A little more time – Teil 2

Ich sah Stefan zweifelnd an.

„Was?“, fragte ich entsetzt.

„Ich bin mir sicher, mit ihm schon geschäftlich zu tun gehabt zuhaben“, meinte Stefan und reichte mir das Bild zurück.

Der Wasserkocher schaltete sich ab und wie in Trance lief ich zurück in die Küchennische. Ich drehte mich wieder zu Stefan.

„Aber ich war doch damals auf seiner Beerdigung.. ich hab doch gesehen, wie sie den Sarg hinunter gelassen haben.“

„Hast du ihn nach dem Unfall noch einmal gesehen?“

„Nein, das ging irgendwie alles so schnell, ich durfte nicht zu ihm. Seine Eltern waren auch sehr abweisend zu mir. Verständlich, denn ich war schuld am Tod ihres Sohnes.“

„Julian, hör auf dir das einzureden. Dieser Robert lebt, ich bin mir da ziemlich sicher, nur unter einem anderen Namen.“

Ich goss das heiße Wasser in die Tassen und vor lauter Unachtsamkeit lief mir etwas über die Hand.“

„Au, scheiße.“

Ich ließ den Wasserkocher fallen, bekam aber von dem restlichen Wasser nichts ab. Stefan war zu mir gekommen, nahm meine Hand und hielt sie unter kaltes Wasser.

„Hast du irgend eine Brandsalbe da?“, fragte er mich.

„Nein.“

„Zieh deine Schuhe an, wir fahren zu mir.“

„Bitte?“

„Du hast schon richtig verstanden, wir fahren zu mir, oder meinst du, ich lass dich hier alleine sitzen und hole die Salbe bei mir?“.

Ich schüttelte den Kopf. Vorsichtig schlüpfte ich in meine Dockers und Stefan half mir beim Zubinden. Noch ein wenig unsicher auf den Beinen, folgte ich ihm die Treppe hinunter. Er steuerte direkt auf einen Geländewagen zu, öffnete mir eine Tür.

„Komm steig ein“, meinte Stefan sanft.

Ich ließ mich auf den Vordersitz gleiten und schnallte mich an. Meine Gedanken drohten zu explodieren, das totale Chaos trat ein. Robert lebte noch? Aber warum… wieso… ich verstand die Welt nicht mehr.

Ich war so in meinen Gedanken versunken, dass ich nicht mal merkte, dass wir bereits angekommen waren. Stefan hatte mir die Tür geöffnet.

„Komm, aussteigen! Was ist, worauf wartest du?“

„Tut mir leid Stefan, ich bin total neben der Rolle.“

„Verständlich, lass und aber jetzt rein gehen und uns um deine Hand kümmern.“

Ich lief Stefan einfach hinterher, ohne auch im Geringsten meine Umgebung war zu nehmen. Stefan fing an, auf meiner Hand eine Salbe zu verteilen.

„Julian, ich verstehe ja, dass du jetzt von der Rolle bist, aber jetzt reiß dich ein bisschen zusammen.“

Als ich nicht reagierte, nahm mich Stefan in den Arm und fing an, mich heftig zu küssen. Auf einmal war ich wieder voll da. Ich stieß Stefan von mir weg.

„Aua, das tut weh, geht das nicht zärtlicher“, brüllte ich ihn an.

„Endlich, dein Hirn weilt wieder unter uns“, meinte er und grinste.

Jetzt verstand ich erst und fiel ihm wieder in die Arme. Er wuschelte mir durchs Haar und streichelte dann zärtlich meinen Rücken.

„So und um alle Missverständnisse aus dem Weg zu räumen, rufe ich jetzt dort an…“, sagte Stefan.

„Wo willst du anrufen?“

„In der Firma, in der dein Robert der Chef ist“, antwortete Stefan.

„Robert hatte noch keine Arbeit, er bastelte ab und zu ein paar Computer für Leute zusammen.“

„Ein paar ist gut. Er hat eine kleine Computerfirma und stellt Software her.“

Entgeistert schaute ich ihn an. Stefan zog ein Ordner aus dem Regal und durchsuchte ihn.

