Zoogeschichten I – Teil 14

Herzentscheidung

Dennis blieb fast das Herz stehen, denn das Gespräch verstummte abrupt. Er schaute sich um und ging zu dem großen Kühlschrank, neben dem sich ein kleiner Spalt befand, in der er sich zwängte.

„Da ist doch jemand“, hörte ich die fremde Stimme.

„Wer soll um die Zeit schon hier sein?“, hörte ich Michael sagen.

Ich vernahm Schritte, die sich mir näherten. Ich hielt die Luft an und war froh, dass sich Krümel nicht unter meiner Jacke regte.

„Hab dir doch gesagt hier ist niemand und nun verschwinde, dann wird dich auch niemand entdecken“, sagte Michael.

„Warum so eilig…, stimmt ja, früher konntest du es auch nicht erwarten, bis du mich in der Kiste hattest“

„Karl, vergiss es! Es gibt nichts mehr was mich an dir reizen könnte…“

„Ich glaube dir nicht, Michael. Du hast mich doch einmal so sehr geliebt“, die Stimme von Karl wurde zittrig.

„Das war ein anderer Karl, den ich geliebt habe, den gibt es nicht mehr.“

„Quatsch, ich steh vor dir, bin immer noch derselbe.“

„Ohne deine scheiß Drogen ja, aber du kannst ja nicht von dem Zeug lassen.“

„Jetzt tu nicht so scheinheilig, auf der Party hat dir das Zeug auch gefallen.“

„Das war ein einziges Mal, du konsumierst es ja jeden Tag.“

„Würde gern wissen, was dein Arbeitgeber sagt, dass du Drogen nimmst.“

„Karl du bist so ein Riesenarschloch, meinst du es interessiert hier wen, dass ich das Zeug einmal probiert habe?“

Ich bekam einen Krampf im Bein, weil ich so eingeklemmt stand, aber ich konnte mir ja keinen Platz verschaffen, sonst würden die zwei mich sofort sehen. Ich biss die Zähne zusammen und mir traten die Tränen in die Augen.

„Werden wir ja sehen. Und eins sage ich dir, lass die Finger von dem Kleinen, sonst werden hier noch ganz andere Sachen brennen.“

Von Michael kamen keine Widerworte. Ich hörte nur noch ein paar Schritte und die Hintertür, dann war es ruhig. Langsam zwängte ich mich aus meinem Versteck, streckte mich, damit der blöde Krampf endlich nachließ.

Ich humpelte schnell zu meinem Spint und holte meinen Rucksack heraus, als wieder die Hintertür auf ging. Ich fuhr zusammen, aber es war nur Michael.

„Was tust du noch hier?“, fragte er.

„Ich wollte… nur meinen Rucksack holen.“

„Nein, ich meine so spät, ich dachte, du wärst schon weg.“

„Wäre ich auch… wenn mich da… nicht jemand niedergehauen hätte.“

Buh, jetzt hätte ich fast ‚dein Freund’ gesagt.

„Bitte was?“

Also erzählte ich in Kurzfassung, was vorhin passiert war.

„Scheiße, jetzt ist er zu weit gegangen!“, sagte Michael vor sich hin.

„Wer?“, fragte ich scheinheilig.

„Ach nichts… soll ich dich heimfahren?“

Na toll, jetzt fragt er, wo Sabine auf mich wartete.

„Sabine wartet draußen auf mich…“

„Gut, dann bis morgen“, sagte er und lief wieder zur Hintertür.

„Michael…“

„Ja!“, kam es von ihm und er drehte sich um.

„Ach nichts…“, sagte ich und schon war er verschwunden.

Sabine stand am Auto und wartete natürlich die ganze Zeit auf mich.

„Warum humpelst du denn?“

„Ach ich habe einen Stuhl nicht gesehen und bin dagegen gerannt.“

„Muss ein großer Stuhl gewesen sein…, komm jetzt, ist schon spät und morgen haben wir eine Menge Arbeit mit der Neuen.“

Im Auto kämpfte ich mit mir, ob ich was sagen sollte. Ich wusste ja jetzt, wer der Feuerleger war, aber andererseits, wie viel Ärger bekam dann Michael wegen mir. Mein Kopf schmerzte an der Stelle, wo ich auch die Beule fühlen konnte.

