Good bye Amerika – Teil 50

„Boah, da geht nichts mehr rein Linda, danke“, meinte ich und ließ mich in den Stuhl sinken.

„Ich hätte nicht gedacht, dass ihr nach dem Barbecue gestern so viel Hunger habt“, erwiderte Linda.

„Es hat einfach alles gut geschmeckt“, sagte ich.

„Danke“, meinte ich und begann den Tisch abzuräumen.

„Tom, lass stehen. Ich mach das schon.“

Berry lächelte mich an.

„Und was machen wir jetzt?“, fragte ich.

„Wenn Mum nichts dagegen hat, würde ich gerne spazieren gehen.“

„Wenn du es nicht übertreibst, dann habe ich nichts dagegen“, kam es von Linda.

„Laufen wir zu dir?“, fragte mich Berry.

Ich nickte. Mein Fahrrad konnte ich ja schieben.

„Ich bin dann später in der Stadt und übers Handy zu erreichen“, warf Linda noch ein und verließ kurz die Küche.

„Dann mal los, bevor sie es sich noch anders überlegt und ich hier bleiben muss“, sagte Berry und lächelte mich an.

Wenig später befanden wir uns auf dem Weg zu mir nach Hause. Wenn uns Leute begegneten, beäugten sie Berry kurz, grüßten und liefen weiter. Keiner machte Bemerkungen. Natürlich kamen wir auch an die Stelle, wo es passiert war.

Berry wusste es nicht, merkte aber an mir, dass etwas nicht stimmte.

„Was ist mit dir, Tom?“

Er folgte meinem Blick, der auf den Resten des Blutflecks hafteten.

„Hier hab ich dich … gefunden…“

„Hier?“, fragte Berry und zeigte auf die anvisierte Stelle.

Ich nickte.

„Sieht heftig aus…“, meinte Berry und schüttelte ungläubig den Kopf.

„Ja… sah sehr heftig aus… ich dachte… du wärst…“

„Tot?“

Wieder nickte ich und mir schossen die Tränen in die Augen. Noch zu frisch war die Erinnerung an den Vorfall.

„Komm her, mein Kleiner… es ist alles gut“, sagte Berry leise zu mir und nahm mich in den Arm.

„Sorry, die Bilder sind so präsent in meinem Kopf.“

„Dafür brauchst du dich doch nicht entschuldigen, würde mir sicher auch so gehen. Aber ich habe nach wie vor keinerlei Erinnerungen an das, was passiert ist.“

Ich seufzte und wischte mir die Tränen aus den Augen.

„Wird mit der Zeit schon werden…“, meinte ich und wir setzten unser wieder in Bewegung.

Nur das Geräusch des rollenden Rades war zu hören.

„Hast du eigentlich im Tagebuch von Mollys Grandpa weiter gelesen?“, fragte Berry plötzlich

„Ja, aber nur ein wenig. Ich habe es sogar dabei, hier im Rucksack. Gestern wusste ich ja noch nicht, dass du schon nach Hause kommst.“

„Und wie weit bist du gekommen?“

„Sie waren gerade zu Gange, etwas zu machen, da wurde ich unterbrochen. Seitdem habe ich nicht mehr weiter gelesen.“

„Was zu machen?“

„Sie lagen im Bett, haben sich geküsst und…“

„Ja und?“

„Weiter kam ich ja nicht.“

„Dann weiß ich schon, was wir machen. Wir setzen uns auf deine Veranda und du liest mir vor.“

„Sonst noch ein Wunsch, mein Herr?“

„Klar, dazu möchte ich eine gekühlte Limonade – natürlich mit Eiswürfeln. Und vielleicht noch etwas von diesen kleinen Leckereien, die Dorothee so toll macht.“

Mittlerweile war ich wieder stehen geblieben und schaute Berry mit großen Augen an.

„Sonst noch etwas?“, fragte ich verwirrt. Verwirrt über die Tatsache, in welchem Ernst das Berry gerade rübergebracht hatte. Meinte er das jetzt wirklich so… einfach bedient zu werden? Berry sah mich an und fing an zu lachen. Aber er hielt sich schnell den Brustkorb, verzerrte etwas das Gesicht.

„Sorry, ich wollte einfach mal deinen Gesichtsausdruck sehen, wenn ich so machohaft rede. Es hat sich gelohnt.“

„Japp und die Strafe kam direkt“, meinte ich erleichtert, dass es sich nur um einen Spass handelte.

Wieder liefen wir weiter. Noch eine Straßenecke und das Haus kam in Sicht. Berry drehte seinen Kopf etwas komisch, ließ ihn kreisen.

„Ist was?“, fragte ich.

„Mein Hals und die Schultern sind irgendwie verspannt… ist sicher das viele Liegen.“

„Dann hast du vorhin die Massage vergessen.“

„Hm?“

„Bei deiner Aufzählung, was ich alles für dich tun kann.“

Berry kicherte. Ein Auto verließ die Auffahrt und fuhr an uns vorbei. Ich konnte Mrs. Greenwich erkennen, die mir flüchtig zunickte.

