jakob?“, fragte mich Jürgen und erleichterte meinen Einstieg.

„Ja, Jakob hat auch damit zu tun. Hattest du schon eine Freundin?“, wollte ich wissen.

„Um ehrlich zu sein, die Mädchen interessieren mich nicht so. Deswegen bin ich auch oft bei dir, weil du dieses Thema nicht anschneidest.“

„Und jetzt habe ich es angeschnitten.“

„Aber bestimmt aus einem gewissen Grund.“

„Ja, aber es fällt mir nicht so leicht drüber zu reden.“

Jürgen ließ sich nach hinten fallen ins Gras und schaute zum Himmel hinauf.

„Du weißt doch, dass du mir alles erzählen kannst“, kam es von ihm.

„Hast du… hast du Veränderungen an deinem Glied bemerkt?“, fragte ich jetzt fast heiser.

Jürgen fuhr auf und wurde rot im Gesicht. Ich konnte nichts weiter sagen, und wurde ebenfalls rot im Gesicht.

Sein Blick sank zu Boden und er riss am Rasen.

„Schon…, aber warum fragst du?“

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und erzählte, was ich im amerikanischen Krankenhaus mit Bob erlebt hatte. Seine Augen wurden immer größer und ich merkte auch die Beule, die vorne an seiner Hose wuchs.

„Und das hat nicht weh getan?“, fragte Jürgen erstaunt.

„Nein, überhaupt nicht, ich kann dir das Gefühl aber nicht beschreiben… es war einfach toll“

„Könntest du…, ach nein ist ein blöder Gedanke.“

„Was?“

„Kannst du mir das zeigen?“, flüsterte Jürgen sehr leise.

Ich musste grinsen und irgendwann fing Jürgen ebenso an zugrinsen. Hier auf alle Fälle nicht, so schaute ich mich um und sah einige Meter den Fluss runter mehrere Büsche.

„Komm wir gehen da zu den Büschen, glaube es wäre nicht so gut, wenn uns dabei jemand zusieht“, meinte ich und stand auf.

Da liefen nun zwei Jungen mit roten Köpfen zu den Büschen. Immer wieder schaute Jürgen mich verstohlen an und grinste. In den Büschen war eine kleine, freie Stelle wo ich mich mit Jürgen wieder niederließ.

„Und jetzt?“, fragte Jürgen aufgeregt.

„Mach deine Hose auf“, sagte ich und begann meine zu öffnen und sie runter zuschieben. Meine weiße Unterhose kam zum Vorschein, die mächtig ausgebeult war.

Jürgen machte es mir gleich und ich sah, dass unser Gespräch auch nicht spurlos, an ihm vorüber gegangen war. Ich zog nun auch meine Unterhose runter und mein Glied schnellte ins Freie.

„Der ist ja groß“, meinte Jürgen nur und konnte nicht aufhören zu starren.

„Deiner nicht?“, fragte ich und ich spürte, wie meine Wangen glühten.

Jürgen zog langsam auch seine Unterhose herunter und gab die Sicht frei. Es stimmte, sein Glied war nicht so groß wie meins, aber dafür viel dicker. Wieder sah mich Jürgen fragend an.

„Darf ich?“, fragte ich und zeigte auf sein Glied.

Jürgen nickte und ließ sich eine wenig zurückfallen und stemmte sich auf seine Ellenbogen auf. Ich nahm sein Glied in die Hand und zog behutsam die Haut über die Eichel. Jürgen schloss die Augen und so fing ich an seine Eichel zu reiben.

Jürgens Atem wurde kürzer, sein Körper verkrampfte sich. Es dauerte wirklich nicht lange und Jürgen stöhnte auf, und ergoss sich auf meine Hand.

Laut atmend lag er auf dem Rücken und hatte immer noch die Augen geschlossen.

„Ist das immer so?“, fragte er keuchend.

„Ja“, sagte ich und wischte meine Hand übers Gras.

Er beugte sich nach vorne und schaute mir direkt in die Augen.

„Und du hast das im Krankenhaus mit diesem Bob gemacht?“

„Ja, mehrere Male.“

Jürgen starrte wieder auf mein Glied.

„Darf ich auch?“

Ich grinste und lehnte mich zurück. Jürgen fasste zaghaft an mein Glied und fing ebenso daran zu reiben. Nur das ich nicht wie er ruhig liegen blieb, sondern ihn anfing zu streicheln. Was aber auch nicht ohne Folgen blieb

Jürgens Glied richtete sich wieder auf und ich nahm es wieder in die Hand.

„Du kannst mein Glied ruhig fester in die Hand nehmen, es geht nicht kaputt“, hauchte ich ihm ins Ohr.

Jürgen verstärkte den Druck und das bekannte Kribbeln im Bauch begann. Ich küsste Jürgen am Hals, der dabei die Augen schloss. Er wendete seinen Kopf und unsere Lippen trafen sich. Sanft spürte ich seine Lippen, die sich an meine schmiegten.

Der Druck seiner Hand verstärkte sich noch mehr und ich bemerkte wie es langsam in mir hochstieg. Jürgens Atem ging auch immer schneller. Fast gleichzeitig kam es uns, und ich glaubte bei Jürgen noch stärker, als beim ersten Mal.

Er schaute seine verschmierte Hand an, wie die tropfen langsam ihren Weg suchten.

„Hast du das mal probiert?“, fragte er mich.

Etwas verschämt schaute ich zu Boden und sagte leise ja. Jürgen grinste und begann vorsichtig seine Hand abzulecken.

„Und?“, fragte ich neugierig.

„Schmeckt salzig, aber irgendwie gut“, antwortete Jürgen.

Ich musste lächeln.

Nach dem wir uns beide wieder angezogen hatten, verließen wir die Büsche.

„Ich hab nicht gewusst, dass man das machen kann“, meinte Jürgen und steckte seine Hände in die Hosentaschen.

Schweigend lief ich neben ihm den Damm hinauf.

„Und was hat das jetzt mit Jakob zu tun?“, fragte er plötzlich.

„Ich glaubte Jakob zu lieben“, sagte ich leise.

„Wie kommst du darauf?“

„Ich habe mich immer sehr zu Jakob hingezogen gefühlt, war glücklich, wenn ich mit ihm zusammen war.“

„Und wie sieht es jetzt aus?“

Ich blieb stehen und die Tränen kamen wieder über mich. Jürgen nahm mich in den Arm und streichelte mir über den Rücken.

