Zoogeschichten II – Teil 63

Den Tod vor Augen

Sebastian

Im Licht des Vollmondes schlenderte ich zum Haus der Kahlbergs. Es war eine ungewöhnlich warme Nacht für den Herbst. Ich rieb mir über die Wange, wo Brit vorhin noch schnell zum Abschied einen Kuss platzierte.

In der Straße war es vollkommen ruhig, kein Auto fuhr. Die Straßenbeleuchtung war an, aber keine Menschen zu sehn. Immer wieder fiel mein Blick auf die große Scheibe am Himmel. Sie sah heute Abend so mächtig groß aus.

Ich blieb stehen und betrachtete den Mond genauer. Am Anfang konnte ich noch die Schatten der Krater sehen, aber je länger ich darauf starrte, umso mehr bildete sich ein Gesicht in der Mitte des Mondes.

Es war Brit… ich sah Brit, ihr Gesicht, wie sie mir zu lächelte. Ich atmete tief durch. Oh, Sebastian, dich hat es ja voll erwischt!

„So spät noch unterwegs?“

Ich erschrak fast zu Tode, denn ich dachte, ich wäre alleine. Ruckartig drehte ich mich um. Da stand er… Jipsi.

„Was willst du?“, fragte ich und ging auf Abwehrhaltung.

„Wir haben noch eine Rechnung offen…“, hörte ich Jipsi sagen, der sich langsam näherte.

„Rechnung? Die, die wir offen haben, könntest du nie bezahlen… du hast Lutz auf dem Gewissen.“

Scheiße, warum war jetzt niemand auf der Straße. Es waren nur noch wenige Meter bis zum Kahlberg–Haus. Aber dorthin zu rennen, wäre auch blöd gewesen, so hätte Jipsi gewusst, wo ich wohne…, aber er war hier… also … Shit… er wusste schon, dass ich hier wohnte.

„Lutz hatte Pech… er war halt am falschen Ort… zur falschen Zeit.“

Ich verzog das Gesicht.

„Tickst du nicht mehr richtig? Lutz ist tot, ihr habt ihn totgetreten! Geht das nicht in deinen Kopf?“

„Na und… einer weniger von eurem Clan.“

„Bitte?“

„Tu doch nicht so, als wüsstest du nicht Bescheid.“

„Von was soll ich wissen?“

„Warum Lutz dran glauben musste und du ihm folgen wirst!“

Jetzt verstand ich gar nichts mehr. Ich merkte aber, wie mein ganzer Körper zu zittern begann.

„Ich weiß gar nichts… nur, dass Lutz wegen eurer Besoffenheit dran glauben musste.“

Jipsi fing hysterisch an zu lachen.

„Dein Alter hat dir wohl wirklich nie etwas erzählt oder?“

„Was hat mein Vater damit zu tun?“

„Du weißt es also wirklich nicht, oder?“

„Nein, was denn?“, rief ich fast schon verzweifelt und ging ein Schritt rückwärts, um die Distanz zwischen Jipsi und mir zu wahren.

„Dein Vater ist schuld am Tod meines Onkels!“

„Bitte, was?“

„Du hast schon richtig verstanden. Dein Vater hat ihm die Stelle weggeschnappt, die für meinen Onkel war. Richtig dreckig und rücksichtslos!“

Davon wusste ich nichts.

„Und da mein Onkel auf diese Stelle angewiesen war, weil er sich hoch verschuldet hatte, nahm er sich das Leben.“

„Dafür kann doch mein Vater nichts… und was hatte das dann mit Lutz zu tun?“

„Dein Vater ist an allem Schuld und dafür müsst ihr büßen!“

Der ist echt krank im Hirn. Jipsi blieb stehen und langte in seine Jacke. Zum Vorschein kam eine… Pistole.

Dennis

Eng neben Michael eingekuschelt, wachte ich auf. Ich hatte seinen Duft in der Nase, alles roch nach ihm. Wie ein Beschützer lag er hinter mir und hatte mich fest an sich gezogen. Ich spürte seinen gleichmäßigen Atem, sachte wehte jeder Atemzug über meinen Nacken.

Ich musste lächeln. Meine Gedanken hingen an dem eben erlebten, als ich das erste Mal Michael in mir spüren durfte. Schon alleine der Gedanke ließ wieder Blut in meine unteren Regionen strömen.

Das war voll abgefahren, so etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich nahm Michaels Hand und küsste sie. Er brummte zufrieden, wachte aber nicht auf. Oh Mann, wie ich diesen Kerl liebte. Der Mond stand nun hoch über der Stadt, aber es fiel immer noch genug Licht ins Zimmer.

Vorsichtig drehte ich mich um. Ich wollte Michael nicht wecken. Wie automatisch griffen seine Arme nach mir, als ich mit dem Kopf auf seiner Brust lag und meine Hand auf seinem Bauch ruhte.

Volker

David schien wohl nicht viel zu vertragen. Die drei Bier hatten ihn niedergestreckt. Friedlich war er auf dem Bett eingeschlummert, während ich noch auf der Toilette saß. Ich löschte das Licht in der Wohnung und begab mich auch ins Schlafzimmer.

David hatte immer noch seine Klamotten an. Ich atmete tief durch, ging zu ihm und richtete ihn auf.

„Ich will noch nich aufstehn…“, brummelte er.

„Musst du nicht, aber fürs Bett solltest du dich vielleicht ausziehen.“

„Mir… egalll.“

Wie ein nasser Sack hing er in meinen Armen. Mir blieb auch nichts erspart. Ich ließ ihn einfach nach hinten fallen und bückte mich nach seinen Schuhen. Wie widerspenstig kann ein junger Mann nur sein? … der schläft, dachte ich. Mit Mühe zog ich ihm den Pulli und das T-Shirt über den Kopf.

