Zoogeschichten I – Teil 36

Therapien

Dennis

Ich hörte Michael mit Jürgen telefonieren, schaute aber immer noch fassungslos dem Herren nach, der uns einfach hat so stehen lassen. Gut ich war mit meinen siebzehn noch recht jung, wurde aber doch immerhin bald achtzehn.

Aber das war doch kein Grund, mich als unqualifiziert hinzustellen. Ein bisschen Ahnung hatte ich ja schon durch Krümel und man wächst ja schließlich mit seiner Aufgabe – so sagte es wenigstens Dad immer.

„Ja, okay, ich richte es ihm aus, danke ja tschüss!“, sagte Michael und steckte sein Handy wieder weg, „soll dir einen schönen Gruß sagen von Jürgen, er ruft hier gleich beim Chef an.“

„Und was bringt das? Du hast doch gerade die Reaktion gesehen… von diesem Typen.“

„Jetzt mal nicht gleich schwarz, das wird sich sicher gleich aufklären?“, meinte Michael und drückte mich kurz an sich.

Ich hörte etwas brummen und folgte diesem Geräusch. In einem sehr kleinen Gehege fand ich einen Braunbären, der irgendwie lustlos am Boden lag.

„He Dicker, ist dir langweilig?“, rief ich.

Er hob zwar kurz seinen Kopf, verharrte aber dann in seiner liegenden Stellung weiter.

„Michael komm mal, schau dir diesen Braunbären an“, rief ich und er kam.

„Ist der Käfig nicht viel zu klein?“, fragte ich.

„Schon, aber wir wissen nicht, warum er in dem Käfig ist“, antwortete Michael.

„Och guck doch, wie traurig der schaut“, sagte ich und ging näher ans Gitter.

Ich drückte meine Hand gegen den kleinmaschigen Metallzaun.

„He Brummbär, jetzt komm doch mal her.“

Wieder schaute er auf, hielt aber diesmal den Kopf oben.

„Michael, kannst du mir nicht eine der Möhren holen, die wir im Auto haben?“

„Meinen Snack?“, fragte Michael verwirrt.

„Du wirst doch wohl eine deiner Karotten entbehren können, oder?“

„Ja… okay. Moment, ich bin gleich wieder da.“

Ich schaute ihm nach, wie er zum Wagen lief, dann widmete ich mich wieder dem Bären.

„Komm Dicker, beweg dich mal, komm an den Zaun“, sagte ich und sah aus dem Augenwinkel, wie Michael mit einer Karotte zurückkam.

Er reichte sie mir und ich steckte sie durch den Zaun.

„Guck, ich habe hier eine so leckere Möhre für dich!“, lockte ich den Bär.

Der Bär brummte, reckte den Kopf, als wolle er sehen, was ich in der Hand hatte.

„Du willst wohl nicht?“, fragte ich und biss selbst von der Möhre ab.

Nun erhob sich der Bär langsam und kam vorsichtig an das Gitter.

„Hier, die kannst du ganz alleine für dich haben“, meinte ich und streckte die Möhre wieder durch das Gitter.

Der Bär kam nun ganz dicht und jetzt erst bemerkte ich, wie groß er doch war. Er schnüffelte an der Möhre und begann daran zu lecken.

„Siehste, die ist doch ganz lecker… beiss einfach rein.“

Der Bär knabberte an der Karotte und zog sie in den Käfig. Ich lächelte Michael an.

„Was machen sie da?“, wurde ich von einer Stimmer unterbrochen.

Robert

„Hast du nicht noch einen Anzug für Adrian?“, fragte mich Sebastian.

„Wieso… ach so… ich kann doch nicht… meinst du… nein…“, stotterte ich.

Adrian stand immer noch an derselben Stelle, wo ihn seine Mutter ‚abgestellt’ hatte. Mir fiel erst jetzt auf, dass er eigentlich ein sehr hübscher Junge war, nur eben recht leblos im Augenblick.

„Heike und ich kümmern uns um die Kinder, dann kannst du dich um Adrian kümmern“, sagte Sebastian.

„Eine gute Idee“, meinte Heike und Frau Gärleich nickte zustimmend.

„Meint ihr wirklich?“

„Ich weiß, Robert… ich stelle da an Sie eine große Aufgabe…, aber wenn es Adrian vielleicht hilft… es wäre lieb von ihnen.“

„Und sie meinen, durch die Delfine lösen wir eventuell die Starre, in der sich ihr Sohn befindet?“, fragte ich.