„Heinrich, ich habe dasselbe empfunden, wenn ich mit dir zusammen war.“

„Ja, aber seit das mit Bob passiert ist, weiß ich…“, ich brach ab.

„Was weißt du?“

„Ich weiß was Liebe ist, ich liebe Jakob…“, schluchzte ich.

„Dann liebe ich dich auch, du fehlst mir auch, wenn ich nach der Schule alleine zu Hause bin.“

Ich schaute in Jürgens Augen und merkte, dass er das eben ernst meinte.

„Jürgen, ich habe dich sehr gerne…“

„Aber?“

„Mein Herz hängt immer noch an Jakob.“

„Heinrich, das ist nicht schlimm für mich…, wenn ich weiterhin mit dir zusammen sein darf, stört mich das nicht.“

„Wirklich?“

„Nein, außerdem ist Jakob in Amerika und ich hier!“

Ich hatte mich etwas beruhigt und lächelte Jürgen an.

* * *

Von diesem Mittag an, hatte sich zwischen mir und Jürgen etwas verändert. Wir waren so oft zusammen, wie es nur ging. Ich überredete meine Eltern, dass seine Mutter doch in dem Buchladen helfen könnte.

Da ich nach wie vor Geld für meine Artikel bekam, sagten meine Eltern zu. So konnte meine Mutter zu Hause bleiben und sich um meine kleine Schwester kümmern und Jürgen und seine Mutter waren versorgt.

Irgendwie hatte sich der Alltag eingeschoben. Morgens in die Schule, mittags Hausaufgaben machen, meistens mit Jürgen zusammen, und abends, wenn noch etwas Zeit war, schrieb ich wieder einen meiner Artikel.

Hunk fand die Idee klasse, dass Jürgen für mich Fotografien machte, so musste er mich nicht ständig daran erinnern. Und Jürgen selbst, wir genossen jede Minute, die wir alleine verbringen konnten.

Da seine Mutter, des Öfteren auch meinem Vater half, schlief Jürgen bei mir zu Hause. Niemand bemerkte, die zarte Bindung, die sich zwischen uns ergab. Jakobs Bild verschwand irgendwo im Regal.

Die Augenblicke, die ich an ihn dachte, wurden seltener, oder um es anderst zu sagen, es tat nicht mehr so weh. Jürgen füllte nun mein Leben aus, er war den ganzen Tag um mich herum, und langsam spürte ich mehr und mehr Zuneigung für ihn.

„Bleibst du heute Abend wieder da?“, fragte ich Jürgen.

„Wenn ich darf“, antwortete er, ohne von seinem Buch aufzuschauen.

Da sich auf seinem Gesicht ein Lächeln befand, wusste ich, er schaute mich nur wegen des Ärgerns nicht an. Ich spitze meinen Finger und drückte ihn Jürgen in die Seite. Der jaulte kurz auf und machte einen Satz, dass er fast vom Stuhl flog.

Er stürzte sich auf mich und kitzelte mich trotz meiner Gegenwehr durch. Jürgen war nun mal stärker als ich und so konnte ich nur noch bitten, dass er aufhört. Widerwillig und mit einem frechen Grinsen hörte er damit auf.

Er wollte gerade von mir steigen, da legte ich meine Arme um den Hals und zog ihn zu mir herunter. Ich schaute ihm ihn seine Augen, die mir entgegen strahlten.

„Was?”, fragte er.

„Ich liebe dich!“, antwortete ich.

Sein Mund verzog sich zu einem breiten Lächeln. Er gab mir einen kurzen Kuss und stand dann doch auf.

„Du wolltest deinen Artikel fertig schreiben“, sagte Jürgen und half mir auf.

Ich seufzte.

„Ja, aber später gehen wir noch etwas raus, ich kann nicht den ganzen Tag drinnen sitzen“, meinte ich.

„Können wir machen, aber erst schreibst du weiter, ich möchte noch ein paar Seiten lesen.“

Jürgen verzog sich mit seinem Buch auf mein Bett und ich setzte mich wieder an meinem Tisch und grübelte, wie ich weiterschreiben konnte.

„Habt ihr eigentlich immer noch nichts von Karl gehört?“, fragte Jürgen plötzlich.

„Nein, aber wie kommst du jetzt darauf?“

„Ach, hier im Buch ist jemand zurückgekehrt, nichts weiter.“

„Werde mich wohl mit dem Gedanken abfinden müssen, dass er nicht mehr kommt“, sagte ich eher zu mir, als zu Jürgen.

Ich spürte seine Hand an meinem Nacken, wie sie mich leicht massierte.

„Komm höre auf, ich glaube wir gehen gleich an die frische Luft. Das wird nichts mehr, dass sehe ich schon.“

Ich legte meinen Stift zur Seite und lächelte ihn an. Er zog mich an der Hand aus meinem Zimmer und ich folgte ihm nach draußen.

„Du, hättest du Lust am Freitag mit mir zu meiner Oma aufs Land zu fahren?“, fragte ich ihn.

„Natürlich, muss aber erst meine Mutter fragen.“

„Die hat bestimmt nichts dagegen“, sagte ich.

Ja, wie immer. Du hast ja einen so guten Einfluss auf mich, wie sie immer behauptet.“

Es stimmt schon, denn seit wir die Hausaufgaben zusammen machten und auch lernten, waren seine Noten besser geworden. Trotz unserer Freundschaft, vernachlässigten wir die Schule nicht.

„Wo wollen wir hin?“

Meinst du am See treffen wir jemand?“, fragte ich.

„Kann schon sein, um die Zeit ist dort immer jemand“, antwortete >Jürgen.

Also liefen wir gemeinsam zum See. Es war schon ein Stück bis dahin und wir mussten einige Straßen durchlaufen.

„Hast du schon was von Bob gehört?“, fragte Jürgen.

„Nein noch nicht, aber ich hab ihm geschrieben und Hunk hat mir versprochen, dass der Brief auch bei Bob ankommt.“

„Dann wird er das auch tun. Ist das sicher mit den Ferien? Also ich meine, dass wir mit Hunk in den Ferien nach Nürnberg fahren?“

„So wie Hunk gesagt hat schon.“

„Ich war noch nie in Nürnberg“, sagte Jürgen.

