Leipzig soll brennen

Die folgende Geschichte ist die dritte Episode aus dem Leben von Kriminalkommissar Sascha Altmann. Die Handlung ist zwar in sich abgeschlossen, trotzdem ist es zum Verständnis besonders der Personen besser, die ersten beiden Episoden »Othello und andere Katastrophen« sowie »Hit any key to die« vorher gelesen zu haben.

„Das hast du mit Absicht gemacht, du oller Drückeberger!“

Über den Tisch hinweg zeigte ich Hauptkommissar Machlitzke den Vogel.

„Na klar doch, ich breche mir ganz absichtlich die Knochen.“

„Aber sicher doch! Du hast ja gleich mehrere Motive. Erstens wolltest du dich vor dem morgigen Tag drücken und zweitens wolltest du dich mal richtig von Derek pflegen und verwöhnen lassen.«

Der zweite Punkt hörte sich wirklich gut an, dieses Verwöhnt werden genoss ich tatsächlich, es war aber mit meinen Schmerzen auch recht teuer erkauft.

»Das hab ich gerne, Jens. Erst shanghaist du meinen Mann und bringst ihn dazu, dir beim Renovieren zu helfen, dann gibst du ihm eine kaputte Leiter von der er runterfällt und sich das Schlüsselbein bricht, und nun machst du ihm auch noch Vorwürfe deswegen!«

Genau, Derek hatte vollkommen recht. Das hat man nun von seiner Gutmütigkeit und Hilfsbereitschaft.

»Schon gut, schon gut, das war doch nur ein Witz. Ich weiß doch, dass das ein blöder Unfall war. Deshalb hab ich euch ja auch heute hierher eingeladen.«

Hier, das war der kleine Biergarten gegenüber der Behausung meines Chefs. Wir saßen gemütlich in der Nachmittagssonne und genossen das schöne Wetter (und natürlich auch die kühlen Getränke auf Kosten meines Dienstherrn).

»Mich kotzt es bloß an, dass wir alle Urlaubssperre haben. Meine Tochter hat morgen Geburtstag, und eigentlich wollten wir einen schönen Ausflug machen.«

»Beschwer dich bei Herrn Knirsch. Oder noch besser: bei den weltfremden Robenträgern am OVG in Bautzen.«

»Ha, als ob das was bringen würde.«

Wir schrieben den 2. Oktober, und die Richter am sächsischen Oberverwaltungsgericht hatten die vom Neo-Nazi Christoph Knirsch für den Tag der Deutschen Einheit angemeldete Kundgebung mit anschließender Demonstration durch Leipzig wie schon so oft genehmigt. Das geschah mehrmals im Jahr, trotz regelmäßiger gewaltsamer Ausschreitungen waren alle Bemühungen der Stadt Leipzig, diese Aufmärsche zu unterbinden, immer wieder an den Richtersprüchen, die angeblich »im Namen des Volkes« ergingen, gescheitert. Demzufolge würden wieder meine Kollegen die Köpfe hinhalten müssen, würden die Bürger der Stadt wieder um ihre Gesundheit sowie ihr Hab und Gut fürchten müssen. Einmal, nur einmal wünschte ich mir einen dieser Typen statt in einer Robe auf der Richterbank in voller Kampfausrüstung in der vordersten Reihe der Bereitschaftspolizei, direkt zwischen rechten und linken Chaoten. Naja, man wird doch noch träumen dürfen!

»Beim Knirsch könnte ich mich übrigens momentan gar nicht beschweren, der ist nämlich verschwunden.«

»Verschwunden?«

»Ja, Derek. Ich hab einen guten Bekannten beim Staatsschutz, und die haben ihn gestern aus den Augen verloren.«

Interessant. Plante der etwa noch etwas Größeres, dass er sich der Überwachung entziehen wollte?

»Keine Bange, Jens. Pünktlich morgen zur Kundgebung taucht der wieder auf.«

Wie recht mein Lebenspartner mit dieser Voraussage hatte, sollten wir am nächsten Tag persönlich zu spüren bekommen…

*.*.*

»Brauchst du Hilfe?«

Mühevoll schloss ich meinen obersten Hosenknopf. So ein Schlüsselbeinbruch war doch wirklich eine unangenehme Angelegenheit, und der Rucksackverband tat ein Übriges, um meine Bewegungsfreiheit einzuschränken.

»Geht schon, danke!«

Ich betätigte die Toilettenspülung und wusch mir vorsichtig die Hände. Was für ein Glück, dass ich Derek hatte. Ohne ihn und seine ständige Bereitschaft, mir bei all den kleinen und großen Alltagsverrichtungen zu helfen, wäre ich jetzt wirklich aufgeschmissen. Seufzend trocknete ich mich ab und verließ das Badezimmer. Im Sessel auf dem Korridor der Wohnung seiner Eltern saß mein Freund und lächelte mich an.

»Könntest du…«

Sofort sprang er auf.

»Na klar, kein Problem.«

Im nächsten Moment kümmerte er sich um meinen Gürtel, den ich beim besten Willen nicht alleine zubekam.

»Hättest du das blöde Ding heute nicht mitgeschleppt, dann hättest du auch auf den Gürtel verzichten können.  Ich weiß sowieso nicht, warum du es mitgenommen hast. Du bist schließlich krankgeschrieben.«

Das »blöde Ding« war meine kleine Glock 26, meine private Pistole für Situationen, in denen mir die normale Dienstwaffe zu groß und unhandlich war.

»Sorry, Der, aber in Anbetracht dessen, was heute in Leipzig los ist, wollte ich nicht ohne das blöde Ding aus dem Haus gehen. Vor allem wo wir an einem dermaßen neuralgischen Punkt wohnen.«

Das Hochhaus, in welchem wir eine Wohnung in der obersten Etage bewohnten, lag direkt am Hauptbahnhof, wo sich erfahrungsgemäß ein großer Teil der Action abspielen würde. Wir waren gleich am frühen Morgen in die Wohnung von Dereks Eltern gefahren, die sich gerade im Urlaub befanden und uns gebeten hatten, uns um die Blumen zu kümmern. Nun aber war alles erledigt, und wir würden uns wieder auf den Heimweg machen.

»Außerdem ist man als Polizist ja quasi immer im Dienst.«

»Hast ja recht, aber ich bitte dich um Eines: falls unterwegs irgendwas passiert, spiel nicht den Helden. Denk dran, du bist momentan nicht wirklich einsatzfähig, trotz der Pistole. Die dürftest du eh nur im äußersten Notfall einsetzen.«

»Versprochen, Der. Ich verspüre eh keinen sonderlichen Drang, mich mitten ins Getümmel zu stürzen.«

Erleichtert lächelte mein Freund mich an, und nachdem wir seine elterliche Wohnung verschlossen hatten, begaben wir uns zu seinem Auto und fuhren los in Richtung Heimat. Überall auf den Straßen war die Spannung spürbar, sei es durch Passanten, die alle irgendwie gehetzt wirkten und möglichst schnell an ihr Ziel kommen wollten, oder sei es durch die allgegenwärtigen Polizeieinheiten aus allen möglichen Bundesländern. Auch Derek schaute sich bedrückt um.

»Was das alles wieder kostet. Und wer darf es bezahlen? Der Steuerzahler. Die sollten wenigstens den Polizeieinsatz dem Knirsch in Rechnung stellen. Oder den linken Chaoten. Oder am besten beiden.«

Schön wäre es. Aber davon konnte man in unserem Rechtsstaat wohl nur träumen. Schweigend fuhren wir weiter, mussten jedoch abrupt anhalten, als wir beim Abbiegen in die zu unserem Haus führende Straße plötzlich einer Polizeisperre gegenüberstanden. Einer der Beamten trat zu unserem Wagen und Derek ließ die Fensterscheibe hinunter surren.

»Tut mir leid, hier können Sie nicht durch. Die Straße ist wegen eines Polizeieinsatzes gesperrt.«

Während der Beamte dies (mit bayerischem Akzent) sagte, spähte er aufmerksam ins Wageninnere. Ich überließ meinem Fahrer das Reden.

»Wir wohnen da hinten in dem Haus, wir wollen nur nach Hause.«

Der Polizist blickte kurz über seine Schulter, dann wieder etwas zweifelnd zurück zu uns.

»In dem Hochhaus?«

»Ja.«

»Haben Sie irgendwelche Ausweispapiere dabei?«

»Moment.«

Derek kramte kurz in seiner Jackentasche, dann reichte er seinen Personalausweis durchs Fenster. Der Beamte studierte diesen kurz, schaute auf die Straßenschilder, dann gab er nickend den Ausweis zurück.

»Alles klar. Aber ich weiß nicht, ob es so eine gute Idee ist, das Auto dort zu parken. Das kann heute noch ganz schön heiß hergehen hier.«

Mein Freund konnte glücklicherweise die Befürchtungen zerstreuen.

»Wir haben einen Tiefgaragenplatz, da kommt kein Fremder rein.«

»Na wenn das so ist. Sie können fahren.«

Der Beamte gab die Straße frei, Derek bedankte sich kurz und fuhr los. Während wir unserem Ziel näherkamen, legte mein Freund die Stirn in Falten.

»Sieht ganz so aus, als wäre hier schon einiges losgewesen.«

Er hatte recht. Zwei oder drei Mülltonnen waren nur noch als verkokelte Plastikhäufchen vorhanden, Papierkörbe waren umgeschmissen und Plakate abgerissen. Auf den Fußwegen hasteten Menschen entlang, anscheinend blind für das Durcheinander rundherum. Naja, vermutlich wollten die auch bloß schnell in Sicherheit kommen.

»Mist, auch das noch.«

Mitten auf der Gasse, die zu unserer Tiefgarageneinfahrt führte, lagen zwei große gelbe Müllcontainer umgeschmissen auf der Fahrbahn. Seufzend stoppte Derek den Wagen und wir stiegen aus, um die Hindernisse zu beseitigen.

»Pass bloß auf, dass du dich nicht übernimmst.«

Ich zuckte mit den Schultern, was ich allerdings wegen des Schmerzes, der mich bei dieser Bewegung durchschoss, sofort bereute.

»Ganz alleine bekommst du die großen Dinger nicht weg.«

Und es sah nicht so aus, als wollte auch nur einer der vielleicht 10 Passanten im Umkreis von 50 Metern uns dabei helfen, alle eilten weiter zu ihrem jeweiligen Ziel ohne uns zu beachten. Wir packten zu zweit an und schafften es, den ersten Container zumindest soweit zur Seite zu schieben, dass Autos daran vorbeikamen. Zum Glück war der Container anscheinend nicht randvoll – was man vom zweiten leider nicht behaupten konnte.

»Scheiße ist das Ding schwer!«

»Zieh du an deiner Seite, Der, ich lehne mich dagegen und versuche etwas zu schieben.«

Genau das taten wir dann auch, und tatsächlich, der Container bewegte sich! Zufrieden stemmte ich meine Füße auf den Boden und drückte weiter, merkte jedoch plötzlich, dass ich der einzigste war, der sich so abmühte. Verwundert hörte ich auf und drehte mich zu Derek um. Dieser war kalkweiß, und im nächsten Moment drehte er sich zur Seite und erbrach sich in den Rinnstein. Mit einem Satz war ich bei ihm.

»Mensch, Der, was ist los?«

Sein ganzer Körper erbebte in meinen Armen, als sich auch schon die nächste Welle seines Mageninhalts auf die Straße ergoss. Ich konnte nichts anderes tun, als ihn erst mal so gut es ging festzuhalten. Nach ein oder zwei Minuten hatte er sich etwas beruhigt und wischte sich den Mund mit einem Tempotaschentuch ab. Fragend schaute ich ihn an.

»Was ist denn mit dir auf einmal los? Ist dir das Frühstück nicht bekommen?«

Derek schüttelte den Kopf und wies schweigend hinter mich, wo immer noch der Container mitten auf der Straße herumlag. Ich drehte mich um und wollte meinen Augen nicht trauen. Beinahe hätte sich nun mein Frühstück zu dem von meinem Freund gesellt! Die Klappe des Containers war bei unseren Bewegeversuchen ein wenig aufgegangen, und heraus schaute – ein Fuß! Eindeutig ein menschlicher Fuß. Und zwar fein säuberlich über dem Knöchel abgetrennt, Knochen und so weiter waren deutlich sichtbar.

»Ach du Scheiße!«

Mein Freund fing an zu husten und ich bekam Angst, dass er sich gleich nochmal übergeben würde. Allerdings fing er sich gleich wieder.

»Das kannst du laut sagen. Ich wußte gar nicht, dass Menschen in die Gelbe Tonne gehören – so ganz ohne grünen Punkt.«

Verwundert schaute ich ihm ins Gesicht, er zuckte aber nur mit den Schultern. Galgenhumor. Vielleicht die beste Art, mit diesem Fund fertigzuwerden.

»Und was machen wir nun?«

Wortlos drehte ich mich in die Richtung, aus der wir gerade gekommen waren, steckte zwei Finger in den Mund und stieß einen gellenden Pfiff aus. Als ich sah, dass sich zwei Beamte von der Straßensperre zu mir umdrehten, winkte ich ihnen zu dass sie herkommen sollten. Auch das war wieder eine unüberlegte Aktion, wie mir der Schmerz in der Schlüsselbeingegend verdeutlichte. Während nun zwei Polizisten gemächlich zu uns herüberkamen, wandte ich mich wieder meinem Freund zu.

»Setz dich am besten ins Auto, okay? Nicht dass du mir hier noch zusammenklappst, das kann noch ganz schön unappetitlich werden.«

Derek schaute mich kurz an, dann nickte er und befolgte meinen Rat, ging zum Auto und hockte sich auf den Beifahrersitz. In der Zwischenzeit waren auch die Beamten bei uns eingetroffen. Einer von beiden war derjenige, der uns wenige Minuten vorher an der Weiterfahrt hatte hindern wollen.

»Was gibt es denn? Brauchen Sie Hilfe bei der Tonne?«

»Das können Sie laut sagen. Ich möchte, dass Sie noch ein paar Beamte rüberholen und den Bereich hier absperren. Wenn Sie Trassierband dabei haben, schaffen Sie es ran.«

Der Beamte, den Schulterklappen nach ein Kommissar, schaute mich an, als wäre ich der Weihnachtsmann und hätte von ihm verlangt, die Rentiere anzuspannen.

»Ähem. Warum sollte ich das tun? Und wer sind Sie überhaupt?«

Ich fischte in meiner Jackentasche herum und fand schließlich was ich suchte. Während ich ihm meinen Dienstausweis vor die Nase hielt klärte ich ihn auf.

»Oberkommissar Altmann, Kripo Leipzig. Mordkommission.«

So langsam gewöhnte ich mich an meinen neuen Dienstgrad. Die Augen des Uniformierten wurden größer, aber das war noch gar nichts verglichen mit seinem Gesichtsausdruck, als ich ihm den aus dem Container herausschauenden abgehackten Fuß zeigte.

»Jo mei, des gibts doch garned!«

Ja, so konnte man es vermutlich ausdrücken. Der Anblick hatte sogar ausgereicht, um den bayerischen Kollegen, der bisher bemüht gewesen war, ein einigermaßen verständliches Deutsch zu sprechen, in seinen heimatlichen Dialekt zurückfallen zu lassen.

»Max, lauf los und hol drei oder vier Leute her. Und die sollen das Band mitbringen.«

Der zweite Beamte flitzte los zur Straßenecke, an welcher sich der Rest seiner Einsatzgruppe aufhielt. Der Oberbayer drehte sich wieder zu mir.

»Ich werde über die Einsatzzentrale Verstärkung anfordern, ich habe nicht so viele Leute bei mir um gleichzeitig die Straßen dichtzumachen und hier abzusperren.«

»Okay. Wichtig ist, dass Sie mir hier die Passanten vom Leibe halten. Sobald die merken, dass was los ist, werden die sich hier versammeln wie Schmeißfliegen auf einem frischen Kuhfladen. Und sagen Sie über Funk nichts Konkretes über das da – sonst haben wir auch gleich noch die Presse am Hals. Sagen Sie der Zentrale, dass ich mich über Draht bei ihnen melde und alles erkläre.«

»Alles klar. Übrigens, mein Name ist Vogel, Bereitschaftspolizei München.«

Ich gab dem Kollegen die Hand, dann griff ich zu meinem Mobiltelefon. Wen zuerst anrufen? Ich entschied mich für meinen direkten Vorgesetzten. Kurz darauf meldete sich dieser.

»Hallo Sascha. Rufst du an um mir zu sagen, was für ein großes Mitleid du mit mir hast? Und wie schön es ist, gemütlich zuhause zu sitzen?«

Ich konnte ein leichtes Grinsen nicht unterdrücken, wurde aber sofort wieder ernst.

»Schön wärs, von wegen gemütlich zuhause sitzen. Pass auf, ich hab hier einen kaputten Fuß.«

»Was? Aber doch nicht auch noch von dem Leitersturz, das fällt dir aber spät ein.«

Jetzt musste ich wirklich lachen.

»Nein, nicht von dem Leitersturz. Und der kaputte Fuß gehört auch nicht mir.«

»Wem gehört er denn dann? Derek?«

»Zum Glück nicht. Und ich kann dir nicht sagen, wem der Fuß gehört, den Rest vom dazugehörenden Körper hab ich nämlich noch nicht entdeckt.«

Jetzt hatte ich die volle Aufmerksamkeit von Hauptkommissar Machlitzke.

»Sag das nochmal.«

»Okay, Kurzfassung. Derek und ich wollten einen umgeschmissenen Müllcontainer zur Seite schieben, der vor unsere Tiefgarageneinfahrt lag. Bei der Aktion ist das Ding ein Stück aufgegangen, und nun schaut da ein Fuß heraus. Abgehackt oder amputiert oder was auch immer, kurz über dem Knöchel. Ob der Rest vom Körper auch noch im Container liegt, kann ich nicht sagen, ich denke, da sollte zuallererst die Spurensicherung ran.«

Für einige Sekunden herrschte Schweigen, dann räusperte sich mein Chef.

»Das verstehst du also unter einer Krankschreibung. Sogar dann schleppst du uns noch Arbeit an.«

»He, du hast dich doch beschwert, dass du wegen der Demo Sonderdienst schieben musst. Ich wollte dich nur da rausreißen. Jetzt kannst du wenigstens wieder deine eigentliche Arbeit machen.«

Ich hörte Machlitzke durchs Telefon lachen.

»Stimmt auch wieder. Hast du sonst schon wen informiert? Sind irgendwelche Kräfte vor Ort?«

»Eine Gruppe BePos aus Bayern, die hier gerade eine Straße absperrten. Der Chef von denen ruft über Funk Verstärkung ran, um hier richtig abriegeln zu können. Ansonsten habe ich noch niemanden informiert.«

»Okay, dabei bleibt es auch. Ich kümmere mich um die Zentrale und alles andere. Wo ist dein genauer Standort?«

Ich gab die Koordinaten durch.

»Alles klar. In spätestens ner Viertelstunde bin ich bei dir. Bis gleich.«

Damit war das Gespräch beendet, und ich wandte mich wieder der Straßenszene zu. In der Zwischenzeit hatten die Bayern einen ihrer Kleinbusse herangezogen und waren dabei, die Fundstelle großräumig mit Trassierband abzusperren. Ihr Chef sprach mich wieder an.

»Löwe ist informiert, die schicken ein paar von euren eigenen Jungs.«

»Sehr gut, danke. Ich hab meinen eigenen Chef von der Mordkommission angerufen, der kümmert sich um alles Weitere und wird auch bald hier auftauchen. Bis dahin heißt es warten.«

Vogel schaute interessiert auf den Container hinab.

»Sollten wir vielleicht nachschauen, ob da noch mehr Körperteile drin sind?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Lieber nicht, vielleicht kann die Spurensicherung noch irgendwas herausfinden. Ich möchte den Container vorher weder anfassen noch bewegen.«

»Verstehe. Aber ich fürchte, wenn da Spuren waren, dann werden die jetzt kaum noch da sein. Hier ist vorhin eine Horde Autonomer durchgezogen, die haben das Ding die halbe Straße langgerollt. Mindestens zehn Leute waren damit zugange, die haben es überall begrabbelt. Ein Wunder, dass die die Tonne nicht auch noch angezündet haben, wie die drei Stück dort drüben.«

Das waren ja sehr schöne Aussichten, die Spurensicherung würde ihre reine Freude haben. Aber vielleicht gab es ja im Container drinnen irgendwelche Spuren – da waren die Krawallköppe ja wohl nicht drangewesen. Ansonsten hätten sie sicherlich die unappetitliche Fracht entdeckt, und das wäre vermutlich auch solchen Typen nicht ganz einerlei gewesen. Ich wollte schon mit den Schultern zucken, erinnerte mich aber noch rechtzeitig an die letzte schmerzhafte Erfahrung damit und verkniff es mir.

»Trotzdem, lieber kein Risiko eingehen.«

»Stimmt auch wieder. Was ist eigentlich mit ihrem Begleiter? War er das?«

Fragend zeigte der Bayer auf das, was vor etwa zwei Stunden Dereks Frühstück gewesen war.

»Ja, es hat ihn etwas aus der Bahn geworfen. Ich hab ihn ins Auto kommandiert, damit er sich etwas erholen kann. Am besten schau ich mal nach, wie es ihm mittlerweile geht.«

»Das ist wohl kein Kollege von uns?«

»Nein, das ist mein Freund. Er ist Computer-Profi, und die einzigen Leichen, mit denen er es normalerweise zu tun hat, sind Dateileichen auf den Rechnern seiner Kunden.«

Der Bereitschaftspolizist aus dem fernen München lachte leise.

»Dann ist die Reaktion verständlich, sowas sieht man als Normalbürger eher selten.«

»Eher gar nicht.«

»Oder so.«

Ich wanderte zur Beifahrerseite unseres Autos und schaute hinein. Derek sah immer noch etwas blass um die Nase herum aus, aber insgesamt schien es ihm etwas besser zu gehen.

»Wie schauts aus, Der, geht es wieder?«

»Ja, schon okay. Das war bloß der Schock. Sorry wenn ich dir einen Tatort vollgekotzt habe. War alles etwas viel auf einmal. «

Das konnte ich gut verstehen.

»He, Kleiner, keine Bange, keiner macht dir einen Vorwurf. Am allerwenigsten ich. Als ich meine erste Leiche gesehen habe, hab ich es auch nicht mehr bis zum Klo geschafft.«

»Wirklich?«

»Wirklich. Und auch heute wird mir immer noch übel bei sowas, nur ist meine Reaktion nicht mehr ganz so heftig. Übrigens, einen Tatort hast du nicht vollgekotzt. Der Fuß und was vielleicht sonst noch im Container ist wurde hier garantiert nur abgelegt, ansonsten wäre alles voller Blutspritzer.«

Es war aber kein einziger zu sehen gewesen, auch am Container selbst nicht. Nein, es sprach alles dafür, dass hier nur totes Fleisch entsorgt worden war.

»Und zumindest hast du nicht direkt auf den Fuß gekotzt, das hätte wohl den Gerichtsmediziner ein klein wenig verstimmt.«

»Blödmann!«

»Nee, Altmann!«

Ich hatte es geschafft, Derek lachte leise vor sich hin. Da brauchte ich mir wohl keine größeren Sorgen um seinen Gemütszustand mehr zu machen.

»Wie sieht es aus, möchtest du den Wagen reinfahren und hoch in die Wohnung gehen? Ich werd noch ein Weilchen hierbleiben müssen.«

Mein Freund schüttelte heftig den Kopf.

»Nein, ich bleibe hier bei dir. Erstens brauchst du vielleicht meine Hilfe bei irgendwas, und zweitens möchte ich jetzt nicht unbedingt alleine sein.«

Ich nickte.

»Okay. Aber bleib am besten im oder zumindest am Wagen.«

»Mach ich, ich versuche, euch nicht im Wege zu stehen. Kommt Jens her?«

»Ja, ich hab ihn angerufen. Der ist vermutlich froh, dass er sich aus dem Demo-Einsatz davonstehlen kann.«

Derek lachte mich frech an.

»Da hast du deinen ersten Tatverdächtigen.«

Ich stand ein wenig auf dem Schlauch, und das sah man mir wohl auch an.

»Jens natürlich! Durch den Leichenfund muss er nicht mehr Sonderdienst schieben. So wie er sich darüber geärgert hat würde ich sagen, dass er ein echtes Motiv in diesem Mordfall hat.«

Auch wenn das in Gegenwart eines Toten (oder zumindest von Teilen eines Toten) vielleicht nicht ganz angebracht war, ich musste einfach schallend loslachen. Mein Kleiner hatte ja wirklich tolle Ideen!

»Haha, okay, ich werde ihm deinen Verdacht mitteilen. Mal schaun, was der Herr Hauptkommissar zu seiner Verteidigung zu sagen hat.«

»Also ich würde meinen Verdacht als so schlüssig ansehen, dass er sich eigentlich selbst verhaften müsste.«

Noch immer über die Vorstellung meines sich selbst Handschellen anlegenden Vorgesetzten grinsend, begab ich mich wieder zurück zum Container. Mittlerweile war alles abgesperrt, und auch die unvermeidlichen Gaffer hatten sich eingefunden. Plötzlich hatten es viele gar nicht mehr so eilig, zu ihrem Ziel zu kommen, viel spannender war doch so ein livehaftiger Krimi.

Einige Minuten später trafen in kurzem Abstand zwei Streifenwagen, die Spurensicherung, der Gerichtsmediziner und der Leiter der Mordkommission, sprich: mein Chef, ein. Während die Streifenbeamten die Absicherung des Fundortes übernahmen, kam Jens mit dem Leichendoktor zu mir.

»Moin Sascha.«

»Hallo Jens, Doc. Schönen Sonntag wünsche ich.«

Die beiden lachten, und Doc schüttelte den Kopf.

»Von wegen. Ich wollte eigentlich in den Garten, war sogar schon an der Haustür, und plötzlich der Anruf von deinem Oberguru.«

Dieser Oberguru lächelte den verhinderten Gärtner unschuldig an.

»Also ich weiß gar nicht was du hast! ICH bin froh über ein wenig Ablenkung.«

Ah ja. Sollte Derek etwa doch richtig gelegen haben? Vorwurfsvoll wandte ich mich an Jens.

»Das hätte ich wirklich nicht von dir gedacht. Am besten, du übergibst mir gleich deine Dienstwaffe und deinen Ausweis. Also los, bringen wir es hinter uns.«

Völlig verdattert stand Hauptkommissar Machlitzke vor mir.

»Äh … was ist los?«

»Na was schon? Du bist mein erster Tatverdächtiger! Gib mir deine Handschellen, ich hab meine leider nicht dabei. Ich konnte ja nicht wissen, dass ich die heute brauchen würde.«

»Tatverdächtiger? Ich? Geht’s noch?«

»Na klar, Tatverdächtiger. Du hast mir selbst beigebracht, dass wir immer zuerst nach einem guten Motiv Ausschau halten sollen. Und wer hat hier ein gutes Motiv für einen Mord? Doch nicht etwa der Chef der Mordkommission, der es nicht abwarten kann, vom Demo-Sonderdienst abgezogen zu werden? Dem kommt doch ein Leichenfund gerade recht!«

Noch etwa drei Sekunden lang schaute Jens mich mit großen Augen an, dann brach er in schallendes Gelächter aus, in welches auch Doc kurz darauf einfiel.

»Also wirklich, das ist eine geniale Schlussfolgerung! Du hast anscheinend wirklich eine ganze Menge von mir gelernt.«

So gern ich es auch getan hätte, ich konnte dieses Lob nicht an mir hängen lassen.

»Derek ist da drauf gekommen, das ist nicht auf meinem eigenen Mist gewachsen.«

»Derek? Soso. Vielleicht sollte ich ihn überreden, bei uns anzufangen. Ein helles Köpfchen wie ihn können wir immer gebrauchen. Wo ist er überhaupt?«

Ich zeigte auf unser Auto.

»Dort drüben. Er hat den Fuß gefunden, und das hat ihn ziemlich mitgenommen.«

Mit einem besorgten Gesichtsausdruck schaute Jens in Richtung des Wagens.

