Zoogeschichten II – Teil 96

Zu viele Gedanken

Dennis

Ich war froh, endlich zu Hause zu sein. Nach der Dusche hatte ich mich auf mein Zimmer zurückgezogen. Sebastian war auch nicht so gut drauf und deshalb hielt ich es für besser, hier in meinem Zimmer zu sitzen.

Am Samstag stand mein Geburtstag an und ich hatte keinerlei Lust auf diese Feier. Ob ich alles abblasen sollte? Gut, man wird nur einmal achtzehn, aber unter diesen Umständen, war mir nach Feiern nicht zu mute.

Es klopfte an der Tür, ich hob meinen Kopf.

„Ja?“

Sebastian kam hereingeschneit.

„Na… du bist wohl genauso drauf wie ich?“, fragte er und schloss hinter sich die Tür.

„Wundert dich das?“

„Nein…“

Er setzte sich neben mich aufs Bett.

„Kommt Micha noch?“, fragte er.

„Weiß noch nicht genau, er meinte, er hätte noch etwas in der Stadt zu erledigen.“

„Der ist auch nicht klein zu kriegen…“, meinte Sebastian kopfschüttelnd.

„Nein, das ist er nicht.“

„Bei euch alles wieder klar?“

Ich atmete tief durch.

„Ich denke mal… ich hoffe, es war wirklich nur ein Ausrutscher… Ich liebe ihn und will ihn nicht verlieren… Was ist mit dir und Brit?“

„Kann ich dir gar nicht mal sagen. So richtig zusammen…“, Sebastian zuckte mit den Schultern, „ich mag sie sehr… sie ist so lieb.“

„Aber?“

„Ach, ich weiß auch nicht… einfach zu viele Gedanken in meinem Kopf.“

„Die hat wohl jeder im Augenblick, aber sie werden sich ja auch mal wieder legen… oder?“

„Bestimmt! Wie sieht’s am Samstag aus? Brit hat schon gefragt.“

„Na ja… ich bin am Überlegen, ob ich’s nicht abblase.“

„Bist du blöd? Du kannst doch deinen Geburtstag nicht sausen lassen, wie kommst du denn auf diese Idee?“

Ich schaute zu Boden, konnte nicht die richtige Antwort finden.

„Schau mal, Dennis. Ich weiß, es ist sehr viel passiert in den letzten Tagen. Wir haben da sicher alle ein wenig darunter gelitten. Aber unterkriegen sollten wir uns deshalb nicht lassen… du feierst, basta!“

„Ja Papa“, rutschte mir heraus und ich lächelte wieder… wie Sebastian auch.

Volker

Ich schmiss meine Klamotten in die Tonne und drehte die Dusche auf. Ich war zwei Tage nicht zu Hause gewesen und es drängte mich nach einer Dusche und neuen Klamotten. Mit Rolf hatte ich mich auf dem Parkplatz noch sehr lange unterhalten.

Es hatte mir gut getan und wir hatten einige Sachen, um die ich mir Sorgen machte, regeln können. Ich zog hinter mir die Duschtür zu und genoss die warmen Strahlen des Wassers auf meiner Haut.

„Volker?“, rief jemand laut.

David.

„Ja? Ich bin unter der Dusche.“

Ich hörte die Badtür auf gehen und wenig später zog David die Duschtür auf.

„Könntest du vielleicht warten, bis ich fertig bin?“, fragte ich und verdeckte ein gewisses Teil als wäre es mir peinlich… Shit, es war mir peinlich.

David stand grinsend vor mir.

„Brüderchen, du bist ein Gott… aber jetzt ja tabu!“, sagte er grinsend und schob die Tür wieder zu, „ hättest du etwas Zeit für mich, oder verschwindest du gleich wieder?“

„Lass mich bitte erst fertig duschen, ich komm dann gleich zu dir.“

„Okay, ich bin in der Küche“, meinte David und verschwand wieder.

Ich wusch mich schnell ab und stellte das angenehme Wasser ab. Mist, ich hatte keine Unterwäsche mitgenommen. Wer wusste auch, dass David einfach reingeschneit kam. Ich trocknete mich flüchtig ab und band mir das Tuch um die Hüften.

So lief ich in die Küche, wo sich David mit einem Bier breit gemacht hatte.

„Och Volker, du bist fies… musst du jetzt auch noch so herumlaufen?“

„Auf Entzug?“, lächelte ich.

„Pah!“, meinte David und nahm einen Schluck aus seiner Flasche.

„Du hast ja gesagt… ich bin tabu!“, meinte ich und setzte mich aufreizend auf den anderen Stuhl, „was ist, du wolltest mich sprechen?“

„Na ja sprechen… ich wollte deine Meinung wissen… dich um Rat fragen.“

Es tat unheimlich gut, dass David wieder zu mir kam, weil er nicht weiter wusste. Erinnerte mich stark an alte Zeiten.

„Was hat mein kleiner Bruder denn auf dem Herzen…?“

„Herzen… du triffst es immer genau…“

„Oh, …frisch verliebt?“, fragte ich verwundert, genau den Punkt getroffen zu haben.

„Ja…aaa, so ungefähr…“

David sprach mal wieder in Rätseln.

„Und wer ist der Verrückte, der sich deiner Gefühle erbarmen muss? Kenne ich ihn?“

Irgendwann sollte ich meine spitze Zunge im Zaum halten, wenn es nötig war. David schaute etwas betrübt.