Heute Abend würde ich eh nicht mehr viel machen, wie ich meine Eltern kannte, saßen sie bereits in den Startlöchern, um Krümel zu versorgen.

*-*-*

Etwas angeschlagen und müde erschien ich am nächsten Morgen bei der Arbeit. Ich war die ganze Nacht wach gelegen. Meine Gedanken kreisten um Michael und ich wusste immer noch nicht, was ich tun sollte.

Ich musste auf alle Fälle mit ihm reden, mir bleib gar nichts anderes übrig. Und zu dem… ja ich war in ihn verknallt, ob er jetzt an einem Siebzehnjährigen Interesse hatte oder nicht. Der Kuss… wenn auch nur kurz… ja erzwungen, aber traumhaft.

Es musste doch irgendwie zu schaffen sein, alle Probleme aus der Welt zuschaffen, ohne Michael in den Rücken zu fallen, ohne ihm zu schaden.

„Hast wohl nicht viel geschlafen?“, meinte Sabine, die mit mir die Käfige ausfegte.

„Ja, mir geht so einiges durch den Kopf.“

„Was hat denn mein Azubi auf dem Herzen?“, sagte Sabine und lächelte mich an.

„Sabine…wenn du einen Freund hättest…, und der Freund… hat auf einer Party Drogen probiert… nur dieses einmal… und jetzt gibt es da jemand… der erpresst ihn damit.. will ihm alles kaputt machen… was würdest du tun?“

„Mein Gott Dennis, wenn du das nur probiert hast, ist doch nicht schlimm.“

„Nein Sabine, ich habe keine Drogen probiert“, meinte ich entsetzt.

„Ach so… was würde ich also tun. Dem Erpresser ans Bein fahren und ihm den Wind aus den Segeln nehmen… es sagen.“

„Und wenn der Freund nicht weiß, dass ich es weiß?“

„Noch komplizierter geht es wohl nicht, junger Mann?“

Sie war inzwischen stehen geblieben und stützte sich auf den Besen.

„Könntest du mir jetzt endlich mal reinen Wein einschenken?“, fragte Sabine.

„Das ist es ja gerade. Ich nicht weiß nicht, ob es richtig ist.“

„Und was sagt dir dein Verstand?“

„Ich soll das Maul halten.“

„Und dein Herz?“

„Etwas sagen… helfen.“

„Klingt zwar unlogisch, aber wenn man verliebt ist…“

„Bitte?“

„Komm Dennis, meinst du, ich habe keine Augen im Kopf, wie du Michael ansiehst?“

„Ist es so offensichtlich?“, fragte ich.

„Nein, nur für jemand der Bescheid weiß. Also was ist jetzt, willst du mir es sagen?“

Ich zögerte noch eine Weile und als Sabine Anstalten machte, zu gehen, erzählte ich ihr alles, was ich wusste, was passiert war.

„Kein Wunder, dass du heute Nacht nicht geschlafen hast, das hätte mir auch keine Ruhe gelassen.“

Sabine stand da und überlegte.

„Also irgendwas muss uns einfallen, um deinem Schatz zu helfen.“

„Hallo, er ist noch nicht mein Schatz… wird es vielleicht auch gar nicht, wenn er weiß, was ich hier mache…“

Wunschträume eben. Krümel kämpfte mit einem Strohballen, versuchte, daran hochzuklettern. Er verstand es, mir die Schärfe aus den Gedanken zu nehmen, mich etwas aufzumuntern mit seinen Aktionen.

„Jetzt sehe doch nicht alles so schwarz, für alles gibt es eine Lösung.“

Schwarz sehen? Ich träumte von Michaels Lippen, seinen Händen auf meinem Körper… da war nichts schwarz dran… ich musste lächeln. Sabine schaute mich fassungslos an und schüttelte den Kopf.

„Da gab es in den 80er Jahren mal ein Lied, dass passt jetzt irgendwie auf dich.“

„Und wie hieß das?“

„Verliebte Jungs!“

Ich streckte ihr die Zunge raus und kehrte meinen Dreck weg.