»Wie geht es ihm?«

»Schon wieder besser, aber der erste Schock war doch recht heftig.«

»Kann ich mir vorstellen. So, wie machen wir das jetzt?«

Fragend blickte Machlitzke den Gerichtsmediziner an.

»Naja, wem immer der Fuß gehört, er wird keine Freude mehr daran haben, selbst wenn er noch leben sollte. Eine Replantation ist bei diesem Zustand definitiv unmöglich.«

Alles andere hätte mich auch sehr überrascht – nen Fuß aus ner Mülltonne wieder annähen? Sehr unwahrscheinlich.

»Sascha, habt ihr schon mal reingeschaut, ob noch weitere Körperteile in der Tonne stecken?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Nein, ich wollte erst mal abwarten, was die Spurensicherung zu sagen hat.«

»Gute Entscheidung.«

Hauptkommissar Machlitzke wandte sich an die Kriminaltechniker.

»Schaut euch mal den Container von außen an, ob ihr an dem Ding irgendwelche brauchbaren Spuren findet.«

Die beiden Angesprochenen machten sich ans Werk, allerdings mit recht wenig Enthusiasmus. Nach ein paar Minuten richtete sich einer von beiden auf und wandte sich an unsere kleine Gruppe, die in ein paar Metern Entfernung dem Treiben zuschaute.

»Haben sich viele Leute an dem Ding zu schaffen gemacht?«

Mein Chef schaute mich fragend an, und ich beantwortete die Frage.

»Laut den Kollegen von der BePo hat ein ganzer Trupp Autonomer den Container eine größere Strecke die Straße entlang gerollt und dann umgeschmissen.«

»In dem Fall hat es eigentlich keinen Sinn, hier draußen groß nach Spuren zu suchen. Ich kann nur eines sagen: es finden sich keinerlei offensichtlichen Blutspuren außen am Container.«

»Dann können wir jetzt reinschauen ohne irgendwelche Spuren zu versauen?«

»Ja, Herr Hauptkommissar. Aber wenn möglich bitte nur außen anfassen, vielleicht haben wir im Inneren mehr Glück und finden doch noch etwas.«

»Alles klar. Sascha, kannst du ein wenig mit zugreifen?«

Begeistert war ich davon nicht, aber das war schließlich mein Chef.

»Okay.«

»Moment, lass mich das mal machen. Du scheinst doch irgendwie Schmerzen zu haben, oder?«

Ah, Doc hatte es erkannt.

»Ja, Schlüsselbeinbruch vor ein paar Tagen.«

»Autsch. Jens, du solltest ein bisschen auf den Jungen aufpassen, damit ist nicht zu spaßen. Bis das ausgeheilt ist, muss er körperliche Anstrengungen möglichst vermeiden. Eigentlich sollte er sogar krankgeschrieben sein!«

Machlitzke lachte.

»Ist er ja auch, aber ihm fällt die Arbeit anscheinend regelrecht vor die Füße. Aber keine Bange, ich werd mich bemühen, ich nicht zu überfordern. So, packen wir es jetzt? Ich wüsste nun schon gerne, ob da noch mehr Einzelteile drin liegen.«

Doc und mein Chef gingen an die beiden Seiten des Containers und schoben vorsichtig den Deckel nach oben. Dies ging gar nicht so leicht, da er etwas verkantet war und die beiden ja auf Anweisung der Spurensicherer nicht ordentlich zupacken konnten. Dann aber machte der Deckel einen Sprung, und eine Öffnung von etwa 40 Zentimetern tat sich auf. Vorsicht ging ich in die Hocke und spähte hinein. Sekunden später hatte ich damit zu kämpfen, nicht doch noch mein eigenes Frühstück neben dem von Derek zu deponieren.

»Darf ich deinem Gesichtsausdruck entnehmen, dass der Fuß nicht alleine in der Tonne gelandet ist?«

»Darauf kannst du Gift nehmen! Das sieht hier aus wie ein menschliches Ersatzteillager!«

 

Mittlerweile hatten die beiden Deckelöffner diesen so verkantet, dass er in seiner Stellung verharrte und nicht mehr zuging. Anschließend gingen sie links und rechts von mir in die Knie und schauten in den Container.

»Ach du heilige Scheiße.«

»Das kannst du laut sagen, Jens. Ich hab ja schon einiges gesehen, aber sowas ist mir noch nicht untergekommen. Da hatte jemand wirklich Spaß an Sägearbeiten.«

In dem Container lagen – verteilt zwischen Dosen, Büchsen und sonstigem Gelber-Punkt-Müll – menschliche Überreste. Ich sah Hände, Beinteile, Armstümpfe, es war einfach ekelhaft. Wie mein Chef es schaffte, trotzdem noch an unseren Job zu denken, blieb mir schleierhaft.

»Doc, was meinst du. Ist das eine Person oder sind das mehrere?«

Der Gerichtsmediziner schaute noch einmal forschend in den Container hinein.

»Also rein mengenmäßig würde ich sagen, dass wir es nur mit den Resten von einer Person zu tun haben. Ich sehe momentan keine dritte Hand und auch keinen dritten Fuß.«

Dafür sah ich etwas anderes.

»Ist das dort hinten der Kopf?«

Doc beugte sich noch weiter vor und verschwand mit seinem eigenen Kopf schon fast im Container.

»Ja, sieht ganz so aus. Hat mal jemand einen Stock oder sowas für mich?«

Mein Boss sah sich kurz um und winkte dann einen der Bereitschaftspolizisten heran.

»Geben Sie mir bitte mal Ihren Tonfa.«

Der arme Kerl ahnte vermutlich, was mein Chef mit seiner Ausrüstung vorhatte, aber er wagte keinen Widerspruch und reichte den Schlagstock rüber. Machlitzke gab ihn gleich an den Gerichtsmediziner weiter.

»Hier, geht das?«

»Ja, sehr gut.«

Doc stocherte ein wenig in dem Container herum, an der Stelle, an der ich meinte, einen Haarschopf ausgemacht zu haben. Sekunden später zuckte er zurück.

»Ups!«

Allerdings. Ups. Plötzlich rollerte ein abgeschnittener Kopf vor uns auf die Straße! Das wars, ich sprang auf, sprintete an den Rinnstein und übergab mich. Interessanterweise tat mein Chef es mir gleich! Ganz so abgebrüht war er wohl auch nicht. Nachdem wir uns ausgewürgt und mit ein paar Tempotaschentüchern die Gesichter abgewischt hatten, gingen wir wieder zurück zum Leichendoktor. Dieser hatte den Anblick besser verkraftet – naja, er schnippelte ja eh ständig an Toten herum.

»Geht’s wieder?«

»Es muss. Mensch, Sascha, sei bloß froh, dass deinem Derek nur der Fuß entgegenkam und nicht der Kopf.«

Das war ich wirklich, bestimmt hätte mein Schatz davon Albträume bekommen. Zur Hölle, es war gut möglich, dass ich davon Albträume bekommen würde! Trotzdem nahm ich jetzt all meine verbliebene Professionalität zusammen und schaute noch einmal auf den losgelösten Schädel. Das war ein wirklich furchtbarer Anblick, das Gesicht war völlig verzerrt, offenbar hatte unser Opfer keinen sanften Tod gehabt. Den gleichen Gedanken schien auch mein Chef gerade zu haben.

»Sieht nicht so aus, als ob da nur einer deiner Kollegen seinen Abfall entsorgt hat, Doc.«

»Stimmt. Die Schnitte sind nicht fachgerecht, da wollte nur jemand gründlich die Leiche zerstückeln.«

Es war komisch: mich ekelte es vor dem Anblick, trotzdem faszinierte er mich auch. Und dann schoss es mir wie ein Blitz durch die Gehirnwindungen!

»Leute, ich weiß wer das ist! Beziehungsweise wer das war.«

Nun hatte ich die volle Aufmerksamkeit meiner beiden Begleiter.

»Tatsächlich?«

»Ja, Chef.«

Vermutlich hätte ich den Toten nicht erkannt, wäre nicht in den letzten Tagen mal wieder ständig sein Bild durch die Presse gegeistert. So aber brauchte es nur noch ein kleines bisschen Phantasie, um das verzerrte Gesicht der grinsenden Visage aus der Zeitung zuzuordnen.

»Na los, spann uns nicht noch länger auf die Folter!«

»Jens, ich glaube, du kannst deinen Bekannten vom Staatsschutz anrufen. Die brauchen nicht mehr nach Knirsch zu suchen.«

Hauptkommissar Machlitzke klappte die Kinnlade herunter, dann hockte er sich hin und schaute sich den Kopf noch einmal ganz genau an.

»Verdammt, du könntest recht haben!«

Auch Doc musterte die Gesichtszüge des Toten eindringlich.

»Stimmt. Je mehr ich hinschaue umso mehr hab ich das Gefühl, dass unser junger Freund hier einen Volltreffer gelandet hat.«

Mein Vorgesetzter erhob sich wieder.

»Wenn das stimmt, dann sitzen wir ganz gewaltig in der Scheiße.«

Ich nickte, das taten wir tatsächlich. Aber hatte er überhaupt den ganzen Umfang unserer Probleme realisiert?

»Nicht nur wir, Chef. Die ganze Stadt sitzt dann ganz gewaltig in der Scheiße.«

Fragend blickte Machlitze mich an, und ich erklärte ihm meine Gedankengänge.

»Überleg mal. Das ist der Neo-Nazi-Führer, dessen Horden heute durch Leipzig marschieren wollen. Gleichzeitig haben wir ein paar tausend gewaltbereite Autonome in der Stadt. Und in dieser Situation wird der Nachwuchs-Adolf hier in Leipzig abgemurkst. Kannst du dir vorstellen, was passiert, wenn das in den nächsten Stunden rauskommt, während die alle noch hier in Leipzig versammelt sind? Wenn das braune Gesocks mitbekommt, dass ihr Obermacker seinem großen Vorbild in die Hölle gefolgt ist?«

»Oh verdammt. Soweit hatte ich noch gar nicht gedacht! Die werden sofort davon ausgehen, dass die Linken ihn um die Ecke gebracht haben, und schon haben wir das schönste Schlachtfeld mitten in der City.«

Ich nickte – genau darauf hatte ich hinausgewollt. Sofort schaltete mein Chef auf Katastrophen-Eindämmungs-Modus um.

»Wir brauchen einen größeren Sperrkreis und eine bessere visuelle Abschirmung. Wer hat bei den BePos den Hut auf?«

»Kommissar Vogel, der steht vorne an der Straßenecke beim Rest von seinen Leuten.«

Machlitzke winkte einen der Streifenbeamten zu sich.

»Holen Sie mir Kommissar Vogel heran, den BePo-Zugführer.«

Der uniformierte Kollege flitzte los, und Jens war schon beim nächsten Punkt seines Planes angelangt. Diesmal wandte er sich an die Kriminaltechniker.

»Fahrt euren Transporter vor den Container, sodass er einen kleinen Sichtschutz abgibt.«

Eifrig nickte einer der Spurensicherer, und kurz darauf verdeckte das Fahrzeug einen großen Teil des Leichenfundortes. In der Zwischenzeit war auch unserer bayerischer Kollege eingetroffen, und ich übernahm die Vorstellung.

»Chef, das ist Kommissar Vogel von der Bereitschaftspolizei München. Kommissar Vogel, mein Chef, Hauptkommissar Machlitzke, Leiter der Mordkommission Leipzig.«

Die beiden gaben sich die Hand, dann fragte Vogel, was er für meinen Boss tun könne.

»Wieviele Leute haben Sie dabei?«

»Außer mir noch zehn Mann auf zwei Wagen. Die beiden restlichen Gruppen von meinem Zug sind anderweitig im Einsatz. Übrigens, Luchs Zwo hat gerade angefragt, wann wir wieder frei sind.«

»So schnell nicht. Kommen Sie mit, ich will Ihnen was zeigen.«

Machlitzke ging mit Vogel rüber zum abgeschirmten Container und zeigte auf den Kopf. Der Bayer würgte ein wenig, behielt jedoch seinen Mageninhalt bei sich. Naja, der hatte wohl einen von Weißwürsten abgehärteten Verdauungsapparat.

»Erkennen Sie das Gesicht?«

Vogel schaute genauer hin, schüttelte dann aber den Kopf.

»Könnte ich nicht sagen. Sollte ich das erkennen?«

»Keine Bange, ich hab den Typen auch nicht erkannt, aber zum Glück war ja mein Nachwuchsschnüffler vor Ort. Wissen Sie, wer das ist? In der Tonne befinden sich die sterblichen Überreste von Christoph Knirsch.«

Der bayerische Kollege runzelte die Stirn.

»Christoph Knirsch?«

Plötzlich machte es Klick.

»Moment mal! Der Christoph Knirsch? Der Demo-Organisator?«

»Genau der.«

»Oh mein Gott! Wissen Sie, was das bedeutet?«

»Ja, dass sich unsere Situation soeben von bescheiden in beschissen verwandelt hat. Und damit meine ich meine Situation, Ihre, die aller unserer Kollegen hier und die der ganzen Stadt Leipzig.«

Vogel nickte bedeutungsschwer.

»Das befürchte ich auch.«

»Und genau darum werde ich Sie und Ihre Gruppe jetzt aus dem normalen Einsatzplan rauslösen. Sie werden sich hier nützlich machen, zum Beispiel die Absperrung ausweiten.«

Der Bereitschaftspolizist verstand sofort, worauf mein Chef hinauswollte.

»So gut es geht abschirmen, damit das vorerst nicht bekannt wird?«

»Richtig. Das heißt auch, dass Sie Ihre Leute entsprechend vergattern müssen. Kein Verplappern gegenüber Passanten oder gar der Presse.«

»Verstanden. Soll ich mich bei der Einsatzleitung abmelden?«

Hauptkommissar Machlitzke nickte zu mir herüber.

»Das übernimmt Sascha. Also: immer schön leise sprechen, und nichts geht über Funk.«

»Alles klar.«

»Gut, dann ziehen Sie jetzt Ihre restlichen Leute heran. Ach ja, wie ist Ihr Kenner?«

»Mars 10-61.«

»Danke.«

Vogel dampfte ab zum Rest seiner Truppen, und mein Chef wandte sich direkt an mich.

»Hast du mitbekommen, was ich mit ihm besprochen habe?«

»Ja. Ich informiere Luchs Zwo darüber, dass wir uns die Gruppe unter den Nagel reißen.«

»Richtig, und die beiden Wagen vom Revier gleich mit.«

»Okay, ich geb auch Löwe bescheid.«

»Ach ja, Doc?«

»Was gibts?«

»Können wir die Leiche einsammeln lassen? Und wenn ja: wohin damit?«

Der Gerichtsmediziner überlegte kurz.

»Am besten direkt zu mir. Deine Spurenjungs können ja mit rüberkommen.«

»Hast recht, das Beste wird sein, ich lass dir die ganze Ladung samt Container anliefern. Da kannst du dich dann zusammen mit den Spusis drauf stürzen.«

»Einverstanden.«

»Sascha? Kümmere dich bitte auch um den Abtransport.«

»Alles klar.«

»Dann los. Und wie ich schon zu Vogel sagte: kein Klartext über Funk! Wer weiß, wer da heute alles mithört.«

Ich nickte und ging hinüber zum Wagen meines Vorgesetzten, wo ich zum Mikrofon des Funkgerätes griff. Hm. Wen zuerst anrufen? Den Polizeiführer vom Dienst oder die Einsatzleitung der Bereitschaftspolizei? Okay, ersterer war wohl die bessere Wahl. Ich betätigte den Selektivruf, und kurz darauf erhielt ich Antwort.

»Rufer Löwe!«

»7-23.«

»7-23 für den Löwen.«

»Schauen Sie doch bitte mal ins Telefonverzeichnis und rufen Sie mich auf dem Handy zurück.«

»Empfangen, Sekunde.«

Ich legte das Funkmikro zurück und lauerte auf das Bimmeln meines Mobiltelefons. Lange brauchte ich nicht zu warten.

»Altmann.«

»Ich sollte zurückrufen.«

»Richtig. Sind Sie informiert über den Fund eines menschlichen Fußes in der Wintergartenstraße?«

»Ja, und ich lauere auf Einzelheiten.«

Das konnte ich mir vorstellen.

»Folgendes zur Lage: In dem Müllcontainer, aus dem der Fuß rausgepurzelt kam, war auch noch der Rest eines menschlichen Körpers. In Einzelteilen.«

Selbst übers Telefon konnte ich hören, wie der Mann am anderen Ende schluckte.

»Das war … kein schöner Anblick, denke ich mal.«

»Allerdings. Laut Spurenlage ist der Fundort nicht der Tatort. Da der Container von einer Horde Autonomer durch die Straßen geschleift wurde, können wir noch nichts Näheres dazu sagen.«

»Dass sich sowas aber auch ausgerechnet an einem Tag wie heute ereignen muss!«

»Es kommt noch besser. Die Identität des Toten dürfte geklärt sein. Es handelt sich um Christoph Knirsch.«

»WAS???? Sag das nochmal!«

Der gute Mann war wohl drauf und dran, durchs Telefon zu kriechen.

»Der Tote ist Christoph Knirsch. Und ja, ich meine unseren Christoph Knirsch.«

Die Stimme meines Gesprächspartners wurde ganz leise.

»Wie sicher ist das?«

»Ich würde sagen zu 99 Prozent.«

Ich selbst war mir eigentlich hundertprozentig sicher, aber man hat ja schon Pferde vor der Apotheke kotzen sehen. Außerdem klangen 99 Prozent irgendwie seriöser als 100 Prozent.

»Verdammt! Auch das noch!«

Dazu gab es wirklich nichts mehr zu sagen.

»Wer weiß schon alles davon?«

Der Einsatzleiter hatte wohl auch sofort kapiert, was jetzt mit das Wichtigste am weiteren Vorgehen war.

»Hauptkommissar Machlitzke, Kommissar Vogel von Mars 10-61, die Spurensicherer und der Gerichtsmediziner. Eventuell auch noch einige der Beamten, die sich um die Absperrung kümmern. Ich weiß nicht, wieviel die schon mitbekommen haben.«

»Verstanden. Ich verhänge hiermit eine totale Nachrichtensperre, davon darf nichts nach außen dringen!«

»Das hat mein Öberster auch schon gesagt, deshalb auch die Bitte, mich auf dem Handy anzurufen.«

»Gut mitgedacht. Wie will dein Öberster jetzt vorgehen?«

»Zuerst einmal möchte er Mars 10-61 aus dem Einsatzplan rauslösen und uns unterstellen – dadurch brauchen wir keine weiteren Kräfte hinzuzuziehen und einzuweihen. Das gleiche gilt für die Löwen 21-03 und 21-04 vom zuständigen Revier, die brauchen wir eh noch hier.«

»Sind damit die Kräfte und Mittel ausreichend?«

»Für den Moment ja. Außerdem bräuchten wir einen Transporter, am besten einen mit einem kleinen Kran. Mein Chef möchte die Leiche gerne samt Container in die Gerichtsmedizin verfrachten.«

»Hm, das machen wir am besten über die F, ich leite das sofort nach unserem Gespräch ein. Braucht ihr noch irgendwas?«

»Im Augenblick nicht, hier herrscht auch demomäßig zur Zeit Ruhe. Es wäre aber gut, wenn Sie uns rechtzeitig informieren würden, falls sich irgendwas in unsere Richtung bewegt.«

Es wäre wirklich sehr unangenehm, wenn hier plötzlich irgendwelche Trupps egal welcher Art aufmarschieren würden.

»Alles klar. Ich informiere Luchs Zwo, dass er Mars 10-61 verliert, außerdem den Staatsschutz und am besten auch den Polizeipräsidenten.«

»Verstanden.«

»Es ist ja wohl logisch, dass der Funk weiterhin tabu ist. Kann man euch weiter über dein Handy erreichen?«

»Besser über das von meinem Chef, ich bin eigentlich dienstunfähig krankgeschrieben.«

»Oh? Und wieso bist du dann vor Ort?«

»Weil ich gleich um die Ecke wohne und auf dem Heimweg quasi über die Leiche gestolpert bin.«

»Na das nenne ich Diensteifer. Okay, ich weiß erst mal Bescheid und kümmere mich um alles, was wir abgesprochen haben. Ende.«

Damit war das Gespräch beendet, und ich ging wieder zu Jens, der gerade dabei war, die Streifenbeamten vom Revier zum Schweigen zu vergattern. Die Bereitschaftspolizisten hatten mittlerweile den Sperrkreis erweitert, sodass wir einigermaßen ungestört und vor allem auch ungehört reden konnten. Als sich die uniformierten Kollegen wieder an die Arbeit machten, trat ich zu meinem Vorgesetzten.

»Löwe ist informiert und leitet alles ein. Die Leiche wird von der F abgeholt, Luchs Zwo, Staatsschutz und Polizeipräsident werden informiert. Für den weiteren Kontakt hab ich erst mal auf dein Handy verwiesen.«

»Danke, Sascha, gute Arbeit. Und jetzt kümmerst du dich am besten erst mal wieder um deinen Derek.«

Fragend schaute ich Jens an.

»Du brauchst mich nicht mehr?«

»Momentan können wir eh nicht viel machen außer abzuwarten.«

Ich zuckte mit den Schultern.

»Okay. Wenn was ist weißt du ja, wo du mich finden kannst.«

»Alles klar. Kuriere du dich aber lieber aus.«

Wir reichten uns die Hände, dann ging ich rüber zu Dereks Wagen, in welchem mein Freund immer noch auf dem Beifahrersitz saß.

»Bin wieder da, Schatz.«

Dereks Gesicht war immer noch etwas bleich, aber er lächelte mich zumindest an.

»Gibt es irgendwas Neues?«

Ich überlegte kurz, sollte ich es ihm erzählen? Das ganze war arg unappetitlich, außerdem herrschte ja eigentlich Nachrichtensperren. Andererseits: Derek war mein Freund, und genaugenommen war er es ja gewesen, der den Fuß entdeckt und damit alles ins Rollen gebracht hatte. Ich traf meine Entscheidung.

»Rutsch rüber, dann erzähl ich dir alles. Oder soll ich fahren?«

Vehement schüttelte Derek mit dem Kopf.

»Nichts da, ich fahre.«

Mit ein paar Verrenkungen schaffte er es, sich über den Mitteltunnel auf den Fahrersitz zu schieben, sodass ich mich auf den Beifahrersitz sinken lassen konnte. Als ich endlich schmerzfrei saß, schaute mein Freund mich erwartungsvoll an.

»Nun schieß schon los!«

Ich musste über seinen Enthusiasmus lächeln, mein kleiner Krimifan wollte immer alles über meine Arbeit wissen!

»Gemach, gemach. Also erst mal: der Fuß lag nicht ganz alleine in der Tonne, da waren noch viel mehr Einzelteile, vermutlich ein kompletter Körper. Also komplett im Sinne von alles da, nicht im Sinne von alles an seinem richtigen Platz.«

Ein kleines Zittern durchschüttelte meinen Freund.

»Ist ja ekelhaft.«

»Allerdings. Noch viel ekelhafter wurde es aber, als Doc in dem Container rumstocherte und plötzlich der Kopf heraus gerollt kam.«

Derek schlug sich die linke Hand vor den Mund, seine Augen waren weit aufgerissen.

»Ieh!«

Ich grinste ihn an.

»Stimmt, ieh trifft es ziemlich genau. Aber das ist noch nicht alles.«

»Was denn, noch mehr eklige Dinge?«

»Vielleicht nicht eklig, aber auf jeden Fall interessant und nicht ungefährlich.«

»Nicht ungefährlich? Nun erzähl schon!«

Er wurde richtig zappelig vor Neugier.

»Wir wissen, zu wem die Einzelteile gehören. Oder besser gesagt, wer da in Einzelteile zerlegt wurde.«

Völlig gebannt hing Derek an meinen Lippen.

»Christoph Knirsch.«

»Was? Doch nicht etwa Nazi-Knirsch?«

»Doch, genau der.«

Mein Freund wurde plötzlich ganz still.

»Wenn das heraus kommt, dann ist Polen offen.«

Ich nickte bedeutungsschwer.

»Allerdings, das ist auch unsere größte Sorge. Wir haben totale Nachrichtensperre, und wenn das jemand ausplappert, dann würde ich ihm raten, nach Grönland auszuwandern bevor er Jens in die Hände fällt.«

Nun kicherte Derek leise vor sich hin.

»Keine Bange, ich halte dicht.«

»Danke, Schatz. Und wie schauts aus, fahren wir heim?«

»Du brauchst nicht zu arbeiten?«

»Jens hat mich vorläufig entlassen.«

Darüber schien sich Derek zu freuen.

»Gut, dann ab nach Hause. Wäre mir wirklich nicht recht, wenn du mit deiner Verletzung herum ackern würdest.«

Er griff zum Zündschlüssel, doch genau in diesem Moment klopfte es an die Scheibe meiner Beifahrertür, und ich schaute ins Gesicht meines Vorgesetzten. Surrend ließ ich die Scheibe hinunterfahren, und Jens steckte seinen Kopf ins Fahrzeuginnere.

»Hallo Derek.«

»Moin Jens. Ich hoffe, du willst mir meinen Sascha nicht doch noch dienstverpflichten.«

Machlitzke lachte.

»Ich will versuchen, es zu vermeiden. Aber trotzdem hab ich einen großen Anschlag auf euch beide vor.«

Interessiert schauten wir ihn an.

»Ihr wohnt doch gleich da vorne, oder?«

»Ja.«

»Gut. Passt auf, Jungs, es kann sein, dass wir nachher einen Platz brauchen, wo wir ungestört und vor allem unbeachtet reden können. Mit ›wir‹ meine ich unter anderem den Polizeipräsidenten, der auf dem Weg hierher ist, und wohl auch die Kollegen vom Staatsschutz. Wenn wir wie eine Horde im Präsidium einfallen, bekommt die Presse ganz schnell Wind davon, dass hier irgendwas im Busch ist.«

»Sag bloß, ihr wollt unsere Wohnung als Einsatzzentrale benutzen?«

Mit treudoofen Dackelaugen schaute Machlitzke uns an.

»Zumindest als Ort für eine kleine Besprechung, wäre das okay?«

Frech blickte Derek zu mir herüber.

»Okay, ich denke, das lässt sich einrichten. Aber lasst uns noch ein paar Minuten Zeit, damit Sascha seine dreckige Unterwäsche wegräumen kann.«

Ich rammte ihm meinen linken Ellenbogen in den Oberarm, dummerweise tat auch das mir mehr weh als ihm. Mein Chef jedoch schien mit der Entwicklung sehr zufrieden zu sein.

»Vielen Dank, Jungs. Wir klingeln dann bei euch.«

»Alles klar, also bis nachher.«

Machlitzke zog den Kopf aus unserem Auto, Derek ließ den Motor an, und kurz darauf fuhren wir nun endlich mit großer Verspätung in unsere Tiefgarage ein. Wenige Minuten später betraten wir unsere Wohnung, und mir wurde sofort klar, welche Rolle mir mein Freund zugedacht hatte.

»Du setzt dich jetzt hin und ruhst dich erst mal aus. Hast du irgendwelche Schmerzen?«

»Nur wenn ich mich bewege, wenn ich lache, wenn ich gähne, …«

Empört schaute Derek mich an.

»Mach keine Witze, Sascha! Der Arzt hat gesagt, dass du dich mit körperlicher Anstrengung zurückhalten sollst.«

»Keine Bange, das tu ich schon. Aber dass mir dann heute Abend keine Beschwerden über meine körperliche Zurückhaltung kommen.«

»Du Kasperkopf. Und nun: HINSETZEN! Ich räume schnell noch ein wenig auf, bevor hier die Prominenz einfällt.«

»Mach nicht so einen Ruß, wenn die uns so überfallen, dann müssen sie halt damit leben, dass nicht alles blitzblank ist.«

Derek seufzte.

»Hast ja recht. Aber ich stell wenigstens ein paar Flaschen Wasser bereit.«

»Wie du meinst.«

Ich ließ mich in einen Sessel sinken und fand nach ein wenig Rumgerücke sogar eine Position, in der ich völlig schmerzfrei sitzen konnte. Derek schaffte ein paar Wasserflaschen und Gläser heran, dann ließ er sich auch nieder.