„Den Kindern hilft es doch auch“, sprach Sebastian dazwischen.

Mit dem Klugscheißer hatte ich nicht mal so unrecht… Sebastian redet ja wie ein Buch.

„Komm Robert, geh mit Adrian nach hinten und such ein Anzug für ihn“, sprach Heike.

„Ähm… ich kann ihn doch nicht einfach ausziehen…“, erwiderte ich.

„Warum nicht, mein Sohn hat nichts, was sie nicht auch an sich hätten.

Doch. Vielleicht eine geile Figur?? Das Erlebnis mit Sebastian eben steckte mir immer noch in den Knochen und nun Adrian, der auf nichts reagierte. Ich sollte ihn womöglich noch ausziehen.

„Adrian ist ganz artig, er lässt sich auch ganz leicht ausziehen“, kam es von Frau Gärleich.

Also doch. Was hatte ich nur getan? Mir blieb wirklich nichts erspart!

„Nehmen sie ihn einfach an die Hand und führen sie ihn nach hinten, er wird ihnen folgen.“

Mit einem gequälten Lächeln nickte ich ihr zu und stieg aus dem Wasser. Heike zuckte nur mit der Schulter und lächelte. Mich akzeptieren, ja, ja, aber doch nicht auf diese Weise…

Ich nahm also Adrian an der Hand und außer der Gehbewegung sah ich keinerlei Regung an ihm, nicht mal ein Muskelzucken im Gesicht, die Augen blieben starr nach vorne gerichtet. Schweren Herzens zog ich ihn in die hinteren Räume.

„Also Adrian, ich bin der Robert und wir suchen jetzt für dich einen Taucheranzug aus.“

Ich kam mir so blöd vor, als würde ich mit einer Wand reden.

„So, jetzt stellst du dich hier her und ich such im Schrank für etwas Passendes für dich.“

Ich öffnete den Schrank und durchwühlte die Fächer, zu meinen Ungunsten fand ich natürlich etwas Passendes. Also kam nun der schwierige Teil, das Ausziehen.

„Hör mal Adrian, mir ist das jetzt wirklich etwas unangenehm, weil ich dich ausziehen muss… aberr….gibt es keine andere Möglichkeit?“

Keine Antwort, auch keine Regung. Also atmete ich noch einmal tief durch und öffnete seine Jacke. Seine schwarzen Haare rochen frisch geduscht, der Duft steig mir in die Nase. Das Oberteil und das Shirt darunter gingen problemlos, aber nur kam die Hose und was sich darunter befand.

Mit zitternden Händen versuchte ich, den Hosenknopf zu öffnen.

Dennis

Erschrocken fuhr ich hoch, mir aber keiner Schuld bewusst.

„Ich… habe ihm nur… eine Möhre gegeben.“

„Sie haben was?“

„Eine Möhre hat er gegeben!“, wiederholte Michael meinen Satz, sein Ton klang etwas säuerlich.

„Wie haben sie das fertig gebracht?“, fragte der Mann neben Vanberghet.

„Bitte?“

„Sie müssen wissen… Ferdinand rührt sich recht selten, nicht mal, wenn es Essen gibt, wir haben die Befürchtung, ihn einschläfern lassen zu müssen.“

„Ich habe nur die Möhre rein gehalten, Herr….“, sagte ich.

„Oh Entschuldigung, Gilderoman ist mein Name, ich bin hier der Direktor.“

„Dennis Kahlberg“, sagte ich und streckte ihm die Hand entgegen, „und Michael Herdeck“, fügte ich hinzu.

„Kannst du das noch mal machen?“, fragte Vanberghet.

„Was?“

„Den Bären füttern?“

„Öhm… haben sie eine Möhre für mich?“

Ich konnte Michaels Gesicht nicht sehen, weil er hinter mir stand, aber ich spürte deutlich, dass er lächeln würde.

„Moment, ich hole dir eine“, meinte Vanberghet.

Ich sah ihm kurz nach, wie er im Bärenhaus verschwand.

„Warum ist der Bär hier in dem Käfig?“, fragte ich.

„Die anderen jagen ihn. Er ist alt und kann nicht mehr so schnell“, antwortete Herr Gilderoman.

„Und nun ist er in diesem engen Käfig…, würde mir auch nicht gefallen.“

Michael stupste mich an. Er hatte ja Recht, frech brauchte ich nicht werden, das stand mir hier nicht zu.

