Toscana einmal anders – Teil 1

Ich wurde wach, musste mich aber erst mal umschauen, wo wir überhaupt waren. Im Auto zuschlafen war keine so gute Idee gewesen, es tat mir alles weh. Wir, dass sind meine Eltern und ich. Wie jedes Jahr waren wir in die Toskana gefahren, um dort vier Wochen Urlaub zu machen. Mit dem Wohnwagen ans Meer.

Ihr werdet sicherlich sagen, der fährt noch mit Mama und Papa in Urlaub? Warum nicht, wann komme ich denn sonst „umsonst“ für drei Wochen in Urlaub. Und dann noch in die Toskana….?

Ich drückte mich hoch, und lugte aus dem Fenster, wir waren tatsächlich da. Wir standen an der Einfahrt des Campingplatzes. Ich öffnete die Tür und stieg aus. Zuerst musste ich mich strecken, und meine einzelnen Körperglieder zu Recht biegen, es ist ja auch nicht normal mit 1,85 hinten im Auto zu schlafen, tue ich ja auch nicht oft.

Auf dem Vordersitz lag der Zweitschlüssel meiner Mutter, also schloss ich den Wagen ab und tigerte Richtung Empfang, wo ich auch meine Eltern fand.

„Aha, der Junior ist endlich aufgewacht“, kam es von meinem Vater.

„Und gut geschlafen mein Schatz?“ meine Mutter.

Ich nickte beiden zu und musste noch mal herzhaft gähnen.

„Haben wir den selben Platz?“, fragte ich müde.

„Ja, aber es sind noch Leute drauf“, antwortete Mum, „geht noch eine Stunde bevor wir drauf können.“

„Wenn es euch nichts ausmacht, gehe ich kurz an den Strand gucken“, meinte ich.

„Schon gut, “ sagte mein Dad, „im Augenblick können wir eh noch nicht viel machen.“

Also lief ich durch das große Tor in den Campingplatz. Einige Gesichter, die mir entgegen kamen, kannte ich noch vom letzten Jahr. Ich grüßte freundlich und hier und da hielt ich ein kleines Schwätzchen.

„Hi Andreas, auch wieder da?“

Die Stimme kannte ich, es konnte niemand anders als Chrisi sein. Ich drehte mich um und sie war es.

„Hi Chrisi, grade angekommen.“

Wir begrüßten uns mit einer Umarmung und zwei Küssenchen auf die Wange.

„Bist du noch gewachsen? Steht dir aber gut. Gregor und Lisa sind auch schon da, wir treffen uns nachher am Strand.“

Meine Chrisi wieder, redete mir die Ohren voll und ich bekam die Hälfte nur mit.

„Ist gut, ich will nur kurz ein Blick aufs Meer werfen, und dann helf ich meinen Eltern den Wohnwagen stellen und auspacken, ich komm dann später zu euch, ok?“

„Steht ihr wieder auf demselben Platz?“

„Platz 21, wie immer.“

„Gut dann bis nachher.“

Und schon war sie wieder verschwunden. Also lief ich weiter zum Strand, und wurde dafür fürstlich belohnt. Das Meer lag ruhig da, leichter Wellengang wie eigentlich jeden Morgen, wenn nachts nicht irgendwo ein Gewitter herunter ging.

Ich zog meine Turnschuhe aus und die Socken. Tief gruben sich meine Zehen in den Sand. Oh, wie hatte ich dieses Gefühl vermisst. Ein paar Schritte weiter und ich stand im Wasser. Ich fing fast zu träumen, als das Nass meine Füße umspülte.

Irgendwann ziehe ich ganz hierher, dachte ich für mich. Zurück in der Realität, vielen mir meine Eltern ein, also schnell zurück, zum helfen.

„Hallo Andreas, da bist du ja endlich, wir konnten doch früher auf den Platz, hilfst du Papa den Wohnwagen ausrichten?“

„Mach ich.“

Jedes Jahr dasselbe, kurbeln, kurbeln, kurbeln, bis der Wohnwagen endlich laut Wasserwaage gerade stand. Dann kam das Vorzelt dran und wieder wo kommt die Stange hin, da fehlt noch was, das ist schief.

