Good bye Amerika – Teil 51

Immer noch stand ich fassungslos da und starrte auf meine Mutter. Sie hatte eine dicke Sonnenbrille an und so konnte ich ihre Augen nicht entdecken. Was wollte sie auf einmal hier?

War ich ihr nicht die ganzen Jahre egal gewesen? Sie hatte sich keinen Dreck um mich geschert.

„Hallo Tom…“

Ihre Stimme hörte sich leise und zerbrechlich an, sie nahm dabei die Brille ab und legte sie auf den Tisch. Ihre Augen waren rot, sie schien wohl geweint zu haben. Ich spürte einen leichten Stoss an meinem Rücken.

Ich drehte meinen Kopf wieder zu Berry, um zu sehen, was er wollte. Er aber schob mich nur etwas von sich und wies mit dem Kopf in Richtung meiner Mutter. Dann begann er sich umzudrehen und wollte gehen.

„Nein bleib! …Bitte.“

Er blieb abrupt stehen, sah mich kurz fragend an und kam zurück. Ich atmete tief durch und wandte mich wieder meiner Mutter zu, die nach wie vor am Tisch saß. Direkt hinter ihr stand Abby, die mir einen fragenden Blick zuwarf.

„Tom… ich weiß… das alles kommt jetzt etwas überraschend…“, begann meine Mutter.

„Halt!“, rief ich und sie hielt inne, „bevor du etwas sagst… du brauchst dich weder bei mir entschuldigen, noch denken du hättest irgendwelche Verpflichtungen wegen mir!“

„Tom!“, sagte Abby scharf.

„Ach Abby, lass ihn doch… er hat ja Recht… ich würde wahrscheinlich genauso reagieren.“

Die beiden sahen sich an und Abby legte eine Hand auf die Schulter meiner Mutter. Dann meinte Abby zu mir:

„Könntest du dich bitte trotzdem setzen, Tom? Und hallo Berry, schön dass du hier bist. Wie geht es dir denn?“

Abby versuchte Normalität in den Raum zu bringen und so setzte ich mich wie geheißen auf einen freien Stuhl, Berry nahm den neben mir.

„Besser, nur die Rippe schmerzt noch sehr.“

„Kein Wunder, so wie ihr eben hier reingestürmt seid.“

„Der Herr war mal wieder frech“, kam es von Berry und stupste mich an.

Ich wusste in dem Moment nicht, wie ich reagieren sollte. Einerseits wollte ich Berry die Zunge herausstrecken, aber andererseits haftete mein Blick unaufhörlich auf dem Gesicht meiner Mutter, die mich ebenfalls fixierte.

Ich beschloss also, mich auf das Erstere zu konzentrieren, wendete meinen Kopf zu Berry und ließ meine Zunge frech an die frische Luft. Berry kicherte.

„Kathleen, noch einen Kaffee, oder etwas anderes?“, fragte Abby.

„Nein danke…“

Meine Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf das andere Tischende. Ich wunderte mich, wie ich so ruhig bleiben konnte, aber das lag vielleicht an Berry, der wie immer eine angenehme Ruhe auf mich ausstrahlte.

„Bist du nur wegen Dad weg, oder auch wegen mir“, fragte ich leise.

Meine Mutter schaute mich traurig an.

„Du warst nicht der Grund… Tom… ich konnte einfach nicht mehr…“

„Warst du denn je glücklich mit Dad?“

„Ja, das war ich… und als du auf die Welt kam… da schien meine Welt perfekt.“

„Und was hat sich dann geändert?“

„Dein Dad, Tom… Dein Dad hat sich geändert“

„Ich weiß, wie Dad war, zumindest in den letzten zwei Jahren… und ich bin nicht weggelaufen, auch wenn ich oft genug darüber nachdachte.“

Ich spürte Berrys Blicke auf mir, der sicher nicht begeistert darüber war, was ich da gerade losgelassen hatte.