„Ah, hier“, kam es von ihm.

Er nahm sein Telefon und wählte eine Nummer. Nach einer kurzen Pause schien er eine Verbindung zu bekommen.

„Stefan Wagner, Restaurationsbetrieb, könnte ich Herr Braun sprechen?“

Ich sah mich ein wenig in seinem Büro um.

„Ich habe einige Möbelstücke für ihren Chef restauriert und er meinte, er hätte da noch eine alte Kommode für mich.“

Es war gemütlich eingerichtet, Stefan stand wohl auf Landhausstil, aber bei einem Menschen, der Holz liebt, ist das ja kein Wunder.

„Gut, dann komme ich vorbei und hole es persönlich ab.“

Ich schaute wieder zu Stefan und versuchte, sein Gespräch zu verfolgen.

„Ja ich weiß, aber ich könnte es in zwei Stunden schaffen, bei ihnen zu sein.“

Ein unangenehmes Gefühl machte sich in mir breit, denn ich verstand langsam, was Stefan vorhatte.

„Gut ich melde mich dann beim Pförtner. Bis später, Frau Wissig!“

„Du willst mit mir dort hinfahren?“, fragte ich.

„Ja, warum nicht?“, antwortete er und suchte Dokumente zusammen.

„Und wenn er es wirklich ist?“

„Dann kannst du ihn direkt fragen, was die Scheiße soll“, sagte Stefan etwas ernster zu mir.

* * *

Wir waren jetzt schon eine Stunde auf der Autobahn. Stefan hatte an seinen Wagen noch einen Hänger angehängt und durch den allabendlichen Berufsverkehr, kamen wir doch recht langsam voran.

„Woran denkst du?“, fragte mich Stefan.

„Das WARUM interessiert mich. Wenn es wirklich Robert ist, warum hat er mir das angetan. Ich meine, gut die Ablehnung meinerseits war auch nicht ohne. Aber mir vorzuspielen, er bringt sich deswegen um – und ich habe jetzt schon fünf Jahre daran zu knabbern, dass ist zu krass.“

„Denke ich auch und ich hoffe, er hat eine plausible Erklärung für dich parat, sonst gehe ich ihm nämlich an den Kragen.“

„Warum du?“

„Ganz einfach, Kleiner. Weil ich im Begriff bin, mich voll in dich zu verlieben und ich deshalb nichts an dich ran lasse.“

Ein Lächeln huschte mir übers Gesicht. Bis gestern war die Welt noch in Ordnung, dachte ich und an einem Tag verändert sich mein ganzes Leben. Natürlich empfand ich schon viel mehr für Stefan, als ich mir eingestand, aber was war, wenn Robert wirklich lebte.

Ich hatte ihn damals zwar abgelehnt, aber im Nachhinein wurde mir erst bewusst, dass ich ihn liebte, was für meine Schuldgefühle ihm gegenüber auch nicht sehr hilfreich war. Mir war schlecht, ich wollte am Liebsten wegrennen.

Doch neben mir saß ein ganz süßer Typ, der meine Zukunft einfach in die Hand nahm. Ich beobachtete ihn eine Weile, wie er verbissen gegen den Verkehr ankämpfte.

„Was ist?“, fragte er, als sich unsere Blicke kurz trafen.

„Nichts, ich schau dich nur an.“

„Und zufrieden, oder bin ich dir zu alt?“, fragte er mit einem schelmischen Grinsen.

„Zu alt….. ich schau dich an, beobachte dich.. will dich eben besser kennen lernen.“

„Und was wird mit Robert?“

„Was soll mit ich sein?“, fragte ich genervt.

