Good bye Amerika – Teil 11

Danach stellte er sich wieder abseits, hinter das Gatter. Ich machte mich auf den Weg nach draußen wo ich Molly traf. Sie schaute aus der Entfernung zu.

„Du… kann ich dich mal was fragen?“, begann ich.

Molly drehte ihren Kopf zu mir.

„Ja?“

„Also Berry… er verhält sich so komisch… warum steht er hinter dem Gatter?“

„Ach so, das kannst du natürlich nicht wissen. Berry is als kleiner Junge beim Spielen ins Gatter gefallen und wurde von einigen unseren Patienten heimgesucht. Seither hat er Angst vor Tieren.“

„Aber jetzt sind doch keine Tiere im Gatter.“

„Ja, aber ich denke die Angst überwiegt einfach… es könnten ja Tiere kommen.“

„Irgendwie tut er mir leid.“

„Muss es nicht, dieses Problem kann er eben wirklich nur alleine bewältigen.“

„Hat noch niemand versucht, ihm die Angst zu nehmen?“

„Doch klar… wir alle. Doch Berry muss seine Einstellung ändern und solange er das nicht macht, kann ihm keiner die Angst nehmen.“

„Aha. Okay, ich geh mal dann zu denen und versuche zu helfen“, meinte ich und ließ Molly stehen.

*-*-*

Abby saß mit der Pinzette vor mir. Sie versuchte erfolglos, den Splitter herauszuziehen, den ich mit beim Gatteraufstellen eingefangen hatte.

„Jetzt halt doch still, Tom“, sagte sie.

Es war ein unangenehmes Gefühl, wie sie mit der Spitze der Pinzette in meinem Finger bohrte. Plötzlich zog sie und der brennende Schmerz ließ nach.

„Da haben wir ja den Übeltäter“, meinte Abby und hob den fast unmerklichen Splitter in die Luft.

„Und jetzt geh dir bitte die Hände waschen“, sprach sie weiter, während sie sich erhob.

„Danke Abby“, sagte ich.

„Nichts zu danken“, erwiderte sie und verschwand aus der Küche.

Kaum war sie draußen, betrat Molly die Küche, dicht gefolgt von Lesley und Berry.

„Na, wie geht es unserem Schwerverletzten?“, fragte Lesley.

Ich streckte ihm die Zunge raus, was Molly zum Kichern brachte.

„Aha, das Opfer lebt also noch… Leute, ich brauche jetzt etwas zum Trinken.“

„Bedien dich, du weißt, wo es steht“, sagte Molly.

„Willst du auch etwas, Bruderherz?“

Berry nickte. Er war recht still. Das war mir draußen schon aufgefallen. Während Lesley aufgedreht war und quasselte wie ein Wasserfall, war Berry das krasse Gegenteil.

„Seid ihr noch fertig geworden?“, fragte ich.

„Ja, die Tiere sind wieder im Gatter“, antworte Molly und lies sich neben mich plumpsen.

„Also ich werde heute nicht alt“, meinte sie und trank von meinem Glas.

„Du hörst dich an wie eine alte Frau“, meinte Lesley.

„Ich bin ja auch älter als du!“

Lesley giggelte vor sich hin.

„Was steht morgen auf dem Plan?“, fragte ich.

„Weiß ich noch nicht“, antwortete Molly, „das entscheiden wir morgen.“

Ich schaute zu Berry und Lesley. Sie glichen sich, nur dass Berry irgendwie männlicher aussah als Lesley. Als Berry bemerkte, dass ich ihn fixierte wurde er rot und schaute weg.

„Komm Bruderherz, lass uns nach Hause fahren. Mum wird sicher schon mit dem Abendessen warten.“

Berry nickte, gab uns einen Wink und war draußen.

„Also bye, Leute. Wir sehen uns morgen!“

„Bye Lesley“, sagten Molly und ich im Chor.

Und weg war er.

„Ich glaube, ich lass das Abendessen heut ausfallen“, meinte ich und erhob mich.

Molly, die sich etwas gegen mich gelehnt hatte, rutschte fast vom Stuhl. Sie gähnte herzhaft und stand ebenfalls auf.

„Gut, ich gebe Mum Bescheid.“

Wenig später lag ich in meinem Bett und schrieb in mein Tagebuch. Genug Stoff hatte ich ja. Besonders Berry bekam einen besonderen Abschnitt. Er gefiel mir, auch wenn mich sein Verhalten etwas irritierte.

Irgendwann kam ich aus dem Gähnen nicht mehr heraus. Ich lege den Stift und das Tagebuch zur Seite und machte das Licht aus. Es dauerte nicht lange und ich fiel in einen tiefen Schlaf.

*-*-*

Die Sonne schien in mein Gesicht, denn ich hatte gestern vergessen, das Rollo runter zu machen. Aber es war ein schönes Gefühl, die ersten wärmenden Strahlen der Sonne zu spüren. Ich streckte mich und nur mit Mühe bekam ich die Augen auf.

Ein scharrendes Geräusch ließ mich auf meine Zimmertür schauen. Da war es wieder. Mühsam rappelte ich mich auf und ging zu meiner Tür. Vorsichtig öffnete ich die Tür. Ich erschrak, als mich Gustav mit einem Wuff begrüßte.

„Was willst du denn hier bei mir?“ fragte ich Gustav.

Er trottete einfach an mir vorbei ins Zimmer. Interessiert schaute ich ihm nach. Er schnüffelte sich durch Zimmer, bevor er es sich vor meinem Bett bequem machte.

„Dir scheint es hier zu gefallen“, meinte ich und legte mich wieder ins Bett.