„Tom… du weißt nicht, was alles zwischen deinem Dad und mir vorgefallen ist… vielleicht ist es auch besser, wenn du es nie erfährst.“

„Und wieso? Hast du Angst ich könnte ein noch schlechteres Bild über meinen Erzeuger bekommen? Sicher nicht.“

„Abby hat mir erzählt was passiert ist… es tut mir Leid… ich hätte dich mitnehmen sollen, dann wär dir das alles erspart geblieben.“

„Das ist jetzt auch egal… man kann es eh nicht mehr rückgängig machen…“

Ich wunderte mich selbst über meine Worte, weil ich damit eigentlich auch sagte, ich würde ihr alles vergeben, aber es machte mir nicht sonderlich viel aus. Trotzdem hörte sich mein Tonfall recht sarkastisch an.

„Ist das deine Meinung?“, fragte meine Mutter.

„Was soll ich denn dazu sagen Mum…“

Ich hatte Mum gesagt und fand auch gleich ein kleines Lächeln auf den Lippen meiner Mutter.

„Klar tut es mir immer noch weh, dass du einfach weg warst. Auch dass sich Dad, so gesehen, auch still und leise davon gemacht hat. Und dass ich hier das erste Mal seit langem endlich wieder das Gefühl habe, zu einer Familie zu gehören, braucht niemanden verwundern.“

Abby lächelte mich an und zwinkerte mir zu.

„Ich glaube, ich gehe dann besser wieder… es war eine blöde Idee von mir herzukommen.“

„Nein bleib bitte“, sagte ich und ich meinte es völlig ernst.

„Tom… was soll das bringen… du…“

Sie brach mitten im Satz ab.

„Sag mir bitte, was du dir erhofft hast. Ich meine, du bist ja nicht ohne Grund hierher gekommen.“

„Ich… ich, das ist doch jetzt auch egal.“

„Nein Mum, das ist es nicht! Du hast mich damals im Stich gelassen… willst du deinen Fehler noch mal wiederholen? Ich weiß nicht, ob wir eine Chance haben, uns wieder näher kennen zu lernen… ob wir uns zusammenraufen können… und es ist auch klar das es nicht wie früher werden kann, das weiß ich selber. Dafür ist einfach zuviel passiert.“

Mum schluckte, brachte aber keinen Ton heraus.

„Ehrlich gesagt bin ich mir selbst nicht sicher, was ich will… nur eins will ich bestimmt nicht… dass ich weiß, dass es dich gibt und daß ich die Chance versäumt habe, dich zumindest neu kennen zu lernen…“

Nach diesen Worten standen auch mir die Tränen in den Augen. Die ganze Zeit wirkte ich gefasst, ja beinah kalt gegenüber dem, was hier gerade abging. Doch nun kam der Schmerz wieder hoch, den ich so oft versucht habe zu verdrängen.

Ich spürte wie Berry seinen Arm um mich legte und wie die Tränen ungehindert über meine Wangen liefen.

„Meinst du das ernst?“, fragte Mum.

„Warum sollte ich das nicht ernst meinen? Dad war am Schluss ein Arschloch… sorry, wenn ich das so sage, aber er hat mir das Leben zur Hölle gemacht. Wenn es bei dir genauso war…, dass du den Entschluss getroffen hast, ihn zu verlassen… dann kann ich das zwar etwas verstehen, aber…“

„Was aber?“

„Dass du mich zurückgelassen hast… das kann ich einfach nicht verstehen…“

Nun saßen wir beide am Tisch und weinten. Abby’s Hand lag immer noch auf Mum’s Schulter und massierte sie leicht.

„Ich kann es dir nicht erklären… vielleicht war ich auch einfach egoistisch, dachte nur an mich… nicht an dich. …du willst mich wirklich neu kennen lernen?“

„Wenn du mir die Chance dazu gibst. Aber eines sollte ich vielleicht dazu sagen… ich hoffe du bist mir nicht böse deswegen.“

„Wieso sollte ich dir böse sein, Tom?“

„Weil ich… ich würde gerne hier bleiben, bei Abby und Bob und da ist ja auch noch… Berry… mein Freund.“

Meine Mum atmete durch, als würde ihr ein Stein vom Herzen fallen.

„Keine Sorge Tom, das will ich garantiert nicht. Ich bin froh, dass dich Bob aufgenommen hat. Zudem… habe ich eine eigene Familie… mit Kindern.“

Erstaunt schaute ich sie an.