„Hast du deine Meinung geändert und willst nicht mitfahren?“

„Nein, habe ich nicht. Aber bei so einem Gericht beizuwohnen, schon ein komisches Gefühl.“

„Da gebe ich dir Recht. Die Leute zu sehen, die für all das hier verantwortlich sind.“

Ich schaute auf ein paar Ruinen und dachte an die Menschen, die durch die Bomben ihr zu Hause verloren hatten.

* * *

Hass? Nein Hass kann man es nicht nennen, eher Verbitterung und Enttäuschung stehen den Menschen ins Gesicht geschrieben. Sie sind in zwei Lager gespalten. Die Einen sind dankbar, dass die Amerikanern das Ende des Krieg gebracht haben. Der andere Teil misstraut ihnen, denn ihre Bomben haben Familien getrennt oder Menschen getötet.

Viele Tragödien haben sich abgespielt oder werden sich noch abspielen. Doch eins ist jetzt schon ersichtlich, der Krieg ist vorbei und wir haben die Gelegenheit noch einmal von vorne anzufangen. Nicht dieselben Fehler zu begehen, die in der Vergangenheit gemacht worden sind.

Jeder für sich und alle zusammen. Ob alles wieder in geregelten Bahnen läuft, wird die Zukunft zeigen. Die Zukunft miteinander und nicht gegeneinander…

Henry

Ich legte mein Stift zur Seite und schaute zu Jürgen. Er war über sein Buch eingeschlafen und lag ruhig atmend auf meinem Bett. Leise stand ich auf und verließ das Zimmer. Unten in der Küche traf ich auf meine Mutter.

„Hallo Heinrich, wenn ihr morgen Lust habt, könnt ihr mit zu Oma fahren“, meinte sie, als sie mich bemerkte.

„Das würden wir gerne“, meinte ich und setzte mich zu ihr an den Tisch.

„Was ist?“, sagte sie.

„Ich weiß auch nicht, ich habe so viele Gedanken im Kopf, aber wenn ich vor dem Papier sitze, weiß ich nicht, was ich schreiben soll.“

„Dann wird dir unser Ausflug zu Oma sicher gut tun.“

Ich nickte, war aber schon wieder mit den Gedanken wo anderst. Wieder flog die Vergangenheit an mir vorbei. Jakob… Bob… Melanie… die Leute in New York.

„Kann es sein, dass du weg willst, also ich meine weg von zu Hause?“, unterbrach meine Mutter die Stille.

„Ich schaute sie wieder an.

„Heinrich ich merke schon seit einiger Zeit, dass du hier zu Hause nicht richtig glücklich bist. Jürgen mag dich zwar ein wenig ablenken, aber so richtig wohl fühlst du dich doch nur, wenn du unterwegs bist.“

„Ist das so offensichtlich?“

Sie hatte Recht, wenn ich mit Hunk unterwegs war, konnte ich mich unbeschwert bewegen, keine grauen Gedanken überkamen mich.

„Ich finde schon!“

„Aber ich muss doch zur Schule…!“

„Das ist jetzt noch ein halbes Jahr, aber was machst du hinterher?“

„Ich habe mich schon durchgefragt, ob ich hier irgendwo unterkommen könnte, aber fast alle sagen ich wäre zu jung und ich solle lieber Zeitungen verkaufen, als irgendetwas für sie zu schreiben.“

„Amerika?“

„Ich soll wieder nach Amerika?“

„Ja, warum nicht, du warst so begeistert von Amerika. Warum willst du dein Glück nicht in Amerika versuchen?“

„Und was wird mit euch? Ich meine, als ich mit Hunk drüben war, habt ihr mir die ganze Zeit gefehlt. Es ist einfach so weit weg und Flugreisen sind teuer. Ich kann nicht immer Hunk bitten, mich mitzunehmen, wenn er zurück fliegt.“

„Ich habe mit Hunk geredet.“

„Was hast du?“

„Hunk hat mir erzählt, dass er nach den Prozessen erst mal in die Staaten fliegt und auch eine Weile dort bleibt.“

„Warum hat er mir das noch nicht erzählt?“

„Er wollte erst mich fragen.“

„Was fragen?“

„Ob er dich mitnehmen kann.“

Ich sah sie sprachlos an.

„Vater und ich haben nichts dagegen, denn wir denken, du hast in Amerika einfach mehr Gelegenheiten um etwas zu finden, was dir Freude bereitet. Und da wär dann auch noch…. Jakob.“

„Was soll mit ihm sein?“

Seit du zurück bist, schreiben Melanie und ich uns regelmäßig – dank Hunk. Seit du weg bist, sitzt Jakob nur zu Hause und spricht fast keine Ton mehr.“

„Das ist wohl nicht meine Schuld!“

„Nein ist es nicht, aber es hat mit dir zu tun.“

„Aber ich will… hier bleiben… und Jürgen…“, ich konnte nicht weiterreden.

„Ich weiß, dass du eine besondere Freundschaft zu Jürgen hast, aber ich denke, tief in deinem Herzen zieht es dich zu Jakob.“

Entsetzt sah ich sie an.

„Du weißt…?“

„Heinrich, du bist mein Sohn, ich kenne dich von klein auf, ich bemerke die Veränderungen an dir. Du bist anderst, als die Jungen deines Alters. Es macht mich glücklich, aber gleichzeitig auch traurig, wenn ich sehe, wie du leidest.“

Ich dachte an Jürgen. Was sollte ich tun, ihn hier lassen, mit Hunk nach Amerika? Mitnehmen konnte ich ihn nicht. Und Jakob? Wenn er seine Meinung geändert hatte, mich wieder sehen wollte. Es drehte sich alles in meinem Kopf.

„Mir ist schlecht“, sagte ich und stand auf.

Ich lief auf mein Zimmer, wo Jürgen immer noch auf meinem Bett lag und schlief. Vorsichtig legte ich mich zu ihm, rückte dich an ihn. Er bewegte sich und legte den Arm um mich ohne aufzuwachen.

Ich schloss die Augen und sah Jakobs hasserfüllte Augen vor mir. Was sollte ich nur tun?

* * *

Jürgen hatte schon gemerkt, dass mit mir etwas nicht stimmte. Immer wieder in den nächsten Tagen versuchte er mich aufzumuntern. Der Tag rückte näher und endlich waren wir unterwegs nach Nürnberg.

