Zoogeschichten II – Teil 73

Sturköpfe

Volker

Ich sah, dass Kevin auf Michael lag und beide Hände um Michaels Hals gelegt hatte. Kevin bekam überhaupt nicht mit, dass ich ins Savannenhaus betreten hatte. Ich griff ihm unter die Arme und zog ihn mit einem Ruck weg.

Rolf zog Michael hoch, der schwer atmete.

„Könnt ihr mir mal sagen, was der Scheiß hier soll?“, rief ich laut.

Michael keuchte, sagte aber nichts. Kevin versuchte, sich aus meinem Griff zu lösen, aber ich blieb eisern. Erst wollte ich wissen, was passiert war.

„Frag doch den kleinen Wichser da!“, keifte Kevin.

Michael schaute hasserfüllt.

„Das ist eine Sache zwischen Kevin und mir“, keuchte Michael.

„Wenn sich meine Mitarbeiter im Zoo an die Gurgel gehen, ist das auch meine Sache.“

„Wegen einem Missverständnis ist der Arsch ausgetickt und auf mich losgegangen“, sagte Kevin.

„Wer hier auf wen losgegangen ist, ist ja wohl klar“, kam es immer noch keuchend von Michael, während Rolf ihm aufhalf.

„Hättest mich nur erklären lassen“, sagte Kevin wütend.

„Die Szene war wohl eindeutig, was gibt es da zu erklären“, erwiderte Michael genauso sauer.

„Kann mir mal, verflucht noch mal, einer jetzt sagen, was los ist?“, meinte ich.

„Ich hab Tim geküsst, das war alles.“

Rolf sah mich grinsend an und hob die Augenbrauen.

„Tim?“, fragte ich verwundert.

„Ja, ein Freund von Dennis. Ich habe ihm nur gezeigt, dass ich als Hetero genauso gut Männer küssen kann, dass dies mit einer Veranlagung überhaupt nichts zu tun hat“, erklärte Kevin weiter.

Michael blies scharf seine Luft aus und schüttelte den Kopf.

„Frag doch Tim, wenn du es mir nicht glaubst“, meinte Kevin, „als hätte ich dich noch nie geküsst. Ich bin nicht schwul und ich liebe Corinna. Und dich liebe ich auch…, aber eben wie einen Bruder!“

Ich ließ Kevin los und er streckte seinen Rücken durch.

„Dann ist die Sache wohl erledigt… gebt euch die Hand und vertragt euch wieder!“, sagte ich.

Beide standen sich gegenüber und funkelten sich sauer an.

„Ich habe das ernst gemeint, sonst lernt ihr mich kennen“, sprach ich weiter.

Beide schüttelten sich die Hände, aber ich merkte, dass die Sache noch nicht vom Tisch war.

Dennis

Michael prügelte sich mit Kevin, war das zu fassen? Ich rannte so schnell ich konnte zum Savannenhaus. Ich bremste abrupt ab, als ich Tim entdeckte. Er saß alleine auf einer Bank und heulte.

„Tim?“, rief ich verwundert.

„Ich habe wieder alles verbockt…“, jammerte er mir entgegen.

„Wieso? Was hast du denn gemacht?“

„Ich habe Kevin geküsst…“

„Bitte?“, rief ich jetzt etwas zu heftig, denn andere Besucher drehten sich nach uns um.

„Ich habe Kevin geküsst…, was ist daran so schwer zu verstehen?“

Ich lachte kurz auf.

„Ähm…, weil Kevin vielleicht Hetero ist und mit der Tochter des Chefs liiert ist?“

„Oh…, scheiße, was habe ich da nur gemacht.“

„Wieso…, kam seine Freundin?“

„Nein, Michael kam vorbei und hat uns gesehen…“

Oha… Michael, mir kam da jetzt einiges in den Sinn.

„Und warum hast du Kevin geküsst?“

„Hab ich ja gar nicht…er doch mich!“

„Könntest du das jetzt mal für einen normal Sterblichen erklären.“

„Ich habe mich mit Kevin unterhalten…. Na ja, irgendwann sind wir auf das Thema Küssen gekommen… und nach dem ich behauptet habe, Schwule könnten besser küssen als Heteros… da küsste er mich.“

