Zoogeschichten I – Teil 47

Eltern

Sebastian

Meine Mum sprang auf und ich fiel ihr um den Hals.

„Basti, Gott sei Dank, dir geht es gut.“

„Mum, es war nur die Wohnung… aber nun sagt, wie kommt ihr hier her?“

„Die Polizei hat bei uns angerufen. Da hab ich gefragt, wo du jetzt bist“, antwortete mein Vater, „dann haben wir uns ins Auto gesetzt und sind hier her gefahren.“

„Das ist lieb von euch!“, meinte ich und umarmte auch meinen Vater.

„Jipsi ist früher entlassen worden. Wegen guter Führung,“ erzählte mein Vater weiter.

„Jipsi? Und wie kommt der an meine Adresse?“

„Wer ist Jipsi?“, fragte Frau Kahlberg, die sich schweigend zu uns gesetzt hatte.

„Einer der Jungs, die über Lutz hergefallen waren.“

„Und du denkst, er hat etwas mit der Sache zu tun?“

„Seine Mutter arbeitet im Rathaus. Würde mich nicht wundern, wenn die sich deine Adresse verschafft hat“, warf mein Dad ein.

„Günther, bitte sag so etwas nicht. Nicht, dass wir noch in Teufels Küche kommen… er hat das gestern auch der Polizei gesagt“, erzählte Mum.

„Wieso denn? Er hat doch Recht, schau meine Wohnung an…, und wer zahlt mir das?“

„Das können wir doch alles neu kaufen!“, meinte Mum.

„Erinnerungen kann man nicht mehr nachkaufen!“, erwiderte ich traurig.

Dennis

Mum hatte mir eine SMS geschickt, dass Sebastians Eltern zu Besuch wären. Gedanken verloren verließ ich wieder das Kleinbärenhaus. Ließ Florian in der Obhut von Volker und Fritz.

„He Kleiner, ist was?“

Ich schaute auf und Michael kam auf mich zu.

„Nein, ich war eben nur etwas in Gedanken… hallo Schatz“, antwortete ich und gab ihm einen Kuss.

„Ist wirklich nichts? Deine Augen wirken so traurig.“

Er nahm mich in den Arm.

„Nein, schon in Ordnung. Was machst du jetzt?“

„Ich wollte dich eigentlich abholen.“

„Zu was?“

„Lass dich überraschen“, meinte Michael und grinste.

„Okay, bohren hat eh keinen Sinn bei dir.“

„Wie meinst du das jetzt?“, fragte Michael und ich sah den Schalk in seinen Augen.

„So nicht!“, antwortete ich und gab ihm noch ein Kuss.

Robert

Mich durchfuhr ein Schauer, als ich die Bilder vor meinem geistigen Auge noch einmal sah, als ich mich mit meinem Vater in die Wolle bekommen hatte. Adrian schien meine Unruhe zu bemerken und drückte mich noch mehr an sich.

Etwas Anderes lenkte mich ab. Nicht Adrian als Person, sondern sein Duft. Er roch sehr gut, frisch geduscht, das war mir schon bei der Odyssee beim Duschen aufgefallen. Ich drückte mein Gesicht an seinen Hals, spürte seine warme Haut auf meiner. Seine Hand wanderte langsam auf und nieder, meinen Rücken überzog eine Gänsehaut.

„Wird schon werden“, flüsterte Adrian.

Ich hob den Kopf und schaute in diese wunderbaren braunen Augen.

„Was denn?“

„Weißt du, dass du verdammt gut aussiehst?“

„Klar… hättest du mich sonst genommen?“, grinste er mir entgegen.

Mann, war der Bengel von sich überzeugt.

„Aber du brauchst dich auch nicht zu verstecken und das meine ich jetzt im Ernst!“

Unsere Lippen näherten sich zu einem Kuss, vergessen war der Stress, dem sich mein Gehirn aussetzte. Vergessen die Gedanken, die mich seit Langem quälten. Doch viel zu schnell wurde ich aus diesem Traum gerissen. Es klopfte an der Tür.

Ich wollte schon aufspringen, aber Adrian hielt mich fest. Ein durchdringender Blick seinerseits zwang mich zur Ruhe.

„Ja?“, meinte ich und die Tür ging auf.

Renate betrat den Raum.

„Hallo Robert. Schau, wen ich dir mitgebracht habe.“

Sebastian

Frau Kahlberg hatte Kaffee gemacht und ich erzählte gerade von meiner Lehrstelle im Zoo. Meine Eltern freuten sich, dass ich hier Anschluss gefunden hatte. Auch wenn ich ihnen anmerkte, dass ich ihnen unheimlich fehlte, so gaben sie mir das Gefühl, wie sehr sie sich für mich freuten.

„Und, hast du wenigstens auch eine Freundin in Aussicht?“, fragte Dad.

„Günther, jetzt lass doch den Jungen“, kam es wieder von meiner Mum.

Frau Kahlberg grinste mich an.

„Ich habe da jemanden kennen gelernt, aber das ist lange noch nicht spruchreif“, meinte ich und ließ diesen Satz ohne weitere Erklärungen im Raum stehen.

„So…wir sollten dann mal langsam wieder aufbrechen, Junge…“, sagte Dad.

„Schon?“, fragte ich enttäuscht.