„Was ist los, spuck es schon aus!“

„Tim… 17 Jahre… ein Freund von Dennis…“

Hoppla… ich dachte, er stand auf gestandene Männer.

„Dir gefällt das nicht, oder?“, fragte er unsicher.

„Das habe ich nicht gesagt…, ich dachte nur, du willst einen Mann… keinen Jugendlichen.“

David strubbelte sich durchs Haar.

„Ja ich weiß, aber der Kleine geht mir nicht mehr aus dem Kopf!“

„Dennis und Michael sind auch sechs Jahre auseinander… ein Problem?“

„Quatsch, für mich nicht. Aber ich weiß nicht, wie Tim darüber denkt.“

„Weiß er denn von den Gefühlen, die du für ihn hegst?“

„Öhm… ich denke schon… Wir haben uns geküsst und ich hatte nicht das Gefühl, er wäre sehr abgeneigt.“

„Und wo ist dann das Problem?“

„Ich weiß trotzdem nicht, ob es richtig ist!“

„Ja das, lieber David, kann ich dir auch nicht sagen.“

„Schade… bis jetzt hast du auch immer einen Rat gewusst.“

„In Liebesdingen? Hör mal… da bin ich genauso Neuling wie du!“

David lachte. Er lachte richtig herzhaft, so dass es schon ansteckend war.

„Neuling! He, du warst verheiratet…!“

„Ich meinte auch eher auf Männer bezogen.“

„Ach so… Wird das jetzt was mit dir und deinem Typen?“

„Typen… wie sich das anhört. Er heißt Rolf und ist…“, ich stockte, ja, was war er denn eigentlich…, „ er ist unbeschreiblich!“

„Du liebst ihn…!“

Warum füllte sich mein Gesicht jetzt mit Blut?

„Deine Reaktion ist schon Antwort genug“, sagte David und kicherte.

„Ja.. ich liebe ihn, was dagegen?“

„Nein, Gott bewahre. Ich freu mich, dass es dich richtig erwischt hat!“

„So wie dich auch!“

Rolf

Lucca war wieder eingeschlafen. Nach einer neuerlichen Untersuchung hatte man ihm einige Schläuche und Kabel angenommen. Man hatte mir gesagt, dass wenn Luccas Zustand weiterhin so bleibt, er zum Wochenende aus der Intensiv in ein normales Zimmer verlegt werden würde.

Ich atmete tief durch. Mein Gott Lucca, was haben sie nur mit dir gemacht? Eine Schwester kam herein.

„Herr Genster, draußen wartet ein Polizist auf sie“, meinte sie leise und überprüfte Luccas Puls.

Ich nickte und stand auf. Meinen grünen Umhang zog ich gar nicht aus und lief direkt durch die Schiebetür nach draußen. Dort stand ein Mann in verwaschenen Jeans, jünger als ich.

„Ich bin Rolf Genster“, meinte ich und streckte die Hand aus.

„Kommissar Peter Müller. Wie geht es ihrem Sohn?“

„Er ist aus dem Koma erwacht und ansprechbar…“

„Herr Genster, weshalb ich sie aufsuche… es geht um die Täter.“

„Ja?“, fragte ich etwas geistesabwesend.

„Ich wollte fragen…, ob sie ihre Anzeige zurückziehen.“

„Bitte?“

Jetzt war ich voll da.

„Die haben versucht, meinen Jungen umzubringen!“

„Ich verstehe sie ja, Herr Genster, aber…“

„Nichts aber, die sollen für das büßen, was sie meinem Sohn angetan haben.“

Wütend ließ ich den Kommissar stehen und ging wieder in die Intensiv, wohin er mir nicht folgen konnte.

*-*-*

Volker

Ein sichtlich aufgelöster Rolf lag in meinen Armen. Was diese Aktion von diesem Müller sollte, wusste ich auch nicht. Ich starrte auf Lucca, der friedlich auf seinem Bett zu schlafen schien.

Nur seine Hand zuckte ab und zu unkontrolliert. Ich nahm seine Hand und augenblicklich wurde sie ruhiger. Rolf war eingeschlafen vor Erschöpfung. Sicherlich hingen ihm auch noch die Beruhigungsspritzen nach.

So saß ich auf meinem Stuhl, hatte Rolf im Arm und Lucca an der Hand. Das Wort ‚kleine Familie’ kam mir plötzlich in den Sinn. Die letzten Jahre war der Zoo meine Familie. Aber seit ich Rolf näher kannte, war der Wunsch, mit Jemanden zusammen zu leben, größer denn je.

Einzig das Gerede, das mir eigentlich egal sein sollte, störte mich. Ein Indiz, wofür Lucca hatte herhalten müssen, das Gerede der Leute. Mein Privatleben ging niemand etwas an. Doch jeder wusste alles besser.

Ich küsste Rolf auf die Stirn, der sich bewegte.

„Na, wieder wach?“, fragte ich.

Rolf streckte sich.

„Wenn man das wach nennen kann. Ist Lucca wieder aufgewacht?“

„Nein, er schläft tief und fest.“

Rolf lehnte sich wieder in meinen Arm zurück. Er wollte ansetzen, aber ich fiel ihm ins Wort.

„Keine Selbstvorwürfe…! Das bringt weder dir noch Lucca was!“

Rolf atmete wieder aus und sagte nichts.

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