Jürgen unterhielt sich mit Hunk, während ich hinten saß und meine Augen über die Landschaft ziehen ließ. Hier schien es, als wäre die Zeit stehen geblieben. Keine Trümmer, keine Flüchtlinge, die mit ihren Handwagen durch die Stadt zogen, um vielleicht ihr Glück dort zu finden.

Als ich aufschaute, merkte ich, dass Jürgen die Kamera auf mich gerichtet hatte. Meine Haare waren durch den Fahrwind durcheinander und ich wurde einwenig verlegen, strich mein Haar zu Recht.

Als ich lächelte drückte er ab und wandte sich wieder nach vorne. Sein Gesichtausdruck war ernst, soweit ich das von meinem Platz aus sehen konnte. Ich beugte mich nach vorne.

„Über was redet ihr?“, fragte ich die beiden.

„Wie es in Amerika ist, dort zu leben.“, antwortete Jürgen.

Er wandte wieder seinen Kopf zu mir. Ich erschrak über seinen traurigen Blick.

„Wirst du mit Hunk mitgehen?“

Ich ließ mich wieder zurückfallen und schaute wieder auf die Landschaft.

„Heinrich, bitte sag mir, wenn du mitwillst. Bleibe nicht wegen mir hier. Ich möchte dir nicht im Weg stehen.“

„Tust du nicht“, antwortete ich, ohne Jürgen anzusehen.

Schweigend fuhren wir weiter. Hunk hatte nicht ein einziges Wort gesagt, keine Regung gezeigt. Jürgen schaute starr nach vorne, sagte auch weiterhin kein Wort mehr zu mir. Verlor ich ihn nun auch?

Es war schon dunkel, als wir in Nürnberg ankamen. Hunk fuhr mit uns an ein Haus, in dem er zwei Zimmer für uns bestellt hatte. Müde und abgekämpft ließ ich mich aufs Bett fallen. Jürgen stand einfach nur da und sah mich an.

„Was?“, fragte ich.

„Es stimmt also, du gehst wieder nach Amerika!“

„Ich habe mich noch nicht entschieden…“

„Und wann wolltest du mir das sagen, am Flughafen, wenn du einsteigst?“

Tränen rannen über sein Gesicht und er warf seine Jacke über einen Stuhl.

„Ich habe dir deswegen nichts gesagt, weil ich vor diesem Augenblick Angst hatte, der nun eingetreten ist. Ich will dich nicht verletzten. Ich fühle mich zu dir hingezogen, brauche dich…!“

„Heinrich sei ehrlich, du hast Jakob immer geliebt und wirst ihn auch immer lieben…“

Ich setzte mich auf und zog meine Schuhe aus.

„Ich kann nichts für meine Gefühle…“

„Dann geh nach Amerika, ich kann dich hier nicht halten!“

„Jürgen… ich will dich aber nicht verlieren.“

Er trat an mich heran und zog mich zu sich hoch.

„Du wirst mich nicht verlieren, wenn du wieder zurückkommst, werde ich hier sein, dich mit offenen Armen entfangen.“

Er drückte mich fest an sich, aber ich spürte, dass er weinte, dass ich ihn zutiefst verletzt hatte. Ich weiß nicht wie lange wir so da gestanden hatten, aber es klopfte plötzlich an der Tür.

„Ja“, sagte ich und ließ von Jürgen ab.

Die Tür öffnete sich und Hunk kam herein.

„Ihr liegt noch nicht im Bett? Morgen müssen wir früh raus.“

„Wir mussten noch etwas klären“, meinte Jürgen und begann sich auszuziehen.

„Und alles geklärt?“, fragte Hunk.

„Ja, haben wir“, antwortete ich und Jürgen lächelte mich an.

* * *

Aufgeregt war ich schon, als wir zu dem Gebäude kamen. Eine riesige Menschenmasse stand davor. Jürgen schoss einige Bilder, sah aber genauso neugierig umher wie ich. Hunk ging zu einem Soldaten und winkte uns zu sich.

Er brachte an unseren Jacken kleine Schilder an, und erklärte uns, dass wir mit diesen Ausweisen, der Gesichtsverhandlung beiwohne dürften. Ein Wagen fuhr vor und einige Männer stiegen aus. Hunk flüsterte mir zu, dass diese Männer die Gerichtsverhandlung führten.

Immer mehr Wagen fuhren vor, bei einem wurde ich aufmerksam. Es stieg eine junge Frau aus, umringt von zwei Männern, die sie ins Haus führten.

„Das war Hitlers Sekretärin“, flüsterte mir Hunk ins Ohr.

Ich schaute ihr hinterher und bemerkte zu spät, dass Jürgen keine Fotografie gemacht hatte. Als kein Wagen mehr vorfuhr, wurden wir hinein gelassen. In dem Gedränge verlor ich fast Jürgen und ich nahm ihn einfach an der Hand. Langsam schob es uns in den großen Saal.

Wir fanden keinen Platz, und so stellten wir uns an den Rand. Das Gemurmel der Leute war unvorstellbar laut, aber verstehen konnte ich nichts. Hunk saß ungefähr in der Mitte der Zuschauer, als er mich sah, zuckte er mit der Schulter.

Mit einemmal wurde es ruhig im Saal, als sich einer der Türen öffnete. GIs betraten den Raum, gefolgt von mehreren Männern in Schwarz. Am Schluss betraten wohl die Angeklagten den Raum, im Zuschauerraum wurde es wieder ein wenig lauter.

Die Männer in Schwarz waren wohl die Verteidiger, was ich irgendwie nicht verstehen konnte, denn wer wollte solche Menschen verteidigen. Ich hatte schon vorher mit Hunk darüber geredet und er meinte nur, dass jeder solange als unschuldig gilt, bis das Gegenteil bewiesen wurde.

Ich zählte die Angeklagten durch und kam auf Einundzwanzig. Fein gekleidete Herren, die nicht nach Verbrecher aussahen. Eine weitere Tür ging auf und nun betraten die Richter den Raum. Alle erhoben sich und man setzte sich, als sich die Richter setzten.

Einer der Richter stand auf und begann etwas zusagen, natürlich in Englisch. Mittlerweile konnte ich es gut genug um zu verstehen was er sagte. Ich versuchte leise zu übersetzten, damit Jürgen, der ein wenig vor mir stand, auch verstand um was es ging.