„Was empfindest du für ihn?“

„Im Augenblick nur Wut…“

„Und was kommt dann? Du hast ihn ja geliebt…“

„Wie kommst du darauf.“

„So wie du von ihm erzählt hast, im Chat geschrieben hast, deine Reaktion, seit du weißt, er lebt vielleicht noch, das sind für mich alles Hinweise.“

„Ich liebe ihn nicht mehr“, kam es trotzig von mir.

„Bist du dir so sicher? Was wird sein, wenn er vor dir steht?“

„Was soll das jetzt, Stefan? Ich dachte, du magst mich, willst du mich plötzlich wieder loswerden?“

„Ich will einfach wissen, woran ich bei dir bin, ich will nicht meine ganze Zeit investieren und stehe dann mit Nichts da…“

Eine kurze Pause entstand, wo wir beide hinaus auf die Fahrbahn sahen.

„Entschuldige Julian, ich habe mich falsch ausgedrückt, aber in meiner Vergangenheit hab ich das schon öfter erlebt, dass ich mich eben in eine Freundschaft mehr hinein hängte, als mir gut tat und am Schluss war ich dann doch wieder alleine.“

„Ich weiß nicht wie ich reagieren werde, ich weiß es wirklich nicht, Stefan“, meinte ich mit erstickender Stimme.

Den Rest der Fahrt schwiegen wir nun beide. Keiner hatte große Lust, dieses Gespräch noch weiter zu führen, weil es eh nur in Spekulationen enden würde und das keinem von uns gut tat. Und ich wusste wirklich nicht mehr weiter, was ich tun sollte.

Mit der Ungewissheit weiter leben, Robert könne noch leben? Oder mir die Gewissheit verschaffen – dem Mann gegenüber treten, den Stefan für Robert hielt? Und was kam dann? Wenn es Robert wirklich war. Warum hatte er diese Show abgezogen – etwa um sich an mir rächen?

Fünf Jahre sind eine lange Zeit und niemand konnte sagen, wie so eine Zeit einen Menschen verändert.

* * *

Stefan fuhr auf das Firmengelände und parkte auf dem Besucherparkplatz. Wir stiegen aus und ich folgte ihm in das Firmengebäude. Folgen? Stefan zog mich mehr hinter sich her, noch immer war ich geistig abwesend.

„Sie wünschen?“

Ein Mann mit Uniform hatte Stefan angesprochen.

„Mein Name ist Stefan Wagner, ich soll hier etwas abholen.“

Der Kerl musterte Stefan und mich von unten bis oben, bevor er den Hörer abnahm und ein Gespräch führte. Ein kurzes Nicken von ihm und er legte wieder auf.

„Sie werden bereits erwartet, den Gang hin…“

„Danke, ich kenne mich hier aus, war schön öfter hier“, fiel im Stefan ins Wort und zog mich weiter hinter sich her.

„Du warst schon öfter hier?“, fragte ich erstaunt.

„Ja, ich habe schon ein paar Mal Möbelstücke hier direkt abgeholt, oder sie zurückgebracht, kam auf die Größe an“, antwortete Stefan und blieb vor einem Lift stehen.

Die Tür öffnete sich wie von Geisterhand alleine und wir traten ein. Stefan drückte den obersten Knopf und der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung. Mir wurde flau im Magen, denn ich konnte Expresslifte nicht leiden.

So schnell er gestartet war, genauso schnell bremste er auch wieder ab. Etwas wankend stieg ich aus.

„Ist dir nicht gut?“, fragte mich Stefan besorgt.

„Schon gut, ich vertrage nur diese Art Lifte nicht so.“

„Komm weiter“, meinte er und zog wieder an meinem Arm.

Er bleib vor einer Doppeltür stehen, klopfte und wenige Sekunden später öffnete sie sich von alleine. Mir wurde das langsam unheimlich. Stefan schien dies zu merken.

„Keine Angst, Kleiner. Der Chef dieses Hauses liebt technische Spielereien“, meinte er.

„Und der Chef des Hauses ist im Augenblick nicht da!“

Wir fuhren herum, eine kleine Frau stand hinter uns.

„Ich vermute mal, ich habe es mit Herrn Wagner zu tun?“, fragte sie.