*-*-*

Doktor Reinhard war am Mittag gekommen um Fine, die neue Bärin, zu untersuchen. Sie saß ruhig in ihrem Käfig, aß ganz normal. Aber sie musste erst ein paar Tage im Käfig bleiben, sich an die Anderen gewöhnen, bevor sie mit denen in das Gehege durfte.

Michael schien mir aus dem Weg zu gehen, jedenfalls sah ich ihn den ganzen Morgen überhaupt nicht. Er schien in einem anderen Teil des Zoos zu tun zu haben. Sabine währenddessen, hatte mit Fritz und Volker gesprochen und die waren mit ihr einer Meinung, dass Michael geholfen werden musste.

Den Teil mit mir und Michael hatte sie aber vorsorglich weggelassen, das war wieder ein ganz anderes Thema.

„Meinst du, Michael hat ihn jedes Mal reingelassen?“, fragte Fritz.

„Das kann ich mir nicht vorstellen, zudem war er mit Volker den Bären holen, als er zum zweiten Mal im Zoo war, also hat er einen anderen Weg gefunden, hier herein zukommen.“

„Dazu bräuchte er aber eine Codekarte, das hast du selber gesagt“, meinte Volker“, „und die bekommen eben nur Mitarbeiter.“

„Vermisst jemand eine Karte?“, fragte ich.

„Dazu müssten wir im Personalbüro anfragen, die werden dort ausgegeben.“

„Das macht Gudrun, die Sekretärin von Trebnitz“, sagte Sabine.

„Die war doch auch scharf auf Michael, bis sie erfuhr, dass er schwul ist und einen Freund hat“, erklärte Volker.

Hier wusste aber auch jeder alles. Dann würden über mich auch alle bald Bescheid wissen. Aber was soll’s, gegen Michael hatte anscheinend auch niemand etwas. Aber es jetzt einfach so zu sagen…, ich weiß nicht.

„Wenn Gudrun mit Michael auf diversen Partys gegangen ist – haben sie ja gemacht und auch davon erzählt – könnte doch sein, dass sie vielleicht auch mal Drogen probiert hat und jetzt auch von diesem Karl erpresst wird Vielleicht hat er sich durch sie eine Karte besorgt“, überlegte Sabine laut.

„Scheiß Schwuli!“, meinte Fritz, was mir einen Stich versetzte.

„Fritz bitte… Michael ist auch schwul und… gegen den hast du auch nichts“, meinte Sabine ernst.

„Ich auch“, sagte ich heiser und Fritz und Volker sahen mit verduzt an.

Sabine lächelte mich an.

„Was du? Sorry, das hätte ich jetzt echt nicht gedacht!“, meinte Volker.

War das jetzt eine gute oder eine schlechte Aussage?

„Komm Volker, hab dich nicht so, ist nur ein Konkurrent weniger auf dem Markt, der uns die Mädels ausspannt“, kicherte Fritz.

„Von welchen Mädels redest du Fritz? Du bist vierzig, was sollen die jungen Dinger mit dir?“, kam es von Sabine.

Alle fingen an zu lachen. Buh… Glück gehabt, das ist gut gegangen.

„Öhm… ich weiß, dumme Frage, geht mich vielleicht auch nichts an… du und Michael…?“, stotterte Volker vor sich hin.

Ich verdrehte die Augen.

„Nein da ist nichts!“, beteuerte ich.

„Noch nicht!“, kam es von Sabine, „aber zurück zu Michael, wie können wir ihm helfen?“

„Also gehen wir davon aus, dieser Karl hat die Karte von Gudrun, verkraftet die Trennung von Michael nicht und spielt hier im Zoo den Feuerteufel… Wir müssen ihm eine Falle stellen und ihn auf frischer Tat ertappen“, meinte Volker und sah mich dabei an.

„Was guckst jetzt mich so an?“, fragte ich.

„Wie wäre es, wenn du und Michael ein Liebespaar abgebt, dass würde den Typen doch rasend vor Eifersucht machen und bestimmt dazu verleiten, wieder etwas zu machen. Da könnten wir ihn stellen“, erklärte Volker weiter.

Ich und Michael Liebespaar… dazu musste Michael erst mal wissen, dass ich schwul bin und dass…

„Ihr spinnt doch total!“

Wir fuhren herum. Michael stand in der Tür und ich wusste nicht, wie lange er dort gestanden war.

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