Von Zwergen und Wichteln – Teil 1

1.Kapitel: Der Zwerg
Ja, so nannten wir ihn, den Thomas Gessner, einfach nur Zwerg und er hatte auch nie protestiert, dass wir ihn so nannten. Selbst wenn er es getan hätte, so hätte es uns nicht davon abgehalten, ihn trotzdem so zu nennen. Und das wusste er genau.
In erster Linie hatte das was mit seiner Größe und in zweiter Linie was mit seinem Alter zu tun und das er in unsere Klasse ging, war schon was besonders. Wir waren alle zwei bis drei Jahre älter als er und würden wohl im nächsten Jahr unser Abitur machen, und er natürlich auch, nur wohl viel besser als alle anderen, wahrscheinlich ein Jahrhundertabitur.
Wir, das waren sechsundzwanzig Jungs und Mädels, die Mädels waren mit fünfzehn etwas in überzahl, welche die Klassenstufe dreizehn des Willy-Brandt-Gymnasiums in einer westdeutschen Stadt besuchten.

Die Stadt war nicht besonders groß, so an die fünfzigtausend Einwohner und sie bestach durch ihre wunderschöne Altstadt, die im Krieg unversehrt erhalten geblieben war, weil sie halt nicht auf der Liste der wichtigen Städte der Alliierten gestanden hatte.

Bekannt war aber auch der historische Weihnachtsmarkt, der sich jetzt zum Advent durch den schönsten Teil der Altstadt zog und Menschen aus Nah und Fern in unser Städtchen lockte. Da waren Stände von Einheimischen, aber auch von weiter her, sogar aus Bayern, kamen Händler und Künstler mit ihren Sachen und blieben nicht selten mehrere Wochen hier.

Der Grund dafür war der Touristenstrom, der sich vom Anfang bis zum Ende des Weihnachtsmarktes fast täglich über die Altstadt ergoss. Busse aus ganz Deutschland, ja sogar aus Holland und Belgien, brachten Besucher in unsere Stadt und das war natürlich auch für die heimischen Geschäfte und die Gastronomie von großem finanziellem Vorteil.

Diese riesige Vorweihnachtsstimmung übertrug sich natürlich auch auf unsere Schule, die wie alle öffentlichen Gebäude in unserer Stadt in vorweihnachtlichem Glanz erstrahlte. Alle, die wir in dieser Stadt aufgewachsen waren und alle in dieser Schule waren sich bewusst, welche Bedeutung der vorweihnachtliche Trubel für das Leben in dieser Stadt hatte.

Das vorweihnachtliche Brauchtum hatte hier einen besonderen Stellenwert. Das musste ich jetzt einfach mal so hier erzählen, damit der Außenstehende auch versteht, warum in der Abschlussklasse eines Gymnasiums zwei Tage vor Ferienbeginn, sowie in allen anderen Klassen auch, eine richtig Advents und Weihnachtsfeier stattfand.

Jetzt aber wieder zurück in unsere Klasse und da waren wir ja bei dem Zwerg stehen geblieben. Thomas war ein Kind mit weit über dem Durchschnitt liegender Begabung, so ein kleines Genie, wissen sie, jemand, der in der zweiten Klasse der Grundschule schon die Wurzel aus sechshundertzweiundsiebzigtausendeinhundertneunundsechzig (672169) ziehen konnte, ohne Taschenrechner, versteht sich.

Als Hausaufgabenlieferant war er unschlagbar und manchem von uns hatte er mit Nachhilfe zu einer besseren Note verholfen. Seine Mutter, alleinerziehend und eine angesehene Rechtsanwältin, stand voll und ganz hinter ihrem einzigen Sohn und förderte ihn mit allen Mitteln.

Einzig und allein war sie jedoch nicht bereit, ihn in eine Schule für Hochbegabte in einer dreihundert Kilometer entfernten Großstadt zu schicken. Also blieb er auf unserer Schule.
Der kleine Zwerg übersprang drei Klassenstufen und war trotzdem total unterfordert und wenn er Lust hatte, was leider selten vorkam, dann führte er auch den ein oder anderen Lehrer oder Lehrerin schon mal regelrecht vor.