„So, jetzt hat dich Mrs. Greenwich gesehen, nun weiß bald die ganze Stadt, wie du aussiehst.“

„Wieso, das weiß doch jeder“, meinte Berry grinsend neben mir.

Ich wollte ihm schon einen Knuff in die Seite geben, besann mich aber eines Besseren.

„Die Leckereien sind gestrichen…!“, sagte ich ernst.

Abrupt verschwand das Grinsen von Berrys Lippen.

„He, das kannst du nicht machen… nicht die Leckereien…“, bettelte Berry.

Ich wusste nicht, ob ich dieses Gewinsel jetzt ernst nehmen sollte. Doch das Funkeln in Berrys Augen verriet mir den Schalk.

„Okay… dann eben die Schmuseeinheiten, wenn du so auf Leckereien abfährst“, erwiderte ich und verbiss mir das Lachen.

Berry blieb stehen und ging auf die Knie.

„Bitte nicht deine Küsse…“

Ich konnte nicht mehr und fing lauthals an zu lachen. Das war eine absolut glaubwürdige Vorstellung. Nun kicherte auch Berry. Mühsam stand er wieder auf.

„Du hast ja echt das Zeug zum Dramatiker“, meinte ich und schob mein Rad weiter.

„Wäre schlecht, wenn das nicht überzeugend gewesen wäre nach drei Jahren Theaterworkshop in der Schule.“

„Das wusste ich ja gar nicht.“

„Du weißt vieles noch nicht.“

„Da werde ich mich wohl oder übel überraschen lassen müssen, was da noch alles kommt.“

„Stimmt, bleibt dir gar nichts anderes übrig.“

„Gut… dann wäre noch die Frage mit den Küssen zu klären.“

„Öhm, welche Frage?“

„Ob du so ohne weiteres auf meine Küsse verzichten kannst?“

„Das war doch nur Spass…“

„Ich habe das völlig ernst gemeint!“

„Bitte?“, sagte Berry schockiert.

Und wieder begann ich, laut zu lachen.

„Oh, du kleiner Mistkerl… ich hab jetzt wirklich geglaubt…“

„Und ich hatte keinen Theaterworkshop…“, sagte ich und lachte weiter.

„Das wirst du büßen!“

Er streckte seinen Finger aus und schob ihn mir in die Seite. Doch ich war schneller und wich aus.

„Tja, alter Mann – du bist zu langsam!“, kicherte ich weiter.

„Dich krieg ich schon noch in die Finger, keine Sorge.“

„Soll ich deinen großen starken Bruder Lesley holen, damit er dir hilft?“ sprach ich und streckte die Zunge raus.

„Jetzt gehörst du der Katz!“, rief Berry und begann, schneller zu werden.

„Ist das alles, was du zu bieten hast?“ rief ich zurück.

„Sei froh dass ich angeschlagen bin, sonst hättest du schon verloren.“

„Verloren?“, lachte ich, „träum weiter im Känguruland!“

Das war wohl zu viel, denn Berry verengte die Augen.

„Dich schnapp ich mir!“, meinte er und begann, etwas zu laufen.

Ich düste schiebend aufs Grundstück, dich gefolgt von Berry. Kurz vor dem Haus ließ ich das Fahrrad fallen.

„Machst du schon schlapp?“, rief mir Berry entgegen, als er sich mir näherte.

„Wie kommst du darauf… bin ich hier der alte Mann oder du?“

Nun war Berry doch schon so weit vorgedrungen, das ich fast in seiner Reichweite war. Wieder zeigte ich ihm meine Zunge und rannte die Treppe zur Veranda hinauf. Ich jagte ins Haus, vorbei an der Küche, warf hinter mir die Tür zu, dass mich Berry nicht bekam.

„Tom!“, hörte ich Abby in der Küche rufen.

Ich bremste ab und lief zur Küche zurück. In dem Augenblick kam Berry herein gestürzt und fiel fast auf mich drauf. Kichernd alberten wir herum und hechelten nach Luft.

„Tom, kommst du bitte?“, hörte ich Abby abermals rufen.

„Alles klar mit dir?“, fragte ich Berry, der sich die Seiten hielt.

„He, klar, das ist doch Training für mich.“

Ich lief mit Berry im Arm, der noch deutlich hörbar keuchte, in die Küche, wo ich Abby vermutete. Bei ihr saß am Küchentisch eine Frau, deren Gesicht mir plötzlich bekannt vorkam. In Sekundenschnelle purzelten Bilder durch meinen Kopf. Die Frau am Flughafen und im Flugzeug… am Friedhof auch.

„Tom… deine Mutter möchte dich besuchen…“, sagte Abby, was ich aber nicht mehr richtig wahrnahm.

Mein Blick wanderte kurz zu Berry, in dessen Arm ich mich immer noch befand. Er schaute mich mit großen Augen an. Mein Kopf drehte sich wieder zum Tisch zurück, zu der Frau – meiner Mutter.

Ich hatte sie so ganz anders in Erinnerung. Nichts von dem, was jetzt vor mir saß, ähnelte meiner Mutter.

„Hallo Tom…“

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