Zoogeschichten II – Teil 71

Bärenrunde

Robert

Adrian hatte mich mit ein paar Zeitschriften versorgt, auch zwei Bücher waren dabei. Mein Kopfteil war hochgestellt und so konnte ich ohne Probleme lesen. Schmerzen hatte ich nun nicht mehr und nach einer genaueren, zweiten Untersuchung hatte mir Doktor Kahlberg bestätigt, dass Alles wieder im grünen Bereich war.

Ich hatte den Stoss Magazine auf dem Schoss liegen. Ein Coverblatt nach dem Anderen sah ich mir an, bis ich an einem Heft hängen blieb. Ein hübscher Kerl war darauf abgelichtet. Interessiert blätterte ich das Magazin durch. Neben einem Haufen Berichte, waren immer nette Jungs abgebildet.

Ich wusste nicht, was Adrian damit bezwecken wollte, aber ich legte das Heft wieder zur Seite.

Dennis

Den Wink mit dem Zaunpfahl hatte ich gleich verstanden. Ich ließ Lucca den Fellfetzen anziehen. Sabine zwinkerte mir zu und ging dann wieder ihrer Arbeit nach. Vorsichtig zwängte sich Lucca in unser Bärenersatzkostüm. Ich musste mir nun ebenfalls das Lachen verbeißen.

„Und was soll ich jetzt machen?“, fragte Lucca.

„Setzt dich einfach auf den Boden, so wie ich… Krümel komm, es gibt was zu Essen.“

Lucca riss die Augen weit auf.

„Ich soll einen Bären füttern?“

„Klar. He, das ist doch noch ein Baby. Keine Angst, du bist für ihn noch nicht appetitlich genug!“, meinte ich mit einem Grinsen.

Krümel hatte mich bereits bestiegen und saß nun auf meinem Schoss. Mit seinen Tatzen probierte er, meinen Arm herunter zu ziehen. Lucca setzt sich nun ebenso auf den Boden und ich gab ihm die zweite Flasche.

„He Kleiner, es gibt Futter“, rief ich zu unserem Sorgenkind.

„Ähm…, warum musste ich dieses staubige Fell denn anziehen?“, fragte Lucca verwirrt.

„Der Kleine ist das Füttern aus Menschenhand noch nicht so gewohnt. Deswegen dieses Fell. Wenn er auf dich krabbelt, hat er einen Bezug und trinkt dann.“

„Der klettert auf mich?“, fragte Lucca entsetzt.

„Wie gesagt, er frisst dich nicht, knabbert höchstens an dir herum.“

Luccas Unbehagen spürte ich bis hier her und ich fragte mich, wer denn von den Beiden nun mehr Angst hatte. Der Bär oder Lucca? Vorsichtig näherte sich unser Neuling und schnupperte an Luccas Knie.

Dieser hielt die Luft an, dass ich befürchten musste, er kippt mir irgendwann weg.

„Ganz ruhig, Lucca. Halt ihm einfach die Flasche hin, den Rest macht er dann alleine.“

Mit entsetzten Augen schaute mich Lucca an und nickte. Er hielt dem Bärchen die Flasche hin. Dieser schnupperte nun ebenfalls an ihr. Dann stieg er tollpatschig auf Luccas Schoß. Ich hatte jetzt wirklich die Befürchtung, Lucca springt gleich auf und rennt schreiend weg.

Das Bärchen fing an zu trinken, während Krümel sich lautstark beschwerte, weil seine erste Flasche leer war.

„Nein Krümel, die Weste hat schon gereicht, zerbeiß mir nicht auch noch mein Shirt!“, sagte ich im strengen Ton und tippte ihm leicht auf die Nase.

Sofort wich Krümel ein Stück zurück und ich konnte ihm die zweite Flasche geben. Ein Blick zu Lucca und ich war beruhigt. Fasziniert gab er dem Kleinen die Flasche und kraulte das Bärchen sogar ein wenig.

Die Tür wurde langsam aufgezogen und Michael schaute herein.

