Zoogeschichten I – Teil 12

Routine

„Hallo“, sagte ich und schaute verlegen zu Boden.

„Alles klar bei dir?“, fragte Michael.

Was wollte er hören? Ich hätte gute Lust, ihm jetzt eine Szene zu machen. Die Ohrfeige tat nicht mehr weh, der Schmerz vergessen, aber die Erinnerung war noch frisch. Aber ich war ihm nicht mehr böse, konnte ihm nicht böse sein.

„Ja, geht.“

„Du… Dennis…“

Die Wohnungstür wurde aufgeschlossen und ich verdrehte die Augen… warum jetzt?

„Wir sind wieder da!“, hörte ich meinen Dad rufen.

Sabine kam aus dem Wohnzimmer und begrüßte meine Eltern. Michael blickte mich nur an, sagte aber keinen Ton, ich brachte ebenso keinen Ton heraus.

„Hallo ihr Zwei“, meine Mum hatte die Küche betreten.

Sie schaute kurz zwischen uns hin und her, aber ich wusste, sie dachte sich ihren Teil. Sagen würde sie nichts.

„Ein Teller ist kaputt gegangen“, meinte ich, „Krümel hat die Tischdecke erwischt.“

Was Besseres war mir nicht eingefallen, um diese Stille zu beenden.

„Nicht so schlimm… und du, geht es dir besser?“, fragte sie und strich mir übers Haar.

„Ja, geht schon wieder.“

Dad kam mit Krümel im Arm, gefolgt von Sabine, in die Küche.

„Na, wir werden dann mal langsam gehen und endlich Feierabend machen“, kam es von Sabine, die aber mehr Richtung Michael schaute, der ihr nur zu nickte.

Sie verabschiedeten sich beide. Ich suchte Michaels Blickkontakt, aber seine Augen wanderten nicht mehr in meine Richtung. Ein paar Sekunden später schloss sich die Wohnungstür und beide waren gegangen.

„Nett von den beiden, bei uns noch vorbei zu schauen“, sagte Mum.

„Und guck, sie haben noch jede Menge Obst und Gemüse für Krümel mitgebracht“, kam es von Dad, er zeigte dabei auf die Tüten.

Ich sah beide nur an und schüttelte den Kopf, verließ ohne ein Wort die Küche und rannte in mein Zimmer. Was sollte ich in meinem Zimmer, ich wollte zu Michael. Aber was brachte das, ich wusste ja nicht mal, wo er wohnte.

Michael, Michael… Michael… der Name ging mir nicht mehr aus dem Kopf, sein Gesicht ging mir nicht mehr aus dem Sinn. Diese tiefbraunen Augen, die ich bisher nur selten strahlen gesehen hatte.

Seine Grübchen, wenn er laut lachte und der Rest… er war einfach ideal. Scheiße… ich hab mich verliebt, ich hab mich in diesen Typen verknallt. Sollte ich mich jetzt freuen… war das was zum Heulen?

Es klopfte an meiner Tür und Dad schaute herein.

„Na du!“

„Hi Dad.“

„Hat mein Großer Liebeskummer?“

Boah, blinkte das auf meiner Stirn >Vorsicht Liebeskrank

„He, lass den Kopf nicht hängen, das wird schon irgendwie.“

„Dad, er ist dreiundzwanzig, was will der von einem Knirps wie mir.“

Dad zuckte mit den Schultern.

„Du bist so wie du bist in Ordnung und wenn er dich nicht will, dann hat er dich auch nicht verdient. Was hat das überhaupt mit dem Alter zu tun? Ich bin auch sechs Jahre älter als deine Mum, na und?“

„Kann man das überhaupt vergleichen… du und Mum…“

„Hallo… ist doch egal, wen man liebt, Hauptsache du hast jemanden, den du liebst.“

Mit diesen Worten wuschelte er mir über den Kopf und verließ mich wieder. Sachte nahm ich Krümel und legte ihn in seinen Stall. Ich selber lag noch einige Zeit wach.

*-*-*

Mum fuhr mich am nächsten Morgen in den Zoo. Meine Eltern hatten mich an diesem Morgen in Ruhe gelassen, nichts darauf gesagt, dass ich die ganze Zeit so schweigsam war. Sie setzte mich vor dem Zoo ab.

„Und Dennis, übertreib es nicht. Nicht dass du am Wochenende wieder flach liegst, Tschüss!“

„Ja Mum, Tschüss.“

Genervt schlug ich die Autotür zu und schaute ihr noch nach, als sie wegfuhr. Krümel schlief fest unter meiner Jacke, bemerkte nichts von dem morgendlichen Ausflug per Auto. Er schlief eh recht viel.

