Dank der Technik hatte ich endlich ein Bild von Mr. Smith in meinen Händen. Ich war gleich nach dem Aufstehen in den One New Chance Shopping Center gegangen und hatte das Werbeplakat, auf dem Mr. Smith abgebildet war, fotografiert.

Zu meinem Glück waren die Gänge auch am Sonntag geöffnet, so dass man gemütlich einen Schaufensterbummel machen konnte. Wieder zu Hause summte nach kurzer Zeit mein Drucker und warf den Grund meiner Begierde aus.

Mit diesem Bild war ich nun unterwegs zu Riley. Es war Sonntagmorgen und fast noch kein Mensch auf der Straße. Der zweite Advent wurde wohl von vielen zu Hause begangen. Zu Hause wäre ich alleine.

Auf meine Eltern hatte ich absolut keinen Bock, da blieb nur Riley als Alternative. Nicht dass ich das negativ bewerten würde, er zählte eben zu meinen besten Freunden. So wie auf der Straße, war es auch im Covent Garden recht leer.

Ich genoss die Stille, die nicht wie Werktags durch laute Gesprächsfetzen durchbrochen war. Schnell war ich beim Bistro und betrat es. Doch bevor ich hallo rufen konnte, bemerkte ich, dass da jemand saß, mit dem ich nicht gerechnet hätte.

„Guten Morgen Jack!“

„Morgen James…“

Ich hängte meinen Mantel auf und wollte schon die Theke ansteuern.

„Willst du dich nicht etwas zu mir setzten?“, fragte James und zeigte auf den zweiten leeren Stuhl am Tisch.

„Wo ist deine bessere Hälfte, stör ich nicht?“

„Oliver ist bei seinen Eltern und ich dachte mir, weil du immer davon so geschwärmt hast, auch einmal hier zu frühstücken.“

„Aha“, meinte ich, weil mir nichts Besseres einfiel und setzte mich zu ihm.

„Gut siehst du, treibst du jetzt Sport?“

„Nein, ich bin nur viel an der frischen Luft.“

„Ein neuer Job?“

„Nein, ich schreibe immer noch für den Verlag.“

„Oliver meinte, du könntest doch ein Buch über die Essgewohnheiten der Londoner schreiben.“

Aha, meinte er das.

„Ich habe gehört, ihr wollt zusammen ziehen.“

James gespieltes Lächeln verschwand.

„Ich glaube eher nicht…“

„Wieso? Ihr zwei passt doch gut zusammen.“

Erst jetzt sah ich, dass James feuchte Augen hatte. Georg kam an den Tisch.

„Morgen Jack, Frühstück?“

Ich nickte. Georg verschwand. Ich griff gegen mein Verständnis nach James‘ Hand und schaute ihn durchdringend an. Was war nur heute mit mir los?“

„Was ist los, James?“

Er zuckte mit den Schultern, entzog sich meiner Hand und putzte sich seine Nase.

„Kannst du dir vorstellen, dass Oliver nicht geoutet ist?“

Ich hob die Augenbraun an und schaute ihn fragend an.

„Ja du hast richtig gehört, er ist nicht geoutet. Irgend so ein Klatschblatt, hat ein Foto von uns veröffentlicht und als das neue Showliebespaar des Monats bezeichnet.“

„Und jetzt?“

„Oliver betreibt Schadensbegrenzung.“

„Seine Eltern wussten nichts davon?“

James schüttelte den Kopf.

„Dann ist heute der Tag der Wahrheiten…“

Georg kam zurück und servierte mir ein einfaches Frühstück, wie ich es immer hatte.

„Kann ich noch einen Orangensaft haben… und könntest du das bitte Riley geben?“

Ich drückte Georg den Briefumschlag in die Hand, in dem sich das Bild von Mr. Smith befand.

„Wo ist er überhaupt?“

„Hinten in seinem Büro…, der Orangensaft kommt gleich“, antwortete Georg und ließ uns wieder alleine.

„Dir… geht es gut“, meinte James und nippte an seiner Tasse.

„Ich kann mich nicht beklagen.“

„Jack, was ist bei uns nur schief gelaufen?“

Huh? Was war jetzt das? Hatte ich mich verhört?

„Was soll ich groß dazu sagen… es hat halt einfach nicht funktioniert…“

„Du findest mich langweilig…“

Was sollte jetzt dieses Gespräch? Ich atmete tief durch und trank von meinem Tee.

„James, was soll ich sagen? Wir sind aus zwei verschiedenen Welten und ich pass nicht in die deine.“

„Aber wir hatten doch immer viel Spaß…“

„Du kannst eine Beziehung nicht nur aufs Bett reduzieren. Zu einer richtigen Partnerschaft gehört mehr, als nur zu ficken!“

James verzog das Gesicht. Er mochte es nicht wenn ich „solche“ worte in den Mund nahm, doch bevor er etwas erwidern konnte, stürmte Riley hinten aus dem Büro.