Eine Hand ließ ich aus dem Bett hängen und kraulte Gustav am Kopf.

„Das gefällt dir wohl?“

Einen kurzen Augenblick hob Gustav den Kopf und sah mich an, bevor er sich wieder nieder ließ. Sein Kopf schnellte aber wieder hoch und wenig später klopfte es an meiner Tür.

„Ja?“

Die Tür ging auf und Abby schaute herein.

„Morgen Tom… ah, da ist Gustav! Ich wunderte mich schon, wo er abgeblieben war. Ich glaube, du hast einen neuen Freund gefunden.“

Ich sah zu Gustav hinunter und nickte.

„Du Tom, du müsstest nachher mit mir kurz zur Bank.“

„Wann?“

„So in einer Stunde.“

„Dann stehe ich lieber gleich auf.“

Ich lief ins Bad und Gustav trottete hinter mir her.

„Nein Gustav, ins Bad gehe ich alleine“, meinte ich und als hätte er mich verstanden, ließ er sich vor der Badezimmertür nieder.

Was war in diesen Hund gefahren? Wieso hatte er mich plötzlich auserkoren, er kannte mich so gesehen überhaupt nicht. Ich duschte schnell und als ich dir Tür öffnete, lag Gustav noch immer vor der Tür.

„Bist du jetzt mein Bodyguard?“

„Wuff!“

Ich musste grinsen. Schnell zog ich mich im Zimmer an, immer Gustav im Rücken.

„Komm Großer, frühstücken“, sagte ich.

Gemächlich trottete er mir hinter her. Als ich mich an den Küchentisch setzte, krabbelte Gustav unter den Tisch und legte sich auf meine Füße.

„Gustav… aber ganz schnell raus“, kam es von Darleen, die die Küche auch betrat.

„Ach Darleen, er tut doch nichts“, meinte ich.

„Ich habe nichts gegen Hunde, Tom, aber in meiner Küche haben sie nichts zu suchen und das weiß Gustav normalerweise… Gustav!“

Gustav erhob sich und lief bis zur Küchentür, wo er sich wieder hinlegte.

„Da hast du wohl jetzt einen persönlichen Wachhund“, meinte Darleen und bereitete irgendetwas auf der Anrichte vor.

„Ich weiß auch nicht, warum. Plötzlich war er heute Morgen vor der Tür.“

„Vielleicht deswegen, weil er hier keine richtige Bezugspersonen hat. Chap ist deinem Onkel zugetan. Rick rennt normalerweise immer Molly hinterher. Und Chase und Donna sind Abbys Lieblinge. Nur Gustav eben hatte niemand.“

Als er seinen Namen hörte, hob er seinen Kopf. Ich grinste ihn an. So hatte ich jetzt einen Hund! Lustig. Die Haustür sprang auf und Molly rannte herein.

„Habt ihr Mum oder Dad gesehen?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Sie sind beide in der Praxis. Wieso? Ist etwas passiert?“, fragte Darleen.

„Benny ist da und er ist verletzt“, antwortete Molly und verschwand in der Praxis.

„Benny?“, fragte ich mit vollem Mund.

„Das Känguru!“

„Ach stimmt, Molly hat ihn mir gezeigt.“

Die Tür zur Praxis wurde aufgestoßen und Bob kam heraus. In der Hand trug er eine Arzttasche. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, verschwanden beide nach draußen. Jetzt war ich doch neugierig, was da war.

Ich aß schnell meinen Teller leer, stellte mein Geschirr ins Spülbecken und folgte den Beiden. Wie sollte es anders sein – Gustav im Schlepptau. Ich umrundete das Haus, konnte die beiden aber nicht finden.

Also lief ich weiter durch den Garten, weiter vorbei am Stall, wo die Büsche begannen. An der Grundstücksgrenze wurde ich dann fündig. Da lag Benny auf dem Boden und Molly und Bob waren bei ihm.

„Bob?“, hörte ich Abby rufen.

„Hier hinten!“, rief Bob laut.

Wenige Sekunden später tauchte Abby hinter einem Busch auf.

„Wie schlimm ist es?“, fragte sie.

„Eine tiefe Fleischwunde am Hinterlauf. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen…Stacheldraht.“

„War es etwas anderes?“, fragte ich.

„Das weiß ich nicht, aber ich weiß, dass hier in der Gegend normalerweise keiner Stacheldraht benutzt.“

Langsam trat ich näher heran, doch als ich die große Schnittwunde am Bein des Känguruhs sah, machte ich gleich einen Rückzieher. Ich spürte, wie die Übelkeit in mir hoch stieg. Blut konnte ich eben noch nie sehen.

Wobei…, gestern bei Molly war ich nicht so empfindlich. Und ihr Knie hatte sehr stark geblutet. Abby kniete sich neben Bob und ging ihm zur Hand. Molly dagegen stand auf und trat zu mir.

„Diesmal hat es ihn ordentlich erwischt… hoffentlich bleibt nichts zurück.“ Ich sah, wie Bob dem Känguruh eine Spritze verpasste, während Abby einen Verband anlegte.

„Benny, du wirst langsam zum Dauergast“, meinte Bob und kraulte ihn an den Ohren.

„Ich dachte immer, Kängurus sind größer“, sagte ich zu Molly.

„Sind sie normalerweise auch, aber Benny ist noch recht jung, der wächst sicher noch.“

Jetzt, wo die Wunde versorgt war, trat ich auch wieder näher heran. So dicht war ich noch nie an einem Känguru. Das Fell fühlte sich weich an.

„Und wie kriegen wir ihn jetzt zum Haus?“, fragte Abby.

„Ich überlege gerade“, meinte Bob, der seine Tasche einräumte.

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