So zog ich meine Codekarte hervor und ging meinen gewohnten Weg zum Personalhaus. Ich verstaute meine frisch gewaschenen Sachen im Spint und lief dann mit Krümel in die Küche, wo einige meiner Kollegen wieder am Futter Schneiden waren.

„Morgen“, sagte ich und ein gemeinschaftliches ‚Morgen’ kam zurück.

Weder Michael noch Sabine waren zu sehen. Da Krümel in meinem Schal schlummerte, konnte ich ungehindert auch Gemüse schneiden.

„Weiß einer, ob Sabine schon etwas vorgeschnitten hat?“, fragte ich.

„Nein, Sabine war noch nicht da… die hat einen Termin bei der Zooleitung“, meinte Fritz.

Also nahm ich mir Schüsseln und begann, zu schneiden. Es dauerte schon eine Weile, bis ich die Schüsseln gefüllt hatte, die meisten in der Küche waren schon weg. Da ich nicht alles alleine tragen konnte, stellte ich die Schüsseln in einen Schubkarren und setzte mich zum Bärenhaus in Bewegung.

Unterwegs traf ich einige andere Pfleger, die schon mit dem Reinigen der Gehege beschäftigt waren, aber von Michael keine Spur. Ich kam mir eh irgendwie beobachtet vor, jeder schaute mich an, grüßte und ging weiter seiner Arbeit nach.

War das ein Anlächeln, oder grinsten sie wegen Michael und mir. War ich schon nach ein paar Tagen Zoogespräch… eine weitere amüsante Zoogeschichte? Gut, es tuschelte niemand, wenn ich auftauchte, auch hörte niemand auf zu reden, wenn ich kam.

Der Weg zum Bärenhaus kam mir heute so unendlich lang vor, dabei war es auch nicht weiter als sonst. Im Bärenhaus wurde ich schon mit lautem Brummen begrüßt, also entschloss ich mich, gleich mit dem Füttern anzufangen.

Ich stellte den Schubkarren ab und nahm die erste Schüssel. Von Sabine war immer noch nichts zu sehen, geschweige denn von Michael. Die Brillenbären machten sich über ihr Obst her, schmatzen laut.

Die Tür zum Bärenkäfig wurde aufgeschlagen und Sabine kam herein gestürmt.

„Morgen Jungs und Mädels“, rief sie, „morgen Dennis, oh du hast schon mit dem Füttern angefangen, super.“

„Morgen Sabine.“

„Sorry, wenn ich so spät komme, aber die Leitung hatte noch etwas abzuklären, denn nach Tamaras Tod fehlt uns eine Bärin.“

„Bekommen wir eine Neue?“, fragte ich erstaunt.

„Ja, der Luxemburger Zoo hat eine Dame, die sich nicht so gut mit den Anderen versteht.“

„Und hier soll sie sich vertragen?“

„Wird sich zeigen, Michael und Volker sind losgefahren und holen sie.“

Deswegen konnte ich Michael nirgends entdecken.

„Heute schon?“

„Ja, die Zoos haben ein gutes Netzwerk, es werden laufend Tiere getauscht oder hergegeben.“

„Und wann kommen sie zurück.“

„Ich denke mal, so gegen Abend.“

Also würde ich Michael heute nicht zu Gesicht bekommen.

„Alles in Ordnung mit dir?“, fragte Sabine und hielt mit dem Füttern inne, was der Braunbär Hugo überhaupt nicht toll fand.

„Geht schon, vielleicht hängt mir das noch ein bisschen von den vergangenen zwei Tagen nach.“

„War vielleicht doch keine so gute Idee, gleich wieder zu kommen.“

„Nein, schon in Ordnung, mir geht es soweit gut.“

Nur mein Kopf… na ja, eher mein Herz… das war liebeskrank, aber das konnte ich ja nicht sagen. Ich träumte von Michael und fütterte die Bären weiter. Schließlich öffnete Sabine die Schieber und gesättigt trotteten die Bären nach draußen ins Freie.

Ich schaute kurz in das Büro, in dem Krümel sonst lag. Aber das war noch nicht zu gebrauchen. Der Raum war leergeräumt, Boden und Tapeten waren schon neu. Doch es fehlten die Möbel und zudem roch es nach frischer Farbe.