Nach zwei Stunden konnte ich dann endlich mein kleines Zelt aufbauen. Ja ich schlief nicht mehr im Wohnwagen, ein bisschen Privatsphäre wollte ich doch haben.

*-*-*

Total alle kam ich endlich am Strand an. Gregor, Lisa und Chrisi lagen an unserem Stammplatz hinten an der alten Pinie. Gregor sah mich als erstes und sprang auf, fast hätte er mich umgerannt, so freudig war seine Begrüßung.

Lisa begrüßte mich als letztes.

„Hi altes Haus und immer noch solo?“

„Tja Lisa, du hast vor zwei Jahren meinen Heiratsantrag abgelehnt, seitdem bin ich unglücklich solo.“

Gregor fing laut an zu lachen.

„Lisa du bist schuld, das unser Andreas die Seiten gewechselt hat“, meinte er.

Hab ich das eigentlich schon erzählt, ja ich bin schwul, und meine Freunde hier wussten das.

Lisa rümpfte die Nase.

„Du bist doch nur froh, dass du dank Andreas, keine Konkurrenz hast, weil so gut wie Andreas aussieht, du hättest keine Chance.“

Eins zu null für Lisa. Es war wie immer und darauf hatte ich mich die letzten Wochen gefreut.

„Kuki, kann dieses Jahr nicht kommen, ihre Mutter musste ins Krankenhaus. Aber Jens, Dirk und Jessica kommen glaub ich heute auch noch an, “ meinte Chrisi.

„Dann sind wir ja wieder komplett. Und schon jemand entdeckt, der zu unserer Clique passen würde?“ fragte ich.

„So genau haben wir uns noch nicht umgesehen, wir wollten eh warten bis alle da sind.“

Ich breitete mein Handtuch aus.

„Also wenn ihr nichts dagegen habt, spring ich in die Fluten“, meinte ich und stürmte Richtung Wasser.

Die anderen waren sofort mit dabei. Mit einem Hechtsprung sprang ich hinein und tauchte erst ein paar Meter weiter wieder auf.

„Man, hat mir dass hier gefehlt, Freibad ist da echt kein Ersatz, “ sagte ich.

„Deswegen brauchst du nicht halb nackt hier zu baden“, grinste Gregor, „oder willst du jemanden anbaggern.

Vor lauter Wasser, hatte ich vergessen die Kordel meiner Shorts festzuziehen, und so hing mein halber Hinter blank da.

„Wieso ist doch schon anzusehen“, kam es von Lisa und fing mit Chrisi an zu kichern.

„Tja Gregor, dass ist wenigstens ein schöner Knackarsch, zum Ansehen, nicht so was flach abfallendes, wie bei dir hinten“, sagte ich und schon hin Gregor an mir und tunkte mich unter Wasser.

„Schaut mal wer da winkt“, rief Lisa.

Alle schauten wir Richtung Strandeingang. Dort standen Dirk, Jens und Jessica. Dirk und Jessica waren Zwillinge, was man aber außer bei den Augen vielleicht, nicht sah. Jens war Jessicas Freund und fuhr nun auch schon das zweite Jahr mit hier her.

Wir stiegen aus dem Wasser um die drei zu begrüßen. Jessica schrie laut auf, als Gregor sie nass wie er war in den Arm nahm.

„Da schau dir doch mein Schnuckel an“, kam es von Dirk und nahm mich in den Arm und küsste mich auf den Mund. Dirk war der zweite Schwule in unserer Clique, „du siehst ja noch besser aus, wie letztes Jahr.“

Es war schon lange klar, das Dirk und nicht zueinander passten, aber hier und da ein kleines Küsschen oder Arm in Arm spazieren gehen, war dann doch schon drin.

„Buh Leute, ich bin froh, dass ich endlich aus dem Karren draußen bin, mit diesen zwei Prachtexemplaren von Männer war es fast nicht auszuhalten“, sagte Jessica.

„Wenn man die ganze Fahrt lang dein Boygroupgedudel anhören muss, wundert dich das?“ sagte Jens, wofür er sich einen Knuff in die Rippen einhandelte.

Dirk hatte mich noch immer im Arm.