„Ja haben sie.“

Stefan streckte ihr seine Hand zur Begrüßung entgegen, welche sie annahm.

„Das ist Herr Sprengler, ein Kollege von mir.“

Auch ich schüttelte ihr die Hand.

„Herr Braun ist im Augenblick noch in einer Besprechung, aber ich kann ihnen das gute Stück auch zeigen, bis er kommt“, meinte sie und wies uns den Weg.

Wir folgten ihr durch einen langen Korridor, bis wir am Ende einen großen Raum betraten.

„Hier steht das gute Stück“, sagte sie und ließ uns alleine.

Stefan ging darauf zu, und schaute es sich näher an.

„Da hat wohl jemand was Nasses drüber ausgeleert..“, meinte er, „ da löst sich das ganze Kirschbaumfurnier ab.“

Ich sah mich einwenig in dem Büro um. Nirgends hingen Bilder, wo ich auf Robert schließen könnte. Auf einer anderen Kommode stand aber ein Modell eines Motorrades, das dem, das Robert damals fuhr, aufs Haar glich.

„Hallo Herr Wagner, ich freue mich zu sehen, dass sie doch noch Zeit gefunden haben, nach dem Schrank zu sehen.“

Ich fuhr herum, denn die Stimme war mir mehr als bekannt. Da stand Robert im edlen Zwirn. Er konnte mich aus seinem Blickwinkel noch nicht gesehen haben. Stefan war aufgestanden und hatte ihm die Hand geschüttelt.

Sein Blick fiel auf mich und Robert war im Begriff, seinen Kopf zu drehen und in die Richtung zu schauen, die Stefan verfolgte.

„Robert, du?“, war das Einzige was ich herausbrachte.

Zusammenzuckend fuhr er herum. Man konnte sein Äußeres ändern, aber die Augen blieben die Gleichen.

Robert wurde kreidebleich und in mir stieg eine unheimliche Wut auf. Ich wollte gerade auf ihn losstürmen, als Stefan mir zuvor kam und mich festhielt.

„Julian, das wäre jetzt falsch“, meinte Stefan leise.

„Weißt du, was das Arschloch mir angetan hat? Ich habe die letzten fünf Jahre geglaubt er wäre tot und ich schuld daran“, schrie ich jetzt fast hysterisch.

Ich hatte das Gefühl, als würde mir jemand die Luft abdrehen, ich jappste nach Luft.

„Julian, bitte…“, war das letzte was ich von Stefan hörte. Mir wurde schwarz vor Augen.

* * *

Als ich zu mir kam, lag ich auf einem Bett. Ich hörte Stefan und Robert reden.

„Und warum das Ganze, ich verstehe deinen Beweggrund nicht, kannst du dir vorstellen, was der Kleine durchgemacht hat?“, fragte Stefan.

Eine kleine Pause entstand, bis ich Robert tief ausatmen hörte. Seine Stimme klang brüchig, als er zu erzählen begann.

„Computer waren schon immer mein Größtes, neben Motorrad fahren. Vor fünf Jahren war ich oft im Internet und versuchte, aus Spass, mich in Firmen einzuhacken. Das Ganze fing damit an, dass ich mich immer weiter in die Firmen eingehackt hatte und meine Grenzen nicht mehr beachtet habe.“

Wieder kam eine kleine Pause. Ich blieb die ganze Zeit ruhig liegen und glaubte nicht, was ich da hörte.

„Ich blieb an einer Firma in Süddeutschland hängen, bei der ich es schaffte, bis in die interne Geschäftsstruktur einzudringen. Ich fand heraus, dass diese Firma Staatsgelder bekam, für irgendwelche Hilfen im Ausland. Doch die Härte war, diese Firma verhökerte Waffen ins Ausland und verdiente dadurch doppelt.“

„Und was hat das mit Julian zu tun?“, warf Stefan ein.

