Zoogeschichten II – Teil 68

Badespaß

Volker

Anscheinend war der Lehrer – im Gegensatz zu Lucca – von meiner Idee begeistert. Ich sah, wie Dennis einem Flamingo hinterher stiefelte.

„Dennis, pass auf, dort wird es tiefer“, rief ich noch, aber es war schon zu spät.

Mit einem Schrei sank Dennis ein und es schaute nur noch sein Kopf heraus.

„Kacke… ich will wieder zu meinem Bären, da werde ich nicht so oft nass!“, rief er und alle lachten.

Sogar bei Lucca konnte ich ein leichtes Lächeln bemerken. Ich ging wieder hinaus zu meinem Bruder, der nun alleine mit dem Lehrer stand und das Treiben beobachtete.

„Ich finde die Idee gut, wobei ich noch mit dem Vater des Jungen reden muss… rein rechtlich gesehen“, sagte Herr Sönden.

„Haben sie öfter Ärger mit dem Jungen?“

Sönden druckste herum.

„Ja und ich weiß nicht mehr, wie ich bei ihm Herr der Lage werde. Sein Vater ist ein sehr netter Mann und unterstützt uns, wo es nur geht. Aber er meinte selbst, er hätte den Draht zu seinem Sohn verloren.“

„Alleinerziehend?“, fragte Jürgen.

Sönden nickte.

„Herr Genster und ich sind etwas befreundet…, seit Luccas Mutter weggelaufen ist, hat er Ärger mit dem Jungen.“

„Vielleicht wirklich eine gute Idee von dir, Volker. Arbeiten mit Tieren hat schon oft geholfen und man kommt oft wieder besser an die Jugendlichen ran“, sprach Jürgen.

„Wenn sie nichts dagegen haben, ruf ich Luccas Vater gleich an.“

„Ihn bei seiner Arbeit stören…, nein, nicht dass er Unannehmlichkeiten an seinem Arbeitsplatz bekommt“, sagte Jürgen.

„Herr Genster ist freischaffender Künstler und arbeitet zu Hause. Zudem ist er meine Anrufe als Klassenlehrer von Lucca schon gewohnt.“

Jürgen schaute kurz zu mir.

„Okay, falls Herr Genster Zeit hat, könnte er ja herkommen und wir können das Rechtliche gleich bereden.“

Herr Sönden nickte und zog sein Handy heraus.

Jürgen nahm mich zur Seite.

„Bist du dir wirklich sicher, dass du dir das antun willst?“, fragte er leise.

„Bitte? Was soll ich mir antun?“

„Mit dem Jungen – du würdest die Verantwortung tragen.“

„Wieso ich?“

„Es war dein Vorschlag, Volker. Und ich gebe zu, ich kenne hier im Zoo niemanden, der besser mit diesem Jungen zu Recht kommen würde, als du. Ich weiß, wie oft du David wieder zu Recht gestutzt hast.“

„Das hast du mitbekommen?“

„Klar, aber ich wollte mich nicht einmischen…weil ich glaub, ich hätte David sowieso die Gurgel herumgedreht … du hast da ehrlich den besseren Riecher für.“

„Bist du sicher?“, fragte ich.

Dass ich die vergangenen Tage meinte, war Jürgen sicher bewusst.

„He Kopf hoch, wird schon schief gehen“, meinte Jürgen und klopfte mir auf die Schulter.

Herr Sönden seufzte und steckte sein Handy weg.

„In einer halben Stunde wird er da sein. Kann ich den Jungen dann schon mal bei ihnen lassen? Ich müsste mit meiner Klasse langsam zurück.“

„Kein Problem, wir passen auf Lucca schon auf, dass er nichts weiter anstellt“, sagte ich.

Herr Sönden lächelte gequält, bevor er sich zu seiner Klasse drehte.

„Leute, sammelt eure Sachen ein, wir gehen dann!“, rief er.

„Und Lucca?“, rief es aus der Menge.

„Der wird da bleiben!“, sagte Sönden trocken.

Eine weitere Lachsalve durchdrang die Klasse.

