Zoogeschichten I – Teil 29

Missverständnis

„Dennis… sag mir einfach was los ist, ich möchte dir doch nur helfen…“

„Wegen Kevin… hab ich das verbockt?“

So langsam wurde mir klar, wie ich mich eben benommen habe und es gefiel mir überhaupt nicht.

„Ja das hast du und ich finde, du solltest dich bei ihm entschuldigen… ich verstehe nur nicht warum?“

„Wegen Michael…“

„Was – wegen Michael?“

„Die beiden haben … haben die ganze Zeit… miteinander so gut…“

„Ja, Michael und Kevin kennen sich schon etwas länger und klar, verstehen die sich gut miteinander. Kevin ist ein guter Freund von Michael, so wie bei dir Tim… bist du etwa eifersüchtig?“

Scheiße, war das peinlich, war ich so durchschaubar oder hatte Sabine so gute Menschenkenntnisse? Ich schaute auf den Boden und wäre am liebsten in das nächste Loch verschwunden.

Sabine fing schallend laut an zu lachen und ich sah zu ihr auf.

„Sorry.. Dennis, dass ich lachen muss, aber von Kevin droht dir da wirklich keine Gefahr, auch wenn er hier absolut der süßeste Kerl ist, der im Zoo herumläuft.“

„… wieso?

„Ich habe dir schon vorhin gesagt, das ist ein anderes Revier, das von Corinna, der Tochter vom Chef. Die zwei sind schon zwei Jahre fest zusammen… und Kevin war es, der hier sehr stark für Michael eingetreten ist, als er sich damals outete, deswegen sind die beiden auch so gute Freunde.“

„Und ich Rindvieh…“

„Ja, Selbsterkenntnis ist der beste Weg zur Besserung!“, grinste Sabine mir entgegen, „komm, gehen wir zu Kevin und klären alles auf.“

„Ich kann das nicht, bin doch jetzt voll der Trottel in seinen Augen.“

„Ich habe dir schon einmal gesagt, lerne Kevin erst mal kennen und dann bilde dir deine Meinung. Und nun komm!“

Sie zog mich am Ärmel meiner Jacke hinaus. Von den Anderen war nichts zu sehen, auch von Michael nicht, was mich schon sehr wunderte. Noch eine Biegung und wir waren wieder am Giraffenhaus.

Der Transporter war weg und nur noch der Bretterhaufen zeigte, dass hier eben noch was zu Gange war. Ich spürte selber, wie sich alles in mir sträubte, aber Sabine hatte meinen Ärmel fest im Griff – fast so wie eine Mutter, die ihr Kind von den Süßigkeiten wegzog.

Klar, Sabine könnte locker meine Mutter sein, aber das hier war eben nur peinlich. Sie zog die Personaltür auf und schob mich mit hinein. Drinnen war eifriges Treiben. Der Stall von Fibi wurde sauber gemacht und dabei konnte ich auch Kevin entdecken.

Sabine neben mir ließ einen kurzen Pfiff los und alle schauten her, auch Kevin natürlich. Er lehnte seine Mistgabel an die Wand, verließ den Käfig und kam auf uns zu.

„Hi ihr zwei… na Dennis, wieder beruhigt?“

Ich traute mich überhaupt nicht aufzuschauen. Am liebsten wäre ich jetzt einfach nicht da. Sabine zupfte weiterhin an meiner Jacke.

„Ich wollt… ich wollte mich entschuldigen… für das eben“, sagte ich leise und hob etwas den Kopf, um Kevins Reaktion zu sehen.

Er grinste.

„Ist schon vergessen…, Entschuldigung angenommen…, aber was habe ich dir denn getan, falls ich das fragen darf.“

Oh Gott, nein, dass konnte ich wirklich nicht sagen, das war doch obermegapeinlich.

„Du hast einen Tick zuviel mit seinem Michael geflirtet“, hörte ich Sabine sagen.