„Bruderherz, ich glaub ich ruf gleich Torben an und sage ihm, du hast einen Typen hier,“ kam es von Jessica.

Abrupt lies mich Dirk los.

„Du hast einen Freund?“, wollte ich wissen.

„Ja, seit vier Monaten“, antwortete er.

„Und warum hast du ich nicht mitgebracht, Platz wäre ja in eure riesen Karre“, kam es von Gregor.

„Er konnte nicht, seine Eltern hatten schon wo anders gebucht.“

Während wir uns unterhielten sah ich im Hintergrund einen Jungen mit einem kleinen Mädchen in unsere Richtung laufen. Als sie in unserer Höhe waren, hörte ich, was die Kleine sagte.

„Tommy, guck mal, das ist aber ein großer See.“

„Katja, das ist kein See, das ist das Meer.“

„Gibt’s da auch Enten zu Füttern?“

„Nein kleine Maus, nur Fische.“

„Kann man die sehen?“

Und schon waren sie aus meinem Hörbereich. Man war der Typ süß, genau das richtige für mich, aber bei meinem Glück, na ja … Wunschträume. Blonde lockige Haare wie seine Schwester und er musste Sport treiben, bei der Figur.

„Erde an Andreas, hey hallo,“ rief Chrisi.

„Ähm … was?“

„Jens hat gefragt, was heute Abend ansteht.“

Das übliche, unsere Eltern sitzen wieder auf der Terrasse und wir werden unser übliche erste Tour machen.“

Alle schauten mich grinsend an.

„Was?“ fragte ich.

Die Blicke wanderten zu Tommy und seiner Schwester.

„Oh man, die Chance, das der Typ schwul is, ist so groß wie dass einer von euch hier ein goldenes Sandkorn am Strand findet.“

Alle fingen an zu lachen. So laut, dass Tommy hersah und das genau zu mir. Hatte ich zu laut gesprochen. Das Rot meiner Badeshorts verblasste gegen das Rot in meinem Gesicht.

Ich stampfte zu meinem Handtuch zurück.

„Andreas, jetzt sei doch nicht beleidigt“, meinte Lisa.

„Bin ich nicht nur traurig“, antwortete ich.

„Wieso?“ fragte Jessica.

Mittlerweile saßen wir alle wieder und der Pinie.

„Ich hätte auch gerne endlich einen Freund, ich will auch mal jemanden haben in dessen Armen ich mich kuscheln kann. Will morgens aufwachen und in eine süßes Gesicht schauen.“

„Du hörst zuviel Shania Twain“, sagte Jens.

„Na und, du hast deine Jessica, und weißt wie schön dass ist.“

Betroffenes Schweigen in der ganzen Runde.

„Sorry Leute, ich wollt euch nicht runter ziehen, ich wollte dieses Jahr nicht mal mit her fahren.“

„Und warum bist du dann doch hier“, fragte Chrisi.

„Weil ich euch alle so schrecklich vermisst habe, und euch wiedersehen wollte. Bei euch kann ich, ich sein, da muss ich mich nicht so verstellen wie zu Hause. Außer meinen Eltern weiß es da immer noch niemand.“

„Das ist derb“, meinte Dirk, ich weiß wie das ist, und ich habe es eigentlich nur meiner Schwester zu verdanken, das ich aus diesem Teufelkreis rausgekommen bin.

„Ich kann mir das nicht so richtig vorstellen wie das ist,“ meinte Lisa.

„Den ganzen Tag einen auf Hetero zu machen?“

„Ja.“

Ein Ball hüpfte in unsere Runde und wie sollte es anders sein Katja kam gerannt.

„Kann ich meinen Ball wiederhaben“, fragte sie schüchtern.

„Ich hab ne Idee, “ kam es leise von Lisa, „sollen wir alle mit dir spielen?“

„Oh ja gerne, mein Bruder Tommy spielt auch mit.“

Etwas verdutzt guckte ich Lisa schon an, aber da wurde ich von Dirk schon hochgezogen. Jens nahm die Kleine auf die Schulter und so rannten alle zu Tommy hinüber. Der wusste anscheinend nicht wie ihm geschah, weil eine Horde wildgewordener Jugendlicher um ihn herum rannte.