„Zu spät hatte ich gemerkt, dass ich entdeckt worden bin. Ich brauchte jemanden zum Reden. Also bin ich zu Julian gefahren. Aber anstatt ihm davon zu erzählen, kamen wir wieder auf das Thema Freundschaft. Irgendwann traf er mich dann an einer empfindlichen Stelle und ich gestand ihm, dass ich schwul wäre und keine Interesse an Mädchen hatte.“

„Und wie reagierte er?“

„Erst mal gar nicht, erst als ich ihm sagte, das ich schon seit ein paar Jahren mehr für ihn empfand, da tickte er aus.“

„Inwiefern? Sagte er, er wäre nicht schwul oder so was?“

„Ich werde es wohl nie vergessen was an diesem Mittag abgelaufen ist. Er stand auf, meinte, ich wäre verrückt, wurde böse, stammelte was, er wäre von mir enttäuscht und so. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und rannte weg.“

„Du hast dich also nicht mit ihm ausgesprochen.“

„Nein, ich hatte seinen Wutausbruch als Ablehnung verstanden. Ich bin runter gerannt und stellte fest, dass mein Motorrad nicht mehr stand. Total verzweifelt rannte ich einfach los, wusste nicht mal wohin. Bis ich an eine Kreuzung kam und mein Motorrad auf der Strasse liegen sah.“

„Und dann?“

„Mir gingen tausend Gedanken auf einmal durch den Kopf, ich bekam Julian nicht, den ich so liebte, ich hatte eine Firma im Nacken sitzen und hatte Angst, was da auf mich zukam. Ich lief langsam zur Unfallstelle, Polizei war ja noch nicht da.

Der Junge, der sich meiner Maschine bemächtigt hatte, lag eingeklemmt unter den Reifen des zweiten Wagens. Er hatte meine Statur, meine Größe. Ohne groß nachzudenken, ließ ich heimlich, ohne dass es jemand mitbekam, meine Papiere fallen, und zog mich dann zurück.“

„Du hast diesen Jungen für dich ausgegeben?“

„Ja….. ich weiß auch nicht, was mich in dem Augenblick geritten hatte. Aber in den folgenden Tagen bemerkte ich, dass dies ohne weiteres funktionierte. Ein großer Artikel in der örtlichen Zeitung berichtete von meinem Ableben.“

„Irgendwie bin ich jetzt sprachlos… wie ging es dann weiter?“, meinte Stefan.

Mir begannen die ersten Tränen herunter zulaufen. Ich war entsetzt über das, was Robert da von sich gab. Andererseits tat er mir auch leid. Aber ich blieb weiterhin regungslos liegen.

„Hattest du keine Gewissensbisse deinen Eltern gegenüber?“, kam es von Stefan.

„Nein… ehrlich gesagt nicht… wir hatten ja auch kein wirklich gutes Verhältnis zueinander und ich hatte die täglichen Streits mit ihnen so satt. Einzig und allein wegen Julian tat es mir leid, aber ich dachte, es wäre so besser, für uns beide.“

„Und es ging alles so reibungslos ab, ohne dass jemand etwas merkte? Ich meine, die Leiche wurde doch bestimmt untersucht oder so was?“

„Nein, so einfach lief es wirklich nicht ab, am zweiten Tag bekam ich ein schlechtes Gewissen und meldete mich bei der Polizei. Erstaunt hörte man meine Geschichte an und nahm mich dann zur Seite. Ich erfuhr, dass mein Motorrad manipuliert worden war. Der Junge hatte nicht die kleinste Chance, denn das gesamte Bremssystem war defekt. Also wäre mir das gleiche passiert. Bis heute weiß ich nicht, wer da anstatt meiner in dem Grab liegt.

Schnell war der Polizei klar, dass alles mit meinem unerlaubten Eindringen bei dieser Firma zusammen hing. Es dauerte auch nicht lange, bis die gesamte Firma aufflog. Mir dagegen wurden neue Papiere ausgestellt, um weiteren Gefahren zu entgehen, denn sie hatten die großen Tiere, die dahinter steckten nicht gefasst.“

„Hört sich an wie ein Krimi aus dem Fernsehen“, sagte Stefan.

