Zoogeschichten III – Teil 117 – Familienangelegenheiten

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Robert

Ich war doch sehr müde, so übernahm Adrian den Fahrdienst zu mir nach Hause. Es war mir gar nicht bewusst, dass Adrian mich in meine Wohnung gebracht, mich ausgezogen und ins Bett gesteckt hatte. Nun saß er neben mir uns hatte meine Hand in seiner.

„Rob…, ich habe erst ein langes Gespräch mit meiner Mutter geführt und danach auch noch mit Heike geredet.“

„Über was?“

„Über dich und das du nicht fit bist.“

„Aber ich habe doch…“

„Lass mich bitte ausreden…, ich habe für uns beide beschlossen, dass wir Urlaub machen.“

„So…, dass hast du beschlossen“, meinte ich leicht ärgerlich und wieder wach.

„Warte erst einmal meinen Vorschlag ab, ok?“

Ich nickte.

„Ich weiß, es ist etwas teuer, aber Mum will sich großzügig beteiligen.“

Verwundert schaute ich ihn an.

„Wo willst du denn hin?“

„Bahamas…“

„Bahamas? Was willst du denn dort?“

„Mit dir freilebende Delphine besuchen.“

Mit großen Augen schaute ich ihn an.

„Weißt du Rob, ich weiß, dass ich dich nicht von deinen Delphinen wegbekomme, aber ich verstehe dich auch, glaub mir bitte. Was gäbe es dann schöneres, als dort hinzufliegen, wo du mit wilden Delphinen schwimmen gehen kannst.“

„Ich weiß nicht…, was ich sagen soll!“

*-*-*

Dennis

Micha hatte mich nach Hause gefahren und fuhr anschließend gleich weiter zu seinen elterlichen Gefilden.

„Du hast ordentlich Farbe bekommen“, meinte meine Mutter, nach dem sie mich umarmt hatte.

„Ja, wir waren auch viel in der Sonne, es war wirklich herrlich dort.“

„Wollen wir gleich auspacken?“

„Jetzt lass mich doch erst mal ankommen…, was ist los Mum, du bist so nervös, ist irgendetwas passiert, während ich nicht da war?“

Ich setzte mich an den Küchentisch und sie tat es mir gleich.

„Dein Vater war hier…“

„Ähm, der ist doch jeden Tag…“, halt, jetzt wusste ich, was sie meinte, „mein Vater…?“

„Ja…“

„Und was wollte er…, gab es einen Grund?“

„Zu einem wollte er uns näher kennen lernen.“

„Und zum zweiten?“

„Dennis, jetzt lass mich doch einfach mal ausreden!“

Oh, den Ton kannte ich. Wenn sie so anfing, sollte ich lieber ruhig sein.

„Er hat den Vorschlag gemacht, dass du zu ihm ziehst…, er hätte Platz genug und…“

„Mum…, entschuldige, wenn ich dich unterbreche. Ich habe dir schon vor unserer Abreise gesagt, du und Dad sind meine Familie und das wird auch so bleiben. Zu Sven zu ziehen, kommt für mich nicht in Frage und ich denke es ist wohl ganz meine alleinige Entscheidung, ob ich das will.“

Mums Augen waren feucht. Unbehagen machte sich in mir breit. Klar war es interessant, mehr über meinen leiblichen Vater zu erfahren, geschweige denn von meiner leiblichen Mutter, über die noch nie geredet wurde.
Großeltern musste es ja auch noch geben und eventuell andere Familienmitglieder ebenso. Aber so interessant dies alles auch zu scheinen schien, mein Platz war hier.

„Danke.“

Ich lächelte.

„Es hat sich vieles geändert Mum, diese Lehre im Zoo meine eigene Welt auf den Kopf gestellt, daher bin ich froh, dass ich bei dir und Dad meinen Ruhepol habe und ihr immer für mich da seid.“

„Und was ist mit Micha?“

„Micha?“, ich musste lächeln, „ein großes süßes Kind!“

„Kind? Wie redest du denn über deinen Schatz? Du bist jünger! … lass ihn das ja nicht hören!“

„Och Mum, das weiß er und ich frage mich oft, wer der ältere von uns beiden ist.“

„Du liebst ihn so richtig heiß und innig…?“

„Ja!“, strahlte ich.