Es dauerte dann doch eine Dreiviertelstunde, bis es bei uns an der Tür klingelte. Mein Freund spring auf und verschwand aus dem Wohnzimmer, kurz darauf hörte ich verschiedene Stimmen, die sich aus dem Korridor näherten. Mit etwas Mühe erhob ich mich aus meinem Sessel, um unsere Gäste zu begrüßen. Als erstes trat mein Chef ins Zimmer.

»Hallo Jens. Habt ihr schon was rausgefunden?«

Machlitzke schüttelte den Kopf.

»Nein, wir sind noch nicht schlauer als vorhin. Ich hoffe, es macht euch nichts aus, dass wir hier so bei euch einfallen?«

»Nein, kein Problem. Such dir einen Stuhl.«

Mein Vorgesetzter trat zur Seite, sodass die anderen Besucher ins Zimmer folgen konnte. Mein Gott! Das war der Oberbürgermeister! Der Polizeipräsident folgte ihm, und dann kam noch ein Mann, den ich bisher nicht kannte. Als letzter kehrte Derek ins Wohnzimmer zurück.

»Guten Tag. Ich hoffe, wir stören Sie wirklich nicht?«

Ich schluckte kurz, dann ergriff ich die ausgestreckte Hand von unserem Dr. Brüggemann.

»Nein, Sie stören nicht, Herr Oberbürgermeister. Ich bin Oberkommissar Altmann.«

Der OBM lächelte, schüttelte mir die Hand, dann suchte er sich einen Stuhl und setzte sich hin. Als nächstes begrüßte ich den Polizeipräsidenten, anschließend unseren vierten Besucher.

»Hallo. Ich bin Hauptkommissar Fischer vom Staatsschutz.«

Somit waren alle miteinander bekannt, und kurz darauf hatten auch alle einen Sitzplatz gefunden. Derek ging zur Zimmertür.

»Ich zieh mich jetzt zurück…«

Das war sehr rücksichtsvoll von ihm, der OBM jedoch winkte ab.

»Nein, bleiben Sie ruhig hier. Das ist Ihre Wohnung, und wir werden Sie nicht vertreiben. Ich kann mich doch sicher darauf verlassen, dass Sie alles, was Sie hier hören werden, für sich behalten?«

»Selbstverständlich.«

»Sehr gut, dann nehmen Sie bitte auch Platz.«

Dem Staatsschutzheini schien das nicht wirklich zu passen, aber da auch der Polizeipräsident keine Einwände äußerte, hielt er seine Klappe.

»So. Herr Machlitzke, können Sie uns zuerst einmal kurz zusammenfassen, wie die Lage ist?«

»Jawohl, Herr Oberbürgermeister. Vor etwa anderthalb Stunden schoben Oberkommissar Altmann und Herr Prosch auf dem Heimweg einen von Randalierern umgeworfenen Müllcontainer zur Seite.«

»Moment bitte. Herr Altmann, Sie haben keinen Dienst?«

Mein Chef enthob mich der Antwort.

»Sascha hat sich vor ein paar Tagen das Schlüsselbein gebrochen und ist dienstunfähig.«

»Oh. Alles klar. Erzählen Sie weiter.«

»Wo war ich? Ach ja. Bei dieser Aktion sprang der Container etwas auf, und ein abgehackter menschlicher Fuß fiel heraus. Daraufhin hat Sascha den Fundort durch ein paar zufällig in der Nähe befindliche Einsatzkräfte absperren lassen und mich informiert. Ich habe mich dann mit der Spurensicherung und dem Gerichtsmediziner vor Ort begeben. Nachdem die Spurensicherung den Container vorläufig freigegeben hatte, haben wir ihn weiter geöffnet und weitere Leichenteile gefunden.«

»Leichenteile? Sie meinen, die Leiche war zerstückelt?«

»Ja. Hände und Füße waren einzeln, Arme und Beine noch weiter zerteilt, und auch der Kopf war vom Rumpf getrennt.«

Nun war es unser OBM, der schluckte, und ich machte mir kurz Sorgen um unseren Teppich. Glücklicherweise konnte Dr. Brüggemann seinen Würgereflex unter Kontrolle halten.

»Über diesen Kopf hat dann auch Oberkommissar Altmann die Leiche vorläufig identifiziert. Es handelt sich um Christoph Knirsch.«

»Sie sagen vorläufig identifiziert? Es ist also noch nicht sicher, ob es sich wirklich um Knirsch handelt?«

Dies war der Zeitpunkt, zu dem sich Fischer zum ersten Mal einmischte.

»Ich habe den Kopf gesehen, Herr Dr. Brüggemann, und ich bin mir absolut sicher, dass es sich um Knirsch handelt. Trotzdem wird es eine endgültige Bestätigung erst nach genauerer Untersuchung geben.«

»Hm. Ich verstehe. Wir arbeiten also unter der Voraussetzung, dass wir es mit dem Naziführer zu tun haben.«

Jens übernahm wieder das Zepter.

»Richtig. Und deshalb haben wir das alles auch zur Verschlusssache erklärt. Wenn das rauskäme…«

Sorgenvoll nickte unser Stadtoberhaupt.

»Ich verstehe, was Sie meinen. Wie wollen Sie jetzt weiter vorgehen? Alles verheimlichen, bis sowohl die Rechten als auch die Linken wieder aus Leipzig raus sind?«

»Ja, so haben wir uns das gedacht, das wäre für Leipzig die sicherste Lösung. Gleichzeitig beginnen wir in aller Stille mit den Ermittlungen.«

»Gut, damit bin ich einverstanden. Sagen Sie, Herr Fischer, ich dachte eigentlich, dass der Staatsschutz die ganze Zeit an Knirsch dranhängt? Wie konnte er dann ermordet und in einer Mülltonne beseitigt werden, ohne dass das irgendwer von Ihrer Truppe mitbekommen hat?«

Zerknirscht schaute der Angesprochene zum Boden.

»Er ist vorgestern in unserem Zuständigkeitsbereich aufgetaucht, leider haben wir ihn noch am gleichen Abend aus den Augen verloren. Auch die Kollegen vom Verfassungsschutz wurden abgehängt. Seit diesem Zeitpunkt wussten wir nichts mehr über seinen Verbleib – bis vorhin der Anruf vom Kollegen Machlitzke kam.«

»Ich finde das enttäuschend, aber das lässt sich jetzt nicht mehr ändern. Stichwort Verfassungsschutz: warum ist von denen niemand hier? Sind die noch nicht informiert?«

»Doch, das habe ich persönlich getan, aber die kochen ihr eigenes Süppchen.«

»Na super, und das auf Kosten meiner Stadt! Also gut, ich verlasse mich auf Sie! Halten Sie die ganze Angelegenheit solange es geht unter Verschluss, wenn irgendmöglich bis mindestens morgen früh. Ich mache mich jetzt wieder auf den Weg zur offiziellen Gegenveranstaltung, nicht dass meine Abwesenheit noch bemerkt wird. Sie informieren mich bitte über alle neuen Entwicklungen!«

Nachdem ihm das zugesichert worden war, verabschiedete sich der OBM von uns und verließ kurz darauf die Wohnung. Für einen Moment herrschte Schweigen, dann brach Polizeipräsident Jasche die Stille.

»Wie gehen wir jetzt vor? Ich brauche wohl nicht zu betonen, dass sowohl Mordkommission als auch Staatsschutz alle Unterstützung bekommen, die sie brauchen.«

Mein Chef nickte zufrieden, dann wandte er sich an Hauptkommissar Fischer.

»Wo habt ihr Knirsch verloren?«

Der Angesprochene seufzte, bevor er zur Antwort ansetzte.

»In der Probsteistraße 131. Er ist dort ins Haus rein und seitdem nicht wieder aufgetaucht. Wir dachten erst, er würde dort übernachten, aber als ein Kollege von uns nachts mal in den Hof reinschaute, war plötzlich das Auto verschwunden, mit dem Knirsch gekommen war.«

Hä?

»Wie konnte das Auto unbemerkt verschwinden?«

Fischer seufzte erneut.

»Drei Tage vorher wurde hinter dem Haus Probsteistraße 131 ein anderes Haus abgerissen, davon wussten wir nichts. Und über diese freie Fläche muss Knirsch samt Auto verschwunden sein.«

Verdammt!

»Wissen wir wenigstens, was Knirsch dort wollte?«

»In dem Haus befindet sich eine kleine Druckerei der Partei Neues Deutschland, und der Druckereibesitzer – der zufällig der Landesvorsitzende der PND ist – wohnt ebenfalls dort. Deshalb dachten wir uns auch nichts weiter dabei, als Knirsch dorthin fuhr.«

»Ist schon eine Fahndung nach seinem Auto raus?«

»Nein, nur unsere eigenen Leute und der Verfassungsschutz halten bisher die Augen offen, aber das hole ich gleich nach.«

Der Staatsschützer griff zu seinem Handy und rief bei der Zentrale an.

»Mahlzeit, Hauptkommissar Fischer hier. Ich bräuchte dringend eine Fahndung nach einem PKW VW Passat, Farbe silber, amtliches Kennzeichen München Trennung Gustav Heinrich 374. Bei Feststellung keine Maßnahmen, nur im Auge behalten und Rückmeldung direkt an mich oder Hauptkommissar Machlitzke von der Mordkommission.«

Fischer lauschte kurz in sein Handy, dann beendete er das Gespräch.

»Die Fahndung geht sofort über Funk raus.«

»Okay. Weitere Vorschläge?«

»Vielleicht sollte man sich mal dort in dem Haus umschauen. Eigentlich müssten wir doch genügend in der Hand haben, um einen Durchsuchungsbeschluss zu bekommen, oder?«

Nachdenklich schaute mich der Polizeipräsident an, dann nickte er.

»Ja, das sollte kein Problem sein. Außerdem ist es mir momentan ziemlich egal, ob wir einen haben oder nicht. Es ist Gefahr im Verzug. Sagen Sie, Herr Altmann, wie fühlen Sie sich?«

Ohoh. Ich hatte das dumme Gefühl genau zu wissen, was jetzt kommen würde. Und wenn ich mir Dereks Gesichtsausdruck so anschaute, dann ging es ihm ganz ähnlich.

»Naja, ich habe bei jeder größeren Bewegung Schmerzen.«

»So schlimm, dass Sie nicht in der Lage sind, sich mal in der Probsteistraße umzuschauen? Wie gesagt, nur umschauen und Fragen stellen, Sie sollen keine körperlichen Höchstleistungen vollbringen.«

Scheiße, da kam ich garantiert nicht mehr raus, das konnte ich ja schlecht ablehnen. Jedenfalls wenn mir meine zukünftige Karriere irgendwas bedeutete.

»Okay, ich denke, das kann ich machen.«

»Sehr schön. Ich möchte so wenig zusätzliche Leute wie möglich einweihen.«

Nun mischte sich auch mein Chef noch ein.

»Sascha, pass mir ja gut auf. Und du nimmst wenigstens einen Wagen von der Bayern-BePo mit.«

Jasche nickte zustimmend.

»Richtig. Eigensicherung ist unabdingbar. Stehen Vogel und seine Leute bereit?«

»Ja, die haben die Fundortsicherung abgeschlossen und warten auf den nächsten Auftrag.«

»Gut, dann würde ich vorschlagen, dass Sie beide«, er zeigte auf Fischer und meinen Chef, »dass Sie beide sich mit der Gerichtsmedizin in Verbindung setzen. Klären Sie, was es schon an Spuren usw. gibt. Und fangen Sie an, sich Gedanken über den möglichen Täterkreis zu machen. Das alles aber schön heimlich, still und leise, jedenfalls heute noch. Ich selbst werde mich an den Verfassungsschutz ranmachen, ich mag es nicht, wenn die in meinem Hinterhof wildern ohne dass ich weiß was vorgeht.«

Mit diesen Worten erhob sich der Polizeipräsident und wandte sich Derek zu.

»Vielen Dank, Herr Prosch, dass wir uns hier bei Ihnen einquartieren durften. In ein paar Minuten kehrt wieder Ruhe bei Ihnen ein.«

Mein Freund zuckte mit den Schultern.

»Gern geschehen. Und falls nochmal ein ungestörter Platz gebraucht wird, unsere Türe steht offen.«

Jasche nickte dankbar.

»Ich werde mir das merken. So, und nun wünsche ich noch einen schönen Tag. Meine Herren, machen Sie sich an die Arbeit!«

Und weg war er, Derek brachte ihn noch zur Wohnungstür. Auch unsere letzten beiden Gäste hatten sich erhoben.

»Also gut, Sascha. Du nimmst dir einen Teil von Vogels Kommandogruppe, den Rest von seinem Zug halten wir in Reserve.«

Verwundert schaute ich zu Jens.

»Den Rest von seinem Zug? Habt ihr die anderen Gruppen auch noch bekommen?«

»Ja, wir haben jetzt den gesamten zweiten Zug der Hundertschaft. Ich habe nicht vor, bei dieser brenzligen Lage irgendein Risiko einzugehen.«

Hm, ein ganzer Zug Bereitschaftspolizei, das waren immerhin gut 30 Mann mit einem halben Dutzend Fahrzeugen. Da schien jemand die Situation wirklich ernst zu nehmen. Berechtigterweise.

»Okay. Wo finde ich die Leute?«

»Die werden an der Haustür auf dich warten. Brauchst du einen Fahrer?«

Gerade wollte ich bejahen, als Derek wieder zurück ins Zimmer kam und sich einmischte.

»Ja, Jens, er braucht einen Fahrer! Er kann sich nicht schmerzfrei bewegen, und dann schubst ihr ihn in einen solchen Einsatz rein! Verdammt nochmal, Sascha sollte im Bett liegen und sich ausruhen und nicht durch die Stadt kutschen und perverse Mörder jagen!«

Oh weh, mein Kleiner hatte sich richtig in Rage geredet. Der Polizeipräsident würde garantiert kein Weihnachtsgeschenk von ihm bekommen.

»Naja, Sascha hätte ja nein sagen können, Jasche hat ihn ja gefragt, ob er sich in der Lage dazu fühlt.«

»Na klar doch! Eine tolle Wahl hatte er, entweder seine Gesundheit noch weiter aufs Spiel setzen oder es sich bei seinem obersten Chef verscheißen. Als ob er hätte ablehnen können!«

Derek war richtig gut in Fahrt, und mein armer Chef wurde immer kleiner.

»Vielleicht … vielleicht war das wirklich keine gute Idee. Ich kann jemand anderes drauf ansetzen…«

Mein Freund schüttelte energisch den Kopf.

»Nein, dafür ist es jetzt zu spät, ich hätte eigentlich erwartet, dass du rechtzeitig Einspruch erhebst. Nein, Sascha wird den Auftrag übernehmen. Und ich werde ihn fahren!«

Das war ja lieb gemeint, aber…

»Der, das geht nicht. Ich muss den Dienstwagen nehmen, und den darfst du nicht fahren. Außerdem möchte ich dich nicht in Gefahr bringen.«

»Und ob das geht! Wenn es geht, dass du im dienstunfähigen Zustand auf Mörderjagd gehst, dann geht es auch, dass ich dich dabei fahre. Und wenn du mich nicht in Gefahr bringen willst, dann sorge dafür, dass wir gar nicht erst in Gefahr geraten. Ich fahre! Basta!«

Derek hatte gesprochen. Hugh! Mein Gott, so hatte ich ihn noch nie erlebt. Normalerweise war er eher zurückhaltend und ruhig, aber jetzt hatte er gezeigt, dass er durchaus auch laut, bestimmend und hart sein konnte. Auch Jens schien davon beeindruckt zu sein.

»Na gut. Aber Jungs, passt um Himmelswillen auf euch auf! Wenn euch irgendwas passiert, besonders dir, Derek, dann werde ich nicht einmal mehr als Nachtwächter einen Job bekommen.«

Haha, nette Vorstellung, der großmächtige Obermufti der Mordkommission als schlafender Nachtwächter. Aber naja, das wollten wir ihm nun doch nicht antun. Wir würden also auf uns aufpassen.

»Keine Angst, Jens. Wir haben ja die Kollegen in Blau dabei. Uns wird nichts passieren.«

»Hoffentlich.«

Mein Chef drehte sich zu dem Staatsschutz-Hauptkommissar.

»Gehen wir? Es gibt viel zu tun.«

Fischer nickte uns kurz zum Abschied zu, dann folgte er Machlitzke aus dem Zimmer und dann der Wohnung. Mein Vorgesetzter kannte sich hier aus, es war also nicht nötig gewesen, ihm den Ausgang zu zeigen. Für einen Moment schauten Derek und ich uns an, dann atmete mein Freund tief durch.

»Dann mal los, Sascha. Ich bin alles andere als begeistert, aber wir sollten uns auf den Weg machen.«

Da hatte er recht – und ich wohl mal wieder mächtig was bei ihm gutzumachen. Auf dem Weg aus der Wohnung griff er sich die Schlüssel zu meinem Dienstwagen.

»Du gehst zur Haustür raus und sammelst die Bayern ein, ich hol den Wagen aus der Tiefgarage. Wir treffen uns dann an der Ausfahrt.«

Immer noch verteilte Rollen. Eigentlich sollte ich ja das Kommando haben, aber irgendwie schien sich das noch nicht ganz bis zu Derek rumgesprochen zu haben. Ich verkniff mir wohlweislich das Zucken mit den Schultern und befolgte seine Anweisung.

Beinahe direkt vor der Haustür stand ein grünsilberner VW-Bus mit Blaulicht oben drauf, um ihn herum standen vier Beamte in voller Einsatzmontur. Kommissar Vogel war nirgends zu sehen, der führte wohl weiter das Kommando über den Rest seines Zuges. Ich ging auf die Gruppe zu.

»Mahlzeit, meine Herren. Ich glaube Sie warten auf mich.«

Die Grünen schauten mich an, und einer von ihnen antwortete.

»Wenn Sie Oberkommissar Altmann sind dann kommt das hin.«

»Der bin ich.«

Ich reichte ihm die Hand.

»Angenehm, Hauptmeister Lorke. Das sind die Kollegen Blaumeier, Polkert und Schöbbelkurt.«

Ich begrüßte auch die anderen drei.

»Kommissar Vogel hat angeordnet, dass wir zu Ihrer Verfügung stehen sollen.«

»Das habe ich auch gehört. Sind Sie über die Geschehnisse von heute vormittag informiert?«

»Nicht ausführlich, Herr Oberkommissar. Wir wissen nur, dass eine zerstückelte Leiche gefunden wurde. Und wohl die Leiche von irgendeinem Promi, deshalb herrscht auch das große Schweigen im Walde.«

Ich seufzte. Zwar sollte die Zahl der Mitwisser so gering wie möglich gehalten werden, trotzdem war es in meinen Augen für eine gute Zusammenarbeit erforderlich, dass die vier Kollegen meines »Schutzkommandos« eingeweiht wurden.

»Okay, ich werde Sie gleich näher informieren. Aber erst legen Sie bitte alle die Kampfausrüstung ab, die werden wir hoffentlich nicht brauchen. Ich möchte lieber nicht, dass Sie dort wo wir hinfahren herumlaufen, als wenn es den dritten Weltkrieg zu gewinnen gäbe.«

Die bayerischen Kollegen lachten und befreiten sich von Schutzwesten, Helmen und was sonst noch zur Einsatzmontur gehörte. Zustimmend nickte ich.

»Schon viel besser. Steigen wir ein, ich fahre ein Stück bei Ihnen mit, bis zur Tiefgaragenausfahrt dort vorne. Auf dem Weg dorthin erzähle ich Ihnen etwas über den Einsatz.«

Wir stiegen in den VW-Bus, und kurz darauf hingen die Kollegen an meinen Lippen.

Es stimmt, es wurde die zerstückelte Leiche eines … naja … Promis gefunden. Was ich Ihnen jetzt sage, unterliegt strengster Geheimhaltung – wer davon was ausplaudert, verbringt den Rest seiner Dienstzeit damit, Kochgeschirre in der schäbigsten JVA Deutschlands zu putzen. Kapiert?«

Ich erntete zustimmendes Gemurmel.

»Also, wir haben die Leiche von Christoph Knirsch gefunden. Von Nazi-Knirsch, falls Ihnen das eher geläufig ist.«

»Ach du Scheiße!«

»Sie haben es erfasst, Herr Lorke. Knirsch war seit zwei Tagen verschwunden, der Staatsschutz hat ihn vorgestern aus den Augen verloren – und heute früh ist er in einem Müllcontainer wieder aufgetaucht. In Einzelteilen und logischerweise sehr tot. Wenn das in den nächsten Stunden rauskommt, dann geht in Leipzig etwas mehr kaputt als nur ein paar Autoscheiben. Daher wurde eine totale Nachrichtensperre verhängt, und wir ermitteln so still wie möglich.«

Die Bereitschaftspolizisten nickten, sie hatten wohl auch den Ernst der Lage verstanden.

»Gut. Wir fahren jetzt zu der Stelle, an der die Kollegen Knirsch verloren haben. Es handelt sich um ein Haus, in dem ein hoher Parteifunktionär der PND eine Druckerei betreibt und auch wohnt. Wir werden uns dort ein wenig umschauen, vielleicht finden wir ja irgendwas heraus.«

Unterdessen waren wir an der Tiefgaragenausfahrt angekommen, und auch Derek stand bereits mit dem BMW abfahrbereit da.

»Ich steige jetzt um, und Sie fahren hinter uns her. Wie ist Ihr Kenner?«

»Mars 10-611.«

»Gut, meiner ist Löwe 7-23. Es ist ja wohl klar, dass kein Wort bezüglich Knirsch oder des Einsatzes überhaupt über den Funk geht.«

»Verstanden.«

»Prima, dann mal los.«

Ich stieg aus dem VW-Bus und wechselte zu Derek in den Wagen.

»Wir können los, Schatz. Probsteistraße, du weißt, wie wir da hinkommen?«

»Ja. Jedenfalls solange wir nicht in irgendeine Straßensperrung reingeraten.«

»Dann los. Die Kollegen fahren uns hinterher.«

Wir setzten uns in Bewegung, und durch einen Blick in den rechten Außenspiegel erkannte ich, dass uns der VW-Bus folgte. Die Fahrt durch die Stadt verlief ereignislos, wenn man mal von den allgegenwärtigen Polizeifahrzeugen absah. Es lag eine ungeheure Spannung in der Luft, die nur darauf zu warten schien, sich in einem riesigen Knall zu entladen. Hoffentlich waren wir nicht mittendrin, wenn es dazu kommen sollte.

Einige Minuten später hielten wir vor dem Gebäude, in welchem Knirsch zwei Tage zuvor verschwunden war.

»Der, du bleibst im Wagen, okay?«

Begeistert war mein Freund davon nicht, aber er schien sich zumindest für den Moment damit abzufinden.

»Pass auf dich auf.«

»Mach ich. Und ich hab ja die Kollegen in Grün dabei.«

Ich stieg aus, und während ich zu dem kurz hinter uns parkenden Kleinbus ging, bemerkte ich etwa 100 Meter weiter die Straße entlang einen dunkelblauen Mercedes mit getönten Scheiben. Deutlich mehr getönt als eigentlich erlaubt war, selbst durch die Frontscheibe konnte man nicht ins Innere hineinschauen. Sehr seltsam.

Unterdessen waren auch die Bereitschaftspolizisten ausgestiegen, und ich wandte mich an Hauptmeister Lorke.

»Das hier ist das Haus. Ich geh da jetzt rein und ich möchte, dass Sie mich mit einem Ihrer Leute begleiten. Die anderen beiden bleiben bei den Fahrzeugen und halten die Umgebung im Auge.«

Lorke nickte und wandte sich an Blaumeier.

»Andreas, du kommst mit, Heiko und Franz bleiben hier.«

Mir fiel noch etwas ein, und ich drehte mich zu den beiden, die bei den Wagen bleiben würden.

»Die Straße runter steht ein blauer Mercedes, achten Sie bitte unauffällig ein wenig mit auf den. Der steht mir ein wenig arg verdächtig in der Gegend rum.«

Die zwei nickten, und ich machte mich mit Lorke und Blaumeier auf den Weg ins Haus. Es handelte sich um eine große Toreinfahrt. Am Klingelschild fanden sich nur vier Namen: Druckerei Blanke, F. Blanke, Pietzsch und Jost. Wo sollte ich klingeln? Obwohl, vielleicht musste ich das ja erst mal gar nicht. Ich drückte die Klinke herunter und siehe da: der rechte Torflügel ging auf.

»Wer sagts denn, gehen wir rein.«

Freundlicherweise schob Lorke den schweren Torflügel weiter auf, ansonsten hätte ich wohl mal wieder Probleme bekommen. In der Einfahrt war es hell, da sich schon nach wenigen Metern der Hof anschloss. Links führte eine Tür in die Druckerei, rechts schien es ins Treppenhaus zum Wohnbereich des Hauses zu gehen. Vor der eigentlichen Druckereitür befand sich eine geschlossene Gittertür – da war wohl niemand zugange. Durch die Glasscheiben der Tür war auch kein Licht zu sehen. Ich beschloss, mich erst einmal auf dem Hof umzuschauen und dann zu entscheiden, ob ich beim Herrn Landesvorsitzenden der PND klingeln sollte. Wobei der ja sicherlich nicht zuhause sondern irgendwo im Kundgebungseinsatz war.

Wir verließen den Durchgang und betraten den Hof. Sofort war mir klar, wie Knirsch und sein Auto hatten verschwinden können. Hinter der gepflasterten Fläche erstreckten sich die Überreste eines Hauses, welches sich vor anscheinend kurzer Zeit in einen Schutthaufen verwandelt hatte – und es gab auch genug Platz, um sich mit dem Auto zur Parallelstraße durchzuarbeiten. Die Frage war allerdings, in welchem Zustand Knirsch die Örtlichkeit verlassen hatte, bzw. in wievielen Einzelteilen.

Ich schaute mich weiter um und entdeckte etwas Sonderbares. Während eine große, doppelflüglige Tür zur Druckerei mit einer Kette und einem Vorhängeschloss verschlossen war, stand eine weitere Tür einen Spalt offen. Es handelte sich um eine Stahltür, zu der drei oder vier Stufen hinabführten. Ein Kellereingang? Vorsichtig näherte ich mich der Tür.

Was war das? Rote Spritzer auf den Pflastersteinen! Sollte ich tatsächlich den Tatort der Nazi-Zerstückelung gefunden haben? Andererseits: an der Stahltür hing ein Schild mit der Aufschrift »Farblager«. Ich sollte wohl am besten die Spurensucher anfordern. Gerade als ich mich Hauptmeister Lorke zuwenden wollte, sprang direkt vor mir die Tür auf, und im nächsten Moment wurde ich von zwei Typen, die aus der Tür herausgeschossen kamen, regelrecht über den Haufen gerannt. Ich prallte gegen das Metallgeländer an den Stufen und sah Sterne.

»Halt, stehenbleiben, Polizei!«

Zumindest schienen meine beiden Begleiter auf Zack zu sein, allerdings erkannte ich beim Aufrappeln, dass meine beiden »Angreifer« alles andere taten als der Aufforderung Folge zu leisten. Ganz im Gegenteil, sie nahmen die Beine in die Hand und flitzten in Richtung der durch den Hausabriss entstandenen Lücke.

»Hinterher, schnappt sie euch!«

Lorke und Blaumeier folgten meiner Anweisung, während ich langsam wieder meine Knochen sortierte. Verdammter Mist. Davon würde ich Derek lieber nichts erzählen, oder ich konnte mir wieder stundenlang anhören, dass er genau vor sowas Angst gehabt hatte. Davor, dass ich mich trotz meiner eh schon vorhandenen Verletzung in Gefahr bringen würde. Naja, zumindest hinterherrennen würde ich nicht auch noch.

Drei Minuten später war ich langsam wieder zu Atem gekommen, und kurz darauf kamen auch meine beiden uniformierten Begleiter wieder zurück in den Hof. Leider waren sie nur zur Hälfte erfolgreich gewesen, sie brachten nur einen der Verfolgten mit.

»Tut mir leid, Herr Oberkommissar, den anderen haben wir nicht erwischt.«

Ich nickte.