Weil er das wohl bei fast allen machen konnte, ließ man ihn in Ruhe und er hatte eigentlich Narrenfreiheit. Einige Lehrer benutzten seine Fähigkeiten zu ihren Gunsten und ließen ihn Themen vorbereiten, die sie dann als Unterrichtsvorlage benutzten

Ich, also quasi der Erzähler hier, bin der Christoph, mit ph hinten, das ist mir schon wichtig, und mit dem seltenen Nachnamen Müller (ja ich weiß, der Witz hinkt). Müller also, wie der gleichnamige Erfinder der fettarmen Buttermilch, ihr wisst schon: „Alles Müller, oder was“.

Nebenbei war ich auch noch Klassensprecher und wohl als einziger in der Klasse schwul, was aber außer meinen Eltern und meinem besten Freund Sebastian niemand wusste.

Also ich hatte in der letzten Klasse schon ein paar Matheprobleme und wollte jetzt endlich mal den Zwerg fragen, ob er bei seinem engen Zeitplan noch ein paar Stunden Nachhilfe für mich abzweigen könnte. Der gab echt Nachhilfe und auch nicht unbedingt umsonst. So war klar, dass er auch immer genügend Taschengeld zur Verfügung hatte.

Unsere Klassenlehrerin, Hiltrud Klein, Baujahr 1949 (daher wohl auch der tolle Namen) war eigentlich ganz in Ordnung, wenn auch ein bisschen angestaubt. Sie gab Mathematik und machte den Ethikunterricht für die, deren Eltern den etablierten Kirchen den Rücken gekehrt hatten. Meine Eltern gehörten auch dazu.

Auch wenn sie uns „Gottlose“ in Ethik unterrichtete, so war sie doch selber glaub ich recht fromm, nicht übertrieben, aber eben gläubig. Ganz verrückt wurde sie aber in der Vorweihnachtszeit und dem entsprechend sah unsere Klasse dann auch aus.

Es wurden alle erdenklichen Weihnachts-Bräuche ausgelebt, ob mit oder ohne christlichen Hintergrund. Ihr größtes Anliegen war aber wie jedes Jahr das Wichteln, das immer an unserer klasseninternen Weihnachtsfeier durchgezogen wurde.

Die meisten werden wissen, was Wichteln ist. Jeder verpackt ein Geschenk, dessen Wert vorher festgelegt wird und man beschriftet das mit dem Namen dessen, dem man das Geschenk zugedacht hat.

In diesem Jahr hatten wir uns auf einen Wert von maximal Fünfzehn Euronen geeinigt und Hiltrud hatte nochmal ausdrücklich darauf hingewiesen, die Summe nicht zu überschreiten und was Vernünftiges in das Päckchen zu machen. Die Hiltrud versuchte das zwar immer ein bisschen zu beeinflussen, aber das klappte nie so ganz.

Dieses Jahr hatte sie sich aber etwas Besonderes einfallen lassen. Sie hatte alle Namen auf einzelne Zettelchen geschrieben und dann musste jeder aus einer Stofftasche einen dieser Zettel ziehen.

So war gewährleistet, dass jeder ein Paket bekam. Das war in den Vorjahren nicht so und manche hatten dadurch keins oder andere wiederum mehrere Päckchen bekommen. In der großen Pause suchte ich den Zwerg und fand ihn am Kiosk, wo er mit zwei gleichaltrigen Jungen stand und ein Sandwich aß.

„Hey, Thomas, hast du mal einen Moment?“, fragte ich den Zwerg, der mir mal gerade bis unter die Achsel reichte.

Er schaute erstaunt zu mir auf und meinte dann: „Das muss ja was ganz besonderes sein, was du da von mir willst. Du hast ja mal Thomas zu mir gesagt, sonst heißt es doch immer nur Zwerg“ erwidert er und grinste wissend.

Vermutlich hatte er meine Mathematikmisere schon mit bekommen, als die letzten Arbeiten zurückgegeben wurden. Sag ich doch, dass der echt ein schlaues Kerlchen ist.

Ohne auf seinen Einwand einzugehen, sagte ich zu ihm: „Ich wäre dir sehr dankbar, wenn du mir ein paar Einheiten in Mathe verpassen könntest, damit meine nächste Arbeit nicht wieder in einer Katastrophe endet“.

„ Oh Man, Alter, ich weiß nicht, wo ich dich da noch einschieben kann, ich bin komplett aus gebucht und die Sonntage wollte ich mir eigentlich frei halten für meine Mutter“, gibt er mir zur Antwort.

„Bitte Thomas, das ist dringend, ich krieg viel Stress mit meinen Eltern, wenn ich nee fünf in Mathe schreib. Gib dir einen Ruck, schließlich bin ich doch in deiner Klasse, Mann“, versuchte ich jetzt die Kumpel Tour.