„Du hast Recht Dennis, aber wer will schon einen alten Bären?“

Ich schaute zu Michael.

„Dennis… schlag dir das aus dem Kopf…!“, meinte Michael.

Ich legte meinen Kopf schief und schaute noch etwas intensiver.

„Shit, wie soll ich das nur Jürgen erklären… zwei Bären…“, sagte Michael und wischte sich übers Gesicht.“

Robert

Kann man sich so doof anstellen? Ich bekam diesen blöden Knopf nicht auf! Unsicher schaute ich nach oben, in Adrians Gesicht. Aber dieser schaute immer nur stur gerade aus. Nächster Versuch. Ich hatte einfach Angst, etwas zu berühren, was ich nicht berühren durfte.

Ja, klar, wollen schon, aber das stand mir nicht zu, oh Mann, mein Gehirn setzt gleich aus. Dann sah ich mir die Hose genauer an. Wie blöd war ich denn wirklich? …, der Knopf war nur zum Schein angenäht, in Wirklichkeit war es ein versteckter Hakenverschluss.

Deprimiert schüttelte ich den Kopf und öffnete ganz einfach die Hose. Aber wie machte ich nun weiter?

„Adrian… du musst dich setzen…“, meinte ich und zog einen Stuhl hinter ihn.

Klar setzte er sich nicht, also drückte ich auf die Schulter, bis Adrian nachgab und sich auf den Stuhl fallen ließ. Wieder etwas geschafft. Ich zog ihm seine Schuhe aus, auch seine Strümpfe und überall roch es frisch geduscht nach diesem erfrischenden Duschgel mit Meeresduft, dessen Name mir jetzt nicht einfiel.

Verständlich bei dem Chaos, dass in mir herrschte. Ich zog ihm nun vollends die Hose runter und dann auch aus. Adrian saß nun nur noch in einem normalen Slip vor mir und ich kam aus dem Schlucken gar nicht mehr heraus.

Der Kerl war einfach nur schön, anders als Sebastian, alles war ebenmäßig geschnitten, wie bei einem Model. Die schwarzen Haare, dazu diese tiefbraunen Augen, der sinnliche Mund, alles stimmte einfach.

Wieder holte ich kurz tief Luft und zog Adrian hoch, bis er wieder stand. Dann ging ich mit eiskalten, zitternden Händen an Adrians Slip. Jeder normale Mensch hätte jetzt laut losgeschrieen, schon allein wegen der kalten Hände… Adrian blieb ruhig.

Was da zum Vorschein kam, ließ mich sämtliche feuchte Träume vergessen. Mann, war der Kerl gut bestückt. Ich legte den Slip zu den restlichen Sachen und nahm gleich die Badehose, um sie Adrian wieder anzuziehen.

Wie lange konnte man die Nerven bewahren? Vorsichtig setzte ich jeden Fuß in die Beinöffnung der Badehose und zog sie dann endlich hoch. Stundenlang hätte ich jetzt Adrian anstieren können, aber…nein Robert, ordne deine Gedanken, Adrian braucht deine Hilfe.

Endlich hatte ich die Badehose an und schnaufte wieder aus, als hätte ich die ganze Zeit die Luft angehalten. Ich nahm nun den Anzug und wiederholte die Prozedur mit den Füssen, bis ich auch endlich diesen Adrian übergezogen hatte.

Noch schnell die Gummischuhe an und fertig. Kurz schaute ich mein Werk an. Nicht schlecht, konnte sich sehen lassen, kurz musste ich lächeln.

„So Adrian, wir sind fertig, wir gehen wieder zurück in die Halle.“

Ich nahm seine Hand und führte ihn nach draußen, wo Heike und Sebastian, zusammen mit den Delfinen, sich mit den Kindern beschäftigten. Frau Gärleich saß daneben auf einem Stuhl und beobachtete das Ganze.

„Wir sind wieder hier“, meinte ich und die Köpfe der drei Erwachsenen fuhren herum.

„He, das steh ihm ja richtig gut“, meinte Heike.

„Ja und jetzt ab mit ihm ins Wasser“, sagte ich und zog Adrian vorsichtig hinter mir her.

Als ich so im Wasser stand, traf es mich wie ein Schlag… was würde nachher sein… wenn ich Adrian wieder umziehen musste… und vorher mit ihm duschen sollte?

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