Das kam mir ganz recht, so konnte ich Krümel noch eine Weile mit nach Hause nehmen, auch unter der Woche. Nach dem morgendlichen Fegen und Verteilen des neuen Heus, fiel mir auf, dass Sabine irgendetwas Schweres anschleppte.

„Was ist das?“, fragte ich und schaute in die Eimer.

„Obst und Gemüse, eingefroren in Wasser“, antwortete Sabine.

„Und das taust du jetzt auf?“

„Nein, das kommt in das Becken draußen, für die Bären zum Spielen.“

„Das verstehe ich jetzt nicht.“

„Dennis, nur den ganzen Tag faul herumliegen ist auf die Dauer nichts für unsere Bären, die müssen beschäftigt werden. Also werfe ich die Eisklötze ins Becken. Die Bären springen rein, spielen mit den gefrorenen Klötzen und wenn es dabei auftaut, haben sie dann noch etwas Leckeres.“

„Ach so.“

Ich nahm Sabine einen Eimer ab und so gingen wir nach draußen. Am Gatter standen schon die ersten Gäste, Omas mit ihren Enkeln oder einzelne Personen. Wir gingen auf die Plattform hinauf, die etwas in das Bärengehege hineinreichte.

Sabine klopfte solange mit dem Eimer ans Geländer, bis der Tiefkühlklotz ins Wasser fiel. Wie eine Wasserbombe hinterließ dieses Geschoss eine Fontäne aus Wasser, dadurch wurden aber Hugo und Egon angelockt.

Mit einem Platsch landeten sie ebenso im Wasser, während Sabine den zweiten Eimer leerte. Nun hatte Jeder etwas zum spielen.

*-*-*

Ziemlich geschafft räumte ich meine Sachen weg, überlegte aber dennoch, ob ich da bleiben sollte. Mich interessierte natürlich die neue Bärin, aber noch mehr dachte ich an Michael, den ich unbedingt sehen wollte.

Der Park wurde mittlerweile geschlossen und die letzten Besucher wurden aufgefordert, zum Ausgang zu gehen. Krümel hatte ich im Kleinbärenhaus in einen freien Käfig gesetzt, so konnte ich mich unbeschwert bewegen.

Ich lief mit Sabine Kontrolle, ob auch wirklich alle Besucher den Zoo verlassen hatten.

„War da nicht gerade jemand?“, fragte mich Sabine und zeigte auf ein Gebüsch.

Ich konnte niemanden sehen und schüttelte meinen Kopf.

„Ich habe einen Schatten gesehen…“

Sie vergewisserte sich, ob sie sich getäuscht hatte und kam Kopf schüttelnd wieder zurück.

„Ich könnte schwören, da war jemand… komm, holen wir die Bären rein.“

Ich folgte Sabine wieder ins Bärenhaus und öffnete mit ihr alle Schieber. Wie auf Kommando kamen alle Bären herein. Schnuppernd hielt ich meine Nase nach oben.

„Hier riecht es irgendwie komisch“, sagte ich.

Nun schnupperte Sabine auch.

„Das riecht wieder nach Rauch!“, sagte Sabine plötzlich und lief hektisch von Raum zu Raum. Ich folgte ihr, um ebenso nachzuschauen, ob es hier schon wieder brannte, aber wir konnten nichts finden.

„Das scheint von draußen zu kommen“, meinte Sabine und ging zur Hallentür.

Wir schauten uns beide draußen um und erschraken. Dicke Rauchschwaden stiegen am Kleinbärenhaus empor.

„Scheiße… Krümel…“, war das Einzige, was ich herausbrachte und gleichzeitig rannten Sabine und ich los.

„Das ist nicht im Haus, dass muss dahinter sein“, rief Sabine.

Andere schienen auch schon auf das Feuer aufmerksam geworden zu sein und rannten ebenso zum Bärenhaus. Wir umrundeten es und kamen zu der Ursache des dicken Qualmes. Der komplette Heuvorrat hinter dem Haus brannte.

Sofort nahm ich einen Schlauch, Sabine drehte den Hahn auf und ich hielt mit dem Wasserstrahl drauf. Andere kamen mit Wassereimern aus dem Bärenhaus gelaufen und schütteten es in das brennende Chaos. Mittlerweile schlugen die Flammen höher als das Haus.

„Sabine, geh rein und hilf den anderen bei den Tieren!“, rief ich laut.

Ich glaubte, schwach eine Sirene hören. Ob das schon die Feuerwehr war? Mein Blick fiel zu Boden, wo ich etwas glänzen sah. Ein Feuerzeug.

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