„Deine Mutter wollte dich nach dem Besuch der Polizei unbedingt sehen und den Wunsch erfüllte ich ihr.“

„Und du?“

„Klar wollte ich dich wieder sehen“, meinte Dad und umarmte mich kräftig.

Robert

Ich traute mich erst gar nicht, aufzuschauen. In der Tür konnte ich zwei Paar Schuhe sehen, die das Zimmer betraten.

„Hallo Robert…“, hörte ich die Stimme meines Vaters, brüchiger und älter als früher.

Langsam hob ich den Kopf und erschrak. Sie waren alt geworden… fünf Jahre schienen eine lange Zeit… mein Vater war total ergraut, meine Mutter trug eine Brille.

„Hallo“, sagte ich leise.

„Dir geht es also wieder besser?“, fragte mein Vater.

„Ja… etwas Kopfschmerzen noch, aber es wird mir nicht mehr übel…“

„Adrian, kommst du mal bitte?“, fragte Renate und winkte ihn zu sich auf den Flur.

Adrian folgte dem Ruf seiner Mutter und wenige Sekunden später war ich alleine mit meinen Eltern. Na toll … soviel zu dem Thema, wir sind bei dir.

„Setzt euch doch…“, meinte ich höflich.

Meine Mutter knöpfte ihren Mantel auf und setzte sich auf den Stuhl neben dem Tisch. Mein Vater blieb stehen.

„Gut siehst du aus, Junge“, sagte meine Mutter.

„Danke.“

„Und wo arbeitest du jetzt?“, sprach sie weiter.

„Im hiesigen Zoo, bin Tierpfleger und mit Kollegen für die Delfine verantwortlich.“

„Bezahlen sie dich auch gut?“

Typische Frage meines Vaters.

„Ich kann mich nicht beklagen. Ich habe eine eigenes Auto und eine Wohnung.“

Wenn die Spannung in diesem Zimmer brennbar gewesen wäre, so würde das Zimmer gerade lichterloh brennen.

„Robert… ich weiß… es sind jetzt fünf Jahre her, dass du gegangen bist…“, begann mein Vater.

„Ich musste gehen“, berichtigte ich ihn.

So einfach wollt ich ihm das jetzt auch nicht machen.

„Ja… ich wollte mich entschuldigen…“

Bitte? Hatte ich gerade richtig gehört?

„Und fragen, ob du wieder nach Hause kommst?“

Ich verharrte in der gleichen Stellung und überlegte kurz, sollte ich jetzt anfangen zu weinen, oder in einen hysterischen Lachanfall verfallen. Ich entschied mich für die dritte Möglichkeit, nämlich ruhig und sachlich zu bleiben.

Einen neuen Streit wollte ich nicht grad wieder vom Zaun brechen.

„Ich … ich wohne jetzt hier seit fünf Jahren… habe mir mein kleines Reich geschaffen, habe einen Job, der mir sehr viel Spass macht.“

„Heißt das… du gibst uns keine Chance?“, fragte Vater trocken… nicht einmal das Gesicht verzog er dabei.

„Das habe ich nicht gesagt, ich zieh nur nicht mehr zu euch zurück…nach Hause… ich hatte die letzten fünf Jahre kein Zuhause… niemand, der für mich da war, keiner der Freunde da, alles weg… wegen einem Kuss und eines Spieles, das ich verloren hatte.“

„Du bist nicht schwul?“ fragte meine Mutter.

„Was willst du jetzt hören? Doch, ich bin schwul!“

Meine Mutter schaute ängstlich zu ihrem Mann, aber es kam keine negative Reaktion.

Dennis

Ich wusste wirklich nicht, was er ausgeheckt hatte. Ich folgte ihm einfach durch den Zoo.

„Wir sind gleich da!“, meinte Michael.

Was wollte er im Savannenhaus, mir das neue Fohlen der Giraffen zeigen? … war doch bei der Geburt dabei. Wie üblich, öffnete Michael auch hier die Tür mit der Codekarte. Wir traten ein.

„Wann bist du das letzte Mal geritten?“

„Ist das jetzt eine Fangfrage?“, fragte ich grinsend.

„Nein Dennis, ich bin ganz ernst. Wann bist du das letzte Mal auf dem Rücken eines Tieres gesessen.“

„Ähm… daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Willst du jetzt mit mir reiten… auf Zebras oder was hier so herumläuft?“

„Wie wäre es auf einem Elefanten?“

„Bitte?“

„Bist du schon mal auf einem Elefanten gegessen?“

„Gehört zu meinen täglichen Pflichten…, Quatsch, was hatte ich bisher mit Elefanten zu tun?“

„Du hättest aber Lust?“

„Klar Michael, aber warum fragst du das alles?“

„Weil wir jetzt reiten gehen.“

Verwundert schaute ich ihn an.

„Mit Elefanten?“

„Ja… Smotje hat angerufen, er müsste ein paar Bäume nieder machen, ich soll doch bitte mit den Elefanten vorbei kommen und helfen. Also wird jetzt auf Elefanten geritten.“

„Ich habe das noch nie gemacht.“

„Mach mir nur alles nach und ruckzuck sitzte da oben“, meinte Michael.

Und wenn ich gar nicht da rauf wollte?

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