»Besser einen als keinen.«

Neugierig schaute ich mir ihren Fang etwas genauer an. Es handelte sich um einen jungen Mann, eher noch um einen Teenager, vielleicht 16 Jahre alt. Er passte überhaupt nicht in die Umgebung der Nazi-Druckerei, viel eher konnte ich ihn mir im gegnerischen Block vorstellen! Abgerissene Klamotten, bunte Haare, Antifa- und Anarchie-Symbole überall. Er zappelte auch ziemlich in den Händen von Lorke und Blaumeier herum.

»Scheiß Bullen! Lasst mich los! Ich habe nichts getan!«

„Das werden wir ja sehen. Dann hättest du ja auch nicht wegzulaufen brauchen.«

Der Rotzlöffel spuckte mir vor die Füße. Was für ein freundliches Bürschlein. Was hatte der hier zu suchen gehabt? Und da war noch etwas sehr Seltsames – oder hatte ich mich in meiner Überraschung doch verguckt? Ich wandte mich an meine uniformierten Begleiter.

»Sagt mal, habt ihr den anderen genauer erkennen können? Ich hätte schwören können, dass der in Bomberjacke und Springerstiefeln rumgelaufen ist und außerdem eine Glatze hatte.«

Lorke zuckte mit den Schultern, Blaumeier jedoch nickte eifrig.

»Jetzt wo Sie es sagen! Ich hatte mich auch gewundert, irgendwas passte bei den beiden nicht zusammen. Der lief wirklich rum wie einer von den Jung-Nazis.«

Sehr komisch. Die hatten auch nicht den Eindruck gemacht, als würden sie sich gegenseitig jagen, eher so, als würden sie zusammengehören und von einem gemeinsamen Tatort abhauen. Dass der Junge immer wieder ziemlich nervös in Richtung Kellertür schaute, verstärkte diesen Eindruck noch. Irgendwas war faul im Staate Dänemark.

»Okay, bringt ihn zu eurem Wagen, und dann schauen wir uns hier mal genauer um.«

Lorke nickte, die beiden nahmen ihren Gefangenen in die Mitte und wollten sich gerade auf den Weg durch die Toreinfahrt zur Straße machen, als ein lauter Knall gefolgt von einem gewaltigen Fauchen die Luft erschütterte. Im nächsten Moment kam eine Stichflamme aus der Kelltertür! Zum Glück befand sich keiner von uns im gefährdeten Bereich.

»Verdammt! Was zur Hölle ist hier los?«

Blaumeier sprach aus, was wohl zumindest wir drei Polizisten dachten.

»Hiergeblieben!«

Der nunmehr dringend der Brandstiftung tatverdächtige Jugendliche wollte unsere kurze Verwirrung nutzen, um wieder abzuhauen, die beiden Bereitschaftspolizisten vereitelten jedoch seinen neuerlichen Fluchtversuch. Im nächsten Moment kamen auch schon unsere anderen drei Begleiter durch die Toreinfahrt in den Hof gehetzt.

»Sascha, was ist hier los? Bist du okay?«

»Ja, Derek, alles in Ordnung. Jedenfalls mit mir.«

Es war wohl an der Zeit, wieder Ordnung in die Situation zu bringen.

»Derek, ruf die Feuerwehr. Nimm dein Handy, nicht den Funk.«

Mein Freund warf mir einen kurzen, zweifelnden Blick zu, schien dann aber davon überzeugt zu sein, dass ich wirklich in Ordnung war. Während ich mich den bayerischen Kollegen zuwandte, sah ich noch aus den Augenwinkeln, wie Derek zu seinem Mobiltelefon griff.

»Alle raus hier, auf die Straße. Zwei von euch bringen den Typen in den Wagen. Fesselt ihn irgendwie, dass er uns nicht doch noch stiften geht. Die anderen räumen das Haus. Da unten brennt ein Farblager, das wird auch die Feuerwehr nicht so einfach unter Kontrolle bekommen. Wenn ihr mit dem Haus hier fertig seid, tut ihr auch noch die Nachbarhäuser evakuieren. Ich sorge in der Zwischenzeit für Verstärkung. Und nun los!«

Schnellen Schrittes durchquerte unsere kleine Gruppe die Toreinfahrt und kam gerade noch rechtzeitig auf der Straße an um zu sehen, wie der dunkle Mercedes vom Straßenrand losfuhr und in hoher Geschwindigkeit den Ort des Geschehens verließ. Sehr verdächtig, aber ich hatte niemanden, der den Wagen hätte verfolgen können.

Nachdem der Festgenommene im Wagen der Bereitschaftspolizisten verstaut war, schwärmten diese aus, um die Anwohner zu informieren und aus den Häusern zu holen.

»Sascha, die Feuerwehr ist unterwegs.«

»Danke, Derek. Fahr bitte den Wagen ein Stück zur Seite, damit die dann genug Platz zum Arbeiten haben.«

Mein Freund nickte, und ich griff mir mein eigenes Handy. Zehn Sekunden später tönte die Stimme meines Chefs aus dem Gerät.

»Was gibt’s, Sascha?«

»In der Druckerei in der Probsteistraße ist gerade ein Feuer ausgebrochen. Kurz vorher sind zwei Typen rausgerannt, ich gehe von Brandstiftung aus. Die Feuerwehr ist bereits informiert, aber wir brauchen hier Verstärkung zur Absicherung und so weiter.«

»Brandstiftung? In der Druckerei vom PND-Landesvorsitzenden?«

»Genau.«

»Verdammt!«

Ganz meine Meinung.

»Konntest du vorher irgendwas herausfinden?«

»Nein, tut mir leid. Wir waren gerade erst angekommen.«

»Habt ihr wenigstens die beiden Typen schnappen können?«

»Einen haben wir. Aber das ist ziemlich seltsam, der den wir geschnappt haben sieht aus wie ein Hardcore-Punk oder so – der andere hingegen eher wie ein typischer Nazi-Skin. Das passt irgendwie nicht zusammen.«

»Hm. Hast du den Punk schon befragt?«

»Da bin ich noch nicht dazu gekommen, das Feuer geht erst mal vor. Außerdem macht der keinen sehr kooperativen Eindruck.«

»Okay, tu dein Bestes. Ich schicke dir Verstärkung vom Revier. Wenn du die Möglichkeit hast, befrage den Typen den ihr in Gewahrsam habt. Wenn er nichts sagt, dann schick ihn mit dem ersten freien Wagen zu mir ins Dezernat.«

»Verstanden, Chef.«

»Gut. Und halt dort weiter die Augen offen, vielleicht fällt dir doch noch was auf, was uns im Fall Knirsch weiterbringt.«

Ohne ein weiteres Wort beendete Machlitzke das Gespräch und ich steckte das Handy wieder weg. Von weitem waren nun auch schon die Sirenen der Feuerwehr zu hören, während sich auf der Straße langsam die Bewohner des brennenden Hauses einfanden. Zum Glück gab es wohl keine Verbindung vom Farblager zum Rest des Hauses, sodass das Treppenhaus gefahrlos passierbar war. Derek hatte in der Zwischenzeit unseren Wagen ein Stück die Straße hinunter gefahren, und einer der Bereitschaftspolizisten hatte mitgedacht und das gleiche mit dem Kleinbus getan. Ich ging hinüber und stieg hinten ein, wo ich mich gegenüber dem bunthaarigen Jungen niederließ. Eine Weile starrte ich ihn an, was er mit einem verkniffenen Gesichtsausdruck beantwortete.

»Wie heißt du?«

»Fick dich, Bulle!«

Sehr freundlich. Ich seufzte.

»Ich bin Oberkommissar Altmann, Kripo.«

Mein Gegenüber starrte angestrengt auf seine Füße.

»Von der Mordkommission.«

Dies schien durchzudringen, erschrocken zuckte der Kopf des Jungen nach oben. Mit weit aufgerissenen Augen blickte er mich an. Vielleicht war er ja jetzt zugänglicher.

»Also nochmal. Wie heißt du?«

Ich erntete nur Schweigen.

»Was hast du da drin gemacht?«

Erneut gab mein Gegenüber keinen Ton von sich.

»Dir ist schon klar, dass du voll die Arschkarte gezogen hast, oder? Wir haben dich mehr oder weniger bei einer Brandstiftung erwischt. In einem bewohnten Haus, mit Gefährdung der Anwohner, das macht es zu schwerer Brandstiftung, was wiederum selbst vor dem Jugendgericht eine lange Gefängnisstrafe bedeutet. Du solltest langsam anfangen zu versuchen, einen möglichst guten Eindruck zu machen, um dir den einen oder anderen Monat zu ersparen. So ein zartes Kerlchen wie du hat im Knast kein leichtes Leben. Nicht einmal im Jugendknast.«

Der Junge war wirklich recht zierlich, ja fast schon schwächlich geraten, woran auch sein Bemühen, einen starken, abgebrühten Eindruck zu vermitteln, nicht viel änderte.

»Aber wenn du nicht mit mir redest, dann kann ich dir auch nicht helfen. Wenn ich dich von hier abtransportieren lasse, ist alles zu spät.«

Der Junge schien zu überlegen, aber weiterhin kam kein Wort über seine Lippen. Ich seufzte und erhob mich von meinem Sitz. Anscheinend war hier wirklich nichts zu machen.

»Dirk.«

Mitten in der Bewegung hielt ich inne.

»Wie bitte?«

»Ich heiße Dirk.«

Uff, im letzten Moment. Ich ließ mich wieder auf die Polster sinken.

»Dirk. Und wie weiter?«

»Blinker. Dirk Blinker.«

»Wie alt bist du?«

»Sechzehn.«

»Mit wem warst du vorhin zusammen? Wer ist da abgehauen?«

Der Junge schien kurz zu überlegen, ob er das wirklich verraten sollte, dann aber schien er zu der Überzeugung zu gelangen, dass nun eh alles egal war.

»Mein Bruder Maik.«

Ich stutzte, das waren ja sehr seltsame Familienbeziehungen. Ein Punk und ein Nachwuchs-Adolf? Aber gerade, als ich ihn weiter befragen wollte, wurde die Schiebetür neben uns aufgerissen.

»Sascha, komm mal schnell!«

Etwas verärgert schaute ich zu Derek.

»Muss das sein? Ich bin gerade beschäftigt.«

»Glaub mir, das muss sein.«

Mist. Ich wandte mich an den Jungen.

»Ich komme gleich wieder.«

Mit leichten Schmerzen krabbelte ich aus dem Kleinbus und folgte Derek. So ganz verziehen hatte ich ihm die Störung noch nicht.

»Ich hoffe wirklich, dass das, was du mir zeigen willst, die Störung wert ist.«

»Das ist sie, Sascha. Ich hätte dich sonst nicht unterbrochen.«

Na hoffentlich. Mittlerweile war auch die Feuerwehr eingetroffen und bereits im Löscheinsatz, außerdem wimmelte es nun von Polizisten, die sich um die Absperrung des Brandortes kümmerten. Aber wohin wollte Derek mich führen? Wir entfernten uns immer mehr vom brennenden Haus, bogen dann sogar in eine Seitenstraße ein.

»Sag mal, was willst du mir eigentlich zeigen?«

»Nachdem ich den Wagen weggefahren hatte, sprach mich ein alter Mann an, er dachte wohl, ich wäre auch Polizist. Bevor ich ihn darüber aufklären konnte, hatte er mich schon mit sich mitgezogen. So, wir sind schon da.«

Wir standen an einer Brücke über den Kanal, und hier erwartete uns auch der alte Mann, von dem Derek gesprochen hatte.

»Herr Munz? Das ist Oberkommissar Altmann von der Kriminalpolizei.«

Wir gaben uns die Hand, dann fragte ich ihn, was er uns nun eigentlich zeigen wollte.

»Kommen Sie mit auf die Brücke, da können Sie es am besten sehen.«

Derek und ich folgten ihm. Etwa auf Mitte der Brücke blieb er stehen und schaute über das Geländer ins Wasser hinunter. Wir taten es ihm gleich. Im ersten Moment erkannte ich nichts, das Wasser war ziemlich trüb, dann aber…

»Oh Mann. Derek? Siehst du was ich sehe?«

»Ich weiß nicht, was du siehst, aber ich sehe ein Auto.«

Genau das sah ich auch. Unter der grünen Wasseroberfläche schimmerte ein helles Autodach durch. Ich wandte mich an den Hinweisgeber.

»Wann haben Sie das entdeckt, Herr Munz?«

»Vorhin, als ich mit Wastl Gassi war.«

»Haben Sie schon irgendwen darüber informiert?«

»Nein, das wollte ich gerade machen, als ich den Polizeieinsatz in der Probsteistraße bemerkte, da bin ich gleich zu ihrem Kollegen gegangen.«

Ich verzichtete darauf ihm zu erklären, dass mein Freund kein Polizist war, das war nun wirklich unwichtig.

»Was meinst du, Der? Ein Passat?«

»Könnte sein, groß genug sieht die Karre aus.«

Blöderweise war wirklich nicht viel mehr zu erkennen, und natürlich erst recht nichts vom Kennzeichen. Die Wahrscheinlichkeit, es mit der zur Fahndung ausgeschriebenen Nazikutsche zu tun zu haben, war jedoch relativ hoch. Seufzend griff ich zum Handy, und schon nach zwei Ruftönen ging mein Chef ran.

»Ja, Sascha, was gibts? Ich hoffe, es ist nicht nochwas in die Luft geflogen.«

»Eher abgesoffen.«

»Abgesoffen? Du sprichst in Rätseln.«

»Kennst du die Kanalbrücke in der Geißleinstraße?«

»Hm, Geißleinstraße. Ist das nicht gleich um die Ecke wo du gerade bist?«

»Richtig. Ein Hundegassigänger hat gerade Derek angesprochen, der hat hier was im Wasser entdeckt. Sieht nach einem großen, silbernen PKW aus, viel mehr ist wegen der trüben Brühe leider nicht zu erkennen.«

Ich hörte meinen Chef tief durchatmen.

»Ohhhkay… Meinst du, das dass der Passat vom Knirsch ist?«

»Die richtige Größe hat er jedenfalls, und die Farbe kommt wohl auch hin.«

»Na prima. Ich schicke dir die Polizeitaucher und sage der Feuerwehr, dass sie einen Kran nachziehen sollen. Wie sieht es eigentlich mit dem Feuer aus?«

»Das kann ich von hier nicht sehen, aber als Derek mich hierher lotste, waren die fleißig beim Löschen.«

Machlitzke seufzte.

»Das artet immer mehr in eine Katastrophe aus, Sascha. Ich bin froh, dass du selbst vor Ort bist. Brauchst du noch Leute?«

»Wäre wohl gut, alle anderen sind an der Druckerei beschäftigt, ich hab niemandem hier an der Brücke.«

»In Ordnung, ich versuche, noch irgendwo ein oder zwei Wagen loszueisen.«

»Werde ich brauchen, Jens. Sollte mich nicht wundern, wenn hier demnächst auch die Presse aufschlägt. Die Explosion und das Feuer werden die garantiert anlocken, und wenn dann noch ein Auto aus dem Wasser gezogen wird, werden überall Kameras auftauchen.«

»Stimmt. Denk bitte daran, das Wichtigste ist, dass keinerlei Details und Namen ausgequasselt werden. Erinnere auch die Kollegen nochmal daran.«

»Mach ich. Ich melde mich, wenn es irgendwelche Neuigkeiten gibt.«

»Okay. Ich leite alles ein. Bis später.«

Mein Boss legte auf, und auch ich steckte mein Handy weg. Der Dackelbesitzer und Derek schauten mich erwartungsvoll an.

»Derek, gehst du mal bitte zurück und suchst nach Hauptmeister Lorke von der Bayern-Bepo? Der soll mit einem Kollegen herkommen, ich möchte hier nicht ganz alleine rumstehen bis Verstärkung und die Feuerwehr aufkreuzen.«

»Mach ich, bin gleich wieder da.«

Mit diesen Worten stiefelte mein Freund davon und ließ mich mit dem Autofinder alleine zurück.

»Herr Munz, gut dass Sie mit offenen Augen durch die Welt gehen. Vielen Dank, dass Sie uns informiert haben.«

»Aber das mach ich doch gerne.«

»Haben Sie sonst noch irgendwas bemerkt? Können Sie mir eventuell sagen, wie lange das Auto schon im Wasser liegt?«

»Also vorgestern abend so gegen neun war es noch nicht da.«

»Sind Sie sich da ganz sicher?«

»Aber natürlich! Ich war mit Wastl unterwegs, und da kam eine Gruppe Kanufahrer angepaddelt. Ich hab mich ans Geländer gestellt und denen etwas zugeschaut. Wäre das Auto schon im Wasser gewesen, dann hätte ich das garantiert sofort bemerkt.«

Na das war ja schonmal etwas. Vorgestern hatte auch der Staatsschutz Knirsch aus den Augen verloren.

»Danke, Herr Munz, das hilft mir schon weiter.«

»Wie gesagt, immer wieder gerne. Brauchen Sie mich jetzt noch?«

Ich überlegte kurz.

»Nein, eigentlich nicht. Ich schreibe mir nur noch schnell Ihre Adresse auf, falls es noch irgendwelche Fragen geben sollte.«

Mein Gegenüber zog seine Brieftasche aus der Jacke und nahm etwas heraus.

»Hier, meine Visitenkarte, da brauchen Sie nicht soviel zu schreiben. Steht alles drauf.«

Dankbar nahm ich das Stück Pappe entgegen und verstaute es in meiner Hemdtasche.

Danke, Herr Munz.«

»Ich mach mich dann mal wieder auf den Weg, mein Hund ist alleine zuhause, und das mag der überhaupt nicht. Wenn ich noch länger wegbleibe, zerlegt er mir noch das Inventar.«

Böser Wuff. Das besorgte Herrchen machte sich auf den Heimweg, allerdings blieb ich nicht lange alleine, denn nur zwei Minuten später tauchte Derek wieder auf, mit Hauptmeister Lorke und dem Kollegen Schöbbelkurt im Schlepptau.

»Was gibt es denn hier Interessantes, Herr Oberkommissar?«

Wortlos deutete ich auf die Wasseroberfläche.

»Autsch. Das schöne Auto. Glauben Sie, dass das irgendwas mit unserem Fall zu tun hat?«

»Möglich, sogar wahrscheinlich. Der, dessen Namen wir nicht laut aussprechen sollen, fährt einen silbernen Passat. Beziehungsweise fuhr er ihn.«

Lorke schaute nochmals über das Brückengeländer ins Wasser.

»Hm, könnte hinkommen. Ist halt kaum was Genaues zu erkennen.«

»Die Polizeitaucher sind unterwegs, und die Feuerwehr schickt einen Kran.«

»Schöne Scheiße. Bekommen wir noch Verstärkung? So langsam wird die Personaldecke hier etwas dünn mit den ganzen Absperrungen um den Brand herum.«

»Ich hoffe es, mein Chef will versuchen, uns noch ein paar Leute zukommen zu lassen. Aber Sie wissen ja selber, wie es momentan in der Stadt aussieht.«

Lorke grinste.

»Ja, sogar die Schwerverwundeten müssen ran.«

»Allerdings. Wie sieht es eigentlich beim Feuer aus?«

»Die Feuerwehr hat ganz schön zu kämpfen mit dem ganzen Farbzeugs, aber sie haben es schon etwas eindämmen können. Der Rest des Hauses und die Nachbarhäuser scheinen sicher zu sein.«

Sehr schön. In den nächsten Minuten trafen bei uns zwei Streifenwagen ein, kurz darauf gefolgt vom Transporter mit den Polizeitauchern. Nach einer kurzen Einweisung machten sich letztere an die Arbeit, während die Streifenbeamten dafür sorgten, dass die nach und nach eintrudelnden Schaulustigen etwas zurückgehalten wurden.

In der Zwischenzeit schaute ich mich ein wenig um und versuchte herauszufinden, wie der Wagen wohl ins Wasser gekommen war. Das Brückengeländer war unversehrt, allerdings fehlte am Zugang zum Uferweg ein Poller, welcher eigentlich dafür sorgen sollte, dass höchstens Fahrräder diesen Weg befahren konnten.

»Sieht so aus, als ob die Karre hier runtergerollt ist, Sascha.«

Derek hatte den Nagel auf den Kopf getroffen, auch das Ufergrün war ziemlich heruntergedrückt, die kleinen Büsche teilweise abgeknickt. Beim genaueren Hinschauen fielen uns auch die Reifenspuren ins Auge.

»Stimmt, Derek. Bleibt nur noch die Frage, ob sie geschoben wurde oder aus eigener Kraft gefahren ist.«

Mal ganz von der Frage nach dem Warum abgesehen.

Ein paar Minuten später kam die erste Meldung von den Tauchern.

»Kollege, der Wagen ist leer. Jedenfalls der Teil, den wir von außen einsehen können.«

Ich nickte.

»Habt ihr ein Kennzeichen erkennen können?«

»Ja, Moment, ich hab es aufgeschrieben. Hier. München Gustav Heinrich 374. Sagt dir das was?«

Das sagte mir allerdings was. Ein weiteres »Einzelteil« des Herrn Knirsch war wieder aufgetaucht.

»Ja, danke. Ich hoffe, dass der Kran bald auftaucht.«

Kaum hatte ich das ausgesprochen, als das große rote Auto in die Straße einbog und kurz danach auf der Brücke zum Stehen kam. Just in diesem Moment klingelte mein Handy.

»Altmann.«

»Sascha, gibt es schon Neuigkeiten zu dem Auto?«

»Ja, Chef, die Taucher haben gerade das Kennzeichen bekanntgegeben. Es ist der Wagen, nach dem wir fahnden.«

»Schrott. Noch irgendwas?«

»Nein, bisher nicht. Er scheint so weit leer zu sein, jedenfalls im Fahrgastraum, den Kofferraum können wir erst öffnen, wenn die F den Wagen aus dem Wasser gezogen hat.«

»Mach mir keine Angst, Junior. Auch wenn du im Kofferraum noch eine Leiche findest, auf deine nächste Beförderung wirst du noch ein paar Jahre warten müssen.«

Ich lachte.

»Ach, ein paar gut bezahlte Überstunden würden mir erst mal reichen.«

»Tun wir es lieber nicht herbeireden. Ruf mich an, wenn du was Interessantes findest.«

»Mach ich. Gibt es von deiner Seite irgendetwas, was ich wissen sollte?«

»Hier rotieren alle wie die Wahnsinnigen. Ein Typ vom Verfassungsschutz tauchte auf und machte sich wichtig, den hat Jasche dermaßen zusammengefaltet, dass er immer noch damit beschäftigt ist, sich stammelnd zu entschuldigen.«

»Hatte er irgendwelche Informationen?«

»Nicht wirklich. Es gab aus der autonomen und linksextremen Ecke keine ernsthaften Drohungen gegen Knirsch, nur die allgemeinen Sachen nach dem Schema, dass sie die Demo verhindern wollten. Notfalls auch mit Gewalt. Die Schlapphüte haben Knirsch nicht als besonders gefährdet eingeschätzt und sind momentan völlig ratlos. Wir bisher auch. Der Staatsschutz hat ebenfalls nichts. Alle tappen im Dunkeln – aber mittlerweile fällt den Braunen wohl auf, dass ihnen ihr Obermacker irgendwie abhanden gekommen ist.«

»Werden die unruhig?«

»Ja, und es wird sehr schnell sehr viel schlimmer werden. In einer Stunde sollte der eigentlich eine große Rede schwingen.«

»Na super. Okay, ich will dich mal nicht länger von der Arbeit abhalten, die Feuerwehr stellt gerade ihren Kran auf. Ich melde mich, wenn ich irgendwas für dich habe.«

»Gut, bis bald.«

Jens legte auf, und ich wandte mich wieder dem Geschehen vor Ort zu. Die Taucher stiegen gerade wieder ins Wasser und verbrachten die nächsten Minuten damit, die Kranseile am versunken Auto zu befestigen. Derek, Lorke und ich beobachteten sie dabei schweigend. Dann begann der Kranführer, den Wagen langsam aus dem Kanal zu ziehen und anschließend auf der Straße abzustellen. Große Mengen Wasser flossen aus allen möglichen Ritzen heraus und verwandelten sich in einen kräftigen Schwall, als einer der Feuerwehrleute die Fahrertür öffnete. Ich trat heran.

»Leer, Herr Kommissar.«

»Ja, das hatten die Taucher schon angekündigt. Kommen wir an den Kofferraum ran?«

Es handelte sich um einen der eher seltenen Stufenheck-Passats, daher war der Kofferraum vom Innenraum her nicht zugänglich.

»Mal schauen. Die Entriegelung ist elektrisch, keine Ahnung, ob die nach dem Vollbad noch funktioniert.«

Tat sie natürlich nicht, der Druck auf den entsprechenden Knopf blieb ergebnislos.

»Sollen wir den aufbrechen, oder wollen Sie den Besitzer samt Schlüssel heranschaffen? Mit dem sollte es eigentlich noch gehen.«

»Das würde nicht viel bringen, der Besitzer ist momentan leider verhindert.«

»Ah okay. Naja, jedenfalls sitzt er nicht tot auf dem Fahrersitz. Ist doch schonmal eine gute Nachricht.«

Ich verkniff mir eine Richtigstellung und ordnete stattdessen an, den Kofferraum mit Gewalt zu öffnen. Ein weiterer Feuerwehrmann tauchte auf und brachte ein Brecheisen mit, mit welchem er nach mehrmaligem Ansetzen den Kofferraum des VW aufhebelte. Im nächsten Moment sprang er erschrocken zurück.

»Scheiße! Das müsst ihr euch ansehen!«

Mit wenigen Schritten war ich neben ihm und schaute selbst in das frisch geöffnete Gepäckfach. In diesem stand das Wasser noch bis fast zur Oberkante – und aus dieser improvisierten Badewanne schaute mich mit weit aufgerissenen Augen eine Leiche an.

»Verdammt, noch einer.«

Derek war unbemerkt neben mich getreten und schüttelte sich nun angeekelt. Naja, zumindest schien er seine zweite Leiche besser zu verkraften als die erste, was natürlich auch daran liegen konnte, dass diese hier wenigstens noch in einem Stück vor uns lag. Trotzdem war der Mann nicht weniger tot als Knirsch. Ich rief einen der Taucher herbei.

»Kannst du mal schaun, ob du irgendwo Papiere bei ihm findest? Du hast ja deine Handschuhe noch an.«

»Klar, mach ich.«

Es schien nicht seine erste Wasserleiche zu sein, jedenfalls sah er nicht sonderlich geschockt aus.

»Aber beweg ihn bitte nicht, die Spurensicherung wird bestimmt ein paar Fotos machen wollen.«

»Gut, ich schau nur in die Taschen, an die ich so herankomme.«

Lange brauchte er nicht zu suchen, schon in der Innentasche des Jackets wurde er fündig. Eine Brieftasche! Der Taucher öffnete sie und zog zwischen durchweichten Geldscheinen und sonstigem Papierkram einen Personalausweis hervor.

»Hier, bitteschön. Der Knabe heißt Blanke.«

Na super, auch das noch. Ich griff mir das eingeschweißte Dokument und schaute selbst darauf. Tatsächlich. Fritz Blanke. Verdammt. Zeit für den nächsten Anruf bei meinem Chef.

»Ja, Sascha?«

»Sorry, Jens. Im Kofferraum liegt tatsächlich eine Leiche.«

»Mist! Sag mal, wieviel Arbeit willst du mir heute eigentlich noch anschleppen? Ach, vergiss es. Hast du schon eine Ahnung, wer das ist? Knirsch kann es ja nicht sein.«

»Ich hab mehr als nur eine Ahnung, aber ich befürchte, das wird dir nicht gefallen. Dem Ausweis nach handelt es sich um Fritz Blanke.«

»Der PND-Landesfuzzi? Der Druckereibesitzer?«

»Genau der.«

»So langsam erinnert mich das an den Kinderpornofall von vor ein paar Monaten. Ist hier vielleicht jemand unterwegs, der die Rechten einen nach dem anderen ins Jenseits befördert?«

Sah fast danach aus, und auch in diesem Falle hielt sich mein Mitleid in sehr engen Grenzen. Allerdings waren die potentiellen Folgen für unsere Stadt hochgradig gefährlich.