„Ist er das?“, schalte mir entgegen.

Es entstand nun eine Situation, die ich gar nicht mochte. Einerseits saß ich hier gerade beim Frühstück mit meinem Ex und andererseits stürmte einer meiner besten Freunde auf mich zu, um gleich ein gut gehütetes Geheimnis zu offenbaren.

„Ja, ist er, aber nicht jetzt, ich habe gerade ein ernstes Gespräch mit James.“

Der gewünschte Effekt traf ein und Riley stoppte abrupt.

„Sorry, ich wollte nicht stören…“

„Danke“, meinte ich und drehte mich zurück zu James.

„Wenn meinte er mit, ist er das?“

„Ach Riley hat so einen komischen Adventskalender mit vierundzwanzig Bilder und er muss lösen wo diese Bilder in London gemacht wurden.“

„Davon hat Lily etwas erzählt.“

„Hast du dich von Oliver getrennt, oder warum plötzlich dieses Gespräch?“, fragte ich nun direkt, auch um von meinen Bilder abzulenken.

„Nicht direkt…“

„Wie nicht direkt?“

„So ungefähr wie auf Eis gelegt.“

„James, jetzt sprich doch endlich mal Klartext und lass dir nicht alles aus der Nase ziehen.“

„Oliver meinte, er müsse zu seinen Eltern und erst alles klären, dann können wir sehen, wie es weiter geht.“

„James! So sollte er nicht mit dir umgehen, das gehört sich nicht!“

War ich jetzt ganz jeck? Ich schlug mich auf die Seite meines Ex und gab ihm auch noch Beziehungsratschläge.

„Ach ich weiß auch nicht, was ich machen soll. Er ist so ein feiner Kerl.“

„Liebst du ihn?“

Es kam erst keine Antwort.

„… ich mag ihn sehr…“

„James du willst mit ihm zusammen ziehen…, da reicht ein mögen nicht aus.“

„Er ist das, was ich mir immer gewünscht habe…“

Auch etwas, was James nie gemacht hatte, solange wir zusammen waren, nämlich über seine Gefühle sprechen. Ich schüttelte den Kopf und Biss von meinem Toast ab. Vor mir saß eine irgendwie total fremde Person.

„Aber reicht das, für eine Zusammenleben?“

„Es war sein Vorschlag…“

„Und wie ist deine Meinung darüber?“

„Etwas schnell…“

„Hast du ihm das gesagt?“+

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Ich wollte ihn nicht verärgern.“

Meine Augen wurden klein und ich sah James scharf an. Dieses nicht „Verärgern“ ließ irgendwie Alarmglocken in mir anschwellen.

„Ist er jähzornig?“

James trank von seinem bestimmt kalten Kaffee.

„Ach was soll es, wenn es nicht sein soll…“

„James, was ist los? Warum habe ich das Gefühl, du hast mir nicht alles erzählt?“

„Entschuldige, ich bin dein Ex und sollte dich mit so etwas nicht behelligen.“

Er war wir auf Rückzug eingestellt und wieder zu einem mit dem Strom Schwimmer zu werden, was ich an ihm hasste.

„James, was hat er getan?“

Seine Augen wurden wieder feucht und er wischte sich eine Träne ab.

„Heute Morgen…, kurz bevor er zu seinen Eltern aufbrach…, da hatten wir Streit.“

„Aus welchen Grund?“

„Weil ich angeblich nicht genug zu ihm stehen würde.“

„Solltest du mit zu seinen Eltern?“

James nickte.

„Und warum bist du nicht mitgefahren?“

„Weil es mir peinlich war.“

„Was war dir peinlich?“

„Jack, ich bin gerade mal gut einen Monat mit Oliver zusammen und er will sich bei seinen Eltern outen und mich als seinen Freund vorstellen.“

„Das spricht doch für Oliver, wenn er dich als seinen Partner vorstellt.“

„Er… hat mir eine gescheuert…“, kam es leise von James und hielt seine Hand an die linke Wange.

„Was hat er?“, rief ich so laut, dass das andere Paar im Raum zu uns schaute.

James seufzte.

Wieder ein paar Dezibel leiser: „Spinnt der? Ich kann vieles verstehen, aber jemand Gewalt anzutun… nein absolut unterste Gürtellinie.“

„Es… war auch ausversehen.“

„James, wenn dir jemand eine Ohrfeige gibt, ist das nicht ausversehen.“

Er sah mich hilflos an. Was sollte ich jetzt tun. Innerlich war ich auf Hundertachzig, aber nach außen hin völlig ruhig. So egal wie mir James eigentlich war, mittlerweile, aber wenn er geschlagen wurde.

„War das dass erste Mal?“

Kaum sichtbar, schüttelte James den Kopf.

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