„Sorry, das hört sich für mich wie fünfte Klasse an á la >deiner ist kleiner als meiner<.“ „Kevin hatte aber Recht…“ „Mit was?“ „Heteros können wirklich gut küssen!“ Michael Der meint wohl, ich glaub auch alles, was er erzählt. Mein Hals tat weh. Deutlich spürte ich, wo Kevins Hände zugepackt hatten. War er jetzt voll durchgeknallt? Erst wollte er mir Dennis madig machen und dann knutscht er Jungs! Rolf hatte immer noch seinen Arm um mich gelegt. Als ob das Händeschütteln das ungeschehen machen würde. Kevin war für mich Geschichte…, er hätte mich nicht würgen dürfen. Ich löste mich aus der Umarmung von Rolf, ohne einen Ton zusagen. Kevin und Volker ließ ich links liegen und verließ das Savannenhaus. Dort kamen mir Dennis und Tim entgegen. Tim schien geheult zu haben…, seine Augen waren gerötet. „Alles in Ordnung mit dir, Schatz?“, fragte Dennis. Ich nickte. „Du bist ja ganz rot am Hals“, meinte er und hob mein Kinn an, „hat Kevin dich etwa gewürgt?“ „Ja. Aber lass es, habe keine Lust mehr, mich aufzuregen.“ „Warum hat er dich gewürgt?“ „Weil ich ihm eine in die Fresse gehauen habe, verstanden?“ Dennis zuckte etwas zurück. „Und nur wegen diesem Kindergartenzeugs?“, fragte er nun etwas vorsichtiger. „Was?“ Ich verstand nur Bahnhof. Tim stand etwas hinter Dennis, als wollte er sich vor mir verstecken. „Tim meinte zu Kevin, Heteros küssen schlechter als Schwule und Kevin hat ihm das Gegenteil bewiesen.“ Das war jetzt auch scheiß egal. Er hätte mich nicht würgen dürfen…, da war er einen Schritt zu weit gegangen. „Michael?“ Dennis riss mich aus dem Gedanken. „Ist mir egal, was das Arschloch tut!“ „Michael, fängst du jetzt auch an, dich wie im Kindergarten zu benehmen?“, fragte Dennis. Dennis „Was denn? Er hat mich am Hals gewürgt“, schrie mich Michael an. „Nachdem du ihm die Fresse poliert hast, wundert dich das?“, schrie ich nun zurück. „Ach, der Herr stellt sich auf Kevins Seite.“ „Ich tu gar nichts, ich merk nur wie kindisch und verbohrt du grad bist.“ Ich spürte nur noch einen Schmerz auf der Wange. Dies war das zweite Mal, dass mir Michael ins Gesicht geschlagen hatte. Ich hielt meine Hand auf die schmerzende Stelle und schaute ihn an. So kannte ich ihn nicht. Verbohrt und jähzornig. „Du kannst mich mal!“, sagte ich nur noch, drehte mich um und lief zurück zum Bärenhaus. „Dennis… halt… warte…“, hörte ich Michael noch rufen, aber es war mir egal. Ich wollte ihn nicht mehr sehen. „Dennis, ich…“, fing Tim neben mir an zu stottern. „Was, willst du denn jetzt noch… du bist doch an allem Schuld, hast du wieder super hingekriegt!“, schrie ich Tim an und ließ ihn stehen. Waren jetzt alle verrückt geworden? Sollen mich ja in Ruhe lassen. Toll und das vor meinem Geburtstag. Den konnte ich jetzt auch stecken lassen…, egal, feiere ich halt mit Mama und Papa. Ich wischte mir die Tränen weg. Meine Wange brannte wie Feuer. Schnurstracks lief ich ins Bärenhaus zurück und nahm wieder meine Arbeit auf. Nachdem die Bären wieder im Außengehege waren, begann ich, den ersten Käfig auszufegen. Lucca und Sabine waren mittlerweile auch wieder im Haus. „Dennis, alles klar bei Michael?“, fragte mich Sabine. Ich drehte mich um und schaute sie nur an. „Mein Gott Dennis! Was hast du mit deiner Wange gemacht? Sie ist feuerrot!“ „Das war Michael“, sagte ich im ironischen Ton und kehrte weiter. „Dem werde ich etwas erzählen“, meinte sie und stapfte zur Ausgangstür. „Du wirst gar nichts, lass ihn, diesen eingebildeten Schnösel. Mister Brutalo kann alleine schmoren!“ „Bist du sicher?“, fragte Sabine. „Ja bin ich!“ Lucca verfolgte die ganze Zeit schweigsam unsere Unterhaltung. Er starrte mich an. „Was?“, fragte ich genervt. „Solltest dir etwas Kühles drauf legen…, das hilft…, ich spreche da aus Erfahrung.“ „Prügelst dich wohl öfter!“ „Dennis!“, sagte Sabine mahnend meinen Namen. „Entschuldige… ich bin etwas gereizt!“ „Dafür kann Lucca aber nichts, er wollte nur behilflich sein.“ „Schon gut“, sagte Lucca, „bin ich gewohnt.“ „Was?“, fragte ich. „Dass man mich nicht ernst nimmt. Aber wie gesagt, ist nicht schlimm, habe mich daran gewöhnt.“ „Kommt deswegen niemand mit dir aus?“, fragte ich jetzt ganz direkt. „Dennis!“, kam es noch eine Note schärfer von Sabine. Ich war nun aus dem Käfig geklettert und stand den Beiden gegenüber. „Was denn? Er hat doch nur Ärger, wo er auftaucht, so habe ich es verstanden“, versuchte ich mich zu verteidigen. „Aber…“, fing Sabine an, wurde aber von Lucca unterbrochen. „Er hat ja Recht… und … ja es stimmt… ich komme damit nicht zu Recht.“ „Soviel zu dem Thema >ich bin es gewohnt<. Läufst du deswegen in den schwarzen Klamotten herum. He Lucca, du siehst wirklich gut aus, aber nicht in dem Zeugs!“ Lucca schaute mich verwundert an. Ich war zwar erst zwei Jahre älter als er, aber ich kannte das. Diese Trotzphase hatte ich hinter mir. Na ja – fast. Ab und zu muckte ich zu Hause schon noch auf. „Ich weiß wovon ich rede. Sabine meint jedenfalls, ich hätte einen guten Geschmack.“ „Ich bin aber nicht schwul!“, wehrte sich Lucca. „Das wollte auch keiner damit sagen“, meinte Sabine, „ hattest du etwa das Gefühl, einer von uns nimmt dich nicht ernst?“ Lucca zögerte etwas mit der Antwort.

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