»Keine Ahnung, aber bisher sind es ja nur zwei.«

»Schlimm genug. Die Braunen werden immer unruhiger. Sie vermissen Knirsch, und Blanke wäre einer der nächsten Ansprechpartner. Wenn dessen Fehlen auch noch auffällt, dann weiß ich nicht, wie es weitergeht.«

»Schickst du mir den Doc rüber, oder soll ich die Leiche zu ihm bringen lassen?«

»Ich schick dir die Kalte Hand, die übernehmen den. Das Auto lässt du auch aufladen und schickst es zur Kriminaltechnik. Vielleicht können die Spurenheinis irgendwas herausfinden.«

»Okay, mach ich.«

»Was ist eigentlich mit dem Punk, den ihr geschnappt habt?«

»Schei…benhonig. Den hab ich über den Autofund ganz vergessen, der hockt noch im Transporter von der Bayern-Bepo.«

»Wenn du dort nicht mehr gebraucht wirst, komm rein und bring ihn mit. Wir quetschen ihn dann hier im Präsidium aus.«

»Alles klar. Sobald hier alles abgeholt ist, schau ich noch kurz in der Druckerei vorbei, dann komme ich rein.«

»So machen wir das. Bis später.«

Es dauerte dann doch noch eine halbe Stunde, bis ich mich auf den Weg ins Präsidium machen konnte. In der Druckerei war oberflächlich nichts an Spuren zu finden, Feuer und Löschwasser hatten ganze Arbeit geleistet. Ganz anders sah es in der Wohnung von Fritz Blanke aus. Es gab deutliche Kampfspuren, und im Badezimmer fand sich eine Unmenge an Blut. So viel, dass dies wohl der Ort war, an welchem Knirsch in handliche Einzelteile zerlegt worden war. Eklig. Ich war froh, dass Derek beim Wagen geblieben war.

Nachdem ich die Spurensicherung überall eingewiesen hatte, ging ich zurück auf die Straße und rief meine Entourage zusammen.

»Wir sind hier fertig und fahren rein ins Präsidium. Die Restarbeiten hier übernehmen die Kollegen vom Revier und die Kriminaltechnik.«

Hauptmeister Lorke schaute mich an.

»Was ist mit dem Gefangenen? Der wird etwas unruhig und will wissen, wie es mit ihm weitergeht.«

»Den nehmen wir mit, ich sag ihm schnell Bescheid.«

Ich ging zum Kleinbus der Bayern, öffnete die Tür und schaute zu unserem geschnappten Nachwuchs-Punk.

»Okay, Dirk, es haben sich ein paar neue Dinge ergeben. Wir fahren jetzt ins Präsidium, dort werden wir uns mit dir unterhalten.«

»Scheiße, muss das sein?«

»Klar, hattest du etwa gedacht, wir machen einen kurzen Plausch und dann kannst du wieder nach Hause gehen? Sorry, dafür ist das hier ein klein wenig zu groß.«

»Du hattest mir versprochen, dass du ein gutes Wort für mich einlegst, wenn ich hier mit dir rede und du mich nicht abtransportieren lässt.«

»Das habe ich auch weiterhin vor, wenn du gut mitspielst. Weißt du was, ich werde hier bei dir mitfahren, da kannst du mir auf dem Weg zum Präsidium schon ein paar Sachen verklickern. Dann hab ich dort gleich etwas, was ich meinem Chef erzählen kann – was sicherlich gut für dich wäre.«

Mein Gegenüber seufzte und nickte.

»Okay, ich sag nur noch schnell meinem Freund Bescheid, dass er alleine fahren soll.«

Ich stieg aus und ging zu Derek.

»Du, Der, ich fahre bei den Bayern mit. Der Punk, den wir geschnappt haben, will plaudern, und da möchte ich die Fahrzeit gleich für was Nützliches verwenden.«

»Okay. Ich fahre wieder vorneweg und du folgst mir mit den Bepos?«

»Genau. Soll einer von denen bei dir mitfahren?«

Derek überlegte kurz.

»Wäre vielleicht besser, falls wir an irgendwelche Absperrungen geraten.«

»Alles klar, ich schick dir einen von denen, und dann gehts los sobald wir alle im Bus sitzen.«

Ich wanderte zurück zum silbergrünen Kleinbus und wandte mich an den Gruppenführer der bayerischen Kollegen.

»Herr Lorke, ich fahre im Bus mit, ich möchte unseren Fahrgast schon unterwegs ein wenig interviewen. Würden Sie bitte bei meinem Freund mit einsteigen? Nur für den Fall das wir unterwegs auf Polizeiabsperrungen stoßen.«

»Na sicher, kein Problem.«

»Danke.«

Wir verteilten uns auf die Wagen, und kurz darauf rollte unsere Minikarawane los. Ich wandte mich an unseren Gefangenen.

»So, Dirk, nun erzähl mal. Was ist da vorhin in der Druckerei abgelaufen? Und was hat es mit deinem Nazi-Bruder auf sich?«

Der Punk sah mich durchdringend an und antwortete nach einer kurzen Pause mit einer Gegenfrage.

»Bist du schwul?«

Das brachte mich ein wenig aus dem Konzept.

»Äh … ich wüsste nicht, was das mit unserem Thema zu tun hat. Aber ja, ich bin es. Und nun?«

Ich war wohl etwas angriffslustig rübergekommen, jedenfalls zuckte der jüngere Blinker zurück.

»Schon gut! War nicht als Attacke gemeint! Ich bin es ja auch, wollte es nur wissen.«

»Wenn du jetzt glaubst, dass dir das irgendwelche Pluspunkte bei mir bringt, dann hast du dich geschnitten. Aber nun los, erzähl.«

Dirk atmete tief durch, dann fing er tatsächlich an zu reden.

»Das ist eine lange Geschichte. Mein Bruder und ich, wir haben uns nie sonderlich gut verstanden. Naja, und als er in die rechte Ecke rutschte und ich zum Punk wurde, noch dazu schwul, dann krachte es immer wieder heftig.«

Heftig gekracht hatte es ja vorhin im Farblager auch, allerdings sah es da eher weniger so aus, als wären die beiden ungleichen Brüder aufeinander losgegangen.

»Weiter!«

»Bin ja schon dabei! Maik war ein, zwei Jahre lang völlig von den Naziheinis begeistert, er hat den Blanke angehimmelt, und diesen anderen, diesen Knirsch, regelrecht vergöttert. Führerkult oder so. Der war denen richtig hörig. Hat für die den Laufburschen gespielt, Plakate kleben, andere Plakate abreißen, lauter solche Sachen. Und mich hat er sogar verprügelt, als schwule linke Zecke bezeichnet und so.«

»Vorhin hast du ihn aber schützen wollen. Du wolltest mir nicht verraten, dass er es war, der mit dir unterwegs war.«

»Wir haben uns wieder vertragen.«

»Ach, einfach so? Da muss doch irgendwas passiert sein, bei solchen Gegensätzen.«

Blinker überlegte kurz.

»Ja, es ist etwas passiert. Etwas, was Maiks Glauben an die braunen Idioten völlig erschüttert hat. Er hat etwas bei Blanke gesehen, was er nicht hätte sehen sollen.«

»Und was war das?«

»Drogen.«

»Blanke nimmt Drogen?«

»Nein, viel schlimmer. Der dealt mit Drogen! Und nicht nur Blanke, der Knirsch steckt da auch mit drin. Außerdem hat Maik gehört, wie die sich darüber unterhalten haben, wie blöd doch ihre Gefolgsleute wären. Nützliche Idioten, die von ihren eigentlichen Geschäften ablenken.«

Wow, das waren ja wirklich brisante Informationen!

»Von was für Drogen reden wir?«

»Crystal Meth.«

»Von wo beziehen die das Zeugs? Osteuropa?«

»Nein, das ist ja das stärkste. Die stellen das selbst her.«

»Wo?«

»Im Farblager von Blankes Druckerei. Da gibt es einen abgetrennten Bereich.«

Das klang logisch. Die Farbgerüche verdeckten vermutlich perfekt den ansonsten verräterischen Gestank.

»Okay. Dein Bruder hat das also herausgefunden. Ich schätze mal, Blanke und Knirsch haben das nicht mitbekommen?«

»Nein, ansonsten hätten sie ihn vielleicht sogar kaltgemacht. Aber für Maik war das der totale Schock. Er war immer davon überzeugt, dass die Rechten für Gesetz und Ordnung stehen und eine entsprechende Gesellschaft aufbauen wollen. Plötzlich aber waren all seine Illusionen zerstört. Seine Helden hatten sich als ganz gewöhnliche Verbrecher entpuppt.«

Was für eine Überraschung.

»Und er hat es dir erzählt.«

»Ja. Wir haben überlegt, was wir machen könnten, und da kamen wir drauf, die Gifthölle abzufackeln. Das ganze braune Gesocks ist ja heute anderweitig beschäftigt, Knirsch und Blanke stolzieren vermutlich in vollem Wichs voran.«

Das taten sie mit Sicherheit nicht, aber das wollte ich meinem Gegenüber noch nicht verraten.

»Warum seid ihr nicht mit eurem Wissen zur Polizei gegangen?«

»Zu den Bullen? Spinnst du? Ich geh doch nicht zu den Bullen!«

»Also erstens mal: zur Polizei, nicht zu den Bullen. Die Bullen spielen bei RB Leipzig Fußball. Und zweitens: auch bei deiner Abneigung der Polizei gegenüber wäre das trotzdem die intelligenteste Lösung gewesen. Was hattet ihr eigentlich hinterher vor? Dachtet ihr euch ›Okay, wir blasen das Labor in die Luft, und hinterher ist alles in Ordnung. Knirsch und Blanke erkennen die Sündhaftigkeit ihrer Taten und schwören den illegalen Dingen ab.‹? Was habt ihr euch vorgestellt?«

Dirk starrte auf seine Füße.

»Darüber hatten wir uns noch keine Gedanken gemacht. Wir wollten erst mal die Gifthölle dichtmachen.«

Und dabei vielleicht auch die Giftmischer selbst beseitigen? Aber nein, so kam mir mein Gegenüber nicht vor, außerdem schien der felsenfest davon auszugehen, dass Knirsch und Blanke im Moment hochgradig lebendig auf der Nazidemo herumstolzierten. Dirk und sein mir noch nicht näher bekannter großer Bruder erschienen mir eher wie jugendliche Hitzköpfe, nicht wie eiskalte Killer. Und für das, was mit den beiden Obernazis geschehen war, brauchte es definitiv Letztere.

Mittlerweile waren wir im Präsidium eingetroffen. Mein unfreiwilliger Fahrgast wurde vorläufig in eine Arrestzelle verfrachtet, nachdem ich ihm nochmals versprochen hatte, ein gutes Wort für ihn einzulegen. Die bayerischen Kollegen parkte ich in der Kantine, dann marschierte ich mit Derek ins Büro der Mordkommission. Dort erwarteten uns bereits Eva und mein Chef. Letzterer schaute mich hoffnungsvoll an.

»Ich hoffe du bringst gute Neuigkeiten, Sascha.«

Ich schüttelte verneinend den Kopf.

»Neuigkeiten hab ich zwar, aber ob die gut oder gar hilfreich sind? Ich denke eher, dass sie die ganze Sache noch komplizierter machen.«

»Na super, genau das, was wir brauchen. Schieß los.«

Ich gab also zum Besten, was ich in der Druckerei und durch meinen geschnappten Nachwuchs-Punk erfahren hatte. Die Aufdeckung der Drogengeschäfte sorgte dafür, dass Jens die Kinnlade herunterklappte.

»Die PND ist ein Deckmantel für einen Drogenhändlerring?«

»Keine Ahnung, Chef. Könnte auch sein, dass Blanke und Knirsch die Partei und die Druckerei nur ausnutzen. Als willkommene Ablenkung von ihren eigentlichen Geschäften. Vielleicht geht es dem Rest der Nazibande so wie dem großen Bruder von Dirk – die haben keine Ahnung von den Drogen.«

»Auch möglich. Und vielleicht haben außer diesem Blinker noch andere aus dem Verein etwas herausbekommen. Die könnten dann sozusagen in ihrem eigenen Haus aufgeräumt haben.«

»Daran hatte ich auch schon gedacht, aber so richtig kann ich nicht daran glauben.«

Fragend schaute mein Chef mich an.

»Wieso nicht?«

»Überleg mal. Denk mal dran, was mit Knirsch angestellt wurde. Das traue ich keinem Gelegenheits-Totschläger zu, nicht einmal, wenn er richtig in Rage war. Nein, ich denke, das war Profiarbeit. Da hat kein erschütterter Parteigenosse einen Vorgesetzten, von dessen Verhalten er enttäuscht war, mal eben um die Ecke gebracht.«

»Hm, stimmt auch wieder. Ich denke, ich rufe mal beim Rauschgiftdezernat an, vielleicht können die uns weiterhelfen.«

Genau das tat Machlitzke dann auch, und glücklicherweise war dort tatsächlich jemand im Dienst. Wenige Minuten später tauchte Oberkommissar Wickert in unserem Büro auf.

»Tach Kollegen. Was gibt es denn, Jens? Du hast es ja arg dringend gemacht – ich dachte, heute wären die Demos das Wichtigste im ganzen Präsidium.«

Wenn der wüsste…

»Setz dich, Steffen. Und ja, das hängt alles irgendwie zusammen. Aber das Allerwichtigste zuerst. Alles, was du hier jetzt hören wirst, unterliegt der höchsten Geheimhaltungsstufe. Wenn du irgendwas davon ausplauderst, wird dich Jasche höchstpersönlich in den nächsten Flieger nach Helgoland setzen, wo du den Rest deines Arbeitslebens damit verbringen kannst, Taschendiebe in Duty-Free-Shops zu schnappen. Kapiert?«

»Mensch Jens, du kennst mich doch! Ich bin kein Plappermaul!«

Mein Chef antwortete nicht sondern schaute Wickert nur fragend an. Nach einigen Sekunden erkannte dieser, was von ihm erwartet wurde.

»Kapiert, Herr Hauptkommissar.«

Machlitzke nickte zufrieden, dann fing er an, unseren Kollegen in die bisherigen Ereignisse des Tages einzuweihen. Dabei wurde dessen Gesicht lang und länger, und so langsam verstand er wohl auch, warum Jens ihn so streng vergattert hatte. Als die Geschichte beim zum Sarg gewordenen Kofferraum angekommen war, konnte er sich nicht mehr zurückhalten.

»Verdammt, der Blanke auch noch? Wie soll das denn weitergehen? Müssten die nicht bald irgendwelche Reden bei dem Naziaufmarsch halten?«

»Allerdings, und zwar ziemlich genau jetzt in diesen Minuten. Müssten wohl sogar schon angefangen haben. Aber darum sollen sich die Kollegen kümmern, wir müssen versuchen herauszufinden, wie die beiden sich so plötzlich von der Bühne verabschiedet haben – und wer dabei nachgeholfen hat.«

Wickert nickte edeutungsschwer, dann stellte er die Frage, auf die ich bereits gewartet hatte.

»Okay, logisch. Aber wie kann ich euch dabei helfen? Was hat das mit dem Rauschgiftdezernat zu tun?«

Mein Chef schaute mich auffordernd an.

»Erzähls ihm, Sascha.«

Also entrollte ich die Saga von den drogenbrauenden Braunhemden, was dafür sorgte, dass Wickert aus dem Staunen gar nicht mehr herauskam. Auch Jens bemerkte dies.

»Darf ich deiner Überraschung entnehmen, dass eure Truppe bisher nichts von dieser Angelegenheit wusste?«

Energisch schüttelte der Rauschgiftjäger den Kopf.

»Nein, wir hatten keinen blassen Schimmer! Allerdings…«

»Allerdings was?«

»Vor einigen Monaten kamen in der Szene Gerüchte auf, dass es einen neuen Mitspieler unter den Händlern gäbe. Und zwar einen ziemlich großen Neueinsteiger. Das hat unter den etablierten Banden für ziemliche Aufregung gesorgt, aber weder die noch wir haben bisher herausbekommen, um wen es sich dabei handeln könnte.«

»Überraschung! Irgendwer scheint es herausgefunden zu haben – und er hat wohl auch eine Lösung für das Problem gefunden. Eine recht endgültige Lösung.«

Mein Chef stimmte mir zu.

»Das scheint mir im Augenblick die logischste Erklärung für das plötzliche Dahinscheiden von Knirsch und Blanke zu sein.«

»Meint ihr, dass dieser Punk und sein Bruder vielleicht dafür verantwortlich sind? Oder vielleicht die braunen Parteifreunde?«

»Nein und nein, ich dachte zwar auch kurz daran, aber dann hat mein Juniordetektiv mir ganz schnell klargemacht, dass dies extrem unwahrscheinlich wäre. Nein, ich glaube eher, dass da welche von euren Kunden eingegriffen haben. Die sind ja auch nicht gerade dafür bekannt, mit der Konkurrenz zimperlich umzugehen, oder?«

»Ganz bestimmt nicht, die achten sehr genau darauf, dass sich jeder an die abgesteckten Claims hält.«

»Ein großer Neueinsteiger würde also nicht auf sonderlich große Beliebtheit stoßen?«

»Ha, seitdem die jetzt wohl bekannten Neuen in den Markt eingestiegen sind, brodelt es dort. Sogar von einem Kopfgeld für denjenigen, der die Identität der neuen Mitspieler aufdeckt, war mal die Rede.«

Das waren wirklich hochinteressante Neuigkeiten, und sie würden unsere Ermittlungen in einen ganz anderen Bereich lenken – in einen Bereich, der wesentlich wahrscheinlicher zur Aufklärung der Morde führen würde als die ursprüngliche Idee, dass politische Motive deren Ursache waren.

»Hat sich bei der Suche nach den Störenfrieden irgendeine Gruppe besonders hervorgetan?«

Wickert überlegte einen Moment, dann nickte er langsam.

»Jetzt wo du mich so fragst… Am wütendsten sind wohl die Albaner, die haben sich nämlich gerade erst als die ganz großen Platzhirsche durchgesetzt. Alle anderen kuschen vor denen und versuchen, ihnen nicht in die Quere zu kommen. Und deren Boss, Arsim Milicaj, oh weh. Der hat angeblich einige Leichen im Keller. Früher war er in Hannover unterwegs, dann hat er sich vor ein paar Jahren hier in Leipzig eingenistet, und mit brutaler Härte das Kommando an sich gerissen.«

»Nachweisen konnte ihm noch niemand etwas?«

»Wo denkst du hin. Es ist so gut wie unmöglich, bei denen reinzukommen. Und deren Schweigegelübde funktioniert noch besser als bei der italienischen Mafia. Was auch kein großes Wunder ist – ich denke, auch die Brutalität gegenüber Aussteigern und Plaudertaschen übersteigt die der Italiener.«

»Das heißt, du würdest denen solch eine blutrünstige Aktion zutrauen?«

»Auf jeden Fall. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Milicaj ein Exempel statuieren wollte. Wenn jemand in seine Geschäftsbereiche eindringt reagiert er knallhart. Er verhandelt nicht, er handelt.«

Mein Chef lehnte sich in seinem Drehstuhl zurück und seufzte.

»Mal vorausgesetzt, dass es wirklich die Albaner waren: mussten die das denn ausgerechnet heute veranstalten! Ein paar Tage später hätte es doch auch noch gereicht.«

Allerdings, das wäre für uns und für Leipzig besser gewesen.

»Okay, ich denke, wir nehmen das als Arbeitshypothese. Wie gehen wir weiter vor?«

Noch bevor das allgemeine Brainstorming beginnen konnte, ging plötzlich die Bürotür auf und Polizeipräsident Jasche huschte hinein.

»Hallo die Herren. Oh, und die Dame natürlich. Gibt es irgendwelche Neuigkeiten? Und was macht der Kollege vom Rauschgiftdezernat hier? Hatten wir nicht vereinbart, den Kreis der Eingeweihten möglichst klein zu halten?«

Es vergingen weitere zehn Minuten wertvoller Zeit, in welchen unser oberster Chef in die neuesten Erkenntnisse eingeweiht wurde.

»Rauschgift? Die Nazis waren Dealer? Na super, was kommt wohl als Nächstes?«

»Herr Jasche, vielleicht sollten wir dankbar sein, dass es sich wohl nicht um politische Morde handelt. Das könnte sich auf die heutige Situation in der Stadt positiv auswirken.«

»Ja, irgendwie schon, aber trotzdem, wie soll das heute noch weitergehen? Ich kann ja schlecht zur Nazi-Kundgebung gehen, mich auf die Bühne stellen und sagen ›Eure zwei Obermacker sind tot, ermordet, die werden keine Reden mehr halten. Ach und übrigens, die Linken waren es nicht. Also geht jetzt brav nach Hause.‹. Und dem schwarzen Block der linken Chaoten sage ich ›Leute, bleibt friedlich und geht heim, jemand hat euch die Arbeit abgenommen.‹?«

Bei dieser Vorstellung musste nicht nur ich leise kichern, und sogar dem Polizeipräsidenten selbst huschte kurz ein Lächeln übers Gesicht, welches allerdings sehr schnell wieder einer besorgten Miene Platz machte.

»Mal ernsthaft, irgendwas muss geschehen. Ich habe dem OBM versprochen, dass ich in …« Jasche schaute auf die Uhr »… in zwanzig Minuten eine Mitteilung herausgebe und auch zumindest zu den braunen Heinis spreche. Irgendwer muss denen ja sagen, was passiert ist. Oder zumindest, dass es heute keine große Redenschwingerei von ihren Vorbetern mehr geben wird.«

Jens zuckte mit den Schultern.

»Sie werden denen wohl die Wahrheit sagen müssen. Naja, wenigstens einen Teil davon. Knirsch und Blanke sind tot, die glorreichen Details können Sie ja auslassen. Die Polizei ermittelt auf Hochtouren und es sieht alles danach aus, dass es sich nicht um eine Tat des politischen Gegners handelt. Allerdings würde ich auch das Thema Drogen und Albaner nicht ansprechen.«

»Ja, stimmt vermutlich, das sollte ich nicht erwähnen, sonst ziehen die gleich im geschlossenen Marschblock in die Eisenbahnstraße und fangen an, Geschäfte und Wohnungen von Ausländern abzufackeln.«

»Versprechen Sie denen, dass wir alles tun werden, um die Morde schnell aufzuklären – aber das wir dafür halt Ruhe und Ordnung in der Stadt brauchen. Sie würden uns und dem Andenken von Knirsch und Blanke am besten helfen, wenn sie friedlich und gesittet abziehen würden.«

Der Polizeipräsident seufzte.

»Was anderes wird mir wohl gar nicht übrigbleiben. Momentan stehen die Heinis wie eine Herde Schafe ohne Hirte und Schäferhund herum, das kann ja nicht ewig so bleiben. Okay. Ich kümmere mich darum. Mit etwas … was sage ich, mit viel Glück kann ich die dazu bringen, ihre Kundgebung aufzulösen und heimzufahren. Und dann machen vielleicht auch die linken Chaoten Feierabend.«

Fragend blickte ich zu ihm hinüber.

»Hat es schon irgendwelche ernsthaften Zusammenstöße gegeben?«

»Ein paar kleine Geplänkel, Autonome gegen unsere Leute. Steinewerfer und so. Ich hasse die offenen Gleisbetten mancher Straßenbahnlinien, die sind ja die reinsten Munitionsdepots! Also gut, ich mach mich wieder vom Acker und versuche, die Gemüter zu beruhigen. Sie ermitteln bitte weiter, und zwar auch weiterhin schön verschwiegen und heimlich. Zwar werde ich den Tod von Knirsch und Blanke demnächst bekanntgeben, aber das ganze Drumherum behalten wir erst mal noch schön für uns. Bis später!«

Mit diesen Worten huschte der Polizeipräsident aus der Tür unseres Büros hinaus, und Hauptkommissar Machlitzke kam zurück zur entscheidenden Frage.

»Und was machen wir nun als nächstes?«

Rauschgift-Wickert schaute zu mir herüber.

»Vielleicht sollten wir uns nochmal mit deinem eingesammelten Punk unterhalten. Eventuell hat der ja noch ein paar Informationen, die uns weiterhelfen könnten.«

Ich nickte.

»Ja, wir sollten auf jeden Fall auch herausfinden, wie wir an seinen großen Bruder herankommen. Der dürfte noch am ehesten Dinge wissen, die uns weiterbringen können.«

»Gut, dann machen wir das. Kollege Wickert, kommst du mit?«

»Na klar, das werde ich mir nicht entgehen lassen. Vielleicht erfahre ich ja noch mehr Dinge, die in meinem Dezernat einige Sachen aufklären können.«

Mir allerdings war noch eine weitere wichtige Frage eingefallen.

»Sagt mal, glaubt ihr, dass Verfassungsschutz oder Staatsschutz irgendwas von den Drogendealereien wussten?«

Mein Chef, der gerade dabei war, sich von seinem Sessel zu erheben, plumpste in diesen zurück.

»Verdammt, das ist eine gute Frage! Also wenn die davon wussten und uns das nach dem Auftauchen von Knirschs Leiche verschwiegen haben, dann gnade denen Gott!«

»Können wir das irgendwie herausfinden? Übrigens stand ein Wagen der Schlapphüte vor der Druckerei. Aber nachdem die in Flammen aufgegangen ist, haben die ganz schnell die Kurve gekratzt.«

»Okay, Planänderung. Wir schauen auf dem Weg zur Arrestzelle mal beim Büro von Fischer vom Staatsschutz vorbei, vielleicht ist der ja im Hause, und dann quetschen wir den aus.«

Wir machten uns endlich auf den Weg, und vor dem Büro von Staatsschutz-Fischer vergatterte Machlitzke uns.

»Überlasst mir das Reden, ich will mal sehen, ob ich ihn überrumpeln kann.«

Falls er denn überhaupt anwesend war. Sven klopfte an, drückte die Türklinke runter und stieß energisch die Bürotür auf. Und tatsächlich, da saß Fischer mit zwei mir unbekannten Männern am Besprechungstisch.

»Hallo Jens, was kommt ihr denn hier so reingestürmt? Habt ihr was herausgefunden?«

Mein Chef ging jedoch gar nicht auf Fischers Frage ein sondern schoss sofort seine eigene in den Raum.

»Wusstet ihr von Knirschs und Blankes Drogenküche in der PND-Druckerei? Ehrliche Antwort, Bert!«

Das also hatte Jens mit Überrumpeln gemeint, und es schien zu funktionieren. Fischer jedenfalls schien regelrecht geschockt zu sein – was ja an und für sich auch schon eine Art Antwort war.

»Drogenküche? Bei den Nazis in der Druckerei? Wovon redest du?«

»Genaugenommen im Farblager der Druckerei. Die haben dort Crystal Meth zusammengebraut. Willst du mir wirklich weismachen, der Staatsschutz hätte davon nichts gewusst?«

Fischer hob abwehrend beide Hände.

»Ganz ehrlich, Jens, das höre ich jetzt zum allerersten Mal! Bist du dir da ganz sicher?«

»Es sieht jedenfalls ganz danach aus, wir haben die Aussage von jemandem, der über diese Geschäfte gestolpert ist, und es passt auch zu einigen Vorgängen, die dem Rauschgiftdezernat in den letzten Monaten zu Ohren gekommen sind.«

 

»Jens, das musst du mir glauben, davon hatten wir hier keine Ahnung.«

Mein Chef nickte kurz.

»Glaubst du, dass vielleicht der Verfassungsschutz mehr weiß?«

In diesem Moment ergriff einer der beiden Unbekannten in Fischers Büro das Wort.

»Ich kann Ihnen versichern, dass dies auch für uns ganz neu ist. Übrigens, Bölke mein Name. Vom Verfassungsschutz.«

»Ach, hat sich Ihr Verein auch zur Zusammenarbeit durchgerungen.«

»Es war nicht meine Entscheidung, nicht mit der örtlichen Polizei zusammenzuarbeiten – und ich habe mittlerweile dafür gesorgt, dass sich das ändert. Der bis vor kurzem zuständige Beamte wurde nach einer Beschwerde Ihres Polizeipräsidenten durch mich abgelöst.«

Dann hatte Jasches Wutausbruch wohl Früchte getragen, das konnte uns allen nur gut tun.