Er lehnte sich die ganze Zeit an mich und ich spürte wie er zitterte. Ob aus Angst oder durch Aufregung wusste ich nicht, aber als ich seine Hand in die Meine nahm wurde er ruhiger. Nachdem der Vorsitzende seine Einführung vorgetragen hatte, begann ein Anderer mit dem Vorlesen der Anklageschrift.

Irgendwann schaute Jürgen mich an, weil ich nicht mehr übersetzte. Ich konnte einfach nicht mehr, weil es einfach schrecklich war, was der Mann da von sich gab. Ich wusste nicht, dass so viele Menschen umgebracht wurden.

Auch wusste ich nicht, auf welche widerliche Art diese Menschen hatten sterben müssen. Mir kam Jakob in den Sinn und es wurde mir schlecht. Ich drängte mich zum Ausgang und verließ den Gerichtssaal.

Jürgen war mir gefolgt.

„Heinrich, was ist mit dir?“

Hilfesuchend schaute ich mich nach einer Toilette um, fand eine und rannte dort hin. Dort angekommen übergab ich mich. Auf wackeligen Beinen stand ich danach an der Wand gelehnt.

„Heinrich, was ist?“

Jürgen stand mit weißen Gesicht vor mir.

„Ich wusste nicht, dass die so schlimme Sachen gemacht haben“, sagte ich und die ersten Tränen begannen zu fließen.

„Die haben Versuche mit den gemacht, an ihnen rumoperiert. Kinder mussten arbeiten, bis sie starben… oh Gott, Jürgen…“, ich konnte einfach nicht mehr weiter reden.

Jürgen nahm mich in den Arm und streichelt leicht über mein Haar. Wir beschlossen den Gerichtssaal nicht mehr zu betreten und stattdessen vor dem Gebäude auf Hunk zu warten. Es vergingen ein paar Stunden, bis er wieder herauskam.

Besorgt kam er auf uns zu.

„Es tut mir so leid, ich habe nicht darüber nachgedacht, dass das da drinnen für euch vielleicht zu viel sein könnte“, meinte Hunk und drückte mich kurz.

„Ich fand es nicht so schlimm, denn ich hab nur das verstanden, was Heinrich mir übersetzt hat, aber Heinrich selbst, hat es nicht vertragen, er hat sich vorhin übergeben“, kam es von Jürgen.

Hunk schaute mich besorgt an.

„Es geht schon wieder, ich wusste nur nicht, dass das so schlimm sein würde.“

„Ich hätte dir das vorher sagen sollen, sorry, daran habe ich nicht gedacht.“

Ich versuchte ein wenig zu lächeln, um Hunk die Sorgen zu nehmen, was mir auch gelang.

„Wisst ihr was? Während ich in die Gerichtsverhandlungen gehe, schaut ihr euch ein wenig in Nürnberg um, was haltet ihr davon?“, fragte Hunk.

Beide stimmten wir ihm zu. In den nächsten Tagen führen wir mit Hunk zu dem Gerichtsgebäude, er verschwand darin und wir machten uns von dort aus auf den Weg, um Nürnberg zu sehen.

Hier war es nicht anderst, als in Heidelberg, vielleicht doch noch mehr Ruinen. Hunk erzählte uns weiterhin vom Prozess, dass sich alle ohne Ausnahme für unschuldig hielten. Keiner zeigte irgendwelche Reue, sagten immer nur, sie hätten Befehle von oben bereut.

Jürgen machte Bilder von der Stadt, aber auch zunehmend von mir.

„Lass doch bitte Jürgen, wir brauchen die Bilder!“, meinte ich, als er wieder ansetzte.

„Ich brauche doch ein Andenken an dich, wenn du in den Staaten bist.“

„Mit den vielen Bildern, die du schon gemacht hast, kannst du eure Wohnung tapezieren.“

Jürgen lachte, kam auf mich zu und drückte mich kurz an sich.

Er schaute mich kurz an, weil ich seine Umarmung nicht erwiderte.

„Was hast du?“, fragte er.

„Ich weiß auch nicht…, im Prozess wurde erwähnt, das Hitler auch Männer und Frauen vergasen ließ, die wie soll ich sagen, dass was wir beide halt machen“, antwortete ich, „ es ist nach Gesetz auch verboten.“

„Das wusste ich nicht“, meinte Jürgen traurig, der es eher als Ablehnung meinerseits verstanden hatte.

Wir waren mittlerweile am Stadion angekommen. Ich stand ehrfürchtig vor diesem Steinmonument.

„Da oben war das Hakenkreuz angebracht, aber das haben sie schon weggesprengt.“

Ich versuchte uns beide auf andere Gedanken zu bringen.

„Da oben stand Hitler?“, fragte Jürgen.

„Ja, und er ließ seine Paraden an sich vorbei ziehen“, antwortete ich.

Ein kalter Schauder lief mir den Rücken herunter. In meinem Kopf herrschte ein totales Durcheinander. Die Bilder mit Jakob, als er und seine Familie abtransportiert wurden, liefen an mir vorbei.

„Ist alles in Ordnung, Heinrich, du siehst im Gesicht so blass aus.“

„Ich weiß nicht weiter, mir kommen immer noch die Bilder aus dem Krieg in den Kopf, hört das irgendwann mal auf?“

„Das kann ich dir nicht sagen, aber ich denke für mich mal, nein! Was wir erlebt und gesehen haben, bleibt uns ein Leben lang erhalten.“

Hörte sich komisch an in unserem Leben >vom Leben lang< zu reden. Wir waren beide sechzehn und redeten wie die Alten, ihm Bücherladen, meines Vaters. Aber Jürgen hatte schon Recht, diese Eindrücke waren fest in uns drin und deshalb auch nicht zum Vergessen verurteilt.

Bilder, Töne und Gerüche, waren fest eingebrannt. Schweigend lief ich neben Jürgen her und versuchte ein wenig Ordnung in meinem Kopf zubekommen. Ich merkte auch nicht, dass wir nach einiger Zeit, wieder vor dem Gerichtsgebäude standen.

Hunk lehnte draußen vor einem Baum, was mich doch wunderte.

„Ist drinnen eine Pause?“, fragte Jürgen.

„Nein, ich habe nur genug von allem, soll doch jemand anderes über den Verlauf seinen Bericht schreiben, ich werde es auf jeden Fall nicht tun“, antwortete er und zündete sich eine neue Zigarette an.