Katja machte es Spass, so im Mittelpunkt zu stehen.

„Das ist mein Bruder Tommy“, meinte sie stolz und nahm seine Hand, „du Tommy guck mal ich hab ganz viele Freunde gefunden.“

Er nahm seine kleine Schwester auf den Arm und lächelte sie an. Oh man, was für ein Lächeln, ich war ihm bereits jetzt schon erlegen. Jens schoss den Ball einwenig hart Richtung Dirk, nur das da genau Katja und ihr Bruder standen.

Er reagierte aber sehr schnell und hob den Arm und wehrte ihn ab, was ich wiederum nicht machte, der Ball knallte mir direkt mitten ins Gesicht. Mir wurde schwarz vor Augen.

„Is der Andreas jetzt tot?“, hörte ich Katja fragen.

Ich öffnete die Augen.

„Nein Katja, der macht nur so“, kam es von Dirk, siehste er guckt dich schon wieder an.

Die Kleine saß direkt neben mir und hatte ihr Gesicht über meinem. Ein zauberhaftes Kinderlächeln kam mir entgegen.

„Oh man, was war das für ein Hammer?“

Ich griff mir an den Kopf und rieb meine Stirn.

„Hast du dir was getan?“

Die Stimme konnte ich nicht zuordnen, also musste sie Tommy gehören. Ich wand meinen Kopf nach rechts und sah genau in Tommys Augen der total blass neben mir kniete.

„Nein, war nur die Wucht, die mich umgeschmissen hast,“ antwortete ich, „solltest Volleyball spielen, da kann man so was brauchen.

„Tu ich ja“, sagte Tommy und grinste verlegen.

„Komm Großer aufstehen“, meinte Gregor und zog mich hoch.

„Dann haben wir ja zwei, die das können,“ meinte Lisa, „dann ist es nicht mehr so ungerecht verteilt, wenn wir Beachvolleyball spielen.“

„Wieso wer denn noch?“ fragte Tommy.

Bevor ich antworten konnte, war Chrisi wieder schneller.

„Den jungen Mann, den du gerade von den Füssen gehauen hast,“ meinte sie.

„Katja“, rief jemand.

Ein Paar stand am Eingang zum Campingplatz.

„Hallo Mami, der Tommy hat grad jemanden abgeschossen.“

„Katja“, rief Tommy leicht verärgert.

Tommys Eltern kamen auf uns zu gelaufen.

„Was hast du getan?“, fragte jetzt Tommys Vater.

„Ich habe nur einen Ball abgewehrt, damit Katja nicht getroffen wurde.“

„Und ich war dann die Zielscheibe, die ihn abgekriegt hat, aber es ist nichts passiert“, sagte ich um die Sachen ein wenig zu entschärfen.

Tommys Vater schaute seinen Sprössling einwenig scharf an.

„Seid ihr grad angekommen?“, fragte Chrisi um das Thema zu wechseln.

„Ja“, sagte Katja, die vergnügt zwischen unseren Beinen herum rannte.

„Und welcher Platz?“ wollte Chrisi wissen.

„Platz 22“, sagte Tommys Mutter.

„Das ist genau neben uns“, meinte ich.

„Du gehörst also zu den Bochumern?“

„Ja, das sind meine Eltern.“

„Wir sind ebenfalls aus Bochum“, meinte sie.

„Damit wird die Riege unsere Eltern auf der Terasse wieder größer“, meinte Lisa.

Tommys Vater schaute fragend.

„Wir sind alle aus der Ecke, Dirk, Jessica und Jens sind aus Köln, Chrisi und Gregor kommen aus Essen und ich selber wohne in Wattenscheid“, sagte Lisa.

„Die Welt ist klein“, meinte Tommys Mutter und lächelte, „komm Katja, ich hab dir doch versprochen ein Eis zu kaufen.“

„Au ja Mami, ein ganz Buntes, so wie ich es immer esse“, kam es von Katja.

Wir fingen an alle zu Lachen.