„Das muss ich erst mit meiner Mutter bereden, wenn sie damit einverstanden ist, das ich das am Sonntag mache , dann überleg ich mir das und ich sag dir gleich, Sonntagsarbeit kostet mehr. Ich sag dir morgen Bescheid“, sagte er und ließ mich einfach stehen.

Na ja, ich konnte ihm eigentlich nicht böse sein, war ich es doch, der ihm den Namen verpasst hatte und auch sonst öfter mal ein bisschen über den Kleinen gelästert hatte. Beim Sport war er ja auch körperlich hoffnungslos unterlegen und wir machten es ihm, vor allem ich, nicht immer einfach.

Meine Eltern würden sich das schon ein paar Euro kosten lassen, wen die Note dadurch besser würde. Ihnen wird es wohl egal sein, ob das Geld irgendeiner Nachhilfefirma zukommt oder Thomas, dem Zwerg. Ich war mit eins zweiundneunzig der größte Schüler in der Klasse und er war gerade mal eins achtundfünfzig und hatte höchstens fünfzig Kilo, aber er sah trotz seiner Größe verdammt gut aus.

Wenn er einen Kopf größer wäre, dann wäre er schon ein Kandidat für mich, er war ein schönes Kerlchen mit seinen braunen Locken und seinem schönen Gesicht. Ich war eher der Germanen Typ, groß, ein bisschen athletisch gebaut und Blond, mit blauen Augen und ich war sehr sportbegeistert und brachte rund neunzig Kilo auf die Waage.

Schwimmen und Basketball waren meine liebsten Sportarten und von meinem fünfzehnten bis zum siebzehnten Lebensjahr hatte ich im Verein geboxt. Der Zwerg ging halt immer zum Tischtennis, hat er gesagt, als er sich in der Klasse vorgestellt hat und ich meine, der geht auch noch zum Reiten, hat ein anderer Schüler erzählt.

Na ja, nee Figur wie ein Jockey hatte der ja. Ich find ihn echt geil, so wie ein niedlicher Twink schaut er aus, der Kleine. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass er schwul ist, ich glaub es jedenfalls nicht, obwohl mit einem Mädchen, ich ihn auch noch nicht gesehen habe. Na ja, eigentlich wollte ich ja auch nur Mathe mit ihm.

Ich hatte erst mit siebzehn akzeptiert, dass mich Jungs wesentlich mehr interessieren als Mädchen. Fast ein Jahr hab ich mit mir gekämpft und habe versucht, mit möglichst vielen Mädchen zu schlafen. Das funktionierte anfangs auch noch einigermaßen, aber irgendwann konnte ich das einfach nicht mehr und so stellte ich dann auch die Versuche ein. Mit achtzehn, also dieses Jahr im Sommer, hatte ich dann im Urlaub mein erstes Mal mit einem Jungen und das war auch bisher das einzige Mal, dass ich in jemand verliebt war.

Es war auf Borkum, der schönen Insel in der Nordsee, im Urlaub, ich war mit meinen Eltern dort .Wir hatten dort ein Ferienhaus gemietet, wie schon all die Jahre vorher. Der Junge mit seiner Familie wohnte im Nachbarhaus, kam aus Berlin und war auch hier im Urlaub. Wir verstanden uns auf Anhieb gut und es wurde schnell mehr zwischen uns.

Nach drei Tagen hatten wir uns das erste Mal geküsst und waren dann gleich am nächsten Tag in den Dünen verschwunden. Er hatte ein bisschen Erfahrung und wir haben langsam angefangen, so mit knutschen und fummeln und haben uns gegenseitig befriedigt. Ja, und dann wurde es immer besser und wir gingen immer weiter und dann, nach drei Tagen, war ich keine Jungfrau mehr.

Seit dieser Zeit wusste ich, wie schön Sex und Liebe unter Jungs, beziehungsweise Männern sein kann. Ich kann mir auch nicht so richtig vorstellen, Sex mit jemand zu haben, ohne eine Beziehung.

Dazu ist mir das dann doch zu intim, ich meine, wenn ich mich jemanden hingebe oder sich mir einer hingibt, intimer geht´s doch wohl kaum, das geht doch nicht mit jedem x-beliebigen find ich und wem es nur um den Knall geht, der kann sich ja auch genauso gut einen runter holen, find ich.

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