Michael

Ich wurde von dem lauten Gelächter am Flamingobecken angezogen. Eine Gruppe Schüler stand am Gatter und schaute hinein. Ich folgte ihren Blicken und sah gerade, wie mein Kleiner sich aus dem Wasser erhob.

Das Becken war halb voll mit Schaum und Dennis und die Anderen versuchten wohl gerade, die Tiere in den Käfig zu treiben.

„He Schatz, dir scheint diese Bademöglichkeit zu gefallen“, rief ich, was viele Blicke auf mich zog.

„Kannst ja reinkommen, dass Wasser ist herrlich warm!“, kam als Antwort von Dennis zurück.

Im Becken stand auch ein schwarz gekleideter Junge, den ich nicht kannte. Er sah erst mich und dann Dennis angewidert an. Ich umrundete das Gatter, grüßte kurz Volker und Jürgen, die da mit einem Mann standen.

Ich zog meine Codekarte und verschaffte mir Zutritt zum Gehege.

„Das Wasser ist wirklich herrlich“, rief mir Sebastian entgegen, der seinen Taucheranzug anhatte.

Ich zeigte ihm grinsend den Vogel.

„Wem haben wir denn das Schaumbad zu verdanken?“, rief ich Angelo zu, der mich winkend grüßte.

Wie auf Kommando zeigten alle Finger auf den schwarz gekleideten Jungen, der verlegen zu mir herüberschaute. Ein Flamingo nach dem Anderen betrat nun den Käfig. Dennis und die Kollegen zogen ihren Kreis kleiner, bis auch der letzte der Vogel im Käfig war.

Im Hintergrund bekam ich mit, wie die Jugendlichen mit dem Mann gingen und der Junge bei uns verärgert dreinschaute. Volker und Jürgen kamen nun auch.

„So Lucca, dein Vater kommt her und holt dich ab“, meinte Jürgen.

Aha, Lucca hieß er also. Er schaute trotzig zu Boden.

„So Leute, ich muss wieder ins Büro, danke für eure Hilfe“, sagte Jürgen und verschwand.

Volker dagegen baute sich vor Lucca auf.

„So, du kannst jetzt mit Angelo mitgehen. Er gibt dir andere Klamotten. Das Becken muss ja noch gereinigt werden.“

Lucca schien etwas sagen zu wollen, besann sich aber wohl, dies besser nicht zu tun. Trotzig folgte er Angelo ins Haus. Volker lief bis an den Beckenrand.

„Dennis, du stehst gerade so günstig. Könntest du den Ablauf aufdrehen?“

Dennis verzog das Gesicht, ging aber dann zu der Vorrichtung und öffnete die Klappe. Langsam kam Bewegung ins Becken. Auch der Schaum schwamm in diese Richtung. Mittlerweile war Dennis bei mir angekommen und blinzelte mich an.

„Du gefällst mir so nass“, meinte ich und grinste wieder frech.

„Das glaube ich dir gerne“, meinte Dennis und nahm mich, so nass wie er war, in den Arm und drückte mich an sich.

„Boah, Dennis“, rief ich, aber mein Ruf wurde von einem Kuss erstickt.

„Nana, könntet ihr Turteltäubchen euch vor dem Publikum mal zurückhalten?“, kam es von Volker.

„Neidisch?“, fragte Dennis frech.

Oh, wenn das mal nicht nach hinten losging, aber Volker reagierte gelassen und streckte meinem Dennis die Zunge heraus.

Volker

Neidisch? Klar du Idiot… ich streckte Dennis die Zunge heraus und verließ das Gehege wieder. Ich machte mich auf den Weg zum Eingang des Zoos. Dort würde sicher bald der Vater des Jungen auftauchen und so konnte ich ihn gleich abfangen.

Es dauerte nicht lange und ich hatte das Kassenhäuschen erreicht. Klaus saß dort an der Kasse. Ich informierte ihn über das Eintreffen von Herr Genster und er versprach mir, den Mann gleich durch zu lassen.

Während ich wartete, lief ich zu den Informationstafeln. Ich betrachte sie genauer und entdeckte, dass sie mal wieder auf den aktuellen Stand gebracht werden müssten. Ich zog mein Handy raus und wählte Jürgens Nummer.