Ich hätte jetzt auch Lust auf ein Eis“, sagte Chrisi, „wer noch?“

Also beschlossene Sache, wir gehen alle Eis essen. Unsere Sachen ließen wir liegen, weil wir danach wieder herkommen wollten. Ich lief schnell zu meinem Zelt um mein Geld zu holen. Dort angekommen, sah ich, dass da direkt daneben noch ein Zelt stand.

„Das ist meins“, kam es von hinten.

Ich fuhr herum und Tommy stand hinter mir.

„Da muss ich ja nachts aufpassen, dass ich nicht ins falsche Zelt steige“, sagte ich und bereute es sofort wieder.

„Warum denn, könnte ja lustig werden“, meinte Tommy und verschwand in seinem Zelt.

Was war das gerade? Ich holte mein Geld.

„Kommst du, Andy?“, hörte ich Tommy rufen.

So riefen mich normalerweise nur meine Eltern, aber irgendwie gefiel es mir, wenn es Tommy sagte.

„Ja, Moment. Will nur die Shorts wechseln.“

Als ich aus dem Zelt gekrochen kam, stellte ich fest, dass Tommy sich ebenfalls umgezogen hatte. Nur in Badeshorts. Ich musste mich beherrschen, nicht die ganze Zeit Tommy anzustarren und vor allem, das sich in meiner Hose nichts regte.

Am Restaurant angekommen, warteten die anderen bereits. Wie vermutet, saßen Tommys Eltern schon bei den unseren.

„Na Andy, hast wohl Bekanntschaft mit der Erdanziehungskraft gemacht.“

Das kam von Lisas Vater. Also war die Geschichte schon durch, ich verdrehte genervt die Augen und bemerkte wie Tommy grinste. Katja saß auf dem Schoss ihres Papas und schleckte glücklich an ihrem Eis.

„Kommt ihr rauf?“ rief Gregor, von einer der höher gelegenen Terrassen.

Das war es was ich hier so genial fand. Es war nicht nur eine große Terrasse, sonder durch kleine Treppen verbunden, verschiedene hochgelegene. Eine davon, war unser Stammplatz, wo wir immer zusammen saßen.

Tommy und ich kauften uns ein Eis und stiegen zu den anderen hinauf. Auf den einzigsten freien Stuhl lies ich mich fallen. Tommy dagegen stand einfach nur da. Ich zeigte auf mein Bein und er grinste, kam rüber und setzte sich drauf.

Alle schauten erstaunt zu uns.

„Haben wir etwas verpasst?“, fragte Dirk erstaunt.

„Wieso was sollt ihr verpasst haben?“, antwortete Tommy, bevor ich das tun konnte.

Ich schaute Dirk scharf an.

Tommy schaute zwischen mir und Dirk hin und her und begann wieder zu grinsen.

„Tommy hättest du Lust heut Abend mit uns herumzuziehen?“, fragte ich Chrisi und atmete durch, weil Dirk nicht weitersprach.

„Gerne, wenn meine Eltern nichts dagegen haben“, meinte Tommy.

„Keine Sorge, die werden schon von unseren Eltern bearbeitet, weil die vor ihren Sprösslingen Ruhe haben wollen.“

„Und wann treffen wir uns?“

„So gegen acht, wenn wir alle geduscht und gegessen haben.“

„Gebont, ich werde da sein… ähm wo eigentlich?“

„Vorne an der Rezeption.“

„Gut ich werde da sein.“

Wir gingen später alle noch mal baden. Und nach dem Abendessen lief ich zum Duschhaus und mich für den Abend fertig zu machen. Nach dem Duschen stand ich vor dem Spiegel und gelte meine Haare.

„So wirr, wie sie sonst abstehen, sieht es besser aus.“

Wieder Tommy, der nur mit einem Handtuch um die Hüften neben mir strand. Die kleine Beule vorne am Handtuch blieb mir nicht verborgen.

„Findest du?“

„Ja, lass sie so, gefällt mir besser,“ sagte Tommy und machte sich auf den Rückweg.

So langsam machte ich mir jetzt doch Gedanken, hatte Tommy mich gerade angebaggert, oder einfach nur seine Meinung über meine Haare losgelassen. Ich musste unbedingt mit ihm reden, so konnte das nicht weitergehen, aber gleich am ersten Tag mit der Tür ins Haus fallen?