Jetzt war ich geliefert, würde zum Gespött des Zoos werden, nur weil ich was falsch gedeutet hatte und auf meine Eifersucht gehört… Der Satz stimmt schon… Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft!

„Ich wusste nicht… sorry Dennis… Michael hat mir nichts erzählt… jetzt verstehe ich… oh man, wie hat das für dich aussehen müssen… tut mir leid Dennis.“

Hab ich richtig gehört, der Typ hat sich bei mir entschuldigt?

„Nein, ich habe mich blöd benommen… das hätte ich nicht tun dürfen“, meinte ich.

„Das ist ja mal eine coole Neuigkeit, Michael hat endlich einen goldigen Freund gefunden.“

Hallo? Goldigen? Was war jetzt das? Jetzt machte mir der Typ auch noch Komplimente. Er trat noch näher auf mich zu, nahm mich in die Arme und drückte mich fest an sich.

„Herzlichen Glückwunsch, das freut mich wirklich für euch zwei, besonders jetzt, wo ich weiß, wie sehr du für deinen Michael einstehst.“

Ja, das musste wohl sein, dieser Seitenhieb – hatte ich mir ja selbst eingebrockt.

„Kevin, könntest du mal meinen Kleinen loslassen, der gehört immer noch mir!“, hörte ich eine Stimme hinter mir… Michael.

Augenblicklich ließ mich Kevin los und trat einen Schritt zurück, damit ich frei war, um gleich von Michael in den Arm genommen zu werden.

„Hast also meinen Kleinen schon kennen gelernt.“

„Ja, habe ich, aber ich finde es schwach, dass du das deinem besten Freund nicht mal erzählst!, sagte Kevin.

„Na ja… wir sind ja auch noch nicht so lange zusammen… um genauer zu sein… seit Samstagnacht“, stotterte ich, um Michael in Schutz zu nehmen.

„Seit Samstagnacht… wo du dir den Rücken verschrammt hast?“, fragte Sabine, „was habt ihr da nur gemacht?“

Ich wollte gerade zur Antwort ansetzen….

„Halt, nein, ich ziehe die Frage zurück, mich interessieren nach wie vor keine Details.“

„Sabine… ich bin lediglich bei Michael zu Hause über das große Gartentor geklettert und dabei runtergeknallt, genau auf den Rücken, daher die Schrammen.“

„Warum kletterst du übers Gartentor?“, wollte Kevin wissen, der nicht wusste, was die vergangenen Tage alles passiert war.

„Wie wäre es, wenn wir gemeinsam einen Kaffee trinken gehen? Kann ich dir Dennis entführen, Sabine?“, fragte Michael.

„Klar doch, er hätte eh Pause und nachdem er unseren Flur so zum Glänzen gebracht hat, könnt ihr euch ruhig Zeit lassen.“

„Zum Glänzen gebracht? Warum das denn?“, fragte Michael.

Konnte es sein, dass Michael von dem Ganzen eben nichts mitbekommen hatte?

„Ich will jetzt ´nen Kaffee“, sagte Kevin und schob uns Richtung Tür.

„Kannst du hier einfach so weggehen?“, fragte ich Kevin unsicher.

„Klar, ich habe Sonderrechte, bin der zukünftige Schwiegersohn vom Chef.“

„Bild dir ja nix darauf ein“, meinte Michael und stupste ihn leicht am Kopf.

Kevin sah mich an.

„Darf ich deinen Schatz mal kurz niedermachen?“, fragte er mich und Michael schaute mich fragend an.

Ich lächelte verschämt und nickte mit dem Kopf. Michael, der jetzt gar nichts mehr verstand, war aber ebenso wie ich über die schnelle Reaktion von Kevin überrascht, befand sich schon auf dem Boden.

Das erinnerte mich an Tim, der hatte das ja auch drauf.

„Ist ja schon gut, ich ergebe mich“, sagte Michael.