»Okay, gut das zu wissen. Ich nehme an, die Brandstiftung in der PND-Druckerei und der Fund von Blankes Leiche sind allen bekannt?«

Alle Anwesenden nickten, woraufhin mein Chef Fischer und die Verfassungsschutztypen in die neuen Erkenntnisse zum Thema Drogenhandel einweihte. Je mehr er erzählte, umso deutlicher wurde an deren Gesichtsausdruck klar, dass dies tatsächlich alles neue Informationen für sie waren. Die bestätigte auch die verbale Reaktionen von Bölke, nachdem Jens mit seiner Erzählung fertig war.

»Verdammt, dann haben wir die letzten Stunden in die völlig falsche Richtung ermittelt.«

»Nun, da wart ihr nicht die einzigen. Die Drogeninfos kamen auch für uns völlig überraschend. Zum Glück hat mein Nachwuchs-Sherlock nicht nur einen der Brandstifter geschnappt, sondern auch eine Art Vertrauensverhältnis zu ihm aufgebaut, sodass dieser etwas gesprächig geworden ist.«

Dies nahm ich als Erlaubnis, mich ein wenig einmischen zu dürfen.

»Zu wem gehörte eigentlich der blaue Mercedes vor der Druckerei? Staatsschutz oder Verfassungsschutz?«

Fischer schaute mich fragend an.

»Was für ein blauer Mercedes?«

»Da stand in dunkelblauer Mercedes mit stark getönten Scheiben in der Straße vor der Druckerei. E-Klasse. Der hat sich dann verdünnisiert als das Feuer ausbrach.«

Der Staatsschutz-Hauptkommissar schüttelte den Kopf.

»Sowas haben wir nicht bei uns. Heinrich?«

Aber auch der Vertreter vom Verfassungsschutz verneinte.

»Sagt mir auch nichts. Gibt es ein Kennzeichen dazu?«

Sehr seltsam, ich hätte schwören können, dass die Kiste nach Geheimdienst roch. Mit einem Kennzeichen konnte ich allerdings nicht dienen, ich hatte mich auf andere Dinge konzentriert. Aber vielleicht konnte ja Derek weiterhelfen?

»Der, was sagt dein fotografisches Gedächtnis?«

»Blödmann, ich hab kein fotografisches Gedächtnis.«

»Aber ein sehr gutes. Hast du dir zufällig die Autonummer gemerkt?«

»Nein. Nicht zufällig sondern ganz absichtlich. Ich hab sie mir sogar aufgeschrieben.«

Vielleicht sollte mein Freund ja doch bei unserem Verein anfangen. Er zog einen Zettel aus der Hemdtasche und legte ihn auf den Schreibtisch.

»Hier, dass müsste sie sein.«

Fischer griff sich erst den Zettel und dann die Computertastatur.

»Leipzig Berta Cäsar 5995. Da haben wir ihn ja. Kommt hin, dunkelblaue E-Klasse. Zugelassen auf eine Firma Kerqeli Im- und Export. Diese wiederum läuft auf einen Ramiz Kerqeli.«

Auf diesen Namen sprang unser Rauschgiftfahnder sofort an.

»Der Schöne Ramiz?«

»Ich hab das Gefühl, dass dir der Name etwas sagt, Steffen.«

»Na sicher doch. Ramiz Kerqeli, genannt der Schöne Ramiz. Die rechte Hand von Arsim Milicaj. So eine Mischung aus Strohmann, Leibwächter und Totschläger.«

»Lass mich raten, auch dem konntet ihr noch nie etwas nachweisen.«

»Leider, obwohl immer wieder einmal Hinweise auf ihn deuteten. Urplötzlich verschwindet dann ein Zeuge, oder ein anderer kann sich von einem Tag auf den anderen an nichts mehr erinnern. Na und gegen seinen Chef sagt er selbst natürlich auch nicht aus.«

Natürlich. Wäre ja auch noch schöner. Jedenfalls verdichteten sich damit die Hinweise darauf, dass der Tod von Knirsch und Blanke mit deren Drogengeschäften in Zusammenhang stand. Auch mein Chef zog wohl diese Schlussfolgerung.

»Damit dürfte ziemlich klar sein, dass die Albaner die beiden Braunköpfe beseitigt haben, und dass der Grund in der Drogendealerei zu suchen ist.«

Alle Anwesenden nickten, und bei den Herren der politischen Fraktion schien sich Erleichterung darüber breitzumachen, dass es sich anscheinend nicht um politische Morde handelte. Wobei auch ihre Unwissenheit bezüglich der Drogengeschäfte kein sonderlich gutes Licht auf ihre Ermittlungs- und Überwachungstätigkeit warf.

»Okay, dann gehen wir jetzt zu unserem Juniorbrandstifter. Vielleicht kann Sascha ja noch irgendwelche weiteren Informationen aus ihm herauskitzeln. Zumindest seinen Bruder würde ich sehr gern sprechen.«

Wir verließen das Büro der Staatsschützer, Fischer und die anderen Schlapphüte dort zurücklassend. Im Arrestbereich angekommen, stoppte ich meinen Chef.

»Hör mal, Jens, vielleicht sollte ich erst mal alleine mit ihm sprechen. Mir vertraut er ja schon ein wenig. Ihr könnt ja von draußen zuhören.«

»Hm, das ist vielleicht gar keine so dumme Idee. Hast du schon einen Plan?«

»Ich möchte an seinen Bruder herankommen. Wenn ich ihm ordentlich Angst einjage, verrät er mir vielleicht, wo wir den finden.«

»Wie willst du ihm Angst einjagen?«

»Indem ich ihm die Wahrheit sage. Dass Knirsch und Blanke von albanischen Drogenhändlern umgebracht worden sind, und dass diese nun auch auf seinen Bruder Jagd machen. Und das wir die einzigen sind, die ihn jetzt noch beschützen können.«

Machlitzke nickte zufrieden.

»Du wirst immer besser, Junior. Das ist eine wirklich gute Strategie. Also los, fangen wir an.«

Ich ließ den Punk in ein Vernehmungszimmer bringen, hinter dessen großer Scheibe zum Nachbarraum mein Chef, Oberkommissar Wickert und Derek die Befragung verfolgen würden.

»Hallo Dirk, setz dich.«

Ganz ohne aufzumucken nahm der bunthaarige Punk mir gegenüber Platz.

»Hast du bei deinem Chef was für mich raushandeln können?«

»Keine Bange, das wird schon. Und je mehr du mir jetzt weiterhilfst, umso besser wird es für dich ausgehen.«

»Okay…«

Ich beschloss, die Bombe gleich zu Anfang platzen zu lassen.

»Knirsch und Blanke sind tot.«

»Was?!?«

»Ermordet.«

»Du spinnst!«

»Nein, ich spinne nicht. Heute früh haben wir die Leiche von Knirsch in einem Müllcontainer gefunden – und die von Blanke dann vorhin in einem versenkten Auto, während die Feuerwehr damit beschäftigt war, den von euch gelegten Brand zu löschen.«

»Das könnt ihr uns nicht anhängen! Okay, wir haben das Feuer gelegt, aber wir haben niemanden umgebracht!«

Ich schwieg für eine Minute, welche meinem Gegenüber bestimmt noch viel länger vorkam, jedenfalls zappelte er immer nervöser auf seinem Stuhl herum.

»Das musst du mir glauben, wir sind keine Mörder! Ehrlich.«

Langsam nickte ich.

»Ich glaube dir.«

Erleichter sank Dirk auf seinem Stuhl zurück.

»Bleibt allerdings die Frage, wer die beiden umgebracht hat, wenn ihr es nicht wart.«

»Bestimmt ihre Nazikumpels.«

»Eher nicht. Ist dir in der Straße vor der Druckerei zufällig ein blauer Mercedes aufgefallen?«

Der Punk überlegte kurz, dann nickte er.

»Ja, ein großer Schlitten mit ganz dunklen Scheiben.«

»Genau den meine ich. Der Wagen gehört zu einem Typen namens Ramiz Kerqeli.«

»Sagt mir nichts.«

»Hätte mich auch gewundert. Kerqeli ist die rechte Hand von Arsim Milicaj. Arsim Milicaj wiederum ist der örtliche Obermacker von etwas, was man wohl am ehesten als albanische Mafia bezeichnen kann.«

»Albanische Mafia?«

»Ja. Und zufälligerweise ist er derjenige, der den größten Teil des Crystal-Meth-Handels in Leipzig kontrolliert. Klingelts bei dir?«

»Du glaubst, dass diese Albaner-Mafia Knirsch und Blanke beseitigt hat? Streitereien im Drogenhändlermilieu?«

Ich nickte.

»Davon gehen wir momentan aus – und deshalb musst du uns helfen, so schnell wie möglich an deinen Bruder ranzukommen.«

Das Gesicht meines Gegenübers verzog sich zu einer abweisenden Miene.

»Ich liefere meinen Bruder nicht ans Messer.«

»Interessante Wortwahl. Möchtest du wissen, in welchem Zustand wir Knirsch gefunden haben?«

Dirk zuckte mit den Schultern.

»In lauter Einzelteilen, der ganze Körper war zerstückelt.«

»Und?«

»Nun überleg mal. Knirsch tot, Blanke tot. Trotzdem stand der Wagen von den Albanern vor der Druckerei. Auf wen könnten sie es wohl noch abgesehen haben?«

Mein Gegenüber zuckte zusammen.

»Du meinst, die sind jetzt hinter meinen Bruder her?«

»Wäre doch logisch, oder? Die wissen bestimmt, dass er den Handlanger für Knirsch und Blanke spielte, vielleicht gehen die davon aus, dass er auch in die Drogengeschäfte verwickelt war.«

»Scheiße!«

Einen Moment ließ ich ihm Zeit, um seine Gedanken zu sammeln, dann drang ich wieder auf ihn ein.

»Du solltest uns helfen, deinen Bruder zu finden. Dann können wir ihn beschützen, und vielleicht kann er uns dabei helfen, die Albaner einzulochen.«

Ich konnte spüren, wie die Gedanken in Dirks Kopf rotierten, dann endlich nickte er langsam.

»Kann ich Maik anrufen?«

Schnell traf ich eine Entscheidung, für die mich Sven hoffentlich nicht tadeln würde.

»Okay. Hast du die Nummer im Kopf?«

»Nein, aber in meinem Handy gespeichert. Das habt ihr mir allerdings abgenommen.«

Schon fünf Sekunden später ging die Tür des Vernehmungszimmers auf und mein Boss reichte das angefragte Mobiltelefon herein.

»Hier, ruf an. Ich bin übrigens der Chef von Sascha.«

Dirk nahm das Handy entgegen, tippte ein wenig darauf herum, dann hielt er es sich ans Ohr. Und wartete. Und wartete. Ohne Erfolg.

»Er geht nicht ran! Oh scheiße, hoffentlich haben die Albaner ihn nicht schon erwischt!«

Da hatte ich ihm wohl tatsächlich ziemliche Angst eingejagt. Diese war vermutlich nicht unbegründet. Jens nahm ihm das Telefon wieder ab.

»Ich lasse es orten, das dauert aber einen Moment. Junge, du solltest die Zeit nutzen und überlegen, wo wir deinen Bruder eventuell finden könnten. Vielleicht ist er ja nur untergetaucht, und die Albaner haben ihn gar nicht.«

Das konnte man für ihn nur hoffen, ansonsten hatte er sich vielleicht schon längst zu Knirsch und Blanke in den ewigen Jagdgründen gesellt.

Während Machlitzke verschwand, grübelte Dirk vor sich hin.

»Ich glaube nicht, dass er zu uns nach Hause ist. Unsere Eltern sind momentan nicht gut auf ihn zu sprechen.«

Ich nickte ihm aufmunternd zu.

»Weiter. Kennst du irgendeinen Platz, an dem er sich verstecken könnte?«

»Nein. Doch!«

»Was doch?«

»Die Garage!«

»Was für eine Garage?«

»Unsere Großeltern haben eine Garage, eher eine kleine Werkstatt, aber sie benutzen sie praktisch nicht mehr. Manchmal übernachte ich dort, und Maik weiß das. Wenn er auf mich wartet, dann bestimmt dort.«

»Wo ist das?«

»In der Gräfestraße.«

»Gräfestraße … das ist in Eutritzsch, richtig?«

»Ja. Nummer 53.«

»Okay, danke, wir fahren da hin und prüfen das.«

»Kann ich mitkommen? Wenn Maik die Bullen … sorry … die Polizei anrücken sieht, macht er gleich die Biege. Ich könnte ihn überreden, nicht abzuhauen.«

Ich überlegte kurz, dann nickte ich.

»Klingt vernünftig. Gehen wir zu meinem Chef.«

Wir erhoben uns und gingen durch die Tür ins Nebenzimmer, wo Jens noch am Telefon hing.

»Ja, das ist eilig, verdammt nochmal! Und nein, ich kann auf die Schnelle keinen Richter heranholen! Es geht um Leben und Tod! Geben Sie mir die Daten, den Papierkram bekommen Sie dann nachgeliefert!«

Er lauschte kurz in den Hörer, dann nickte er zufrieden.

»Na also, geht doch. Vielen Dank!«

Machlitzke beendet das Gespräch, verstaute sein Handy und schaute Dirk und mich an.

»Das Handy von deinem Bruder ist über eine Funkzelle in Eutritzsch eingeloggt.«

»Lass mich raten, irgendwo in der Gräfestraße?«

»Verflixt, du warst wohl schon wieder schneller als ich. Ja, genau dort. Wieso?«

„Die Großeltern der beiden haben in der Nummer 53 eine alte GarageSchrägstrichWerkstatt, Dirk meint, dass sein Bruder vielleicht dort auf ihn wartet.«

»Gut, dann fahren wir jetzt sofort dorthin. Dirk, du kommst am besten mit uns mit, vielleicht brauchen wir dich, um deinen Bruder zur Kooperation zu bewegen.«

Frech grinste ich meinen Vorgesetzten an.

»Ja, auch das hatte ich schon mit Dirk besprochen.«

Jens warf kapitulierend die Arme in die Luft.

»Übermotiviertes Jungvolk. Also los, machen wir uns auf den Weg. Dirk, du läufst uns nicht weg, oder?«

Der Angesprochene schüttelte den Kopf.

»Nein, versprochen. Ich mach mir Sorgen um meinen Bruder!«

Und das, nachdem dieser ihn wegen seines Schwulseins verdroschen hatte. Naja, das würde uns jetzt hoffentlich helfen.

Wir verfrachteten Dirk in meinen Wagen, welcher wieder von Derek gefahren wurde. Jens ließ sich auf der Rückbank neben ihm nieder, und die mittlerweile wieder aufgetauchten bayerischen Kollegen folgten uns mit ihrem Kleinbus.

Da Derek zum ersten Mal in seinem Leben in den Genuss kam, selbst mit Blaulicht und Sondersignal durch die Straßen zu flitzen, dauerte unsere Fahrt nur wenige Minuten – wobei auch die recht leeren Straßen behilflich waren. Anscheinend waren die Demos und eventuellen Krawalle gerade anderswo im Gange.

»Da wären wir. Gräfestraße. Wo genau müssen wir hin, Dirk?«

»Vielleicht noch 500 Meter, dann ist es auf der linken Seite.«

Ich schaltete die Sirene ab, um den älteren Bruder des Punks nicht vorzuwarnen oder zu verschrecken. Dieser wurde immer hibbeliger.

»Dort, da vorne, die Einfahrt mit dem großen Baum links daneben, dass ist es.«

Ich schaute mich genau um, kein blauer Mercedes mit getönten Scheiben zu sehen. Ein gutes Zeichen? Oder kamen wir vielleicht nur zu spät? Wir parkten die Autos, Jens schubste den kleinen Punk aus dem Wagen, und auch wir anderen stiegen aus, wobei sich mein Schlüsselbein mal wieder schmerzhaft in Erinnerung brachte. Vorsichtig näherten wir uns dem Werkstattgebäude. Dieses hatte wohl gut und gerne hundert Jahre auf dem Buckel und passte somit nicht sonderlich in die Umgebung, in welcher sich einige noble Villen breitgemacht hatten.

Das Gelände machte einen ruhigen, fast schon ausgestorbenen Eindruck. Kurz darauf griffen unsere uniformierten Begleiter zu ihren Dienstwaffen – und auch ich wurde nervös, hatte ich doch ebenfalls das ganz offensichtlich aufgebrochene Garagentor bemerkt. Mein Chef übernahm das Kommando.

»Sascha, du bleibst mit Derek und Dirk hier draußen, ich gehe mit den Kollegen rein.«

Ich nickte bloß, holte meine eigene Pistole hervor und schob meine beiden Begleiter hinter einen Mauervorsprung. Der Punk war damit nicht wirklich einverstanden, er wollte wohl endlich wissen, wie es um seinen Bruder stand, aber Derek war zum Glück in der Lage, ihn zurückzuhalten.

Einige Minuten später tauchte Jens wieder im Freien auf und winkte uns zu sich heran.

»Wir sind zu spät gekommen, der Vogel ist ausgeflogen. Oder ausgeflogen worden, es scheint da drinnen einen Kampf gegeben zu haben.«

Autsch, das waren keine guten Nachrichten, und nun konnte auch mein Freund den feuerlegenden Junior-Punk nicht mehr davon abhalten, in das offenstehende Werkstattgebäude zu stürmen.

»Maik!«

»Ich hab doch gesagt, hier ist niemand mehr. Entweder ist dein Bruder abgehauen, oder jemand hat ihn mitgenommen.«

Wohl eher Letzteres, jedenfalls dem Zustand der Werkstatt nach zu urteilen. Werkzeuge, Stühle und andere Möbelteile lagen wild in der Gegend herum, einzig beruhigend war der Fakt, dass nirgendwo Blutspuren zu sehen waren.

»Scheiße, die haben meinen Bruder geschnappt! Verdammt!«

»Versuch nochmal ihn anzurufen.«

Jens reichte Dirk dessen Handy, welches er vom Präsidium mitgenommen hatte. Dirk betätigte ein paar Tasten und hielt dann das Gerät ans Ohr. Drei Sekunden später ertönte aus einer Ecke der Garage die Melodie des Deutschlandlieds. Mist.

Mein Chef folgte den Tönen, schob ein paar Gegenstände zur Seite, bückte sich und kam mit einem weiteren Mobiltelefon in der Hand wieder nach oben. Er hielt es unserem Gefangenen vor die Nase.

»Ist dies das Handy deines Bruders?«

Der Angesprochene wurde kreidebleich und sah nun beinahe schon nach Gruftie und nicht mehr nach Punk aus.

»Scheiße, ja, das gehört Maik!«

Das war dann wohl der letzte Beweis dafür, dass demselbigen etwas Unschönes zugestoßen war.

»Steffen, wie gut kennst du dich bei den Albanern aus? Hast du eine Ahnung, wohin die jemanden verschleppen könnten um ihn ungestört … naja, du weißt schon.«

Der Rauschgiftfahnder überlegte eine Weile, aber noch bevor er uns das Ergebnis seiner Grübelei mitteilen konnte, kam plötzlich BePo-Mann Blaumeier herangestürzt.

»Ein Streifenwagen hat den blauen Mercedes entdeckt und verfolgt ihn jetzt!«

Machlitzke sprang sofort darauf an.

»Wo? Und hoffentlich unauffällig!«

»Delitzscher Straße stadtauswärts – und leider nicht unauffällig. Die haben versucht, ihn zu stoppen, da hat der Fahrer Gas gegeben.«

»Verdammter Mist! Eine Verfolgungsjagd hat uns jetzt gerade noch gefehlt.«

»Sollten wir uns mit reinhängen, Chef?«

»Ja, das sollten wir wohl. Wir nehmen deinen Wagen, ich fahre. Die Kollegen bleiben hier und sichern die Werkstatt.«

»Ich will mitkommen!«

Jens hatte wohl keine Nerven, um sich noch groß mit Dirk herumzustreiten, er nickte bloß und flitzte bereits zu meinem BMW. Dirk folgte ihm dicht auf den Fersen, ich setzte mich ebenfalls in Bewegung, und auch Derek wollte sich das anscheinend nicht entgehenlassen. Zwei Minuten später legte der schwere Wagen mit quietschenden Reifen vom Straßenrand ab.

»Sascha, übernimm den Funk. Ich brauche die Standortdurchsagen.«

Ich schaltete das Gerät ein und sprach ins Mikrofon.

»7-23 mit Anfrage. Welcher Löwe verfolgt den blauen Mercedes?«

»29-04.«

»Standort!«

»Gerade in die Max-Liebermann-Straße in westliche Richtung eingebogen.«

»Wir stoßen dazu, gebt ständig den Standort durch.«

»Verstanden. Jetzt Max-Liebermann Höhe Franz-Mehring.«

Jens riss hart das Steuer herum, was einerseits ein paar alte Damen am Straßenrand erschrak und andererseits eine neue Schmerzwelle durch meinen Körper schießen lies.

»Au verdammt!«

»Sorry, ging nicht anders.«

Na super. Hoffentlich ging das nicht so weiter.

»Nach links abgebogen auf Landsberger Straße stadteinwärts.«

»23-01. Wir kommen über die Georg-Schumann, sollen wir eine Straßensperre versuchen?«

Ich schaute zu Jens, welcher mit dem Kopf schüttelte, also sprach ich ins Mikro.

»Zu belebt, außerdem sitzt da vermutlich auch ein Unbeteiligter mit im Wagen.«

Falls der noch lebendig genug, um unbeteiligt zu sein.

»Coppiplatz, weiter Lindenthaler stadteinwärts.«

»Sascha, sag ihnen die sollen versuchen, ihn an der Georg-Schumann stadtauswärts zu drängen.«

Ich nickte.

»7-23 an die beteiligten Wagen. Versucht, die Kreuzung Lindenthaler Georg-Schumann so dichtzumachen, dass er rechts abbiegen muss.«

Viel Zeit blieb dafür nicht, aber vielleicht klappte es ja. Mittlerweile hatten auch wir die Kreuzung Max-Liebermann und Landsberger Straße erreicht, mein Chef bog jedoch nicht ab.

»Wir versuchen, ihn am Viadukt zu stoppen. Und falls das nicht klappt, dann in Schkeuditz. Die Kollegen von dort können uns helfen.«

»23-01. Wir haben ihn in die Georg-Schumann stadtauswärts abgedrängt. 29-04 hängt dran und wir setzen uns jetzt auch dahinter.«

»Löwe an die eingesetzten Kräfte blauer Mercedes. Die Kollegen aus Schkeuditz kommen euch entgegen und schlagen vor, den Wagen kurz vor Lützschena an der Stahmelner Allee zu stoppen. Sie machen die Hauptstraße dicht und lotsen ihn in die Stahmelner Allee und von dort dann ins Gewergebiet Am Wassergraben. Das ist eine Sackgasse.«

Ich rief mir kurz die Karte ins Gedächtnis, dann antwortete ich.

»7-23 verstanden. Wir kommen aus der anderen Richtung in die Stahmelner Allee. Sagt den Kollegen bitte auch, dass da vermutlich ein Unschuldiger mit im Wagen sitzt.«

Naja, einigermaßen unschuldig jedenfalls.

»Verstanden.«

»29-04, Standort jetzt Slevogtstraße, Fahrtrichtung weiter stadtauswärts.«

Jens gab Vollgas und wir jagten die neue B6 entlang, welche wir kurz darauf mit quietschenden Reifen verließen und in die Stahmelner Allee abbogen. Nach einer rasanten Fahrt durch den wenig später folgenden Kreisverkehr erreichten wir den Abzweig zur Sackgasse am Wassergraben, wo bereits ein Wagen vom Schkeuditzer Revier die Straße so gut es ging versperrte. Zwei weitere Wagen standen kurz vor der dort mittlerweile Hallesche Straße heißenden Hauptstraße, um diese im letzten Moment dichtmachen zu können, ohne den Flüchtigen zuviel Vorwarnzeit zu geben.

»Pittlerstraße, weiter stadtauswärts. Die müssten gleich bei euch auftauchen!«

Ein weiterer Streifenwagen tauchte hinter uns auf, was uns Gelegenheit gab, selbst in die Sackgasse einzubiegen. An deren Ende würden wir die Flüchtigen erwarten.

»Derek, du bleibst mit dem Stift im Wagen! Haltet die Köpfe unten. Sascha, ich nehm die MP5, die wäre wohl nichts für dein Schlüsselbein.«

Wenigstens dachte mein Chef jetzt an meine Verletzung. Wir erreichten den am Ende der Sackgasse liegenden Partpklatz einer Elektrofirma und stiegen schnell aus dem Wagen aus. Jens schnappte sich die Maschinenpistole und ging hinter dem Wagen in Anschlag, während ich zwei neugierige Elektriker zurück in ihre Firma scheuchte. Keinen Moment zu spät, denn schon hörten wir über die Sirenen hinweg quietschende Reifen, und kurz darauf kam der ominöse blaue Mercedes auf uns zugerast.

Dessen Fahrer erkannte wohl plötzlich, in was für eine Situation er den Wagen gesteuert hatte. Die Nobelkutsche kam ins Schlingern, geriet dann mit den rechten Reifen an die Bordsteinkante und wurde von dort auf die andere Fahrbahnseite katapultiert – wo sich allerdings bereits ein anderes Fahrzeug, nämlich ein Kleintransporter der Elektrofirma, befand. Auch dagegen krachte der Mercedes, drehte sich zweimal um die eigene Achse und blieb dann endlich mit offener Motorhaube, rauchend und reichlich zerbeult kurz vor meinem Dienstwagen stehen. Jens und ich stürmten mit Waffen im Anschlag vor.

»Polizei, keine falsche Bewegung! Hände sichtbar halten!«

Darauf hatte der Beifahrer wohl keine Lust, er brachte plötzlich die rechte Hand mit einer Pistole nach oben und wollte diese auf meinen Chef anlegen. Die Maschinenpistole in dessen Händen bellte kurz los, und damit war das Thema Widerstand erledigt. Auch der Fahrer sah nun wohl ein, dass es besser war, sich in sein Schicksal zu ergeben. Wobei ihm eh eine größere Menge Blut über die Stirn lief, er war anscheinend bereits durch den Unfall mehr oder weniger außer Gefecht gesetzt. In diesem Moment meldete sich jemand vom Rücksitz.

»Nicht schießen, bitte! Ich habe mit denen nichts zu tun, die haben mich entführt!«

Vorsichtig trat ich näher heran und spähte in den Wagen. Dort erkannte ich einen arg verschreckten Springerstiefelträger, der mich sehr an den brandstiftenden Komplizen meines kleinen Punks erinnerte. Die Pistole weiterhin schussbereit haltend, öffnete ich mit der linken Hand die Tür hinter dem Fahrer.

»Maik Blinker?«

Der Angesprochene nickte heftig.

»Ja, der bin ich! Sie haben mich gerettet, die wollten mich umbringen!«

Das hatte man davon, wenn man sich mit den falschen Freunden einließ.

»Bist du verletzt?«

»Nein, ich glaube nicht.«

»Dann komm langsam raus, aber keine hastigen Bewegungen, verstanden?«

»Verstanden!«

Langsam und vorsichtig arbeitete sich der Punk-Bruder aus dem Fahrzeugwrack, während sich die nunmehr auch eingetroffenen uniformierten Kollegen um die beiden Albaner auf den Vordersitzen kümmerten. Naja, eher um den einen noch lebendigen, der andere brauchte keine größere Zuwendung mehr.

»Maik! Bist du okay?«

Ich hatte den Möchtegern-Nazi noch gar nicht richtig in Empfang genommen, als auch schon dessen Punk-Bruder auf ihn zustürzte.

»Ich bin okay, Dirk. Bei dir auch alles klar?«

»Ja, aber wie du siehst haben die Bul… sorry, hat die Polizei mich erwischt.«

»Sorry, ich hätte nicht wegrennen und dich allein lassen sollen.«

Allerdings, dann wäre ihm auch die ganze Entführung erspart geblieben. Ich überlegte kurz, ob ich Maik Handschellen anlegen sollte, aber auch Dirk lief ohne herum, und ich hatte nicht das Gefühl, dass die beiden wieder versuchen würden, stiftenzugehen. Ich überließ sie also erst mal der brüderlichen Wiedersehensfreude.