Hallo Tommy, ich bin schwul, willst du was von mir. Nein so konnte ich es nicht machen, war klar. Ich packte meinen Krempel zusammen und lief zurück unserem Wohnwagen.

*-*-*

Pünktlich um acht kam ich vor an die Rezeption, die anderen warteten schon. Mir fiel Tommys Aufzug sofort ins Auge. Er hatte ein abgeschnittenes Tshirt an, was seine herrlichen Bauchmuskeln zur Geltung brachte.

Abgeschnittene Jeans, die knapp über den Knien endeten und Turnschuhe. Ich schluckte.

„So nachdem unser Warmduscher, endlich eingetroffen ist, können wir los,“ meinte Gregor, wofür ich ihm grad an die Kehle gehen hätte können, aber Tommy schien das nicht weiter zu interessieren und unterhielt sich weiter mit Lisa.

Also zogen wir los und waren bald in der kleinen Ortschaft, am Campingplatz. Die Mädels zog es natürlich gleich zu den kleinen Klamottenläden, die um diese Zeit noch offen hatten, wäre bei uns zuhause undenkbar.

Dirk lief neben mir und tippte mir auf meine Schulter. Ich schaute ihn an.

„Hör doch endlich mal auf so Tommy anzustarren, das ist ja schon peinlich.“

„So schlimm?“

„Schlimmer. Ich glaub da hat sich jemand verknallt.“

„Ja, in den Flaschen.“

„Fang jetzt nicht wieder mit der Sandkorntheorie an, wobei ich zugeben muss, Tommy ist schwer einzuschätzen. Wenn ich sehr wie er grad mit Lisa rum flirtet.“

„Eben, als halt dich zurück mit deinen Kommentaren mir gegenüber. Ich möchte das ihm schon selber sagen.“

„Dich outen?“

„Ja.“

„Meinst du er hat es nicht schon längst selber gemerkt?“

„Ich weiß nicht…“

„Was mir grad auffällt, du bist doch sonst so auf dein Haar, aber jetzt steht es in alle Richtungen.“

„Weiß ich…“

„Und warum?“

„Weil Tommy meinte, es sähe besser aus.“

„Aha“, sagte Dirk und grinste.

„Arsch.“

„Selber.“

Wir schlossen zu den anderen auf.

Tommy gefiel es, was wir ihm alles zeigen. Und als Lisa fragte, ob wir uns gemeinsam auf der kleinen Klippe, den Sonnenuntergang anschauen wollten, war Tommy Feuer und Flamme. Dort angekommen waren natürlich schon einige Leute versammelt.

Dicht gedrängt standen wir da und schauten der Scheibe zu, wie sie langsam im mehr verschwand. Tommy stand vor mir und irgendwann lehnte er sich gegen mich. Ich spürte die Wärme, die von seinem Körper ausging. Ich roch sein Haar und verfiel ins schwärmen.

Als die Sonne weg war herrschte allgemeine Aufbruchsstimmung auf der Klippe.

„Wollen wir über den Strand, zum Campingplatz zurücklaufen?“ fragte Chrisi in die Runde.

Einstimmig angenommen. Also stiegen wir zum Strand herunter, zogen unsere Schuhe aus und liefen am Wasserrand Richtung Campingplatz. Ich war jedesmal fasziniert von dem Anblick der Küste, wie die vielen Lichter von den Fischerdörfern funkelten.

Nachdem wir besprochen hatten, was wir am nächsten Tag machen wollten, verabschiedeten wir uns voneinander. Ich lief gemeinsam mit Tommy zu unserem Platz.

„Gute Nacht und schlaf gut“, verabschiedete sich Tommy von mir.

„Du auch, gute Nacht.“

Bei der Millisekunde, die wir uns in die Augen schauten, hätte ich ihm am liebsten einen guten Nachtkuss gegeben. Er verschwand in seinem Zelt. Ich machte es ihm gleich. Mit einem Gedanken an Tommy schlief ich lächelnd ein.