„Sollen wir zurück nach Hause fahren?“ fragte ich.

„Hier ist nicht mein zu Hause!“, meinte Hunk trotzig.

Etwas ratlos stand ich da und wusste nicht was ich erwidern sollte.

„Wenn es euch nichts ausmacht packen wir unsere Bündel und fahren zurück“, sagte Hunk plötzlich.

Jürgen und ich nickten uns zu, und schneller als wir dachten, befanden wir uns später im Jeep auf der Rückfahrt.

* * *

Als ich mich von Jürgen und Hunk verabschiedet hatte, betrat ich das Haus, in dem wir wohnten. Schon von weitem konnte ich meine kleine Schwester Emilie hören, die wie ein Fegerfeuer durch die Wohnung zu rennen schien.

Ich betrat das Hinterhaus und öffnete die Wohnungstür und aus der Küche trat meine Mutter.

„Du? Schon hier, ich dachte ihr wärt länger in Nürnberg“, sagte sie.

„Wir haben uns entschieden nach Hause zu fahren. Der Prozess war anstrengend, nein, es war erschreckend, was wir dort zu hören bekamen.“

„Heinrich?“, sagte sie mit etwas seltsamen Unterton.

„Ja?“

Und dann passierte etwas, was ich schon aufgegeben hatte. Ein dünner, abgemagerter junger Mann trat aus der Küche. Karl! Ich ließ meine Tasche fallen und war keiner Regung mehr fähig.

„Na kleiner Bruder, überrascht mich zu sehen?“, fragte Karl.

„Wie bist du… wo warst…?“, stammelt ich.

„Das ist eine lange Geschichte, aber die kannst du ja dann niederschreiben! Mutter hat mir alles erzählt und auch die vielen Bilder gezeigt, auch Briefe. Bruder, ich bin stolz auf dich!“

„Karl“, sagte ich und rannte auf ihn los.

Ich ließ mich in seine Arme fallen und vergrub mein Gesicht auf seiner Brust. Natürlich fing ich an wild zu schluchzen, klammerte mich an ihm fest, als hätte ich Angst ihn gleich wieder zu verlieren. Ich spürte seine Hand auf meinen Haaren wie sie mich zärtlich streichelten.

Später saßen wir am Küchentisch und Karl erzählte uns, was passiert war. Er war bei der Belagerung in Gefangenschaft geraten, besser gesagt, er wurde mit einer schweren Schussverletzung gefunden und mitgenommen.

Am Anfang konnte er sich an nichts erinnern und irgendwann stand eine Schwester vor ihm und hielt ihm sein eigenes Bild unter die Nase. Nachdem die Schwester erklärt hatte, wo das Bild herstammte, wollte er sich zu Hause melden.

Aber in der einsamen Gegend um Warschau herum, konnte er keine Möglichkeit finden, uns eine Nachricht zukommen zu lassen. Ich hielt immer noch eine Hand von Karl fest umklammert, hörte ihm gespannt zu.

Als er fertig war, standen mir wieder die Tränen in den Augen. Ich fiel ihm nochmals um den Hals, weil ich nicht glauben konnte, was er erlebt hatte. Doch es dauerte nicht lange, da wollte er wissen, was mir widerfahren war.

So erzählte ich ihm alles, ab der Trennung von Mutter und Vater, bis zum heutigen Tag, wo ich von Nürnberg zurückgekommen war. Ich hatte nicht mal gemerkt, wie schnell die Zeit vorbei gegangen war.

Mein Vater stand da und traute seinen Augen nicht, wer da bei mir am Küchentisch saß.

„Karl!“

„Vater!“

Beide fielen sich um den Hals und drückten sich fest aneinander.

„Heinrich hat dich nie aufgegeben, er sagte immer, du bist nicht tot! Entschuldige, wenn ich daran gezweifelt habe“, sagte Vater.

„Ja Heinrich, oder wie nennen die dich jetzt Henry“, kam es von Karl, du musst mir alles genau erzählen, was dir passiert ist.

Es war klar, das Karl die Nacht bei mir schlief, wobei von schlafen keine Rede sein konnte. Obwohl er erschöpft wirkte, wollte er genau wissen, was ich alles erlebt hatte. Auch zeigte ich ihm die ganzen Zeitungsausschnitte. Ich musste sie ihm übersetzten, denn er konnte ja kein Englisch.

Immer wieder hinterfragte er mich, bis ich ihm auch von Jakob erzählte. Mit Tränen in den Augen gab ich das wider, was bei unserer ersten Begegnung in New York geschehen war. Nachdem wir eine Weile stumm dagelegen waren, richtete sich Karl im Bett auf.

„Es ist zwar schade, dass, jetzt wo ich wieder zu Hause bin, du wieder nach Amerika willst. Ich finde aber du musst gehen, schon alleine wegen Jakob“, meinte er.

„Ich soll wirklich gehen? Dann wir sehen uns dann für eine Weile nicht mehr.“, sagte ich.

Karl nahm meine Hand in die Seinige.

„Ja, Heinrich! Ich habe ebenso viel Leid gesehen, den Tod und ich finde, du hast eine sehr gute Begabung und erreichst damit viele Menschen. Dass du hier nicht mehr viel ausrichten kannst, höre ich aus deinem Erzählten.

Was du hast bewegen können, hat sich in Bewegung gesetzt. Es ist eben jetzt an der Zeit, einen Schritt weiter zu gehen. Du hast die Welt vor dir, also nutze es, so gut es geht!“

Ehrfürchtig schaute ich meinen großen Bruder an, der für mich so weise wie ein älterer Mann geredet hatte. In seinem Arm schlief ich dann auch irgendwann ein. Die nächsten Tage sah ich nicht viel von Jürgen, weil ich Karl half, hier in Heidelberg Fuß zu fassen.

Mit Hilfe von Hunk, konnte ich ihm sogar eine kleine Arbeit in der US-Kaserne beschaffen. Den Rest der Zeit, die mir noch in Deutschland verblieb, verbrachte ich dann nur noch mit Jürgen. Wir machten jeden Tag nach der Schule große Ausflüge in die Gegend, wanderten viel, um dann abends todmüde ins Bett zu fallen.

Und dann war der Tag gekommen. Abends zuvor hatten meine Eltern im Buchladen, eine kleine Abschiedsfeier für mich gegeben. Viele waren gekommen, sich auch noch einmal bei mir zu bedanken, weil sie durch die Pakete aus Amerika wieder ein wenig mehr Leben sehen konnten.