„Wo warst du…? Ich habe dich vorhin gesucht.“

„War etwas besorgen…, war es wichtig?“

„Nein…, ich habe dich nur vermisst.“

Michael kam herein, schloss die Tür hinter sich und kniete sich zwischen mir und Lucca auf den Boden.

„He, unser Schaumboy hat ja richtig Talent“, meinte er grinsend.

Mit einem zerknirschten Gesicht schaute Lucca zu Michael.

„Kommt ihr zwei nachher noch ins Savannenhaus?“, fragte Michael.

Lucca wollte anscheinend schon etwas sagen, aber ich war schneller.

„Nein, ich muss nachher Sabine im Gehege helfen. Sauber machen und Futter verteilen. Lucca denk ich, wird ja auch bald abgeholt.“

Kaum hatte ich den letzten Satz ausgesprochen, ging die Tür zum Käfig wieder auf.

Volker

Ich schob Rolf sanft durch die Tür ins Bärenhaus. Es war niemand zu sehen, nur ein Klappern hinten in den Arbeitsräumen.

„Jemand da?“, rief ich.

„Ja, hier bei der Arbeit!“, hörte ich Sabine rufen, die Sekunden später auch erschien.

„Hallo Volker, wen bringst du mir denn?“

„Das ist R… Herr Genster. Sein Sohn ist der Lucca.“

„Oh!“

„Ja, oh!“, wiederholte Rolf mit einem gequälten Gesichtsausdruck.

„Lucca ist mit Micha und Dennis bei den Kleinen, falls ihr die sucht.“

„Ja, tun wir, danke!“, meinte ich.

„Bei den Kleinen?“, fragte Rolf.

„Ja, auch hier gibt es eine Kinderabteilung…, sozusagen“, antwortete Sabine, „ach so, wie lange bleibt Lucca uns denn erhalten?“

Ich schaute zu Rolf.

„Und, was meinst du?“, fragte ich Rolf.

„Ihr kennt euch?“, fragte nun Sabine.

Mein Kopf füllte sich gerade wieder mit Blut.

„Wir haben uns eben erst kennen gelernt, aber so gut verstanden, dass wir irgendwie automatisch ins DU verfallen sind“, versuchte nun Rolf seinerseits die Situation zu retten.

Sabine mochte sich sicherlich ihren Teil denken, aber es war ihr zumindest nicht anzumerken.

„Ach so“, sagte sie bloß.

„Also von meiner Seite kann er so lang hier arbeiten, wie ihr es für nötig haltet“, sagte dann Rolf.

„Und wo?“, fragte nun ich.

„Hier bei mir und Dennis und du bist ja dann auch nicht ganz allzu weit weg, wenn etwas sein sollte“, antwortete Sabine.

„Du arbeitest hier im Haus?“, fragte nun Rolf.

„Nein, ich bin nebenan im Kleinbärenhaus.“

„Äh… ich dachte die Kinderabteilung ist hier?“

„Nein, da verstehst du was falsch“, grinste ich ihm entgegen.

„Wir“, fing Sabine an, „haben solche Bären im Haus“, meinte sie und öffnete den Schieber zum Außengehege.

Es dauerte nicht lange und der erste Bär erschien mit einem lauten Grölen. Rolf wich einen Schritt zurück und stieß gegen mich.

„Keine Angst, der kann dir nichts tun, da ist immer noch ein Gitter dazwischen.“

Sabine grinste. Rolf blieb so stehen, etwas an mich gelehnt und ich genoss das, ohne mir Gedanken zu machen, ob das Sabine jetzt merken könnte. Ein Bär nach dem Anderen kam ins Haus.

„Ich habe noch nie Bären aus dieser Nähe gesehen.“

„Du wirst gleich noch näher dran sein“, verkündete ich und schob ihn Richtung Bärenstation.

Ich öffnete die Tür und fand Michael kniend zwischen Lucca und Dennis. Lucca hatte das Fell an und auf seinem Schoss saß unser Neuling, der an seiner Milchflasche schlabberte.

„So, hier ist dein Sohnemann“, meinte ich zu Rolf und zog die Tür weiter auf, „hallo ihr drei.“

Michael stand auf und sah uns fragend an.