*-*-*

Gegen meine Angewohnheit zu Hause lange auszuschlafen, wachte ich hier in Italien immer recht früh auf. Ich schaute auf meine Uhr… sieben. Ich stand auf und lief zur Toilette. Von dort zurück tigerte ich zum Strand dessen Zugang gerade aufgeschlossen wurde.

Im letzten Jahr hatte ich mir angewohnt morgens vor dem Frühstück eine Runde zu laufen. Es tat mir gut alleine mit meinen Gedanken am Wasser entlang zu laufen. Ich sammelte ein paar Muscheln. Mit den Gedanken war ich natürlich bei Tommy.

Ich gestand mir selber ein, dass ich mich in diesen Typen verliebt hatte. Und nachdem ich wusste, dass er wirklich nicht weit von mir wegwohnte, sammelte Tommy bei mir immer mehr Pluspunkte und ich fing an zu träumen, wie es wäre mit ihm fest befreundet zu sein.

Ich schaute auf und merkte, dass ich schon ziemlich weit gelaufen war. Ich machte kehrt um nicht zu spät zum Frühstück zu kommen. Dort angekommen, war meine Mum bereits dabei, das Kaffeegeschirr heraus zuräumen. Am Nachbarzelt war noch alles ruhig, nur Tommys Zelt stand offen.

„Soll ich dir was helfen, Mum?“

„Du kannst die Brötchen holen und wenn du willst Wurst und Milch auch gleich.“

Hatte ich eigentlich erzählt, das ich ein totaler Milchfanatiker bin, zuhause komm ich schon mal auf fünf Liter am Tag….

Sie reichte mir ihren Geldbeutel.

„Und bring Papa seine Zeitung mit, du weißt ja er kann ohne nicht frühstücken.“

„Keine Sorge die hätte ich als aller erstes geholt“, und schon war ich Richtung Laden verschwunden.

Das gefiel mir an diesem Campingplatz, es gab einen Kaufladen, einen Kiosk und das Restaurant mit Bar. Eigentlich musste man den Platz nicht verlassen. Ich kam an den Kiosk und sah zufällig wie Tommy eine Schachtel Zigaretten kaufte.

„Für dich?“

Tommy schrak zusammen. Er wurde rot im Gesicht und starrte zum Boden.

„Keine Sorge Kleiner, ich rauche auch.“

„Aber du hast geste…“

„Ich versuch hier mich immer ein wenig einzuschränken, wenn ich in Italien bin, also wir sehen uns nachher, muss noch Brötchen kaufen.“

Ich wollte schon loslaufen, als mir die Zeitung einfiel. Ich grinste Tommy an der an mir vorbei lief und mich verdutzt anschaute.

„Ich werde älter, ich hab was vergessen“, meinte ich.

Tommy fing an zu lachen.

*-*-*

Als ich die Brötchen besorgte hatte, machte ich mich auf den Rückweg. Auf der Straße zum Campingplatz standen wieder neue Ankömmlinge vier Wohnwagen und ein Wohnmobil. Vielleicht war etwas Interessantes dabei. Man ich dachte nur noch an Frischfleisch, war ich notgeil? Am Wohnwagen zurückgekommen, sah ich wie Katja vor dem Zelt saß.

„Morgen Katja.“

„Morgen Andreas, du bist ja schon wach“, meinte sie.

„Natürlich, ich habe schon Brötchen gekauft.“

„Tommy schläft noch.“

„Bist du sicher?“

„Er ist doch noch in seinem Zelt und da darf ich nicht rein.“

Ich stellte die gekauften Sachen zu meiner Mutter an den Tisch und geh zu Katja.

„Soll ich mal für dich gucken?“, fragte ich sie.

„Au ja, “ antwortete sie.

Der Reisverschluss war offen.

„Tommy bist du wach?“

Aus dem Zelt kam nur ein >Mmmh<.

Ich fasste mir ein Herz, und schob das Zelttuch zur Seite.

Da lag Tommy nur mit ner knappen Shorts auf seiner Luftmatratze und blinzelte mich an.

„Stör ich?“ fragte ich leise.

„Nein…“ kam es müde zurück.

„Dein Schwesterchen möchte zu dir.“

„Ja habe ich gehört, “ kam es genervt.“

„Tommy?“

„Ja?“

„Ist irgendwas?“

Ein kurzes Schweigen folgte.