Jürgen hatte mir einen kleinen Umschlag zugesteckt, in dem mehrere Bilder von ihm waren. Ich wusste, es würde ein Abschied für lange Zeit werden. Mit Tränen in den Augen nahm ich Jürgen in den Arm, egal ob die Anderen das nun sahen oder nicht.

Er war mir so wichtig geworden, wie viele andere auch, und doch wusste ich, mein Weg führte mich nach Amerika. Dann noch die Freude, dass mein Bruder wirklich lebte. Auch mit ihm verbrachte ich die zwei verbleibenden Wochen soviel Zeit ich konnte.

Nun stand ich nur mit meinem kleine Koffer am Aussichtsfenster und schaute dem Treiben am Flugplatz zu.

„Komm Henry, unser Flug wurde aufgerufen“, meinte Hunk hinter mir.

Ich bückte mich und hob meine Koffer auf. Langsam schritt ich hinaus auf das Rollfeld, wo unser Flugzeug stand.

„Überkommen dich Zweifel?“, fragte mich Hunk, der merkte, wie sehr ich in meinen Gedanken versunken war.

„Nein, ich denke nur an die letzten Monate zurück, was mir wiederfahren ist, was ich erlebt habe, wie viele Menschen ich kennen gelernt habe und nun alles hinter mir lasse, um etwas Neues zu beginnen.“

„Was für große Worte, von so einem kleinen Mann“, meinte Hunk und lächelte.

„Ich erwiderte sein Lächeln und stieg hinter ihm die Treppe hinauf, zur Maschine.

„Ich habe übrigens Bob geschrieben, dass wir nach New York kommen“, kam es von Hunk.

„Hat er geantwortet?“, fragte ich.

„Nein, leider nicht. Aber ich weiß auch nicht, wann ihn mein Brief erreicht hat.“

Ich verstaute mein Koffer und setzte mich an den Fensterplatz. Nach einer Weile, starteten die Motoren, die Propeller begannen sich zu drehen. Die Maschine fing an zu rollen. Langsam bewegte sie sich zur Startbahn.

Sie blieb dann noch einmal kurz stehen, bevor ihre Motoren laut aufheulten und sie sich in Bewegung setzte. Die Umgebung sauste an mir vorbei und ich spürte den Ruck, als die Maschine abhob.

Die ganze Zeit war mein Blick nicht vom Fenster gewichen. Immer kleiner wurden die Häuser unter uns, die Menschen sahen aus wie Ameisen. Ich ließ meinen Kopf auf die Lehne fallen und schaute nach vorne.

Hunk war in irgendwelchen Papieren versunken, so zog ich aus meiner Tasche den Umschlag, den mir Jürgen gestern geschenkt hatte. Ich nahm die Bilder in die Hand und steckte den Umschlag zurück.

Jedes Bild brachte mir die Erinnerung zurück, was wir da erlebt hatten. An einem blieb ich hängen, dass nur Jürgens Gesicht zeigte, wie er lächelnd direkt in die Kamera schaute. Ich ließ meine Hand sinken, mein Blick wanderte zum Fenster zurück.

Ob ich das Richtige machte?

* * *

Nach dem üblichen Zwischenstopp in London schlief ich die meiste Zeit. New York war so weit und ich hatte somit genügend Zeit zu schlafen. Ich viel in einen tiefen Schlaf, unruhig und bilderreich. Ich sah Jürgen, meine Familie und immer wieder Jakob.

Diesen Blick, als er damals aus Hunks Wagen stieg und ich ihm meine Liebe gestand, dieser war nie von mir gewichen. Und nun würde ich die ganze Zeit in seiner Nähe sein. Hunk hatte mir nie erzählt, was er Jakob gesagt hatte, warum Jakob unserem Wagen hinterher gerannt war.

Melanie, seine Mutter, hatte in ihren Brief auch nie großartig von ihm geschrieben, nur das es ihm gut geht. Jakob, Jakob, Jakob, er ging mir nicht aus meinem Kopf. Meine Hoffnung, dass ich noch einmal die Chance hatte, er würde mit mir reden, war auf Null.

Ich wurde sanft am Arm gerüttelt und kam langsam wieder zu mir.

„Wir landen bald, du musst dich anschnallen!“, sagte Hunk leise neben mir.

Pünktlich landeten wir auf dem International Airport von New York. Ich sammelte meine Sachen ein und lief mit meinem Koffer hinter Hunk her. Irgendwie nahm ich nichts wahr, so sehr war ich noch in meinen Gedanken versunken.

„Henry?“, hörte ich Hunk sagen.

„Ja?“, meinte ich und sah zu ihm auf.

Er wies mit einer nickenden Kopfbewegung in eine bestimmten Richtung, der mein Blick folgte. Auf einer Art Terrasse standen eine größere Menge Menschen, die den ankommenden Gästen zu winkten.

„Was?“, fragte ich verwirrt.

„Schau, wer da oben steht!“

Noch einmal wanderte mein Blick zur Terrasse und sah mir die Leute genauer an. Und plötzlich blieb mein Blick an einer Person haften. Ich ließ meine Koffer fallen und lief los. Das Rufen von Hunk war in weite Entfernung gerückt.

Der Wachmann, der an der Eingangstür stand wollte mich aufhalten. Hunk hatte mich mittlerweile erreicht und nach den kurzen Formalitäten, ließ der Wachmann mit endlich durch. Ich rannte in die Halle und schaute mich um.

Wo war die Treppe, die zu dieser Terrasse hinauf führte? Mein Herz schlug wild, ich spürte es in meinem Kopf trommeln. Dann entdeckte ich den Aufgang und rannte auf ihn zu. Als ich die erste Stufe erklommen hatte blieb ich aber dann ruckartig stehen.

Er stand auf der obersten Stufe. Er war gekommen, um mich am Flughafen abzuholen. Langsam Schritt für Schritt nahm ich jede Stufe. Er tat das Gleiche und so kamen wir langsam aufeinander zu.

„Hallo Heinrich“, meinte er leise.

„Hallo Jakob“, hauchte ich fast, meine Stimme erstarb.

Da stand er nun, Jakob, der Mensch, der soviel in mir bewegte. Wir standen einfach nur da und schauten uns in die Augen.