„Gut, halte daran fest!“

Sie stand auf.

„Ich werde so langsam mit dem Kochen anfangen, wenn dein Vater nach Hause kommt, hat er bestimmt wieder einen riesen Hunger.“

Ich stand ebenso auf und nahm sie fest in den Arm.

*-*-*

Rolf

Langsam und schweigend liefen wir nebeneinander her. Für meinen Geschmack war dieser Tag einer jener, den man sich getrost hätte schenken können. Zuviel passiert, um alles zu verarbeiten, zu wenig Zeit um alles in den Griff zu bekommen.
Nur an Lucca zu denken, nein das war nicht ich, nein meine Gedanken waren viel zu sehr mit Volker verbandelt, als dass ich einfach damit stoppen könnte. Dieser Kleinkrieg zwischen Herz und Verstand lies mir keine Ruhe.

„Dürfte ich an deinen Gedanken etwas teilhaben, du schweigst schon eine halbe Stunde.“

Ich blieb stehen und wandte mich zu Volker.

„Volker, um ehrlich zu sein, in meinem Kopf herrscht ein viel zu großes Chaos, als dass ich klar denken könnte. Dir mitzuteilen, was in mir vorgeht, ist mehr als schwierig.“

„Das verstehe ich…“

„Und was machen wir jetzt?“

„Wenn ich das wüsste.“

Volkers Handy meldete sich.

„Ja…, ich bin gleich da…“

Er sah mich an.

„Schon gut, dein Typ wird verlangt, geh schon… es ist dein Job!“

Er griff nach meiner Hand.

„Nein komm mit.“

„Warum?“

„Das wirst du dann sehen.“

So folgte ich ihm durch den halben Tierpark um ein mir unbekanntes Haus zu betreten. Der Geruch war streng, aber ertragbar.

„Wir müssen leise sein“, kam es von Volker und so folgte ich ihm Wortlos durch den Gang.

Schwere massive Gitterstäbe tauchten vor mir auf und in einem Käfig konnte ich ein Nilpferd entdecken. Ohne Worte zeigte mir Volker ihm weiter still zu folgen, bis er plötzlich vor einem dieser dicken Gitter stehen blieb.
Ich schaute in den Stall und sah ein Nashorn vor mir. Volker tippte mich an und zeigte auf eine Stelle in der anderen Ecke. Dort konnte ich nur Stroh ausmachen…, halt es bewegte sich etwas.
Volker strahlte mich glücklich an. Leise trat ich etwas näher um besser sehen zu können, was dem Nashorn vor mir anscheinend nicht so gut gefiel. Es schnaubte wild und trat einen Schritt nach vorne.
Das Schnauben hätte schon genügt, aber dieses Aufstampfen mit dem Fuß lies mich automatisch zurück weichen. Und dann sah ich es. Ein kleiner Kopf lugte aus dem Strohhaufen hervor.

„Wahnsinn oder?“, flüsterte Volker, „vor zehn Minuten geboren. Alles dran!“

Vor mir sah ich ein kleines Nashornbaby. Dort wo später mal das Horn war, war jetzt noch eine kahle weise Stelle.

„Jetzt muss es nur noch aufstehen“, flüsterte Volker weiter.

Gebannt schauten alle zu dem kleinen hin. Mühsam versuchte es sich aufzustellen, was aber immer misslang.

„Kann man ihm nicht helfen?“, fragte ich.

„Nein, zudem würde uns seine Mutter uns nicht in die Nähe lassen…“, antwortete ein Kollege von Volker.

„Noch nicht!“, kam es von Volker.

Wieder hingen alle Augen gebannt auf dem Kleinen, der mittlerweile die Hinterbeine durchgedrückt hatte. Ich dachte an Lucca, wie er seine ersten Stehversuche probierte und musste unweigerlich grinsen.
Wie oft war er einfach wieder hingeplumpst, hatte es dennoch immer wieder versucht. Der Wille zu Aufstehen und weiter zu gehen, war in uns.

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