Unterdessen war auch Derek ausgestiegen und zu mir herübergekommen.

»Das war cool, Sascha!«

»Was?«

»Na die Verfolgungsjagd! Ein echter Krimi, und ich mittendrin!«

Ich lachte leise.

»Das sollten wir aber lieber für uns behalten, normalerweise darf kein Zivilist dermaßen in Gefahr gebracht werden.«

»War ich denn in Gefahr?«

»Bei Verfolgungsfahrten weiß man nie, was in der nächsten Minute oder hinter der nächsten Ecke passiert. Aber es ist ja alles gutgegangen. Jedenfalls für uns.«

»Ja. Hat Jens den einen Typen erschossen?«

»Ich denke schon, der hatte plötzlich eine Waffe in der Hand und wollte damit auf ihn anlegen.«

»Was für ein Idiot, war doch klar, was dabei rauskommt.«

Ich zuckte mit den Schultern.

»Autsch.«

Sofort schaute Derek mich besorgt an.

»Hast du starke Schmerzen?«

»Es geht, aber so langsam sinkt der Adrenalinspiegel und ich nehme die wieder richtig wahr.«

»Es war eine dämliche Idee, dich in diesem Zustand in die Ermittlungen reinzuziehen.«

Beinahe hätte ich wieder mit den Schultern gezuckt, besann mich aber im letzten Moment eines Besseren.

»Also meine Idee war es nicht.«

»Schon gut, das weiß ich ja. Aber ich hoffe, dass die Sache nun so langsam zum Ende kommt.«

Das hoffte ich auch, ich hatte genug Aufregung für einen Tag gehabt.

Mein Chef hatte mittlerweile die Maschinenpistole wieder verstaut und versuchte, aus dem überlebenden Albaner etwas herauszubekommen.

»Sind Sie Ramiz Kerqeli?«

»Fick dich!«

Also in der Ausdrucksweise unterschieden sich Punks und albanische Drogenhändler nicht sonderlich. Jens zuckte mit den Schultern.

»Dann eben nicht, wir bekommen das auch so raus.«

Er griff sein Handy und machte ein Foto vom immer noch blutüberströmten Gesicht des wenig auskunftsfreudigen Unfallfahrers, dann überließ er diesen den nunmehr auch eingetroffenen Sanitätern und wandte sich mir zu.

»Ich schick das Bild an Steffen, der kann uns ja sagen, ob das der Schöne Ramiz ist.«

„Mach am besten auch noch ein Foto vom Beifahrer. Vielleicht ist das ja Ramiz. Außerdem könnte Wickert ja auch den Nicht-Ramiz erkennen.«

»Gute Idee.«

»Wen könnte ich erkennen?«

Verflucht! Musste der uns so erschrecken? Auch mein Chef hatte sich wohl beinahe in die Hosen gemacht.

»Mensch Wickert! Musste das sein? Wo kommst du überhaupt her?«

»Von der Werkstatt natürlich, oder hast du gedacht, dass ich dort ab warte und versaure, während ihr den ganzen Spaß habt? Ich hab mir einen Streifenwagen gegriffen und bin euch hinterher gehetzt.«

Jens grummelte kurz vor sich, dann nickte er.

»Naja, da kann ich mir wenigstens die Fotoverschickerei sparen. Schau dir mal die beiden Albaner an. Einer ist hinüber, auf dem Beifahrersitz, der andere hockt wohl jetzt im Krankenwagen.«

Der Rauschgiftfahnder dackelte ab, und ich wandte mich meinem Oberhirten zu.

»Was machen wir mit den beiden feuerlegenden Brüdern?«

»Ich denke, wir schicken die zurück aufs Präsidium, und zwar in getrennten Wagen und Zellen. Vielleicht können die uns dort noch mehr über die Albaner erzählen, zumindest der große Bruder dürfte ja einiges zu berichten haben.«

»Okay, und was machen wir?«

Bevor Jens antworten konnte, tauchte Steffen wieder bei uns auf.

»Die Leiche ist beziehungsweise war der Schöne Ramiz. Den anderen kenne ich nicht, der muss noch ziemlich neu sein. Vielleicht ein frischer Import aus Albanien.«

»So frisch kann er nicht sein, er konnte schon genug Deutsch um fließend ›Fick dich!‹ sagen zu können.«

Oberkommissar Wickert lachte auf.

»Ich denke mal, das gehört bei denen zur ersten Deutschlektion.«

»Was uns wieder zurück zu meiner Frage an den Herrn Hauptkommissar bringt: Was machen wir jetzt als nächstes?«

»Steffen, hast du im Krankenwagen irgendwas gehört? Bringen die den ins Krankenhaus?«

»Ja, die werden demnächst abfahren. Er kommt ins Georg, in die Notaufnahme. Die Kopfwunde muss genäht  werden.«

»Okay, ich schlage vor, du fährst im Krankenwagen mit. Derek, könntest du bitte Sascha wieder ins Präsidium fahren und mich unterwegs im St. Georg absetzen?«

Mein Freund nickte leicht genervt.

»Mach ich, aber Sascha sollte nun wirklich langsam Feierabend bekommen. Schau dir mal sein schmerzverzerrtes Gesicht an.«

Schmerzverzerrtes Gesicht? Hatte ich das wirklich? Wobei ich zugeben musste, dass sich der vorher nur vereinzelt auftretende Schmerz in einen Dauerzustand verwandelt hatte.

Entschuldigend schaute mein Chef meine bessere Hälfte an.

»Tut mir wirklich leid, Derek. Ich brauche ihn noch um den älteren Blinker-Bruder zu befragen. Aber ich glaube nicht, dass es noch zu irgendwelchen körperlichen Anstrengungen kommen wird.«

»Das will ich hoffen, Sascha hat sich sein Gehalt heute mehr als verdient – obwohl er es gar nicht gemusst hätte.«

»Sorry…«

Derek seufzte, dann nickte er.

»Also los, fahren wir.«

»Kleinen Moment noch, ich will mir nochmal den Mercedes anschauen und einen Blick in den Kofferraum werfen.«

Ich grinste.

»Hoffst du auf noch eine Leiche?«

»Junior, mal den Teufel nicht an die Wand! Mir reicht schon der Ärger mit deinem Mann, ich will mich nicht auch noch beim Doc unbeliebt machen, indem ich ihm am Wochenende sein Leichenschauhaus fülle.«

»Stimmt auch wieder. Und im Gegensatz zu Derek hat Doc jede Menge spitzer Gegenstände zur Hand, um seiner Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen.«

»Haha. Na los, ihr könnt schonmal einsteigen, ich bin auch gleich soweit.«

Während Machlitzke sich zum verunglückten Mercedes begab, setzte sich Derek hinters Lenkrad meines Dienstwagens, und ich ließ mich langsam und vorsichtig auf dem Beifahrersitz nieder – nur um mich fluchend gleich wieder zu erheben.

»Was ist, Schatz?«

»Ich hab die Blinker-Brüder vergessen, ich muss mich noch um deren Abtransport kümmern. Bin gleich wieder da.«

Ich verfrachtete die beiden in zwei Streifenwagen und wies die uniformierten Kollegen an, sie im Präsidium abzuliefern und auf zwei Arrestzellen zu verteilen. Als dies erledigt war und ich zu meinem Wagen zurückschlenderte, stieß auch mein Chef zu mir.

»Na, irgendwas Interessantes gefunden?«

»Jedenfalls keine Leiche, aber dafür das hier.«

Triumphierend hielt er mir ein eingeschweißtes Päckchen vor die Nase.

»Crystal?«

»Ich denke schon. Meersalz werden die ja nicht durch die Gegend kutschieren.«

Während dieser Unterhaltung stiegen wir in meinen Wagen ein, Derek startete den Motor und wir machten uns auf den diesmal eher geruhsamen Weg zurück in die Stadt.

»Bekommen wir damit die Albaner beim Schlaffitchen?«

»Also die beiden aus dem Wagen sicherlich, das ist schon eine ziemliche Menge. Die Frage ist aber, ob wir eine Verbindung zu Milicaj knüpfen können.«

»Ich denke, der Schöne Ramiz war dessen rechte Hand?«

»Ja, Derek, das schon, aber Milicaj kann immer noch behaupten, er hätte von nichts gewusst und sei entsetzt darüber, wie sein Mitarbeiter sein Vertrauen missbraucht haben.«

»Wir müssten also den anderen aus dem Mercedes zum Reden bekommen.«

»Stimmt, Junior, aber wie Steffen vorhin schon gesagt hatte, die nehmen das Schweigegelübde sehr ernst.«

»Okay, soviel zu dem Rauschgift, aber was ist mit den beiden Morden? Können wir die den Albanern nachweisen?«

Ich konnte das zufriedene Grinsen meines Chefs regelrecht in meinem Rücken spüren.

»Ich denke schon, also mindestens den Mord an Knirsch. Im Kofferraum war nämlich noch etwas – jede Menge Folie. Blutbespritzte Folie. Da wollte sich wohl jemand nicht den Kofferraum mit Blut versauen.«

Eitel geht die Welt zugrunde – aber uns konnte das ja nur recht sein.

»Hoffentlich bekommst du aus dem verletzten Fahrer auch was raus, Jens.«

»Das hoffe ich auch. Eventuell haben wir ja mit den Morden ein kleines Druckmittel in der Hand. Ein paar Jahre wegen Drogenhandels und Entführung abzusitzen ist die eine Sache – Lebenslänglich mit Sicherungsverwahrung wegen Doppelmordes eine ganz andere.«

Die nächsten Minuten waren wir alle in unsere eigenen Gedanken vertieft, und wenig später setzten wir meinen Chef vor der Notaufnahme des Krankenhauses St. Georg ab.

»Ich komme ins Präsidium, wenn ich mit dem Typen geredet habe. Das kann etwas dauern. Sascha, vielleicht bekommst du ja inzwischen etwas aus den ungleichen Brüdern heraus.«

»Ich werde es versuchen. Bis nachher.«

Jens knallte die Autotür zu und wir setzten uns wieder in Bewegung.

»Sieht nicht so aus, als ob du bald Feierabend haben würdest, Sascha.«

Ich seufzte.

»Stimmt wohl. Aber ich werde das alles als Überstunden abrechnen, darauf kannst du dich verlassen!«

Die müssten dir das doppelt und dreifach bezahlen.«

»Ha, du weißt ja, wie die Finanzen aussehen. Es wird wohl am Ende auf abfeiern hinauslaufen.«

»Na dann wirst du das diesmal hoffentlich auch tun, ich will gar nicht wissen, wieviele Überstunden dir schon verfallen sind.«

»Hast ja recht, Der. Ich werd mich diesmal um Besserung bemühen.«

Ich nehm dich beim Wort.«

Für die nächsten Minuten schwiegen wir, bis mein Freund nach einem Abbiegen plötzlich fluchte.

»Scheiße, sieh dir das an. Ich glaube, hier kommen wir nicht durch.«

Es sah ganz danach aus. In vielleicht 200 Metern Entfernung war die Straße durch eine dichte Polizeikette abgeriegelt, und dahinter waren fahnenschwenkende braune Horden zu sehen.

Ich peilte kurz die Lage.

»Okay, fahr ein Stück rein, und bieg dann links ab. Vielleicht kommen wir da weiter.«

»Das könnte klappen, versuchen wir es.«

Beim Versuch blieb es aber auch, denn nach dem Abbiegen standen wir der nächsten Polizeikette gegenüber – nur dass sich hinter dieser die Gegner der braunen Brut versammelt hatten.

»Naja, Der, das erklärt zumindest, warum die Kollegen die Nazis nicht weitermarschieren lassen.«

»Ja. Die Anwohner hier werden begeistert sein. Wenn das kracht, sitzen sie in der ersten Reihe. Ich denke, wir sollten machen, dass wir hier wegkommen.«

»Gute Idee. Fahr zurück und versuch es dann ein paar Straßen weiter.«

»Mach ich, ich hab schon eine Idee, wo wir durchkommen könnten.«

Tatsächlich schaffte es meine bessere Hälfte, die verschiedenen Marschblöcke zu umfahren. Zweimal noch wurden wir von hypernervösen Polizeiabsperrungen aufgehalten, dann hatten wir es endlich zurück ins Präsidium geschafft. Erleichtert atmeten wir beide auf.

»So weit, so gut. Verhörst du jetzt den älteren Blinkerbruder?«

»Ja, vielleicht kann der noch etwas mehr zum Thema drogenbrauende Neonazis sagen.«

»Kann ich wieder zuhören?«

Ich grinste.

»Klar, du bist ja heute eh schon sowas wie ein Ehrensheriff.«

»Haha, ja, bekomme ich auch einen Colt?«

»Also wenn dann eine Pistole, Colts verwenden wir nicht. Aber auch die bekommst du nicht.

»Och schade.«

Komisch, am Morgen hatte Derek sich noch über mein »blödes Ding« beschwert. So langsam schien er Spaß am Detektivspielen zu finden. Schlimmer Finger.

Einige Minuten später saß mir der ältere Blinker im Vernehmungsraum gegenüber.

»Hallo Maik. Schön dass wir uns mal kennenlernen können, ohne dass du versuchst, mir davonzulaufen.«

»Tschuldigung… Warst du das, den ich vorhin bei Blankes Druckerei über den Haufen gerannt habe?«

»Ja, und das tat nicht besonders gut.«

»Wie gesagt, tut mir leid.«

Ob es wirklich so war, wagte ich nicht zu beurteilen, aber das spielte ja hier nun auch keine sonderlich große Rolle mehr.

»Wie auch immer. Erzähl mir mal, was nach deiner Flucht von Blankes Druckerei passiert ist.«

Der kahlgeschorene Jung- und nun vermutlich Ex-Nazi überlegte kurz, wohl um zu entscheiden, ob er mit mir zusammenarbeiten sollte, dann entschloss er sich zum Reden.

»Naja, ich wusste ja, dass unser Brandsatz bald hochgehen würde, und plötzlich waren da Polizisten im Hof. Dirk und ich rannten weg, aber der Kleine ist nicht so flott auf den Füßen. Erst wollte ich ihm helfen, und den Polizisten, der ihn geschnappt hatte, fertigmachen, aber dann kam auch schon der zweite von der Trachtentruppe angehechelt. Da hab ich mich vom Acker gemacht. Ich hatte mein Motorrad in der Parallelstraße geparkt, dort bin ich hingerannt.«

Bis ungefähr dahin kannte ich die Geschichte ja schon.

»Und wie ging es weiter?«

Maik seufzte, dann fuhr er fort.

»Ich hab überlegt, wo ich hinfahren sollte, da fiel mir die Werkstatt von unseren Großeltern ein, in der Gräfestraße. Wenn Dirk abhauen oder freikommen würde, wüsste er, dass ich mich dorthin verziehen würde.«

»Stimmt, das hat er uns dann auch erzählt.«

»Kleiner Verräter.«

»Sei froh, dass er es uns verraten hat. Übrigens erst, nachdem wir ihm klargemacht hatten, wie ernst und gefährlich die Lage für dich war. Okay, weiter.«

»Ich bin also dorthin und hab mich in der Werkstatt eingeschlossen, und dann bin ich wohl eingepennt. Wach wurde ich durch ein lautes Krachen, und noch bevor ich groß was mitbekam, waren die beiden Typen aus dem Mercedes über mir. Ich hab mich so gut es ging gewehrt, aber die waren einfach zu stark für mich. Die haben mich aus der Werkstatt gezerrt und in ihren Wagen verfrachtet, dann fuhren sie los. Sie haben sich in einer Sprache unterhalten, die ich überhaupt nicht verstand.«

»Albanisch.«

»Das waren die Albaner?«

»Ach, weißt du über die Bescheid?«

»Als ich Blanke und Knirsch belauscht habe, sprachen die über irgendwelche Albaner, von denen sie glaubten, dass sie ihnen nie auf die Schliche kommen würden.«

Tja, das war dann wohl ein echter und im Endeffekt reichlich tödlicher Irrglaube gewesen. Man sollte halt seine Gegner nie unterschätzen, und erst recht nicht so einen gefährlichen Gegner wie die albanische Drogenmafia.

»Plötzlich wurden die zwei nervös, und dann hörte ich auch schon die erste Polizeisirene. Na da war was los, der Fahrer gab Vollgas, und ich hab nur gebetet, dass er keinen schweren Unfall baut. Tja und den Rest kennst du ja schon.«

Ich nickte.

»Ja, du hattest riesiges Glück, und das gleich mehrfach. Glück, dass dein Bruder den Mund aufgemacht hat. Glück, dass ein Streifenwagen den zur Fahndung ausgeschriebenen Albaner-Mercedes erkannt hat. Und Glück, dass bei der Verfolgungsjagd nichts Schlimmes passiert ist.«

Vom Dahinscheiden des Schönen Ramiz mal abgesehen, aber daran war nur er selbst schuld.

»Ja, stimmt wohl. Aber was ist eigentlich los, ich habe keinen blassen Schimmer, was hier genau abgelaufen ist.«

»Kannst du dir das nicht selbst zusammenreimen? Die Albaner waren ob der Konkurrenz im Crystal-Handel nicht begeistert, und als sie herausgefunden hatten, dass Knirsch und Blanke dahintersteckten, haben sie sich zum Handeln entschlossen.«

»Da haben Dirk und ich ihnen wohl die Arbeit abgenommen, indem wir das Drogenlabor abgefackelt haben?«

»Das war wohl nur ein kleiner Bonus, die Hauptarbeit hatten die schon selbst erledigt.«

Fragend schaute mich der Feuerleger an.

»Was für eine Hauptarbeit?«

Ah, das hatte ihm wohl sein Bruder noch gar nicht erzählen können. Nach dem Unfall hatten die zwei ja nicht viel Zeit zum gemeinsamen Schwätzchen, und von da an waren sie getrennt gehalten worden.

»Knirsch ist tot. Wohl in der Wohnung vom Blanke umgebracht und fein säuberlich in Einzelteile zerlegt worden. Wobei, eher nicht fein und erst recht nicht säuberlich, das war eine ziemliche Sauerei. Seine Leiche ist heute früh zerstückelt in einem Müllcontainer aufgetaucht.«

Mein jugendlicher Gegenüber wurde blass. Ich hatte ihn wohl richtig eingeschätzt, er ware lange nicht abgebrüht genug, um selbst so eine Tat zu begehen.

»Scheiße! Wart ihr deshalb bei Blanke in der Druckerei?«

Schien ja ein gar nicht mal so unschlaues Bürschchen zu sein, wieso war der wohl in die Nazigesellschaft gerutscht?

»Ja, Knirsch wurde vom Verfassungsschutz beobachtet, und ist den Heinis bei Blanke entwischt. Nachdem wir heute früh seine Leiche gefunden hatten, bekam ich den Auftrag, mich mal dort umzuschauen. Bei der Gelegenheit seid ihr zwei mir dann in die Arme gelaufen.«

»Und die Albaner haben dort auf Blanke gewartet? Und weil der nicht kam, haben sie mich verfolgt, in der Hoffnung, dass ich sie zu ihm führen würde?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Knapp vorbei ist auch daneben. Auch der Parteigenosse Blanke war zu diesem Zeitpunkt schon mausetot und lag im Kofferraum von Knirschs Auto, welches wiederum auf dem Grund vom Kanal lag, nur eine Ecke von der Druckerei entfernt.«

»Wow. Waren das auch die Albaner?«

»Davon würde ich mal stark ausgehen.«

»Aber was wollten die dann noch von mir, wenn sie Knirsch und Blanke schon erledigt hatten?«

»Na überleg mal. Dein kleiner Bruder hat mir erzählt, dass du sowas wie der persönliche Laufbursche von den beiden warst.«

Maik riss erschrocken die Augen auf.

»Du meinst … nee … nicht wirklich, oder? Die wollten mich auch noch kaltmachen?«

»Klingt das so unlogisch?«

»Aber … aber ich hatte doch mit der ganzen Drogengeschichte gar nichts zu tun! Ganz im Gegenteil!«

»Das wussten aber die Albaner nicht. Für die warst du vermutlich der Dritte im Bunde, und wenn die einmal anfangen aufzuräumen, dann bringen die das auch zuende.«

»Scheiße! Da hatte ich wohl wirklich mörderisches Schwein, dass die sich haben erwischen lassen.«

Mörderisches Schwein. Interessante und passende Wortwahl.

»Sieht ganz so aus. Und darum ist es sehr wichtig, dass du mir alles erzählst, was dir zu dem ganzen Thema noch einfällt und was uns weiterhelfen könnte, dem Spuk ein für allemal ein Ende zu machen.«

Mein Gegenüber erbleichte noch etwas mehr.

»Du meinst, es ist noch nicht vorbei?«

Ich schüttelte mal wieder den Kopf, und mal wieder wurde ich durch einen stechenden Schmerz belohnt.

»Nein. Der Typ auf dem Beifahrersitz war Ramiz Kerqeli, die rechte Hand vom Boss der Albanerbande.«

»Und der Fahrer war nicht dieser Boss, oder?«

»Richtig, Watson. Der Boss heißt Asrim Milicaj, und der wird wohl nicht sonderlich glücklich darüber sein, dass Ramiz den Auftrag zu guter Letzt doch noch verbockt hat. Vielleicht schickt er ja noch jemand anderes, um die Sache zum Abschluss zu bringen.«

»Mist, ich bin immer noch in Gefahr?«

»Gut möglich, also solltest du uns helfen, Milicaj aus dem Verkehr zu ziehen. Was sich übrigens auch anderweitig positiv auf deine eigene Situation auswirken würde. Ich sage nur: Brandstiftung.«

Blinker seufzte laut.

»Ja, ich weiß, das war Mist. Aber Dirk und ich wussten uns nicht anders zu helfen. Wir wollten die Drogenküche aus dem Verkehr ziehen.«

»Wie ich schon versucht habe, deinem kleinen Bruder zu verklickern: ihr hättet einfach zu uns kommen sollen, und wir hätten uns um alles gekümmert. Vielleicht wären dann sogar noch Knirsch und Blanke am Leben.«

Wobei es um die nicht sonderlich schade war, und wenn die ganze Angelegenheit dazu führte, auch den Albanern das Handwerk legen zu können, dann war das ja so schlecht nun auch wieder nicht. Ich konnte sehen, wie Maik überlegte, dann aber den Kopf schüttelte.

»Es tut mir leid, aber ich weiß wirklich nicht mehr. Knirsch und Blanke haben die Albaner nur kurz erwähnt, und als diese mich dann entführt hatten, haben sie nur in ihrer unverständlichen Sprache miteinander gesprochen.«

Irgendwie hatte ich sowas schon befürchtet.

»Du kannst mir glauben, wenn ich etwas wüsste, würde ich es dir sagen. Ich habe auch einen gewissen Selbsterhaltungstrieb.«

Vermutlich konnte ich ihm glauben, jedenfalls in dieser Beziehung. Die Nachricht vom Mord an seinen früheren Vorbildern und seine eigene Entführung hatten ihn ziemlich aus der Bahn geworfen. Vielleicht war er noch nicht reif für eine Lebensbeichte all seiner Sünden, aber er würde garantiert alles ausplaudern, was uns dabei helfen könnte, ihn am Leben zu erhalten.

»Okay, ich denke mal, dass ich dir das abnehmen kann.«

»Was passiert jetzt mit meinem Bruder und mir?«

»Also nach Hause geht ihr so schnell nicht. Mal ganz davon abgesehen, dass ihr weiterhin in Gefahr seid, ist da ja auch noch das Thema Brandstiftung. In einem bewohnten Haus, ihr müsst doch wirklich von allen guten Geistern verlassen gewesen sein!«

Die Jung-Glatze schaute bedröppelt nach unten und brachte keinen Ton mehr heraus.

»Was für euch dabei herauskommt, liegt in den Händen von Staatsanwalt und Gericht. Ihr habt Glück, dass wohl niemand verletzt wurde – und dass ihr noch unters Jugendstrafrecht fallt. Bei Erwachsenen geht die schwere Brandstiftung bei einem Jahr Gefängnis los.«

»Scheiße.«

»Tja, das habt ihr euch selbst eingebrockt. Aber dass ihr jetzt so nett geplaudert habt, könnte Staatsanwalt und Richter gnädig stimmen, besonders wenn das zur Aufklärung von dem ganzen Drogensumpf beiträgt.«

Maik nickte und flüsterte ein leises »Danke.« in den Raum.

»So, du wanderst jetzt erst mal zurück in die Arrestzelle. Ich denke mal, du kannst etwas Ruhe und Zeit zum Nachdenken gebrauchen.«

Mit diesen Worten verabschiedete ich mich vom älteren Blinker-Bruder, las Derek in Nebenraum auf und marschierte mit ihm zurück in die Räumlichkeiten meines Dezernats. Dort wartete Eva bereits auf Neuigkeiten, also erzählte ich ihr, was ich mittlerweile herausgefunden hatte. Dann schaute ich sie fragend an.

»Hat sich der Boss schon zurückgemeldet?«

»Nein, der hängt wohl immer noch im Georg fest.«

»Hm okay, vielleicht bringt er den Albaner ja doch zum Reden. Gibt es irgendwas Neues bezüglich der Demos?«

»Jasche hat zu den Rechten gesprochen, da herrschte erst mal Totenstille.«

Wie passend.

»Sekunden später gab es aus den umliegenden Straßen eine Mischung aus Jubel und Gelächter – dort hatten sich die Gegendemonstranten versammelt, und die hatten das auch mitbekommen.«

Konnte ich mir vorstellen.

»Ich wollte gerade mal den Fernseher einschalten und schauen, ob die irgendwas bringen.«

»Gute Idee.«

Einen Moment später flimmerte N24 auf dem großen Bildschirm, und tatsächlich, Demonstrationen und Morde hatten es in eine Sondersendung geschafft. Der Sender zeigte ein Live-Bild, welches wohl aus einem Gebäude oberhalb der Nazidemo aufgenommen wurde, und im Laufband wurden die Morde an Knirsch und Blanke erwähnt. Dazu die Mitteilung, dass die Polizei noch völlig im Dunkeln tappe. Wir wussten, dass das nicht der Fall war, aber es war beruhigend zu sehen, dass dieses Wissen noch nicht die Runde gemacht hatte.

Währenddessen blafaselte der Nachrichtensprecher über die »Tradition« der Neo-Nazi-Kundgebungen in Leipzig sowie der üblicherweise damit verbundenen Krawalle und Ausschreitungen und erging sich in Mutmaßungen, wie sich die Morde wohl auf das heutige Geschehen auswirken würden. War ich soeben noch froh gewesen, dass von den Hintergründen noch nichts in den Medien erschienen war, wurde ich nun bleich, als der Kommentator die Vermutung äußerte, dass vielleicht Linksextremisten ihre Finger im Spiel haben könnten. Derek schien wohl die gleichen Gedanken zu haben.

»Hoffentlich schaut keiner von den braunen Deppen Nachrichten.«

Ich nickte nur, und schweigend verfolgten wir einige Minuten lang die Sendung – bis plötzlich die Bürotür aufgerissen wurde und ein uniformierter Kollege hereingestürmt kam.

»Leute, Schießerei und Geiselnahme im St. Georg!«

Oh verdammt! Jens und Oberkommissar Wickert vom Rauschgiftdezernat waren dort, um den überlebenden Albaner weichzuklopfen!

»Was ist los? Weißt du schon Näheres? Was ist mit Machlitzke und Wickert?«

»Wickert wurde angeschossen, es hat ihn wohl schwer erwischt. Machlitzke ist okay, er hat zwei Angreifer erwischt. Ein dritter ist geflüchtet und hat sich anscheinend mit einer Geisel irgendwo in der Klinik verschanzt.«

Ich quälte mich unter Schmerzen von meinen Stuhl in die Senkrechte.

»Ich fahre hin.«

»Sascha, nein! Du hast dich heute schon viel zu sehr belastet, und helfen kannst du dort auch nicht.«

Auch Eva mischte sich ein.