„Sind die festgewachsen?“, hörte ich Hunk fragen.

Ich drehte mich um, und sah ihn unten stehen. Neben ihm Melanie Jakobs Mutter, die mir entgegenlächelte.

„Ich…“, Jakob wollte etwas sagen, ich drehte mich wieder zu ihm.

Erwartungsfroh schaute ich ihn an.

„Ich will mich bei dir entschuldigen… Heinrich!“

Hilflos stand ich nun da und wusste nicht was ich sagen sollte.

„Hunk hat mir damals auf der Treppe vor unserem Haus in kurzen Worten gesagt, was du durch gemacht hast. Ich habe auch die Briefe gelesen, die deine Mutter meiner Mum geschrieben hat.“

Ich schluckte und bekam immer noch kein Wort heraus, mein Blick aber haftete auf seinen Augen, die sich langsam mit Tränen füllten.

„Es tut mir so leid!“, schluchzte er, „ich war so ein Trottel. Ich hab dir alles in die Schuhe geschoben, für mich warst du alleine schuld an allem, auch am Tod meines Vaters.

„Ich…“, weiter kam ich nicht, wieder versagte meine Stimme.

„Du kannst mich dafür hassen, mich schlagen, aber bitte verzeih mir, wie ich dich behandelt habe!“, hauchte Jakob, dem dicke Tränen über die Wangen rollten.

Ich machte das, was ich nur noch im Stande war. Ich stieg die letzte Stufe hinauf, die mich von Jakob trennte und nahm ihn in den Arm, drückte ihn fest an mich.

„Ich werde dich nie hassen, und schlagen kann ich dich nicht Jakob“, flüsterte ich und weinte ebenso.

Sein Kopf hob sich ein wenig und Jakob schaute mir in die Augen.

„Du hast das Ernst gemeint, dass du mich liebst, oder?“, fragte er.

Ich nickte.

„Woher wusstest du, dass ich genauso für dich empfand?“, fragte Jakob.

„Ich wusste es nicht. Mir wurde nur klar, bei dem, was ich alles erlebt und gelernt hatte, dass du es bist, zu dem ich möchte, mit dem ich zusammen sein möchte.“

„Und ich Depp, hau dir eine rein, weil ich dachte, du nimmst mich nicht für voll und willst dich lustig machen über mich.“

„Ich, lustig über dich machen?“

„Ja, du hattest Erfolg mit deinen Artikeln, hattest die Möglichkeit zu reisen, und dann kommst du zu mir, der von Tag zu Tag lebt. Mein Schmerz war so groß, dachte du hattest mich damals in Deutschland einfach im Stich gelassen, als wir abtransportiert wurden.“

„Das habe ich nicht!“

„Das weiß ich nun auch!“

„Jakob, ich will im Augenblick nicht darüber nachdenken, was war und passiert ist. Wir sind nun hier und du reichst mir deine Hand zu einer neuen Freundschaft.“

Diesmal nickte Jakob. Ich strich ihm eine Träne von seiner Wange die einsam ihren Weg nach unten suchte.

„Du liebst mich?“, fragte ich heißer.

„Ja!“, hauchte Jakob.

Wieder nahm ich ihn in den Arm und drückte ihn fest an mich.

„Wurde auch langsam Zeit!“, hörte ich Hunk sagen.

Ich löste mich von Jakob und drehte mich zu ihm um. Er und Melanie strahlten um die Wette. Jakob suchte meine Hand und zog mich langsam die Treppe hinunter. Als wir endlich unten angekommen waren, konnte ich nicht anderst und fiel auch Melanie um den Hals.

„Danke, dass du ihm eine zweite Chance gibst, er hat sehr gelitten!“, flüsterte sie mir ins Ohr.

Ich löste mich auch aus ihrer Umarmung und nahm Jakobs Hand wieder in die Meinige.

„Ich lasse dich nie wieder los!“, versprach ich Jakob.

„Ich dich auch nicht!“, erwiderte er.

* * *

Wochen waren vergangen und ich hatte mich langsam eingelebt. Tagsüber war ich in der Redaktion, abends war ich mit Jakob zusammen. An diesem Mittag hatte ich frei und nun saßen wir wieder im Central Park, genau unter dem Baum, wo wir uns das letzte Mal so gestritten hatten.

Jakob lehnte sitzend am Baum, ich hatte meinen Kopf auf seinem Schoss liegen und schaute hinauf auf das welke Laub des Baumes.

„Wann willst du mit deinem Buch beginnen?“, fragte Jakob.

„Ich weiß es nicht, noch sind zu viele Sachen nicht klar in meinem Kopf.“

„Kann ich dir irgendwie helfen?“

„Wie denn?“

„Erzähl mir einfach alles. Erzähl mir ab dem Moment, wo du mich auf dem Transporter gesehen hast, der vor eurem Haus vorbei fuhr.“

Ich musste schlucken.

„Alte Wunden aufreisen?“

„Alte Wunden, die endlich verschlossen werden müssen!“

„Können wir das denn?“

Ich richtete mich auf und sah ihm in die Augen.

„Ich weiß es nicht Heinrich. Zu viele Menschen mussten sterben. Zu viele haben Menschen verloren, der Schmerz sitzt tief. Das Einzige, was wir tun können ist dafür ein zustehen, dass so etwas nicht noch einmal geschieht!“

„Das hat mir meine Großmutter auch gesagt, alles dafür zu tun, dass so was nie wieder vorkommt!“

„Vergessen werden wir es nie, dagegen ankämpfen auch nicht. Aber wir können lernen, damit zu leben, es ist ein Teil von uns und wird es immer sein!“

Ich nickte, weil ich der gleichen Meinung war.

„Schreib dein Buch, zeige der Nachwelt, was für Fehler begannen worden sind, damit sie nicht das Gleiche tun!“

Ich ließ meinen Blick durch den Park wandern, sah spielende Kinder, alte Menschen, die auf den Parkbänken saßen.

„Wie lange ich dafür brauche, weiß ich nicht, aber schon alleine aus dem Grund ist es wert, es zuschreiben.“

Jakob nahm meine Hand und gab eine sanften Kuss drauf.

„Ich bin stolz, dich als Freund zu haben Heinrich Pflüger und… ich liebe dich!“

Ich lächelte und nahm ihn in den Arm.

„Ich dich auch Jakob, ich dich auch!“

* * Ende * *

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