„Aber ein sehr schlechter, denn jetzt gab es wirklich kein zurück mehr. So zog ich in eine andere Stadt und mit Hilfe von staatlichen Stellen habe ich mir das erarbeitet, was du heute hier siehst.“

„Und was genau macht dein Betrieb?“

„Wir basteln Programme für Firmen, damit sie gegen Hacker besser geschützt sind.“

Stefan lachte auf.

„Sorry, dass ich lachen muss, aber es ist schon komisch, das du mit deinem Hobby nun viel Geld verdienst“, meinte er.

Ich hatte genug gehört und richtete mich auf. Stefan und Robert sahen mich an.

„Geht es wieder?“, fragte mich Stefan.

Ich nickte. Robert sah mich erwartungsvoll an.

„Du heißt jetzt Andrè Braun?“, fragte ich und versuchte aufzustehen.

„Ja…“, kam es von Robert.

Ich sah ihn nicht an, starrte nur auf den Boden.

„Das alles nur, weil wir beide uns nicht ein bisschen mehr Zeit gaben.“

„Was meinst du damit?“, fragte Robert mich.

„Ich war damals nur entsetzt über das, was du mir sagtest. Ich dachte, du verarscht mich, weil du herausbekommen hattest, was ich für dich empfand“, antwortete ich.

„Du hast das gleiche empfunden?“

„Ja Robert, ich war schrecklich verliebt in dich, traute mich aber nicht, es dir zu sagen.“

Robert schwieg.

„Und weil ich mich so schuldig fühlte an deinem Tod, zog ich mich zurück und ließ niemand mehr an mich heran. Bis ich eben Stefan kennen lernte, der alles in mir wieder aufrollte. Er war es, der dich erkannt hat und mich zu dir gebracht hat.“

„Julian, es tut mir Leid…“

„Braucht es nicht… es ist vorbei. Ich weiß, dass du lebst, und es dir anscheinend gut geht. Was mich betrifft, ich werde irgendwie schon damit zu Recht kommen.“

Robert stand auf und ging auf mich zu. Ich hob die Hand, um ihm zu zeigen, er solle stehen bleiben.

„Nein Robert, glaub mir, es ist besser so. Der Junge, in den ich mich verliebt hatte, ist tot. Du bist jetzt jemand anders, führst ein anderes Leben. Ich weiß aber, dass ich meines auch ändern kann. Ich habe einen wahnsinnig süßen Typen kennen gelernt, der mir gleich zu Anfang bewiesen hat, dass er für mich einsteht.“

Ich sah zu Stefan, der feuchte Augen bekam.

„Was uns betrifft Robert, dein Geheimnis bleibt auch bei uns ein Geheimnis, nur bitte versteh, wenn ich weiterhin zu dir keinen Kontakt halten möchte.“

Robert nickte mir zu. Ich stand auf, nahm ihn in den Arm und drückte ihn kurz. Dann verließ ich das Zimmer, durchquerte das Gebäude und wartete unten am Auto, bis Stefan irgendwann kam.

* * *

Es waren mittlerweile zwei weitere Monate vergangen. Ich hatte bei Kimmling gekündigt, meine Wohnung aufgegeben und war zu Stefan gezogen. Trotz der Lage war ich jetzt glücklich, denn ich hatte das gefunden, was ich so lange mir selbst versagte.

Stefan fuhr alleine zu Robert, als die Kommode fertig war. Ich hatte vor fünf Jahren mit Robert abgeschlossen und wollte es auch weiterhin so halten. Stefan freute sich, als er zurück kam und ich in der Auffahrt stand und ihn herzlich begrüßte.

Ein wenig mehr Zeit und mein Leben wäre in anderen Bahnen verlaufen. Nur die Antwort auf die Frage, ob dies besser gewesen wäre als das Jetzige, würde ich nie erfahren.

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