„Können wir später reden, wenn wir alleine sind?“

„Natürlich, gerne“, sagte ich.

„Und schick die Kleine rein, sonst gibt sie keine Ruhe.“

„Okay bis später“, meinte ich kroch wieder aus dem Zelt.

„So Katja, du darfst reinkommen, hat Tommy gesagt.“

„Juhu,“ rief sie und war schon im Zelt verschwunden.

Ich lief zu meiner Mutter, die mich lächelnd empfing.

„Du kannst gut mit Kindern.“

„Ich mag sie.“

„Und warum machst du so etwas nicht beruflich?“

„Mum, wer würde schon einen schwulen Erzieher einstellen?“ fragte ich und meine Mutter verlor ihr Lächeln.

„An eurer Schule, der Filbing, ist doch auch schwul“, meinte sie und stellte die Marmelade auf den Tisch.

Ich schaute sehnsüchtig auf Tommys Zelt, als dem das Giggeln von Katja drang.

„Ach ich weiß auch nicht…“

„Du hast so viele Möglichkeiten, Andreas.“

Ich nickte und ließ mich auf meinen Campingstuhl fallen.

*-*-*

„Du kannst surfen?“ fragte mich Tommy, als ich mit meinem Surfbrett am Strand erschien.

„Ja ein bisschen“, meinte ich.

„Leute habt ihr das gehört >ein bisschen<“, sagte Dirk, „Tommy der hat hier bis jetzt jeden abgehängt.“

Ich wurde rot, die anderen grinsten.

„Willst du mit nach draußen?“, fragte ich Tommy.

„Wie geht das denn?“, fragte er.

„Lass dich überraschen.“

Ich zog mein Segel auf, und befestigte den Gabelbaum. Das Schwert werde ich wohl nicht einziehen, da ich wegen Tommy so besser das zusätzliche Gewicht ausgleichen kann. Ich bat Tommy mein Brett zu heben, damit ich das Segel vom Strand holen konnte.

Ich machte es fest, stieg auf. Zum Glück war fast kein Wellengang, aber ein bisschen Wind.

„So nun leg dich da vorne drauf, ja Füße nach hinten“, gab ich Tommy Anweisung.

Mittlerweile war die ganze Meute am Wasser und machte sich lustig über uns.

„Wenn das mal gut geht mit den beiden“, sagte Dirk im Hintergrund.

„Jedenfalls will ich ein Foto schießen von den beiden“, rief Lisa.

„Ich auch“, kam es von Katja, die ebenfalls mit ihren Eltern an den Strand kam.

–*–

Mein Dad und Tommys Vater standen beieinander.

„Meinst du das gibt etwas?“, fragte Andreas’ Dad.

„Inwiefern, meinst du das Surfen oder …?“, fragte Tommys Vater.

„Das Oder…“, antwortete er und lief grinsend zurück zu seiner Liege.

–*–

Ich hatte mein Segel aus dem Wasser gezogen, hob mich am Gabelbaum fest und legte es in den Wind.

„Versuche bitte nicht gegen mich zu steuern, sonst liegen wir beide im Wasser, versuch einfach mir zu vertrauen.“

„Tu ich schon“, kam es leise von Tommy.

Ich nahm langsam Fahrt auf und entfernte mich schnell vom Strand. Ich wollte erst mal ein Stück hinaus, wo es ruhiger war. Nach einer Weile und einer ruhigen Fahrt, fasste ich mir dann meinen ganzen Mut zusammen.

„Was war heute morgen in deinem Zelt mit dir los?“ fragte ich.

„Was?“ kam es von Tommy.

„Was mit dir los war, Tommy?“

„Ach nichts.“

„Tommy ich kenne dich zwar erst zwei Tage, aber so traurige Augen wie heute morgen habe ich an dir noch nicht gesehen.“

„Du beobachtest mich also?“

„Natürlich!“

„Was ist daran natürlich?“

Ich schluckte, sollte ich alles auf eine Karte legen, es riskieren. Gut hier konnte er nicht vor mir wegrennen.

„Weil ich mich in dich verliebt hab.“

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