Als letztes kam seine enge Jeans dran. Ich zog so lange daran, bis sie mit einem Ruck runterrutschte und mit ihr… Davids Boxer. Nun lag er nackt vor mir. Ich seufzte. Seine Sachen legte ich auf einen Stuhl.

Mit letzter Kraftanstrengung lag David dann endlich unter der Decke. Mein Bruder sah so verdammt gut aus… ich schluckte. Ich ging auf meine Seite des Bettes, löschte das Licht und legte mich ebenfalls hin.

Kaum lag ich, kuschelte sich David an mich und grunzte zufrieden. Ich spürte seine nackte Haut auf meiner. Oh Mann, wie soll da einer schlafen? Ich starrte ins Dunkle und traute mich nicht, mich zu bewegen.

Sebastian

Plötzlich wurde es hell und laut. Ebenso wie ich erschrak Jipsi, der noch immer die Waffe auf mich gerichtet hatte.

„Waffe runter!“, brüllte jemand.

Jipsi drehte sich ruckartig um und zielte in alle Richtungen. Das schien das Zeichen für den Mann neben mir zu sein, der plötzlich aus dem Nichts auftauchte und mich zu Boden riss. Ich hörte einen Schuss und hörte auch, wie es dicht über meinem Kopf am Pfosten einschlug.

Plötzlich fielen vier weitere Schüsse und ich hörte einen Schrei. Sämtliche Lichter der Häuser gingen an, Rollläden wurden hochgezogen.

„Alles klar?“, fragte der Mann, der mich immer noch zu Boden drückte.

Ich brachte ein jämmerliches >Ja< heraus. Der Mann erhob sich und half mir auf. Jetzt erst konnte ich sehen, was geschehen war. Jipsi lag auf dem Boden…die Augen weit aufgerissen… Blut sammelte sich auf dem Bürgersteig. Die Waffe hatte er immer noch in der Hand. „Ist… ist er tot?“, fragte ich heiser… meine Stimme versagte. „Sebastian?“, hörte ich eine mir bekannte Stimme rufen. Langsam und zitternd drehte ich mich um und sah, wie Herr Kahlberg auf mich zugerannt kam. „Junge, ist dir was geschehen?“, rief er. Ich schüttelte den Kopf und er nahm mich in den Arm. Meine Knie wurden weich und ich drohte, wegzusacken. „He, es ist alles vorbei!“, meinte Dennis’ Dad und streichelte mir sanft über meinen Kopf. Mein Blick fiel auf Jipsi…, der nun genauso da lag… wie mein Bruder damals…tot! Dennis Irgendwas störte gerade, ich konnte aber nicht ausmachen, was es war. „Dein Handy klingelt“, brummelte Michael. „Lass es klingeln“, brummelte ich zurück und schloss wieder die Augen. Das Handy hörte aber nicht auf, zu klingeln. Sauer richtete ich mich auf und griff nach meinem Rucksack neben dem Bett. Umständlich griff ich im Dunkeln hinein und suchte das Handy. Es klingelte immer noch… „Wenn der nicht einen triftigen Grund angibt…“, meinte ich und nahm das Gespräch entgegen. „Ja?“, meinte ich verschlafen. Es war mein Vater und was er mir erzählte, ließ mich hell wach werden. „Was?“, rief ich entsetzt, „was ist mit Sebastian?“ Michael, aufgeschreckt von meiner Lautstärke, saß nun ebenso kerzengerade neben mir. „Okay Dad, wir kommen“, meinte ich und drückte das Gespräch weg. „Was ist passiert?“, fragte Michael. „Man hat Sebastian vor unserem Haus aufgelauert… es fielen Schüsse.“ Michael starrte mich entsetzt an. „Und Sebastian…?“ „Wurde aus der Schusslinie gezogen… der Typ, der auf ihn geschossen hat ist tot. Dad meinte, wir sollen schnell heimkommen, Sebastian bräuchte uns jetzt.“ „Okay… ich zieh mich an“, meinte Michael und sprang aus dem Bett. „Ähm… ich glaube… du solltest dich vielleicht… vorher noch etwas reinigen.“ Michael sah mich fragend an. „Äh… dein Bauch… die Haare… da klebt noch etwas…“ „Oh.“ „Ja oh!“ „Bin gleich fertig“, meinte Michael und verschwand ins Bad. Robert Ich lag wieder an dem Strand, sah die Delfine im Wasser tollen. Nur diesmal war etwas anders, denn Adrian lag neben mir und lächelte mich an. War ich im Traum… war das Realität? Adrian hatte nichts an, legte sich auf mich und begann mich zu küssen. Das Wasser der Wellen umspülte uns. >Ich liebe dich, Rob!< meinte Adrian. >Ich liebe dich auch<, sagte ich und die nächste Welle umspülte uns. Sebastian Ich saß auf der Treppe vor Kahlbergs Haus. Man hatte mir eine Decke umgelegt und eine Tasse Tee in die Hand gedrückt, die ich krampfhaft umklammerte. Das Zittern hatte noch nicht nachgelassen. Immer noch sah ich Jipsi vor meinen Augen, wie er auf mich zielte. „Er steht unter Schock“, hörte ich jemand entfernt sagen. „Dennis und Michael werden gleich da sein, ich habe sie angerufen.“ „Mitten in der Nacht?““ „Kurz vor zwölf… dachte, die wären noch wach.“ „Und… waren sie es?“ „Glaube nicht…Dennis hat sich verschlafen angehört.“ „Das werden sie wohl jetzt nicht mehr sein.“ „Nein“, hörte ich denjenigen sagen und spürte eine Hand auf meiner Schulter.

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