„Hast du kein Bild von Emilie und Eric dabei?“, fragte Abby.

„Doch… klar, habe ich“, meinte Mum.

Ich hatte Geschwister…, na ja Halbgeschwister. Dieses Wort hallte in meinem Kopf nach.

„Tom?“, hörte ich Berry hinter mir sagen.

„Ja?“, sagte ich aus meinem Tagtraum gerissen und schaute zu ihm.

Er deutete mir wortlos, wieder nach vorne zu sehen, so drehte ich also meinen Kopf zurück und sah, wie mir meine Mum ein Bild entgegen hielt. Ich erhob mich ein Stück und griff danach.

Langsam ließ ich mich wieder auf den Stuhl zurück gleiten und schaute mir still die Fotografie an. Berry legte dabei seinen Kopf auf meine Schulter, um ebenfalls einen Blick auf das Bild werfen zu können.

„Das sind Emilie und Eric, sie sind jetzt fünf Jahre alt“, sagte Mum leise.

„Süße Zwillinge“, hörte ich Berry neben mir raunen.

„Danke“, erwiderte Mum.

„Du hast wieder geheiratet?“, fragte ich und schaute vom Bild auf.

Ich versuchte diese Frage so normal wie möglich klingen zu lassen, was mir aber deutlich missglückte. Man konnte dennoch einen gewissen Unterton heraus hören. Meine Mum nickte nur.

„Ist er wenigstens gut zu dir?“, fragte ich nun etwas leiser.

„Ja, Ronny trägt mich regelrecht auf Händen…“, antwortete sie.

Dass sie glücklich war, konnte ich an ihren Augen erkennen. Sie strahlten förmlich, wie weggeblasen war die Traurigkeit.

„Weiß dein Mann von mir…?“, fragte ich vorsichtig.

„Ja Tom und das von Anfang an. Auch er möchte dich kennen lernen…“

„Und wo lebst du jetzt, also schon klar, hier in Australien. Aber wo?“

„Hier… in Griffith.“

Ungläubig sah ich Abby an.

„Und du hast das gewusst?“, fragte ich Abby.

Doch bevor Abby antworten konnte, ging die Küchentür zum Garten auf und Darleen kam herein.

„Also Leute, wenn ihr heute Abend wirklich ein Barbecue machen wollt, dann müsste ich so langsam mit den Vorbereitungen beginnen“, brummelte sie vor sich hin.

Dann blieb sie stehen und schaute auf Mum.

„Hallo Kathleen, kommt ihr auch?“, fragte Darleen.

„Ich weiß…“, begann Mum.

„Ja klar kommt ihr, du rufst gleich Ronny an und er soll von seiner leckeren Sauce mitbringen“, fiel ihr Abby ins Wort.

„Ich weiß nicht… ob das in Ordnung ist. Wenn Tom…“, begann Mum erneut zu sprechen.

„Ach Quatsch, Tom wird sicher nichts dagegen haben, oder Tom?“, unterbrach Abby erneut meine Mum und schaute mich an.

Ich schüttelte den Kopf, brachte aber keinen Ton heraus. Wieder sah ich auf das Bild und konnte Ähnlichkeiten mit mir entdecken, als ich in dem Alter war.

„Darf ich kurz?“, fragte ich Mum und wies auf das Bild.

Sie verstand sicher nicht, was ich wollte, aber sie nickte mir dennoch zu. Ich stand also auf, merkte sofort, dass ich Berry hätte vorwarnen sollen. Dessen Kinn hatte immer noch auf meiner Schulter geruht und so schaute er mich nun leicht verwirrt an.

Ich lief in mein Zimmer und ging zu den Bildern. Das einzige Bild, das ich von meinen Eltern hängen hatte, war eine Aufnahme, die vor der Golden Gate Bridge gemacht wurde.

Es zeigte auch einen Dreikäsehoch, der sich zwischen ihren Beinen tummelte.

„Du besitzt das Bild noch?“, hörte ich plötzlich Mum hinter mir sagen.

Ich fuhr herum, sagte aber nichts, sondern hielt das Bild mit Eric neben das meiner Eltern.

„Du siehst, ich konnte dich gar nicht vergessen. Eric sieht genauso aus wie du in seinem Alter…“

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