„Das ist Luccas Vater“, erklärte ich und Michael nickte verstehend.

„Papa… du hier?“, hörte ich Lucca sagen.

„Ja, dein Lehrer hat mich angerufen… du hättest wieder etwas angestellt.“

Lucca ließ seinen Kopf sinken.

„Ich wusste ja nicht, dass es so schäumen würde…“, sagte er leise.

Rolf schaute mich verwundert an.

„Hast du den kleinen Bären auf meinem Schoss gesehen? Der trinkt aus meiner Flasche.“

Man konnte meinen, Rolfs Sohn wollte das Thema ändern. Rolf sah wieder zu mir.

„Also ich könnte schwören, er sieht wie mein Sohn aus, aber benehmen tut er sich nicht so“, meinte Rolf zu mir.

„Mensch Papa“, kam es von Lucca.

„Erwischt!“, erwiderte Rolf, „mein Sohn hat schon lange nicht mehr Papa zu mir gesagt.“

Rolfs Augen funkelten und zum ersten Mal schien mir, dass sie auch frei von Angst waren. Der Disput zwischen ihm und seinem Sohn begann sich zu lösen. Er ging etwas nach vorne neben seinen Sohn und streichelte dem Bären über den Rücken.

„Der ist so schön weich“, sagte Rolf zu mir und wandte sich dann an seinen Sohn.

„Hör mal, Lucca. Ich freue mich, dass du diesmal einsiehst, dass du Scheiße gebaut hast. Auch find ich die Idee von Volker… Herr Kolping gut, dass du hier arbeiten sollst, um den Schaden abzuarbeiten.“

Lucca zog einen Schmollmund.

„Wenn deine eh nicht so tadellosen Schulnoten nicht zu sehr darunter leiden, kannst du das hier machen und ich kann mir einen Anruf bei der Versicherung sparen.“

Dennis

Wie Volker diesen Mann anschaute und per DU waren sie auch schon. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. Michael schien das Gleiche zu denken und grinste mich an.

Hoffentlich ließ er jetzt keinen falschen Kommentar vom Stapel und blamierte damit Volker.

„Okay“, meinte Lucca auf den Vorschlag seines Vaters.

„Und wenn du willst, kannst du gleich damit anfangen. Die Frau draußen…“

„Sabine!“, unterbrach ihn Volker.

„Ja, Sabine meinte, sie bräuchten hier Hilfe im Bärenhaus…, wäre das etwas für dich?“, fragte Herr Genster seinen Sohn.

Lucca sah erst Michael und dann mich an.

„Ich weiß… du hast Schwierigkeiten mit dem Schwulsein…“, begann sein Vater weiter zu reden, „ist es ein Problem für dich, dass Dennis schwul ist?“

Hoppla, stand ich im Amtsblatt, dass dieser Mann dies wusste. Volker sah kurz schuldbewusst zu mir rüber und ich wusste nun, woher er es wusste.

„Und ich Dennis Freund bin“, sagte Michael, „denn dann wärst du hier falsch am Platz.“

„Nein…, macht mir nichts aus Papa… du bist es doch auch!“, meinte Lucca.

Oha, was war das hier…? Outen ums Verrecken? Volkers und mein Blick kreuzten sich kurz und Volkers Gesicht lief rot an. Mein Blick wechselte zwischen Herrn Genster und Volker hin und her.

Auch Michael fing langsam zu kapieren, was hier überhaupt gerade ablief und mischte sich ein.

„Okay, dann wäre das ja auch geklärt. Ich denke, wir lassen die zwei Bärenbändiger hier jetzt mal jetzt alleine. Ich muss eh zurück ins Savannenhaus.“

Volker und Rolf nickten.

„Bis später!“, sagte Herr Genster zu seinem Sohn, der nur nickte und wandte sich dann zu mir und Michael, „ich bin der Rolf! Wir werden uns ja jetzt sicherlich öfter sehen.“

Volkers Gesicht wurde noch eine Spur roter… was lief hier ab?

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