»Derek hat recht. Jens ist dort, und der Kollege sagte er wäre unverletzt. Er kann sich dort um alles kümmern, außerdem ist garantiert schon das SEK eingeschaltet.«

Seufzend ließ ich mich wieder in meinen Stuhl sinken, einerseits verärgert über meine mangelnde Gesundheit, andererseits erleichtert darüber, dass ich nicht nochmal in den Einsatz musste.

»Okay, okay, ihr habt ja Recht. Aber ich hasse es, untätig abwarten zu müssen.«

Damit war ich allerdings nicht alleine, auch die anderen warteten unruhig auf weitere Nachrichten.

»Was meint ihr, wer da herumgeballert hat?«

»Ich würde mal auf Milicaj tippen, Der. Vielleicht wollte er seinen Mitmafioso erledigen, bevor der eventuell doch auf die Idee kommt, uns gegenüber zu plaudern.«

»Klingt logisch, aber woher wusste der so schnell, dass ihr einen seiner Handlanger geschnappt und in der Mangel habt?«

Das war in der Tat eine interessante Frage.

»Ich rufe Jens an, der kann uns bestimmt schon mehr sagen.«

Ich griff zum Handy, und kurz darauf ertönte das Rufzeichen. Es dauerte etwas, dann aber meldete sich die Stimme meines Vorgesetzten.

»Hallo Sascha, ich nehme mal an, ihr habt schon von dem Chaos hier gehört?«

»Bisher nur, dass es eine Schießerei und eine Geiselnahme gegeben hat. Was genau ist denn passiert?«

»Wickert und ich waren gerade dabei, den Albaner zu befragen, beziehungsweise wir stellten ihm Fragen und er hat keinen Mucks von sich gegeben. Plötzlich sprang die Tür auf und drei Typen stürmten ins Zimmer. Zwei davon haben sofort losgeballert und sowohl Wickert als auch den Albaner erwischt.«

»Schlimm?«

»Der Albaner ist hinüber, Wickert ist gerade im OP, der hat einen Bauchschuss abbekommen. Die Ärzte wissen noch nicht, ob er durchkommt.«

»Verdammt!«

Machlitzke seufzte ins Telefon.

»Das kannst du laut sagen. Ich hatte Glück und war etwas verdeckt, das gab mir Zeit, meine Waffe zu ziehen und zurückzuschießen. Die beiden Schützen hab ich erwischt, aber die leben beide noch. Der dritte Typ konnte abhauen.«

»Hast du irgendwen erkannt?«

»Ich nicht, aber Wickert konnte noch sagen, dass es sich beim Geflüchteten um Milicaj gehandelt hat.«

Da hatten wir mit unserer Vermutung goldrichtig gelegen.

»Und der ist abgehauen? Da war doch auch noch von einer Geiselnahme die Rede?«

Mein Chef lachte kurz auf.

»Ja, der ist durchs Georg gestürmt, und als er weitere Polizisten erblickte, ist er in eine Schwesternstation und hat dort eine Assistenzärztin als Geisel genommen.«

»Ach du Scheiße. Ist das SEK schon da?«

»Ja, aber das wird gar nicht mehr gebraucht.«

»Wieso das denn?«

»Er hat sich die falsche Geisel ausgesucht. Die gute Frau Doktor ist im Nebenjob deutsche Meisterin im Kickboxen.«

»Autsch!«

»Allerdings. Ob der Herr Mafiaboss jemals persönlich für eine Nachfolgegeneration wird sorgen können, steht wohl noch in den Sternen.«

Das geschah ihm ganz recht!

»Wie geht es jetzt weiter, Chef?«

»Das Mordkommando inklusive Milicaj wird unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen erst mal hier behandelt und dann ins Gefängnis verlegt. Aus der Sache wird sich Milicaj nicht mehr herausreden können.«

Allerdings, die Sache war sonnenklar. Eigentlich verwunderlich, dass er sich persönlich soweit hervorgewagt hatte. Aber da blieb immer noch eine Frage offen.

»Sag mal, hast du eine Ahnung, woher der überhaupt schon wusste, dass du und Wickert einen seiner Angestellten ihm Georg hattet und verhören wolltet? Wie konnte der so schnell reagieren?«

»Hm, gute Frage. Vielleicht kam schon was in den Medien?«

Auch wenn Jens das nicht sehen konnte, schüttelte ich mit dem Kopf.

»Nein, wir haben hier die ganze Zeit schon den Fernseher laufen, da ist bisher noch gar nichts in der Richtung gelaufen. Ich denke, irgendwer muss Milicaj direkt informiert haben.«

»Dir ist schon klar, was du da sagst, oder? Das hieße doch, dass einer von uns zum Verräter geworden ist.«

Das war ein hochgradig unangenehmer Gedankengang, aber leider nicht von der Hand zu weisen. Doch wie sollte man das genau herausfinden? Ich hatte eine Idee.

»Jens, habt ihr dem Milicaj eventuell ein Handy abgenommen?«

»Ha, gute Idee! Ich glaube, da haben wir eins gefunden. Ich schau schnell mal nach, bleib dran!«

Während ich nun mit dem Telefon in der Hand wartete, erklärte ich kurz den anderen Anwesenden, was Jens mir erzählt hatte – die hatten ja nur die eine Hälfte des Gesprächs mitbekommen. Beim Thema »Verräter in den eigenen Reihen« wurden sowohl Eva als auch Derek deutlich blasser.

»Bist du noch dran, Sascha?«

»Ja, klar.«

»Du könntest auf der richtigen Spur sein. Milicaj hat in den letzten zwei Stunden genau zwei Anrufe bekommen, und einen davon etwa 10 Minuten, nachdem wir den Schönen Ramiz und seinen Kumpan gestoppt hatten.«

»Wird die Nummer angezeigt?«

»Nein, die ist unterdrückt, aber ich kann dir die Nummer von Milicajs Handy geben. Versuche bitte, darüber herauszubekommen, wer da angerufen hat. Notfalls über die Typen vom Verfassungsschutz, die haben vermutlich ihre eigenen, schnellen Kanäle für solche Anfragen.«

»Okay, mach ich. Schreibbereit.«

Mein Chef gab mir die Handynummer des Albaners durch, und ich beschloss, gleich den direkten Weg über  Bölke zu gehen.

»Ich geh runter zu den Staatsschützern, hoffentlich sitzt der Typ vom Verfassungsschutz noch bei denen. Derek, kommst du mit?«

»Klar, das lasse ich mir nicht entgehen.«

Kurze Zeit später erreichten wir das Büro von KHK Fischer. Ich klopfte an und wir traten ein, und tatsächlich, das Glück war mir hold, der Verfassungsschützer war noch anwesend. Bevor ich allerdings meine Frage stellen konnte, wurde ich erst mal von beiden bestürmt.

»Altmann, was war da los im St. Georg? Es soll eine Schießerei gegeben haben?«

Ich nickte und erzählte kurz, was bisher bekannt war. Bölke hatte sofort die gleiche Frage auf den Lippen, die auch Derek, Jens und ich uns bereits gestellt hatten.

»Verdammt, woher wusste der Albaner das schon? Ich meine, wieviel Zeit lag zwischen Verfolgungsjagd und dem Überfall im Krankenhaus? Eine Stunde?«

»Eher weniger, und das bringt mich zum Grund meines Hierseins. Wir haben das Handy von Milicaj, und er hat kurz nach dem Ende der Verfolgungsjagd einen Anruf darauf bekommen. Die Nummer war unterdrückt, aber vielleicht können Sie da ja etwas über Milicajs Provider herausfinden?«

Der Verfassungsschützer nickte eifrig.

»Das ist kein Problem, geben Sie mir die Nummer.«

Ich tat Bölke den Gefallen, und er fing sofort an, selbst zu telefonieren.

»Bölke hier. Ich brauche den Anrufer eines Handys, die Nummer ist 0171-** *** ***. Der Anruf erfolgte um 15:27 Uhr.«

Er lauschte kurz, dann bellte er in sein Handy.

»Ja, das ist dringend, ich will die Antwort jetzt sofort!«

Erneut lauschte er, dann sah es so aus, als würde gleich ein gewaltiger Vulkanausbruch folgen.

»Das ist mir dermaßen von egal, ich brauche den Anrufer jetzt! Es geht hier um mehrfachen Mord und Angriff auf Kollegen, da kommen Sie mir gefälligst nicht mit irgendwelchen Datenschutzregeln und Verwaltungsvorschriften!«

Bölke stiefelte im Zimmer auf und ab und bemühte sich redlich, wieder etwas herunterzukommen.

»Okay, ich warte!«

Er verdeckte das Mikrofon seines Handys.

»Unglaublich, diese Bürokratie. – Wie, was? Sie haben die Nummer des Anrufers? Ja, sehr gut, her damit!«

Der Verfassungsschützer schnappte sich einen Zettel, Fischer reichte ihm schnell einen Stift, und Bölke fing an zu schreiben.

»Ja, hab ich, nochmal zur Kontrolle 0175-** *** ***, richtig? Gut, danke!«

Bölke beendete das Gespräch und wollte gerade zum Sprechen ansetzen, dann stockte er, bevor er auch nur ein einziges Wort herausbekam. Er stierte auf den Zettel, überlegte, schaute wieder auf den Zettel, dann ging er schweigend zum Fenster und starrte hinaus. Staatsschutz-Fischer war der erste, der das Schweigen brach.

»Heinrich, was ist los?«

Langsam drehte sich der Angesprochene zu uns um.

»Ich kenne die Nummer. Ich weiß, wer Milicaj angerufen hat.«

Na das war doch nun eigentlich eine gute Nachricht – allerdings war Bölke mittlerweile aschfahl geworden.

»Mensch nun spann uns nicht so auf die Folter, wer war es?«

»Roland. Die Nummer gehört zum Privathandy von Roland Peukert.«

Der Name sagte mir nichts, Bert Fischer hingegen schaltete sofort.

»Peukert? Dein Vorgänger? Der erst vor ein paar Stunden durch dich ersetzt wurde?«

»Genau der.«

Oh, das war der Verfassungsschutz-Heini, der so blöd war, unseren Polizeipräsidenten zu verärgern, indem er sich wie der Obermacker aufführte und die Ermittlungen zum ersten Leichenfund, dem zerstückelten Herrn Knirsch, behinderte.

»Verdammt. Dann hat der wohl die ganze Zeit schon ein falsches Spiel mit uns gespielt. Wenn der den Boss der Albaner-Mafia direkt anruft, dann wusste er doch bestimmt auch schon heute Vormittag, wer den Knirsch erledigt hat.«

»Ich denke auch.«

Meine Gedankengänge gingen jedoch noch etwas weiter.

»Vielleicht hat er ja sogar dafür gesorgt, dass seine eigenen Leute und unser Staatsschutz Knirsch vorgestern aus den Augen verloren haben.«

Fischer schüttelte sich angewidert.

»Du meinst, dass er aktiv an den Morden an Knirsch und Blanke mitgearbeitet hat? Da möchte ich lieber gar nicht drüber nachdenken, Sascha.«

»Naja, an dem Mordüberfall im Georg hat er jedenfalls sehr aktiv mitgearbeitet. Wo steckt er jetzt überhaupt?«

Bölke überlegte kurz.

»Also eigentlich habe ich ihn bei der Ablösung nach Hause geschickt, aber anscheinend ist er hier geblieben, ansonsten hätte er ja nicht die brandaktuellen Infos verfügbar gehabt, um sie an Milicaj weiterzugeben.«

»Es sei denn, er hat in eurer Truppe noch einen Verbindungsmann.«

»Mal den Teufel nicht an die Wand, Bert!«

Bölke griff zum Telefon und wählte eine kurze Nummer.

»Wache? Bölke, Verfassungsschutz. Können Sie mir sagen, ob mein Kollege Peukert das Objekt verlassen hat?«

Er lauschte einen Moment.

»Ja, schauen Sie nach, ich warte.«

Es verging etwa eine Minute.

»Sein Auto steht noch in der Tiefgarage? Danke! Falls er rausfahren will, halten Sie ihn auf, notfalls unter Gewaltanwendung!«

»Ja, Sie haben mich richtig verstanden! Verhaften Sie Peukert, falls Sie ihn zu Gesicht bekommen! Ende!«

Bölke knallte den Hörer auf die Gabel und schaute uns an.

»Sein Wagen ist noch da. Falls er nicht zu Fuß raus ist, muss er sich noch irgendwo im Objekt befinden. Ich schlage vor, wir teilen uns auf und suchen ihn.«

Gute Idee, aber wo?

»Ich gehe zum Haupteingang, Bert, du gehst am besten zum Personaleingang. Herr Altmann, ich weiß nicht, ob Sie uns helfen können, Sie kennen Peukert ja nicht, oder?«

»Nein, ich hab keine Ahnung wie er aussieht. Aber ich kann mal in der Funkzentrale vorbeischauen, dort hätte er immer die neusten Meldungen verfügbar – und die Kollegen dort am Eingang wissen sicher, wer er ist.«

»Prima, so machen wir das. Also auf gehts, und vorsichtig! Wenn Peukert mit Mördern gemeinsame Sache macht, wer weiß, wozu er dann selbst fähig ist.«

Alle nickten, dann verließen wir das Büro in verschiedene Richtungen. Derek kam natürlich mit mir mit.

»Sascha, keine Heldentaten, okay?«

»Hab ich nicht vor, versprochen.«

Schweigend legten wir den Weg zur Funkzentrale zurück. Diese war mit einem extra Zugang gesichert, am Empfang saß ein uniformierter Kollege, der mich erkannte.

»Na sowas, was bringt denn den Mörderjäger zu unserer guten Stube?«

»Grüß dich, Felix. Eigentlich hab ich nur eine Frage, und du scheinst mir genau die richtige Person für die Antwort zu sein. Hier muss sich doch jeder ein- und austragen, der in die Funkzentrale will, oder?«

»Ja, und einen guten Grund vorweisen, warum er überhaupt reingelassen werden sollte. Wieso?«

»Sehr schön. Ist ein Typ namens Peukert vom Verfassungsschutz drin?«

Mein Gegenüber legte den Kopf schief.

»Nein, ist er nicht. Aber er war es.«

Hatte ich mir doch gedacht!

»Wann ist er raus?«

»Du hast ihn vielleicht um drei Minuten verpasst, er hat sich verabschiedet und sagte, er wolle jetzt nach Hause fahren.«

Verflixt, so knapp daneben! Aber vielleicht bekamen wir ihn ja noch. Spätestens die Torwache sollte ihn ja eigentlich abfangen.

»Danke dir, wir müssen los! Komm mit, Derek!«

Wir eilten durch die Flure zum nächsten Aufzug, und wie üblich dauerte es eine halbe Ewigkeit, bis dieser dann auftauchte, um uns nach unten in die Tiefgarage zu befördern.

»Du, Sascha?«

»Ja, was ist?«

»Wäre vielleicht hilfreich zu wissen, was für ein Auto der Kerl fährt.«

Mist, soweit hatte ich noch gar nicht gedacht.

»Wir laufen vor zur Ausfahrt, die Wache dort muss es wissen.«

Ein leiser Gong ertönte, und die Aufzugstür gab den Weg in die Tiefgarage frei. Auf den ersten Blick war niemand zu sehen, auch kein Auto bewegte sich.

»Hier lang, Derek, da vorne links geht es zur Ausfahrt.«

Wir marschierten los, dabei unsere Blicke über die geparkten Autos schweifen lassend. Nichts zu sehen. Plötzlich aber ertönte ein einzelner Schuss! Ich duckte mich, Derek mit mir in Deckung hinter einem Streifenwagen ziehend.

»Kopf runter!«

Meine mit diesen hastigen Bewegungen einhergehenden Schmerzen vergessend, angelte ich meine Pistole aus dem Holster und hob vorsichtig den Kopf.

»Pass bloß auf, Sascha! Ich brauch dich doch noch!«

»Bleib ganz ruhig und in Deckung, Kleiner. Ich pass schon auf mich auf.«

In diesem Moment hörte ich die Schritte von rennenden Personen, und dann sah ich auch schon zwei uniformierte Kollegen aus Richtung Ausfahrt heranstürmen, die Dienstwaffen schussbereit in den Händen. Ich sollte mich wohl lieber zu erkennen geben, bevor die noch falsche Schlüsse zogen.

»Altmann, Mordkommission! Habt ihr mitbekommen, woher der Schuss kam?«

»Nein, Sie waren das also nicht?«

»Nein. Ist Peukert vom Verfassungsschutz rausgefahren?«

»Ist er nicht, sein Kollege hatte uns ja angewiesen, ihn aufzuhalten. Suchen Sie ihn hier unten?«

»Ja, er hat oben in der Funkzentrale gesagt, dass er jetzt nach Hause fahren wolle. Vor fünf Minuten oder so.«

»Bei uns ist er nicht vorbeigekommen, und da hinten steht auch noch sein Wagen.«

Ha, wusste ich doch, dass die Kollegen den Wagen kannten.

»Welcher ist es?«

»Der rote Grand Cherokee dort hinten.«

Ich schaute in die angegebene Richtung. Am genannten Wagen war keine Bewegung auszumachen.

»Könnte hinkommen mit der Schussrichtung. Wir gehen ganz langsam von verschiedenen Seiten ran. Zu eurer Information: Peukert ist verdächtig, bei mehreren Morden im Drogenmilieu behilflich gewesen zu sein, und zu allem Überfluss beim Schusswaffenangriff auf meinen Boss und Oberkommissar Wickert vom Rauschgiftdezernat. Also schön vorsichtig! Derek, du bleibst hier!«

 

Nach diesem Motto arbeiteten wir uns langsam zum Wagen des Verfassungsschützers vor. Als ich näher kam, glaubte ich, einen Gestalt auf dem Fahrersitz zu erahnen – viel war wegen des Halbdunkels in der Tiefgarage aber nicht zu erkennen. Noch vorsichtiger als zuvor legte ich weitere Meter zurück, bis ich hinter einem Wagen gleich neben Peukerts Gefährt in Deckung ging. Ich richtete meine Waffe auf die Fahrertür.

»Peukert, steigen Sie ganz langsam aus dem Wagen! Ohne Waffe!«

Davon abgesehen, dass nun auch die beiden uniformierten Kollegen den Jeep erreicht hatten und ihre Pistolen aus verschiedenen Richtungen auf ihn richteten, passierte nichts.

»Machen sie schon, Peukert. Es ist vorbei, Sie kommen hier nicht mehr weg.«

Erneut gab es keinerlei Reaktion, und so langsam schwante mir, was der Schuss vorhin gewesen sein mochte. Ich erhob mich mit feuerbereiter Waffe und näherte mich der Fahrertür des Jeeps. Je näher ich kam, desto deutlicher sah ich, dass ich mit meiner Vermutung richtig gelegen hatte. Trotzdem steckte ich meine Pistole noch nicht weg, als ich nun langsam die Fahrertür öffnete. Aber Peukert würde nicht auf mich schießen. Er würde auf niemanden schießen. Genaugenommen würde er gar nichts mehr unternehmen. Nie wieder.

Ich entspannte mich, sicherte meine Glock und steckte sie ins Holster.

»Alles okay, keine Gefahr mehr. Er hat sich selber in den Kopf geschossen.«

Vermutlich hatte er in der Funkzentrale den Misserfolg Milicajs im Krankenhaus mitbekommen und war messerscharf zu dem Schluss gekommen, dass er in kürzester Zeit auffliegen würde. Das wollte er sich wohl nicht antun, und er hatte die finale Konsequenz gezogen. Auch nicht schlecht.

»Sascha, alles okay bei dir?«

Ich drehte mich und sah Derek auf mich zu sprinten.

»Ja, keine Angst, alles in Ordnung. Aber bleib dem Jeep lieber fern, das hier ist mindestens so unappetitlich wie der Container heute früh.«

Wobei es ja eigentlich auch für mich keinen Grund gab, direkt bei der Leiche herumzustehen. Ich ging also hinüber zu Derek, und wir lehnten uns an einen Streifenwagen.

»Scheiß Tag, Sascha.«

Ich nickte seufzend.

Das kannst du laut sagen. Ich hatte für heute genug Action.«

»Na und ich erst. Können wir jetzt endlich nach Hause?«

»Bald. Hoffe ich. Ich übergebe das alles den Kollegen, zu ermitteln gibt es wohl nicht mehr viel. Den Rest kann Sven erledigen.«

Erst leise, dann immer lauter fing mein Schatz an zu kichern. Verwundert schaute ich ihn an.

»Jens wird … der wird dir die Freundschaft kündigen!«

»Wieso das denn?«

»Naja, du hast ihm an einem Tag gleich drei Leichen angeschleppt, und da sind die Albaner noch gar nicht mitgerechnet.«

Ich zuckte mit den Schultern.

»Autsch! Verdammt, das tut immer noch scheußlich weh. Naja. Zumindest musste sich Jens nicht mit demonstrierenden Chaoten herumschlagen. Er sollte mir dankbar sein.«

»Ja, aber die hätten wenigstens nicht auf ihn geschossen!«

»Stimmt auch wieder.«

Während dieser Unterhaltung waren immer mehr Kollegen aufgetaucht, auch Fischer und Bölke hatten den Weg in die Tiefgarage gefunden. Letzterer fluchte, als er den toten Verräter aus seinem Team erblickte.

»Verdammt, den wollte ich zu gerne vor Gericht sehen!«

»Sind Sie sich da sicher, Bölke? Ein Prozess gegen einen Verräter in Ihrer Firma, das gäbe den schönsten öffentlichen Skandal.«

Unsere Köpfe ruckten herum. Von uns unbemerkt waren mein Chef und der Polizeipräsident auf der Bildfläche erschienen. Letzterer hatte dem Nachfolger des Verräters mit seinen Worten etwas zu denken gegeben.

»Stimmt auch wieder. Vielleicht hat er uns mit seinem Selbstmord einen letzten Dienst erwiesen.«

So konnte man es allerdings auch sehen.

»Bölke, ich schlage vor, Sie kümmern sich um alles, was mit ihrem Dienst zu tun hat. Dort werden jetzt garantiert Köpfe rauchen – und vielleicht auch rollen. Herr Machlitzke, Sie und Herr Altmann warten auf die Anlieferung von Milicaj und vernehmen ihn dann.«

Interessant, Sven und ich waren für den Polizeipräsidenten »Herr Machlitzke« und »Herr Altmann«, beim Verfassungsschützer sparte er sich diese Höflichkeit. Allerdings war da noch jemand, der sich nun weitere Höflichkeiten ersparte.

»Nichts ist, Herr Jasche! Sascha hat jetzt Feierabend, er ist dienstuntauglich, und was heute alles so abgelaufen ist, war seiner Heilung garantiert nicht zuträglich!«

Der Polizeipräsident schaute Derek an, deutlich überrascht darüber, dass sich jemand wagte, ihm zu widersprechen. Dann nickte er langsam, und ein Lächeln erschien in seinem Gesicht.

»Sie haben Recht. Herr Altmann, Sie haben heute mehr als genug getan, viel mehr, als man von Ihnen erwarten konnte oder Ihnen hätte aufladen sollen. Ich danke Ihnen für Ihre Einsatzbereitschaft. Fahren sie jetzt nach Hause, bevor mich ihr Freund noch in einen weiteren Fall für die Mordkommission verwandelt.«

Derek nickte energisch und griff meine linke Hand.

»Sag ›Auf Wiedersehen!‹ zu den netten Leuten, Sascha.«

Ich konnte mich gerade noch vom nächsten Schulterzucken abhalten, also grinste ich bloß und ließ mich von meinem Kleinen davonziehen.

»Auf Wiedersehen, nette Leute!«

Im nun folgenden allgemeinen Gelächter (welches nach den Ereignissen der letzten Stunden wohl alle nötig hatten), führte mich Derek zu unserem Wagen, und einige Minuten später rollten wir aus der Tiefgarage des Präsidiums und machten uns auf den Heimweg.

*.*.*

Epilog

Vier Wochen später konnte ich meinen Dienst wieder antreten. In diesen vier Wochen war viel geschehen, und zwar an verschiedenen Fronten.

Zuerst einmal war der Demotag dann doch noch einigermaßen friedlich zu Ende gegangen. Die Neo-Nazi-Kundgebung hatte sich nach der Todesnachricht von Knirsch und Blanke recht schnell und unorganisiert aufgelöst, da war niemand gewesen, der sofort hätte in die Bresche springen können. Beim Abzug der linksextremen Gegendemonstranten waren noch ein paar Schaufensterscheiben zu Bruch gegangen, alles in allem aber verlief auch dieser friedlicher als erwartet oder befürchtet.

Glücklicherweise waren die Hintergründe über die Morde an den Naziführern erst in den Tagen danach langsam an die Öffentlichkeit gelangt, sodass unsere Stadt keine direkten Folgen zu erleiden hatte.

Kollege Wickert vom Rauschgiftdezernat war auf dem Wege der Besserung, nachdem es eine Woche lang für ihn gar nicht gut ausgesehen hatte. Ob er jedoch vollständig genesen und in den Dienst zurückkehren würde, stand noch in den Sternen.

 Seine Kollegen feierten die Festnahme von Arsim Milicaj. Der größte Fisch im örtlichen Crystal-Handel war aus dem Verkehr gezogen, und auch sonst herrschte in der Szene einiges an Aufregung. Schließlich war mit dem Ende der braunen Giftküche von Knirsch und Blanke auch der große Newcomer plötzlich nicht mehr da. Die Rauschgiftschnüffler hofften, dass sich der Markt so schnell nicht von diesem Schlag erholen würde.

Dirk und Maik Blinker würden wohl Glück haben und trotz der schweren Brandstiftung mit niedrigen Bewährungsstrafen davonkommen. Sie hatten eng mit Polizei und Staatsanwaltschaft zusammengearbeitet und sich ein wenig Nachsicht verdient. Das Beste an der ganzen Geschichte war für sie wohl, dass sich die ganze Familie miteinander ausgesöhnt hatte.

Verfassungsschutz-Bölke lief zur Höchstform auf und schaffte es irgendwie, die Beteilung seines Kollegen Peukert an Drogenhandel, Mord und Totschlag aus der Öffentlichkeit herauszuhalten. Es wurde gemunkelt, dass er alsbald eine weitere Treppenstufe auf der Karriereleiter heraufstolpern würde.

Für mich hieß es jetzt, anderthalb Monate Dienst durchzustehen. Über die Weihnachtsfeiertage würden Derek und ich endlich mal richtig Urlaub machen! Der Kollege Lorke von der bayerischen Bereitschaftspolizei hatte uns eine Superferienwohnung unterhalb der Zugspitze vermittelt. Ob es wohl unter den Fremdsprachen-Kursen im Internet auch einen für Bayerisch gab?

Also bitte, keine weiteren Morde in den nächsten zwei Monaten, okay? Und falls einer sich doch nicht vermeiden lässt, dann entsorgt die Leiche wenigstens so, dass jemand anderes darüber stolpert, Herrgottnochmal!

*.*.*

© 2013 Peter Conrad

Peter_Co@web.de

 

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4 Kommentare

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  1. Hallo Peter,
    der dritte Fall fand ich bis jetzt am spannesten, gepaart mit viel Witz zwischen Sascha, Jörg und Derek. Falls du dich irgendwann mal aufraffen kannst, solltest du mit dem vierten Teil beginnen.
    Liebe Grße und tolles Weihnachten
    dein Pit

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    • ALEX auf 27. Dezember 2013 bei 10:41
    • Antworten

    Vielen Dank für die super Geschichte, es war in der Tat gut die beiden älteren Teile zu lesen, obwohl ich die in den vergangenen Jahren bereits gelesen hatte. Hoffentlich kommt nicht erst wieder in 2 Jahren der nächste Teil. Also bitte gleich wieder ran an die Tasten. Gruß Alex

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    • claus auf 28. Dezember 2013 bei 09:36
    • Antworten

    Hallo Peter,
    wieder mal ein wirklich gelungener Krimi.
    Danke
    LG Claus

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    • Joachim auf 7. Januar 2014 bei 20:05
    • Antworten

    Hallo Peter,
    ich kann mich den anderen Kommentaren nur anschließen. Tolle Geschichte mit viel Spannung und Witz. Mehr davon…..
    Danke!
    Gruß
    Joachim
    PS: Wenn Deine Krimireihe mal verfilmt wird, möchte ich gerne mitspielen (auch wenns nur für die Leiche reicht)

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