Ich informierte ihn kurz über die Tafeln und er versprach, sich darum zu kümmern. Während ich mein Handy wieder verschwinden ließ, rief mich Klaus zu sich. Bei ihm stand ein Mann. Als ich auf die beiden zulief, betrachtete ich mir den Mann genauer.

Er schien in meinem Alter zu sein, hatte wie ich einen Kurzhaarschnitt. Im Gegensatz zu mir hatte er volles Haar. Meine Geheimratsecken waren deutlich größer als seine. Sport schien er auch zu treiben, jedenfalls ließ seine Figur das vermuten.

Ich ärgerte mich über mich selber. Jetzt gaffte ich schon Männer genauer an, ob sie mir gefielen. Shit. Aber zugegeben, dieser Mann hatte Etwas.

„Volker, das ist Herr Genster“, weckte mich Klaus aus meinem Tagträumen.

Ich streckte die Hand aus.

„Volker Kolping, Bruder des Inhabers“, stellte ich mich vor.

Ein kräftiger Händedruck überraschte mich.

„Rolf Genster. Was hat mein Sohn denn wieder angestellt.“

„Er wollte die Flamingos baden“, rutschte mir heraus und Klaus grinste.

Herr Genster schaute mich fragend an.

„Bitte?“

„Nein, ihr Sohn hat Spülmittel in das Becken der Flamingos geleert. Wir mussten die Tiere evakuieren, da sie sonst Schaden nehmen könnten.“

„Oh Gott… dieser Junge treibt mich noch in den Wahnsinn…, was wird mich dieser Spass kosten?“

„Nichts…, wenn sie sich bereit dazu erklären, dass der Junge einige Nachmittage, an denen er keinen Unterricht hat, hier hilft.“

„Seine Strafe abarbeitet?“

„Ja… so könnte man es nennen. Aber wir wissen auch, dass wenn Jugendliche mit Tieren arbeiten, Veränderungen bei ihnen auftreten.“

„Sie meinen, mein Junge würde sich ändern?“

„Das kann ich ihnen nicht versprechen“, meinte ich.

Der Mann tat mir leid. Ich wusste selbst, welchen Ärger ich damals mit David hatte – na ja, heute noch – aber wenn er dafür auch noch gerade stehen muss. Irgendwie hatte ich das Bedürfnis, ihn in den Arm zunehmen.

„Und wo ist mein Sohn jetzt?“

„Der hilft beim Reinigen des Beckens.“

„Das wird ihm gut tun, daheim macht er keinen Fingerstreich.“

„Herr Genster, haben sie Lust auf einen Kaffee?“

Herr Genster schaute mir zum ersten Mal richtig in die Augen, also ich meine, länger. Dieser Blick irritierte mich. Ich sah etwas Warmes in dem Mann, seine grüngrauen Augen hatten etwas Funkelndes, das mich magisch anzog.

„Gerne, obwohl ich jetzt etwas Stärkeres vertragen könnte.“

Ich dachte an den Schnaps, den ich in mich reingeschüttet hatte. Herr Genster schien zu merken, dass es in meinem Kopf arbeitete.

„Habe ich etwas Falsches gesagt?“

„Bitte? Ach nein, mir ging gerade ein Gedanke durch den Kopf.“

„Das habe ich gemerkt. Und ich war wohl auch der Auslöser für den Gedanken… tut mir leid.“

Wieder schaute ich in Gensters Augen und irgendwo in meinem Kopf machte es ‚klick’.

„Ähm…, das braucht ihnen nicht leid zu tun… wir… wir können zu meinem Bruder gehen, der hat sicherlich etwas Stärkeres auf Lager.“

„Nein, keine Mühe… ein Kaffee tut es auch. Aber … darf ich sie mal etwas ganz … Persönliches fragen? Ich hoffe aber, meine Direktheit stört sie nicht.“

„Klar, wieso sollte mich das stören… ich brauch ja keine Antwort darauf geben…“

„Da haben sie Recht, Herr Kolping. Sie … sind ein sehr … sympathischer Mann, Herr Kolping… ähm… ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll … vielleicht ist es besser, ich frage sie direkt … sind sie … ähm … sind … sie … schwul?“

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