„Gut zu wissen!“, meinte ich.

„Was?“, fragte Michael.

„Wie ich dich schnell zu Boden bekomme“, antwortete ich und konnte mir ein fieses Grinsen nicht verbeißen.

„Dein Kleiner weiß, wo es lang geht, dem kannst nichts vorspielen“, sagte Kevin.

„Ich spiel Dennis nichts vor“, meinte Michael ernst, der sich gerade vom Boden aufraffte.

Ich wusste nicht, wovon die Beiden redeten, aber nun machten beide ein ernstes Gesicht.

„He, Michael, dass war jetzt nicht so gemeint…“, sagte Kevin und legte seine Hand auf Michas Schulter.

„Ist in Ordnung und nun kommt, ich habe Kaffeedurst.“

*-*-*

Es wurden drei Tassen Kaffe, bis Michael und ich mit unseren Erzählungen fertig waren.

„Allerhand, da hast ja wirklich keinen netten Einstand gehabt“, sagte Kevin, der uns die ganze Zeit stillschweigend zugehört hatte.

„Es geht… oder besser gesagt… sonst hätte ich Michael ja nie bekommen“, sagte ich und beugte mich einfach zu Micha hinüber, um ihm einen Kuss auf die Wange zu geben.

„Ist er nicht absolut süß, mein Kleiner?“ fragte Michael, und drückte mich fest an sich.

„Du hättest keinen Besseren finden können.“

„Könntet ihr mal mit mir reden, nicht über mich?“, fragte ich.

Beide fingen an zu lachen und nahmen dann den letzten Schluck Kaffee. Die Tür zum Gastraum ging auf und eine junge Frau kam herein.

„Ach hier steckst du, da kann ich dich ja lange suchen… oh, hallo Michael“, sagte sie und beugte sich vor, um Michael einen Kuss auf die Wange zu drücken.

„Das wirst du dir abgewöhnen müssen!“, kam es von Kevin, „hi“, und gab ihr einen Kuss.

„Was denn?“

„Michael einfach so abzuknutschen.“

„Warum denn?“

Oh Gott, ich wusste schon, auf was das hinaus lief.

„Du betrittst fremdes Revier.“

„Nur, weil ich ihm einen Kuss auf die Wange gedrückt habe?

„Klar, du könntest das bitter bereuen.“

Der Seitenhieb war jetzt deutlich genug.

„Ich versteh gerade nur Bahnhof; Schatz. Könntest du mich mal aufklären?“

„Also, da gibt es Bienchen… und Blümchen“, begann Michael und verdiente sich darauf gleich einen Schlag auf die Schulter.

„Kevin!“

„Ja, ist ja schon gut! Michael ist nicht mehr auf dem Markt!“

„Echt?“, fragte Corinna und schaute zu Michael.

„Ja, klar. Schau doch, wie er strahlt.

„Und wer ist der Glückliche, wenn ich fragen darf?“

Ich hob zaghaft den Finger.

„Du?… ähm, ich kenn dich noch gar nicht.“

„Corinna, sagt dir der Name Dennis was?“, fragte Kevin.

„Meinst du den Bären – Dennis?“

Mann, ich hatte also meinen Spitznamen weg.

„Ja der bin ich, aber Dennis würde schon reichen“, meinte ich kleinlaut.

„Klar, tut mir leid, aber mein Vater hat mir so von dir vorgeschwärmt. Dann fiel irgendwann der Name Bären – Dennis“, sagte Corinna.

Der Chef… von mir geschwärmt? Was gab es denn da zu schwärmen?

„Also Michael, herzlichen Glückwunsch. Du hast dir echt was Liebes rausgesucht!“, sagte Corinna und umarmte Michael.

Wo war ich hier nur hingeraten, war das ein Zoo, oder Fleischbeschau? Und wieder redete man über mich und nicht mit mir, wo sollte das nur hinführen?

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